Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Fürst Lahovary von Georges Manolescu - Astrolibrium

Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wer möchte der Nachwelt schon als Glücksspieler, Hoteldieb, Heiratsschwindler und Hochstapler in Erinnerung bleiben? Wer schreibt freiwillig seine Memoiren, um seinen Ruf als notorischer Krimineller zu untermauern und wer geht gar so weit, sich in seinen Lebenserinnerungen für verrückt zu erklären? Wer schreibt schon gerne, er sei auf fast allen Kontinenten der Erde in Haftanstalten gewesen, habe bei Zwangsarbeit in unwürdigsten Lebensumständen endlos am Rad gedreht und sei in Einzelhaft vom Rest der Welt isoliert worden, um diese vor ihm und seinen betrügerischen Machenschaften zu schützen? Sicher nur ein Mann, dem am Ende eines facettenreichen Schaffens nur dieser Weg bleibt, um seinen weltweiten Ruf als „König der Diebe“ zu untermauern und aus dieser Situation erneut Profit zu schlagen.

Die Rede ist hier von Georges Manolescu, der die Welt von 1890 bis 1908 in Atem hielt. Man kann ihn mit gutem Gewissen als Archetyp des Hochstaplers bezeichnen, als Blaupause für spätere reale und literarische Nachfolger, die eines gemeinsam zu haben scheinen: Mehr scheinen als sein. Das war die Devise, mit der sich Devisen beschaffen ließen. Das war die Maxime für maximalen Erfolg bei eigener Mittellosigkeit. Das ist das Motto, unter dem sich als Lebemann leben ließ, solange man Opfer fand, die sich in die Rolle fügten. Und wer sich dann am Ende seiner fragwürdigen Karriere, erneut mittellos nach Alternativen umschaut, der beginnt zu schreiben. Georges Manolescu entschloss sich 1905 zu diesem Schritt und sein Roman, der eigentlich alles war, nur das nicht, hat unter dem Titel „Der König der Diebe“ dafür gesorgt, dass es kurzzeitig mit ihm wieder aufwärts ging. Unter der Überschrift „Gescheitert“ folgte schon bald seine Fortsetzung, in der er öffentlich mit seinem Seelenleben kokettierte.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Der Manesse Verlag hat nun beide Bücher in einem Prachtband vereint. Erstmals originalgetreu wiedergegeben erleben wir nun seit mehr als hundert Jahren einen mehr als tiefen Einblick in die Psychologie eines Kriminellen, der die Adelsgläubikeit der Zeit zu seinem wichtigsten Instrument machte. Dabei könnte das Buch Fürst Lahovary – Mein abenteuerliches Leben als Hochstapler so viele andere Titel haben. Allesamt vom Betrüger selbst verwendete Titel aus frei erfundenen Adelshäusern. Marchese da Passano, Herzog von Otranto, Prinz von Padua oder Graf Festetisch. Namen, die sich wie leuchtende Spuren durch die Kriminalgeschichte Europas zogen. Und Namen, die verzweifelte getäuschte Möchtegern-Ehefrauen, Juweliere, Bankiers, Beraubte und Betrogene die Nerven und ihr Vermögen verlieren ließen. Aus dem Nichts einer kleinen rumänischen Provinz erhob sich Fürst Lahovary zu einem Society-Schreckgespenst seiner Zeit.

Standesgemäß kommt auch das Buch daher. Noblesse obliege, könnte man sagen. In edlem schwarz-goldenen Tönen strahlt das Cover aristokratische Würde aus. Sogar eine Krone irgendeines erfundenen Adelsgeschlechts ziert das Äußere und vermittelt in aller Deutlichkeit das royale Metier, in dem hier agiert wird. Damit nicht genug. Hat man den Schutzumschlag entfernt, liegt ein echter Goldjunge von Buch in den Händen der Leserschaft. Schnell jedoch wird klar, dass sich hier das Motto des Hochstaplers „mehr Schein als Sein“ auf keinen Fall widerspiegelt. Dieser Roman in der heutigen Fassung ist sicher kein Hochstapler oder Angeber. Er ist lesenswert und mit gehörigem Abstand zur Zeit seiner Entstehung extrem aufschlussreich, weil sich die Muster eines Handelns bis weit in unsere Gegenwart wiedererkennen lassen.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Wenn man jenem Georges Manolescu eine gewisse Methodenkompetenz für den Berufszweig der Hochstapler zubilligt und ihn als Vorreiter eines kriminellen Metiers anerkennt, dann kommt man nicht umhin, seine Spuren auch in der Weltliteratur sehen und fühlen zu können. „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann muss man als literaturhistorisches Denkmal betrachten, weil Manolescu nicht nur Inspirationsquelle, sondern greifbares Vorbild einer Jahrhunderterzählung war. So weit hat es der Hochstapler also geschafft. Immerhin. Was jedoch macht seinen Originaltext heute noch lesenswert? Es sind viele Aspekte, die mich durch diese Geschichte jagten, wie auf einem Parforceritt an der Seite eines sympathischen Betrügers, dessen Leben selbst einem Husarenritt glich.

Manolescu schreibt dabei authentisch und eher schlicht. Nur so gelingt es ihm, in seiner Geschichte einen Sog entstehen zu lassen, der uns dazu zwingt, ihm von Stadt zu Stadt, von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent zu folgen. Es ist rasant zu erlesen, wie leicht es ihm fiel, Fremde zu überzeugen, Lügengeschichten aufzutischen und immer wieder durch Diebstahl und Betrug zu Geld zu kommen. Ebenso rasant ist sein Totalverlust, wenn er mal wieder irgendwo von der Polizei aufgegriffen, in flagranti erwischt und verurteilt wird. Zwangsarbeit, Isolationshaft und harte Bestrafungen härten ihn dabei jedoch nur für die Zukunft ab und lassen Pläne entstehen, die ihn zeitlebens vor erneuten Strafen beschützen sollen. Aus dem Nichts zum Besitzer von Gestüt und Fuhrpark, vom armen Jungen zum Arbeitgeber von Pagen und Bediensteten, ein Weg, der schon ein wenig Respekt einflößt. Man darf sich nur nicht die Opfer anschauen.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Der Mitgiftjäger mutiert zum Getriebenen der Gesellschaft. Aufenthaltsorte müssen ständig wechseln, Beziehungen sind nicht auf Dauer angelegt, und wenn doch, dann ist es die regionale Justiz, die dem Treiben ein Ende bereitet. Kaltblütigkeit beim Raub und Hartherzigkeit in Herzensdingen zeichnen ihn aus. All dies erzählt er von sich selbst, all dies gesteht er in seinen Memoiren ein und angesichts dieses Lebensgeständnisses ist es doch möglich, das gewiefte Schlitzohr zu mögen. Seine Hochstapelei ist Lebenslüge und Fluchtpunkt zugleich. Das Psychogramm dieses Täters könnte nicht auffälliger und eindeutiger ausfallen. Was bringt uns das Lesen dieses Buches heute? Wer sich noch schnell auf die Suche nach ein paar Hochstaplertricks macht, der sei gewarnt. Hier ist methodisch nichts mehr auf unsere Zeit anzuwenden. Ausweispapiere, Reisepässe im Zeitalter international vernetzter Polizeien machen die Vorgehensweise obsolet.

Psychologisch offenbart uns Manolescu jedoch Verhaltensmuster, die auch heute noch Bestand haben, wenn es um die großen Betrugsfälle geht. Der Schein heiligt die Mittel. War immer so und wird wohl auch immer so bleiben. Kleider machen Leute und wer auf großem Fuß, dem nimmt man seine Leichtfüßigkeit ab. Blenden gehört hier zu einem fatalen Handwerk, das immer noch goldenen Boden hat. Das kritische Nachwort von Thomas Sprecher ordnet diesen Text sehr gut in die Zeit und die Kulturgeschichte ein. Von Thomas Mann bis zu kriminellen Nachahmern reicht der Bogen, den er spannt und einer klaren Bewertung unterzieht. Es gelingt ihm, der Kunstform des Hochstapelns den Charme des Bagatelldelikts zu nehmen. Ebenso vermag er, die Bedeutung dieses Stoffes als literarisches Sujet herauszustellen. So Lesenswert, wie das gesamte Buch.

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Fürst Lahovary von Georges Manolescu

Das Leben von Georges Manolescu wurde verfilmt, in vielen Büchern zitiert und in den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod im Jahre 1908 zunehmend glorifiziert. Man kann sich im Buch „Fürst Lahovary„, das für den Autor selbst mehr Dokument, denn ein Roman sein sollte, selbst ein Urteil über den Menschen machen, der hier eigentlich keine Lebensbeichte ablegt. Sein dramatischer Niedergang vom König der Diebe bis hin zum Gescheiterten ist schillernd, aufreibend und abenteuerlich. Es sind aber die Phasen in den Gefängnissen, die Monate und Jahre der Haft, die dem Lesenden noch lange im Gedächtnis bleiben, weil sie zeigen, wie allmächtig die Lebenslüge sein kann.

Ich kann euch dieses Buch wärmstens empfehlen. Es ist alles dabei, was das Herz begehrt. Und nicht zuletzt handelt es sich um ein Schmuckstück, das einer Bibliothek mehr als gut zu Gesicht steht. Es ist mein „Goldenes Buch“ – wehe, jemand versucht, sich darin einzutragen.

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Die AENEIS von Vergil [Hörspiel]

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie und Trauer mit der gefallenen Stadt Troja. Und doch wollte es mir lange nicht gelingen, mich dieser umkämpften Festung so zu nähern, wie es die alten Geschichtenschreiber so gerne gesehen hätten. Es dauerte lange, bis ich „Die Odyssee“ von Homer in mein Lesen einfließen ließ. Er erzählt von der Heimkehr der Eroberer und den ewig anmutenden Reisen und Abenteuern, bis es ihnen gelingt, die Heimat zu erreichen. Nur, um festzustellen, dass sie ebenso belagert ist, wie jenes Troja, das sie in Brand gesteckt hatten.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Ich näherte mich „Circe“ an, deren Geschichte mit der des Odysseus verwoben und verbunden ist, wie untrennbare Handlungsfäden einer epochalen Erzählung. Ich las die modernisierte Fassung der „Ilias“ aus der Feder von Alessandro Baricco, in der uns vor Augen geführt wurde, wie die Geschichte von Achill verlaufen wäre, hätte es keine Götter gegeben, die hier ihre Ränke schmieden konnten. Ob Homer die Anverwandlung seines Epos gemocht hätte? Man wird es nicht erfahren. So sprach Achill jedenfalls gelang, was den Klassikern der Mythologie kaum noch gelingt. Baricco las die gottlose Fassung auf großer Bühne und fesselte mehr als 10000 Leser. Was mir jetzt noch in meiner Bibliothek fehlte, war der andere Blick auf Troja. Die Perspektive der Verlierer, die ihre Heimat verließen, um in der Fremde eine neue Stadt aufzubauen. Vergil und sein Heldenepos des Aeneas fehlte mir noch. Die „Aeneis“

Als ich jedoch die ersten Seiten der Aeneis zu lesen begann, stellte ich fest, dass ich überfordert war. Ich fand zwar zu Beginn des zweiten Gesangs des Epos das Zitat, an das ich mich aus Tania Blixens Afrika-Abgesang so gut erinnerte. Aeneas berichtet vom Untergang Trojas, von jenem seltsamen hölzernen Pferd und von den griechischen Kämpfern, die in ihm verborgen waren und von den Mahnungen der Götter, er, Aeneas solle mit seinen Getreuen fliehen und die Götterbilder Trojas in Sicherheit bringen. Im Folgenden jedoch verlor ich mehr und mehr den Faden. Nicht mehr zeitgemäß erzählt und für mich nur noch schwer zugänglich. Dem Zitat jedoch wollte ich weiter folgen.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Königin, ach, du heißt mich unsäglichen
Schmerz zu erneuern“

Ich gab die Suche nicht auf und wurde für mein Warten belohnt. Die „Aeneis“ als Hörspielinszenierung des SWR auf drei CDs mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 21 Minuten von Der Audio Verlag weckte mein Interesse. Das klang nach authentischer und doch moderner Umsetzung auf der Grundlage des Originaltextes von Vergil. Das hörte sich an, wie ein zeitgemäßes und ganz für mich gemachtes Hörspiel mit großer Besetzung und akustischer Untermalung. Klassiker auf diese Weise wieder zugänglich zu machen, scheint eine Mission der Hörbuchschmiede zu sein. „Homers Odyssee“ klang ebenso ambitioniert und katapultierte seine Zuhörer mit voller Wucht in eine Welt der Helden, Mythen und Götter. Ich habe mir viel erhofft, setzte die Kopfhörer auf und floh mit Aeneas und den Seinen aus den brennenden Trümmern von Troja.

Es ist nicht nur das große Stimmorchester, das hier zu brillieren weiß. Es handelt sich bei dieser Produktion um eine wahrlich moderne Adaptierung des Vergil-Originals, jedoch so harmonisch in unser Sprachgefühl transferiert, dass man der Handlung blind folgen kann. Der Wiedererkennungsgrad der Stimmen sorgt für unverwechselbare und Gänsehaut erzeugende Hörerlebnisse. Besonders Joachim Nottke in seiner Rolle als Aeneas weiß zu überzeugen. Emotionalität und Karisma, Götterglaube, Heldenmut und Pathos verleihen seiner Stimme in jeder Nuance der Produktion die Authentizität, ohne die man einem Helden nicht Gefolgschaft schwören würde. Das gesamte Ensemble in dieser Inszenierung hält das von der Titelrolle vorgelebte Niveau und macht uns zu treu ergebenen Gefährten. Eine Odyssee ohne Heimathafen. Eine wahre Flucht beginnt im Sinne der Götter, die alles lenken und manipulieren. Eigener Spielraum? Fehlanzeige.

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Dem Hörspiel gelingen viele Dinge gleichzeitig. Es saugt seine Zuhörer tief in einen Sog einer mythologisch basierten Legende ein, ohne diese zu überfrachten. Stimmen, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, erhalten eine unglaublich aktuelle Relevanz. Hier wird aus der Göttin des Gerüchts „Fama“ eine eigene Fakenews-Instanz. Was sie den Menschen einflüstert, ändert den Verlauf der Geschichte. Anfangs ist die Stimme klein, doch wenn sie sich rasend schnell fortbewegt, schwillt sie zu einer riesenhaften Größe an und füllt jeden Raum zwischen Himmel und Erde aus.  Die Reise der Getreuen führt nach Karthago und Sizilien, bevor das prophezeite Ziel der Götter erreicht wird. Rom ist die Stadt, die Aeneas gründet. Der Grundstein eines Weltreichs, das alle vernichtet, die ihm zuvor Zuflucht gewährt hatten. Karthago weiß ein Lied davon zu singen.

Die absoluten Höhepunkte dieser Produktion sind so gut geraten, dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Die Trojanischen Spiele, die Aeneas in Sizilien veranstaltet, um die Moral seiner Gefolgsleute zu heben, werden im Hörspiel in Szene gesetzt, wie in einem Livestream der Olympischen Spiele. Hier wird aus einem klassischen Mythos ein Sportevent. Spannender wurde kein Wimbledon-Endspiel übertragen. Ruderwettkämpfe und Reiterspiele, Bogenschießen und Faustkampf erinnern an Sportkommentatoren im Fernsehen. Grandios. Der Selbstmord der Königin von Karthago jedoch gehört zu den wohl emotionalsten Teilen des Epos. Dido, gesprochen von Christine Davis, kann den Geliebten Aeneas nicht halten und opfert sich auf dem Scheiterhaufen. Dass man sich im Reich des Todes erneut begegnen wird, scheint hier von den Göttern schon längst vorbestimmt zu sein. Tragisch schön… Schicksalhaft dramatisch.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Klassische Mythologie im neuen Gewand. Unverfälscht authentisch, unverkennbar im Stile des großen Vergil und doch so verständlich und modern präsentiert, dass sich die Tore der Erkenntnis schnell öffnen und offen bleiben. Erkenntnisreich war meine Reise an der Seite von Aeneas. Viele Kreise haben sich geschlossen. Ich verstehe jetzt umso mehr, warum sich Tania Blixen dem antiken Helden Aeneas so verbunden fühlte. Auch sie hatte man verraten, betrogen, aus der Wahlheimat Afrika vertrieben und verstoßen. Welche Stadt sie in Dänemark gründen sollte, war ihr ein großes Rätsel. Es gelang ihr mit ihren Büchern. „Jenseits von Afrika“ ist ihr Rom. Von hier aus eroberte Tania die Welt. Das ist kein Mythos… 

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman - Astrolibrium

Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Oh Captain, mein Captain
Die schwere Fahrt ist aus
Das Schiff hat jedem Sturm getrotzt
Nun kehren wir stolz nach Haus
Der Hafen grüßt mit Glockenschall
Und tausend Freudenschreien
Vor aller Augen rauschen wir auf sichrem Kiel herein

Walt Whitman

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Spätestens seit dem Film „Der Club der toten Dichter“ mit Robin Williams kennen wir diese Zeilen. Spätestens seit der bewegenden Ehrerweisung der Schüler für ihren Englischlehrer John Keating haben sich die Worte „Oh Captain, mein Captain“ fest im Gedächtnis eingebrannt. Und auf diese sehr indirekte Art und Weise hat bei vielen von uns auch der Dichter Einzug gehalten, der diese Zeilen zum Tod seines Präsidenten im Jahr 1865 verfasste. Walt Whitman gedachte mit seinem berühmten Gedicht Abraham Lincoln. Nutzloses Wissen? Nicht ganz. Immerhin hat man von Whitman gehört und im Internet eines der grandiosen Porträts entdeckt, die ihn unverwechselbar machten. Ein Denker, wie er im Buche steht, blickt uns abenteuerlustig und gütig zugleich an…

Er gilt als einer der größten Lyriker seiner Zeit. Er war Journalist, Schriftsteller und literarischer Tausendsassa. Sein Hauptwerk „Grashalme“ machte seine Gedichte auf der ganzen Welt bekannt. Er polarisierte, schrieb Gedichte, die sittenwidrig erschienen, er brachte aktuelle gesellschaftliche Themen auf den Punkt und verlieh seinem Land in schwierigen Zeiten eine neue sprachliche Identität. „Er war Amerika“. Ein Prädikat, an dem man auch heute noch die Wertschätzung gegenüber Walt Whitman ablesen kann. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit seinen Texten und galt schon zu Lebzeiten als führender Intellektueller in den Vereinigten Staaten. Er inspirierte Schriftsteller, die sich gerne auf ihn beriefen, wenn sie nach der Quelle ihrer Leidenschaft gefragt wurden.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Charles Dickens und Walt Whitman muss man hier in einem Atemzug nennen. Im 19. Jahrhundert haben sie die englischsprachige Literaturwelt extrem geprägt. Beide im tiefsten Herzen wilde Romantiker, beide rastlos auf der Suche nach den richtig großen Geschichten und doch waren beide auf so verschiedenen Pfaden unterwegs. Was sich uns allerdings heute nicht ganz erschließt, ist die facettenreiche Vita Walt Whitmans. Er wusste zu verbergen, was er verheimlichen wollte. Er klammerte aus, was er verbergen wollte. Sein Vagabundenleben, viele gescheiterte Versuche, Fuß zu fassen und eine in jeder Beziehung schwierige Kindheit und Jugend. Autobiografisch ist da wenig zu holen und aus seinen Gedichten auch noch die Vergangenheit herauszufiltern fällt schwer.

In recht unbedeutenden Tageszeitungen veröffentlichte er zu Beginn seiner Karriere einige anonyme Fortsetzungsromane. Sie verschwanden schnell und wurden selten mit ihm in Verbindung gebracht. Umso erstaunlicher ist es, nun zu seinem 200 Geburtstag einen Roman in Händen zu halten, der Walt Whitman einwandfrei zugeordnet werden kann. 1852 in der Sunday Dispatch als Episodenroman erschienen, war „Leben und Abenteuer von Jack Engle“ mehr als 150 Jahre lang verschollen. Jürgen Brôcan ist nicht nur der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Buches. Er ist die Stimme von Walt Whitman. Er übertrug 2009 erstmals die „Grasblätter“ in vollem Umfang ins Deutsche. Er weiß, worüber er schreibt, wenn er Anmerkungen zu Texten verfasst und er vermag den typischen Stil Whitmans, den man aus Gedichten zu kennen glaubt, im Roman wiederzubeleben.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Doch lohnt sich die Lektüre? Ist es ein Fragment oder eine gute Story? Und blieb Whitman aus gutem Grund später bei seinen Gedichten? Fragen, die in meinem Geist umherirrten und denen ich auf den Grund gehen wollte. Zunächst hatte ich das Gefühl, eine wahre Liebeserklärung an New York lesen zu dürfen. Fast hätte ich geschrieben, dass Walt Whitman im Stile der großen Klassiker erzählt. Er ist ja einer und das merkt man auch. Atmosphärisch dicht, wundervoll altmodisch formuliert und ausgeschmückt, als gelte es, eine Häuserwüste in schillernde Farben einzukleiden. Nach diesem Gefühl stellte sich Wohlbehagen ein, weil auch die Story selbst in ihrem Mix aus Romantik und Krimi durchaus erzählens- und damit auch lesenswert ist.

Als mir dann auch noch Jack Engle ans Herz wuchs, war es um mich geschehen. Als Waisenkind fast dem Untergang geweiht, stößt er auf liebevolle Menschen, die ihm ein Zuhause und eine Perspektive bieten. Selbstlos und ohne Hintergedanken machen sie aus dem Vagabunden einen aufstrebenden jungen Mann, der bei einem Anwalt in die Lehre geht. Was für ein Weg. Auf der Schwelle zur Kriminalität abgefangen und im Büro eines Rechtsanwalts zum rechtschaffenen Menschen zu werden. Hier spart Jack Engle nicht, ein lautes Loblied auf die Menschen anzustimmen, die ihm das ermöglicht haben. Aus seiner Sicht, mit seiner Stimme erzählt, ziehen wir los und tauchen im Big Apple des Jahres 1850 ein. Es pulsiert, vibriert an allen Ecken und Enden. Eine Boom-Town, der Walt Whitman hier ein Denkmal setzt.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Wäre doch nur alles so gerecht, wie es den Anschein hat. Jack Engle bemerkt sehr schnell, dass es der Anwalt, bei dem er in der Lehre ist, faustdick hinter den Ohren hat. Hier werden die Wege junger Menschen zusammengeführt, die so typisch für ihre Zeit sind. Die junge Quäkerin Martha, der Botenjunge Nathaniel und die verführerische und heißblütige Tänzerin Inez. Während Jack und Martha erste zarte Gefühle füreinander empfinden, beginnen sie auch ihre Geschichten zu teilen. Aus diesem Teilen wird eine Gemeinsamkeit, die völlig unerwartet das Leben aller Beteiligten verändert. Wer gehört zu den Opfern des Anwalts, wem hat er sein Erbe unterschlagen und wie kann man es zurückgewinnen. Spannung gepaart mit Romantik und Lokalkolorit werden zum wahren Leseerlebnis.

Und ganz nebenbei schließen sich ein paar Wissenslücken zum Autor selbst. Der Vagabund findet seine Bestimmung. Aus dem Rohmaterial ungeschliffener Worte wird ein Wortmagier, der mit wenig Text viel mehr als einen ganzen Roman erzählen konnte und stilsicher zur Ikone wurde. Hier lohnen sich die fragmentarischen Texte im Anhang, die dieses Buch bereichern, das Nachwort des Herausgebers und seine Anmerkungen zum Text des Romans selbst. Literaturwissenschaft kann Lesespaß bedeuten. Und die Tür zu Gedichten aufstoßen, die man bisher nur aus der Ferne wahrgenommen hat. Es lockt mich inzwischen auf die große Wiese. Ich bin neugierig auf die „Grasblätter“. Ich werde sie irgendwann pflücken. Garantiert.

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Leben und Abenteuer von Jack Engle von Walt Whitman

Herzlich willkommen in meinem literarischen New York. Von Brooklyn bis zu Satin Island. Hier geht´s lang

Walt Whitman – „Leben und Abenteuer von Jack Engle / dtv / Herausgegeben und übersetzt von Jürgen Brôcan / 224 Seiten / gebunden / 22 Euro /

„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

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