„Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson - Astrolibrium

Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Wenn man Leser nach ihren Lieblingsbüchern fragt und wenn man wissen möchte, welcher Klassiker der Literaturgeschichte ihr Leben geprägt hat und welches Buch man unbedingt kennen sollte, dann hört man sehr oft „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson. Der grandiose schottische Autor hat mit Sam Hawkins, Long John Silver oder Billy Bones nicht nur legendäre Charaktere geschaffen, um die er von wohl allen Autoren beneidet wird, ihm gelang auch mit der reinen Geschichte ein großer Wurf ins Herz einer abenteuerlustigen Leserschaft. Auch ich bin bekennender Stevenson-Leser und Liebhaber.

Ich entdeckte mit ihm „Das Licht der Flüsse“, suchte mir ausreichend Platz in einem der beiden Segelkanus Cigarette und Arethusa und ließ mich im Jahr 1876 gemeinsam mit dem noch unbekannten Schriftsteller von Antwerpen bis fast nach Paris treiben. Ich geriet an seiner Seite in Kriegsgefangenschaft und wurde in Edinburgh eingekerkert. In der uneinnehmbaren Festung der Stadt lernte ich den französischen Adeligen „St. Ives“ kennen, gefangen nicht nur in Konflikten zwischen neuer Liebe und ererbtem Reichtum, sondern eben auch Gefangener. Grandios, ihm zur Flucht zu verhelfen. Und zuletzt bin ich recht zwiegespalten einem Mann durchs nächtliche London gefolgt, der als Prototyp einer gespaltenen Persönlichkeit Geschichte schrieb. „Doktor Jekyll und Mister Hyde“ gilt auch heute noch als einer der ganz großen Grusel-Klassiker aus der Feder von R.L. Stevenson.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Vieles gilt es auch heute noch zu entdecken. Erzählungen und Kurzgeschichten von Stevenson sind oftmals so schmal angelegt, dass sie trotz ihrer literarischen Qualität in eigenständigen Büchern kaum Veröffentlichung finden. Einige seiner Novellen gehören für mich jedoch unabdingbar ins Bücherregal einer Leserschaft, die leidenschaftlich und unaufhörlich auf der Suche nach klassischen Raritäten ist. Der Mare Verlag versucht nun, genau diesen „kleinen“ Großen besonderes Augenmerk zu verleihen. Es sind hier nicht nur die rein inhaltlichen Aspekte, die eine neue Klassiker-Reihe kennzeichnen. Es ist auch das besondere Layout, mit dem sie auf dem Buchmarkt eine literarische Lücke schließen. Es ist das besondere Format, das diese neuen „Kleinen“ auszeichnet. 10 x 16 cm. Das sind die neuen Zaubermaße. Taschenformat. 160 Seiten. Großzügig in der Schriftgröße und dadurch unterwegs hervorragend lesbar und darüber hinaus in einer Ausstattung, die dem Inhalt gerecht wird. Ein bibliophiles Kleinod. Beispiel gefällig?

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Der Pavillon in den Dünen“ von Robert Louis Stevenson

Ein hochwertiger Leineneinband mit einem Gemälde von Edward Hopper, ein eher dünner, jedoch augenfälliger Schuber und ein farblich gut abgestimmtes Lesebändchen heben das Buch von der Konkurrenz im Bereich der kleinformatigen Ausgaben deutlich ab. Sie eignen sich hervorragend als Geschenk für Büchersammler, dienen Liebhabern klassischer Literatur als sinnvolle Erweiterung ihrer Bibliotheken um Texte, die bisher in Anthologien zu finden waren. Und nicht zuletzt beinhalten sie ausgesprochen gediegen gestalteten und inhaltlich brillanten Lesestoff. Eine kleine hochwertige Privatsammlung könnte man so entstehen lassen. Neben Stevenson ist bald auch August Strindbergs Der romantische Küster auf Rånö“ erhältlich. Und weitere Titel sind in Planung. Mir jedoch hat es der „Pavillon in den Dünen“ mehr als angetan. Eine frische Novelle, die für Stevenson den literarischen Durchbruch bedeutete.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

So schrieb zum Beispiel Sir Arthut Conan Doyle:

„… Ich werde mich stets des Vergnügens erinnern, mit welchem ich seine frühen Geschichten im Cornhill Magazine las… Noch heute halte ich den Pavillon in den Dünen für eine der bedeutendsten Kurzgeschichten der Welt!“

1879 als eines seiner frühen Werke entstanden, offenbart die kleine Geschichte viel von dem schlummernden Talent eines Schriftstellers der später durch widersprüchliche Charaktere und facettenreiche Settings zu Weltruhm gelangte. Dabei handelt es sicher nicht um eine Fingerübung, denn die Veröffentlichung im Cornhill Magazine gehörte zu einer der ersten magischen Hürden, die es erfolgreich zu meistern galt, um in Rufweite des literarischen Olymps zu gelangen. Dafür musste er nur einen Pavillon an der rauen Nordseeküste Schottlands erfinden, in dem sich Geheimnisvolles ereignet. Hier beginnt eine maritim angehauchte und stürmisch, tragische Liebesgeschichte zugleich, in deren Verlauf selbst eine als Kurzgeschichte angelegte Novelle richtig Fahrt aufnimmt.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Worum es in der Novelle geht? Ganz einfach. Um den ältesten aller Konflikte, den ein Mann mit sich selbst auszumachen hat. Es geht um die Entscheidung, ob man sein hart erkämpftes autonomes Leben weiterführt, oder ob es ein moralisches Niveau gibt, dem man selbstlos alles unterordnet, was man bisher erreicht hat. Frank Cassilis hat alles, was er braucht. Ein entspanntes Vagabundenleben treibt ihn durch die Lande und um das liebe Geld muss er sich keine Sorgen machen. Ein akademischer Lonesome-Rider. Alles endet am Pavillon, einem abgelegenen Landhaus auf den Dünen im schottischen Graden Easter. Hier trifft er auf die junge Clara Huddlestone, die ihren betrügerischen Vater durch das Ja-Wort mit seinem Komplizen freikaufen soll. Nur über die Leiche von Cassilis. Das beschließt er, nachdem er sich in das Mädchen verliebt hat und steht ihr und ihrem Vater gegen die anstürmenden Geldeintreiber bei. Hier wird der Pavillon zur Festung und der Vagabund zum Beschützer einer jungen Frau in Not.

Überraschend endet die Geschichte nicht. Vorhersehbar ist vieles. Allein schon, weil der aufrechte Akademiker Cassilis in der Rückschau auf die Ereignisse von seiner Frau Clara redet. So liegt schon in der Struktur der Novelle ihr Reiz verborgen. Obwohl man weiß, dass Clara und Cassilis zusammenfinden, muss man einfach weiterlesen, wie es passiert ist. Romantik, Mut, Kampf, Verlust und Loyalität sind die Parameter, an denen sich die Charaktere messen lassen müssen. Und dies vor dem maritimen, urwüchsigen Hintergrund der schottischen Landschaft an der Nordseeküste. Stevenson holt nicht zu weit aus. Er kommt auf den Punkt und erzählt extrem strukturiert. „Der Pavillon in den Dünen“ ist sicher kein Jahrhundertwerk, aber es ist der Fingerzeig des Talents, das im späteren Schreiben zur Legende wurde. Und lesenswert ist diese Novelle allemal. Hier gehen der Inhalt und das Buchdesign Hand in Hand mit uns ins Feuer. Denn, genauso wie die Liebe, entbrennt hier der Pavillon. Was für ein schönes Bild. Was für ein feines, kleines, edles Buch. Und was für ein gelungenes Nachwort aus der Feder von Lucien Deprijck. Ihm gelingt es, dieses kleine Werk in den Kontext des Lebens von Stevenson einzubetten und Verbindungslinien zwischen der fiktionalen Clara Huddlestone und der Frau zu ziehen, in die Stevenson selbst unsterblich verliebt war. Fanny Osbourne, die zukünftige Mrs. Stevenson. Bewegend.

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Der Pavillon in den Dünen von R.L. Stevenson

Ich berichte weiter, was in der Klassiker-Reihe des Mare Verlages auf uns zukommt. Fanny Stevenson schrieb sich ihre Liebe im Tagebuch „Südseejahre“ von der Seele. Es juckt mich gerade in den Fingern, ihr lesend zu folgen. Wer weiß, wohin mich meine bibliophile Neugier noch treibt…

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„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

Mehr zu der MinaLima Bibliothek der Jugendbuchklassiker auf AstroLibrium.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Die MinaLima Bibliothek bei AstroLibrium

„Doktor Jekyll und Mister Hyde“ illustriert von Sébastien Mourrain

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Oh nein, er schrieb nicht nur Die Schatzinsel. Robert Louis Stevenson blieb uns zwar hauptsächlich mit seinen legendären Romanfiguren Sam Hawkins und Captain Flint in Erinnerung, weil sie den Weg aus einem echten Klassiker in die Jugendliteratur unserer Zeit problemlos überwunden haben und so einem breiten Publikum das Lesen versüßt haben. Ein Sprung, der aus literarischer Sicht gewaltig ist und keineswegs mit jedem Romanstoff gelingen kann. Was mit Treasure Island gelang, könnte ja vielleicht auch mit einem anderen Roman aus Stevensons Feder gelingen, selbst wenn es dabei um einen der ganz großen psychologischen Gruselklassiker in der Literatur geht. Denn er schrieb nicht nur „Die Schatzinsel“…

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist das wohl meistverfilmte Buch aus der Feder des großen Schriftstellers. Denkt man an Horror-Literatur, dann hat man sehr schnell Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder den guten alten Frankenstein im Sinn. Hier ist Stevenson absolut bahnbrechend gewesen, indem er Gut und Böse in einer Person vereint und sowohl sympathische als auch dunkle Seiten voneinander losgelöst auf den Leser einwirken lässt. Ohne diesen Roman gäbe es wohl einige legendäre Bösewichte der Film- und Literaturgeschichte nicht. Auch einigen Superhelden hat R.L. Stevenson so den Weg geebnet. Two-in-One, vielleicht ein Genre, das man nach ihm benennen müsste. Denken wir nur an Batman, Superman, Hulk, Spiderman oder Die Maske.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Und nun schickt sich der für sehr edle Kinderbücher bekannte Bohem Verlag an, den Gruselklassiker über eine künstlich herbeigeführte Persönlichkeitsspaltung in neue Dimensionen vorstoßen zu lassen. So erblickt in diesen Tagen „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ als Bilderbuch mit Illustrationen von Sébastien Mourrain das Licht der Bücherwelt. Großformatig kommt es daher, verziert mit einem Eyecatcher auf dem Cover, das zugleich die gute und dunkle Seite im Wesen eines Schmetterlings zeigt. Eine gelungene Metapher, in der die Schönheit erst sichtbar wird, wenn am Ende der Verpuppung ein neues Geschöpf aus der Raupe entsteht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Aber nicht nur in seiner Aufmachung überzeugt dieses literarische Wagnis. Auch inhaltlich und sprachlich gelingt ein absoluter Kunstgriff. Die verkürzte Übertragung des originalen Textes in der verknappten und umso authentischer wirkenden Übersetzung von Nils Aulike wirkt beinahe so, als hätte Robert Louis Stevenson den Extrakt seines Klassikers selbst in diese Kurzfassung gebracht. Im Vergleich mit dem kompletten Text kann man nur den Hut ziehen, weil hier einerseits ein Roman in vereinfachter Form und dabei doch unverfälscht in seiner Melodie einem größeren Publikum geöffnet wird. Hier kann man sich selbst auf Stand bringen, wenn man das komplette Werk nicht gelesen hat und darüber hinaus kann man es mit Jugendlichen erschließen, die es vielleicht aus eigenem Antrieb niemals lesen würden. Ein „Klassiker-to-Go“ sozusagen.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sébastien Mourrain

Genau diese gemeinsame Auseinandersetzung kann zeitlos Wunder bewirken, da dieser Romanstoff niemals an Relevanz verloren hat. Gute und böse Seiten im Wesen eines Menschen voneinander zu trennen ist unmöglich. Sie bedingen einander und wir befinden uns im ewigen Kampf um die innere Balance. Dass es Dr. Jekyll nur mit einer Droge gelingt, das Böse zu separieren ist ein komplexer Denkansatz, wie auch wir den modernen Drogen von heute zum Opfer fallen können. Die Novelle von Stevenson hält auch heute noch viele Überraschungen für uns bereit. Die Zeichnungen von Mourrain untermalen diese geniale Neufassung in einer eigenen, sehr atmosphärischen Dichte. Ja, es gruselt schon deutlich, das muss man zugeben, aber unsere heutige Jugend ist aus einem anderen Schrot und Korn, wenn es um Gänsehautfaktoren geht.

Doktor Jekyll und Mister Hyde Robert Louis Stevenson und Sebastien Mourrain

Stevenson wäre stolz auf dieses Buch. Es verkünstelt den Roman nicht, interpretiert nicht mehr in die Geschichte hinein, als es statthaft ist und lässt unausgesprochen, was der große Schriftsteller damals auch unbeschrieben ließ. Was hat Mr. Hyde auf seinen nächtlichen Streifzügen angestellt? Wie hat sich das Böse Bahn gebrochen? Das blieb unserer Fantasie überlassen und so bleibt es auch in diesem Bilderbuch. Lehrreich in seiner Botschaft, geschlossen und authentisch im Stil und atmosphärisch dunkel in der Gestaltung – Einfach klasse, wie man einem Klassiker neues Leben einhauchen kann.

Bilderbücher. Eine ganz eigene Galaxie im Visier der kleinen literarischen Sternwarte.

Vernunft und Gefühl – Jane Austen – 200 Jahre postmortem

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Der erste Schritt eines Menschen auf dem Mond war ein Triumph des Verstandes, jedoch eine Niederlage der Vernunft. Womit explizit unterschieden wird, zu welchen Leistungen der menschliche Geist in der Lage ist, wenn es gilt Ziele zu erreichen, was jedoch nicht heißt, dass es sich hier um sinnvolle Ziele handelt. Verstand und Vernunft sind so unterschiedlich wie Katze und Maus, was auch erklärt, warum man sich zuerst mit diesen Begriffen beschäftigen muss, bevor man Jane Austens Roman „Sense and Sensibility“ aufschlägt.

Heißt es nun in der Übersetzung „Vernunft und Gefühl“ oder eher „Verstand und Gefühl“? Was kommt dem Beziehungsdrama und den unterschiedlichen Charakteren der Prota­gonistinnen näher? Welcher Begriff beschreibt den großen Unterschied, sich Herzens­dingen zu widmen besser? Bei Sensibility sind sich die Übersetzer einig. Hier geht es eindeutig um Gefühl. Da stehen Logik und Kalkül hinten an, das Herz regiert in jeder Bezie­hung und alle Schattierungen der Emotionalität im Guten und Bösen spielen eine gewichtige Rolle.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Bei „Sense“ gehen die Meinungen auseinander. Ich persönlich stimme der Variante des Manesse Verlages zu, der zum 200. Todestag von Jane Austen (sie verstarb am 18.Juli 1817) ihren ersten ganz großen Roman unter dem Titel Vernunft und Gefühlin wundervoller Aufmachung veröffentlicht. Zwei Schwestern stehen für diese Begriffe, weil sie sich in Fragen der Liebe so unterschiedlich verhalten wie ein Mathematiker und ein Romantiker. Und hier geht es eben nicht um den Verstand. Es geht nicht darum, ein rational greifbares Ziel zu erreichen. Hier spielte die Autorin ganz bewusst mit Begriffen aus dem Beziehungsgeflecht von Menschen. Liebesheirat und Vernunftehe. Das sind die Pole, deren Kappen wir in ihrem Roman betreten. Sie stoßen einander ab und doch ziehen sie sich auch an. Magnetisch magisch.

Ungewöhnlich, sich noch vor dem Lesen so intensiv mit dem Titel eines Romans zu beschäftigen? Vielleicht ja, aber für mich geht es hierbei um mehr, da man oftmals schon an dieser Stelle in die Irre geführt wird. Es musste einen guten Grund geben, den Roman im Vergleich zu anderen Ausgaben dieses Werkes mit diesem neuen Etikett zu versehen. Danach habe ich gesucht und wurde lesend bestätigt, dass es vernünftig war die Vernunft regieren zu lassen, weil der Verstand an keiner Stelle des Romans regiert. Während eine der Schwestern im Hause Dashwood sich nur von ihren Gefühlen leiten lässt, wägt die andere ab, zaudert, zögert, verschließt sich und leidet doch innerlich. Es ist hier der Kampf der Vernunft gegen die Emotion. Elinor Dashwood wäre nie auf dem Mond gelandet, weil es nicht richtig und somit unvernünftig gewesen wäre. Ihre jüngere Schwester Marianne hingegen wäre mit wehenden Fahnen zum Mond geflogen, wenn sie sich in ihn verliebt hätte. Die Gefahr des Scheiterns hätte sie nicht interessiert.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Habe ich das jetzt vernünftig abgeleitet? Ich hoffe, schon. Der kleine Exkurs musste einfach sein, da er meine Gedanken zu Beginn des Lesens widerspiegelt. Eines Lesens voller widersprüchlicher Gefühle. Darf ich mich wirklich erstmals in meinem Leben Jane Austen widmen? Ich lese gerne Klassiker, aber das Erstlingswerk einer zwanzigjährigen Schrift­stellerin über Liebe und Beziehungen in den gesellschaftlichen Konventionen des aus­gehenden 18. Jahrhunderts? Musste das nicht ein wenig angestaubt sein? Oder ist hier eine echte literarische Perle versteckt, die ich mich bisher zu suchen standhaft und beharrlich geweigert hatte?

Bei mir stimmten Vernunft und Gefühl auch nicht überein. Wäre es nicht vernünftig, einen aktuellen Roman zu lesen? Wäre es nicht vernünftig, sich Zeit zu sparen, sich die Verfilmung des Klassikers anzuschauen und dann zu urteilen? Mein Gefühl sagte nein. Mein Gefühl sagte mir, dass ich lesen muss, um fühlen zu können. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hat. Manchmal ist auch in der Literatur der Sieg des Gefühls über die Vernunft der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit einem Buch, das man eigentlich niemals lesen wollte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Briefwechsel

Ich hatte mir eine gefühlsgeladene und in Widersprüchen verstrickte Geschichte erhofft. Ich begegnete zwei jungen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In allen Facetten der Rahmenhandlung konstruierte Jane Austen eine explosive Situation, die in sich plausibel und authentisch wirkt. Der Verlust der gewohnten Umgebung durch Erbstreitigkeiten, die Un­sicher­heit einer Familie nach dem Tod des Vaters und der nicht freiwillige Umzug in ein bescheidenes Heim ohne große Perspektive gestalten ein Bild, in dem die beiden heran­wachsenden Töchter und die möglichen Verbindungen, die sie eingehen könnten von größter Bedeutung für die Sicherheit der Dashwoods werden. Es sind in sich geschlossene Charak­tere, die Jane Austen hier auf die Bühne schickt. Zwei Schwestern, die in Liebesdingen den Titel des Romans repräsentieren

Elinor Dashwood, mit 19 Jahren die ältere der Schwestern, ist die Vernunft. Liebe und Gefühl werden von ihr gegen die Chancen aufgewogen, die ihre Zuneigung für den Schwager überhaupt hat. Sie grübelt, zeigt ihre Liebe kaum und doch ist es in der Tiefe ihres Herzens Liebe, die sie für Edward Ferrars empfindet. Marianne, mit 17 Jahren die Dashwood, deren Leidenschaft sich ausleben möchte. Ihre Liebe zweifelt nicht. Und bei Enttäuschungen leidet sie offen und herzzerreißend. Sie ist das pure Gefühl und dabei so verletzlich wie ein waid­wundes Reh. Dass ausgerechnet der Mann ihres Herzens in Sachen Beziehung nicht so frei ist, wie er es vorzugeben scheint, erschüttert Marianne in ihren Grundfesten. Willoughby ist ebenso wie Edward Ferrars verlobt. Jane Austen brilliert im Aufeinandertreffen der beiden Welten, in denen „Vernunft und Gefühl“ die Parameter darstellen, an denen sich die Schwe­stern reiben. Immer wissend, dass ihre Entscheidungen das Leben der Mutter und ihrer jüngsten Schwester Margret verändern können. Ein tief angelegter Reigen voller Zweifel und Emotion beginnt und es wird sich weisen, welcher Weg für welche Schwester der richtige ist. Im Wechsel der Rollen liegt der Zauber dieser Geschichte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Auch Reclam erweitert den Fokus

Ich wurde nicht enttäuscht. „Vernunft und Gefühl“ – beide Ebenen spricht dieser Roman in aller Tiefe an. So hatte ich mit Jane Austen vorgestellt, die ich vielleicht bald in weiteren Werken entdecken möchte. Ihre Vita klingt spannend und macht neugierig. Es gibt große Lücken in ihrer Biographie, die nie geschlossen wurden. Im Rätselhaften liegt hier die Faszi­nation. Was für mich in Jane Gardams Die geheimen Briefemit einer geheimnisvollen Affäre der jungen Jane Austen begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen im Buch Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreibenfort, weil ich auch hier  auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet.

Hat auch bei ihr die Vernunft über das Gefühl gesiegt? Oder wurde auch ihr Herz gebrochen und für alle Zeit versiegelt? Bahnte sich hier an, was sich schreibend seine Entsprechung suchte? Es lohnt sich, Jane Austen auf der Fährte zu bleiben. Gerade zu ihrem 200. Todestag warten Verlage mit Neuerscheinungen und weiteren Werken auf, die sich mit dem Phänomen Austen beschäftigen. Das Sortiment des Reclam Verlages sticht hier besonders heraus. Die kleinen feinen (und gar nicht mehr gelben) Bücher zu diesem Anlass ermöglichen viele Zugänge zur Legende. „100 Seiten Jane Austen“ ist eine komprimierte Einstiegsdroge, die an Fakten orientiert, faktisch amüsant und doch fundiert die Tür zu einer ganz besonderen Frau öffnet.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Für welches Buch ihr euch auch immer entscheidet, Jane Austen hat es verdient, auch heute noch gelesen zu werden. Das sagt mir mein Gefühl mit aller Vernunft.

„Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie komplett. Drei einzigartige Ausgaben von Jugendbuchklassikern haben ihren Weg aus England nach Deutschland gefunden und setzen Maßstäbe hin­sicht­lich ihrer optischen, haptischen und inhaltlichen Gestaltung. „Peter Pan und Die Schöne und das Biesthabe ich in der kleinen literarischen Sternwarte bereits ausführlich und vor dem Hintergrund ihres Stellen­wertes als Originalausgaben der großen Klassiker im Vergleich zur inhaltlich Verkür­zung, die diese Werke im Laufe der Zeit erfahren haben, vorgestellt. Walt Disney hat hier seine Spuren hinter­lassen. Aus dem filmischen Extrakt dieser Werke lassen die Bücher des Coppenrath Verlages wieder auf ihren Ursprung schließen.

Drei bibliophile Gesamtkunstwerke hat der britische Verlag Harper Design mit dem renommierten Illus­trations­studio MinaLima literarisch interaktiv ani­miert und somit auch den Kern dieser Klassiker reanimiert. Nun schließt sich der Kreis mit der vorerst letzten Ausgabe dieser Reihe, die für den deutschen Markt perfekt und detail­getreu umgesetzt und tadellos übersetzt wurde. „Das Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling ist für mich das absolute Highlight dieser Kollek­tion, die eigentlich in keinem Bücherregal bibliophil veranlagter Menschen fehlen darf. Jeder kennt diese Geschichte. Jeder hat den Disney Film gesehen, mit Baloo getanzt, vor Shir Khan gezittert, mit Bagheera gejagt und mit Mowgli in die hyp­notischen Augen der Riesen­schlange Kaa geschaut. Unvergessen.

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

„Versuchs mal mit Gemütlichkeit“. Ein Film-Ohrwurm, der uns noch heute begleitet, wenn wir an das Dschungel­buch denken. Und doch denken wir falsch. Wir denken mal wieder in den Dimensionen der Ver­einfach­ung und haben schon lange aus den Augen verloren, was das Dschungel­buch eigent­lich war. Vergessen wir Walt Disney. Besinnen wir uns mit der vor­liegenden Ausgabe auf das wahre und einzige Dschungel­buch, und besinnen wir uns darauf, dass es richtiger­weise „Die Dschungel­bücher“ sind, die vor mehr als 120 Jahren von Rudyard Kipling verfasst wurden. Es waren Geschichten und Gedichte, Gesänge und Legen­den der Tiere des Dschungels, die Kipling hier erdachte. Nur drei dieser Erzäh­lungen handeln von Mowgli, dem Findelkind. Nur diese drei sind in unserem kollektiven Gedächtnis verankert. Und das auch nur rudi­mentär.

Hiermit räumt „Das Dschungelbuch“ mit dieser Pracht­ausgabe auf! Erwartet also mehr. Hier ist es erlaubt, viel mehr zu erwarten, als man eigentlich erwarten dürfte. Das ist wohl die größte Leistung dieses Buches, nicht nur die Erzählung von Mowgli in ihrer ursprüng­lichen Fassung zu ver­öffent­lichen, sondern die authentische Struktur in sieben Geschichte mit ihren Gesängen und Gedichten zu präsen­tieren. Ein lite­rarisch­es Beben geht durch dieses Buch, da es so sehr verdeutlicht, in welch genialer Qualität Rudayrd Kipling fühlte, dachte und schrieb. Das Dschungel­buch legte den Grundstein für den im Jahr 1907 an ihn verliehenen Literatur­nobelpreis. Er ist noch heute der jüngste aller Preisträger in der Literatur­geschichte. Und er hatte das mit 42 Jahren mehr als verdient.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Der weltbekannte Film von Walt Disney war lediglich von Mowglis Geschichte und den tierischen Helden Kiplings inspiriert, hatte jedoch mit der litera­rischen Qualität des Buches so wenig zu tun, wie die Filmmusik mit den Gesängen der Tiere im Original. Es ist aus heu­tiger Sicht nur mit J.R.R. Tolkien zu vergleichen, was Rudyard Kipling schon viel früher leistete. Er erfand nicht nur tierische Protagonisten, er erweiterte den Be­griff der Fabel um die reine Fabulier­kunst seiner Charak­tere und bettete sie in eine Welt aus Legen­den und Mythen ein, die im ständigen Konflikt mit der Welt der Menschen lebt. Es ist Mowgli, der diese Welten in sich trägt. Adoptiert und groß­gezogen von Wölfen, in die Gesetze des Dschungels unterwiesen von Baloo, dem Bären und beschützt von einem schwarzen Panther namens Bagheera.

Der Weg des Jungen wird von Kipling so lebendig be­schrieben, als wäre er selbst an seiner Seite gewesen. Er lernt die Sprache der Wildnis, die Gesetz­mäßig­keiten des Lebens in einem Rudel und kombiniert seine Begabungen mit den Instinkten aller Tiere in seinem Umfeld. Die Angst vor dem Tiger Shir Khan eint alle Lebe­wesen. Der Konflikt mit seinem Rudel, die Flucht zu den Menschen und seine Ver­treibung aus ihren Reihen machen aus dem jungen Mowgli den charis­matischen Anführer und Befreier, der gegen alle Unter­drückung und Ausgrenzung kämpft. Ein großer Ent­wicklungs­roman in einem Szenario, das metaphorischer nicht sein könnte. Und dies so literarisch brillant verfasst, dass der Literatur­nobelpreis nur als logische Konsequenz des Schreibens erscheint.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling - AstroLibrium

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Dieses Buch vereint die alte Struktur der Erzählungen mit Liedern und Gedichten mit dem neuge­stalteten Medium eines interaktiv gestalteten Buchkunstwerks. Illustra­tionen und Inlays heben die Besonder­heiten des Textes hervor. Die Gesetze der Tiere werden greifbar, weil man sie im wahrsten Sinne des Wortes entfalten kann. Der magische und grausame Hungertanz des Felsenpythons Kaa wird hypnotisch fühlbar. Und auch die Treib­jagd auf den grausamen Menschen­fresser Shir Khan wird durch die Hufabdrücke seiner Verfolger sichtbar. Ein mehrdimensionales Erlebnis für Groß und Klein. Hier wird greifbar, was diese Erzäh­lungen mit Ge­nera­tionen von Kindern seit 1894 angestellt und was sie ausgelöst haben.

Dabei sind die einzelnen Charaktere bei Kipling so tief angelegt, wie ihre Vorbilder in der Wildnis. Freund­schaften sind nicht ober­flächlich sondern leben­swichtig und eine unstill­bare Sehn­sucht nach der Welt der Menschen führt Mowgli fast in den Untergang. Wer diese drei Erzählungen mit ihren Liedern gelesen hat, wird die Tiere, die er erkennt ganz anders wahr­nehmen, als dies bisher der Fall war. Wir werden selbst zum Teil des Dschungels und erleben unser blaues und grünes Wunder. Gänsehaut inklusive, wenn die großen Reden an unsere Ohren dringen:

„Wir vom Dschungel trinken nicht, wo die Affen trinken; wir gehen nicht dorthin, wo die Affen hingehen; wir jagen nicht, wo sie jagen; und wir sterben nicht, wo sie sterben. Habe ich die Bandar-Log je zuvor auch nur erwähnt?“

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Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Rudyard Kipling infiziert uns mit dem großen frie­dens­stiftenden Mantra Mowglis, mit dem er in der Sprache aller Tiere Gefolgschaft einfordert und Schutz findet. Er lässt die Menschen tierischer aussehen, als die grausamsten Tiere und macht klar, wer der eigent­liche Feind allen Lebens ist. Nach jeder Erzählung ist man versucht, selbst jedem Tier zuzurufen:

“Du und ich, wir sind vom gleichen Blut.“

Besser können lehrreiche und fantasievolle Ge­schich­ten nicht erzählt werden. Es ist ein fast unbeschreib­liches Gefühl, sich durch dieses Dschungel­buch zu wühlen, als wäre man selbst in seinem tiefen Dickicht gefangen. Es ist ein wahres Wunder, wirklich mehr von diesem Buch erwarten zu dürfen, denn es endet nicht mit Mowgli. Es geht da weiter, wo die Dschungel­bücher weitergingen. Vier Er­zäh­lungen voller Weisheit setzen uns in der Wildnis aus und machen uns zu Weg­gefährten unvergess­licher Tiere. Allein die Geschichte „Die weiße Robbe“ ist so zeitlos und traurig schön, dass man vergisst, wann sie geschrieben wurde.

Der weißen Robbe Kotick auf ihrem Weg zu folgen macht Leser auch heute noch so zornig, wie es vor langer Zeit gewesen sein mag. Geholfen hat es wohl we­nig. Als Baby wird Kotick früh zum Zeugen der Robben­jagd, erlebt das Abschlachten ganzer Herden und macht sich auf die Suche nach einer Bucht, in der es keine Menschen gab, gibt und geben wird. „Lukan­non“, das Lied der Robben am Ende der Er­zäh­lung bleibt ganz tief im Herzen des Lesers ver­ankert.

Das Dschungelbuch von Rudyard Kipling

Nun sind sie vereint. Drei Werke, die in ihrer Zeit zu Legenden wurden und in unserer Zeit nur noch fragmen­tarisch in Erinnerung sind. Ich durfte den Ursprung des Extraktes genießen und bin jetzt süchtig danach. Entdeckt doch die noch ungelesenen Welten in diesem Dschungel­buch, das eigent­lich Dschungel­bücher umfasst. Findet einen Mungo, behütet eine Elefanten­herde und lauscht den Unterhal­tungen der Lagertiere im Dienste ihrer Majestät. Ihr werdet neue Welten entdecken und nie wieder vom Dschungel­buch als Mowglis Geschichte sprechen. Es ist so viel mehr und wer jetzt diesen Trailer zum Buch anschauen kann, ohne dem Wunsch zu erliegen, es zu lesen, dem ist nicht mehr zu helfen. Sieben Erzählungen warten auf Euch… Auf in den Dschungel.

PS: Sagte ich eingangs, sie sind jetzt komplett? Schaut mal hier. Ich bleibe am Ball.

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Und hier geht es weiter. „Die Dschungelbücher“ von Gabriel Pacheco. Kunst.

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