„Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Und die Grenze zwischen dem Ich und dem Du ist eine scharf gezogene. Wenn ich einen Menschen ganz erfassen will, muss ich diese Grenze überschreiten. Ich muss er werden. Oder sie.“

Künstlerische Perspektive. So könnte man sich dem Zitat aus der Sommernovelle „Die Badende von Moritzburg“ von Ralf Günther nähern. Was er in seinem Buch in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, ist jedoch viel mehr als nur den Grenzverkehr zu Beginn den 20. Jahrhunderts. Ob in München, Paris oder Dresden, überall versuchten ambitionierte Künstler den althergebrachten und sehr versachlichten Kunstformen ihre individuellen Alternativen zur Seite zu stellen und den Aufbruch in eine neue Epoche in der Malerei einzuläuten.

Der Expressionismus verschaffte sich Raum. Die Auflösung des Gegenständlichen, die verzerrende Abstrahierung und der Versuch, ihren Betrachter mit einfachen Formen und verstärkter Farbgebung emotional zu berühren, verbinden die Avantgarde zu dieser Zeit. Ob Franz Marc und der Blaue Reiter oder Ernst Ludwig Kirchners Brücke, hier spiegelten sich die veränderte künstlerische Wahrnehmung und das Selbstbewusstsein von Menschen am Ende der Biedermeierzeit  wider, die nur wenig später im Vulkan des Ersten Weltkrieges in dunklen Rauchwolken ihr genaues Gegenteil erlebten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Hier war die Kunst Spiegelbild der Gesellschaft. Grenzen wurden überschritten und Konventionen über Bord geworfen. Die Befreiung des Geistes von Moralvorstellungen eines vergangenen Jahrhunderts war das Ziel der bildenden Kunst und der Literatur zu dieser Zeit. Avantgarde. Die Garde geht voraus. So muss man den dichten Erzählraum von Ralf Günther sehen. So muss man sich den Rahmen für das Bild vorstellen, das er mit Worten zeichnet. Hier reiht sich ein Autor des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit einer Zeitreise in die Phalanx der Vordenker und Vorreiter von damals ein, um in dieser eigentlich ganz kleinen Erzählung die nur einen einzigen Tag des Jahres 1910 umfasst, das aufstrebende Lebensgefühl einer neuen Zeit auf den Punkt zu bringen.

Eine Sommernovelle. Ja, die Bezeichnung trägt, weil diese Geschichte etwas für ihre Zeit Neues erzählt. Sie überschreitet mit ihren stilistischen Mitteln moralische Grenzen und lässt uns aus heutiger Sicht den Aufprall zweier Welten nachvollziehen, fühlen und schmecken. Tradition, Moral und Selbstbild stehen auf dem sozialen Prüfstand und die neuen Perspektiven, Ansichten und Ideale begehren auf. Aus diesem Zusammenprall entstand ein neues Lebensgefühl, das sich in den Köpfen der Menschen zu verankern begann. Ein Lebensgefühl, das wir heute noch spüren können, wenn wir die Gemälde aus längst vergangener Zeit betrachten.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

„Die Badende von Moritzburg“ vereint eine große Portion Lokalkolorit, Lebensgefühl und Sittenbild des beginnenden 20. Jahrhunderts zu einem komplexen Bild auf nur 100 Seiten einer Erzählung, die nicht mehr Raum einnimmt als ein einziger Tag im Lauf der Welt. Sprachlich bewegt sich der Autor in seinen Beschreibungen und Dialogen, als sei er geistig mit der Jahrhundertwende verschmolzen. Distanz im Geschlechterdialog und die sozialen Schranken werden in seiner Sprache greifbar. Es verfestigt sich sofort der Eindruck, wie anders diese Zeit doch war, was es bedeutet plötzlich vom „Sie“ ins „Du“ zu wechseln und wie das Aufbrechen tradierter Normen auf Konservative gewirkt hat.

Dresden wird dabei zur Hochburg dieser Gratwanderung. Einerseits aufstrebend in Bezug auf Sanatorien und Kliniken, die den Menschen helfen, deren Erkrankungen im wahrsten Sinne des Wortes als Zivilisationskrankheiten gesehen werden mussten. Es wurde zu eng in der Welt des Biedermeier. Alles engte ein. Kleidung, Korsett, Haltung. Das Spießbürgertum befand sich bereits im Niedergang, ohne es selbst zu bemerken. Genau die richtige Zeit für Künstler, mit ihren Stilmitteln zum umfassenden Bildersturm zu blasen. Einem Aufbruch, der nach Skandal schmeckte, das Verbotene kultivierte und in schillernden Farben leuchtete. Verlockend und abstoßend zugleich. Die andere Seite.

Und genau hier soll die junge Clara Schimmelpfennick geheilt werden. Hysterische Atemnot, die Diagnose. Erstickungsanfälle, das Symptom… Der Ausweg scheint nah.

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Es ist die Begegnung mit der Künstlergruppe um Ernst Ludwig Kirchner. Es sind Maler, die sich in die unberührte Natur zurückgezogen haben und der Leidenschaft des Schaffens frönen. Hier malen sie, hier baden sie, hier tanken sie ihre Energie. Aber so ganz anders, als es Clara mit ihrem sittsamen Moralbild vereinbaren kann. Kirchners Einladung, sich zu ihm und seinen Freunden zu gesellen, kann Clara nicht widerstehen. So wenig, wie sei dem widerstehen kann, was sie in dieser Form noch nie erlebt hat. Es ist ein Biotop der Zwanglosigkeit, das sie mit einer Atemlosigkeit ausfüllt, die sich völlig von derjenigen unterscheidet, an der sie zu leiden scheint.

Der Zusammenprall der Moderne mit dem Konservativen in dieser Sommernovelle macht den Reiz des Lesens aus. Man geht mit der Badenden selbst baden. Emotional und fasziniert, verstört und neugierig, angezogen ausgezogen. Um die Ressentiments wissend und die Konflikte vorausahnend, die dieser Badeausflug mit sich bringen wird. Das Lebensgefühl Kirchners trägt uns mit Clara durch das Schilf. Man kann sich dieser Gefühlsrevolution kaum verweigern. Und wenn Ralf Günther die Grenzen des damals Vorstellbaren und Schicklichen überschreitet, dann mit einem Bild, das man so schnell nicht wieder vergessen wird.

Die Badende von Moritzburg – Ernst Ludwig Kirchners Atelier…

Ich habe „mein“ Dresden schon in unterschiedlichen literarischen Aggregatzuständen erlebt. Ich bin mit Lili Elbe in einer Dresdner Klinik gestorben. Ein dänisches Mädchen, das mir Kopf und Herz verdreht hat, liegt noch heute dort begraben. Ich bin verzweifelt durch die Dresdner Bombennacht geflüchtet, den Angstmann fürchtend, den Krimi von Frank Goldammer verzehrend und auf ein glückliches Ende hoffend. Ich war selbst vor Ort. Besuchte Moritzburg, nahm es als Filmkulisse wahr und streifte durch eine Stadt, die mir ans Herz gewachsen war. Elbflorenz.

Die Badende von Moritzburg hätte ich gerne dort getroffen. Mit Kirchner hätte ich gerne einen Plausch gehalten, meinetwegen auch völlig nackt, und ihn gefragt, was er vom Blauen Reiter hält. Das Lebensgefühl auf der Schwelle zum Neubeginn hat Ralf Günther ebenso expressionistisch vermittelt, wie es Kirchner und seinen Freunden in ihren Gemälden gelang. Er hat die Flüchtigkeit dieses Augenblicks mit zarten Strichen skizziert und vieles festgehalten, was sich zu einem atmosphärischen Bild verdichtet.

„Malen muss eine Befreiung sein. So wie uns die Kleidung zwickt und zwackt, so wie dein Korsett dir fast den Atem nimmt, ist der Rahmen eine Beschränkung des Künstlers… Wahre Kunst befreit sich.“

Die Badende von Moritzburg – Ralf Günther

Der selbst gesteckte Rahmen von 100 Seiten in dieser Novelle hat Ralf Günther nicht in seiner Freiheit beschränkt, eine große kleine Geschichte zu erzählen.

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„Ein Winter in Wien“ von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ist es in der heutigen Zeit möglich, Leser mit einer ganz einfach erzählten Romanze zu begeistern? Kann man einen Roman schreiben und publizieren, der in aller Zartheit wirkt wie ein scheues literarisches Reh, das sich kurz auf der bibliophilen Lichtung zeigt und sofort verschwindet, wenn es Gefahr wittert? Sind wir als Leser überhaupt noch in der Lage, eine Erzählung um ihretwillen zu schätzen, uns verzaubern zu lassen und sie nicht an reizüberflutenden und Herzschmerz verursachenden Lovestorys zu messen?

Ist es vermittelbar, dass man eine Geschichte erzählt, die in einem gesellschaftlich- historischen Kontext eingebettet ist, der aufgrund der Moralvorstellungen und der einst vorherrschenden Sittenbilder von Haus aus verhindert, dass wir zu Zeugen ausufernder erotischer Ausschweifungen werden? Haut uns ein solcher Stoff noch vom Hocker oder ist es der eher prüden Leserschar vorbehalten, den biederen Weg ins verschneite Wien des Jahres 1910 zu erlesen?

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Erstens gilt es festzuhalten, dass ich nicht bieder oder prüde bin. Zweitens vertiefe ich mich fast ausschließlich in Romane, die in der Lage sind, mich vom Buchhocker zu reißen. Und drittens darf für mich eine romantische Geschichte sehr gerne so erzählt werden, als sei sie aus der Zeit gefallen, in die sie geschrieben wurde. Das macht viele gute Erzählungen erst authentisch und vermittelt ein deutliches Bild davon, wie zaghaft sich die erste Annäherung zweier Menschen vollzog, die voneinander fasziniert waren.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb ist eine solche Geschichte. Wüsste man nicht, dass dieser Roman von einer quicklebendigen Schriftstellerin unserer Zeit geschrieben wurde, man könnte ihn für einen Fund aus der Frühzeit des zwanzigsten Jahrhunderts halten. Er spielt nicht nur im winterlichen Wien des Jahres 1910. Sowohl sprachlich als auch atmosphärisch lebt der Roman in einer Zeit, die durch die Klassenunterschiede im österreichischen Kaiserreich, ein überhöhtes Standesdenken und Wertebilder bestimmt war und heute auf uns wahrlich antiquiert wirkt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Es schneit in Wien. Es ist kalt und man friert, wenn man nicht zu den wenigen Reichen gehört, die sich den Luxus der Wärme leisten können. Die 18-jährige Marie Haidinger gehört nicht zu den vom Schicksal begünstigten Menschen, sie kommt von ganz unten. Mehr als ein entbehrungsreiches Leben auf einem Bauernhof stand für sie nie auf dem Plan. Und doch verschlägt es sie auf der Flucht vor dem Gefühl „Leibeigene“ zu sein in die Hauptstadt und sie ist in aller Bescheidenheit mit allem zufrieden, was das Leben ihr zu bieten hat. Aus der Schankmaid wird ein Hausmädchen und aus dem Hausmädchen wird ein Kindermädchen.

Für Marie schon ein Leben in Luxus. Ihre Kammer ist beheizt, die beiden Kinder sind ihr sehr schnell ans Herz gewachsen und die Hausherren behandeln sie so gut, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht behandelt wurde. Erst langsam erkennt sie, wer der Hausherr der Sternwartestraße im Wiener Cottage-Viertel ist. Sie lebt im Haus des bekannten Schriftstellers Arthur Schnitzler, dessen Theaterstücke und Erzählungen in aller Munde sind. Und ausgerechnet sie, die arme Marie vom Land, darf seine beiden Kinder beaufsichtigen und erziehen.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Und wie sollte es in diesem Haushalt anders sein? Ein Buch verändert das Leben des liebenswerten Kindermädchens. Sie soll es nur für Arthur Schnitzler abholen. Ein harmloses Vorhaben, wäre da nicht der Blick des jungen Buchhändlers, wäre da nicht ein kleiner Funke, der in diesem Moment auf beide überspringt und wären da nicht alle moralischen Schranken, die es so schwer machten, sich unbefangen kennenlernen zu dürfen. Erst ein Geschenk macht das Unmögliche möglich. Ein Büchlein aus der Feder von Rainer Maria Rilke öffnet die Tür zum Herzen des jungen Mädchens.

„Mir zur Feier“ in einer wundervollen Ausgabe, deren Seiten unbeschnitten sind und die erst mit einem Messer getrennt werden mussten, bevor man es lesen konnte ist das wohl wertvollste Geschenk, das sie je in Händen hielt. Eine zarte Romanze beginnt den Winter in Wien wärmer erscheinen zu lassen und aus dem ersten beigelegten Brief wird der erste Spaziergang und aus dem ersten gemeinsamen Weg entwickelt sich der erste zarte Kuss, der auch den Leser wie eine schmelzende Schneeflocke berührt.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb schreibt, als hätte sie Charles Dickens nach Wien entführt. Es mutet klassisch an, was doch gar nicht klassisch ist. Und doch garniert sie die zarte Romanze mit einem Spannungsbogen, der das Gleichgewicht zum Wanken bringen kann. Maries Leben steht unter Vorbehalt. Es gibt keine Garantie für eine unbeschwerte Zukunft und ein einziger Fehler kann sie alles kosten. Und genau dieser Fehler unterläuft ihr. Ob sie ihr Glück findet, sollte man sich schon selbst erlesen. „Ein Winter in Wien“ ist in jeder Hinsicht eine Lesereise wert.

Für einen literarischen Sternwärter ist ein Roman, der in der Sternwartestraße 71 spielt ja schon fast wie eine persönliche Einladung. Die Atmosphäre eines Wiener Winters im Jahr 1910 ist so fesselnd und bildhaft festgehalten, als würde man in einem Poesiealbum aus der Vergangenheit blättern. Sprachlich spürt man den Atemhauch der Geschichte und literarisch wird einem der ganz Großen der Literaturgeschichte Leben eingehaucht. Und wenn man dann noch, so wie ich, einen Rilke in seinem Bücherregal hat, der unbeschnitten ist und dessen erstes Gedicht „Mir zur Feier“ heißt, dann geht „Ein Winter in Wien“, erschienen bei Kindler, eine schon fast magische Beziehung zu meinem bisherigen Lesen ein. Und wer mich kennt, der weiß, dass ich nicht an Zufälle glaube.

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Ein Winter in Wien von Petra Hartlieb

Petra Hartlieb hat mit ihrem literarischen Selbstfindungstrip „Meine wundervolle Buchhandlungmein lesendes Herz im Sturm erobert. Ein wundervolles Interview in Frankfurt brachte mich ihr näher und ihre kuriose Widmung in ihrem Buch ist bis heute unvergessen. Vielleicht signiert sie mir ja irgendwann einmal „Ein Winter in Wien“. Ich habe mir fest vorgenommen, sie in diesem Fall nicht mit meinen Fragen abzulenken. Es wäre nicht auszudenken…

Und doch bleibt eine Frage, die ich gerne stellen würde: Wenn Petra Hartlieb diesen Roman ihrer Großmutter Johanna Haidinger widmet, dann könnte es doch sein, dass jene Marie Haidinger vielleicht den ersten Funken bibliophiler Leidenschaft schlug, der heute in der Buchhandlung Hartliebs Bücher hell leuchtet.

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