„Nur Meer und Himmel“ von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Man vergleicht ihn in seinem Heimatland oft mit Robert Louis Stevenson. Man sagt ihm nach, dass seine mehr als erfolgreichen Kinder- und Jugendbücher Abenteuer so hautnah vermitteln, dass man meint, nicht nur Teil des Lesens, sondern aktiver Teil der Geschichte zu sein. Im deutschsprachigen Raum ist Michael Morpurgo vielleicht noch einer der bekanntesten unbekannten Autoren unserer Zeit. In England jedoch genießt er große Aufmerksamkeit und erfreut sich einer treuen Leserschaft.

Woher wir ihn kennen könnten? Was wir von ihm gelesen haben? Nun, vielleicht haben wir ihn lesend noch nicht so richtig entdeckt, aber die Verfilmung eines seiner Bücher hat auch hier Millionen Menschen in die Kinos gelockt. 1984 schrieb er War Horse und die cineastische Adaption von Steven Spielberg mit Benedict Cumberbatch (Sherlock) in einer mehr als tragenden Rolle hat wohl gezeigt, wie Morpurgo erzählt und was ihn beschäftigt.

Michael Morpurgo - Der Autor von War Horse - Gefährten

Michael Morpurgo – Der Autor von War Horse – Gefährten

Gefährten“ erzählt die bewegende Geschichte eines Pferdes im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte einer Familie, der nur dieser Gefährte bleibt, um das karge Stückchen Land zu bestellen. Und genau dieses treue Pferd wird nun von der britischen Kavallerie konfisziert und an die französische Front verschifft. Joey galoppiert gequält über die Schlachtfelder, während sein junger Besitzer Albert Narracot seinem besten Freund in den Krieg folgt. Ein ganz großer, ein bewegender, ein grandioser Film. Ebenso erzählt Michael Morpurgo. Und genau so schreibt er.

Nun können wir uns in einem besonderen Jugendbuch davon überzeugen, denn seine Erzählung „Half a Man“ ist gerade in der Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ im Fischer Verlag erschienen. Wenn „War Horse“ eine epische Geschichte mit vielen verschachtelten Nebenhandlungen war, dann haben wir es in Nur Meer und Himmel mit dem puren Extrakt einer großen Erzählung zu tun.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Illustriert von Gemma O`Callaghan entwickelt Morpurgo aus der Rückschau seines Ich-Erzählers auf seine Jugend die bewegende Geschichte seines Großvaters. Viele Worte benötigt der britische Schriftsteller nicht. Verschnörkelungen oder pathetische Phrasen sucht man vergebens. „Nur Meer und Himmel“ gleicht dem Kern einer Praline. Sie kommt ohne Verpackung, ohne Mantel und ohne Verzierung aus, sondern entfaltet ihren vollen Geschmack schon auf der ersten Seite.

Michael fürchtet sich vor den seltenen Besuchen seines Großvaters in London. Allzu verbittert ist der alte Mann, allzu allein und allzu versehrt an Körper und Seele. Eine dramatische Kombination für einen Jungen, der so gerne den eigenen Großvater erleben würde. Aber alle Warnungen besagen, dass er genau das nicht darf. Verbote bereiten die Besuche seines Opas vor.

Keinen Krach darf er machen! Opa ist empfindlich! Keine Fragen soll er stellen! Das gehört sich nicht… Und ganz besonders wichtig: Michael darf seinen Großvater auf keinen Fall anstarren. Darauf würde er sehr empfindlich reagieren. Und das aus gutem Grund. Er hat im Krieg sein Gesicht verloren. Verbrannt, vernarbt und entstellt kam er zurück. Was damals genau geschah, hat er nie erzählt. Auch nicht, warum ihm so viele Finger fehlen. Niemanden hatte das zu interessieren.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Doch Michael durchbricht die Verbote. Er starrt. Nicht neugierig angewidert, sondern auf der Suche nach den Augen seines Großvaters. Doch erst Jahre später, bei seinen ersten Ferien auf der kleinen Scilly Insel Bryher kommt es beim gemeinsamen Angeln zur ersten richtigen Annäherung der beiden.

Und dann, an Bord eines kleinen Bootes, beginnt der alte Mann zu erzählen. Von der Handelsmarine, dem Torpedo, den Flammen und all dem, was geschah, nachdem er lichterloh brannte. Sein Großvater erzählt ihm zum ersten Mal die ganze Geschichte vom „Halben Mann“. Und nicht nur das. Er erzählt von einer Welt, die sich völlig veränderte nachdem von seinem Gesicht nicht viel geblieben war.

53 Seiten benötigt Michael Morpurgo. Einige davon in bunten Bildern malerisch und berührend illustriert. Wenig Text. Stimmung und Gefühl sollen intensiv vermittelt werden und greifen von Seite zu Seite mehr nach der Seele des Lesers. In der Mitte des Buches kamen die Tränen. Rührung überkam mich und Erinnerungen an meinen sprachlosen eigenen Großvater.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Erinnerungen und Lücken in den eigenen Geschichten, die viele Menschen sehr gut nachempfinden können, die auf die eine Sekunde warten, in der sich die Großeltern öffnen und erzählen, wie es damals war und was ihnen zugestoßen ist. Die Tränen hörten nicht mehr auf und von Seite zu Seite wächst man mehr mit den beiden Männern im kleinen Boot zusammen. Eine wohl sehr autobiografische Geschichte und die Antwort auf viele Fragen von Eltern. Lasst Kinder fragen, lasst sie schauen. Es ist kein Starren. Es ist normal. Eine Geschichte die integriert und die Augen öffnet. Nur dann versteht man…

Bis am Ende ein Sturzbach der befreienden Tränen fließt und man leise vor sich hin murmelt „Ist das eine schöne Geschichte“. Nicht weil sie als schön, im eigentlichen Sinne betrachtet werden darf. Sie ist einfach nur ehrlich, authentisch und von einer tiefen menschlichen Herzlichkeit geprägt, dass man sie sofort wieder von Neuem zu lesen und betrachten beginnt. Ich habe dieses Buch an einem ruhigen Abend am „Lagerfeuer“ einem sehr wichtigen Menschen vorgelesen. Die gemeinsamen Gefühle bleiben unvergessen.

Wort und Bild gehen auch hier Hand in Hand. Was Michael Morpurgo nicht beschreibt, zeichnet Gemma O`Callaghan in warmen Farben wie einen lebendigen Dialog hinzu. Ein großer geschriebener Film spielt sich vor unseren Herzen ab. Öffnet der Sehnsucht nach der einen leuchtenden Sekunde des Erzählens euer Herz und lasst diese Geschichte zu. Gebt ihr einen kleinen Platz bei euch. Sie ist viel mehr als nur „Meer und Himmel“. Sie ist genau das Zwischendrin. Das Zentrum des Gefühls.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Bücher über Menschen, die im Krieg ihr Gesicht verloren haben begleiten mich schon lange. Eins wollt ich dir noch sagen und In finsteren Himmeln beleuchten den wahren und dramatischen medizinischen und seelischen Hintergrund. Diese Bücher geben sich die Hand. Aufrichtig.

Update:

Anja hat auf ihrem Blog „Zwiebelchens Plauderecke wundervoll über dieses Buch geschrieben. Diese Sicht sollte man sich nicht entgehen lassen… Darf man nicht…

[Bilderbuch] „Maulwurfstadt“ von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Es gibt einen Autoren-Künstler-Tausendsassa, der mich mit nur zwei Büchern in absolut verschiedene Dimensionen meiner Wahrnehmung transportieren kann und dabei das Gefühl vermittelt, während meines Höhenfluges gleichzeitig in der Tiefe der Fantasie angekommen zu sein. Es gibt einen Film-Komponisten-Kopfkino-Designer, der mich mit einem selbst gebauten Leichtflugzeug über den Atlantik brachte und mir nun glaubhaft versichert, nur das Leben unter der Erde sei das wahre Abenteuer.

Es gibt jenen Illustrator und Kunstschaffenden der mich fliegen lässt, während ich mich am liebsten eingraben würde. Über welches Team ich hier schreibe? Nein, es sind nicht die gesamten kreativen Köpfe der PIXAR-Studios, die mich hier zum Fan ganz besonderer Bilderbuchwelten machen. Ich beschreibe kein vielköpfiges Kreativteam. Es ist Torben Kuhlmann ganz allein, dem dieses zeit- und alterslose Wunder gelingt.

Mit „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus hat er die Geschichte der Luftfahrt neu geschrieben und gemalt. Mein Artikel zu diesem kleinen Buchwunder aus dem NordSüd Verlag ist noch heute ein absoluter Gefühlslooping mit punktgenauer Herzenslandung. Ich habe mir damals sehr gerne den größten Bären der modernen Fliegerei aufbinden lassen, weil ich so sehr an die Kreativität einer kleinen Maus geglaubt habe. Und ich fliege noch heute, wenn ich das Buch neben mir liegen sehe.

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Als ich Torben Kuhlmann dann auf der Frankfurter Buchmesse 2014 persönlich getroffen habe, signierte er gerade fleißig Lindbergh-Poster. Die Messe hatte ihre Tore noch nicht geöffnet, Torben bereitete sich schon auf eine seiner vielen „Lindbergh-Präsentationen“ vor und ließ sich doch in ein Gespräch verwickeln. Und ich sah schon die Abenteuerlust in seinen Künstleraugen, denn plötzlich sprach er nicht mehr vom Fliegen, sondern erzählte von seinen Maulwürfen.

Mit einem Klick wurde ein Videotrailer gestartet (ich muss nicht erwähnen, wer für Schnitt, Design, Animation, Filmmusik, Effekte und wahrscheinlich auch für das Catering verantwortlich zeichnete) und ich stand sprachlos am Verlagsstand und wollte zuerst nicht glauben, was ich hier sah. „Maulwurfstadt“ das noch geheime Bilderbuch-Projekt von Torben Kuhlmann zeigte sich mir in bewegten Bildern und in den gewohnt warmen satten Farben und ich begriff schnell, dass ich hier auf eine besondere Stadt gestoßen war.

Torben Kuhlmann kommt in „Maulwurfstadt“ erstmals fast ohne Worte aus. Seine Bildsprache ist eindeutig und lässt doch so viel Spielraum für Interpretationen. Wir sehen uns zwar Maulwürfe an, die tief unter der Erde ihr eigenes Reich erschaffen, wir sehen ihre Arbeitskolonnen, die ihre Stollen in immer größere Tiefen treiben und wir sehen, wie eine kleine große eigene Welt entsteht, in Wirklichkeit schlüpfen wir jedoch in ihre Rollen, da uns Torben Kuhlmann mit den fleißigen (jedoch zumeist ziemlich blinden) Tierchen einen FABELhaften Spiegel vor Augen hält.

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Wachstum scheint das Ziel zu sein. Schritt halten mit der immer größer werdenden Zahl an Maulwürfen und Ausbau auf Teufel komm raus! So erleben wir die Gesellschaft unter Tage. Vom wohnlich-gemütlichen Maulwurfsloch zu standardisierten Kleinkäfigen führt der Weg in die zunehmende Enge. Da muss man schon zusammenrücken, um mit dem wenigen verfügbaren Platz zurechtzukommen und schon befindet man sich im Dilemma begrenzter Ressourcen.

Aber was erzähl ich denn da? Ressourcen, Bevölkerungswachstum, Ausbeutung und Raubbau an der Natur… Das ist doch nichts, was Kinder interessiert. Und schließlich ist dies kein Bilderbuch für Erwachsene (richtig, ich bin nie erwachsen geworden), sondern für die kleinen und großen Bilderbuchfans, die in den Illustrationen eintauchen und auf Entdeckungsreise gehen. Also wirklich… echt nichts für die Kleinen… oder?

Wie man sich täuschen kann. Ich habe die „Maulwurfstadt“ mit Kids im Alter von 6 bis 8 Jahren erforscht und abgesehen vom ersten großen Staunen über die Bilder und der sehr detailverliebten Suche nach den kleinen und großen Fundstücken („Schau mal, der Maulwurf spielt Nintendo“) kamen sehr schnell die ersten richtig tiefen Kommentare und Bemerkungen. „Jetzt wird’s ungemütlich“… „Da möchte ich nicht wohnen… nur ein Klo für so viele Zimmer“ und „Da kommt ja niemand mehr durch – Stau, wie bei uns“…

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Und schon waren wir Eins. Nicht mehr getrennt durch Alter oder Größe, sondern ganz klein unterwegs in den Tunneln unter den Maulwurfshügeln und ahnten von Bild zu Bild, welches Unheil dem größer werdenden Völkchen droht. Vieles erinnert an unseren Alltag. Vieles erinnert an unsere Blindheit und man merkt sehr schnell, dass es kommt, wie es kommen muss. Der Umweltkollaps steht bevor und das eben noch heile Gewässer der kleinen Schaufeltierchen beginnt zu kippen. Oder wie es einer unserer Kleinsten formulierte: „Bauz. Kaputt.“

Um 5 vor 12 greift Torben Kuhlmann ein. Sein Licht geht auch seinen Lesern und den Betrachtern seiner Bildergeschichte auf und es ist völlig klar, dass nicht nur die Maulwürfe den Bogen überspannt haben. Diesem Bilderbuch für alle Altersgruppen gelingt erneut, was bei „Lindbergh“ begonnen hat. Eine Idee greift, Gedanken setzen sich fest und man schaut ein wenig verblüfft aus dem eigenen Maulwurfshügel auf die eigene Welt.

Ich bin gerne mit Torben Kuhlmann geflogen und ich habe gerne mit ihm im Dreck gewühlt. So manche gefährliche Situationen mussten überstanden werden. In beiden Büchern. Ob jedoch die Maulwürfe am Ende die Reißleine zum richtigen Zeitpunkt ziehen, das muss man schon selbst herausfinden. Und vielleicht spürt man dann als Mensch, wie die Reißleine ganz zart auch am eigenen Pullover zieht. Denn letztlich haben wir eines mit den Maulwürfen gemeinsam.

Diese eine Welt… ob über- oder unterirdisch… es gibt keine zweite.

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Eine Schlussbemerkung sei mir noch gestattet. Bilderbücher sind kein Selbstzweck, sie sind in den seltensten Fällen geeignet, unsere Kleinsten völlig alleine zu lassen und darauf zu hoffen, dass die tiefen Aussagen und Botschaften dieser Bücher selbständig gefunden und auch angenommen werden. Transfer benötigt immer eines Impulses von außen. Diese Transferleistung ist eine der wesentlichen Leistungen von Eltern und gut geschulten Erziehern in Kindergärten. Wenn dieser lesenswichtige Impuls nicht kommt, bleibt ein tief angelegtes Bilderbuch eben nur bunt. Maulwürfe bleiben Maulwürfe, eine Wiese bleibt eine Wiese.

Nur durch uns Lebens- und Lesensbegleiter wird aus dem Maulwurf ein Mensch und aus der Wiese die ganze Welt. Bilderbücher transportieren alle Botschaften, die in der heutigen Zeit unverzichtbar sind. Sei bunt, akzeptiere andere, sei schlau und verzichte auf Gewalt. Diese Vermittlung von Werten kann verpuffen, wenn wir den Blick unserer Kinder nicht aus dem Buch heraus auf das wahre Leben lenken. Bilderbücher gehören absolut nicht in den Bereich der Beschäftigungstherapie für Kinder. Das merkt man an den Fragen, die entstehen, wenn man sich gemeinsam in die Bildwelten begibt.

Torben Kuhlmann erzählt von Ökologie und vom verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt. In Lindbergh folgen wir einer  Maus, die vor lebensgefährlicher Gewalt von allen Seiten fliehen muss. Ich werde bald einige dieser bildhaften Geschichten vorstellen. Sie erzählen von Integration, Akzeptanz und Freundschaft. Wir sollten auf Augenhöhe lesen und betrachten und nur, wenn wir dies gemeinsam mit unseren Kindern versuchen, werden wir eine gemeinsame Sprache sprechen.

Maulwurfstadt von Torben Kuhlmann

Maulwurfstadt – Mit einem Klick zur Bilderbuchwelt von Mr. Rail

Bilderbücher gehören in die Mitte unseres Lebens. Auf den großen Familientisch. In diesem Zirkel schließt sich der Kreis, der beim Autor beginnt und niemals bei uns enden wird. Bilderbuchkreisläufe sind unendlich.

Und weiter geht´s mit „Armstrong„… Der ersten Maus auf dem Mond!

Armstrong von Torben Kuhlmann

Armstrong von Torben Kuhlmann

2018 geht uns mit „EDISON“ von Torben Kuhlmann ein weiteres Mäuselicht auf.

Edison von Torben Kuhlmann

„Der Drache hinter dem Spiegel“ von Ivo Pala zu Gast in St. Alban

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Man kommt in diesen Tagen an Drachen nicht vorbei.

Kaum wurde Smaug in Tolkiens Hobbit über der Seestadt abgeschossen und man denkt, endlich Ruhe zu haben, erscheint Ivo Pala am Horizont und präsentiert mit Der Drache hinter dem Spiegel (Sauerländer Verlag) ein Kinder- und Jugendbuch, das sich dem traditionellen Lindwurm von einer ganz anderen Seite nähert.

Wie reagieren Kinder auf Drachen? Was ist Schönheit und wem sollte man im Leben wirklich vertrauen? Wie kann man der Wahrheit auf die Spur kommen, wenn man belogen wird und was geschieht, wenn man selbst keine Wünsche mehr hat? Diesen Fragen sind wir mit diesem Fantasy-Roman auf den Grund gegangen. Wir?

Ja – genau richtig gelesen. Die literarische Sternwarte AstroLibrium hat die Kinder und Jugendlichen des Kinderheims St. Alban zum Drachen-Lesen eingeladen und gemeinsam mit Peggy Steike entstand zuhörend und zeichnend eine kleine Galerie drachenstarker Impressionen. Doch zunächst sollten wir einen Blick hinter den Spiegel der Fantasy-Welt des Ivo Pala wagen, um nicht nur einem Drachen, sondern fünf ganz besonderen Kindern zu begegnen. Vorhang auf für die O´Brians.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala - AstroLibrium - St. Alban

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Es sind schwere Jahre in London vor fast genau 100 Jahren. Armut und harte Arbeit, gerade in den Docks im Hafen der Stadt an der Themse, kennzeichnen das Leben der Familie O´Brian. Seitdem der Vater an einer geheimnisvollen Erkrankung leidet, gelingt es der Mutter nicht mehr, die Familie mit ihren fünf Kindern über Wasser zu halten. Es gibt nur einen einzigen Ausweg, dem drohenden Hungertod zu entgehen.

Florence (Fee) und Herbert, die beiden ältesten Geschwister, werden mit William, Diana und Bernadette nach Schottland geschickt. Sie sollen Zuflucht bei ihrem Großvater suchen, damit sie nicht in London zugrunde gehen. Der Plan der Mutter wäre eigentlich ganz gut gewesen, gäbe es da nicht ein kleines Problem. Die Kinder kennen von ihrem Großvater nur den Namen, sind ihm noch nie begegnet und, wohl das größte Problem, er weiß nicht, was da auf ihn zukommt.

Finn O´Brian ist völlig ahnungslos, als seine Enkel in Kirkcaldy ankommen und sich auf dem Markt nach ihm erkundigen. Die Angst vor dem Ungewissen und die große Sorge um den kranken Vater nagen an den Kindern und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben in Schottland erhält einen ersten Dämpfer, als sie schließlich eine Ruine erreichen, die man ihnen als Wohnort ihres Großvaters beschrieben hatte. Unbewohnt und verwittert macht sie nicht gerade einen vertrauenswürdigen Eindruck… Ebenso wenig wie die Warnungen der Dorfbewohner, es würde dort auch noch spuken.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala – Auf den Spuren Smaugs

Und dann geschieht das Wunderbare. Finn O´Brian empfängt seine Enkelkinder in aller Wärme und Zuneigung. Die Ruine entpuppt sich als wahres Zauberschloss, denn einmal durch die Pforte hindurch öffnen sich Hallen und Säle, die so prachtvoll sind, wie man sie sich in einem Märchenschloss nur vorstellen kann. Und die Kinder werden nach Strich und Faden verwöhnt. Ein Traum wird für die fünf jungen O´Brians wahr.

Jedes der Kinder erhält ein traumhaftes eigenes Zimmer, fast einen kleinen Palast, in dem die allergrößten Wünsche wahr werden. Ein Piratenzimmer, einen Elfenhain, einen Jahrmarkt der wundervollen Spielsachen und eine Bibliothek mit einer verwunschenen Eule. Für alles ist gesorgt. Abenteuer, Spiel, Ablenkung und ein sorgenfreies Leben. Nur für einen O´Brian scheint kein Traum in Erfüllung zu gehen. Ausgerechnet der ängstliche William findet lediglich ein karges Zimmer vor, das so viel Ähnlichkeit mit seinem Zuhause in London hat.

Er hat all seine Kraft zum Träumen verloren. Ihm fallen keine Wünsche mehr ein. Nur seinen geliebten Vater möchte er gesund wiedersehen. Und so beginnt er enttäuscht und alleine seinen Streifzug durch das Traumschloss seines Großvaters. Es kommt, wie es kommen muss. William verirrt sich und findet im Kellergewölbe einen riesigen Spiegel vor, der plötzlich zu ihm spricht. Nur aus den Augenwinkeln heraus erkennt er einen riesigen Drachen, der im Spiegel gefangen scheint und einen Satz sagt, der alles verändert:

„Ich bin in Wirklichkeit dein Großvater. Ich bin Finn O´Brian!“

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Genau an diesem Punkt der Geschichte entwickelt Ivo Pala einen kindgerechten Kosmos der Fantasie, der jeden Leser gefangen nimmt. Man beginnt zu zweifeln und zu hinterfragen. Wir folgen den fünf Geschwistern atemlos auf ihrer abenteuerlichen Reise zu ihren Wurzeln und den Geheimnissen ihres Großvaters und des mysteriösen Drachens. Wem darf man glauben, wem sich anvertrauen, wer sagt die Wahrheit? Ivo Pala schreibt komplex und doch so eindringlich nachvollziehbar in einem Stil, der vorgelesen, vorlesend und selbst gelesen immer tiefer in die Geschichte zieht.

Dabei entsteht ein Kopfkino, das so einzigartig ist, dass es einfach skizziert werden musste. Die Idee war sehr schnell geboren und die wundervollen Kids des Kinderheims St. Alban und Peggy Steike erfüllten diesen Gedanken mit Leben. Eine Lesenacht mit „Der Drache hinter dem Spiegel“, Malutensilien und die Vorgabe „Hört einfach zu und malt, was euch gerade in den Sinn kommt“. Andächtiges Zuhören und das Kratzen von Buntstiften auf Leinwand. Wilde Striche und filigranes Skizzieren. Und als wir eine erste Pause machten, wollten wir unseren Augen kaum trauen.

Die fantastischen Kinderzimmer der O´Brians hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Elfen, eine Bibliothek mit der großen Eule, das Piratenschiff, der Spiegel im Kellergewölbe und Drachen über Drachen hatten ihre Wege auf die Leinwände der Kinder gefunden. Und dabei waren sie hochkonzentriert in der Geschichte. Aufmerksam und wild spekulierend, wer denn nun der wahre Großvater sei. Und ganz nebenbei blieb auch noch Zeit für die ganz individuellen Wunschzimmer voller Rennautos und Bäume. Diesen Moment hätte ich Ivo Pala gerne vor Ort gegönnt. Seine Fantasie hat hier einen hochexplosiven Treibsatz der Imagination gezündet.

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Einen modernen und vielseitigen Autor, der inhaltlich und stilistisch auf den Spuren von J.R.R. Tolkien wandelt und es dabei vermag, Leser fast jeden Alters in seinen Bann zu ziehen, findet man nicht alle Tage. Der Drache hinter dem Spiegel ist ein zeitloses Märchen mit tiefer Botschaft, unbändiger Abenteuerlust und voller Bilder, die das Kopfkino zu einer unvergesslichen Vorstellung des Geistes werden lassen. Ivo Pala schreibt in die Herzen von Jungs und Mädchen.

Er lässt sich nicht in eine Form pressen, weil seine Geschichten selbst die Formen sprengen. Und er erlaubt sich erzählend Ausflüge in alle wesentlichen Mysterien unseres Lesens. Von Stonehenge, über Elfen, von der brennenden Bibliothek von Alexandria bis hin zum geheimnisvollen El Dorado. An seiner Seite reisen und erleben wir. Fühlen, sehen und verstehen. Dabei überfordert er nicht, gibt aber Raum für viele Fragen, die nach dem gemeinsamen Lesen am großen Tisch der Generationen diskutiert werden dürfen. Eine Meisterleistung.

Und doch darf man nie vergessen, wo wir dieses Buch vorgestellt und gemeinsam gelesen haben, wo wir uns befanden, als die kleinen Kunstwerke entstanden. Man darf nicht vergessen, wie die Kinder eines solch liebevoll geführten Kinderheimes empfinden, wenn sie eine solch fantastische Geschichte miterleben dürfen. Die Frage eines der ganz Kleinen am Ende der Lesenacht ist lange in unseren Herzen geblieben:

„Habe ich auch so etwas? Einen Großvater?“

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Der Drache hinter dem Spiegel von Ivo Pala

Bald mehr aus dem Kinderheim St. Alban. Die Lesenacht für die Großen; der Zebrawald; eine ganz besondere Lese-Challenge für Mr. Rail und viele emotionale Momente…

Ich mache genau an dieser Stelle weiter, danke „meinen“ Verlagen, Autoren, den Verantwortlichen des Kinderheims, Schwester Anna, Peggy und ganz besonders Euch… den Kids von St. Alban!

Eine Lesenach um kinderheim St. Alban - Ivo Pala "Der Drache hinter dem Spiegel"

Eine Lesenacht im Kinderheim St. Alban – Ivo Pala „Der Drache hinter dem Spiegel“

„Der Pilot und der Kleine Prinz“ von Peter Sis

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Da bin ich natürlich ein schon wenig sprachlos, denn wer rechnet schon damit an einem eigentlich normalen Tag in seiner literarischen Sternwarte vom Kleinen Prinzen persönlich besucht zu werden? Wie es dazu kam, könnt ihr bei Julia Groß auf Ruby`s Cinnamon Dreams (Blog leider nicht mehr existent) nachlesen. Sie hat nicht nur ein ganz besonderes Blog-Projekt über Antoine de Saint Exupéry ins Leben gerufen, und in ihren ersten Artikeln viel über sein Leben erzählt, sondern sorgt auch noch dafür, dass seine berühmteste Figur eine lange Reise durch das Blog-Universum antritt, um auf anderen Buchplaneten mehr über ihren Vater zu erfahren.

Mit einem Klick zu den Zimtträumereien von Julia

Mit einem Klick zum Parallelartikel auf  Zimtträumereien von Julia

Nachdem ich also dem kleinen Prinzen seine ersten (zugegeben recht neugierigen) Fragen über meine persönliche Beziehung zu Antoine beantwortet hatte, entdeckte er das wohl einzigartigste und neueste Buch in meiner kleinen Saint Exupéry-Sammlung und bat mich, ein wenig darüber zu erzählen. Wir setzten uns in meine gemütliche Leseecke im Observatorium meiner Bücher, betrachteten die Buchsternenkarten, auf denen ich alle neuen literarischen Fixsterne verzeichnet habe, und vertieften uns dann gemeinsam in das großformatige Zauberkunstwerk.

Vielleicht mögt ihr uns ein wenig zuhören, was wir auf unserer gemeinsamen Reise durch das Kinderbuch Der Pilot und der Kleine Prinz – Das Leben von Antoine de Saint Exupéry“ von Peter Sis aus dem Aladin Verlag erlebt haben. Es ist schon ein ganz besonderer Moment, wenn der kleine Prinz persönlich einen neugierigen Blick in ein Familienalbum werfen kann, das er vorher noch nicht zu Gesicht bekommen hat. Ich war gespannt.

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Das ist aber groß…

Ja, das ist es, aber es muss ja auch ein großes Leben rein und es ist auch deshalb so groß, weil große Kinderaugen sehr viel Platz brauchen in solchen Büchern, in denen man eine ganze Welt entdecken kann.

Wollen die Kinder das denn wirklich wissen… Ich meine das über meinen Papa?

Oh ja. Und nicht nur Kinder. Glaub mir das. Ich habe deine Geschichte einmal einem Kind vorgelesen und wir haben beide dabei viel gelernt. Wir haben uns zu dir geträumt, deinen Fuchs getroffen und erlebt, dass Erwachsene nicht immer alles so erzählen, dass Kinder sie verstehen. Und als wir auf der letzten Seite angekommen waren, stellte mir das Kind eine Frage.

Welche denn?

Es wollte wissen, wer der „Große König“ ist. Das hat mich berührt, denn es ist ja völlig klar, dass ein kleiner Prinz der Sohn eines großen Königs sein muss und schon waren wir ganz nah bei deinem Papa. Ich habe dem Kind dann erzählt, dass dieser König Antoine heißt und der Herrscher über das riesige Reich der Fantasie ist. Ich habe erzählt, was dieser König liebt und warum er wohl ein so großer König ist, der alle Menschen reicher machen möchte.

der pilot und der kleine prinz_peter sis_spacer 1

Und das alles steht in diesem Buch?

Nein. Nein, kleiner Prinz, das steht da nicht. Das LEBT in diesem Buch, denn Peter Sis hat die große Welt deines Vaters gemalt und erklärt. Und das hat er so gemacht, dass jeder seinen eigenen Weg durch diese Welt finden kann. Du kannst die Bilder betrachten und saugst die Stimmung der Zeit auf, in der dein Vater lebte. Du siehst wie traurig er war, als er seinen Vater verlor und fühlst, was es ihm bedeutet hat sich vorzustellen, dass sein Vater vielleicht irgendwo auf einem Stern weiterlebt. Und du kannst viel darüber erfahren, was seine Familie und seine Leidenschaft betrifft.

Schau mal Flugzeuge – die hat er so geliebt…

Ja, kleiner Prinz. Ich denke, die hat er deshalb so besonders geliebt, weil er sich ganz frei fühlte, wenn er flog. Und weil er dann vielleicht ein wenig näher an den Sternen war, um an seinen Vater denken zu können. Und aus der Höhe betrachtet, sehen die Sorgen auf der Welt vielleicht ein bisschen kleiner aus. Findest du nicht auch?

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Ja… das Land lacht ihm sogar zu…schau mal…

So sehe ich das auch. Hier versteht man nur durch ein Bild, was dein Vater geschafft hat. Er hat dem Land über das er flog ein eigenes Gesicht gegeben. Er hat sehr viel über das Fliegen geschrieben, lange bevor du auf der Welt warst. Er hat vielen Menschen die Augen geöffnet für dieses große Abenteuer und für seine Liebe zu diesem großen Abenteuer.

Das kannst du auf den Bildern sehen und Peter Sis erklärt dabei auch noch ganz einfach, was zur gleichen Zeit auf der Erde los war. Was deinen Vater begleitet hat, denn ein guter großer König lebt nicht nur allein. Alles was um ihn herum passiert, bewegt und verändert ihn. Er lebt nicht nur in seiner Fantasie, aber er versucht vielleicht durch seine Gedanken alles besser zu machen.

Weil da unten immer Krieg war, oder?

Ja, kleiner Prinz. Ja. Weil da unten immer Krieg war und die Menschen wohl nicht lernen wollten. Und dein Vater wollte sein Land nicht einfach aufgeben. Er liebte Frankreich, weil seine ganze Familie dort gelebt hat und er wollte nicht, dass böse Menschen dieses schöne Land erobernn.

Deshalb ist er auch im Krieg geflogen. Er hat sein Land beobachtet. Von oben. Und dann hat er darüber berichtet, wie weit die bösen Menschen schon in Frankreich eingedrungen waren. Dadurch wollte er helfen, sein Land zu befreien.

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

Hat er das geschafft? Denkst du dass er das geschafft hat?

Wenn du dir die Bilder von Peter Sis anschaust und alles liest, was er über deinen Vater schreibt, dann hat er mehr geschafft, als Frankreich zu retten. Du weißt, dass er aus Amerika zurückgekommen ist, um für Frankreich zu fliegen. In der Fremde hatte er das Gefühl weit weg zu sein. Wie auf einem fremden Planeten und er wollte so gerne erklären, wie leicht es ist, sich besser zu verstehen. Freunde zu haben und für sie einzustehen. Sich gegenseitig zuzuhören und aufeinander zuzugehen.

Diese schönen Gedanken… das bist du, kleiner Prinz. Du kamst in Amerika auf die Welt und dein Vater hat dich beschrieben und gemalt. Du bist sein schönster Gedanke und deshalb lebst du auch ewig. Das kannst du in diesem Buch so sehr erfühlen und erlesen, betrachten und spüren. Du warst der wertvollste Gedanke deines Vaters bevor er….

Starb?

Vielleicht… er kehrte in den Krieg zurück. Nicht jedoch nach Frankreich. Er konnte nur über sein Land fliegen, weil es den Krieg schon verloren hatte. Er hoffte so sehr, etwas tun zu können und kehrte von einem seiner Flüge nicht mehr zurück. Aber man hat ihn nie gefunden. Vielleicht ist er auf einem der Sterne – ganz nah bei seinem Vater und sieht uns heute auch zu. Er hat es vielleicht nicht geschafft, Frankreich zu retten. Das haben kurze Zeit später ganz viele andere gute Menschen getan. Aber er hat etwas anderes erreicht…

der pilot und der kleine prinz_peter sis_spacer 2

Was denn?

Deine Geschichte erreichte alle Menschen, als der große Krieg beendet war. Und du hast vielleicht im Namen deines Vaters dafür gesorgt, dass die Menschen auf der Welt sich besser verstehen, weil sie alle deine Geschichte kennen. Der große König hat mehr gerettet, als nur ein einziges Land. Und wenn du dir das letzte Bild im Buch anschaust, dann siehst du wie er fliegt. Wie ein kleines Kind mit wehendem blonden Haar auf dem Fahrrad seiner Jugend, das an dem Flugzeug befestigt ist, mit dem er zum letzten Flug verschwand. Ist das nicht ein tolles Bild?

Hmmm… der Peter Sis muss meinen Papa ganz doll mögen, oder?

Ja, kleiner Prinz. Das ist ganz bestimmt so. Ansonsten hätte er diese große Geschichte nicht so wundervoll erzählen und malen können. Das ist auch deine Geschichte und du siehst, dass sie niemals endet. Auch jetzt nicht. Weil du die Gedanken deines Vaters in dir trägst – und weil du gerade bei Julia wohnst und einige Menschen besuchst, denen du wichtig bist.

Jetzt wird es aber Zeit für dich, oder?

Ja, aber nur wenn ich wiederkommen darf… versprochen?

Du bist immer hier… immer… hab` dich lieb kleiner Prinz und gute Reise…

Der Pilot und der kleine Prinz - Peter Sis

Der Pilot und der Kleine Prinz – Peter Sis

„Kindheit“ von Peggy Parnass – Mehr als eine wahre Geschichte

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Die Geschichte mancher Bücher muss man eigentlich mehrfach erzählen. Auf der einen Seite natürlich, um ihren wichtigen Inhalt zu würdigen und diesen in den eigenen Lesehorizont einzuordnen, andererseits aber auch, um dem Buch als solches gerecht zu werden, wenn es sich dabei um ein außerordentlich wertvolles Gesamtkunstwerk handelt. Und dann gilt es noch darüber zu berichten, in welch perfekter Symbiose Wort und Bild gemeinsam eine Dimension des Lesens und Betrachtens ermöglichen, die eine unheilvolle Welt für Kinderaugen öffnen kann.

Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust anzuschreiben ist unverändert wichtig. Dies ohne erhobenen Zeigefinger zu tun, ohne junge Leser abzuschrecken und sich dabei auf ihre Augenhöhe zu begeben, das ist das große Geheimnis, eine wahre Geschichte erzählen zu können. Wenn man Kinder und Jugendliche dabei ernst nimmt und ihnen selbst Erlebtes aus längst vergangener Zeit erzählt, dann erreicht man, dass sie aufmerksam zuhören, lesen, betrachten, fühlen und sich in die Perspektive des Erzählers hineinversetzen.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete nimmt seine Leser ernst. Peggy Parnass versammelt junge Menschen um dieses Buch und erzählt ihre eigene Geschichte. Sie spricht dabei Menschen jeden Alters an, da es ihr sprachlich gelingt an die alte Tradition der mündlichen Überlieferung anzuknüpfen. Man hat nicht das Gefühl, ein Buch zu lesen, wenn man ihren Worten folgt. Man sieht sich ihr gegenüber sitzen und fühlt, wie intensiv die Reise in die Vergangenheit für sie sein muss.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Gleichzeitig betrachtet man die Illustrationen der Brasilianerin Tita do Rego Silva, die auf den ersten Blick so gar nicht zu einer Geschichte passen, die den Holocaust im Nazi-Deutschland zum zentralen Thema hat. Gelb- und Orangetöne dominieren die Bilder, die in einer ganz besonderen Technik das helle Licht dieses Buches erblickt haben. Holzschnitte hat die Künstlerin geschaffen und dabei ein Verfahren gewählt, das aus der Vergänglichkeit heraus eine bleibende Dimension entstehen lässt.

„Aber es gibt eine besondere Technik, die Tita für ihre Kunst verwendet, nämlich die Technik der „verlorenen Form“. Dabei wird eine Vorzeichnung spiegelverkehrt auf die Holzplatte übertragen und die Linien ins Holz geschnitten. Dann kann die erste Farbe – Gelb – gedruckt werden. Die Auflage muss nun gut überlegt sein, denn anschließend wird in der gleichen Platte weitergeschnitten und damit die nächste Farbe – Orange – gedruckt. So geht das weiter bis zur letzten Farbe, immer weiter.“

Von der ursprünglichen Holzplatte bleibt nichts übrig – nichts kann wiederholt oder korrigiert werden. Dabei entsteht ein weiteres Problem. Während die Druckmaschinen laufen, verschwindet die Form Ebene um Ebene und am Ende der geplanten Auflage lässt sich das Werk in dieser Art und Weise nicht mehr reproduzieren. Die Erschaffung dieses Buches hat einen sehr endgültigen Charakter. Und doch – die Spuren im Holz erzeugen aus einer verlorenen Form ein ewig bleibendes Abbild in mehreren Ebenen.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Ebenso wie die Form verloren geht und ein immerwährender Eindruck bleibt, ging die Kindheit von Peggy Parnass verloren. Die Nazis haben in ihrem Leben so viele Kerben hinterlassen, dass die Gefahr bestand, dass nichts von ihr bleibt. Dass sie nun ihre eigene Geschichte erzählt und Tita Farbe in die dunkelgrauen Erinnerungen bringt, zeigt mit aller Macht die Fähigkeit zweier besonderer Menschen, gemeinsam aus etwas Verlorenem ein Stück bleibende und lebendige Geschichte zu erschaffen.

Peggy Parnass erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Es ist die Geschichte eines fünfjährigen Mädchens im Hamburg des Jahres 1939. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Kindheit in einem Kindertransport nach Schweden endet. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Eltern von Nazis in Treblinka ermordet wurden. Es ist die Geschichte einer selbstlosen Mutter, die ihre beiden Kinder in letzter Minute zum Bahnhof bringt und sich von ihren Liebsten trennt, um sie vor der Judenverfolgung im Dritten Reich zu retten.

Es ist die Geschichte eines Kindes, das sich bei allen familiären Problemen zuhause geborgen fühlte und dabei ihre Mutter abgöttisch verehrte. Die kleine Peggy bemerkt die Veränderungen, die das einfache Leben ihrer Familie immer mehr einschränken. Die Verhaftungen ihres Vaters Pudl, der in vielfacher Hinsicht ins Visier der Machthaber geriet. Pole, Jude und leidenschaftlicher Spieler. Eine in jeder Hinsicht damals tödliche Kombination. Das Verbot für Juden, Schwimmbäder zu besuchen. Die Häme, gemeine Schmähungen und Verletzungen der Nachbarn. Peggy bemerkte all dies sehr schnell.

Ihre Mutter Hertha Parnass versuchte alles von den Kindern fernzuhalten. Einen schützenden Kokon um sie herum zu weben, aber als sie einsehen musste, dass die Gefahr für Peggy und ihren vierjährigen Bruder Gady zu groß wurde, kam nur noch die Trennung in Frage. Ein Abschied für immer. Für die Kinder der Beginn einer Odyssee. Für die Mutter das unweigerliche Todesurteil im Nazi-Deutschland.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Das mag der Rahmen dieser Geschichte sein. Vielleicht ist er das sogar. Wenn man allerdings beginnt, die Zeilen von Peggy Parnass aufmerksam zu lesen, dann spricht dort ein fünfjähriges Mädchen zu uns, nicht die versierte Kolumnistin, Gerichtsreporterin und Dolmetscherin von heute. Nein. Es ist die kleine Peggy, die wir erlesen und erleben dürfen. Trotzig, naiv, liebevoll, anhänglich, verzweifelt, ängstlich, zornig und wild. Und dabei durch tausend Bänder mit der geliebten Mutter verbunden.

„Sie war klein. Mit wuschelig krausem, schwarzen Haar. Sehr viel Haar. Meistens ein Knoten, um erwachsener und ordentlicher auszusehen. Riesige graue Augen. `ne große Nase. Und jede Menge Mund. Sie hat eine ganz duftende Haut gehabt, weil sie sich immer wusch… Und obwohl sie so abgearbeitet war, hatte sie Hände wie Lilien.“

Hier gilt es, sich auf die Erzählung einer Frau einzulassen, die wie in unter Hypnose zu schreiben scheint. Eine Frau, die ihre Kindheitserinnerungen wiederbelebt und Leser jeden Alters berührt, weil sie so unverfälscht erscheinen, dass es sehr schmerzt. Peggy Parnass schreibt über Liebe, Eifersucht und Angst. Sie beschreibt aber auch die vielen unvergessenen Momente, die aus ihrer Familie eben ihre kleine Familie gemacht haben. Zerstört und ausgelöscht.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Diese Worte in Verbindung mit den Bildern von Tita auf sich wirken zu lassen ist eine der wohl intensivsten Lese-Erfahrungen, die ich in meinem bisherigen Lesen „Gegen das Vergessen“ erlebt habe. Die volle Wucht der Verlustangst und der Verzweiflung, die Hilflosigkeit eines Kindes und seiner Mutter werden so greifbar, wie die Anzeichen von Gefahr auf den Holzschnitten im Buch. Davidsterne tauchen auf, Verbote, Hakenkreuze und die pure Angst macht sich breit. Wir werden nicht nur zu Zeugen der schmerzhaften Trennung am Bahnhof, sondern erleben auch den Verlust der letzten Andenken an ihre Mutter. Die letzten Postkarten aus Treblinka werden ihr genommen. Wutlesen setzt ein!

Die Odyssee führte Peggy Parnass über zwölf Pflegefamilien in Schweden, die Trennung von ihrem Bruder und die Flucht zu einem Onkel in England. Dem einzigen weiteren Überlebenden der Familie. Das nun vorliegende Buch wurde 2013 zu den schönsten Büchern Deutschlands gewählt. Dem Fischer Verlag ist es zu verdanken, dass die vergriffene Erstauflage nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Wir können viel erlesen und betrachten. Wir werden berührt und beschämt werden durch die Gefühle eines kleinen Mädchens. Wir werden aber keinen Hass im Buch entdecken. Es ist auch eine Liebeserklärung an die Vergebung.

„Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete“ schließt eine wichtige Lücke in den Erzählungen über den Holocaust. Die kindliche Sichtweise wurde selten so direkt vermittelt. Und gleichzeitig ist dieses große Buch eine Liebeserklärung an die Eltern von Peggy und Gady. Eine vollendete Liebeserklärung, die an einer besonderen Stelle in Hamburg zu einem greifbaren und bewegenden Mahnmal wird. Dort wo es keine Gräber gibt, finden sich drei Stolpersteine.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Zwei mit den Namen der Eltern und ein dritter mit der Inschrift: „Die Liebenden“. Sprachlos – ich…

kindheit_peggy parnass_astrolibrium