„Die Mitternachtstür“ von Dave Eggers

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers? Ein Roman für Kinder ab 11 Jahren? Ja – richtig gelesen. Ein Autor, der bisher ausschließlich das gehobene Erwachsenen-Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste, dessen neuer Roman „Der Mönch von Mokka“ gerade erschienen ist, begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt? Mal ganz unabhängig davon, welche Risiken er hier eingeht, es ist einfach mutig und schon gewagt, den Nachweis antreten zu wollen, auch von jüngeren Lesern verstanden zu werden. Dabei ist Eggers bekannt dafür, seine Stories komplex anzulegen, ihnen in mehreren Handlungssträngen und im Detail ausgearbeiteten Charakteren literarische Schlagkraft zu verleihen. Ich war mehr als gespannt, als ich erfuhr, dass er „Die Mitternachtstür“ aufstoßen und neue Welten betreten würde.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Eine spannende Rahmenhandlung zu gestalten, ja, das traue ich ihm jederzeit zu. Leser zu fesseln und bei der Stange zu halten, Cliffhanger einzustreuen, die für Tempo sorgen und Pausen unterbinden, auch das. Eine Message an junge Menschen in einen Roman zu integrieren, das hielt ich schon eher für problematisch, weil eben jener Dave Eggers schon immer sozialkritisch und niemals ohne staatstragende Botschaft schrieb. Ich stieß „Die Mitternachtstür“ auf, versetzte mich in einen Zustand kindlichen Lesens und folgte ihm in die Kleinstadt „Carousel“. Eine Stadt in den USA, die sich tief in mein Lesen eingebrannt hat, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und dies im absolut wahrsten Sinn des Wortes.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers macht es seinen Lesern leicht, sich auf „Carousel“ einzulassen. Wir folgen seinen anschaulichen und bildhaften Beschreibungen und entdecken eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird. Er lässt sie sichtbar werden. Häuser stürzen plötzlich ein, Straßen sind voller Schlaglöcher und der ganze Ort ist von Rissen durchzogen, die schiefen Häuser drohen umzukippen und alles hat seinen Halt verloren. Dabei war die kleine Stadt einmal sehr berühmt, weil hier die schönsten Kinderkarussells hergestellt wurden. Wertvolle geschnitzte Holzpferde an goldenen Stangen kreisten um das Herz des Karussells und ließen Kinderherzen höher schlagen. Aber das war lange her. Jetzt herrschen Tristesse und Arbeitslosigkeit in der kleinen Stadt.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Überhaupt nicht der richtige Ort für einen Neuanfang. Erst recht nicht, wenn man in wirtschaftlichen Problemen steckt. Die Flowerpetals jedoch zieht es nach Carousel. Der Vater arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund und der zwölfjährige „Gran“ alles andere, als hart wie Granit, was sein Name eigentlich aussagen sollte. In seiner Schule, wird er Zeuge unglaublicher Vorfälle. Er sieht Häuser einstürzen, erlebt ein heftiges Erdbeben, das ein riesiges Loch in der Schule entstehen lässt und begegnet „Catalina“, einem gleichaltrigen Mädchen, das in der Lage ist ganz plötzlich zu verschwinden. In den Untergrund, in die Tiefe unter „Carousel“, wo sich ein Tunnelsystem immer weiter ausbreitet und den ganzen Ort aushöhlt. Hier beginnt eine abenteuerliche Geschichte, in der zwei Kinder zu Rettern einer Stadt werden können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Die Bilder von Dave Eggers sind gewaltig. Eine ins Bodenlose fallende Stadt; Angst, die um sich greift; Menschen, die von der Panik der Mitbürger profitieren und nur ganz wenige Mutige, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wirtschaftliche Nöte und Perspektivlosigkeit verpackt Dave Eggers in ein begreifbares Szenario. Wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina in die gefährlichen Tunnel. Wir helfen ihnen dabei, sie abzustützen. Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst. Und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise. Lass Dir keine Angst einjagen; glaub nur, was du selbst siehst; vertraue Dir selbst und traue Dir etwas zu. Das schreit Dave Eggers seinen jüngsten Lesern zu. Botschaften, die wir heute benötigen. „Die Mitternachtstür“ ist eine Gegenbewegung zur Panikmache. Wir alle können diesem Kinderbuch mehr abgewinnen, als wir uns vorstellen können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Es ist ihm gelungen. Mit Bravour. Kurze, spannende Kapitel mit Vignetten von Aaron Renier, die das Höhlensystem unter „Carousel“ zeigen, lassen keinen Spannungsabfall zu. Die Protagonisten sind, gerade für jugendliche Leser, greifbar und plausibel. Magie liegt in der Luft, und doch wird schnell klar, dass wir selbst Herren eines Zaubers sind, der die Welt retten kann. Eggers zieht Populisten die Maske vom Gesicht und entlarvt jene, die in „Carousel“ abstruse Ängste schüren. Lehrreich und unterhaltend noch dazu. In der Hörbuchfassung entführt uns Jacob Weigert in die Tunnelwinde unter der Stadt. Er hat mich sprachlich schon bei „Mein Freund Pax“ überzeugt und findet auch hier zu jeder Zeit die richtige Betonung und den passenden Rhythmus. Mein Urteil: absolute Lese- und Hörempfehlung.

PS: Solltet Ihr nach dem Lesen oder Hören ein Kinderkarussell mit Holzpferden entdecken, so ich garantiere ich Euch, dass Ihr „Die Mitternachtstür“ im Herzen tragt, wenn Ihr mit Euren Kindern um die Wette reitet! Vertraut diesem Buch.

Und keine Angst vor Elchen… (Ein Insider, der nach dem Lesen verständlich wird!)

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

[Bilderbuch] Walross, Spatz und Beutelteufel – Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Bilderbücher, Bilderbücher, Bilderbücher… 

Ganz eigene Welten, ganz eigene Leser und Betrachter und eine bunte Vielfalt, die sich unaufhaltsam in unsere Herzen schleicht. Ja, die kleine literarische Sternwarte hat ein kleines, eigenes Universum der Bilderbuchwelten entdeckt und ich bin fest davon überzeugt, dass diese buchigen Fixsterne für „Noch-Nicht-, Erst- und Schon-Immer-Leser“ eine Bedeutung haben, die man einfach nicht unterschätzen darf.

Mein erstes Bilderbuch ist mir noch heute tief im Gedächtnis verankert und vielleicht hat damals meine große Liebe zur Literatur ihren Anfang genommen. Unvergessen sind die Momente des gemeinsamen Betrachtens, des Hinterfragens und des wilden Blätterns und Suchens, die mich noch heute zum Kind werden lassen, wenn ich die Märchen der Völker zur Hand nehme.

Doch oftmals stellt man leider beim gemeinsamen Lesen fest, dass die modernen Bilderbücher an der eigentlichen Zielgruppe vorbei geschrieben und illustriert werden. Allzu pädagogisch kommen einige von ihnen daher, allzu bunt und doch inhaltsleer oder einfach nur so unbedeutend, dass schon nach dem einmaligen Genuss nie wieder der Wunsch entsteht, dieses Buch erneut aufzuschlagen, oder darüber nachzudenken.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman-

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und dann gibt es die großen Geschichten, die uns Erwachsene faszinieren, die aber die Kleinen so sehr überfordern, dass die Enttäuschung groß ist, wenn die wertvolle gemeinsame Lesezeit mit endlos großen Fragezeichen in den neugierigen Kinderaugen verpufft. Und natürlich ist die Anschaffung eines Bilderbuches auch immer wieder eine finanzielle Frage, erhält man doch für einen recht stattlichen Preis ein Buch, das oft aus nicht mehr als 30 bis 40 Seiten besteht.

Hier will in jeder Beziehung abgewogen und mit viel Liebe entschieden werden, welches Bilderbuch das Allerheiligste im Kinderzimmer erobert. Mir persönlich ist immer wieder wichtig zu beobachten, was diese Kinderbücher mit ihren Lesern anstellen und ein absolutes Merkmal für einen absoluten Volltreffer in diesem Genre ist es, wenn nach dem Lesen das Buch nicht im Schrank verschwindet, sondern „gezündet“ hat. Ideen, Inspirationen, Gedanken und Träume.

Einen solchen Zündfunken habe ich zuletzt mit dem Bilderbuch Walross, Spatz und Beutelteufel“ von Adrienne Barman erlebt, und genau aus diesem Grund ist dieses Buch auf meiner literarischen Sternenkarte der Bilderbücher ein wichtiger Fixstern zur unterhaltsamen Selbstfindung und Erweiterung der noch ganz jungen Denkwelten. Und dies aus gutem Grund, den man sich einfach mal vor Augen halten sollte, da man dieses Buch ansonsten vielleicht unterschätzt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Nach einer Geschichte sucht man hier vergeblich und die wenigen Worte dienen nur als Überschriften für die einzelnen Kapitel. Was uns dort jedoch erwartet, ist nicht nur für kleine Entdecker spannend, sondern bringt auch das „ältere“ Bilderbuchherz zum Pochen und den eingerosteten Grips zum Dampfen. Tiere sind in wundervollen warmen Zeichnungen zu finden. Scheinbar wahllos sind sie angeordnet, da die einzelnen Tiere auf den einzelnen Seiten im wissenschaftlichen Sinn nicht viel gemeinsam haben.

Und doch ist es so ganz anders als man denkt, oder sieht. Diese ganz besondere Enzyklopädie bedient sich nicht der althergebrachten biologischen Kategorien, die man in der Schule vorgesetzt bekommt. Hier werden die Tiere unserer Welt in ganz eigenen und völlig neuen Kategorien vereint, die sich oft schmunzelnd und manchmal auch laut auflachend dem Betrachter sofort erschließen.

Schautafeln aus der Schule oder dem Kindergarten kann man bequem aus der Hand legen, denn nun gilt es, die „Ordnung der Tiere nach Adrienne Barman“ in sich aufzunehmen und sie einfach zu genießen. Wir finden Ordnungskriterien, wie:

  • Die Schneeweißen,
  • Die Himmelblauen,
  • Die Schlauen,
  • Die Schnellen,
  • Die Bergbewohner,
  • Die Nachtschwärmer,
  • Die Leisen,
  • Die Architekten,
  • Die Riesen
Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Und so geht es lustig immer weiter. Mehr als 40 Kriterien bilden die Kategorien für die Neuordnung des Tierreichs. Dabei sind es eben sehr kindliche Faktoren, die hier als Kriterien verwendet werden und da liegt schon der besondere Zauber des Bilderbuchs. Ohne große Erklärungen werden die Tiere in vereinfachter, jedoch sehr ansprechender Weise dargestellt. Sie fügen sich, wie der sich am Kopf kratzende Schimpanse, in die Ordnungskriterien (hier: „schlau“) ein und blicken dem Betrachter mit wachen Augen sehr lebendig entgegen.

Erklärungen findet man nur dort, wo sie aus Sicht der Autorin zwingend erforderlich sind. Zum Beispiel, wenn es um die Länge der Zungen von Tieren der Kategorie „Die Langzungen“ geht. Leicht verständliche Begründungen werden dem Leser an die Hand gegeben, warum das jeweilige Tier genau an dieser Stelle zu finden ist.. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Dieser bewusste Verzicht auf Sprache oder langatmige Hinweise regt zum eigenständigen Entdecken und zum Begreifen an. Und dieses Begreifen führt zum eingangs erwähnten magischen Zündfunken im Buch.

Denn während wir staunen, betrachten und uns dieser ungewöhnlichen Neuordnung erfreuen und uns darüber wundern, wie offen und frei man Tiere „unter einen neuen Hut“ bringen kann, setzt bei den Kleinen etwas ganz Besonderes ein. Ich durfte diesen Zündfunken schon mehrmals live erleben, wenn nämlich ganz plötzlich die Aufforderung kommt, einem Bild doch noch ein Tier hinzuzufügen, weil es eben auch dazu passt.

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Oder, wenn schon während des Betrachtens über neue Kriterien nachgedacht wird, die hier scheinbar vergessen wurden. „Die Stinkenden sind gar nicht drin – und da fallen mir ganz viele ein, die so richtig stinken“. Diesen Satz werde ich so schnell nicht vergessen. Und schon liegt das Bilderbuch mittendrin im Zentrum eines kindlichen Gedankensturms, der über das passive Anschauen und bloße Berieseln hinausgeht.

Hier wird die Kreativität der Kinder herausgefordert und das Kategorisieren nach eigenen Vorstellungen gefördert. Bei Waldspaziergängen tauchen auch Wochen nach dem ersten fröhlichen Betrachten immer wieder Fragen auf, ob denn die entdeckten Tiere im Bilderbuch seien, oder ob man tatsächlich eine neue „Art“ entdeckt habe. Und voller Stolz werden dann zuhause „Die Zutraulichen“ oder „Die Verschmusten“ oder „Die Nie-Alleine-Flieger“ gemalt und ins Buch gelegt.

Walross, Spatz und Beutelteufel – Das große Sammelsurium der Tiere“ von Adrienne Barman, – 2015 erschienen im Aladin Verlag – ist eines der viralsten und nachhaltigsten Bilderbücher, das ich in freier Wildbahn beobachten durfte. Es lebt, lädt ein zum „Spinnen“ und ordnet dabei ganz spielerisch die Tierwelt neu. Was ich noch nicht beurteilen kann, sind die Auswirkungen dieses Denkens auf die Biologielehrer in der Zukunft. Ich muss schon jetzt herzhaft lachen, wenn ich nur daran denke, wenn ein Schüler behauptet, dass im aktuellen Biologiebuch einige wichtige Kategorien einfach fehlen:

„Die Gladiatoren“ zum Beispiel… „Die habe ich nämlich selbst gefunden… damals, als ich noch Bilderbücher las…“

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Walross, Spatz und Beutelteufel von Adrienne Barman

Ein Wort zu den erwachsenen Fans dieses Bilderbuches: Darwin war gestern, Barman ist heute. Im Biologie-Unterricht haben wir vieles gelernt. Artenvielfalt, Genetik, Gattung oder den Unterschied zwischen morphologischem und biologischem Artbegriff. Diese Kriterien sind wissenschaftlich fundiert, historisch untermauert, korrekt und sicher auch extrem hilfreich, um Paarhufer von Einzelhufern zu unterscheiden. Aber es macht keinen Spaß! Probieren Sie es einfach aus. Am besten nicht allein und lassen Sie sich von diesem Sammelsurium verzaubern. 

Editorial:

Ich danke Adrienne Barman für die Überlassung der enzückenden Autorenfotos, die so schön zu diesem Buch und dem Artikel passen. Ganz besonders danke ich auch für die Geduld, meine holprigen französischen Fragen in aller Seelenruhe und mehr als freundlich zu beantworten!

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[Bilderbuch] „Vampi – Die kleine Vampirfledermaus“

Vampi - Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Vampi – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Manchmal kommt man als Literaturblogger zu einem Buch, wie die Jungfrau zum Kind. Man hatte es nicht auf der Liste, hat noch nie davon gehört und plötzlich ist es da und schaut einen ein wenig vorwurfsvoll an, als wollte es sagen: „Hier bin ich. Und was stellen wir beiden Hübschen jetzt an?“ Diesem besonderen Buch-Charme kann man sich einfach nicht entziehen und im Laufe meines langen Bloggerlebens habe ich festgestellt, dass es keinen Zufall gibt.

Bücher wollen gefunden werden und wenn wir es nicht schaffen, dann nehmen sie ihr Glück selbst in die Hand oder ergreifen die Chance mit dem eigenen Lesebändchen. Oder… Und auch das kommt vor… Sie schicken jemanden vor, der uns ganz heimlich mit einem Buchvirus infiziert, gegen den es nur ein einziges Heilmittel gibt: LESEN.

Tom Daut ist so ein Vorgeschickter. Ein sehr geschickter Vorgeschickter und doch war auch er auf der Leipziger Buchmesse der Fügung hilflos ausgliedert, die mich mit einem Kinderbuch in Verbindung brachte, als er zu singen begann. Ja, richtig gelesen. Tom Daut gab mir für Literatur Radio Bayern ein exklusives Interview und brillierte in all seinen Facetten. Als Autor des eigenen Sinistra-Projekts, als Sprecher bei eigenen Lesungen, als Visionär, was seine literarische Zukunft betrifft, als leidenschaftlicher Büchermensch und nicht zuletzt als Hörbuchsprecher.

Tom Daut - Das exklusive Buchmesseinterview - Vampirfledermaus

Tom Daut – Das exklusive Buchmesseinterview

Um das Radio-Interview anhörlicher zu machen (sagt man doch so), bat ich ihn ganz einfach, seine Hörbuchstimme zum Besten zu geben und auch auf diesem hörbaren Wege zu zeigen, was ihn als Künstler ausmacht. Als er dann das Buch aus der Tasche zog und kurz erklärte, worum es ging, konnte ich kaum glauben, was er erzählte.

Vampi – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner, erschienen im Papierverzierer Verlag, ist eine ganz besondere Geschichte für Kinder und spielt im Trier zur Zeit der Römer. Vampi lebt im Stadttor Porta Nigra und begibt sich nachts zu seinen blutsaugenden Ausflügen in die Stadt, was ihr eine Menge Ärger einbringt.

Weiter kam Tom nicht. Meine Gedanken schweiften ab, als Tom Daut das Vampi-Lied aus dem wundervoll illustrierten Lese- und Bilderbuch lauthals zu singen begann. Meine Gedanken waren schon abgewandert. Was Tom nicht wusste, und was in diesem Moment wirklich wie eine buchige Fügung auf mich wirkte, ist die Tatsache, dass ich in Trier geboren wurde und dieser Stadt immer noch sehr verbunden bin.

Jetzt in Leipzig in ein Bilderbuch zu schauen, in dem ich alle markanten Punkte aus meiner eigenen Vergangenheit erkannte, war schön und ein wenig unheimlich zugleich. Als ich dann auch noch erfahren durfte, dass Sandra Baumgärtner in Trier lebt und schreibt, war völlig klar, dass ich über dieses Buch berichten muss. Ganz besonders, weil die kleine literarische Sternwarte treue Leser in Trier aufzuweisen hat. Also auf nach Augusta Treverorum.

Lasst uns römische Tuniken anziehen, lustige Sandaletten tragen und folgt uns zum Stadttor, das noch heute das Wahrzeichen von Trier ist: DER PORTA VAMPIRA… (öhm… Nigra, dachte ich, aber das ist historisch nicht mehr ganz haltbar, wenn man Vampi Glauben schenken darf!). Und ich glaube ihr! Punkt. Vorschusslorbeeren sind das wahrlich nicht, denn Lorbeerkränze müssen sich Bücher ganz ehrlich verdienen. Da reicht es nicht, dass sie aus meiner Heimat kommen. Auch römischen Statthaltern wurden die Lorbeeren nicht eben nachgeworfen.

Also mitten hinein in „Vampi – Die kleine Vampirfledermaus“. Und Augen auf, es wird historisch, blutig, spannend, lehrreich und einfach zum Brüllen komisch, denn Vampi mischt die Römer auf. Fast so, wie Asterix und Obelix, nur halt mit Flügeln und so richtig blutdürstig. Also nicht ganz schlimm blutdürstig. Eben nur so zum Eigenbedarf und so ein kleiner Vampi-Biss haut doch einen Römer nicht um. Oder?

Vampi - Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Vampi – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Weit gefehlt. Seit sich Vampi dazu entschlossen hat, die Porta Nigra, das mächtige Stadttor, zu seiner Wohnhöhle zu machen und von dort zu nächtlichen Ausflügen zu starten und ein wenig Blut zu tanken, breitet sich die Legende vom Monster schnell aus. Das Stadttor wird nur noch als Porta Vampira bezeichnet und die Besucher bleiben aus. Und mit den Besuchern fehlen dem römischen Statthalter Augustus nun auch noch die wichtigen Einnahmen, ohne die man so eine Stadt echt nicht am Leben erhalten kann.

Also beschließt er, sich selbst um die Angelegenheit zu kümmern und denkt sich einen Plan aus, um die kleine Fledermaus endgültig aus der Stadt zu vertreiben. Mehr als den höhnischen Vampirfledermaus-Gesang erntet er allerdings nicht. Und doch zeigt sein Plan in gewisser Weise seine Wirkung, denn Vampis Wege, an römisches Blut zu gelangen, werden komplizierter.

Doch erst ein Versehen, aus dem ein Vampir-Unfall wird ist der Auslöser für die erste persönliche Begegnung zwischen Statthalter Augustus und dem wahren Übeltäter und Blutsauger. Oder stellen wir uns schon jetzt die Frage, wer hier eigentlich wer ist. Jedenfalls nimmt die Geschichte in diesem Augenblick eine wundervolle Wendung.

Vampi - Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Vampi – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Ach herrlich. Mehr muss man eigentlich nicht sagen. Die liebevollen Illustrationen von Susanne Beneš (benSwerk) strahlen alles aus, was man sich nur von einem solchen modernen Bilderbuch erhoffen kann. Es wirkt warm, spannend, mystisch und dunkel, da wo es Dunkelheit verströmen soll. Und doch lässt es den Charakteren so viel Freiraum, dass es jedem Kind mühelos gelingt, in die Bilder zu springen und Teil der Handlung zu werden. Beneš spielt mit den Farben und Symbolen dieser Geschichte, wie Sandra Baumgärtner mit ihren Worten spielt.

Die Autorin erzählt ihre Geschichte mit einfachen Worten. Aber eben Worten mit ganz eigener Melodie. Sie vermittelt ganz nebenbei spielerisch, wie man so lebte vor mehr als 2000 Jahren, welche Bauten damals entstanden und wie wichtig ein solches Stadttor war. Wort und Bild erzählen eine gemeinsame Geschichte, als hätten beide gemeinsam das Licht der Welt erblickt. Gut und Böse sind für Sandra Baumgärtner keine bloßen Abziehbilder, sie betrachtet differenziert und zeichnet mit ihren Worten, was Susanne Beneš mit Bildern erzählt. Eine tolle Symbiose.

Ein Riesenspaß für die Kleinen. Und nicht nur die Kids, die aus Trier kommen, denn solche Bauwerke findet man ja in vielen Städten. Ein Mix aus Spaß, Unterhaltung und Wissen wartet hier darauf, endlich entdeckt zu werden. Und zum guten Schluss hat das kreative Buch bester Qualität auch noch einen tollen Mitmach- und Bastelteil zu bieten. Gemeinsam auf Entdeckungstour zu gehen ist ein absolutes Erlebnis und der Blick zur Porta Nigra wird fortan auch ein Blick zu Vampi sein.

Damit sich der Kreis zum Interview mit Tom Daut nun wieder schließt, sei darauf hingewiesen, dass man Vampi auch als Hörbuch genießen kann. Aber nehmt euch in Acht. Wenn ihr einmal gehört habt, wie Tom Daut mit Vampis Stimme singt, dann wollt ihr auch das Buch… Und umgekehrt. Genießt es.

Vampi - Die kleine Vampirfledermausvon Sandra Baumgärtner

Vampi – Die kleine Vampirfledermaus von Sandra Baumgärtner

Liebe Grüße nach Trier von einer buchigen Vorwitztuut.

[Bilderbuch] „Oma trinkt im Himmel Tee“ von Fang Suzhen

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Bilderbuchwelten dienen der frühleserlichen Unterhaltung; manchmal der Erziehung der lieben Kleinen, können sinnvoll dabei helfen, Werte zu vermitteln und lassen Eltern auch nicht im Regen stehen, wenn es darum geht Lebensbegleiter in schwierigen Situationen zu sein.

In den letzten Monaten sind Bilderbücher erschienen, die mehr als beispielhaft in ihrer Kreativität sind. Ihre Aussagen richten sich gegen Ausgrenzung und Rassismus, handeln von Freundschaft unter den widrigsten Bedingungen. Sie geben Mut, einfach anders sein zu wollen oder thematisieren Umweltschutz und stehen für den Erhalt von Mutter Natur.

Ausgesprochen heikel wird es dann, wenn Bilderbuchautoren und Illustratoren sich mit dem sensiblen Thema auseinandersetzen, das von Verlust und dem Tod geliebter Menschen handelt. Dieser Spagat zwischen buntem Kinderbuch und traurigem Thema gelingt nicht immer und es ist oftmals ein Wagnis, ein solches Bilderbuch in die eigene Verarbeitung von Trauer zu integrieren, oder Kinder mit solchen Büchern ganz langsam und behutsam darauf vorzubereiten, dass Oma und Opa nicht ewig leben.

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Unter diesem Aspekt war ich auf der Frankfurter Buchmesse mehr als angetan von dem Weg, den der NordSüd Verlag mit dem wundervollen Bilderbuch Oma trinkt im Himmel Tee beschritten hat. Eine zutiefst asiatisch anmutende und tief angelegte Geschichte mit unglaublich warmen Bildern erweckte den Eindruck, man befände sich bereits lesend und schauend in einem völlig ungewohnten Kulturkreis.

Dabei ist es schon von besonderer Bedeutung, dass die Autorin Fang Suzhen eine mehrfach preisgekrönte taiwanesische Kinderbuchautorin ist, die bereits mehr als 200 Bücher veröffentlicht hat, und die Illustratorin Sonja Danowski aus Berlin stammt. Sie hat sich der Aufgabe verschrieben, mit ihren Bildern Erinnerungen zu bewahren und es ist nicht ihr erster Ausflug nach Asien. Ihre wundervollen Zeichnungen und Illustrationen sind in Korea, Taiwan und China sehr bekannt.

Gemeinsam erzählen uns die beiden kongenialen Schöpfer dieses äußerst realen Bilderbuches die Geschichte des kleinen Xiao Le, der mit seiner Mutter zum ersten Mal seit langer Zeit das kleine Dorf besucht, in dem seine Oma lebt. Aus der Vorfreude auf die lange Zugfahrt wird bei dem kleinen Vorschulkind ganz langsam und in eher kleinen Schritten die Erkenntnis, dass im Haus der Oma etwas nicht so ist, wie er es mal war.

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Es ist nicht nur die Atmosphäre oder die Tatsache, dass seine Oma im Bett liegt. Es ist die Traurigkeit seiner Mutter, die der kleine Xiao in sich aufzusaugen scheint. Als er mit seiner Oma ein wenig alleine bleiben kann um ihr zu helfen, entstehen Momente intensiver Nähe und auch Augenblicke des gegenseitigen Erzählens und Zeigens.

Großmutter gelingt es sogar für einen Moment aufzustehen und mit ihren Lieben im Garten Tee zu trinken. Der Abschied aus diesem kleinen Dorf ist zugleich ein Abschied von der Oma und ohne dass man Xiao erzählt, dass es so ist, versteht er die besondere Stimmung dieser letzten gemeinsamen Stunden. Zuhause erfährt er von seiner Mutter, dass Großmutter nicht mehr lebt.

Wie Mutter und Sohn diese emotional schwierige Situation meistern, wie sie sich einander nähern und auch die aufkommenden Gefühle nicht unterdrücken ist bewegend und lehrreich zugleich. Und doch nimmt das Bilderbuch einen elementaren Gedanken auf, der in solchen Fällen zur großen Falle innerhalb der Trauer werden kann.

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Denn umso selbstverständlicher, liebevoller und einfacher man einem Kind den Tod näher bringt, umso greifbarer dieser Verlust offen angesprochen wird und umso schöner die vermittelten Ideen vom Leben nach dem Tod sind… „Oma trinkt im Himmel Tee“, umso größer wird die Verlustangst unserer Kinder. Umso größer kann die Angst werden, dass es nun auch ganz leicht möglich ist, dass die eigene Mutter bald zum Tee trinken gehen muss.

Dieses Buch lässt uns nicht allein mit dieser Falle. Es nimmt die Gefahr auf und bringt sie in Wort und Bild ganz behutsam zur Sprache. Den Kindern, die mit uns in diese Geschichte eintauchen wird diese Angst genommen und es wird ihnen noch viel mehr genommen: die Angst, solche Fragen zu stellen. Kinder öffnen sich, wenn wir uns öffnen. Gefühle erzeugen Gefühle und auf dieser Basis ist „Oma trinkt im Himmel Tee“ ein kleiner großer Schatz im Bilderbuchregal.

Nehmt euch eine Tasse Tee, taucht in die wundervolle und gefühlvolle Geschichte ein und denkt in einer ruhigen Minute darüber nach, in welchen Situationen ihr selbst gerne ein solches Buch zur Hand gehabt hättet, um über einen tiefen Verlust hinweg zu kommen. Der Tod wiegt nicht leichter durch solche Lesenswegbegleiter, aber er nimmt uns nicht die Sprache, wenn wir sie vor Augen haben. Bilderbücher helfen heilen…

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Oma trinkt im Himmel Tee von Fang Suzhen und Sonja Danowski

Mehr von Sonja Danowski: „Der Anfang“ – Ein Bilderbucherlebnis

Der Anfang von Paula Carballeira und Sonja Danowski

„Nur Meer und Himmel“ von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Man vergleicht ihn in seinem Heimatland oft mit Robert Louis Stevenson. Man sagt ihm nach, dass seine mehr als erfolgreichen Kinder- und Jugendbücher Abenteuer so hautnah vermitteln, dass man meint, nicht nur Teil des Lesens, sondern aktiver Teil der Geschichte zu sein. Im deutschsprachigen Raum ist Michael Morpurgo vielleicht noch einer der bekanntesten unbekannten Autoren unserer Zeit. In England jedoch genießt er große Aufmerksamkeit und erfreut sich einer treuen Leserschaft.

Woher wir ihn kennen könnten? Was wir von ihm gelesen haben? Nun, vielleicht haben wir ihn lesend noch nicht so richtig entdeckt, aber die Verfilmung eines seiner Bücher hat auch hier Millionen Menschen in die Kinos gelockt. 1984 schrieb er War Horse und die cineastische Adaption von Steven Spielberg mit Benedict Cumberbatch (Sherlock) in einer mehr als tragenden Rolle hat wohl gezeigt, wie Morpurgo erzählt und was ihn beschäftigt.

Michael Morpurgo - Der Autor von War Horse - Gefährten

Michael Morpurgo – Der Autor von War Horse – Gefährten

Gefährten“ erzählt die bewegende Geschichte eines Pferdes im Ersten Weltkrieg. Die Geschichte einer Familie, der nur dieser Gefährte bleibt, um das karge Stückchen Land zu bestellen. Und genau dieses treue Pferd wird nun von der britischen Kavallerie konfisziert und an die französische Front verschifft. Joey galoppiert gequält über die Schlachtfelder, während sein junger Besitzer Albert Narracot seinem besten Freund in den Krieg folgt. Ein ganz großer, ein bewegender, ein grandioser Film. Ebenso erzählt Michael Morpurgo. Und genau so schreibt er.

Nun können wir uns in einem besonderen Jugendbuch davon überzeugen, denn seine Erzählung „Half a Man“ ist gerade in der Reihe „Die Bücher mit dem blauen Band“ im Fischer Verlag erschienen. Wenn „War Horse“ eine epische Geschichte mit vielen verschachtelten Nebenhandlungen war, dann haben wir es in Nur Meer und Himmel mit dem puren Extrakt einer großen Erzählung zu tun.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Illustriert von Gemma O`Callaghan entwickelt Morpurgo aus der Rückschau seines Ich-Erzählers auf seine Jugend die bewegende Geschichte seines Großvaters. Viele Worte benötigt der britische Schriftsteller nicht. Verschnörkelungen oder pathetische Phrasen sucht man vergebens. „Nur Meer und Himmel“ gleicht dem Kern einer Praline. Sie kommt ohne Verpackung, ohne Mantel und ohne Verzierung aus, sondern entfaltet ihren vollen Geschmack schon auf der ersten Seite.

Michael fürchtet sich vor den seltenen Besuchen seines Großvaters in London. Allzu verbittert ist der alte Mann, allzu allein und allzu versehrt an Körper und Seele. Eine dramatische Kombination für einen Jungen, der so gerne den eigenen Großvater erleben würde. Aber alle Warnungen besagen, dass er genau das nicht darf. Verbote bereiten die Besuche seines Opas vor.

Keinen Krach darf er machen! Opa ist empfindlich! Keine Fragen soll er stellen! Das gehört sich nicht… Und ganz besonders wichtig: Michael darf seinen Großvater auf keinen Fall anstarren. Darauf würde er sehr empfindlich reagieren. Und das aus gutem Grund. Er hat im Krieg sein Gesicht verloren. Verbrannt, vernarbt und entstellt kam er zurück. Was damals genau geschah, hat er nie erzählt. Auch nicht, warum ihm so viele Finger fehlen. Niemanden hatte das zu interessieren.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Doch Michael durchbricht die Verbote. Er starrt. Nicht neugierig angewidert, sondern auf der Suche nach den Augen seines Großvaters. Doch erst Jahre später, bei seinen ersten Ferien auf der kleinen Scilly Insel Bryher kommt es beim gemeinsamen Angeln zur ersten richtigen Annäherung der beiden.

Und dann, an Bord eines kleinen Bootes, beginnt der alte Mann zu erzählen. Von der Handelsmarine, dem Torpedo, den Flammen und all dem, was geschah, nachdem er lichterloh brannte. Sein Großvater erzählt ihm zum ersten Mal die ganze Geschichte vom „Halben Mann“. Und nicht nur das. Er erzählt von einer Welt, die sich völlig veränderte nachdem von seinem Gesicht nicht viel geblieben war.

53 Seiten benötigt Michael Morpurgo. Einige davon in bunten Bildern malerisch und berührend illustriert. Wenig Text. Stimmung und Gefühl sollen intensiv vermittelt werden und greifen von Seite zu Seite mehr nach der Seele des Lesers. In der Mitte des Buches kamen die Tränen. Rührung überkam mich und Erinnerungen an meinen sprachlosen eigenen Großvater.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Erinnerungen und Lücken in den eigenen Geschichten, die viele Menschen sehr gut nachempfinden können, die auf die eine Sekunde warten, in der sich die Großeltern öffnen und erzählen, wie es damals war und was ihnen zugestoßen ist. Die Tränen hörten nicht mehr auf und von Seite zu Seite wächst man mehr mit den beiden Männern im kleinen Boot zusammen. Eine wohl sehr autobiografische Geschichte und die Antwort auf viele Fragen von Eltern. Lasst Kinder fragen, lasst sie schauen. Es ist kein Starren. Es ist normal. Eine Geschichte die integriert und die Augen öffnet. Nur dann versteht man…

Bis am Ende ein Sturzbach der befreienden Tränen fließt und man leise vor sich hin murmelt „Ist das eine schöne Geschichte“. Nicht weil sie als schön, im eigentlichen Sinne betrachtet werden darf. Sie ist einfach nur ehrlich, authentisch und von einer tiefen menschlichen Herzlichkeit geprägt, dass man sie sofort wieder von Neuem zu lesen und betrachten beginnt. Ich habe dieses Buch an einem ruhigen Abend am „Lagerfeuer“ einem sehr wichtigen Menschen vorgelesen. Die gemeinsamen Gefühle bleiben unvergessen.

Wort und Bild gehen auch hier Hand in Hand. Was Michael Morpurgo nicht beschreibt, zeichnet Gemma O`Callaghan in warmen Farben wie einen lebendigen Dialog hinzu. Ein großer geschriebener Film spielt sich vor unseren Herzen ab. Öffnet der Sehnsucht nach der einen leuchtenden Sekunde des Erzählens euer Herz und lasst diese Geschichte zu. Gebt ihr einen kleinen Platz bei euch. Sie ist viel mehr als nur „Meer und Himmel“. Sie ist genau das Zwischendrin. Das Zentrum des Gefühls.

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Nur Meer und Himmel von Michael Morpurgo

Bücher über Menschen, die im Krieg ihr Gesicht verloren haben begleiten mich schon lange. Eins wollt ich dir noch sagen und In finsteren Himmeln beleuchten den wahren und dramatischen medizinischen und seelischen Hintergrund. Diese Bücher geben sich die Hand. Aufrichtig.

Update:

Anja hat auf ihrem Blog „Zwiebelchens Plauderecke wundervoll über dieses Buch geschrieben. Diese Sicht sollte man sich nicht entgehen lassen… Darf man nicht…