„Bis an die Grenze“ von Dave Eggers – Ein Ausstieg mit Folgen

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nun gut. Dave Eggers zieht erneut seine Kreise, um in dem Bild zu bleiben das er in seinem Roman Der Circle selbst skizzierte. Während sich der Autor in seinem letzten Buch mit den allgegenwärtigen Fragen der Hightech-Gesellschaft, ihrer sozialen Struktur, den Arbeitsbedingungen und der Ausfächerung der globalen Transparenz mit all ihren Risiken widmet, beschreitet er nun minimalistisches Neuland. Ein Roadtrip aus seiner Feder mutet schon eher merkwürdig an, macht jedoch neugierig.  Noch dazu, da es sich hier um den Ausstieg einer Frau handelt, die am Ende des Weges keine andere Chance sieht, als mit ihren beiden Kindern nach Alaska durchzubrennen.

Bis an die Grenze, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, muss hier doppeldeutig verstanden werden. Landesgrenzen meint Eggers sicherlich nicht, eher die Grenzen an die man stößt, wenn man alles hinter sich lässt und in einer wilden Flucht auf der Suche nach sich selbst ein neues Leben beginnt. Der Originaltitel „Heroes oft he Frontier“ ist ein noch deutlicherer Fingerzeig auf die Grenzerfahrungen, die auf die Protagonisten in dieser Geschichte warten. Ich war sehr gespannt, ob es Eggers gelingt, mich mit dieser für ihn ungewohnten Thematik ebenso zu fesseln, wie es ihm zuvor in „Der Circle“ auf grandiose Art und Weise gelang.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Zumindest liest sich die Story flüssig, das war mein erster Eindruck. Mehr aber auch nicht. Musste man bei Dave Eggers bisher sehr aktiv und fast analytisch lesen, sich auf eine Vielzahl von Akteuren einlassen, so treibt man hier ziemlich sanft in den Strudel, in dem es letztlich nur um drei Menschen geht, deren Roadtripbegleiter wir werden. Da ist Josie, Zahnärztin und Mutter zweier Kinder, die vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Und da sind Paul (8) und Ana (5), die im Treibsand des am Abgrund stehenden Lebens ihrer Mutter unweigerlich mitgerissen werden.

Und da ist die Welt. Das Leben. Das Nichts, weil alles entgleitet, nichts mehr richtig funktioniert und alles ins Taumeln bringt. Die Schadensersatzklage einer Patientin führt zum Verlust der Zahnarztpraxis. Der Anruf von Carl, dem unzuverlässigen Erzeuger der beiden Kinder, der nun endlich heiraten will – allerdings nicht Josie, sondern seine neue Flamme, führt zum Verlust ihres Selbstwertgefühls und die Herausforderungen an eine alleinerziehende Mutter übersteigen das Maß des Realisierbaren. Hier liest sich Eggers sarkastisch, deprimierend und aberwitzig, wenn man sich in die Lage von Josie versetzt und ihr Scheitern erlebt.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nur noch raus. Das ist die Devise. Rette sich, wer kann. Josie wagt die Flucht nach vorne, mietet mit dem letzten verbleibenden Geld ein heruntergekommenes Wohnmobil und schnappt sich ihre überraschten Kinder. Ohne jemanden zu informieren begibt sich das Trio auf den Weg zum entlegensten Ort in den USA, den man ohne Pass erreichen kann. Alaska. Die Reise in ein neues Leben entwickelt sich in vielfacher Hinsicht zum Fiasko. Das Wohnmobil hat seine Tücken, Alaska präsentiert sich nicht gerade von der besten Seite und die Menschen, denen die drei Aussteiger begegnen gehören wirklich nicht zu den Menschen, denen man gerne begegnet wäre. Zumindest anfänglich.

Ganz ziellos ist die Fahrt nicht. Zumindest einen Menschen kennt Josie in Alaska und die Vorstellung, ihrer gefühlten Stiefschwester Sam zu begegnen, gibt Josie ein wenig Halt und Zuversicht. Zumindest anfänglich. Aus dem Ausstieg wird eine heillose Flucht und die Verkettung der Absurditäten “on the road“ macht das Lesen dieses Romans zu einer eigenständigen Grenzerfahrung für Leser. Je weiter das Trio vorankommt, desto intensiver vollzieht sich die Veränderung in jedem einzelnen. Josie wird mit jeder Meile zusehends von ihrer Vergangenheit, ihren Schuldgefühlen und der Aussichtslosigkeit in ihrem Leben eingeholt. Die chaotische Ana (ein Mädchen, von dem man sich wünscht, es möge einem nie wirklich begegnen) und ihr fürsorglicher Bruder Paul (ein Junge, von dem man sich wünscht, er würde wirklich existieren) machen die Reise zum reinen Abenteuer für eine Mutter, die an ihrer Verantwortung zu scheitern droht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Während Alaska in Waldbränden erstickt, die Landschaft immer wilder wird und sich die Beschränkung auf das absolut Lebensnotwendige zu einer radikalen Rosskur für die kleine Fluchtfamilie entwickelt, schärft sich Josies Blick und sie beginnt im Chaos ihres Lebens Muster zu entdecken und Automatismen zu fühlen, die sie ihre Freiheit gekostet haben. Ganz am Boden angekommen konturiert sich in der verbrannten Erde in Alaska ein Phönix, der aus der Asche aufsteigen kann, wenn er die Fesseln des Lebens lösen kann. Das unterscheidet Josie von den Tieren eines Zoos in Alaska.

Sie sahen eine Antilope, staksig und dumm; sie ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um verloren auf die grauen Berge in einiger Entfernung zu starren.

Ihre Augen sagten: Nimm mich, o Herr. Jetzt bin ich gebrochen.

Dave Eggers hat es geschafft, mich „Bis an die Grenze“ zu bringen. Sein Roadtrip beinhaltet nicht nur das Psychogramm einer gescheiterten Frau. Der Autor rechnet hier sprachgewaltig, hoch emotional und sarkastisch mit den sozialen Rahmenbedingungen ab, an denen man letztlich scheitern muss, wenn das Leben aus dem Ruder läuft. „Bis an die Grenze“ ist eine Charakterstudie von Format, ein extrem tief angelegter Roman über die väterliche Flucht aus der Verantwortung, den gesellschaftlichen Druck auf eine alleinerziehende Mutter und die fatalen Altlasten einer nicht bewältigten Vergangenheit. Ein Buch für Männer und Frauen zugleich. Temporeich, unterhaltsam, psychologisch, zum Brüllen komisch und zum Heulen fatalistisch.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Hier hat mich das Lesen so nachhaltig gefesselt wie bei Cheryl Strayed und ihrem Selbstfindungsbuch „Der große Trip“. Sie braucht kein Wohnmobil, sie ist allein und begibt sich auf den Pacific Crest Trail. Hier ist es die tatsächliche weibliche Perspektive an der ich mich ausrichten konnte. Hier ist es unglaublich packend zu sehen, wie man sich neu ausrichten kann, wenn die innere Kompassnadel zum Kreiselkompass wurde. Beide Bücher sollten nebeneinander im Bücherregal des Lebens stehen. Sie sind gutes Rüstzeug, wenn man selbst an die Grenzen kommt.

Aussteiger – Der große Trip und Bis an die Grenze

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Über die russische Seele zu schreiben bedeutet, sich mit den Besonderheiten und der Geschichte eines Landes und seiner Menschen auseinanderzusetzen, um dann zu erfühlen, was es für einen Russen heißt, wenn er von Heimat spricht. Nur dann ist man in der Lage zu verstehen, welche Welten aufeinanderprallen, wenn diese unverfälschte Seele auf politische Systeme trifft und instrumentalisiert wird. Nur so verstehen wir, was so gerne hinter vorgehaltener Hand und voller Vorurteile über einen historischen Kamm geschert wird. Nur wenn wir Menschen von Systemen trennen, erkennen wir die Kreise, die sich in der Geschichte geschlossen haben und solche, die bis heute offen sind.

„Russisch zu sein hieß, pessimistisch zu sein;
sowjetisch zu sein hieß, optimistisch zu sein.
Darum war das Wort Sowjetrussland ein Widerspruch in sich.“

Julian Barnes bewegt sich in seinem Roman Der Lärm der Zeit“ (Kiepenheuer und Witsch) genau auf der Grenzlinie dieser Verwerfung und konfrontiert seine Leser mit einem Menschen, der zeitlebens zwischen den Mühlsteinen dieses tiefen Widerspruchs aufgerieben wurde. Dmitri Schostakowitsch, einer der wohl berühmtesten russischen Komponisten, dessen Biographie sich liest, wie die Lebensschreibung eines Wanderers zwischen den Welten. Einerseits verfemt, bedroht, verboten, verfolgt, ausgestoßen und als gefährdend für die sowjetische Kultur eingestuft, andererseits hofiert, mit Orden und Ehren überhäuft als linientreuer Repräsentant des Kommunismus der Vorzeigekünstler einer ganzen Nation. Was für eine Gratwanderung.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes schlüpft in die Rolle des virtuosen Komponisten, der zeitlebens nur wollte, dass seine Musik einfach nur Musik sein könnte. Ein Wunsch, der ihm verwehrt wurde, weil er eben in einem Land lebte, das in seiner ideologischen Zerrissenheit und den diktatorischen Anwandlungen genau nach den Künstlern suchte, deren Musik sich für die politischen Zwecke instrumentalisieren ließ. Da liegen sich die Diktatoren dieser Welt einträchtig in den Armen, wenn es gilt „entartete Kunst“ zu brandmarken und sich der Kunst zu bedienen, die dem Machterhalt dient. Die Kriterien sind fließend, kaum zu identifizieren und der ständigen Willkür unterworfen. Kein guter Nährboden für kreative Freiheit. Kein Nährboden für Kultur. Lebensgefährlich für Freidenker.

So lernen wir Schostakowitsch kennen. Gefeiert, weltweit aufgeführt und geschätzt. Nicht nur in Leningrad eines der Aushängeschilder der Hochkultur eines Landes. Seine Werke erobern die Konzerthäuser der Welt. Alles könnte einfach sein, der Weg könnte so harmonisch verlaufen, gäbe es nicht die eine kleine Disharmonie, die das Leben von Schostakowitsch von heute auf morgen unter Vorbehalt stellt. Der 26. Januar 1936 war der Startpunkt eines heißen Ritts auf der musikalischen Rasierklinge, von dem sich der große Komponist nie wieder erholen sollte.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Die Aufführung seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wäre sicher ein erneuter Erfolg gewesen, wäre nicht ausgerechnet der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Josef Stalin, persönlich in einer Loge Zeuge der Inszenierung gewesen. Alles wäre wie gewohnt gelaufen, hätte Stalin nicht vorzeitig das Konzerthaus verlassen und wäre nicht am nächsten Tag ein Artikel in der Prawda erschienen, der Schostakowitschs Kunst unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ zu einer volksgefährdenden Abart der wahren Kunst erklärte. Und wäre dieser Artikel nicht von Josef Stalin selbst verfasst worden, man hätte ihn vielleicht überleben können.

So jedoch kamen diese Zeilen einem Todesurteil gleich. Julian Barnes entwirft auf der Grundlage dieser Ausgangssituation das Psychogramm und eine Charakterstudie des zartbesaiteten Komponisten, dessen Saiten fortan zum Bersten gespannt sind. Mit seiner oftmals minimalistisch erscheinenden, aber umso eindringlicheren Erzählweise ermöglicht Barnes den Blick ins Innere eines Künstlers, der sich plötzlich ausgegrenzt und verfolgt sieht, wo ihm zuvor nur Zuneigung begegnete. Aus dem Treibenden wird ein Getriebener.

„Jetzt besprachen sie nicht einfach seine Musik,
jetzt schrieben sie Leitartikel über seine Existenz.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Hier ist der Roman Lärm der Zeit system- und zeitlos. Das Schicksal der Künstler, die plötzlich in die Mühlen der politischen Systeme geraten gleicht sich von Diktatur zu Diktatur und von Land zu Land. Die Mittel der Ausgrenzung und Unterdrückung fühlen sich weltweit identisch an und die psychologischen Begleiterscheinungen sind fatal. Aus Menschen werden Gejagte und das Verschwinden von Bekannten und deren Familien wird zum Damoklesschwert des eigenen Lebens. So finden wir Schostakowitsch Nacht für Nacht mit gepacktem Koffer am Fahrstuhl vor seiner Wohnung stehen. Wartend auf den Zugriff der Staatsorgane. Hoffend, dass man ihn alleine inhaftiert und verschwinden lässt, ohne auch noch Hand an seine Familie zu legen.

Ein Bild, das sich nicht nur auf dem Buchcover wiederfindet, sondern sich im Leser festsetzt. Julian Barnes folgt Schostakowitsch psychologisch und biografisch durch ein langes Leben unter sich verändernden politischen Vorzeichen. Er veranschaulicht einen Weg, der in sich unverständlich scheint. Er macht transparent, was Zwang und Angst in einem Künstler auslösen und wie leicht es letztlich ist, aus einem Opfer einen Täter zu machen. Schostakowitsch tritt nach Stalins Tod in die Kommunistische Partei ein. Seine Handlungsweisen, Ämter und Auszeichnungen lassen ihn aus heutiger Sicht als reinen Opportunisten wirken, der alles unternahm, um seine eigene Musik zur Staatsmusik im kommunistischen Umfeld zu erheben. So leicht macht es sich Julian Barnes nicht. Sein empathischer Roman ist keine Rechtfertigungsschrift für einen Irrläufer der Geschichte. „Der Lärm der Zeit“ veranschaulicht die Automatismen der Ausgrenzung und Entartung, die aus Menschen voller Harmonie blinde Schafe machen, die froh sind, einfach nur zu leben.

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes

Julian Barnes präsentiert mit „Der Lärm der Zeit“ einen bedeutenden Roman, der gerade in der heutigen Zeit an Relevanz gewinnt. Er widmet sich den Fragen, wem die Kunst gehört und wie weit Opportunismus in seiner Außenwirkung gehen darf, ohne den Einzelnen nachhaltig zu beschädigen. Julian Barnes fällt kein Urteil, sondern macht es seinen Lesern leicht, den Blick hinter die Kulissen totalitärer Systeme zu werfen und zu hinterfragen, wo denn wirklich die Möglichkeiten eines Einzelnen liegen, Widerstand zu leisten. Dieses Buch beschreibt eindringlich die sympathische und bewundernswerte Seite der russischen Seele, die so oft vom Personenkult in den Dreck gezogen wurde.

Was Barnes ausblendet ist die erzielte Außenwirkung der Strategie Stalins. Musik wurde zur Waffe. Auch Schostakowitsch lieferte Munition und Zündstoff, um selbst nicht unterzugehen. Er komponierte regimetreu, ängstlich und brav. Die Musik verfehlte ihre Wirkung niemals. Seine „Sinfonie gegen den Faschismus“ wurde im August 1942 mit Lautsprecherwagen im besetzten Leningrad übertragen. Die Menschen schöpften Kraft und Schostakowitsch trug wohl erheblich dazu bei, dass Hitler schon besiegt war, bevor die Musik verklang. Die kleine Lena Muchina und Daniil Granin wissen ein Lied davon zu singen.

Man sollte auch heute noch ganz genau hinhören, was man zu hören bekommt, wenn man hinhört…

„Kunst ist das Flüstern der Geschichte,
das durch den Lärm der Zeit zu hören ist.“

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes - Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

Der Lärm der Zeit von Julian Barnes – Auch im Quartett ein 4 zu 0 Buch

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„Tierchen unlimited“ von Tijan Sila – Vom Regen in die Traufe

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Vom Regen in die Traufe. Eine andere Überschrift braucht es eigentlich gar nicht, um genau auf den Punkt zu bringen, was uns Tijan Sila in seinem Debütroman „Tierchen unlimited“ vermitteln möchte. Soll doch bitte niemand ernsthaft glauben, dass es nicht noch schlimmer kommen kann, egal wie tief man in der Scheiße sitzt. Kennen wir doch. Man glaubt, ganz unten zu sein, arrangiert sich mit dem Leben und versucht doch sein Heil in der Flucht, um dann festzustellen, dass man tatsächlich noch weiter abrutschen kann. Eine Situation, aus der es kaum noch Auswege gibt. Besonders dann nicht, wenn man traumatisiert dort ankommt, wo man sich eigentlich sicher fühlen könnte.

Ihm jedenfalls geht es so. Dem Jungen, dessen Namen wir im Roman nicht erfahren und dessen Geschichte genau dort beginnt, wo er nicht mehr im Granatenhagel spielen muss, oder von Scharfschützen ins Visier genommen wird. Sie beginnt in einem Land, das sich so sehr vom Bürgerkriegschaos seiner zusammengeschossenen Heimatstadt Sarajewo unterscheidet. Sie beginnt im Rettungshafen Deutschland, im beschaulichen Rheinland-Pfalz, wohin seine Eltern mit ihm 1994 flohen. Nur weg aus Sarajewo. Rette sich wer kann. So lautete die Devise.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Die Sicherheit des Gastlandes jedoch fühlt sich komisch an. Zumindest für den Ich-Erzähler der Geschichte, den wir blutend, nackig und mit geschwollenen Genitalien auf einem Rennrad kennenlernen. Erneut auf der Flucht rast er an uns vorbei und als Leser kann man gar nicht anders, als ihm gute 200 Seiten weit zu folgen, um herauszufinden, wer ihn warum, wo und womit so zugerichtet hat. Also auf nach Erpolzheim und immer den Blutspritzern nach, die uns als Wegweiser dienen, damit wir den jungen Flüchtling aus Bosnien nicht aus den Augen verlieren.

Und in Bosnien hatte er es gut. Er konnte mit Freunden um die Häuser ziehen, wenn es mal eben keine Bomben regnete. Er konnte sich in PC-Spielen verlieren, wenn nicht gerade der Strom weg war und er konnte Comics tauschen, wenn die UN-Soldaten sich auf den Tauschhandel mit billigen Sexheftchen einließen. Ansonsten war das Leben so einfach, wie man es sich nur wünschen konnte, wenn man den Tag überlebte. Freunde und Feinde waren klar voneinander getrennt, der Zufall regierte und den täglichen Kick konnte man überall finden.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Und sollte der Bürgerkrieg mal enden, dann könnten seine Eltern wieder in den ganz normalen Jobs als Akademiker arbeiten und ihm selbst wäre eine glänzende schulische Laufbahn vorbestimmt. Was für eine tolle Perspektive in einer Stadt, in der man seinen Wohnblock noch als echte Heimat empfinden konnte. Man musste sich einfach mit dem Leben im Bürgerkrieg arrangieren und das Leben genießen, wie die zahllosen Tierchen auf den wilden Mülldeponien rund um Sarajewo.

Was aber machen seine Eltern? Hauen doch einfach ab. Fliehen nach Deutschland und setzen nicht nur sich, sondern ihren Sohn ganz neuen Bedrohungen aus. Nur, dass die eben absolut unkalkulierbar sind. Die neue Schule hat nichts mit Hochschule zu tun, die Unterbringungen sind jeweils erbärmlich und Freunde zu finden ist nun wirklich kein Zuckerschlecken. Wären da nicht die Mädchen, das Leben wäre gar nichts wert. Womit wir allerdings schon fast ohne Umwege auf das Rennrad zu sprechen kommen, das in der Eingangsszene des Romans dem zerschundenen Jungen zur Flucht verhilft.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Ja, es könnte alles so einfach sein. Aber ist es denn möglich, dass die Mädchen, die er kennenlernt entweder Kampfsportlerinnen mit Polizeikarriere-Ambitionen sind, oder Brüder haben, die als Neonazis nichts anderes im Sinn haben, als deren ausländische Lover grün und blau zu schlagen? Ist es möglich, dass alle Varianten von Tagträumen immer wieder am gleichen Ausgangspunkt ankommen? Und warum findet man sich in dieser asymmetrischen Bedrohung schlechter zurecht, als im klar konturierten tödlichen Bürgerkrieg? Alles wäre so lustig, wenn es nicht gleichzeitig zum Weinen wäre.

Ich habe mich absolut göttlich amüsiert mit den „Tierchen unlimited“. Ich erfreute mich am völlig unverbrauchten und frischen Schreibstil von Tijan Sila und fand mich am Ende des Romans wieder, kaum dass ich ihn begonnen hatte. Allerdings hatten die von mir beim Lesen gelachten Tränen einen bitteren Beigeschmack. So „fluffig“ einfach und sarkastisch brillant die Geschichte erzählt ist, so dramatisch sind die Bilder, die uns der Autor vor Augen hält in der Wirklichkeit. Der Erkenntnistaumel ist ebenso unlimited, wie der Titel des Romans.

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Blickt man mit auch nur einem Auge auf die Vita des Schriftstellers, wird man viele Parallelen zum Jungen erkennen, der geschunden und desorientiert durch unser Land radelt. Schaut man sich Aufnahmen aus dem Bürgerkriegs-Sarajewo an und gleicht sie mit dem Erzählraum von Tijan Sila ab, dann wird einem schlecht beim Gedanken, dass man dieses Chaos im Rückblick als sicherer empfinden kann, als den Fluchtraum eines scheinbar friedlichen Landes. Und je näher man dem Jungen kommt, desto klarer wird, was psychische Traumatisierungen aus einem Menschen machen.

Tijan Sila verliert bei aller Dramatik des Themas niemals den hoffnungsvollen Ton eines Träumers. Sein Roman bleibt amüsant und die Verkettung aller Umstände, in die sich der namenlose Protagonist verstrickt, liest sich wie eine Parodie auf das Leben. Es steckt jedoch mehr dahinter, als man auf den ersten Blick vermutet. Wenn dieses Buch ein Wein wäre, dann wäre er süffig, blumig und jung. Aber eines wäre er nicht: LEICHT.

Ein Zitat steht für mich sinnbildlich für die Wahrnehmungswelt von Menschen, die in Ermangelung von Alternativen nur einen Weg finden, der ihnen Schutz verspricht:

„Es gibt keine Einwanderung in meinen Erinnerungen, vielmehr findet mich Deutschland und schließt sich um mich wie eine Faust oder eine Kralle.
Doch das Bild einer vom Habicht ergriffenen Maus ist falsch,
da ich vor Verzückung erstarrt bin, nicht vor Angst.“

Tierchen unlimited von Tijan Sila

Tierchen unlimited von Tijan Sila

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„Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Herzlich willkommen in einer Vergangenheit, an die Sie sich vielleicht gut erinnern können, weil Sie ein Teil von ihr waren. Herzlich willkommen in einer Zeit ohne Internet, Handy, RedBull und Privatfernsehen. Ich spreche hier von der Zeit der Musikkassetten, Bonanza-Räder, Tri-Top-Getränkekonzentrate und Saba-TV-Geräte. Diese Zeit, in der das Fernsehen von Wim Thoelke, einer bezaubernden Jeannie, Percy Stuart und dem Briefträger Walter Sparbier dominiert wurde und Musik zum Download anders aussah.

„<James Last: Non Stop Dancing> stand auf der kleinen Plastikschachtel. Immer noch kaum zu glauben, dass hier so viel Musik drauf sein sollte, wie auf einer Langspielplatte, auf die bespielbaren passte sogar noch mehr.“

Willkommen in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Es sind Jahre, in denen der erste Mensch den Mond betreten hatte, Deutschland kein einig Vaterland war und das beschauliche Bonn als Hauptstadt des westlichen Teils unseres Landes die politischen Geschicke lenkte. Das Palais Schaumburg, der Kanzlerpavillion und die Villa Hammerschmidt stehen noch heute für diese Epoche unserer Geschichte. Es ist aber auch die Zeit meiner Kindheit, die ich in der Eifel erlebte. Unweit dieses Zentrums der Macht wuchs ich eher beschaulich und gut behütet auf.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Dass zwischen 1969 und 1974 ein gleichaltriger Junge in Bonn aufwuchs, war mir damals gelinde gesagt egal. Ich war viel zu beschäftigt mit mir selbst, um mir auch noch Gedanken um einen gewissen Matthias zu machen. Als Sohn des Bundeskanzlers war er wie ein Wesen von einem anderen Stern. Willy Brandt kannte man selbst nur aus den Nachrichtensendungen im Fernsehen. Er wirkte staatstragend, wichtig und wurde auch von meinen Eltern fast ehrfürchtig bewundert. Ein großer Mann. Wie oft ich das in meiner Kindheit gehört habe. Wie aber sah die Kindheit von Matthias Brandt aus?

„Seit einiger Zeit patrouillierten Wachleute auf unserem Grundstück, man hatte ihnen sogar hinten beim Gemüsegarten, wo es in den Wald ging, eine Baracke gebaut, in der sie wohnten… Wie in unserem Schullandheim in der Eifel sah es dort aus.“

Und so überrascht es nicht, dass Matthias Brandt seine Geschichte erzählt, und nicht ich. Die Raumpatrouille ist eine sehr geschickt arrangierte Kollektion von 14 Geschichten aus seiner Kindheit, die nun bei Kiepenheuer und Witsch erschienen ist. Wer nun erwartet, das große politische Bonn hier wiederzufinden, die Hintergründe der wichtigen Entscheidungen oder geschichtliche Ereignisse aus Kindersicht vorgesetzt zu bekommen, der wird sich in einer anderen Welt wiederfinden, ohne enttäuscht zu sein. Denn Matthias Brandt gelingt es in seinen zarten Geschichten aus der Umlaufbahn der historischen Figur Willy Brandt heraus einen klaren Blick auf sich selbst zu werfen.

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Matthias Brandt erzählt von Träumen und Sehnsucht, persönlichem Versagen und wildem Probieren, grandiosem Scheitern und dem Leben im goldenen Käfig. Mit keinem Wort erwähnt er den Begriff Kanzler. Sein Vater erscheint eigentlich nur ganz am Rand der Geschichten, obwohl sein Status Geschichte schrieb und den Rahmen definierte, in dem sich das Leben von Matthias entwickeln konnte. Bewacht von Sicherheitskräften, isoliert bei Kirmesbesuchen rebelliert der kleine Junge mit seinen Bordmitteln gegen die Vereinsamung und versucht Aufmerksamkeit zu erregen. Beides scheitert oft schon im Ansatz.

Das Briefmarkensammeln wird zum Fiasko, weil statt fremder Länder nur der senile Ex-Präsident im Album landet, bei dem Matthias schon mal zum Kakao eingeladen wird. Der Fahrradausflug mit einem Herrn Wehner mutiert zu Vaters symbolträchtigem Sturz und die Übernachtung bei einem Freund suggeriert ihm das wahre und freie Leben, das ihn sogleich wieder abschreckt, weil er das Alleinsein liebt, und es nicht als Einsamkeit empfindet. Die Liebe zu seinem Hund und die Zuneigung seiner Mutter sind Konstanten in einem Leben ohne väterliche Wärme. Seine Angst sucht nach Ventilen.

„Den größten Außenseiter mit zu quälen, war die einfachste Art, zu sein wie die  anderen, und das war mein brennendster Wunsch.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Auf diese Art und Weise zeichnet Matthias Brandt ein Panorama dieser Zeit. Die „Raumpatrouille“ liefert kaum biografische Indizien für das Leben seines Vaters. Willy existiert nur kommend und gehend, entfernt und kalt. Und doch ergibt dieses Puzzle der nicht chronologisch sortierten Geschichten das Bild einer sehr einseitigen Beziehung, aus der auch Väter von heute noch lernen können. Aus maximaler emotionaler Distanz heraus beschreibt der sehr erfolgreiche Schauspieler, warum er sich niemals über den Namen Brandt definierte.

Dieses Buch ist kein Befreiungsschlag. Die Geschichten sind der ungeschönte Blick auf das eigene Leben und Schwächen, für die man nicht immer selbst verantwortlich ist. Und doch gelingt es Matthias Brandt nicht, mit seinem Vater zu brechen, oder ihn in schlechtem Licht zu präsentieren. Als schicksalhaft nimmt er die Kindheit unter diesen Rahmenbedingungen hin. Vorwurfsvoll klingt jedoch keine der Geschichten. Ein Kreis scheint sich in der letzten Geschichte „Was ist“ zu schließen. Man spürt, wie sehr der Sohn versucht, seinem Vater die Hand zu reichen, obwohl er ihm immer fremd blieb.

Der Blick in die Augen seines Vaters, der ihm in einem seltenen Moment des Lebens aus einem Buch vorliest, zeigt Nähe und Distanz zugleich. Ambivalenz wird greifbar:

„Ich sah… Augen, deren Farbe ich immer noch nicht herausgefunden hatte.“

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Und wenn Sie sich nicht an diese Zeit erinnern? Wenn Sie zu jung sind, um all dies selbst erlebt zu haben? Ist dieses Buch relevant genug, um auch Leser zu begeistern, die nicht zu den Zeitzeugen der Kanzlerschaft von Willy Brandt gehören? Ist es zeitlos genug, um nachhaltiges Interesse zu wecken? „Auerhaus“ von Bov Bjerg hat deutlich bewiesen, dass Leser aller Altersgruppen einen Blick in unsere Vergangenheit werfen und nach Werten und Maßstäben suchen, die uns heute fast schon fremd sind. Diese ganz persönliche Sentimental Journey ist dann relevant, wenn sie Gefühle und Fakten vermittelt, die sich auf die Gefühls- und Denkwelt der Leser auswirkt.

„Auerhaus“ ist ein Roman. Gerade deshalb ist es uns so leicht gefallen einen Zugriff auf Handlung und Protagonisten zu finden, unsere Haltung zu Freundschaft am Roman zu reiben und zu reflektieren, was wir in Menschen investieren, die wir Freunde nennen. „Raumpatrouille“ ist nicht fiktiv. Diese Geschichten von Matthias Brandt bleiben nicht in der Umlaufbahn. Sie landen zeitlos auf unserem Denkplaneten. Auch heute ist vielen Vätern vieles wichtiger, als der Kontakt zu ihren Kindern. Sie sind staatstragend, ohne Staaten zu tragen. Matthias Brandt hat sich von seinem Vater gelöst. Und das mit sehr guten Erinnerungen, die schmerzen und helfen. Ein kleiner Schritt für den Leser, ein großer Schritt für Matthias Brandt. Der Adler ist gelandet.

Gehen Sie auf „Raumpatrouille„. Eine kleine große Geschichtenstunde.

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

Raumpatrouille von Matthias Brandt und Auerhaus von Bov Bjerg

„Sirius“ von Jonathan Crown – Ein Hundeblick aufs Dritte Reich

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Die Bücher sind verbrannt, das Kristall des Reiches in der gleichnamigen Nacht von braunen Horden zerschlagen. Berufsverbote sind ausgesprochen. Die Vornamen geändert, weil es das Gesetz jetzt so befiehlt. Juden werden eingesammelt, barfuß durch die Stadt getrieben. Konzentriert in Lagern, so sagt man ihnen. Schutzhaft. Was für eine Lüge.

Selbst der Hund heißt jetzt anders. Sirius. Das klingt unverfänglich und nicht jüdisch. Man mag ihn nicht gefährden. Sein zweiter Name inzwischen, dabei hatte er sich so sehr an Levi gewöhnt. Und nun öffnet sich für seine neuen Herrchen die letzte Tür zur Flucht. Amerika. Nun gilt es im Eiltempo zu handlen. Unverzagt und schnell.

Doch was mitnehmen? Was zurücklassen? Die Menschen auf der Flucht handeln so unterschiedlich. Bisher Wichtiges wird unwesentlich. Unwichtiges mutiert augenblicklich zum letzten Strohhalm der Erinnerung. Die Rückkehr nach Hause scheint Illusion zu sein und jeder nimmt auf seine Art und Weise Abschied von der Heimat, die nun zur Falle für die jüdische Bevölkerung wird.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

„Georg nimmt nichts mit. Gar nichts. Das wiegt am meisten.“

„Schlussendlich steht ein Koffer an der Tür. Ein kleiner Koffer. Die Vergangenheit muss sich einschränken, wenn sie in die Zukunft mitreisen will.“

Und Sirius? Der letzte Überlebende eines Wurfs, den sein Züchter lapidar „Drittes Reich“ nannte. Ist auch Platz für ihn? Platz für einen jüdischen Hund aus einer Welt, in der man nun auch von „Rasse“ spricht, wenn es nicht um Tiere geht. Eine Welt, in der man als kleiner Foxterrier dem Rasse-Ideal der braunen Machthaber eher entspricht, als eine Vielzahl von Menschen, die man nun zu herrenlosen und räudigen Hunden macht, die es nicht verdient haben weiterzuleben.

Natürlich muss man auch als Terrier das Spiel der Nazi-Schergen mitspielen. Nur dressiert lässt es sich ruhig leben. Die Pfote stets zum Gruß erhoben, ein kleiner Salto zur rechten Zeit und schwanzwedelnd in den Untergang. Das sichert die eigene Existenz. Die Rasse allein scheint nicht entscheidend zu sein. Schön angepasst und abgerichtet muss man schon sein, um nicht den Hundefängern in die Schlinge zu laufen. Einzig sein Baum, mit dem er beim Gassi-Gehen intensive Gespräche führt, vermittelt trügerische Sicherheit.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Doch dies ist nicht das Leben des jüdischen Professors Liliencron. Die Schlinge zieht sich von Tag zu Tag mehr um den Hals der Familie und viel zu spät erkennt er, wie sehr man inzwischen in der Falle sitzt. Angesichts der fortschreitenden Entrechtung und Verfolgung schmiedet man einen Plan, in letzter Sekunde das braune Land zu verlassen.

1938. Viel zu spät und ohne die Hilfe der prominenten Freunde der Familie wären sie ohne jede Chance gefangen, bevor man sie selbst gefangen nehmen würde. Die Deportationen haben längst begonnen. Und auch der Sohn der Familie läuft der Willkür der Machthaber in die offenen Arme. Jetzt gilt es, schnell zu handeln und die Flucht nach Amerika zu wagen.

Wo die Erinnerungen zurückbleiben und Persönliches zum Ballast der eigenen Fucht verkommt, gehört der kleine Foxterrier der Liliencrons wie selbstverständlich zur Familie und unter seinem neuen Namen Sirius verlässt nun auch der letzte überlebende jüdische Hund das Land seiner Väter. In wirklich letzter Sekunde, bevor die Nazis in Polen einfallen und der Holocaust mit voller Wucht über die Juden in Europa hereinbricht.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Das Amerika dieser Jahre empfängt die entwurzelten Liliencrons nicht gerade mit offenen Armen. Ganz unten heißt es völlig neu anzufangen. Dankbar für die Rettung sind es Aushilfsjobs, mit denen man sich kollektiv über Wasser halten muss. Und doch sind es Jobs im Umfeld der Reichen und Schönen, die der geretteten Familie ein bescheidenes Auskommen sichern.

Hollywood ist der unglaubliche Gegenentwurf zum Nazi-Deutschland jener Tage. Glanz und Glamour, eine Filmindustrie auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und eine unbekümmerte Naivität gegenüber den Ereignissen in Europa werden zum Rahmen, in dem sich das Leben der „Crowns“ nun abspielt. Das Liliencron hatte man abgelegt. Wie so vieles. Ein neues Leben. Was dann geschieht, kann selbst die Überschrift „Ironie des Schicksals“ nicht ausreichend beschreiben.

Sirius wird von Hollywood entdeckt. Unglaubliche Zufälle und sein Talent machen aus dem kunstfertigen Foxterrier den wohl berühmtesten Filmhund seiner Zeit. Wohlstand und Ansehen wirken sich auf „seine Familie“ aus. Die größten Schauspieler ihrer Zeit gehen in der neuen Villa ein und aus. Dank Sirius entwickelt sich das Leben zum Traum, während das Deutschland der Nazis die ganze Welt in den Abgrund zu reißen droht.

Sirius von Jonathan Crown

Sirius von Jonathan Crown

Als Sirius vom größten Zirkus der Welt für eine Tournee engagiert wird, geschieht das Unfassbare. Das Schicksal bringt ihn zurück an den Startpunkt seiner Flucht. Nach Hause kann man schwerlich sagen, denn inzwischen liegt eine Wolke aus Schutt und Asche über seiner Stadt. Nur der Baum ist geblieben. Sein Fixstern inmitten des Chaos. Als er dann plötzlich dem Monster persönlich gegenüber steht wird sich weisen, ob man der Geschichte die Zähne zeigen kann oder lieber den Schwanz einzieht. Sirius trifft auf Adolf Hilter. Rassehund steht Rassefanatiker gegenüber.

Jonathan Crown bewegt sich auf dem schmalen Grat des Perspektivwechsels und begibt sich auf Augenhöhe mit einem Hund. Auf weichen Pfoten durch das Dritte Reich, könnte man sagen. Doch genau dieser Blickwinkel macht es ihm möglich, den braunen Fanatismus so zu beschreiben, wie er bisher selten auf den Punkt gebracht wurde. Der scharfe Kontrast zum Luxusleben in Amerika, die Künstlichkeit und Naivität eines ganzen Landes im Konsumrausch, all dies lässt sich aus seinen Augen hervorragend schildern.

Und ganz nebenbei vermittelt der Autor eine Geschichtsstunde der besonderen Art. Der Zweite Weltkrieg wird in seiner Chronologie so brillant untergemischt, dass man als Leser eine mehr als verständliche und komprimierte Zusammenfassung des Strudels erlebt, der so viele Menschen in die Tiefe zog. Der große Erfolg des Romans liegt genau an diesem geschichtlich fundierten Hundeblick. Hier spürt man die große Wortgewalt des Journalisten Christian Kämmerling (SZ Magazin), der ebenso pseudonymisch wie die Liliencrons zu einem Mitglied der  Familie Crown mutiert und in der Emigration dem Nazi-Regime die gefletschten Zähne zeigt. Ein Roman mit Biss, den man nicht nur als Hundefreund besonders schätzen wird.

Sirius von Jonathan Crown - Lesen mit Flocke

Sirius von Jonathan Crown – Lesen mit Flocke

Sirius“ von Jonathan Crown – Kiepenheuer und Wisch – changiert dabei sprachlich zwischen Wochenschau, Polit-Journalismus, Klatschpresse, Zeitzeugenbericht, VIP-Kolumne und poetischem Dialog. Unglaubliche Tiefe erreicht der Roman im Gespräch zwischen Sirius und „seinem Baum“. Hier fühlt man sich an Antoine de Saint Exupéry erinnert. Der kleine Prinz kann auch ein Hund sein. Grandios emotional.

In seiner Botschaft „Gegen das Vergessen“ wird „Sirius“ den unzähligen Opfern des Holocaust gerecht. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich dieses Prädikat vergebe. Glaubt mir!

Sirius von Jonathan Crown - Ein Beitrag "Gegen das Vergessen"

Sirius von Jonathan Crown – Ein starker Beitrag „Gegen das Vergessen“