Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit von S. Drakulić

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Wenn es eine Relativitätstheorie der Buchveröffentlichungen gäbe, wäre es schon fast ein verlegerisches Dilemma, wenn in einem Jahr zwei Roman zum gleichen Thema das Licht der Bücherwelt erblicken würden. Marktsondierungen, Programmvorschauen und inoffizielle Informationen sollten eigentlich im Vorfeld dafür sorgen, solche Doppler zu vermeiden. Und trotzdem kommt es vor, dass der Leser sich verwundert die Augen reibt und beim Buchhändler mit sich ringt, was er denn nun lesen soll, wenn er sich für die Geschichte von Mileva Einstein interessiert. Nicht nur die Geschichte des großen Physik-Nobelpreisträgers ist erzählenswert. Auch die seiner ersten Ehefrau Mileva gilt als eine der großen Geschichten, die man kennen sollte.

Weiß man doch, dass hinter dem Erfolg eines Mannes sehr oft eine Ehefrau steht, die im Verborgenen wirkt, Hindernisse aus dem Weg räumt, den Rücken freihält und in jeder Beziehung den persönlichen Erfolg einem gemeinsamen Ganzen unterordnet. Es ist vielleicht dem längst überholten Rollenverständnis geschuldet, in solchen Klischees zu denken, aber es ist etwas Wahres an diesen Erfolgsgeschichten dran. Weltkarrieren werden oft nur auf dem Rücken derer ausgetragen, die als stille Helden das eigentliche Leben organisieren. Bei Karrierefrauen ist das ganz ähnlich gelagert. In der Familie des Physikers Albert Einstein jedoch stellt sich diese Hierarchie völlig anders dar. Hier gibt es viel zu erzählen, zu beleuchten und zu korrigieren. Hier ist es die Ehefrau, die schon fast ein intellektuelles Opfer bringen musste, während ihr Mann den Ruhm erntete, den man sich eigentlich gemeinsam erarbeitet hatte.

Frau Einstein von Marie Benedict und Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Interesse ist also da. Die Neugier ist geweckt und doch steht man nun mehr oder weniger ratlos vor zwei biografischen Romanen, die im Abstand von drei Monaten erschienen sind.

Frau Einsteinvon Marie Benedict (Kiepenheuer und Witsch) und
Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulić (Aufbau)

Welches Buch ist nun empfehlenswert? Welches sollte man unbedingt lesen und wo liegen die Berührungspunkte oder auch Redundanzen? Welcher Roman ist authentisch, welcher nähert sich vielleicht sprachlich oder strukturell besser an die Protagonistin an? Letztlich kann man nur subjektiv entscheiden. Klappentext und Cover. Der Rest ist eher Zufall. Als Blogger genieße ich das Privileg, beide Bücher lesen zu können. Ich traf hier die ganz bewusste Entscheidung, mich auf dieses doppelte Bücherlottchen einzulassen und anschließend beide Werke miteinander zu vergleichen. Inhaltlich bleibt den beiden Autorinnen nicht viel Spielraum. Fakten pflastern den Weg ihres Schreibens. Nicht viele Details des Lebensweges von Mileva Einstein bleiben bei einer lückenlosen Recherche verborgen. Zu prominent verlief das Leben ihres Ehemannes. Zu exponiert standen sie beide zu Beginn seiner Karriere im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Frau Einstein von Marie Benedict

Bereits im Februar habe ich „Frau Einstein“ von Marie Benedict hier ausführlich vorgestellt. Inhaltlich steckt dieser Roman den Rahmen ab, den ich erwartet hatte. Ich fand eine Geschichte, die mich fesselte und dazu antrieb, mehr wissen zu wollen. Mein Suchen nach weiteren Fakten und Hintergründen deckte sich mit der sprachlich brillant erzählten Geschichte. Ich fasse hier die inhaltlichen Schwerpunkte nur kurz zusammen, verweise aber für die genauere Betrachtung auf meine Rezension.

Mileva Marić arbeitet sich intellektuell in die höchste Riege der Wissenschaft vor, lernt den erfolgversprechenden Kommilitonen Albert Einstein kennen, verliebt sich, wird ungewollt schwanger, bricht ihr eigenes Mathematik- und Physikstudium ab, zieht sich zurück in die Rolle der im Verborgenen lebenden Mutter der gemeinsamen unehelichen Tochter, verarbeitet deren überraschenden Tod, heiratet Albert Einstein, wird zu seiner wissenschaftlichen Stütze, berechnet seine Theorien, stößt theoretische Türen auf, die er durchschreitet, wird zweifache Mutter, erlebt seinen Aufstieg als Physiker, realisiert, dass er ihre Ideen als seine verkauft, wird letztlich zugunsten einer Geliebten abgelegt und finanziell abgefunden. Einstein erhält den Nobelpreis, sie das Preisgeld, weil sie in die Scheidung einwilligt. Klingt tragisch. Ist es. Zutiefst.

Die hier zugrunde gelegte Geschichte spielt im Zeitraum zwischen 1896 und 1914. Sie beginnt mit Milevas wissenschaftlichem Aufstieg und endet am Scheidepunkt eines gemeinsamen Lebensweges mit Albert Einstein. Alles endet mit dem unerfüllbaren und unmenschlichen Katalog der Bedingungen, die er an ein Zusammenleben knüpft. Einer Forderung, der sich Mileva entziehen muss, um nicht sich selbst und ihre beiden Söhne aufzugeben. Eine Liste von Forderungen, die uns auch heute noch entsetzt:

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Beispiele dafür, was Einstein für das weitere Zusammenleben einfordert:

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Damit ist der Weg für seine Geliebte und spätere Ehefrau frei. Empathie und Liebe funktionieren anders. Die Relativitätstheorie der Beziehung wird hier zur bitteren Praxis. Was bei Marie Benedict mit dieser unsäglichen Liste endet, stellt für Slavenka Drakulić den Startpunkt ihrer Auseinandersetzung mit Mileva Einstein dar. Eine aus meiner Sicht erste Überraschung in der Herangehensweise, weil sie ganz unverblümt das absehbare Ende der Beziehung zum Beginn ihres Romans erhebt. Nicht die einzige Überraschung, die ich erlesen sollte.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeitvon Slavenka Drakulić

Plötzlich stellt sich mir nicht mehr die Frage, welcher Roman der eigentlich bessere ist. Ich verdränge diesen Gedanken schnell in den Hintergrund und mir schießt die Idee in den Kopf, warum man nicht beide Bücher als sogenanntes „Einstein-Bundle“ auf den Markt gebracht hat. Warum ich so denke? Ganz einfach.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

Natürlich erzählt Slavenka Drakulić zu Beginn ihres Romans, wie es zu dieser Liste und der Entfremdung kam, sie rekapituliert den gemeinsamen wissenschaftlichen Weg und gibt der Enttäuschung Milevas Raum. Der eigentliche Schwerpunkt des Buches ist nach 1914 angesiedelt. Sie erzählt, was mir nach dem Lesen von „Frau Einstein“ noch fehlte. Sie betrachtet Mileva Einstein in dem Zustand, in den sie der fatale Katalog ihres Mannes versetzt hat und von dem sie sich nie wieder erholen sollte. Bis 1933 begleiten wir Mileva Einstein auf ihrem einsamen Weg an der Seite ihrer Söhne. Aufopfernd stellt sie sich und ihre Gesundheit in den Dienst ihrer Kinder. Sehnsüchtig betrachtet sie aus der Ferne das Leben, das eigentlich ihr Leben hätte sein müssen. Das Leben Seite an Seite mit dem wohl erfolgreichsten Wissenschaftler seiner Zeit.

Auch Slavenka Drakulić beeindruckt sprachlich und inhaltlich. Beide Bücher sollte man lesen, wenn man Mileva komplex verstehen möchte. Die Dopplungen sind nicht so umfangreich, wie ich es erwartet hätte, denn aus der Schnittmenge beider Romane wird die jeweilige Ausgangsperspektive, die uns eine Frau ins Leben schreibt, deren Leben unter dem Vorbehalt des Rollenbildes seiner Zeit gelebt wurde. Ein Leben, das heute in jeder Beziehung anders verlaufen würde. Diese Romane ergänzen sich komplementär. Sie sollten nicht getrennt werden. Eine mehr als überraschende Erkenntnis, die in eine Empfehlung mündet, die ich so nicht habe kommen sehen.

Mileva Einstein von Slavenka Drakulic

„Frau Einstein“ und „Mileva Einstein oder die Theorie der Einsamkeit“ sind zwei Teile des Bildes, das erst durch das miteinander verbundene Lesen entsteht.

Advertisements

„Das Leben des Vernon Subutex 2“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Eigentlich muss man den Mittelband einer Trilogie kaum rezensieren. Eigentlich ist ein solcher Artikel nur für die Leser des ersten Teils von Interesse, verleitet kaum einen Nichtleser dazu, mit dem Auftaktband zu beginnen „Klingt gut, aber da warte ich, bis die Trilogie vollständig vorliegt“ und schreckt kaum jemanden ab, der monatelang gewartet hat, bis die Fortsetzung endlich auf dem Markt ist. Und Leser, die schon den ersten Teil einer Buchreihe (aus welchem Grund auch immer) abgebrochen haben, holt selbst eine gute Kritik zum zweiten Teil nicht mehr in die Buchreihe zurück. So ist es auch mit dem literarischen „Coup de France“, der mich durch mein Lesen und Hören begleitet.

Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes hat nicht nur mein Lesen, sondern auch meine Wahrnehmung einer komplexen Gesellschaft nachhaltig verändert und tiefe Spuren in mir hinterlassen. In welcher Art und Weise Vernon Subutex mich so intensiv berührte, kann man in meiner Buch- und Hörbuchvorstellung zum Auftaktband nachlesen. Dopplungen oder Redundanzen zum zuvor Geschriebenen erspare ich mir und euch. Also, wer immer noch nicht weiß, wessen Leben wir hier mit- und nachleben dürfen, dem sei meine Rezension zum ersten Teil der Reihe ans Herz gelegt. Es wird schnell ersichtlich, warum ich sehnsüchtig auf die Fortsetzung wartete und mit welchen Erwartungen ich mich erneut in das Paris eines Aussteigers begab, dessen Abstieg am Ende der fulminanten Einleitung in diesen zweiten Teil überleitete.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Wer es also bis hierhin geschafft hat, der gehört zu den Familienangehörigen von Vernon Subutex, hat den ersten und vielleicht sogar auch den zweiten Teil der Trilogie gelesen oder/und gehört, oder ist einfach unerschrocken genug, meinen Worten folgen zu wollen, einfach weil sie hier niedergeschrieben wurden. Hallo, alle zusammen. Freut mich sehr, euch wieder nach Paris mitnehmen zu können. Ich bin oft dort, ob literarisch oder im realen Leben. Kenne alle Prachtstraßen und Gassen, ihre Geschichte und das soziale Gefälle zwischen den Champs-Élysées und den Banlieus. Ich bin hier durchaus ein wenig zuhause. Nicht zuletzt, weil ich diese Metropole mit anderen Augen sehe, seit mir Vernon Subutex über den Weg gelaufen ist.

Aussteiger, Lebenskünstler, ewig Gestriger, Rebell, Relikt seiner Generation und Wanderer zwischen den Welten des Urbanen. So habe ich ihn kennengelernt. Raus aus dem normalen Leben, rein in die Rolle des Getriebenen und Bittstellers, der an den Türen ehemaliger Freunde und Freundinnen zu verzweifeln beginnt. Autofokus auf eine Gesellschaft, die sich so gerne der genauen Betrachtung entzieht. Das Kaleidoskop der französischen Schichten, in denen wir uns sofort wiedererkennen. Bilderstürmer, der an der Oberfläche des Selbstbildes klopft, bis es langsam zu bröckeln beginnt. Analyst des Werteverfalls und -wandels in einem sozialen System, das sich schon lange in asoziale Subsysteme verloren hat. Wachstumsverweigerer und Beziehungstrottel, Enttäuschter und Enttäuscher. Sympathischer Rekord-Versager auf der nach unten offenen Subutex-Skala. Kurz gesagt: Ich mag ihn.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Das jedoch hätte ich ihm gerne erspart: Das Leben als Obdachloser in Paris. Hier genau setzt „Das Leben des Vernon Subutex – 2“ den schleichenden Abstieg aus den Schlusskapiteln des Auftaktbandes logisch, konsequent und allzu schmerzhaft fort. Hier brilliert Virginie Despentes mit dem nächsten scharfen Blick auf eine Stadt, die sich im Ganzen jedem Besucher so beharrlich entzieht. Jenseits des Schillernden, abseits des Bürgerlichen und fernab der städtischen Problemzonen in den Banlieus landen wir nun mitten auf der Straße. Die Aussicht ist schön. Sacré-Coeur am frühen Morgen ist eine traumhafte Kulisse, besonders nach alptraumhaft verbrachten Nächten auf Parkbänken. Ganz unten ist er angekommen, unser Vernon. Und nicht nur das. All jene, denen er im ersten Teil des Lesens das ein oder andere lebenswichtige Utensil (PC, Uhren, Herzen, usw.) entwendet hat, haben sich zu einer Gruppe der Verfolger zusammengeschlossen, die ihn in der Welt der Clochards zu finden versucht.

Wem wir hier am Montmartre wiederbegegnen? Keine Sorge, ihr kennt sie alle. Und nicht zuletzt haben sowohl der Verlag Kiepenheuer und Witsch, als auch Der Audio Verlag die Buch- bzw. Hörbuchausgabe mit einem Personenverzeichnis versehen. Ein perfekter Service an Lesern und Hörern, da die Personenfülle im Roman schon Formen angenommen hat, die ein solches Dramatis Personae mehr als hilfreich macht. Es ist also angerichtet. Paris aus einer anderen Perspektive. Von ganz unten. Und dazu noch enttäuschte Freunde und Bekannte auf einer gnadenlosen Hetzjagd durch die Straßen der Stadt. Über allem schwebt noch immer das scheinbar verschwundene Vermächtnis des verstorbenen Sängers Alexandre Bleach. Dieses Selbst-Interview auf Tonband ist der einzige Trumpf in Händen von Vernon Subutex, beinhaltet die Aufnahme doch allen soziokulturellen Sprengstoff, um die Reihen seiner vermeintlichen Freunde ziemlich ins Wanken zu bringen.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Ein starker Mittelband der Subutex-Trilogie. Lückenlos fortgesetzt. Hemmungslos in jeder Beziehung weitergedacht und erzählt. Ein wundervoller Mix aus altbekannten und neu hinzugekommenen Charakteren erweitert das Paris-Kaleidoskop um Facetten, die den Roman weiterbringen. Das kleine Universum aus Prostituierten, Porno-Darstellern und Privatdetektiven, in Kombination mit liebestollen älteren und jungen Frauen, die auf dem Selbstfindungstrip ihres Lebens über Subutex stolpern, erweitert sich nun um ein paar erzählenswerte Charaktere aus der Obdachlosen-Szene, wie zwei beste Freunde, die nach einer Gewalttat im ersten Band so richtig zur Geltung kommen, und eine alles überstrahlende junge Tätowiererin, die überall ihre Spuren hinterlässt. Unterhaltung und Tiefgang sind hier erneut vorprogrammiert.

Es gilt einen Mord aufzudecken, verloren geglaubte Tonbänder wiederzufinden, eine sich radikalisierende Tochter vom Islam fernzuhalten, für brutale Überfälle zu büßen, in Freundschafts-Kummer zu verfallen und ganz nebenbei die Stadt und sich selbst immer wieder neu zu definieren. Grandios, wie Virginie Despentes bekannte Fäden aufgreift, sie mit neuen verbindet und dann zu einem Spinnennetz verwebt, in dessen Mitte sie in aller Seelenruhe die Fäden zieht. Egal, wo sich etwas bewegt, alles vibriert. Es ist kein Ende in Sicht, wenn wir das Buch oder seine Hörbuchfassung verlassen. Es wird schon alles gutgehen. Es wird alles weitergehen. Es wird schon werden. So sitzt man vor dem letzten Wort dieses Mittelbandes. Wir werden Zeugen, wie sich eine Subkultur bildet, in deren Mittelpunkt niemand anderes steht, als der charismatische Looser Subutex. Nein, es endet nicht in Paris. Ja, ich freue mich auf die Fortsetzung und das Ende der Story, die mich immer noch bewegt. Ich freue mich auf alte und neue Bekannte. Oh ja, ich bin schon sehr gespannt auf „Das Leben des Vernon Subutex – 3“. Wir sehen und hören uns auf Korsika wieder… Versprochen… Im September geht es weiter…

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Virginie Despentes seziert ihr Frankreich bei lebendigem Leib mit dem gewetzten Tranchiermesser eines literarischen Sternekochs.

Das Leben des Vernon Subutex 2 von Virginie Despentes

Der endlose Sommer – Ein Requiem von Madame Nielsen

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… wir bleiben im »endlosen Sommer«, der gleich dem Paradies der Ort ist, der nie war und an den man nie zurückkehren kann, außer in der Erzählung…“

Der endlose Sommer – Sommerzeit bei Literatur Radio Bayern – Ein Klick genügt

Könnt Ihr Euch noch an Euren letzten Endlosen Sommer erinnern? An diese Zeit in Eurer Jugend, in der fast alles möglich schien, in der man sich unsterblich fühlte, auf der Suche nach der ersten wahren Liebe jedes Risiko eingehen konnte und dachte, die Freunde dieser Tage wären jene Menschen mit denen man sein Leben lang zusammen sein würde? Könnt Ihr Euch noch daran erinnern? An diesen verschleierten Traum, der alle Konturen verwischte und an dessen Ende man inständig hoffte, nicht irgendjemand zu sein. Jemand wollten wir werden. Geliebt, nicht beliebig. Die flirrenden Träume und Fantasien jener Tage hinterlassen in jedem Menschen eine nicht mehr auzuslöschende Melodie, der wir lange hinterher trauern, wenn sie erst verklungen ist.

Könnt Ihr Euch an diese Zeit in Eurem Leben erinnern? Seid Ihr bereit, den Kokon zu durchbrechen, der Eure Erinnerungen vor dem Hier und Jetzt beschützt und seid Ihr bereit, in ein Paradies zurückzukehren, in das man niemals zurückkehren kann? Außer in Erzählungen? Wenn ja, dann seid Ihr bereit für Madame Nielsen. Aber Vorsicht, die Rückkehr in dieses Paradies kann alte Wunden aufreißen und Gefühle wecken, die Ihr schon lange vergessen habt. „Der endlose Sommer“ beginnt erneut.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Der Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, es aber noch nicht weiß. Der scheue Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, aber nie einen Mann berühren, sich nie mit einem Mann ausziehen und Haut an Haut reiben würde, nie im Leben…“

Der endlose Sommer ist kein Roman und keine Erzählung im üblichen Sinn. Wir tauchen in ein Requiem ein, den emotionalen Abgesang auf das verlorene Paradies, in dem eine Gruppe junger Menschen die wundervollste Zeit ihres Lebens verbrachten. Es ist eine Phase der unbeschwerten Orientierungslosigkeit und Offenheit für die Wunder der Welt. Alles scheint erlaubt und doch ist es mutig, die moralischen Schranken einer Gesellschaft zu durchbrechen die keine Durchbrüche toleriert. Ein junges Mädchen und ihr zarter scheuer Freund erleben dies am eigenen Leib. Die eigene Suche nach den großen und sicheren Gefühlen wird durcheinandergewirbelt, als zwei Portugiesen im strahlenden Licht des endlosen Sommers erscheinen. Die feste Gemeinschaft dieser Tage wird um eine Melodie erweitert, die alles vergessen macht und vieles neu erfindet.

Den Stiefvater, der seine Frau eifersüchtig mit dem Gewehr bewacht. Die Brüder, die haltlos durch ihr Leben taumeln und die Mutter, die plötzlich alle Zweifel über Bord wirft und sich hoffnungslos in einen der Portugiesen verliebt. Eine wahrlich unmögliche Liebe, die alles in ihren Bann zieht, alles mit sich reißt und auch nicht endet, als der letzte Sonnenstrahl des endlosen Sommers für immer untergeht.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„Doch manches ist selbst im Traum nur ein Traum, »der endlose Sommer« zum Beispiel, vielleicht beginnt er nie, vielleicht ist er nichts als die Befreiung, von der das Mädchen oder der schmale Junge träumen…“

Vom Olymp des Erzählers macht uns Madame Nielsen nicht nur zu Beobachtern.  Wir spüren, dass sie die Fäden in der Hand hält und das Schicksal bestimmt. Wie eine griechische Göttin vermag sie die Gefühle der jungen Menschen aufzuspüren und uns ins Herz zu schreiben. Dabei schreibt Madame Nielsen nicht im traditionellen Sinn den Roman den man vielleicht erwartet hat. Sie komponiert ihr Requiem wie ein Musikstück, dessen melancholische Grundmelodie uns gefangen nimmt. Sprachlich eine Klasse für sich. In der Struktur der Erzählung so vergleichbar, wie ein Traum im Traum, der jede Struktur verweigert und sich erst erschließt, nachdem man aufgewacht ist. Dieses Buch ist die Kathedrale, in der dieses Requiem aufgeführt wird.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

„… und viele Jahre später, als er schon längst eine alte Frau ist…“

Wer sich dieser Erzählung bedingungslos ausliefert, wird schnell fühlen, dass sie sich den Kategorien entzieht, die wir gerne über Literatur stülpen würden. Wir haben es hier nicht mit einem Coming-of-Age-Roman zu tun, dies ist sicher keine Geschichte über diffuse Rollenbilder oder gar eine Gender-Story. Wir erleben kein sexuelles Outing oder homo-erotische Trugbilder. Hier ist alles möglich. Alles ist ungeformt und im Fluss. Das Leben liegt nicht als Blaupause zum Nachzeichnen auf dem Tisch. Die Menschen dieses Romans sind Skizzen, die keine scharfen Kanten haben und die wir gemeinsam mit der grandios fabulierenden Autorin ganz zart ausmalen dürfen.

Ihr werdet den Roman nicht zu fassen bekommen, wie Ihr Euren eigenen endlosen Sommer auch heute nicht zu fassen bekommt. Er besteht aus Sequenzen, Bildern und Rhythmen, die sich langsam aneinander reihen. Sucht nicht verzweifelt nach Struktur, wo Euer Paradies selbst nie strukturiert war. Versucht Euch hinzugeben, das Requiem zu erhören und saugt die Melodie auf, die wir schon lange nicht mehr summen können.

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Sucht nach Euren eigenen Antworten auf die Fragen des Lebens. Wer gehört zu wem, wer ist wer und was bleibt am Ende von allem? Ist es nur das liebestrunkene und unvergessliche Gefühl der letzten großen unbeschwerten Lebensphase und die Angst vor der Unausweichlichkeit des Schicksals? Ist es Liebe? Ist es Unsicherheit oder gar die eigene Erinnerung, die es plausibel erscheinen lässt, dass ein Junge vielleicht ein Mädchen ist. Madame Nielsen reicht Euch ihre Hand und summt ihr ganz eigenes Lied. Durchleben müsst Ihr diesen endlosen Sommer ganz allein. Das ist Euer Privileg. Es ist wundervoll, in diesem Roman den eigenen endlosen Sommer zu finden und sich dabei zu fragen, was wir im Herbst und Winter unseres Lebens davon noch im Herzen haben. Ich fand meine Antworten.

Dieser Roman entspricht seiner Autorin. Madame Nielsen ist alles, was man sich vorstellen kann, wenn man das Wort Künstlerin reflektiert. Sie ist Kunstperson und Lebenskünstlerin, Performance-Artist, Autorin und Sängerin. Ihre Vita klingt skurril, was sie für mich nur umso faszinierender macht. Sie löste sich 2001 sehr konsequent von ihrem männlichen Ich, trug Claus Beck-Nielsen zu Grabe, erfand sich selbst und lebt ihr Leben, wie sie ihren endlosen Sommer lebte. All diese Geheimnisse möchte ich gerne im Verborgenen lassen und sie so akzeptieren, wie sie schreibt. Außergewöhnlich und einfach als grandiose literarische Stimme. Ich fühlte mich sprachlich ein wenig an die große Tania Blixen erinnert. Ja, ich denke, das hätte ihr gefallen. Dänische Stimmen tragen die Weltliteratur auf leichten Schultern. Ich verneige mich.

„Es ist stets die Idee des Paradieses, auf die es ankommt,
und wenn eine hinreichend ansprechende Illusion erschaffen werden kann,
folgt die Wirklichkeit von selbst.“
(Tania Blixen)

Der endlose Sommer von Madame Nielsen

Ihr könnt diese Rezension auch auf Literatur Radio Bayern hören. 

Inzwischen ist die endlose Sommerzeit auch bei Zeichen und Zeiten angebrochen.

Frau Einstein – Die Relativität der Liebe von Marie Benedict

Frau Einstein von Marie Bnedict

„Bald ist es überstanden. Das Ende kommt näher wie ein dunkler,
verführerischer Schatten, der mein Licht auslöschen wird.
Meine Zeit läuft ab und ich blicke zurück.“

So beginnt der Roman „Frau Einstein“ aus der Feder von Marie Benedict. Es sind nicht mehr viele Stunden, die Mileva Marić am 4. August 1948 bleiben, um im Alter von 72 Jahren einen Rückblick auf ein ebenso bewegtes, wie von Enttäuschung und Verlust geprägtes Leben zu werfen. Mitza, so wird sie meist von guten Freunden genannt, doch wir kennen sie nur unter dem Nachnamen, den sie mehr als sechzehn Jahre lang trug. Ein Name, der sie weltberühmt machte. Nicht jedoch aufgrund ihrer eigenen Leistung oder der Fähigkeiten, die ihr das Schicksal in die Wiege gelegt hatte. Sie war die erste Frau von Albert Einstein. Sie war Mileva „Mitza“ Marić Einstein.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Romantik und Wissenschaft sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.
Jedenfalls nicht, wenn man eine Frau ist.“

Marie Benedict entführt uns in ihrem biografischen Roman in eine Zeit, in der das Rollenbild der Frau von ihren häuslichen Pflichten geprägt war. Das Wahlrecht und der Zugang zu akademischen Berufen wurden ihnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch verwehrt. Hinzu kamen regionale Unterschiede und Vorurteile gegenüber Osteuropäern und so konnte man nicht unbedingt davon ausgehen, dass der blitzgescheiten Mitza die Türen der Welt offenstehen. Serbin und Frau zu sein, ein doppeltes Handicap in dieser Zeit. Wäre da nicht ausgerechnet ihr Vater gewesen, der alles für seine Tochter in die Waagschale warf, sie wäre wohl nie die aufstrebende Mathematikerin geworden, die er schon früh in ihr zu erkennen glaubte. Seiner mudra glava (weiser Kopf) wollte er die Welt der Wissenschaft öffnen. Doch er wusste ganz genau, was seiner Tochter niemals in den Weg kommen durfte. Die LIEBE…

Frau Einstein von Marie Benedict

„Ein Körper verharrt im Zustand der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, sofern er nicht durch einwirkende Kräfte zur Änderung seines Zustands gezwungen wird.“

Sir Isaac Newton

So wurde aus dem jungen Mädchen eine der ersten Studentinnen der Mathematik die in Zürich in das Haifischbecken der männlichen Kommilitonen geworfen wurde. Und hier bestätigt sich das oben zitierte Newton`sche Gesetz schon früh. Mileva stößt nicht nur auf Gegenwehr, sie wird sogar aufgrund ihres Intellekts schnell akzeptiert und doch kommt es so, wie ihr Vater befürchtet hatte. Sie trifft sie auf eine Kraft, die sie magisch anzieht, sie jedoch nachhaltig aus der eigenen Bahn werfen wird. Mileva begegnet dem jungen Physikstudenten Albert Einstein. Aus ersten theoretischen Diskussionen wird Freundschaft, aus Freundschaft wird Liebe und was für sie nach einem gemeinsamen Lebensweg aussieht, entwickelt sich anders, als sie es sich je hätte vorstellen können.

Frau Einstein von Marie Benedict

„Izugbio sam ze. Ich war verloren.“

Was sich anfühlt wie eine wissenschaftlich-emotionale Allianz zweier Genies, wird für Mileva zum Abstellgleis ihrer eigenen Interessen. Eine ungewollte Schwangerschaft beendet ihr Studium, der uneheliche Status des Kindes steht Mileva und Albert im Weg und aus Rücksicht auf seine erste Anstellung tritt sie in den Hintergrund. Vergessen ist alles was sie zu seinen ersten Publikationen beigetragen hat, vergessen all die Impulse, die sie immer wieder setzte, um seine Physik-Theorien mathematisch zu untermauern. Vergessen all seine Versprechen von Hochzeit und einer gemeinsamen Karriere. Hier zeigt Albert Einstein, dass Liebe unberechenbar ist, dass ihr kein Formelwerk zugrunde liegt und dass der vielversprechende Jungakademiker in Herzensangelegenheiten nicht nur unkalkulierbar, sondern sogar egozentrisch berechnend ist. Mileva verlor sich in die Mutterrolle. Sie war verloren. Ihr Vater hatte es geahnt.

Frau Einstein von Marie Benedict

War Albert Einstein wirklich dieses menschliche Scheusal von dem Marie Benedict hier schreibt? Gut, dass meine kleine Bibliothek eigene Recherchen erlaubt. In „Lists of Note“ findet sich die Aufstellung der Bedingungen, die der spätere Nobelpreisträger an ein weiteres Zusammenleben mit seiner Mileva knüpft, um sie mit ihren Kindern nicht im Regen stehen zu lassen.

Klingt sehr herzlich und empathisch…

  • Kleider und Wäsche instand halten
  • Drei Mahlzeiten täglich ins Zimmer servieren
  • Verzicht auf alle persönlichen Beziehungen
  • Keine Zärtlichkeiten
  • Das Schlafzimmer verlassen, wenn er darauf besteht
  • Keine persönlichen Gespräche…

Bezeichnend auch, in welcher Form er sich später dazu verpflichtete, seine Frau zu entschädigen, damit er wieder als freier Radikaler durch die Welt der Wissenschaft toben konnte, die ihm zu Füßen lag. Alles konnte er wohl teilen, nicht jedoch den Erfolg, den er nur für sich reklamierte. Gar nicht nobel, der Preisträger.

Frau Einstein von Marie Benedict

Marie Benedict beschreibt mit chirurgischer Präzision die Spirale, aus der Mileva nicht mehr entfliehen kann. Sie zeichnet ein komplexes sozio-kulturelles Sittenbild dieser Zeit und lässt dabei kein gutes Haar am Strubbelkopf von Albert Einstein. Zwar betont sie klar und deutlich, dass sie keine wissenschaftlich untermauerte Biografie, sondern einen Roman geschrieben hat. Und doch spürt man deutlich, wie sehr sie des Pudels Kern in ihrem Buch getroffen hat. An den Fakten kommt man nicht vorbei. Und so bleibt uns als Leser nur, gemeinsam mit Mileva um Verluste zu trauern, kleine Hoffnungsschimmer als das zu nehmen, was sie sind: als reine Trugbilder und Illusion. Und es bleibt der Neid in der Erkenntnis, dass es auch anders hätte sein können. Eine Begegnung der Einsteins mit Marie und Pierre Curie. Sie leben vor, wie es hätte sein können. Tragisch.

Ein relativer Vergleich – Gar nicht Theoretisch – Mileva in der Literatur

Dieser Roman ist relevant. Gerade in Zeiten von unterschiedlicher Entlohnung bei der Arbeit, der Quotierung der Anzahl von Frauen in wirtschaftlichen Spitzenpositionen und auch in der Reflexion einer in der Gesellschaft eher einseitig geführten MeToo-Debatte ist es erhellend zu erkennen, was sich seit mehr als 100 Jahren verändert hat und was eigentlich immer noch nicht.

Relevant wird es auch sein, im April den Roman „Mileva Einstein oder Die Theorie der Einsamkeit“ von Slavenka Drakulic zu lesen. Ich bin sehr darauf gespannt, wie unterschiedlich sich beide Schriftstellerinnen der zweifellos erzählenswerten Geschichte in letzter literarischer Konsequenz angenähert haben. Hier ist der Vergleich.

„The Writer´s Cut“ von Monty Python Eric Idle

The Writer´s Cut von Eric Idle

Timing ist bekanntlich alles, wenn es um Gags geht! Die beste Comedy verpufft in Banalität, wenn der richtige Zeitpunkt für den Knalleffekt verpasst wird. Wer jemals den Film Das Leben des Brian von Monty Python gesehen hat, weiß ganz genau was es bedeutet, absolute Meisterschaft im Timing von Gags zu erreichen. Kaum eine andere Komikergruppe hat es jemals zu einer vergleichbaren Timing-Brillanz gebracht. Kaum ein zweites Team war in der Lage, dem Sinn des Lebens einen neuen Sinn zu geben oder die Geschichte des Mittelalters mit den Rittern der Kokosnuss zu garnieren.

Eric Idle war einer von ihnen. Auch 25 Jahre nach Brian gehört Idle immer noch zum internationalen Who-is-Who der Gag-Giganten. Der Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur und Komponist zieht seit den großen Erfolgen von Monty Python auch solo seine Kreise. Unsere Erwartungshaltung ist riesig, wenn wir ihm ihn seinem Schaffen begegnen. Punktgenau hat er immer geliefert. Wesentliche Teile meiner Lachmuskeln sind von ihm als Personal Trainer geformt worden und nun ein Buch aus seiner Feder vor Augen zu haben lässt mich schon vor dem ersten Satz erwartungsvoll schmunzeln.

The Writer´s Cut von Eric Idle

The Writer´s Cut“ liegt nun in einer zweisprachigen Taschenbuchausgabe aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch vor. So wird aus einer 165-seitigen Story doch ein ansehnliches Werk, da uns neben der Übersetzung von Julian Müller zugleich die originalen Zeilen des britischen Multitalents Eric Idle zur Verfügung gestellt werden. Ein gewagtes Unterfangen. Zumindest aus Sicht des Übersetzers. Für ihn steht hier schon viel auf dem Spiel, da jeder Leser damit beginnt, die beiden Fassungen zu vergleichen und zu mutmaßen, wie man selbst die ein oder andere Passage des Buches übersetzt hätte. Ein gewagtes Spiel eben auch, weil bestimmte Redewendungen und Wortspiele einer Hollywood-Satire sich dem deutschen Sprachgebrauch entziehen, wenn man sie wörtlich an den Mann oder die Frau bringen wollte…

„Ein Reality-Roman aus Hollywood“, was auch immer wir uns davon zu versprechen haben, gerade in der Zeit der #MeToo-Skandale darf und muss man darauf gespannt sein, was Eric Idle hier zu Papier gebracht hat. Eines ist jedoch sicher. Whistleblower sehen anders aus und realen Enthüllungsjournalismus darf man hier wirklich nicht von ihm erwarten. Was ich lesen durfte hat mich jedoch vom Hocker gehauen und meiner Lachmuskulatur dazu verholfen, nun als gestählt betrachtet zu werden. Muskelkater all inclusive! Was jedoch macht diese Story so real, was verleiht ihr Brisanz und warum ist es brüllend komisch, worüber sich Eric Idle hier amüsiert? Ganz einfach. Er nimmt alle Automatismen einer Unterhaltungsindustrie auf die Schippe und begeistert damit ganz besonders Buchliebhaber.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Stanley Hay ist Drehbuchautor. Noch dazu ein recht erfolgloser, dessen Existenz in Hollywood ebenso verschwiegen, wie unterbezahlt wird. Soviel zum Thema Realsatire. Als er jedoch ankündigt, einen Enthüllungs-Roman über die Prominenten der Filmsets auf den Markt bringen zu wollen, löst er schiere Hysterie aus. Doppelmoral trifft auf ihr voyeuristisches ungezogenes Schwesterlein. Jede Menge Sex und Drugs garniert mit weltbekannten Schauspielerinnen und Models. Das ist eine Sensation und Hollywood erzittert. Ein hochdotierter Buchvertrag wird schnell unterschrieben, die Filmrechte sind hart umkämpft, Interview folgt auf Interview und Stanley Hay steht im Mittelpunkt allen medialen Interesses.

Einziges Problem. Er hat noch keine einzige Zeile zu Papier gebracht. Aus dieser grandiosen Ausgangssituation heraus kommt Eric Idle aus seiner Deckung und schießt schärfer als die Polizei erlaubt. Aus dem Whistleblower wird ein Blowjobwhistler. In allen Details dieser Story entdecken wir die wahren Automatismen, die den Buchmarkt weltweit bestimmen. Sensationsgier und die Suche nach dem Mega-Seller lassen alle Schranken und Hüllen fallen. Und das absolut Perverse an der gesamten Situation. Die wahrhaft prominenten Weltklasse-Schauspielerinnen fürchten sich davor, nicht im Buch erwähnt zu sein. Kein Skandal – kein JetSet. Und so bemüht man sich doch noch kurz vor Toresschluss auf den eigentlich abgefahrenen Zug aufzuspringen. Koste es was es wolle.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Eigentlich haben es Komiker in den USA schwer genug. Eric Idle betont das mehr als deutlich:

„Da sitzt ein Clown im Weißen Haus und keiner lacht!“

Doch noch bevor wir wissend mit dem Prusten beginnen, bleibt uns das Lachen so sehr im Hals stecken, als hätten wir eine gute Portion Gräten gegessen. Der Roman ist im Jahr 2003 angesiedelt und gemeint ist hier George W. Bush. Spätestens hier wird klar, wie zeitlos die Story ist und dass es auch noch schlimmer kommen kann. Dieser Roman hat Potenzial, weil er mit der Potenz seines Protagonisten protzt. Das Bild der Frauen in dieser Unterhaltungsindustrie verkommt schnell zum Schlampenimage, auf das Hollywood heute mit Abscheu schaut. Diese Scheinheiligkeit stinkt in dieser Story gewaltig zum Himmel. Die Besetzungscouch ist hier kein geflügeltes Wort und Sex ist Währung, mit der auch Aktricen gerne zu zahlen bereit sind. Ein Skandal ? Nicht in Eric Idles Buch, das es gar nicht gäbe ohne reale Vorbilder. Das ist postironisch!

Wer jedoch ist nun der bessere Gagschreiber? Eric Idle oder sein Übersetzer? Ich habe keinen Zweifel, dass Julian Müller hier ein faszinierendes eigenständiges Werk geschaffen hat. Wortspiele die nicht übersetzbar sind hat er auf Gutdeutsch kompatibel gemacht. Redewendungen, die so nicht funktionieren, hat er lachbar gemacht. Wenn in der englischen Fassung etwas undicht ist, heißt es im Original „leaky as a cheap tent“. Julian Müller macht daraus „undicht wie ein Kondom aus dem Nähkästchen!“ Weit entfernt vom Ursprung, könnte man denken. Ich finde die Übersetzung hat Pep und ist alleine für sich schon ein Skandal, weil Julian Müller keine Details umschifft, die diese Story so schlüpfrig, skandalös und anzüglich machen. Hut ab.

The Writer´s Cut von Eric Idle

Idle ist ein Perfektionist in Sachen Timing! Lesen, lachen, nachdenken und wieder lesen. Wer Bücher liebt und die große Story eines ungeschriebenen Bestsellers nicht verpassen möchte, ist hier genau an der richtigen Stelle. Kein uferloser Director`s Cut. „The Writer`s Cut“ stößt schnell und präzise zu. Wie sein Protagonist.