„Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Soziale Sprachlosigkeit. So könnte man das große Leiden in unserer Gesellschaft auf den Punkt bringen. Das kollektive Verschanzen hinter Vorurteils-Barrikaden und Dialog ohne Gesprächsbereitschaft sind die wohl prägnantesten Symptome für eine Krankheit, die wir als soziale Kälte bezeichnen. Eine schweigende Mehrheit weiß einer brüllenden Minderheit nicht mehr zu begegnen. Zeiten, in denen sehnsüchtig auf literarisch mutige Stimmen gewartet wird. Zeiten, in denen wir darauf hoffen, dass sich Schriftsteller in die Waagschale werfen und zu neuem Denken inspirieren. Schriftsteller, die aus neutralen Positionen heraus Spiegel vorhalten, Perspektiven erweitern und neue Impulse setzen könnten.

Dass wir in der heutigen Zeit der Sprachlosigkeit ausgerechnet in Frankreich auf eine solche neue Stimme treffen, ist keine Überraschung. Kaum ein anderes Land ist in sich so zerrissen, kaum ein Land fühlt das Auseinanderdriften seiner sozialen Schichten so intensiv und kaum ein Land ist so gefährdet, sich selbst an Populisten und Extremisten zu verlieren, weil die etablierten Parteien die Sorgen und Nöte des Landsleute kaum in spürbare Politik transferieren können. Die Unzufriedenheit sucht sich ihre Ventile und in Deutschland darf man sich nicht nur als stiller Beobachter dieser Entwicklung sehen. Es wäre fatal, sich das Leben so leicht zu machen. Stabil ist anders. Stabil sind nicht wir.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Es lohnt sich also sehr, unseren Blick auf einen literarischenCoup de France zu werfen und sich ihm nicht aus der Distanz zu nähern. Dieses Buch, diese Trilogie steht uns näher, als wir es je vermuten würden. Dieses Werk ist zwar so französisch, wie ein gut belegtes Baguette in einem Café an der Seine. Und dabei ist es ebenso europäisch, deutsch und polyglott, wie es ein epochales literarisches Erdbeben nur sein kann. Und als solches muss es sehr wohl bezeichnet werden, „Das Leben des Vernon Subutex“ von Virginie Despentes. Ein auf drei Teile angelegter großer Gesellschaftsroman, der nicht nur in Frankreichreich hohe Wellen schlägt.

Ich habe den Auftaktband aus dem Hause Kiepenheuer und Witsch gelesen und  bin gleichzeitig in der ungekürzten Hörbuchfassung von Der Audio Verlag versunken, weil mich Johann von Bülow mit seiner grandiosen Interpretation des Textes gefesselt hat. Wer ist nun jener Vernon Subutex, dem wir durch sein Paris folgen dürfen? Ein Paris, das ihm im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht mehr wie sein Paris vorkommt, das ihn zu verlieren scheint, weil er sich selbst an den Rand einer Gesellschaft katapultiert, die nur noch aus Rändern zu bestehen scheint. Vernon Subutex. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, so könnte man meinen. Eine Zeit, in der Sex and Drugs and Rock ´n´ Roll gesellschaftsfähige Rahmenbedingungen für Menschen darstellten, die heute nur noch aus dem Rahmen fallen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Der ehemalige Schallplattenverkäufer Vernon Subutex erlebt mit dem Niedergang einer Branche nicht nur den Paradigmenwechsel der Musikindustrie, er wird auch zum Zeugen seines eigenen Niederganges. Was sich gestern noch wie eine niemals enden wollende Partyszene und ein Leben auf der Überholspur anfühlte, wird schlagartig zum Horrortrip in einer sozialen Einbahnstraße. Was gestern noch eine gut vernetzte Clique ehemaliger Musiker und Szenegrößen war, wirkt plötzlich wie das zerfallene Puzzle der ewig Gestrigen. Vernon Subutex verliert Job, Wohnung und alle Unterstützung, die allzu selbstverständlich für ihn war. Was ihm bleibt sind sein relativ passables Aussehen, die ungebrochene Anziehungskraft auf Frauen und sein ausgeprägter Überlebenswille.

Denn überleben will er. Gerade nachdem die „Einschläge“ immer näher kommen und schon einige seiner Kumpels von früher die „Löffel“ abgegeben haben. Also tritt Vernon eine Flucht nach vorne an, sucht Zuflucht bei alten Freunden, noch älteren Freundinnen und bei all den Zufallsbekanntschaften, die ihm auf seinem Roadtrip durch Paris in die Quere kommen. Aus dieser skurril anmutenden Ausganslage zieht Virginie Despentes den Stoff, aus dem große Literatur gemacht werden kann. Mit Vernon Subutex lässt sie ihren Undercover-Agenten auf alle Schichten der französischen Gesellschaft los. Sein Blick wird zu unserer Perspektive. Seine Beobachtungen werden zu unseren Bildern, in denen sich das wahre Leben spiegelt. Seine Bekanntschaften werden zu Zeugen eines Abgesangs auf alle Faktoren, die den zwischenmenschlichen Wertverfall bedingen.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Virginie Despentes gelingt es bravourös, all jenen eine unverwechselbare Stimme in diesem Choral des Niedergangs zu verleihen. Ein Meisterwerk der guten Beobachtung, eine Komposition aus den Dissonanzen, die dem scheinbar Normalen innewohnen. Ein Parforceritt durch die unterschiedlichsten Schichten dieser Gesellschaft, die sich schon lange nicht mehr in diesem homogenen Begriff beschreiben lässt. Dabei leistet Virginie Despentes einen existentiell wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Sprachlosigkeit in Zeiten großer Verunsicherung. Sie wertet und bewertet die Menschen nicht, denen ihr Protagonist begegnet. Sie lässt sie zur Sprache kommen. Sie seziert sie nicht. Sie legt all dies in die Hand ihrer Leser. Eine große Verantwortung für uns.

Wir begegnen den gescheiterten Existenzen, den anscheinend glücklich Verheirateten und denjenigen, die in den Fassaden ihres Lebens dahinvegetieren. Wir treffen auf die Randfiguren, die immer mehr ins Zentrum rücken, ehemalige Pornodarstellerinnen; die Online-Killerin deren Taten real zerstören können; die geschlagenen Frauen und deren Männer, für die Gewalt das alltägliche Ventil der Frustration ist; die kleine Ladendiebin von einst, die heute aus ihrem lesbischen Gefühl keinen Hehl mehr macht; den skrupel- und gewissenlosen Banker, für den Spekulationen immer Opfer fordern müssen; einen Vater, der seine Tochter in den radikalen Islam abdriften sieht ohne zu begreifen, was sie ihm damit beweisen will; prügelnde Neonazis, die in ihrem Leben einen Zufluchtsort suchen – und sei es den der Herrschaft auf der Straße und nicht zuletzt die Transe aus Brasilien, die in ihrer Abhängigkeit eine besondere Form von Freiheit findet.

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Despentes lässt sie alle authentisch und plausibel durch unser Lesen rauschen. Wir erleben diese Menschen so greifbar, als würden wir mit Vernon bei ihnen Zuflucht suchen. Keine erhobenen Zeigefinger. Keine richtungsweisenden Tendenzen. Wir sind durch diesen unzensierten Blick auf die Menschen vorurteilsfreier, als wir es je waren. Selbst in der Konfrontation mit Neonazis liegt nun ein Ansatz des Verstehens, der auch ein Ansatz für Dialog sein könnte. Virginie Despentes beendet schon im ersten Teil der Trilogie um Vernon Subutex die soziale Sprachlosigkeit, weil sie der Fassungslosigkeit den Kampf ansagt. Nur was wir fassen, greifen und fühlen können, ist in der Lage uns von Ressentiments zu befreien.

Subutex macht süchtig. Nicht zufällig wohl die Auswahl dieses Namens, firmiert doch unter dieser Bezeichnung ein Opioid das zur Behandlung von Heroin-Sucht eingesetzt wird. Wirklich nicht zufällig, befindet sich doch die beschriebene Gesellschaft in einem Rauschzustand und wird aus unterschiedlichen Perspektiven so gesehen, dass sie nur noch zum Abgewöhnen taugt. Virginie Despentes schreibt sich diesen Roadtrip leicht und flüssig von der Seele. Johann von Bülow ist die ideale Hörbuchbesetzung für ein solches literarisches Schwergewicht, dem die Leichtigkeit niemals abhanden kommen darf. Das moderne Frankreich und seine Autoren strahlen gerade intensiv. Wer sich in „Dann schlaf auch du“ von Leila Slimani verloren hat, wird auch bei „Das Leben des Vernon Subutex“ kein Auge mehr zubekommen. Je suis Vernon.

Mehr aus Frankreich in der kleinen literarischen Sternwarte

Das Leben des Vernon Subutex von Virginie Despentes

Ein persönlicher Nachtrag… Aber nicht nachtragend…:

Besonders tränenreich war für mich die Begegnung zwischen einer Pennerin und einem Angehörigen der Mittelschicht. Feindlich steht man sich, die Fäuste bereits im geballten Zustand gegenüber. Dialog undenkbar. Nur das gemeinsame Schicksal ihrer vor kurzem eingeschläferten Hunde bringt die Wut und den Hass zum Stoppen. Zufall? Ich weiß es nicht. Der Dialog in den Virginie Despentes diese beiden Menschen führt ist herzzerreißend und hat dafür gesorgt, dass mein Hund in diesem Lesen wieder bei mir war. Ein Gespräch und seine Folgen, so tief wie ein Hundeblick und gar nicht folgenlos für die Fortsetzungen von „Das Leben des Vernon Subutex“. Danke für den Moment mit Schneeflocke…

Das Leben des Vernon Subutex – Wenn alles vor die Hunde geht

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„Der Frauenchor von Chilbury“ von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Wann stellt der situative Kontext eines Romans nur seine dekorative Kulisse dar und wann ist er von existenzieller Bedeutung für die gesamte Handlung? Fragen, die man sich immer dann stellen muss, wenn man Bücher liest, die in einem historisch fundierten Rahmen eingebettet sind. Ist die Handlung und sind die Verhaltensweisen in diesem Buch nur unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglich oder können sie sich auch in einem gänzlich anderen Kontext vergleichbar entwickeln? Wenn dem so ist haben wir es mit einer austauschbaren Kulisse zu tun.

Nehmen wir zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Facetten. Wenn ich einen Roman lese, der in diese dramatische Zeit eingebettet ist, dann erwarte ich schon Protagonisten, die sich der Zeit entsprechend verhalten und eine Story, die durch diese Rahmensituation dramatisch beeinflusst wird. Wenn ich feststelle, dass ich den Plot aus dem Setting herauslösen kann, und dieser dann immer noch funktioniert, dann ist diese Kulisse austauschbar und weniger relevant für das gesamte Lesegefühl. Dann ist es im besten Wortsinn Unterhaltungsliteratur.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan spielt in England. Wir schreiben das Jahr 1940 und die Vorboten des Zweiten Weltkrieges haben die Insel erreicht. Die Bedrohung durch die Nazis, die ihren Siegeszug durch Europa unbeirrt fortsetzen und die Angst vor einer Invasion bestimmen den Tagesablauf. Die Männer befinden sich in der Armee, man ist in Sorge um die „Jungs in Dünkirchen“, Verdunkelung und deutlich spürbare Auswirkungen des beginnenden Luftkrieges um England lasten auf der Seele. Flüchtlinge vom Festland sind zu integrieren, Frauenrollen werden durch den Einsatz in kriegswichtigen Produktionszweigen neu definiert und traditionelle Gepflogenheiten der englischen Gesellschaft geraten zunehmend ins Wanken. Das ist die Kulisse für diesen Roman.

Ich sage bewusst Kulisse, denn wesentliche Teile der Handlung haben nicht viel mit diesen Rahmenbedingungen zu tun. Sie könnten auch 100 Jahre zuvor spielen. Das ist ein Vorteil für die Leser, die keinen Roman lesen wollen, der kriegslastig erscheint. Das ist ein Vorteil für die Autorin, die sich in der Kulisse frei bewegen kann. Die Bedrohung von außen ist das Salz in der Suppe. Eine literarische Suppe allerdings, die sehr nach brillant erzählten Familienromanen aus England schmeckt. Wenn man einmal mit dem Verzehr begonnen hat, kann man nicht mehr aufhören. Unterhaltsames Suchtpotenzial ist zweifelsohne gegeben.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Ich hatte, rein historisch und gesellschaftlich, mehr erwartet. Und doch möchte ich an diese Stelle nicht enttäuscht klingen, denn was mir erzählt wurde ist so typisch und charakteristisch für das stereotype Unterhaltungsbild der britischen Society, dass man wirklich bestens unterhalten wird. Wir finden alle Charaktere, die einen Plot in Schwung bringen. Wir finden alle Zutaten, die unverzichtbar sind, um uns die Seiten verschlingen zu lassen. Ich mag die Bilder, die sich in mir festgesetzt haben. Ich mag die Idee dieses Frauenchors, der eigentlich verboten war, weil Singen ohne Männer nicht statthaft war. Ich mag den emanzipatorischen Ansatz der Selbstverwirklichung, der hier sehr deutlich mitschwingt.

Ich mag die unglückliche und fast unmögliche Liebe in Zeiten des Krieges. Ich bin gerne der Spur des geheimnisvollen Künstlers gefolgt, der das beschauliche Chilbury aufmischt, obwohl er einer ganz anderen Mission folgt. Ich mag die Idee, dass der Chor den Frauen Halt gibt und bestehende soziale Grenzen überwindet. Ich mag den Humor, der durch die Kapitel zieht und der so typisch britisch, also so richtig schwarz ist. Und natürlich mag ich die typische englische Adelsfamilie, die im Mittelpunkt steht. Ich mag die beiden unterschiedlichen und verwöhnten Töchter, die trotz ihrer Naivität in der Zeit, an der Zeit und an sich selbst zu wachsen scheinen und ich mag die Art und Weise, in der die Autorin mir diese Geschichte erzählt hat.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Multiperspektivisch öffnet sie das Tor nach Chilbury. Es sind die Tagebücher und Briefe der Menschen, die wir kennenlernen, die ihren ganz individuellen Blick auf eine Geschichte werfen, die aus vielen kleinen Geschichten besteht. In der Schnittmenge, in den Überschneidungen der Blickwinkel und in den gemeinsam geschilderten und doch anders bewerteten Geschehnissen liegt der Zauber dieses Romans. Ich hätte mir sehr gewünscht, dass einige der Rahmenbedingungen mehr im Vordergrund gestanden und die Handlung beeinflusst hätten. Das ist jedoch meine subjektive Sicht der Dinge.

Die einzelnen Charaktere hätten aus meiner Sicht das Potenzial für mehr gehabt. Dass im Mittelpunkt des Romans allerdings eine reine Adels-Story immer mehr Raum einnimmt, hat mich eigentlich enttäuscht, denn dieser wesentliche Erzählstrang passt in jede englische Kulisse, die man sich nur vorstellen kann. Die Zutaten sind dabei recht überschaubar. Man nehme einen sturen englischen Adeligen, gebe ihm eine treue und folgsame Frau zur Seite, statte ihn mit zwei ebenso hübschen wie oberflächlich naiven Töchtern aus und knüpfe an den Fortbestand des Adelstitels das Vorhandensein eines männlichen Erben. Und eben dieser Erbe ist nicht in Sicht.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Also gebe man rücksichtslose kriminelle Energie, eine ebensolche Hebamme und einige gleichzeitig schwangere Frauen in Chilbury hinzu. Dazu gehört natürlich die Frau des Adelsherrn, die jedoch eher für weiblichen Nachwuchs steht. Und dann kann der Plan des alten Adeligen reifen. Sollte das Neugeborene ein Mädchen sein, na dann muss er stattfinden: Der Austausch mit einem Jungen, der zur gleichen Zeit in Chilbury das Licht der Welt erblickt. Dieser Handlungsstrang ist brillant ausgearbeitet, stark und plausibel erzählt, unterhaltsam, dramatisch und rührend. Leider jedoch verdrängt er die Ebenen in den Hintergrund, die mir relevanter erschienen und sich dann doch als reine Kulisse erwiesen.

Ich wurde im Frauenchor von Chilbury bestens unterhalten. Mehr aber auch nicht. Handlungsstränge, die für die Menschen dieser Zeit und Region prägender waren, fand ich nur ganz zart angedeutet. Die Evakuierung der britischen Soldaten aus Dünkirchen war für die Küstenbevölkerung Englands eine Mammutaufgabe, wurden die Soldaten in der großen Masse mit zivilen Kähnen und Fischerbooten gerettet. Im Buch taucht diese wichtige Episode der Geschichte mit massiven Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung nur in wenigen Worten auf. Kulisse eben…

Trotzdem lesenswert, wenn man gut erzählte historisch angelehnte Unterhaltung mag.

Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

„Unendlicher Spaß“ – Ein Lebenstraum wird hörbar wahr

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Dieser Artikel sei mir bitte bereits verziehen, bevor er geschrieben wurde, dient er doch hauptsächlich der Beweihräucherung meines eigenen Egos. Selten kommt es vor, dass ich mich bei Rezensionen oder Buchvorstellungen in den Mittelpunkt stelle, jedoch hier gestehe ich, ich kann nicht anders. Wenn ein Lebenstraum real wird, der nur mir im tiefsten Inneren das Gefühl verleiht am Ziel angelangt zu sein, dann sei es gestattet darüber zu schreiben. Besonders, wenn es sich um die rein literarische Traumerfüllung eines leidenschaftlichen Liebhabers handelt.

David Foster Wallace als einen meiner Lebensautoren vorzustellen oder seine Bücher als meine Seelenbücher zu präsentieren, gleicht an dieser Stelle dem sprichwörtlichen Tragen gefiederter Nachtvögel in die griechische Hauptstadt. Freunde von AstroLibrium wissen seit vielen Jahren, was mich antreibt, bewegt, erschüttert, begeistert und immer wieder emotional in die Tiefe meines Geistes abtauchen lässt, wenn ich von David und seinen Büchern schreibe oder spreche. Man weiß inzwischen allzu gut, wie lange mich der „Unendliche Spaß“ beschäftigt hat, wie viele Bücher ich nicht lesen konnte, weil ich mich fast drei Monate in einen weißen Klotz verabschiedete, der mich nie wieder ganz ins freie Lesen entlassen hat. Wer dies wirklich alles nachlesen möchte, der möge bitte den unten angefügten Links folgen, die diesen Lebensweg flankieren.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Doch was bleibt am Ende des Lesens? Was bleibt von mir nach dem letzten Satz im letzten Kapitel eines Buches, das er gerade noch schrieb, als er beschloss, freiwillig in den Tod zu gehen? Bleiben nur die Bücher in meinem Foster-Wallace-Regal? Bleiben nur die Artikel, die ich schrieb? War ich wirklich Teil eines Lebensweges oder habe ich nur passiv konsumiert? Wo war ich aktiv? Wo habe ich Spuren hinterlassen? Fragen, in die ich oftmals tief versank, ohne sie zufriedenstellend beantworten zu können. Warum ich dies so ausführlich beschreibe? Weil ich eine Antwort fand, einen Ausweg, der nicht nur in der Welt des Internets Spuren hinterlässt, sondern greifbar zeigt, dass ich David Foster Wallace nicht nur passiv meinen Tribut gezollt habe.

Und dabei begann es doch im Internet. Ich entdeckte das größte Hörbuchprojekt für Fans der Bücher von David Foster Wallace eher zufällig und war sofort begeistert. Das OnlineAudioProjekt von WDR3, Bayern 2, Deutschlandfunk und Kiepenheuer und Witsch basierte auf der Idee, selbst Teil vom „Unendlichen Spaß“ werden zu können. Man durfte sich eine Seite dieses Romans reservieren, um diese dann wie ein normaler Hörbuchsprecher einzulesen. Und schon war man dabei. Das Besondere des Projektes war die Realisierung eines Wunschtraums von David Foster Wallace. Er hat sich für die Hintergrunduntermalung immer eine „Goldene Maschine“ vorgestellt, die rund um die Uhr Musik komponiert. Und genau so ist der musikalische Background entstanden. So wird „Der Unendliche Spaß“ mit der „unendlichen Komposition“ zum „unendlichen Spiel“.

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Ich bin doppelt dabei. Zwei Seiten habe ich eingelesen. James Incadenzas Vortrag über ein skurriles Tennisspiel unter Aufsicht seiner Mutter und mit aufgeschürftem Knie; Seite 243. Das Tennisspiel mit Schürfeffekt kann man hier hören: Kapitel/Szene 1550. Diese Szene dauert fast eine Stunde und ich bin ab Minute 53,48 zu hören. Die zweite Passage handelt von Orin unter einem umgedrehten Glas; Seite 1396. Für alle Welt hörbar in Kapitel/Szene 28188. Soweit, so gut, könnte man vielleicht meinen, doch was nach Abschluss des Online-Projektes im Hause Der Hörverlag geschah, hätte ich nicht erwartet. Das gesamte so entstandene Hörspiel wurde tatsächlich auf CDs gepresst, in einer hochwertigen Edition veröffentlicht und ist jetzt greifbar. Antastbar.

Nun steht der Schuber mit seinen 10 CDs vor mir. Als Gold-Auflage könnte man es bezeichnen, was hier greifbar das Licht der Hörbuchwelt erblickt hat. 80 Stunden eines unendlichen Spaßes wurden hier auf einen Schlag veröffentlicht. 1400 Seiten mit 1400 Sprechern in einer goldenen Kassette mit einem Booklet, in dem das gesamte Projekt beschrieben ist und alle Sprecher namentlich Erwähnung finden. Es ist vollbracht. Hier schlägt mein Ego Purzelbäume des Stolzes, Pläne für eine eigene Lesereise entstehen und Signierstunden spielen sich in meinem Kopf ab. Nicht nur in der Welt des Digitalen. Nein. Diesmal ganz in echt steht ein Werk von David Foster Wallace vor mir, das mein ganzes Lesen verändert hat. Darf ich das für mich feiern? Darf ich es zelebrieren, auch wenn dieses Hörspiel sicher nicht für jeden Hörer geeignet erscheint? Ich denke schon, denn das hat diese Produktion mit dem Buch gemeinsam. Es ist für Liebhaber verfasst. Es taugt nicht für den Mainstreamgeschmack. Es ist eigen. Das macht es für mich aus.

Und jetzt her mit dem Deutschen Hörbuchpreis 😉

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

David Foster Wallace und mein Lesen – Eine komplexe Artikelwelt

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

Alles ist grün – KiWi
Am Beispiel des Hummers – KiWi
Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken – KiWi
Der bleiche König hält Hof in Deutschland – Eine Vorschau auf sein letztes Buch
Der bleiche König – Die Reise durch das Buch – KiWi
Ein erstes Gedicht – Wie alles begann – The Viking Poem
Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich– Goldmann
Signifying Rappers– KiWi
The Pale King – Eine Kolumne – Pulitzerpreis – Verweigerung 2012
Unendlicher Spaß – KiWi
Unendliches Spiel – Eine besondere Hörspielaktion zum unendlichen Spaß
Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache“ – KiWi
Der große rote Sohn – Kiwi

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – KiWi (Eine Biografie)

Unendlicher Spaß – Das größte Hörspielprojekt aller Zeiten

„Ikarien“ von Uwe Timm – Ein Opus Magnum

Ikarien von Uwe Timm

Um eines vorwegzunehmen, wir haben es bei „Ikarien“ von Uwe Timm mit einem der wohl fairsten Romane zu tun, den ich jemals über idealtypische gesellschaftspolitische Systeme, soziale Weltordnungen und ideologische Utopien lesen durfte. In seinem, nur zu Recht als Opus Magnum zu bezeichnenden Werk gelingt es dem Autor, eine Brücke über Epochen der Zeitgeschichte zu schlagen, auf der wir Leser traumwandlerisch zu Zeugen der Entstehung von Ideen werden, die das Zusammenleben von Menschen für alle Zeit verbessern sollten.

Fair ist dieser historisch brillant recherchierte und literarisch opulent aufbereitete Roman, weil Uwe Timm nicht stigmatisiert, vorverurteilt oder ideologisiert. Er führt uns an die Schwellen der modernen Staatstheorien und veranschaulicht brillant, worauf die Ideen der sozialen Neuordnung basierten und warum sie in ihrer Überhöhung scheitern mussten. Zuletzt zeigt der Schriftsteller in beeindruckender Weise auf, dass es im Lauf der Geschichte immer wieder gelang, selbst die allerbesten Ansätze für gesellschaftlich zwingend erforderliche Reformen aus machtpolitischen Interessen zu pervertieren und unter dem Deckmantel der perfekten und humanistischen Weltordnung Terrorsysteme entstehen zu lassen.

Ikarien von Uwe Timm

Wer den Nationalsozialismus und seine Ideologie vom Herrenmenschen bis heute nicht verstanden hat, seine Entstehung nicht nachvollziehen kann und sich auch nicht vorstellen mag, warum so viele Opportunisten sich scheinbar so willfährig in die Fänge einer Massenmordmaschinerie begeben haben, dem werden in „Ikarien“ endgültig die Augen geöffnet. Man muss sich nur auf Uwe Timm und sein Schreiben einlassen, ihm durch das Deutschland des Jahres 1945 folgen, das Kriegsende aus sich wirken lassen und sich in einen amerikanischen Jeep setzen, um im Land der Trümmerfrauen auf die Fährte der wahren Verbrecher zu kommen.

Und auch hier bleibt Uwe Timm fair, da er jenen klugen Köpfen, die ihr ganzes Leben in den Dienst neuer und bahnbrechender sozialer Strukturen gestellt haben, dieselben nicht abreißt, sondern vielmehr aufzeigt, wie sie schrittweise zu den Opfern ihrer Ideen wurden, oder sich eben durch bewusste Entscheidungen dazu machen ließen. Hier ist die Ausgangssituation von „Ikarien“ konsequent fiktionalisiert, um sich als Leser selbst in den Protagonisten hineinversetzen zu können und dann historisch verbrieften Boden zu betreten. Uwe Timm gelingt mehr als ein historischer Roman. Er weiß zu unterhalten und dabei doch seine Finger in die offenen Wunden der Geschichte zu legen. Hier wird aus gut gemeinten sozialen Idealbildern der Nährboden für Euthanasie und Holocaust.

Ikarien von Uwe Timm

Am Ende des Desasters kehrt der 25jährige deutschstämmige US-Offizier Michael Hansen in seine Heimat zurück. Am Ende des Zweiten Weltkrieges wird er beauftragt sich auf die Spur eines Mannes zu begeben, der seit Jahren tot ist, aber als Vordenker der braunen Rassenideologie gilt. Der Eugeniker Alfred Ploetz. Hansen soll seine Rolle im Konzert der Wissenschaftler aufklären, die den Nazis den Weg bereitet haben, sich aller Gegner zu entledigen, die dem Regime gefährlich werden konnten. Hansen trifft in einem Münchener Antiquariat auf den langjährigen Weggefährten des Professors. Aus den akribisch dokumentierten Gesprächen entwickelt sich die intensive Lebensbeichte eines Mannes, der Alfred Ploetz aus verschiedenen Blickwinkeln zu beschreiben weiß.

Der Antiquar Wagner wird zum Zeitzeugen eines Lebensweges, der im Verlauf der Geschichte zum ideologischen Irrweg wurde. Abwegig und ohne Ausweg. Mörderisch und vernichtend. Und doch nachvollziehbar, blickt man mit Wagner auf den Moment im Leben des Eugenikers zurück, in dem das Gute nur das Beste wollte. Eine Abkehr von der Ungleichbehandlung der Menschen. Ein humanistisches Weltbild, ein Ideal, Vielfalt und unter dem Zeichen der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Ein Modell für das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion. Hier war es ein Roman, eine Utopie, die alles in Gang setzte, was Jahrzehnte später für den Mord an Millionen Menschen verantwortlich sein sollte.

Ikarien von Uwe Timm

Alles beginnt mit der „Reise nach Ikarien“ des Frühsozialisten Étienne Cabet. Ein Roman über die Reise eines englischen Adeligen zur Insel Ikarien fasziniert Ploetz und seinen Freund Wagner gleichermaßen. Die gesellschaftliche Utopie der grenzenlosen Gelichbehandlung und Gleichberechtigung der Menschen auf dieser Insel entspricht in ihren Grundzügen einem idealtypischen Kommunismus, der Monarchien 50 Jahre nach der französischen Revolution ins Abseits stellte. Gütergemeinschaft und Wohlfahrt sind zentrale Elemente, die Ploetz und seinem Adlatus Wagner Ende des 19. Jahrhunderts so erstrebenswert erscheinen, dass man sie verwirklichen sollte. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem Uwe Timm seine Betrachtung eines Idealbildes beginnt.

Hier ist der Dreh- und Angelpunkt, an dem auseinanderdriftet, was in der Realität nicht funktionieren kann. Der Mensch erweist sich zu schwach, zu sehr in Konflikten verhaftet und in alten Bildern gefangen, dass schon erste Versuche scheitern. Wagner wendet sich enttäuscht dem Kommunismus zu und verschwindet Jahre später nach der Machtergreifung der Nazis im KZ Dachau. Ploetz geht einen anderen Weg. Eugenik ist sein Fachgebiet und die Gleichbehandlung des Menschen kann aus seiner Sicht nur in einer Welt garantiert werden, in der das Erbgut genutzt werden muss, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen.

Ikarien von Uwe Timm

Von hier aus sind es nur kleine Schritte zum Chaos. Von der Züchtung des werten Lebens bis zur Vernichtung des unwerten. Von der Ausrottung des Minderwertigen bis zur Überhöhung des Herrenmenschen. Alfred Ploetz findet im Nationalsozialismus den Nährboden für seine Theorien. Die braunen Machthaber finden in ihm das Alibi für ihre perfiden Pläne. Es sind nur kleine Schritte, die von einem Roman über eine utopische Insel zu den Patientenakten eines gewissen Ernst Lossa führen. Die braune Saat geht auf und die Theoretiker verstecken sich hinter ihren guten Absichten.

Uwe Timm geht einen konsequenten Weg in seinem Roman. Er führt uns zeitlos vor Augen, was geschehen kann, wenn man sich opportunistisch andient. Er zeigt auf, wie selbstverständlich sich Machthaber bedienen und er erzählt fast nebenbei und doch so unglaublich eindringlich eine Geschichte von einem Neubeginn in den Trümmern eines zu Recht besiegten Landes. Aus wohlmeinenden Ideen werden die Extrakte von Horror und Massenmord gewonnen. Diktaturen funktionieren so. Es ist wiederholbar. Wagner weiß, wovon er redet und Hansen versteht, was er vernimmt. Dieser Roman deckt auf, wie vergewaltigte Idealbilder in der Evolution der Macht degenerieren. Ein wichtiger, in sich geschlossener und zeitloser Roman, der nicht nur Ernst Lossa gerecht wird. Lesen kann so intelligent und literarisch sein…

Ikarien von Uwe Timm – Alfred Ploetz – Vordenker und Wegbereiter des Wahnsinns

Gegen das Vergessen in der kleinen literarischen Sternwarte. Hier geht´s weiter.

„Bis an die Grenze“ von Dave Eggers – Ein Ausstieg mit Folgen

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nun gut. Dave Eggers zieht erneut seine Kreise, um in dem Bild zu bleiben das er in seinem Roman Der Circle selbst skizzierte. Während sich der Autor in seinem letzten Buch mit den allgegenwärtigen Fragen der Hightech-Gesellschaft, ihrer sozialen Struktur, den Arbeitsbedingungen und der Ausfächerung der globalen Transparenz mit all ihren Risiken widmet, beschreitet er nun minimalistisches Neuland. Ein Roadtrip aus seiner Feder mutet schon eher merkwürdig an, macht jedoch neugierig.  Noch dazu, da es sich hier um den Ausstieg einer Frau handelt, die am Ende des Weges keine andere Chance sieht, als mit ihren beiden Kindern nach Alaska durchzubrennen.

Bis an die Grenze, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, muss hier doppeldeutig verstanden werden. Landesgrenzen meint Eggers sicherlich nicht, eher die Grenzen an die man stößt, wenn man alles hinter sich lässt und in einer wilden Flucht auf der Suche nach sich selbst ein neues Leben beginnt. Der Originaltitel „Heroes oft he Frontier“ ist ein noch deutlicherer Fingerzeig auf die Grenzerfahrungen, die auf die Protagonisten in dieser Geschichte warten. Ich war sehr gespannt, ob es Eggers gelingt, mich mit dieser für ihn ungewohnten Thematik ebenso zu fesseln, wie es ihm zuvor in „Der Circle“ auf grandiose Art und Weise gelang.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Zumindest liest sich die Story flüssig, das war mein erster Eindruck. Mehr aber auch nicht. Musste man bei Dave Eggers bisher sehr aktiv und fast analytisch lesen, sich auf eine Vielzahl von Akteuren einlassen, so treibt man hier ziemlich sanft in den Strudel, in dem es letztlich nur um drei Menschen geht, deren Roadtripbegleiter wir werden. Da ist Josie, Zahnärztin und Mutter zweier Kinder, die vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Und da sind Paul (8) und Ana (5), die im Treibsand des am Abgrund stehenden Lebens ihrer Mutter unweigerlich mitgerissen werden.

Und da ist die Welt. Das Leben. Das Nichts, weil alles entgleitet, nichts mehr richtig funktioniert und alles ins Taumeln bringt. Die Schadensersatzklage einer Patientin führt zum Verlust der Zahnarztpraxis. Der Anruf von Carl, dem unzuverlässigen Erzeuger der beiden Kinder, der nun endlich heiraten will – allerdings nicht Josie, sondern seine neue Flamme, führt zum Verlust ihres Selbstwertgefühls und die Herausforderungen an eine alleinerziehende Mutter übersteigen das Maß des Realisierbaren. Hier liest sich Eggers sarkastisch, deprimierend und aberwitzig, wenn man sich in die Lage von Josie versetzt und ihr Scheitern erlebt.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nur noch raus. Das ist die Devise. Rette sich, wer kann. Josie wagt die Flucht nach vorne, mietet mit dem letzten verbleibenden Geld ein heruntergekommenes Wohnmobil und schnappt sich ihre überraschten Kinder. Ohne jemanden zu informieren begibt sich das Trio auf den Weg zum entlegensten Ort in den USA, den man ohne Pass erreichen kann. Alaska. Die Reise in ein neues Leben entwickelt sich in vielfacher Hinsicht zum Fiasko. Das Wohnmobil hat seine Tücken, Alaska präsentiert sich nicht gerade von der besten Seite und die Menschen, denen die drei Aussteiger begegnen gehören wirklich nicht zu den Menschen, denen man gerne begegnet wäre. Zumindest anfänglich.

Ganz ziellos ist die Fahrt nicht. Zumindest einen Menschen kennt Josie in Alaska und die Vorstellung, ihrer gefühlten Stiefschwester Sam zu begegnen, gibt Josie ein wenig Halt und Zuversicht. Zumindest anfänglich. Aus dem Ausstieg wird eine heillose Flucht und die Verkettung der Absurditäten “on the road“ macht das Lesen dieses Romans zu einer eigenständigen Grenzerfahrung für Leser. Je weiter das Trio vorankommt, desto intensiver vollzieht sich die Veränderung in jedem einzelnen. Josie wird mit jeder Meile zusehends von ihrer Vergangenheit, ihren Schuldgefühlen und der Aussichtslosigkeit in ihrem Leben eingeholt. Die chaotische Ana (ein Mädchen, von dem man sich wünscht, es möge einem nie wirklich begegnen) und ihr fürsorglicher Bruder Paul (ein Junge, von dem man sich wünscht, er würde wirklich existieren) machen die Reise zum reinen Abenteuer für eine Mutter, die an ihrer Verantwortung zu scheitern droht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Während Alaska in Waldbränden erstickt, die Landschaft immer wilder wird und sich die Beschränkung auf das absolut Lebensnotwendige zu einer radikalen Rosskur für die kleine Fluchtfamilie entwickelt, schärft sich Josies Blick und sie beginnt im Chaos ihres Lebens Muster zu entdecken und Automatismen zu fühlen, die sie ihre Freiheit gekostet haben. Ganz am Boden angekommen konturiert sich in der verbrannten Erde in Alaska ein Phönix, der aus der Asche aufsteigen kann, wenn er die Fesseln des Lebens lösen kann. Das unterscheidet Josie von den Tieren eines Zoos in Alaska.

Sie sahen eine Antilope, staksig und dumm; sie ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um verloren auf die grauen Berge in einiger Entfernung zu starren.

Ihre Augen sagten: Nimm mich, o Herr. Jetzt bin ich gebrochen.

Dave Eggers hat es geschafft, mich „Bis an die Grenze“ zu bringen. Sein Roadtrip beinhaltet nicht nur das Psychogramm einer gescheiterten Frau. Der Autor rechnet hier sprachgewaltig, hoch emotional und sarkastisch mit den sozialen Rahmenbedingungen ab, an denen man letztlich scheitern muss, wenn das Leben aus dem Ruder läuft. „Bis an die Grenze“ ist eine Charakterstudie von Format, ein extrem tief angelegter Roman über die väterliche Flucht aus der Verantwortung, den gesellschaftlichen Druck auf eine alleinerziehende Mutter und die fatalen Altlasten einer nicht bewältigten Vergangenheit. Ein Buch für Männer und Frauen zugleich. Temporeich, unterhaltsam, psychologisch, zum Brüllen komisch und zum Heulen fatalistisch.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Hier hat mich das Lesen so nachhaltig gefesselt wie bei Cheryl Strayed und ihrem Selbstfindungsbuch „Der große Trip“. Sie braucht kein Wohnmobil, sie ist allein und begibt sich auf den Pacific Crest Trail. Hier ist es die tatsächliche weibliche Perspektive an der ich mich ausrichten konnte. Hier ist es unglaublich packend zu sehen, wie man sich neu ausrichten kann, wenn die innere Kompassnadel zum Kreiselkompass wurde. Beide Bücher sollten nebeneinander im Bücherregal des Lebens stehen. Sie sind gutes Rüstzeug, wenn man selbst an die Grenzen kommt.

Aussteiger – Der große Trip und Bis an die Grenze