Der Sänger von Lukas Hartmann

Der Sänger von Lukas Hartmann - AstroLibrium

Der Sänger von Lukas Hartmann

Es kommt mir vor, wie ein literarisches Déjà-vu. Eine Erinnerungstäuschung. Ich schlage den Roman „Der Sänger“ von Lukas Hartmann auf, beginne zu lesen und bin in einem Szenario gefangen, das ich im Juni 2018 so ausführlich beschrieben habe. Es ist mir wohlbekannt, was ich hier als Rahmenhandlung vorfinde, dass mich das ungute Gefühl beschleicht, in einem Buch zuhause zu sein. Nicht, weil es eine Geschichte aus meiner bibliophilen Vergangenheit doppelt, sondern weil ich mich im situativen Rahmen des Romans extrem gut auskenne. Fast, wie in meiner Westentasche. Es ist kein gutes Gefühl, wieder in diesem Szenario anzukommen. Beklemmung und Angst machen sich breit, weil ein gutes Ende der Geschichte ausgeschlossen ist. Und doch lasse ich mich auf sie ein. Möge der Rahmen abgesteckt sein, die Menschen sind andere. Wieder mal Opfer der Verfolgung durch die Nazi-Schergen des Dritten Reichs.

Diesmal folge ich Joseph Schmidt auf seiner Odyssee durch Europa. Er, der Sohn orthodoxer Juden aus Rumänien, selbst jedoch von der in die Wiege gelegten Religion weit entfernt, wird nun durch seine Herkunft definiert. Berufsverbot, Rassegesetze und Ausgrenzung treffen ihn hart. Die Fallhöhe ist gewaltig, gilt er doch als DIE Stimme der Zeit. Der deutsche Caruso. Der Star-Tenor, der die Welt begeistert und der doch kaum für die großen Opernbühnen geeignet scheint. Er ist zu klein. Im Gegensatz zu seiner Stimme. Die überragt alles. Doch den Heldentenor nimmt man ihm nicht ab. Ein Meter vierundfünfzig. Da braucht er schon ein Podest, um an die angebeteten Geliebten auf der Bühne heranzukommen. Das Radio ist seine Rettung. Und die Unterhaltungsmusik, der er fortan einen eigenen Stempel aufdrückt.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Sein Gesang wird weltbekannt. „Ein Lied zieht um die Welt“ wird zu seiner Melodie und mit ihr zieht auch er um die Welt. Die Machtübernahme der Nazis unterschätzt er gewaltig. Er ist berühmt. Ein Star. Was soll ihm passieren? Als Goebbels ihm anbietet, aus dem jüdischen Sänger einen Ehren-Arier zu machen, zögert Schmidt. Er hat Musik im Herzen, denkt nicht an die Politik und seinen Eltern mag er es nicht antun, sich vom geerbten Glauben loszusagen. Die braune Macht schlägt schnell zu. Auftrittsverbot. Im Radio ist er nicht mehr zu hören. Seine Stimme wird verbannt. Entartet, wie die Kunst seiner Leidensgenossen. Viel zu spät erkennt er, dass es nicht nur um die Musik allein geht. Es geht um sein Leben. Er ist in millionenfacher Gesellschaft. Es wird einsam um den Weltstar. Und seine Welt schrumpft in sich zusammen. Seine Flucht beginnt.

Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz hat viel mit der Geschichte von Joseph Schmidt gemein. Auch er auf der Flucht. Auch er, der Schriftsteller, versuchte verzweifelt in den Nachbarländern Deutschlands Schutz zu finden. Die Nazis holten ihn ein. Und die Nachbarn? Schlossen die Grenzen, glaubten die „Märchen der Verfolgung der Juden“ nicht, sahen in Deutschland ein sicheres Herkunftsland, verweigerten Asyl und schauten sehenden Auges zu, bis sie schließlich selbst erobert wurden. Ulrich und Joseph hätten sich auf ihren Irrfahrten durchaus begegnen können. Sie teilten ein sehr rastloses Schicksal. Flüchtlinge, deren Leben keinen Pfifferling mehr wert war.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann erzählt in seinem Roman Der Sänger die Geschichte der Flucht von Joseph Schmidt. Und nicht zufällig beleuchtet der Autor zugleich die Rolle seines Heimatlandes zu Beginn der 1940er Jahre. Die Schweiz. Neutral. Umzingelt. Zwar frei und doch in Angststarre vor den waffenstarrenden Nazis, dass man in vorauseilendem Gehorsam alles unternimmt, um den übermächtigen Nachbarn nicht zu verärgern. Man igelt sich ein, schließt alle Grenzen, erklärt jüdische Flüchtlinge zu Illegalen und bringt diejenigen, die es trotzdem ins Land schaffen in Internierungslagern unter. Man schiebt die Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk vor. Es fehlt der Mut. Es regiert Angst. Da muss und darf es Opfer geben. Nur keine falschen Signale ans Dritte Reich. Schön unauffällig bleiben. So lautet die Devise der Schweiz, die um ihre Devisen fürchtet. Der Schweizer Autor verliert all seine Neutralität, wenn er diese Haltung seiner Heimat zur Anklage bringt. 

Sein Petent kann die Stimme nicht mehr erheben. Sie hat versagt. Sie wurde zum ersten Opfer der Flucht. Erkältet, heiser und einfach weg. Sein Kapital schweigt. Wenn Joseph Schmidt früher nur mit seiner Stimme bezahlen konnte, so bleibt ihm nun nichts mehr und er ist auf fremde Hilfe angewiesen. Wo er früher in den ersten Häusern jener Orte logierte, in denen seine Konzerte Menschen begeisterten, steigt er jetzt in billigen Absteigen ab. Ohne Statussymbole wird sein Status zum Symbol. Illegal, abzuschieben und als Prominenter keine Bevorzugung verdienend. Seine Krankheit schwächt ihn und das große Herz des kleinen Sängers schlägt in der Arrhythmie seiner Flucht. Selbst die Schallplatten, die er bei sich trägt, können ihn nicht retten. Seine Stimme verkommt zu einem vergangenen Schatz, der keine Bedeutung mehr hat.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Es erinnert an den Koffer mit den Bildern der Malerin Charlotte Salomon. Als man sie deportierte, hinterließ sie ihre Gemälde mit den Worten:

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Es erinnert an die jüdische Schriftstellerin Irène Némirovsky, die ihre Manuskripte ebenfalls in einem Koffer zurückließ, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurde.

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Es erinnert an Ulrich Alexander Boschwitz. Er starb 1942 im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck an Bord des versenkten Schiffes: die letzte Fassung des Manuskripts zu „Der Reisende“.

Vieles vereint diese Opfer. Die Gemälde sind heute zu sehen. Die Romane kann man lesen. Die Musik ist zu hören. Es bleiben Pinselstriche, Worte und Gesang. Nichts aber wären diese Zeugen aus vergangener Zeit ohne die Autoren, die den Ermordeten ihre Geschichten zurückgeben. Nichts wäre all dies ohne den Hauch der Bedrohung, in der Flüchtlinge auch heute noch schweben. Auch unter ihnen sind unscheinbare Talente in Hülle und Fülle verborgen. Auch unter ihnen sind Menschen, die nicht abgewiesen und „zwischengelagert“ werden dürfen. Ich folge hier in meiner Einstellung den Worten aus „Der Sänger“ von Lukas Hartmann:

„Die Flüchtlinge tun uns die Ehre an, in unserem Land einen letzten Ort des Rechts und Erbarmens zu sehen. Wir sehen an den Flüchtlingen,
was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist.“
 

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Lukas Hartmann gelingt mit „Der Sänger“ ein authentisch empathischer Blick in die Vergangenheit, die uns täglich einzuholen scheint. Er erzählt nicht nur vom Irrweg des Sängers, er erweitert seinen Erzähltraum um Zeitzeugenaussagen, die als Belege der unmenschlichen Zustände dienen mögen. Eine wahre Geschichte in dieser Form in einen fiktionalen Erzählfluss münden zu lassen, gehört zu den großen Leistungen, die man in der Literatur leider viel zu selten findet. „Der Sänger“ erinnert nicht nur an einen der größten Sänger des letzten Jahrhunderts. Die Geschichte mahnt und würdigt. Hier spiegelt sich die Gegenwart im Gruselkabinett der Vergangenheit. Es bleibt zu hoffen, dass wir für die Zukunft lernen.

Vielleicht solltet Ihr am Ende dieser Rezension Joseph Schmidt eine kleine Weile zuhören. Wenn sein Lied um die Welt ging, dann kann es seine Geschichte auch.

Gegen das Vergessen“ – Ein Schwerpunkt der kleinen literarischen Sternwarte.

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Der Sänger von Lukas Hartmann

Der Sänger“ / Lukas Hartmann / Hardcover / 288 Seiten / Diogenes Verlag / 22 Euro