„Nichts als die Nacht“ – Das Debüt von John Williams

Nichts als die Nacht von John Williams

Am Ende eines Leseweges komme ich am Anfang an. Klingt komisch, ist aber so. In konzentrischen Kreisen bewegte ich mich lesend durch das schmale Gesamtwerk des 1994 verstorbenen Schriftstellers John Williams. Dabei vereint seine Bücher, dass sie erst nach seinem Tod richtig bekannt und international wertgeschätzt wurden. Ich lernte Williams in seinem elegischen Abgesang auf den wilden Westen „Butcher´s Crossing“ kennen, reiste an seiner Seite ins alte Rom und freundete mich mit „Augustus“ an und gelangte schließlich zu „Stoner“, dem für mich stärksten und brillantesten Buch aus der Feder des texanischen Schriftstellers.

Ich habe mich zumeist lesend und hörend durch sein Werk bewegt und war immer wieder fasziniert von seiner präzisen Erzählweise, seiner literarischen Suche nach der Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes und seiner Sprachmelodie, die mich in seine Welten eintauchen ließ. Drei Romane sind es, die seinen Weltruhm ausmachen. Dabei besteht sein Werk insgesamt aus vier Büchern. Nun schließt sich die Lücke zu seinem Debüt und erstmals liegt nun auch in deutscher Übersetzung von Bernhard Robben der erste Roman „Nichts als die Nacht“ in gebundener Fassung (dtv) und als Hörbuch mit der Stimme von Alexander Fehling (Der Hörverlag) vor. So schließt sich der Kreis.

Nichts als die Nacht von John Williams

Nun scheint es ja guter Verlagsbrauch zu sein, dass post mortem alle Werke eines Autors publiziert werden, die bei Drei nicht auf dem Baum sind. Man greift auf zuvor nie veröffentlichte Manuskripte, Fingerübungen, Briefe und Essays zurück, die im Nachlass zu finden sind und verstört auf diese Art und Weise oftmals die Fangemeinde, weil hier Werke ans Licht der Bücherwelt gelangen, die der Schriftsteller selbst wohl nicht gerne veröffentlicht sehen würde. Bei John Williams und seinem Buch „Nichts als die Nacht“ ist dies anders. Dieser Erstling wurde 1948 unter dem Titel „Nothing But the Night“ im Pressenverlag (kleine Auflage, hochwertiger Druck) von Allan Swallow herausgebracht. 

Wie aber gehe ich heute als großer Liebhaber der Werke von John Williams mit seinem Debüt um? Wie nähere ich mich einem Buch, das bei seinem Erscheinen kein literarisches Interesse hervorrief, sich zu einem wirtschaftlichen Misserfolg entwickelte, wieder von der Bildfläche verschwand, bevor es hinsichtlich der Reputation des jungen Autors Schlimmeres anrichten konnte und anschließend nie mehr erwähnt wurde? Wie nähere ich mich in meinem Lesen und Hören einem Werk, das selbst sein Verleger als „trostlos“ bezeichnete? Und zuletzt: Wie freunde ich mich mit einem Roman an, den der Schriftsteller selbst zeitlebens ablehnte und verleugnete? Keine gute Ausgangsbasis!

Nichts als die Nacht von John Williams

Ich versuchte meine leichten Vorbehalte auszublenden und stieg ohne besonders große Erwartungen wechselweise in das Buch und das Hörbuch ein. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und wäre auch sicher nicht in der Lage, das Werk analytisch in den Zyklus der Werke von John Williams einzuordnen, würde ich nicht wissen, was ich weiß. Also frisch gewagt und hinein in sein erstes und für mich gleichzeitig letztes Buch aus seiner Feder. Wehmut überwog. Vielleicht fand ich ja zumindest die ersten Ansätze des großen Erzähltalents, das mich in den anderen Werken so sehr gefesselt hatte.

„Trostlos“, sagte einst der Verleger. Eine Stimmungslage, die schnell von mir Besitz ergriff, als ich dem jungen Arthur Maxley begegnete. In einer melancholisch verzweifelt wirkenden Selbstbetrachtung breitet sich sein  Weltschmerz über dem Leser aus. Arthur ist gerade aus einem Alptraum erwacht und die ganze Welt ekelt ihn nur an. Die letzten Worte aus dem Traum lasten auf seiner Psyche und sie gehen ihm nicht mehr aus dem Kopf. „Vater unser, der du bist im Himmel… Vater unser“ Schnell wird klar, dass wir es hier mit einem traumatisierten jungen Mann zu tun haben, der ein Kindheitserlebnis mit sich herumschleppt. Gestörte Vater-Sohn-Beziehung. Augenfällig.

Nichts als die Nacht von John Williams

Wir begleiten Arthur Maxley durch einen einzigen Tag seines traurigen Lebens. Verwöhnt, Muttersöhnchen, Dandy, Alkoholiker, ausschweifend, von den Schecks des Vaters lebend und zutiefst lethargisch empfinden wir den jungen Mann. Und lethargisch gleiten auch die Stunden und Minuten dieses Tages an uns vorbei. Selbstmitleid ist die Melodie dieses Buches. Unzufriedenheit sein Rhythmus. Die Begegnungen des Tages gipfeln in einem gemeinsamen Essen mit dem Vater, der seinem Sohn wohlgesonnen und -wollend gegenübersitzt. Finanzielle Unterstützung gerne. Der Rest: Undenkbar. In seiner Verzweiflung über fehlenden emotionalen Halt ruft sich Arthur Maxley die Bilder seiner Mutter in Erinnerung, die für Wärme und Zuneigung stehen. Einer Mutter, mit der die tiefsten Abgründe der Traumatisierung tief verwoben sind.

Wir werden zu Zeugen der eigentlichen Ursache für ein verstörtes Leben, ebenso unfreiwillig, wie der kindliche Arthur zum Zeugen wurde. Spätestens hier kann man nachvollziehen, wie groß das Trauma sein muss, das er vor Jahren erlitten hat. Hier ist es möglich ihm zu folgen, zu erkennen, wo seine Welt aus ihren Angeln gehoben wurde und warum es ihm nie wieder gelang, in die Spur zu kommen. Als er später an diesem Tag einer jungen Frau begegnet, befreit sich der innere Tornado der verwirrten Gefühle und verschafft sich Raum. Ein Finale das man nicht kommen sieht. Am Ende des Tages blutet nicht nur das Herz des Lesers.

Nichts als die Nacht von John Williams

“Nichts als die Nacht“ von John Williams ist mehr als nur die erste Fingerübung eine künftigen Autors von Weltformat. Hier offenbaren sich die unglaublich intensive Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, tiefste Gedanken eines Protagonisten zu Papier zu bringen ohne den Eindruck zu erwecken, sie seien durch einen Dritten verfasst. Hier zeigt sich das Unmittelbare im Schreiben von John Williams. Er tritt als Instanz nicht in Erscheinung und vermittelt den Eindruck, alles Erlebte und Gefühlte aus erster Hand zu erfahren. Das angepriesene literarische Juwel ist dieses Buch sicherlich für Liebhaber des Autors. Er legt hier die Spuren zu seinem späteren Schreiben, das allerdings mehr als 12 Jahre brauchte, um mit „Butcher´s Crossing“ einen zweiten Roman zur Welt zu bringen. Ich möchte das Debüt von John Williams nicht  überbewerten, es aber auch in keiner Beziehung kleinreden. Mit der geschlossenen Dimension seiner späteren Werke und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Erzählstränge zu einem wahrhaft meisterlichen Bild zu verweben, hat „Nichts als die Nacht“ allerdings wenig gemein. Dafür ist es mir zu schlicht und – ja – zu trostlos…

Wer das Lesevergnügen noch steigern möchte, der sollte sich Alexander Fehling im gleichnamigen Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag anvertrauen. Sein Weltschmerz und die verzweifelte Melancholie, die er dem jungen Arthur Maxley in die Stimme legt, sind so intensiv, dass man es sich so nicht selbst vorlesen könnte. Fehling verleiht der psychologisch traumatisierten Figur eine besondere Plausibilität und Tiefe. Hätte John Williams dieses Hörbuch jemals gehört, ich denke, er würde nicht mehr leugnen wollen, wer diesen Roman geschrieben hat. Vervollständigt eure Williams-Sammlung und seid nicht allzu streng mit eurer Bewertung. Der Autor hätte gar nicht gewollt, dass wir diese erste Begegnung mit der Bücherwelt vor Augen oder in die Ohren bekommen.

Mehr zu John Williams in meinem exklusiven Interview mit Patricia Reimann: hier

Mein großes John-Williams-Interview mit Patricia Reimann – Hier klicken…

„Stoner“ von John Williams – Das Hörbuch

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Ein Held kann nur strahlen, wenn er mächtige Feinde hat. Ebenso verhält es sich in Romanen mit dem Verhältnis zwischen Pro- und Antagonisten. Die Dimensionen, in die ein Hauptcharakter eintritt hängen im Wesentlichen davon ab, auf welchem Level seine Gegenspieler zu agieren wissen. Eigentlich eine literarische Binsenweisheit. Oftmals ist es jedoch so, dass diese Balance zwischen Gut und Böse vernachlässigt wird und man sich dann wundert, warum eine eigentlich gute Geschichte in ihren Ansätzen verpufft.

John Williams kann wohl als Godfather dieses Balanceaktes bezeichnet werden. Zwar hat seine Schaffensphase die Literatur nicht um zahllose Meisterwerke bereichert oder bereits zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass er mit Literaturpreisen ausgezeichnet und überschüttet wurde. Und doch gelang es ihm in seinem aus drei Büchern bestehenden Hauptwerk dem Begriff des Antagonisten eine Strahlkraft zu verleihen, die von anderen Autoren nur selten erreicht wird. In „Augustus“ führte er den ganzen römischen Senat und die Feinde Roms ins Feld, um dem ersten Kaiser das Leben so schwer wie irgend möglich zu machen. In „Butcher`s Crossing“ mutieren die Gefährten einer Büffeljagd und die ungezähmte Natur zu den großen Gegenspielern des wahrheitssuchenden Will Andrews.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Zwei Werke, die in meinem Lesen tiefe Spuren hinterlassen haben. Romane, die in mir lange nachwirken und deren Hauptfiguren bahnbrechend waren. Nur ein Buch aus der Feder von John Williams fehlte mir noch. Ein Roman, den ich einfach verpasst oder übersehen hatte. Der Zufall wollte es nun, dass ich „Stoner“ in einer ganz besonderen Dimension erleben durfte. Hörend. Zehn Stunden. Acht CDs. Eine Stimme. Burghart Klaußner, der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler, Sänger und Hörbuchsprecher, sollte mich in der ungekürzten Lesung aus dem Hause Der Audio Verlag – DAV in die Welt des Literaturprofessors William Stoner entführen.

Was aber sollte ich von einem Roman erwarten, der erstmals 1965 veröffentlicht, kaum beachtet wurde und anschließend in Vergessenheit geriet, bis er 2006 erneut das Licht der Bücherwelt erblickte. Was sollte ich erwarten von einem Universitätsroman, in dessen Mittelpunkt ein Dozent für englische Literatur steht? Versprach das Spannung? Konnte John Williams hier die Spuren gelegt haben, die er in seinen Folgeromanen so fulminant zur Wirkung entfaltete? Was sollte William Stoner schon großes zustoßen an einer typischen US-Universität? Was sollte mich fesseln, faszinieren, inspirieren? Nicht viel eigentlich, dachte ich mir und doch ließ ich mich von Brughart Klaußners Stimme in eine Geschichte tragen, die ich nie wieder vergessen werde.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Das liegt einfach daran, dass es manchmal keiner römischen Feinde oder wilder Büffelherden bedarf, um Spannung zu erzeugen, Emotionen zu wecken, Abneigung gegen Romanfiguren aus dem Umfeld des Protagonisten zu kultivieren und diese auch noch in blinden Lesehass umschlagen zu lassen. Ja, es sind manchmal die alltäglichen Geschichten, die uns mit voller Wucht treffen. Es sind ganz normale Menschen, die wir in unser Herz schließen und es reicht dabei völlig aus, das einfache Leben von William Stoner durch eine gefühlskalte Ehefrau und einen rachsüchtigen Vorgesetzten aus den Fugen geraten zu lassen. Glaubt mir. Das reicht wirklich völlig aus. Mehr als das.

Wenn dies auch noch von einem Hörbuchsprecher zelebriert wird, der in der Lage ist Sympathie durch Stimmfarbe, Antipathie durch hörbare Kälte und Ignoranz in einer Art und Weise zu transportieren, dass man schon am Tonfall erkennt, welcher Akteur in welcher Situation Öl ins Feuer der Handlung gießt, dann wird das Hören zum Erlebnis. Hier geht die Produktion des Hörbuchs mit der Intensität der Geschichte Hand in Hand. Hier kann man kaum Pausen einlegen, obwohl die Handlung sanft und gemächlich vor sich hin fließt, sich durch die Hirnwindungen des Hörers mäandert und Kontur annimmt. In diesen stillen Fluss des Erzählens bricht dann plötzlich der eigene verzweifelte Ruf in Richtung William Stoner. „Lass das nicht mit dir machen!“ Ein Ruf aus voller Not und aus tiefstem Herzen. Ungehört…

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Leiden Sie doch einfach mit. Folgen Sie William Stoner in ein Leben, in dem es nicht an Überraschungen mangelt. Ein Leben, in dessen Verlauf er zwei Weltkriege aus der geschützten Warte eines Studenten und später des Professors beobachtet. Ein Leben, das er der Literatur verschrieb, obwohl er eigentlich Agrarwirtschaft studieren sollte. Ein Leben voller Bescheidenheit und ohne jegliche Profilneurose. Lernen Sie einen Mann kennen, der liebevoller Ehemann, guter Vater und talentierter Lehrer ist. Und lernen Sie den Mann kennen, der am Ende seines Lebens realisieren muss, dass er gescheitert ist und eigentlich niemals eine Chance hatte, sich selbst zu finden.

Woran das liegt? An den Menschen, die ihn umgaben. An einer Ehefrau, die sich in die größte emotionale Mogelpackung verwandelt, kaum dass sie auch nur den Namen Stoner trägt. Edith Stoner, Quell der Lustlosigkeit und Frigidität, Hort der Launen und egozentrische Zicke sondergleichen, Realitätsignorantin und Made im Speck, eine Frau die ihren Mann im Bett nur erträgt, die gemeinsame Tochter instrumentalisiert und dem eigenen Vater entfremdet. Und wenn gerade keine Schlacht gegen Stoner zu schlagen ist, na dann ist Madame einfach nur unpässlich. (Ich war oft verleitet, sie aus dem Auto zu werfen, wenn Burghart Klaußner ihrem skurrilen Charakter zur Sprache verhalf.)

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Tja, und wenn es unserem gutmütigen Professor gelang, diesem lieblichen Wesen zu entkommen, dann landete er in seiner Universität im desaströsen Orbit von Hollis N. Lomax, seinem Fachbereichsleiter. Missgestaltet und ewig nachtragend muss man ihn beschreiben. Unvergessen, dass Stoner einen der Lieblingsschüler seines Chefs durch die Prüfungen fallen ließ, weil er ein ahnungsloser Blender war, der nur Unruhe stiftete. Dieser Zwischenfall sorgte für ein zwanzigjähriges Martyrium in Stoners Zeit als Dozent und Professor. Rache stand auf dem Lehrplan. Beförderungen ausgeschlossen und zu Stoners Schülern zählten fortan nur noch Erstsemester. Unterforderung ist ein harmlos klingender Begriff für die Existenz Stoners am Rande des Universums der Universität.

Lass das nicht mit dir machen!“ Ich kam aus dem Rufen nicht mehr heraus. Wollte in aller gebotenen Lautstärke warnen und verhindern, dass es so weitergeht. Einzig eine junge Doktorandin kam mir und Stoner zur Hilfe. Katherine Driscoll verliebt sich in ihn. Liebe. Was für ein Wort. Nie gefühlt, nie erwidert von einer Frau. Eine neue Welt, die in aller Wucht Besitz von ihm ergreift, verändert alles. Stoner findet zu sich selbst und im einzig möglichen Moment, sein Leben in neue Bahnen zu lenken stößt er auf Edith und Lomax. Eine geschlossene Schlachtformation, der Stoner nicht viel entgegenzusetzen hat. Ich glaube, ich schreie mir noch jetzt die Lunge aus dem Leib, weil ich nicht hören wollte, was dann geschah.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Oh John Williams, wie sehr ich William Stoner verehre. Ich habe mich ein wenig in ihm wiedergefunden. In einem Menschen, der so tief gezeichnet ist und sich selbst bis zum Ende treu bleibt. Und wie sehr habe ich die Menschen gehasst, die seinen Weg zu einem Kreuzweg machten. Überbordende Emotionen habe ich hörend ganz selten auf meinem Weg durch die Literatur erlebt. Wer erfahren möchte, warum ich das Ende der Geschichte immer noch nicht ganz verkraftet habe, der mag selbst hören, warum. Und wer nicht hören will, der kann lesen. „Stoner“ von John Williams ist es wert, seine Zeit mit ihm zu verbringen.

Wer noch mehr über John Williams wissen möchte, wer erfahren möchte, was ihn aus Sicht der Frau ausmacht, die ihn für den deutschen Buchmarkt entdeckt hat, und wen es interessiert, welche gemeinsamen Spuren sich durch seine Bücher ziehen, der kann sich ganz ruhig zurücklehnen und ebenfalls zuhören. Mein Interview mit Patricia Reimann, der Cheflektorin der dtv Verlagsgesellschaft, beantwortet all Ihre Fragen zu einem Schriftsteller, der niemals erfahren sollte, welche außerordentlichen Wege seine Romane nach seinem Tod im Jahre 1994 genommen haben. Hören Sie gut….

Und last but not least sein Debüt „Nichts als die Nacht– Der Kreis ist geschlossen.

Aus dem Nähkästchen der dtv-Cheflektorin: Patricia Reimann über John Williams

„Augustus“ von John Williams – Patricia Reimann im Gespräch

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Alle Wege führen nach Rom. Zumindest in diesen Tagen und zumindest für alle Fans des 1994 verstorbenen US-Schriftstellers John Williams, der mit seinen Romanen den deutschen Buchmarkt erobert hat. Stoner und Butchers Crossingerzählen dabei eine ganz eigene Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. In diesen Tagen erscheint sein wohl wichtigstes Werk in seiner gebundenen Form bei dtv und gleichzeitig wird die hochkarätig besetzte Hörspieladaption des Romans bei Der Hörverlag veröffentlicht.

Grund genug für beide Verlage, eine Blogtour ins Leben zu rufen, um alle Facetten und Hintergründe von Augustusauf mehreren Etappen hinterfragen und beleuchten zu lassen. Ich selbst hatte die Ehre und das Vergnügen, die dtv-Cheflektorin Patricia Reimann für Literatur Radio Bayern zu interviewen. Sie ist die Entdeckerin von John Williams für unseren Sprachraum und ist vor diesem Hintergrund natürlich DIE perfekte Gesprächspartnerin, wenn es darum geht, Insiderwissen zu erfahren.

Ich lade Sie herzlich zu diesem Interview ein. Mit nur einem Klick gelangen Sie zum PodCast unseres Literatur-Radios und dann sollten Sie sich einfach in dieses Gespräch fallen lassen und den Weg nach Rom mit uns gemeinsam gehen. Sie erfahren nicht nur interessante Hintergründe zum Schreiben von John Williams. Ich hatte auch Fragen im Gepäck, die für alle Literaturfreunde von Interesse sind, wenn man sich für die Arbeit im Lektorat eines großen Verlages interessiert. Patricia Reimann ist keine Antwort schuldig geblieben. Im Gegenteil.

Kehren Sie doch einfach nach dem Interview in diesen Artikel zurück. Der Link ist direkt unter dem PodCast zu finden und ich entführe Sie dann gerne in meine Sicht zum Roman „Augustus“ und mit ein wenig Glück findet eine bibliophile Rarität den Weg in Ihr Bücherregal. Jetzt aber hinein ins Interview mit Patricia Reimann.

Augustus - Patricia Reiman - Cheflektorin von dtv im Gespräch

Augustus – Patricia Reimann – Cheflektorin des dtv im Gespräch

„AUGUSTUS“

Erster Kaiser Roms. Herrscher über das römische Reich zu Christi Geburt. Cäsars Adoptivsohn, Nachfolger und Rächer. Verfolger der Attentäter, Sieger vieler Schlachten und Verlierer ganzer Legionen im Teutoburger Wald. Triumphator im Inneren. Solist im Konzert der römischen Intrigen-Eliten. Friedensstifter, Usurpator. Allianzenschmied und Zufallsherrscher. Der Mensch Augustus blieb im Verborgenen.

„Augustus“. Hauptfigur des wichtigsten Romans aus der Feder von John Williams. Mit dem National Book Award ausgezeichnetes Hauptwerk des 1994 verstorbenen Autors. und Meilenstein der fiktional-biografischen Aufarbeitung des Lebens des mächtigsten Mannes seiner Zeit. Erstmals in deutscher Übersetzung verfügbar. Erstmals in epischer Hörspieladaption zu erleben. Erstmals wird das Leben des ersten römischen Kaisers so zum Teil unseres Lesensweges.

Wo liegt der Zauber dieses Romans? Warum ist er zeitgemäß und was unterscheidet ihn von anderen historischen Romanen? Ganz einfache Fragen und Antworten, die sich lesend und hörend von selbst erschließen. „Augustus“ ist kein historischer Roman. Es handelt sich nicht um ein Geschichtsbuch, das auf jeder Seite um Authentizität bemüht ist. Wir lesen kein Buch für dessen Verständnis man in die Tiefen der Sekundärliteratur einsteigen muss. Und doch strahlt gerade dieser Roman den wahrhaftigen Hauch einer längst vergangenen Zeit aus.

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Aus heutiger Sicht war John Williams seiner Zeit weit voraus. Er konstruierte sein Buch auf eine Art und Weise, die erst in den letzten Jahren für Aufsehen sorgte. Nicht jedoch auf dem Buchmarkt, sondern in der Geschichte des investigativen Journalismus. John Williams ist der Edward Snowden des römischen Reiches. Sein Werk liest sich an keiner Stelle wie ein lupenrein erzählter Roman. Er legt seinen Lesern das WikiLeaks in seiner antiken Ausprägung in die Hände und erzielt eine fulminante Wirkung.

Unkommentiert reiht John Williams scheinbar authentische römische Dokumente aneinander. Lediglich mit Zeitangaben und der jeweiligen Quelle gekennzeichnet liest man sich durch Befehle, Memoranden, Briefe, Tagebücher, Briefe und Chroniken einer Zeitschiene, die bei Julius Cäsar beginnt und am Ende allen Lesens mit dem Ende der Kaiserzeit seines Nachfolgers gipfelt. Jeder kommt zu Wort. Freunde, Feinde, Sklaven, Legionäre, Wegbegleiter und Chronisten ihrer Zeit. Selbst Julia, Augustus` Tochter, ist in diesen Dokumenten präsent.

Als Leser wird man in eine äußerst aktive Rolle katapultiert. Man weiß stets mehr, als jede der handelnden Figuren. Nur man selbst besitzt die Deutungshoheit über die Relevanz der Aufzeichnungen und nur der Leser ist in der Lage, ein Mosaik entstehen zu lassen, das sich Steinchen für Steinchen zu einem Panorama der Zeit entwickelt. Es ist unglaublich spannend, alle Handlungsfäden selbst in der Hand zu halten und selbst zu entscheiden, wem zu glauben ist und wem nicht. John Williams agiert aus dem Off seines eigenen Romans und führt seine Leser von Seite zu Seite näher an den Point of no Return. An jenen Punkt, an dem man nicht mehr anders kann, als Augustus ewige Gefolgschaft zu schwören.

Augustus von John Williams - Die Blogtour

Augustus von John Williams – Die Blogtour

Der Whistleblower John Williams gewährt tiefe Einblicke. Er lässt ein lebendiges Bild der Menschen entstehen, die in der römischen Antike lebten, liebten und agierten. Dabei entsteht aus den unterschiedlichen Perspektiven heraus die Idee, wie jener Mann gewesen sein mag, der heute nur als Kaiser überliefert ist. Diese Idee ist brillant, voller Vitalität und geistreich. Seinen Höhepunkt erreicht dieser Roman an der Stelle, an der Augustus selbst zu Wort kommt. Am Ende aller Bilder, die man sich von ihm gemacht hat. Am Ende der Gerüchte, scheinbaren Fakten und Illusionen. Beim Lesen der Zeilen aus seiner Hand hat man das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen. Williams gelingt ein großer literarischer Wurf, mit dem er sich und seiner Leitidee treu bleibt. Die einzige und unverfälschte Wahrhaftigkeit des menschlichen Geistes wird bei allen Zufällen des Lebens greifbar. Augustus wird real.

Ein großer Roman in frischer Sprache. Voller Begriffe, die aus ihrer Zeit gefallen zu sein scheinen, entstauben ein Genre und machen es zu einem besonderen Erlebnis in unserer Zeit. Das Buch zu lesen ist die eine Seite des Genusses. Es zu hören bedeutet einen weiteren Kosmos der Sprachgewalt von John Williams zu erleben. Jede einzelne Rolle innerhalb des Buches wurde in der episch angelegten Hörspieladaption von Der Hörverlag mit brillanten Sprechern besetzt, die diesen Figuren echtes Leben verleihen. Zu lesen, wenn Augustus` Tochter Julia sagt:

Mein Vater nannte mich immer „Mein kleines Rom“

ist an der Stelle des Romans weltbewegend. Sie zu hören ist eine andere Welt. Wenn Jule Böwe in der Rolle der Julia diese Worte mit brechender Stimme spricht, dann ist es um den Hörer geschehen. Dieses absolute Kunststück gelingt allen Sprechern der ganz großen und auch der kleinen Rollen in dieser Produktion. Lesen und hören. Mehr kann ich nicht empfehlen. „Augustus“ ist es wert, sich ihm mit allen Sinnen zu nähern. Ein Gesamtkunstwerk aus literarischer Vorlage von John Williams, der Übersetzung von Bernhard Robben und der Auswahl der Hörbuchsprecher. Großes Kopfkino.

Augustus von John Williams - Die Blogtour - Ein Giveaway

Augustus von John Williams – Die Blogtour – Ein besonderes GiveAway

Hier die Stationen der Blogtour in einer Übersicht

Und last but not least sein Debüt „Nichts als die Nacht– Der Kreis ist geschlossen.

Nichts als die Nacht von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams – It`s Western Time

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Es ist mal wieder an der Zeit, das buchige Lesepferd zu satteln und in einem gewagten Zeitsprung die kleine literarische Sternwarte zu verlassen und in den echten Wilden Westen zu reiten. Ich weiß dabei genau, worauf ich mich einlasse, denn nach meinem letzten abenteuerlichen Besuch im Dickicht von Joe R. Lansdale ist mir eine große Western-Erkenntnis geblieben: Das Genre lebt!

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Besonders dann, wenn ein echter Western alle Elemente mit sich bringt, die man sich als Leser in seinen kühnsten Abenteuerträumen erhofft und erwünscht. Die endlose Weite der Landschaft, ein paar authentische Charaktere und eine Handlung, die sich eben in anderen Genres nicht so leicht entwickeln lässt. Also schnell die Packliste durchgehen und alles in die Satteltaschen, was ich so für einen langen Ausritt dringend benötige.

Butcher`s Crossing“ – so heißt mein Ziel, irgendwo in Kansas soll es liegen und im eigentlichen Sinn kann man nicht von einer Stadt sprechen, obwohl das Kaff alle Merkmale aufweist, die damals erforderlich waren um als solche wahrgenommen zu werden. Ein Hotel, ein Saloon, eine Straße und ein paar Häuser. Mehr brauchte es schon nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Das Land begann sich gerade zu erholen, aufzuatmen und die Besiedelung des Wilden Westens geriet immer mehr in den Fokus der Menschen aus den großen Städten im Osten. 1870 – ein bewegtes Jahr…

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

„Butcher`s Crossing“ dümpelt noch am Rande der endlosen Prairie vor sich hin und hat eigentlich gar nichts als Natur zu bieten. Die Eisenbahn ist noch nicht in die entlegenen Winkel vorgedrungen, aber die ersten Vorboten der wachsenden Gier einer großen Nation haben sich auch hier bereits mehr als breit gemacht. Denn dieses kleine unscheinbare Örtchen liegt inmitten eines Landstrichs der für seinen Reichtum an Büffelherden bekannt war.

War! Richtig. Unzählige Jagdtrupps haben die unzähligen Büffel dezimiert und das Geschäft mit der Jagd auf die wertvollen Felle wird immer schwieriger. Nur noch kleine und gut verteilte Herden durchziehen die Landschaft. Die großen Zeiten der Jäger sind schon Vergangenheit. Dabei war es eigentlich gar keine Jagd. Es war das große Schlachten. Mehr kann man dazu nicht sagen. Das Fleisch ließ man vergammeln. Schnell das Fell abziehen und ab in die großen Städte. Die Nachfrage ist riesig.

Man konnte reich werden, wenn man gut war. Aber das ist lange her. Jetzt kommen nur noch selten Fremde ins diesen Landstrich, jedenfalls nicht mehr um das große Geld zu machen, sondern aus vielleicht sogar idealistischen und verklärten Gründen. Will Andrews zum Beispiel hat gerade die Universität beendet und folgt nun einem inneren Antrieb, die Landschaft des Westens einmal so zu erleben, wie sie sein großes Vorbild Ralph Waldo Emerson beschrieben hat.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Der junge Mann träumt von einer besonderen Beziehung zur unverfälschten Natur, versucht alle Klischees des Großstadtdenkens hinter sich zu lassen und den Menschen in „Butcher`s Crossing“ ebenso unverfälscht zu begegnen, wie er es selbst von ihnen erwartet. Ein Idealist und dabei doch zugleich ein absolutes Greenhorn, wenn es darum geht, den Westen auf eigenen Faust zu erobern.

Als er von einem der erfahrensten Büffeljäger der Gegend erfährt, dass es noch eine einzige unermesslich große Herde in einem weit abgelegenen Tal in den Colorado Rockies geben soll, erliegt er dem Lockruf, sich dieses Naturwunder mit eigenen Augen anzuschauen. Bevor er es sich richtig überlegt hat, steckt er bereits mitten im größten Abenteuer seines Lebens. Und da sonst niemand bereit ist, dem Einzelgänger Miller das Märchen von den Büffeln zu glauben, investiert der junge Mann ein Vermögen, um seine große Jagd nach dem verloren geglaubten Paradies selbst auszustatten.

Ein Fuhrwerk, ausreichend Munition, Verpflegung für ein paar Wochen und eine kleine aber fein ausgewählte Mannschaft. Mehr braucht es nicht, um endlich zu starten. Unter der Führung des erfahrenen Jägers Miller macht man sich gemeinsam auf den Weg. Vier Männer auf der Suche nach der letzten Chance, diese riesige Herde zu finden und ihren Traum vom Glück realisieren zu können. Und doch ist einer von ihnen anders. Will Andrews folgt seinen Gefühlen, als gebe es in jenem Tal Antworten auf alle Fragen seines Lebens.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als er kurz vor der gemeinsamen Abreise aus „Butcher`s Crossing“ eine verstörende Erfahrung mit der Prostituierten Francine durchlebt, geht ihm diese Frau nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht war es die erste und einzige Frau in seinem Leben, die sich für ihn geöffnet hätte – und das nicht aus geschäftlichem Interesse, aber er ergriff lieber die Flucht. Eine Entscheidung, die er in so mancher langen Nacht bitter bereuen würde.

So, wie er allen Grund gehabt hätte, das gesamte Unternehmen zu bereuen, denn nichts läuft so, wie es geplant ist. Durststrecken, Irrfahrten und Hindernisse lassen allein schon die Reise zu jenem verwunschenen Tal zu einer Qual werden. Als sie dann endlich am Ziel ihrer Reise sind, können sie ihr Glück kaum fassen. Vom Rest der Menschheit bisher völlig unentdeckt, stoßen die Jäger auf die wohl größte Büffelherde des Westens. Und die große Jagd beginnt.

Der schiere Überfluss und die Verlockung vom schnellem Reichtum sorgen für ein Blutbad unter den Tieren. Schießen, häuten, schießen, häuten, schießen, häuten… Die Tage fließen im wilden Rhythmus des Schlachtens dahin und aus dem jungen Will Andrews wird ein Mensch, den er kaum wieder erkennt. Er wird zum Teil der Zerstörung durch Menschenhand, die im entscheidenden Moment Maß und Ziel aus dem Auge verliert.

Butcher`s Crossing von John Williams

Butcher`s Crossing von John Williams

Als der erste Schnee fällt, bemerken die Männer zu spät, dass sie nun Gefangene ihres Traums geworden sind. Eine Flucht aus dem Tal ist unmöglich. Für ein Bleiben sind sie nicht gerüstet. Nun beginnt auch für sie der harte Kampf ums Überleben, in dem sie zum ersten Mal auch die Menschen wahrnehmen, mit denen sie unterwegs sind. Dafür war bisher kaum Zeit. Ein dichter psychologischer Mantel hüllt die Jäger und ihre Hoffnungen ein und bringt ans Tageslicht, was bisher im Blutbad der Büffeljagd verborgen war.

John Williams (1922 – 1994) wird gerade neu entdeckt. Seit der Veröffentlichung seines Meisterwerks Stoner haben die Leser den wilden, direkten und doch auch stellenweise idealistisch romantisierenden Stil des Autors für sich entdeckt. Ihm gelingt es, die wilde Landschaft fühlbar zu machen, er schreibt seine Leser in den tiefen Frost einer Winternacht und taut sie mit selbst formulierten Sonnenstrahlen wieder auf. Er skizziert keine Charaktere, sondern lässt uns tief in die Denkwelten seiner Figuren eintauchen. Der Autor hat unser Pferd gesattelt und uns die Zügel in die Hand gegeben, aber die Richtung unserer Reise bestimmt er ganz alleine.

Kein Wunder, dass am Ende des grandiosen Natur-Romans nicht nur der Schnee zu schmelzen beginnt. John Williams entlässt seine Leser verändert in die Realität. Er hat in einem Winter wirklich alles verändert. Menschen, Städte, das ganze Land und die eigene Wahrnehmung. Er gibt dem Pferd von Will Andrews einen allerletzten, etwas wehmütigen Klaps und wir reiten mit ihm in den Sonnenuntergang. Allerdings nicht ohne zuvor einen Blick auf den Sinn des Lebens geworfen zu haben.

Und Francine schließlich sagen zu hören… „Aber ich habe mich geirrt. Du hast dich verändert. Du hast dich so verändert, dass du zurückgekommen bist.“

It`s Western Time bei AstroLibrium

It`s Western Time bei AstroLibrium

John Williams gelang mit „Butcher`s Crossing“ ein elegischer Rückblick auf die Zeit des Wilden Westens an der Schwelle seines Untergangs. Und mit dem Land gingen die Menschen unter, die es noch in dieser Form erleben durften.

„Man wird mit diesem Land nicht fertig, solange man sich darin aufhält; es ist zu groß, zu leer, und es sorgt dafür, dass in einem Lügen aufkommen. Man muss von hier fort, ehe man damit fertigwerden kann. Und keine Träume mehr…“

Pure Literatur: John Williams und „Augustus“ und „Stoner“ auf AstroLibrium. Und last but not least sein Debüt „Nichts als die Nacht– Der Kreis ist geschlossen.

Butcher`s crossing - astrolibrium - buchhandlung calliebe