„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Kyūdō. Das klingt nach alter japanischer Kampfsportart, ist aber meilenweit davon entfernt, obwohl die Bewaffnung des Kyūdō-Schützen martialisch anmutet. Bogen und Pfeil sind seine Wegbegleiter und doch gleicht der Bewegungsablauf beim Schießen in Gänze eher einem zeremoniellen Akt, als einer sportlichen Betätigung mit kämpferisch anmutendem Hintergrund. Unterstrichen wird dies durch die eindrucksvolle traditionelle Bekleidung des Schützens, die ihn ohne Rüstung in Rock (Hakama) und Bluse (Gi) fast schutzlos erscheinen lässt. Fremdartig wirkt dieser kontemplativ zeremonielle Sport auf westliche Betrachter und es macht doch neugierig, was sich hinter all dem verbirgt.

Paulo Coelho entschlüsselt in seinem Buch Der Weg des Bogens zwar nicht die Hintergründe des Kyūdō, aber er transferiert die im Verborgenen zelebrierten und seit Jahrhunderten gehüteten Geheimnisse so, dass wir sie nicht nur verstehen, sondern in unser tägliches Leben übertragen können. Es ist nicht spirituell oder religiös, dient nicht der Kontemplation oder gar der Selbstfindung auf dem Jakobsweg, was Coelho uns mit dem an sich schmalen Text ins Leben schreibt. Sein Buch kann dazu beitragen, Lehren aus einem fremden Kulturkreis mit unseren Ansichten in Einklang zu bringen und dabei Fremdes nicht mehr fremd erscheinen zu lassen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Der Weg des Bogens, übrigens die wörtliche Übersetzung des Begriffes Kyūdō, erzählt die Geschichte eines japanischen Jungen, der im Tischler seiner Stadt durch puren Zufall einen wahren Kyūdō-Meister erkennt. Tsetsuya lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, niemand sah ihn zuvor mit einem Bogen, bis ein Fremder ihn zu einem Wettkampf herausfordert. Erst in diesem Moment erkennt der Junge, dass hinter dem bescheidenen Tischler eine der größten Kyūdō-Legenden des Landes verborgen ist. Was liegt da näher, als genau ihn darum zu bitten, sein Schüler werden zu dürfen?

Hier sind wir Leser mit dem Jungen auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir schon mal einen solchen japanischen Bogenschützen gesehen und uns über das Zeitlupentempo seines Bewegungsablaufes gewundert, vielleicht haben wir uns schon mal gefragt, wie man so überhaupt sein Ziel treffen kann. Vielleicht haben wir es mit Tai-Chi verglichen, jenem inneren Schattenboxen, das viele Japaner ohne jeden Gegner zelebrieren. Und doch liegen viele Wahrheiten in der inneren Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und den unveränderbaren äußeren Rahmenbedingungen, die das eigene Leben beeinflussen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Paulo Coelho gelingt mit Worten, was unsere Augen nicht leisten können. Er lässt uns in eine traditionelle und rituelle Reflektion eintauchen, in der die Einheit von Bogen, Pfeil und Ziel nur entstehen kann, wenn der Mensch in Balance ist. Dieser Balanceakt beruht auf Erkenntnis und Demut. Tugenden, die uns heute schnell verlorengehen und die schwer wiederzuerlangen sind. Wir sollten diesem wundervoll illustrierten Buch aus dem Hause Diogenes einfach vertrauen. Offenen Herzens, ohne Vorbehalte und voller Neugier auf das Unbekannte dem Wort und der Weisheit Tsetsuyas folgen und dessen Worte auf uns wirken lassen. Zitate pflastern immer den Weg von Paulo Coelho. Doch mir persönlich bleibt diesmal ein wenig mehr.

Im tiefen Dialog mit Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ entwickelt „Der Weg des Bogens“ eine literarische Dynamik, die nicht entschleunigt oder reinigt, sie inspiriert durch die Komplexität der Gedanken, die pfeilschnell und zielsicher treffen. Es wird schnell klar, dass ein Krieger des Lichts besser durch Leben kommt, wenn er auch den Weg des Bogens verinnerlicht hat. Übung schult das Auge und die Hand. Und doch führt sie nicht zu Routine, denn es gilt dem Alltäglichen und Unbedachten zu entsagen, um bei vollem Bewusstsein und konzentriert die richtigen Ziele anvisieren zu können. In wenigen und hochkonzentriert gebündelten Worten ohne jede Ausschweifungen ist das Buch so japanisch, wie man es sich nur wünscht. Es schmiegt sich an meine Bibliothek der Bücher an, die ihre Weisheiten aus diesem Kulturkreis schöpften. Japan.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Es ist immer wieder Japan, das mich in der Literatur fasziniert. Es sind Traditionen, Werte und eine ganz besondere Lebensphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch jene Bücher zieht, die mich mit Japan verbinden. Ich bettete mein müdes Haupt auf das „Kopfkissenbuch„, faltete Papier-Kraniche mit „Herr Origami„, durchbrach auf meiner Suche nach echter „Seide“ die Seeblockade um Japan und erlebte mit „Sadako“ einen wahren Meilenstein gegen das Vergessen der Opfer von Hiroshima. Und doch hat auch gerade Paulo Coelho gezeigt, dass er nicht nur mit Lebensweisheiten brillieren kann. In „Die Spionin“ zeigt er eine ganz andere Seite seines Schreibens. Biografisch nähert er sich Mata Hari und wer nicht weiß, wer diesen Roman geschrieben hat, würde nicht auf Coelho als Verfasser kommen. Auch hier sind es die Zitate, die sich einprägen. Tief.

Es sind wie immer die wichtigen Zitate, die am Ende des Lesens vom gemeinsamen Weg mit Paulo Coelho bleiben. Viele Zitate, die selbsterklärend sind. Andere, die man sich hart erarbeiten muss und einige, die so sehr polarisieren, dass man sich an ihnen reiben kann. Das ist Literatur… Das ist Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Das macht ihn auch blogübergreifend so interessant. Er löst mit wenigen Worten in unterschiedlichen Menschen verschiedene Assoziationen aus. Es ist, als schriebe er in einer universellen Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Coelho kann sich auf seine Leser verlassen, da sie seine Worte richtig zu deuten wissen. Als Beweis für die These verweise ich einfach nur auf Literatwo. Ein Blog des Lichts, der den Bogen raus hat.

Danke für den japanischen „Schnee“ zum Bogen. Eine Lachenweinenlawine.

Der Weg des Bogens und Schnee – Von Blog zu Blog

So schließt sich mit dieser einhundertsten Buchvorstellung 2017 der Kreis eines ganz besonderen Lesejahres. Wie könnte man ein solches Traumjahr besser enden, wie es besser in ein neues übergleiten lassen, als mit einem gespannten Bogen aus der Feder von Paulo Coelho. Der Bogen ist das Synonym meiner Leidenschaft für die Welt der Literatur und der Pfeil steht für jedes Buch, das mich einerseits trifft, das ich mit der kleinen literarischen Sternwarte allerdings sofort wieder in die Sehne einlege und auf ein neues Ziel abschieße. Seid ihr dieses Ziel, ist es meine eigene Suche nach dem Buch der Bücher oder ist es letzlich gar nicht so wichtig? Suchen wir doch gemeinsam nach Antworten. Leb` wohl 2017, du warst ein erlesenes Jahr und herzlich willkommen 2018.

Ich hab´ dich im Visier...

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens – Das neue Jahr im Visier

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„Herr Origami“ und „Sadako“ – Mein Lesemoment 2017

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Da ist er nun. Mein Lesemoment 2017. Das literarische Highlight, das man im Verlauf eines Lesejahres so sehnlich herbeisehnt. Das Buch, von dem man später sagen kann, dass es das Buch des Jahres war. Die Ursache für dieses Prädikat ist natürlich höchst subjektiv und in besonderer Weise individuell, da ein Buch alleine selten in der Lage ist, mich zu diesen Jubelstürmen aufsteigen zu lassen. Es ist die Perlenkette aus Büchern, die ein solches Werk knüpfen, es sind die Assoziationen, die es in mir auslösen und es sind die Gefühle, die es wecken muss, um mich zu diesem Urteil zu verleiten. Ich habe ihn erlebt, diesen Moment 2017, und das schon im September.

Es sind schmale 157 Seiten, die mich aufjauchzen lassen. Es ist ein Roman, der in seiner literarischen Dimension vielleicht nur mich so sehr aufrüttelt, weil er Lesegefühle mit neuem Leben erweckt, die ich bisher nur in einem meiner absoluten Herzensbücher durchleben durfte. Aber es ist auch eine Geschichte, die in der Lage ist, bibliophile und empathische Leseseelen zu bewegen, die meine Erfahrungen nicht teilen. Denn dieses Buch wird eine Lesekette auslösen, der man sich nicht verweigern kann. Hier ist er nun, mein Lesemoment des Jahres.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci, erschienen bei Hoffmann und Campe, kommt in seinem Erscheinungsbild schlicht und schmal daher. Ein gefalteter Kranich, eine Wiese und zwei Bäume zieren das Buchcover. 157 Seiten warten auf ihre Leser. Zarte Seiten, die aufgrund des Buchlayouts jeweils mit japanischen Schriftzeichen eingeleitet werden und dann recht überschaubar gefüllt sind. Beim oberflächlichen Blättern kann schon der Eindruck entstehen, es würde sich um Gedichte handeln. Kurz gesagt, es ist ein kurzes Lesevergnügen. Nur eine Stunde verging zwischen der ersten und der letzten Seite. Es ist die Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde. Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte voller Lebensweisheit, Philosophie und mit einem Tiefgang, den man eigentlich in dem vorliegenden Format kaum erzeugen kann. Und doch gelingt es Jean-Marc Ceci auf so beeindruckende Art und Weise.

Es ist die Geschichte eines Japaners, der seine Heimat für die große Liebe seines Lebens verlassen hat. Herr Origami“ wird er genannt. Mit „Meister Kurogiko“ sollte man ihn jedoch anreden, wenn man ihm begegnet. Denn er ist ein wahrer Meister. Sein Leben hat er der Herstellung von „Washi“ gewidmet, japanischem Papier. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist es, aus dem schönsten Papier Origami-Kraniche zu falten. Seit nunmehr 40 Jahren lebt Herr Origami in Italien. Er schöpft Papier, faltet seine Kraniche, entfaltet sie wieder und meditiert, die so entstandenen Faltlinien betrachtend. Das tiefe Geheimnis, dem dieses spirituelle Leben zugrunde liegt, heißt Liebe.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Ein einziges Mal hat Herr Origami sie gesehen. Dieser eine Augenblick hat gereicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ihr zu folgen. Nur ihre Herkunft war ihm bekannt. Italien. Seit 40 Jahren nun lebt Herr Origami in der Abgeschiedenheit der Toskana und wartet auf den Moment, in dem das Schicksal ihn und die von ihm verzweifelt Geliebte wieder vereint. Die Tage des Wartens verbringt er schöpfend, faltend entfaltend und still meditierend. Bis ein unerwarteter Besuch alles ändert. Der Uhrmacher Casparo dringt in diese geschlossene Welt ein und verführt den Meister dazu, sich langsam zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen.

Spätestens hier befand sich mein Herz im Aufruhr. Japan, schrie es. Und schon war es um mich geschehen. „Seide“ von Alessandro Baricco erzählt spiegelverkehrt, was Jean-Marc Ceci mir gerade in die Seele schreibt. Baricco lässt einen Franzosen immer wieder nach Japan reisen, um IHR zu begegnen. Der großen Liebe seines Lebens. Ein junges Mädchen, das er nur ein einziges Mal sah, dessen Stimme er nie vernahm und das sein Leben für immer veränderte. Baricco lässt seinen Hervé Joncour in das Japan seiner Sehnsucht eintauchen, ohne je die Chance zu haben, seine Geliebte zu finden.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Jean-Marc Ceci bringt nun seinerseits einen japanischen Liebenden nach Europa und verzaubert seine Leser mit der poetischen, philosophischen Erzählung, die unsere Sichtweise auf eine hoffnungslose Liebe nachhaltig verändert. Was sich hier von Seite zu Seite entwickelt ist ein fast schon meditatives Bild der inneren Balance, wo doch nur aufgewühlte Gefühle toben. In der Begegnung mit dem Uhrmacher Casparo entwickelt Ceci einen Diskurs über die Gemeinsamkeiten von Leidenschaften, Perfektion und der ewigen Suche nach den Antworten zu allen Sinnfragen des Lebens. Die Zeitvorstellung des Uhrmachers kollidiert mit der zeitlosen Dimension des Origami-Künstlers.

Auch hier schließt Herr Origami einen unsichtbaren Pakt mit einem Buch, das in seiner Entschleunigung verzaubert. „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon hat mir ein längst vergangenes Japan nähergebracht, das jedoch im „Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci allgegenwärtig ist. Philosophie, Kontemplation und Spiritualität führen uns in ein Leben, in dem Abgeschiedenheit nur eine besondere Form von Leidenschaft ist. Im tiefsten Inneren beider Bücher spürt man einen japanischen Geist, der inspirierend und entschleunigend ist. Lebensweisheiten werden hier nicht nur zitiert, sie werden geprägt. Werte und Ansichten werden gelebt. Liebe wird um ihretwillen geliebt, auch wenn es so hoffnungslos erscheint wie bei Baricco oder Ceci. Selten hat ein poetischer Roman mir so viele Türen geöffnet. Selten habe ich so tiefe Verbindungen zu den Büchern meines Lebens gespürt. Und selten hat mir dabei ein Autor eine doch ganz eigenständige und wertvolle Geschichte erzählt.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci und Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Jean-Marc Ceci gelingt es weit auszuholen ohne dabei zu fabulieren. Nicht nur die Kunst der Papierherstellung in Japan wird hier zur Kunstform erhoben, auch das Falten dieses Papiers – für uns meist nur kreativer Zeitvertreib – wird hier über jeden Verdacht erhaben, die Zeit zu vertreiben. Hier kommt Ceci zu einer Bücherkette, die er in seinem Schreiben auslöst, die zu einen weiteren unglaublichen Lesemoment bei mir führte. Er erzählt von der Legende der tausend Kraniche. Er erzählt von einem kleinen Mädchen, dem es nicht vergönnt war, so viele Kraniche zu falten, um einen Lebenswunsch erfüllt zu bekommen. Er erzählt von „Sadako“.

Ich sprang lesend auf, griff in den SUB meiner ungelesenen Köstlichkeiten und es war mir bewusst, dass ich diesen Namen schon gehört hatte. Und da lag das Buch. Ein aktuelles Kinderbuch, erschienen im Aladin Verlag, mit Origami-Kranichen und einem jungen Mädchen im Krankenbett auf dem illustrierten Cover. Gänsehaut. „Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ von Johanna Hohnhold hatte mich erst vor wenigen Tagen erreicht. Nun weiß ich, dass Bücher Schicksale haben. „Habent sua fata libelli“. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet dieses Buch auf mich wartet. Es ist kein Zufall, davon bin ich überzeugt. Hier liegt der Zauber von „Herr Origami“ auch für Leser verborgen, die weder Seide noch das kopfkissenbuch gelesen haben. Hier weist eine Bücherkette in die Zukunft und man kann gar nicht anders, als sich Sadako ganz behutsam zu nähern.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci – Sadako – Eine wichtige Geschichte

Geht auch diesen Pakt ein, den Herr Origami für euch geschlossen hat. Besucht Sadako in Hiroshima und lasst euch in einem Kinderbuch, das viel mehr ist, von einem Mädchen erzählen, dem nicht nur in Hiroshima, sondern unter anderem auch in Köln weltweit Denkmäler gewidmet sind, die eines gemeinsam haben. Den Origami-Kranich. Lasst diese Geschichte zu. Lasst es zu, einem Mädchen zu begegnen, das ohne jede Hoffnung auf Genesung als Opfer der Spätfolgen des Atombomben-Abwurfes alle Kraft in die tausend Origami-Kraniche steckte, die ihr einer alten Legende zufolge das Leben retten sollten.

Zeitvertreib? Nein. Herr Origami und Sadako öffnen einzigartige Perspektiven auf die japanische Papierkunst. Beide Bücher öffnen neue Perspektiven auf das Leben. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, warum „Herr Origami“ und „Sadako“ für mich zu einem einzigen, tief miteinander verwobenen Lesemoment wurden. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass beide Bücher und meine eigene kleine japanische Bibliothek ein philosophisch romantisches Bündnis geschlossen haben, um mich zu verzaubern.

Darum lese ich!

Herr Origami von Jean-Marc Cec

Das „Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen
Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte
Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.“

Das Kopfkissenbuch - Entschleunigung im Radio - Mit einem Klick zur Entspannung

Das Kopfkissenbuch – Entschleunigung im Radio – Mit einem Klick zur Entspannung

Ihr kennt das aus Eurem Lesen. Ihr befindet euch in der dunklen Scheinwelt zwischen zwei Büchern, wisst nicht genau, wie ihr euren Leseweg fortsetzen könnt, und habt das Gefühl, eine kleine literarische Auszeit würde euch jetzt mehr als gut tun. Aber die Lust am Lesen, die tiefe Leidenschaft für das gebundene Buch lässt einfach nicht locker und so beginnt die Leidenszeit des unentschlossenen Lesers.

Oder ihr seid einfach mit so hohem Tempo durch Euer lesen gerast, dass ein Tritt auf die Bücherbremse dringend erforderlich ist. Die Seele baumeln lassen und einfach entschleunigen. Danach steht auch uns Lesern mal der Sinn. Doch auch hier ist man an seine erlesenen Rituale gewöhnt, fühlt das Fehlen von bedrucktem Papier und beginnt doch schon wieder, rastlos zu werden. Ich habe die Lösung für all diese Probleme des Lesens.

Das „Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon, erschienen im Manesse Verlag, ist eines der wohl bibliophilsten Refugien, in das man sich verlieben kann, ohne den normalen Entzugserscheinungen des UnLesens zu erliegen. Hier entführt uns eine der Hofdamen der japanischen Kaiserin ins Zentrum der Macht einer der legendärsten Monarchien der Welt. Wir reisen mit ihr mehr als 1000 Jahre zurück und werden Teil der hermetisch abgeriegelten Welt am Hof des japanischen Kaisers.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Es gibt wohl nichts Schöneres in der Welt als geliebt zu werden.“

Der Zauber dieses Buches beginnt mit dem haptischen Erleben eines gebundenen Kunstwerks, dass großformatig auf Satinpapier gedruckt im edlen Feinleinen-Einband in der Hand liegt, als hätte es uns der kaiserliche Bibliothekar persönlich anvertraut. Eine bibliophile Kostbarkeit. Und dann auch noch der Name Kopfkissenbuch. Es gibt viele Hinweise auf den Ursprung für diese Bezeichnung, ich lasse mich jedoch von meinem Gefühl leiten und empfinde dieses Werk als sanftes Ruhekissen für meinen Geist.

Dieses Assoziation sei mir erlaubt und ich denke, auch die Dame Shōnagon würde mir den Ausflug in meine Fantasie gestatten, da ihre Texte dazu verleiten, die Welt um sich herum einfach mal zu vergessen, abzuschalten und sowohl das Leben als auch das Lesen völlig losgelöst vom Alltag zu genießen. Diese Wortbilder und Gedanken von Sei Shōnagon sind mehr als Tagebuchaufzeichnungen aus einer besonderen Welt, die sich jedem Außenstehenden verschloss.

Die junge Frau vertraute ihrem Kopfkissen aus wertvollem Papier ebenso wertvolle und intime Gedanken an. So entführt sie uns auf eine zeitlose und einzigartige Reise in die Hochkultur Japans. Und genau hier beginnt bereits die eigene Entschleunigung, da Sei Shōnagon mit ihren künftigen Lesern kokettiert. Sie fordert nicht dazu auf, in eine komplexe Geschichte einzutauchen. Sie zeichnet lediglich ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken in buntesten Wortfarben in ihr persönliches Kopfkissenbuch und verleitet uns dazu, ihr zu folgen.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Glücklich bin ich, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.“

Hierbei reicht es schon aus, zu lesen, was sie empfindet, wenn sie an Jahreszeiten denkt. Wir spinnen unsere eigenen Gedanken, wenn sie aufzählt, was sie liebt, was ihr unerträglich ist oder worauf sie niemals mehr verzichten möchte. Hier sind wir Teil des Hofstaates und ergänzen die Liste der Emotionen und Gedanken um unsere eigenen Gefühle. Gemeinsam gehen wir mit ihr durch gefühlte Verluste und Dinge, die ihr Herz bewegen.

Vergangenes, das mich wehmütig stimmt… (Sei Shōnagon)

  • Verwelkte Malvenblüten.
  • Puppen, mit denen ich einst gespielt hatte.
  • Wenn ich in einem Heft gepresste pupurne oder violette Stoffreste finde.
  • Wenn ich an müßigen Regentagen beim Kramen auf Briefe stoße, die mir
    einmal sehr viel bedeutet haben.
  • Fächer vom vergangenen Jahr.

Spielerisch blicken wir so hinter die Kulissen der hohen Mauern, die den Kaiserhof umgeben. Randbemerkungen erläutern uns die Hintergründe zu fremden Begriffen oder erklären die Gepflogenheiten und Rituale, denen man sich unterzog, um den Tagen am kaiserlichen Hof einen besonderen Rhythmus zu geben. Wie zum Beispiel das Bemalen von Seidenfächern mit aktuellen Motiven. Der Blick auf einen Fächer aus vergangener Zeit ist für Sei Shōnagon wie für uns der Blick in ein Fotoalbum aus der Vergangenheit. Wehmut macht sich breit.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Vertrauen heißt, die unsichtbare Hand zu spüren,
die uns sicher durchs Leben geleitet.“

Lebensweisheiten gehen hier Hand in Hand mit Anekdoten und Geschichten vom Hof, die unter keinen Umständen verbreitet werden durften. Es ist das Feinleinen-Wikileaks einer hochgestellten Hofdame. Jede Seite ist voller Magie, jeder Satz so exotisch wie eine Lotusblüte und jeder Gedanke ist so flüchtig, dass wir ihn zu unserem Gedanken machen wollen. Man kann dieses Poesiealbum an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und sich einfach tief fallen lassen. Eigene Gefühle überlagern sofort das Gelesene und schon wandelt man mit einer guten Freundin durch die reichen Gärten des Palastes.

Was mein Herz anrührt… (Sei Shōnagon) 

  • Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.
  • Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.
  • Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.
  • Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.
  • Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wagen vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.
  • Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.
  • In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

Ich spiele mit ihren Gedanken und notiere, was mein Herz anrührt und so reichen wir uns über eine Distanz von 1000 Jahren die Hand zu einem sehr innigen Dialog der Gefühle. Mein Herz wird tief berührt von unerwarteten Küssen am Morgen; von einer Hand, die sich mir reicht, wenn ich es nicht erwarte; von einer Stelle in einem Roman, die mich weinen lässt; von einem tiefen Blick, der mehr sagt als tausend Worte und von Namen, die in mir Erinnerungen auslösen. Hazel Grace.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Ein Buch sogleich nach dem Erwachen: eine aufregende Sache.“

Bianca und ich haben dieses Seelenbuch für uns auf der Leipziger Buchmesse entdeckt. Wir haben sofort erkannt, welches Potenzial in ihm ruht und schon nach dem allerersten Blick war es um uns geschehen. Wir wollen euch immer mal wieder im Lauf eines Lesejahres in diese magische Welt entführen, euch zu Tee-Zeremonien am Hof von Literatwo oder in der kleinen literarischen Sternwarte einladen. Wir möchten unsere Gedanken mit denen der Dame Shōnagon in Verbindung bringen und vielleicht können, wir euch dazu verleiten, an diesen Gefühlsbildern mit zu zeichnen.

Heute beginnt unsere Reise. Unvermutet vielleicht, denn dieser Auftakt ist auch für den Bloggerhof zu Dresden eine echte Überraschung. Aber könnte man einen besseren Zeitpunkt finden, als den Geburtstag der dortigen Kaiserin? Nein! Sicher nicht. Und so öffnet Bianca in diesen Stunden einen geheimen Umschlag mit Reiseunterlagen, die sie in diesen Artikel und damit auch nach Japan führen. Herzlichen Glückwunsch.

Das „Kopfkissenbuch“ ist viel mehr als nur ein Buch. Es ist Kunst-, Wunder- und Zauberwerk zugleich. Es ist ein in jeder Hinsicht ein Meilenstein der Buchkunst und des prosaischen Inhaltes. Es ist ein wertvoller Begleiter durch die Zeit und ich habe vom ersten Wort an das Gefühl gehabt, dass ich es niemals beenden werde, da es in seiner Weisheit unendlich ist. Es ist witzig, berührend und voller Tiefgang. Es wird auch euch entführen, so wie es mich bereits in fremde Welten entführt hat.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon - AstroLibrium

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das „Kopfkissenbuch“ begleitete mich zu einer Kunstausstellung in Starnberg. Hier trat der große Meister Gustav Klimt in den Dialog mit Shunga-Zeichnungen aus Japan. Explizit Erotisches. Erotik, die in dieser Form in Japan populär, doch aufgrund ihrer deutlichen Überzeichnung mit vorsichtiger Distanz betrachtet wird. Klimts Skizzen sind dagegen eher harmlos. Ich hätte diese Ausstellung ohne mein „Kopfkissenbuch“ wohl niemals besucht.

Ich war mehr als neugierig auf diese Form von Kunst, weil Sei Shōnagon auch in ihren Texten vom lockeren Lebenswandel der Hofdamen berichtet. weil sie den Fächer senkt und uns durch die Blume zu verstehen gibt, was von Hofdamen in diesem Palast erwartet wurde. Dieses Buch ist ein Buch für alle Sinne. Es lebt und strahlt. Es vibriert und weint bittere Tränen. Es ist verliebt und vermag zu hassen. Dieses Buch ist eine Träne, die aus der Zeit gefallen scheint.

Unausstehliches… (Sei Shōnagon)

  • Es kann auch passieren, dass der geheime Liebhaber in voller Hofmontur ankommt. Man lässt ihn hastig ein in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt hat, woraufhin er mit seinem hohen Ranghut hier und da anstößt, was natürlich vernehmlich knistert.
  • Ebenso unausstehlich ist es, wenn er sich mit dem Hut an den Binsenrohr-Jalousien verfängt und sie zum Rascheln bringt.

Ich fände es unausstehlich, hier zu enden. Lasst uns gemeinsam nach Japan reisen. Folgt uns an den Hof des Kaisers, wo auch immer ihr unsere Spuren findet. Literatwo und AstroLibrium weisen euch den Weg. Konnichiwa! Wir werden da sein.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon