„Die Rache“ – Nach Japan mit Shugoro Yamamoto

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Es ist wieder einmal Japan. Es ist der gesamte Kosmos einer Kultur, die sich gerne in seidene Gewänder hüllt und sich vor den Augen der Welt verbirgt. Es sind Traditionen, die sich der westlichen Sichtweise entziehen und es ist eine Lebensweise, die Werte in den Vordergrund stellt, die in ihrer kaum nachvollziehbaren Überhöhung schon oft den Untergang Japans heraufbeschworen haben. Stolz bis zur Selbstaufgabe, Tapferkeit in den aussichtslosesten Situationen, Treue bis zum Kadavergehorsam, Kaiserverehrung, die Unmöglichkeit, Gefühle offen zu zeigen und das Bekenntnis der Frauen zu devotem Verhalten. Traditionelle Verhaltensmuster, die noch heute auf der Abschottung Japans gegenüber der restlichen Welt basieren. Unverfälscht und aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß. 

Und doch wieder so faszinierend, weil diese sozialen Codes dafür verantwortlich sind, dass die japanische Bevölkerung mit Schicksalsschlägen oder Katastrophen eher souverän, als kopflos umgeht. Vieles ist in der Vergangenheit angelegt und oftmals sind wir Europäer angesichts der Fremdartigkeit dieser Kultur eher ratlos. In der Literatur ist es schon oft gelungen, Brücken zu bauen, Verständnis und Empathie zu wecken, fremd und fern wirkende Denkweisen transparenter zu machen und dabei zu helfen, Grenzen zu überwinden. Ich war schon oft in Japan. Literarisch wohlgemerkt und immer kam ich mir fremd vor. Ein echter Gaijin, der es wagt japanischen Boden zu betreten und schon im Denken und Fühlen kein einziges Fettnäpfchen auslassen kann. Aber ich gebe nicht auf. Japan. Immer wieder Japan.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon machte mich mit den Sitten und Bräuchen am japanischen Kaiserhof vertraut. Die Indiskretionen dieser japanischen Hofdame und die geheimen Gedanken der jungen Frau waren meine Wegweiser in die Literatur über das geheimnisvolle Land. Ich lernte mit Jean-Marc Ceci Kraniche falten und Probleme aus einer anderen Perspektive heraus als Chance zu betrachten. „Herr Origami‘ ist ein guter Lehrmeister. Ich lernte an der Seite von Paulo Coelho die Kunst des Kyūdō. „Der Weg des Bogens“ zeigte mir, dass Pfeile nicht immer ihr Ziel treffen müssen, wenn es darum geht, kunstfertig zu sein. „Sadako“ zeigte mir, wie sehr man sich entfalten kann, wenn man sich dem Falten tausender Origami-Kraniche hingibt. „Ein einfaches Leben“ verdeutlichte mir, dass nicht nur ich selbst fremd in diesem Land sein kann. Auch aus der Sicht einer koreanischen Familie ist es schwer bis unmöglich, in Japan heimisch zu werden.

Über allem jedoch steht meine Reise nach Japan, als das Land völlig abgeschottet war. „Seide“ ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens, weil mich die sprachlose Begegnung einer japanischen Frau mit einem Europäer so nachhaltig geprägt hat, wie kaum eine andere Geschichte. Ich las Murakami und Yoko Ogawa. Ich folgte Autoren auf ihren Reisen nach Japan und wusste schon vorher, auf welche Konflikte sie stoßen würden. Interkulturell hat mich das Lesen in meinem japanischen Lesezimmer in jeder Beziehung bereichert. Ich freue mich immer wieder darauf, neue Erzählräume betreten zu dürfen, neue Geschichten zu entdecken und scheue auch nicht mehr davor zurück, wenn es sich hierbei um Erzählungen aus dem Herzen der japanischen Seele handelt.

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Die Rache“ von Shugoro Yamamoto, erschienen bei Cass, ist ein schmaler Band, der es in sich hat. Es sind gerade einmal 55 Seiten mit vier Illustrationen, die der Autor sich gönnt, um eine Geschichte zur Entfaltung zu bringen, die sich meinem westlichen Denken nicht entzieht. Sie ist nicht sperrig, philosophisch oder kryptisch. Sie basiert auf gelebter Tradition und einem erfrischenden Missverständnis. Hier prallen keine Welten aufeinander, es ist eher das Aufeinanderprallen japanischer Verhaltenserwartungen mit einem jungen Mann, der sich außerhalb dieser Normen bewegt. Das ist erfrischend zu lesen, weil ich hier feststelle, dass nicht nur ich von einem Fettnäpfchen zum nächsten springe. Auch im traditionellen Japan können Missverständnisse für große Geschichten sorgen. Schmunzeln garantiert inklusive.

Dabei befinden wir uns im Jahr 1645. In der Welt der Abschottung, der Samurai und der überbordenden Ehrbegriffe in Japan. Eigentlich kein Spielraum für einen Ausbruch aus dem sozial vorgegebenen Normenkatalog. Und doch lernen wir einen jungen Mann kennen, der uns in der kleinen Erzählung wahrlich ans Herz wächst. Iwata. Sein Vater wird vom größten Schwertkämpfer seiner Zeit abgeschlachtet. Iwata selbst wird von der eigenen Familie verstoßen. Er ist einfach unwürdig, möchte gerne Koch sein, was dem dahingemetzelten Vater gar nicht schmeckte. Iwata bleibt nur noch ein Ausweg. Betteln. Und so lässt er sich in einer ärmlichen Hütte am Wegesrand nieder und bettelt. Das war es dann mit den hochfliegenden Träumen von einem schönen Leben als Koch mit einer wundervollen Frau an seiner Seite. O-Kita wäre seine Frau geworden. Aber so? Bettler sind wenig ehetauglich…!

Die Rache von Shugoro Yamamoto

Aus dieser verzweifelten Ausgangssituation konstruiert Shugoro Yamamoto eine Geschichte, die lange in Erinnerung bleibt. Sie benötigt nicht viele Seiten, um sich entfalten zu können. Sie ist wie ein Origami, das man auseinanderfaltet und in dessen Muster wir alle Wendungen des Schicksals erkennen können. Kein Weg verläuft linear. Kreuzungen und Abwege bestimmen das Bild. Iwata erlebt am eigenen Leib, wie sehr man sich täuschen kann, wenn man einen vorbestimmten Weg einschlägt. Hier spielen ihm die Tradition und die Erwartungshaltung seiner Mitmenschen ein sehr erfreuliches und unverhofftes Schnippchen. Er erhält pausenlos Besuch in seiner Hütte. Er wird von seinen Besuchern reich beschenkt. Gold, Silber und wertvolle Speisen finden den Weg zu ihm. Als auch noch die liebliche O-Kita auftaucht, um ihn frisch einzukleiden, keimt ein Verdacht in Iwata. Die denken doch wohl nicht, er wolle…? Einen Samurai?

Grandios erzählt. Frisch erzählt und dabei schon vor so langer Zeit erzählt. 1952 erschien die Geschichte in Japan. Seitdem gehört sie zu den Klassikern japanischer Literatur. Dabei wirkt der Schriftsteller Shugoro Yamamoto selbst schon ein wenig wie sein tragikomischer Protagonist. Der 1967 verstorbene Autor brauchte lange, um in der Literaturszene anzukommen, und als er es endlich geschafft hatte, lehnte er fortan jede Auszeichnung und Anerkennung ab. Auch so ein Missverständnis. Was ihm schreibend gelang, ist zeitlos. Seine Dialoge sind nicht verstaubt, wenig traditionell und wenn Iwata das Wort ergreift, muss man auch mal herzhaft lachen…

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Hä?“ Iwata spuckte aus. „Was war das denn? Ist der noch richtig im Kopf?… Sie vertreiben mich nicht? Was sagt man dazu?… Und dann krieg ich auch noch eine Silbermünze. Wollen die mich auf den Arm nehmen?“

Ja, hier reibt man sich ob der sprachlichen Frische die geneigten Leseraugen. Es ist ein Kleinod aus Japan, das hier in deutscher Erstausgabe vorliegt. Vier Illustrationen aus der Feder von Hideki Nagai runden das Rache-Erlebnis ab. Ein Buch nicht nur für Japan-Liebhaber oder Samurai-Fans. Einfach ein Roman mit einer kurzen Geschichte, die im Gedächtnis bleibt. Diese Geschichte entledigt sich vieler Klischees und unterhält bravourös. Wer das Bogenschießen beherrscht, Origamis falten kann und sich traut, als Gaijin eine Lesereise nach Japan zu unternehmen, der sollte herausfinden, warum der junge Bettler so reich beschenkt wird, was sich die schöne O-Kita vom gar nicht armen Iwata erhofft und wie diese Geschichte endet. Es lohnt sich. Nehmt Rache…

Hai… das heißt auch in der kleinen literarischen Sternwarte JA. Zu Japan… 

Die Rache von Shugoro Yamamoto

„Ein einfaches Leben“ von Min Jin Lee

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Wer könnte die Teilung eines Landes besser nachvollziehen, als wir? Wer könnte sich intensiver in die Menschen hineinversetzen, deren Heimat sich in mehrere politisch ausgerichtete Systeme aufspaltet, Familien trennt, Mauern errichtet und sich bis an die Zähne bewaffnet an der gemeinsamen Grenze gegenübersteht, wenn nicht wir? Wenn wir heute Bilder aus Nord- und Südkorea sehen, den Nachrichten folgen, und dabei nur flüchtig an unsere eigene geteilte Vergangenheit denken, dann steht uns Korea näher, als so manches andere Land dieser Erde. Die literarische Aufarbeitung unserer Mauer-Zeit ist inzwischen eine zeitgeschichtlich geprägte Rückblende auf Überwundenes. Ein Roman über eine koreanische Familie im Verlauf des 20. Jahrhunderts ist hingegen im engsten Sinne ein Generationenroman, der im faktisch geteilten Heimatland endet. Der Status quo von Nord- und Südkorea ist unverändert. Zerrissen.

Ein einfaches Leben heißt der Roman der koreanischen Autorin Min Jin Lee, der auf 550 Seiten alles beschreibt, nur eben nicht das einfache Leben im Sinne von leicht. Min Jin Lee spannt ihren Generationenbogen von 1910 bis zum Jahr 1989. Was für ein Zufall, gerade für deutsche Leser, da genau in diesem Jahr die deutsche Teilung in den Geschichtsbüchern erstmals als „überwunden“ bezeichnet werden konnte. Mehr als 20 Jahre hat die Autorin an diesem Buch gearbeitet. Sie, die geborene Südkoreanerin, die 1976 im Alter von acht Jahren mit ihren Eltern in die USA auswanderte, ein Studium in Yale absolvierte und erfolgreich als Anwältin arbeitete wirft nun einen präzisen Blick auf „Ein einfaches Leben“. Das Ergebnis ihrer literarischen Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln ist ein einfacher Roman. Und das im besten Sinne des Wortes.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Ein einfaches Leben“ meint im eigentlichen Sinn ein bescheidenes Leben ohne große Ansprüche. Ein einfacher Roman hingegen ist ein leicht zu lesender. Ein Buch, an das man sich bestens anlehnen kann, weil es nicht überbordend eine andere Kultur in den Mittelpunkt stellt, weil die politischen Verwerfungen nicht das Zentrum darstellen, sondern ganz allein Menschen beschreibt, auf die man sich einlassen kann, weil wir sie authentisch und plausibel erleben. Ein empathisches Buch ohne Migrationshintergrund. Korea mit vielen multikulturellen Verwerfungen wird uns kaum mehr näherkommen, als in diesem Roman, der überall auf der Welt spielen könnte, wo Menschen ihr Heil in der Flucht suchen. Dabei ist dieser Roman kein koreanischer Roman im engsten Sinne. Er spielt in Japan. Dem Fluchtpunkt für Koreaner, die auf der Suche nach dem einfachen Leben Asien nicht den Rücken kehren wollten oder konnten.

Min Jin Lee legt uns ein bewegendes Familienalbum in die Hände mit dem wir sehr behutsam umgehen sollten. Es fühlt sich an, wie das Erbe, das sie selbst nicht antreten konnte, weil sie zu den Auswanderern gehörte, denen das Privileg eines Neubeginns in den USA geschenkt wurde. Ganz anders jedoch erging es den Koreanern, die im Laufe der Zeit nach Japan flohen. Und dieses Land hatte viele Worte für die Geduldeten, jene Flüchtlinge ohne Rechte und Status. Gaijin bedeutet Mensch von außerhalb und damit auch gleichzeitig Außenseiter. Zainichi umfasst Ausländer mit Wohnsitz in Japan. Was beiden Begriffen gemein ist, umfasst den diskriminierenden und durchaus rassistischen Aspekt der Ausgrenzung. Das Leben als Underdog war für Koreaner vorprogrammiert. Sicher kein einfaches Leben.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Die Leben, von denen Min Jin Lee erzählt, sind erzählenswert. Es sind die kleinen Geschichten, die in der Lage sind das Schicksal ganzer Familien zu verändern. Es sind die kleinen Fehltritte im Leben, die der Weichenstellung für folgende Generationen eine neue Richtung geben. Es ist das Mädchen Sunja, das sich diesen Fehltritt erlaubt. Ihre uneheliche Schwangerschaft tritt die Welle los, die 1910 in einem kleinen koreanischen Fischerdorf ihren Anfang nimmt und die gesamte Familiengeschichte bis ins Jahr 1989 ins japanische Yokohama trägt. Ein Nordkoreaner springt als Sunjas Ehemann ein, um ihre Ehre zu retten. Ihn begleitet das junge Mädchen nach Japan, um fortan als doppelt Außenseitige zu leben. Koreanerin und durch die Heirat mit Isak auch noch Christin. In Japan genügt das für den lebenslangen Stempel: „Ihr gehört nicht dazu!“ 

Min Jin Lee nimmt uns mit in eine facettenreiche Geschichte, die von inniger Liebe, Loyalität, Gefühl, Bescheidenheit, grenzenlosem Stolz und familiärem Zusammenhalt in allen Lebenslagen geprägt ist. Sunja bleibt unsere konstante Wegbegleiterin. Sie bricht mit allen Konventionen, und stellt doch das von ihr erwartete tradierte Frauenbild nie in Frage. An ihrer Seite sehen wir ihre Söhne Noa und Mozasu aufwachsen und erleben, welche Lebenswege ihnen vorbestimmt sind. Wir verzweigen uns in den Familienästen, die 1910 am Strand in einer leidenschaftlichen Stoßwelle wurzeln. Keiner dieser Äste lässt den Spannungsbogen der Geschichte abflachen. Mit jedem Nachkommen Sunjas werden wir sofort warm. Wir kennen ihre Herkunft, ihren tiefen Stolz und erkennen, wie schwer es für sie ist, eigene Wege zu finden. Ehen, Kinder, Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Mobbing begleiten sie durch alle Zeitscheiben der grandiosen Erzählung.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

Sunjas Nachkommen machen ihr kleines großes Glück. Immer umweht vom Hauch der Illegalität, immer auf der Gratwanderung zwischen Anpassung und Abschiebung. In jeder historischen Epoche, die wir an ihrer Seite durchschreiten sind es die Menschen, die Min Jin Lee uns näherbringt. Das geteilte Korea, ein Weltkrieg, Atombomben und politische Verwerfungen bilden den Rahmen des Familienepos, nicht jedoch den Kern. Sprachlich bleibt die Autorin auf der Höhe ihrer Protagonisten. Einfach und wesentlich. Nicht klischeehaft und schon gar nicht verschachtelt kompliziert. Sie erzählt eine starke Geschichte, die überall auf der Welt beheimatet sein könnte, wo Heimaten zerrissen im Wind flattern.

Wir fühlen uns der Familie Sunjas verbunden. Es gelingt der Autorin, Empathie für ihre Kinder, Enkel und Urenkel zu wecken und am Leben zu halten. Wir lernen auf dem gemeinsamen Weg viel über eine verborgene Kultur, ohne das Gefühl zu haben es mit einer literarischen Lehrmeisterin zu tun zu haben. Wir empfinden den gleichen Stolz auf eine Herkunft, die von den Japanern mit Füßen getreten wird. Und wir erkennen, dass man manchmal auch mit Glücksspiel am Rande der Legalität sein Glück machen kann. Bewegend ist und bleibt für mich, dass der uneheliche Erzeuger von Sunjas Sohn Noa, trotz seiner Ablehnung das Mädchen zu heiraten, bis an ihr gemeinsames Lebensende wie ein guter Geist an ihrer Seite bleibt. Unsichtbar, verborgene Fäden ziehend und tief bereuend, sich damals am Strand anders entschieden zu haben. Und immer gegen den Stolz der Frau, Mutter und Großmutter ankämpfend, den sie niemals ablegen kann.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee – AstroLibrium

Ein wundervoll erzählter Roman, dem es jederzeit gelingt, die Gefühlsebene nicht zu verlassen. Ein einfacher Roman, der genau durch seine Einfachheit Wurzeln im Herzen der Leser schlägt. Ein Augenöffner gegen Diskriminierung und Vorurteile. Ein perfektes Buch, das aus einer Zeit in unsere Zeit gefallen ist. Besonders beeindruckend für mich ist auch die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Hörverlag. Mit Gabriele Blum wurde eine Sprecherin gefunden, die in den leichten Untertönen am Rande des gesprochenen Wortes den Hauch von Korea in unser Hören trägt. Ihr leicht gehauchtes „NE“ am Ende eines Satzes schleicht sich tief ins Herz des Hörers und lässt ihn nicht mehr los. Sunja und die starken Frauen dieser Geschichte erhalten in dieser Adaption eine brillante und tragfähige Konturierung.

Am Ende ist man zwar am Ende angelangt. Wir wissen jedoch, dass der Konflikt der beiden getrennten koreanischen Staaten das Schicksal der Enkel und Urenkel Sunjas weiter durchs Leben begleiten wird. Wir wissen, dass die Heimatlosigkeit zur Stellgröße einer Zukunft in Japan wird. Und wir haben ein Gefühl dafür bekommen, wie wichtig es ist, den Mikrokosmos gegen den Makrokosmos Umwelt bis zum Letzten zu verteidigen. Es ist mir leichtgefallen, „Ein leichtes Leben“ zu lesen und zu hören. Es war gar nicht leicht, die Geschichte zu verlassen. Und richtig schwer wird es sein, bei künftigen News aus Nord- oder Südkorea nicht an ein junges Mädchen zu denken, das sich vor hundert Jahren am Strand eines kleinen koreanischen Fischerdorfs von ihrer Leidenschaft und der Gutgläubigkeit treiben ließ und zum Treibgut dieser Geschichte wurde.

Ein einfaches Leben von Min Jin Lee

„Der Weg des Bogens“ – Zielgenau mit Paulo Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Kyūdō. Das klingt nach alter japanischer Kampfsportart, ist aber meilenweit davon entfernt, obwohl die Bewaffnung des Kyūdō-Schützen martialisch anmutet. Bogen und Pfeil sind seine Wegbegleiter und doch gleicht der Bewegungsablauf beim Schießen in Gänze eher einem zeremoniellen Akt, als einer sportlichen Betätigung mit kämpferisch anmutendem Hintergrund. Unterstrichen wird dies durch die eindrucksvolle traditionelle Bekleidung des Schützens, die ihn ohne Rüstung in Rock (Hakama) und Bluse (Gi) fast schutzlos erscheinen lässt. Fremdartig wirkt dieser kontemplativ zeremonielle Sport auf westliche Betrachter und es macht doch neugierig, was sich hinter all dem verbirgt.

Paulo Coelho entschlüsselt in seinem Buch Der Weg des Bogens zwar nicht die Hintergründe des Kyūdō, aber er transferiert die im Verborgenen zelebrierten und seit Jahrhunderten gehüteten Geheimnisse so, dass wir sie nicht nur verstehen, sondern in unser tägliches Leben übertragen können. Es ist nicht spirituell oder religiös, dient nicht der Kontemplation oder gar der Selbstfindung auf dem Jakobsweg, was Coelho uns mit dem an sich schmalen Text ins Leben schreibt. Sein Buch kann dazu beitragen, Lehren aus einem fremden Kulturkreis mit unseren Ansichten in Einklang zu bringen und dabei Fremdes nicht mehr fremd erscheinen zu lassen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Der Weg des Bogens, übrigens die wörtliche Übersetzung des Begriffes Kyūdō, erzählt die Geschichte eines japanischen Jungen, der im Tischler seiner Stadt durch puren Zufall einen wahren Kyūdō-Meister erkennt. Tsetsuya lebt ein unauffälliges und bescheidenes Leben, niemand sah ihn zuvor mit einem Bogen, bis ein Fremder ihn zu einem Wettkampf herausfordert. Erst in diesem Moment erkennt der Junge, dass hinter dem bescheidenen Tischler eine der größten Kyūdō-Legenden des Landes verborgen ist. Was liegt da näher, als genau ihn darum zu bitten, sein Schüler werden zu dürfen?

Hier sind wir Leser mit dem Jungen auf Augenhöhe. Vielleicht haben wir schon mal einen solchen japanischen Bogenschützen gesehen und uns über das Zeitlupentempo seines Bewegungsablaufes gewundert, vielleicht haben wir uns schon mal gefragt, wie man so überhaupt sein Ziel treffen kann. Vielleicht haben wir es mit Tai-Chi verglichen, jenem inneren Schattenboxen, das viele Japaner ohne jeden Gegner zelebrieren. Und doch liegen viele Wahrheiten in der inneren Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und den unveränderbaren äußeren Rahmenbedingungen, die das eigene Leben beeinflussen.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Paulo Coelho gelingt mit Worten, was unsere Augen nicht leisten können. Er lässt uns in eine traditionelle und rituelle Reflektion eintauchen, in der die Einheit von Bogen, Pfeil und Ziel nur entstehen kann, wenn der Mensch in Balance ist. Dieser Balanceakt beruht auf Erkenntnis und Demut. Tugenden, die uns heute schnell verlorengehen und die schwer wiederzuerlangen sind. Wir sollten diesem wundervoll illustrierten Buch aus dem Hause Diogenes einfach vertrauen. Offenen Herzens, ohne Vorbehalte und voller Neugier auf das Unbekannte dem Wort und der Weisheit Tsetsuyas folgen und dessen Worte auf uns wirken lassen. Zitate pflastern immer den Weg von Paulo Coelho. Doch mir persönlich bleibt diesmal ein wenig mehr.

Im tiefen Dialog mit Coelhos „Handbuch des Kriegers des Lichts“ entwickelt „Der Weg des Bogens“ eine literarische Dynamik, die nicht entschleunigt oder reinigt, sie inspiriert durch die Komplexität der Gedanken, die pfeilschnell und zielsicher treffen. Es wird schnell klar, dass ein Krieger des Lichts besser durch Leben kommt, wenn er auch den Weg des Bogens verinnerlicht hat. Übung schult das Auge und die Hand. Und doch führt sie nicht zu Routine, denn es gilt dem Alltäglichen und Unbedachten zu entsagen, um bei vollem Bewusstsein und konzentriert die richtigen Ziele anvisieren zu können. In wenigen und hochkonzentriert gebündelten Worten ohne jede Ausschweifungen ist das Buch so japanisch, wie man es sich nur wünscht. Es schmiegt sich an meine Bibliothek der Bücher an, die ihre Weisheiten aus diesem Kulturkreis schöpften. Japan.

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Es ist immer wieder Japan, das mich in der Literatur fasziniert. Es sind Traditionen, Werte und eine ganz besondere Lebensphilosophie, die sich wie ein roter Faden durch jene Bücher zieht, die mich mit Japan verbinden. Ich bettete mein müdes Haupt auf das „Kopfkissenbuch„, faltete Papier-Kraniche mit „Herr Origami„, durchbrach auf meiner Suche nach echter „Seide“ die Seeblockade um Japan und erlebte mit „Sadako“ einen wahren Meilenstein gegen das Vergessen der Opfer von Hiroshima. Und doch hat auch gerade Paulo Coelho gezeigt, dass er nicht nur mit Lebensweisheiten brillieren kann. In „Die Spionin“ zeigt er eine ganz andere Seite seines Schreibens. Biografisch nähert er sich Mata Hari und wer nicht weiß, wer diesen Roman geschrieben hat, würde nicht auf Coelho als Verfasser kommen. Auch hier sind es die Zitate, die sich einprägen. Tief.

Es sind wie immer die wichtigen Zitate, die am Ende des Lesens vom gemeinsamen Weg mit Paulo Coelho bleiben. Viele Zitate, die selbsterklärend sind. Andere, die man sich hart erarbeiten muss und einige, die so sehr polarisieren, dass man sich an ihnen reiben kann. Das ist Literatur… Das ist Coelho

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens

Das macht ihn auch blogübergreifend so interessant. Er löst mit wenigen Worten in unterschiedlichen Menschen verschiedene Assoziationen aus. Es ist, als schriebe er in einer universellen Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Coelho kann sich auf seine Leser verlassen, da sie seine Worte richtig zu deuten wissen. Als Beweis für die These verweise ich einfach nur auf Literatwo. Ein Blog des Lichts, der den Bogen raus hat.

Danke für den japanischen „Schnee“ zum Bogen. Eine Lachenweinenlawine.

Der Weg des Bogens und Schnee – Von Blog zu Blog

So schließt sich mit dieser einhundertsten Buchvorstellung 2017 der Kreis eines ganz besonderen Lesejahres. Wie könnte man ein solches Traumjahr besser enden, wie es besser in ein neues übergleiten lassen, als mit einem gespannten Bogen aus der Feder von Paulo Coelho. Der Bogen ist das Synonym meiner Leidenschaft für die Welt der Literatur und der Pfeil steht für jedes Buch, das mich einerseits trifft, das ich mit der kleinen literarischen Sternwarte allerdings sofort wieder in die Sehne einlege und auf ein neues Ziel abschieße. Seid ihr dieses Ziel, ist es meine eigene Suche nach dem Buch der Bücher oder ist es letzlich gar nicht so wichtig? Suchen wir doch gemeinsam nach Antworten. Leb` wohl 2017, du warst ein erlesenes Jahr und herzlich willkommen 2018.

Ich hab´ dich im Visier...

Paulo Coelho – Der Weg des Bogens – Das neue Jahr im Visier

„Herr Origami“ und „Sadako“ – Mein Lesemoment 2017

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Da ist er nun. Mein Lesemoment 2017. Das literarische Highlight, das man im Verlauf eines Lesejahres so sehnlich herbeisehnt. Das Buch, von dem man später sagen kann, dass es das Buch des Jahres war. Die Ursache für dieses Prädikat ist natürlich höchst subjektiv und in besonderer Weise individuell, da ein Buch alleine selten in der Lage ist, mich zu diesen Jubelstürmen aufsteigen zu lassen. Es ist die Perlenkette aus Büchern, die ein solches Werk knüpfen, es sind die Assoziationen, die es in mir auslösen und es sind die Gefühle, die es wecken muss, um mich zu diesem Urteil zu verleiten. Ich habe ihn erlebt, diesen Moment 2017, und das schon im September.

Es sind schmale 157 Seiten, die mich aufjauchzen lassen. Es ist ein Roman, der in seiner literarischen Dimension vielleicht nur mich so sehr aufrüttelt, weil er Lesegefühle mit neuem Leben erweckt, die ich bisher nur in einem meiner absoluten Herzensbücher durchleben durfte. Aber es ist auch eine Geschichte, die in der Lage ist, bibliophile und empathische Leseseelen zu bewegen, die meine Erfahrungen nicht teilen. Denn dieses Buch wird eine Lesekette auslösen, der man sich nicht verweigern kann. Hier ist er nun, mein Lesemoment des Jahres.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci, erschienen bei Hoffmann und Campe, kommt in seinem Erscheinungsbild schlicht und schmal daher. Ein gefalteter Kranich, eine Wiese und zwei Bäume zieren das Buchcover. 157 Seiten warten auf ihre Leser. Zarte Seiten, die aufgrund des Buchlayouts jeweils mit japanischen Schriftzeichen eingeleitet werden und dann recht überschaubar gefüllt sind. Beim oberflächlichen Blättern kann schon der Eindruck entstehen, es würde sich um Gedichte handeln. Kurz gesagt, es ist ein kurzes Lesevergnügen. Nur eine Stunde verging zwischen der ersten und der letzten Seite. Es ist die Stunde, die ich nicht mehr vergessen werde. Es ist eine Sehnsuchtsgeschichte voller Lebensweisheit, Philosophie und mit einem Tiefgang, den man eigentlich in dem vorliegenden Format kaum erzeugen kann. Und doch gelingt es Jean-Marc Ceci auf so beeindruckende Art und Weise.

Es ist die Geschichte eines Japaners, der seine Heimat für die große Liebe seines Lebens verlassen hat. Herr Origami“ wird er genannt. Mit „Meister Kurogiko“ sollte man ihn jedoch anreden, wenn man ihm begegnet. Denn er ist ein wahrer Meister. Sein Leben hat er der Herstellung von „Washi“ gewidmet, japanischem Papier. Seine wahre Leidenschaft jedoch ist es, aus dem schönsten Papier Origami-Kraniche zu falten. Seit nunmehr 40 Jahren lebt Herr Origami in Italien. Er schöpft Papier, faltet seine Kraniche, entfaltet sie wieder und meditiert, die so entstandenen Faltlinien betrachtend. Das tiefe Geheimnis, dem dieses spirituelle Leben zugrunde liegt, heißt Liebe.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Ein einziges Mal hat Herr Origami sie gesehen. Dieser eine Augenblick hat gereicht, alle Zelte hinter sich abzubrechen und ihr zu folgen. Nur ihre Herkunft war ihm bekannt. Italien. Seit 40 Jahren nun lebt Herr Origami in der Abgeschiedenheit der Toskana und wartet auf den Moment, in dem das Schicksal ihn und die von ihm verzweifelt Geliebte wieder vereint. Die Tage des Wartens verbringt er schöpfend, faltend entfaltend und still meditierend. Bis ein unerwarteter Besuch alles ändert. Der Uhrmacher Casparo dringt in diese geschlossene Welt ein und verführt den Meister dazu, sich langsam zu öffnen und seine Geschichte zu erzählen.

Spätestens hier befand sich mein Herz im Aufruhr. Japan, schrie es. Und schon war es um mich geschehen. „Seide“ von Alessandro Baricco erzählt spiegelverkehrt, was Jean-Marc Ceci mir gerade in die Seele schreibt. Baricco lässt einen Franzosen immer wieder nach Japan reisen, um IHR zu begegnen. Der großen Liebe seines Lebens. Ein junges Mädchen, das er nur ein einziges Mal sah, dessen Stimme er nie vernahm und das sein Leben für immer veränderte. Baricco lässt seinen Hervé Joncour in das Japan seiner Sehnsucht eintauchen, ohne je die Chance zu haben, seine Geliebte zu finden.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci

Jean-Marc Ceci bringt nun seinerseits einen japanischen Liebenden nach Europa und verzaubert seine Leser mit der poetischen, philosophischen Erzählung, die unsere Sichtweise auf eine hoffnungslose Liebe nachhaltig verändert. Was sich hier von Seite zu Seite entwickelt ist ein fast schon meditatives Bild der inneren Balance, wo doch nur aufgewühlte Gefühle toben. In der Begegnung mit dem Uhrmacher Casparo entwickelt Ceci einen Diskurs über die Gemeinsamkeiten von Leidenschaften, Perfektion und der ewigen Suche nach den Antworten zu allen Sinnfragen des Lebens. Die Zeitvorstellung des Uhrmachers kollidiert mit der zeitlosen Dimension des Origami-Künstlers.

Auch hier schließt Herr Origami einen unsichtbaren Pakt mit einem Buch, das in seiner Entschleunigung verzaubert. „Das Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon hat mir ein längst vergangenes Japan nähergebracht, das jedoch im „Herr Origami“ von Jean-Marc Ceci allgegenwärtig ist. Philosophie, Kontemplation und Spiritualität führen uns in ein Leben, in dem Abgeschiedenheit nur eine besondere Form von Leidenschaft ist. Im tiefsten Inneren beider Bücher spürt man einen japanischen Geist, der inspirierend und entschleunigend ist. Lebensweisheiten werden hier nicht nur zitiert, sie werden geprägt. Werte und Ansichten werden gelebt. Liebe wird um ihretwillen geliebt, auch wenn es so hoffnungslos erscheint wie bei Baricco oder Ceci. Selten hat ein poetischer Roman mir so viele Türen geöffnet. Selten habe ich so tiefe Verbindungen zu den Büchern meines Lebens gespürt. Und selten hat mir dabei ein Autor eine doch ganz eigenständige und wertvolle Geschichte erzählt.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci und Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Jean-Marc Ceci gelingt es weit auszuholen ohne dabei zu fabulieren. Nicht nur die Kunst der Papierherstellung in Japan wird hier zur Kunstform erhoben, auch das Falten dieses Papiers – für uns meist nur kreativer Zeitvertreib – wird hier über jeden Verdacht erhaben, die Zeit zu vertreiben. Hier kommt Ceci zu einer Bücherkette, die er in seinem Schreiben auslöst, die zu einen weiteren unglaublichen Lesemoment bei mir führte. Er erzählt von der Legende der tausend Kraniche. Er erzählt von einem kleinen Mädchen, dem es nicht vergönnt war, so viele Kraniche zu falten, um einen Lebenswunsch erfüllt zu bekommen. Er erzählt von „Sadako“.

Ich sprang lesend auf, griff in den SUB meiner ungelesenen Köstlichkeiten und es war mir bewusst, dass ich diesen Namen schon gehört hatte. Und da lag das Buch. Ein aktuelles Kinderbuch, erschienen im Aladin Verlag, mit Origami-Kranichen und einem jungen Mädchen im Krankenbett auf dem illustrierten Cover. Gänsehaut. „Sadako. Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ von Johanna Hohnhold hatte mich erst vor wenigen Tagen erreicht. Nun weiß ich, dass Bücher Schicksale haben. „Habent sua fata libelli“. Es kann doch kein Zufall sein, dass ausgerechnet dieses Buch auf mich wartet. Es ist kein Zufall, davon bin ich überzeugt. Hier liegt der Zauber von „Herr Origami“ auch für Leser verborgen, die weder Seide noch das kopfkissenbuch gelesen haben. Hier weist eine Bücherkette in die Zukunft und man kann gar nicht anders, als sich Sadako ganz behutsam zu nähern.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci – Sadako – Eine wichtige Geschichte

Geht auch diesen Pakt ein, den Herr Origami für euch geschlossen hat. Besucht Sadako in Hiroshima und lasst euch in einem Kinderbuch, das viel mehr ist, von einem Mädchen erzählen, dem nicht nur in Hiroshima, sondern unter anderem auch in Köln weltweit Denkmäler gewidmet sind, die eines gemeinsam haben. Den Origami-Kranich. Lasst diese Geschichte zu. Lasst es zu, einem Mädchen zu begegnen, das ohne jede Hoffnung auf Genesung als Opfer der Spätfolgen des Atombomben-Abwurfes alle Kraft in die tausend Origami-Kraniche steckte, die ihr einer alten Legende zufolge das Leben retten sollten.

Zeitvertreib? Nein. Herr Origami und Sadako öffnen einzigartige Perspektiven auf die japanische Papierkunst. Beide Bücher öffnen neue Perspektiven auf das Leben. Vielleicht kann man jetzt nachvollziehen, warum „Herr Origami“ und „Sadako“ für mich zu einem einzigen, tief miteinander verwobenen Lesemoment wurden. Vielleicht kann man sich vorstellen, dass beide Bücher und meine eigene kleine japanische Bibliothek ein philosophisch romantisches Bündnis geschlossen haben, um mich zu verzaubern.

Darum lese ich!

Herr Origami von Jean-Marc Cec

Das „Kopfkissenbuch“ von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen
Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte
Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.“

Das Kopfkissenbuch - Entschleunigung im Radio - Mit einem Klick zur Entspannung

Das Kopfkissenbuch – Entschleunigung im Radio – Mit einem Klick zur Entspannung

Ihr kennt das aus Eurem Lesen. Ihr befindet euch in der dunklen Scheinwelt zwischen zwei Büchern, wisst nicht genau, wie ihr euren Leseweg fortsetzen könnt, und habt das Gefühl, eine kleine literarische Auszeit würde euch jetzt mehr als gut tun. Aber die Lust am Lesen, die tiefe Leidenschaft für das gebundene Buch lässt einfach nicht locker und so beginnt die Leidenszeit des unentschlossenen Lesers.

Oder ihr seid einfach mit so hohem Tempo durch Euer lesen gerast, dass ein Tritt auf die Bücherbremse dringend erforderlich ist. Die Seele baumeln lassen und einfach entschleunigen. Danach steht auch uns Lesern mal der Sinn. Doch auch hier ist man an seine erlesenen Rituale gewöhnt, fühlt das Fehlen von bedrucktem Papier und beginnt doch schon wieder, rastlos zu werden. Ich habe die Lösung für all diese Probleme des Lesens.

Das „Kopfkissenbuch“ von Sei Shōnagon, erschienen im Manesse Verlag, ist eines der wohl bibliophilsten Refugien, in das man sich verlieben kann, ohne den normalen Entzugserscheinungen des UnLesens zu erliegen. Hier entführt uns eine der Hofdamen der japanischen Kaiserin ins Zentrum der Macht einer der legendärsten Monarchien der Welt. Wir reisen mit ihr mehr als 1000 Jahre zurück und werden Teil der hermetisch abgeriegelten Welt am Hof des japanischen Kaisers.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Es gibt wohl nichts Schöneres in der Welt als geliebt zu werden.“

Der Zauber dieses Buches beginnt mit dem haptischen Erleben eines gebundenen Kunstwerks, dass großformatig auf Satinpapier gedruckt im edlen Feinleinen-Einband in der Hand liegt, als hätte es uns der kaiserliche Bibliothekar persönlich anvertraut. Eine bibliophile Kostbarkeit. Und dann auch noch der Name Kopfkissenbuch. Es gibt viele Hinweise auf den Ursprung für diese Bezeichnung, ich lasse mich jedoch von meinem Gefühl leiten und empfinde dieses Werk als sanftes Ruhekissen für meinen Geist.

Dieses Assoziation sei mir erlaubt und ich denke, auch die Dame Shōnagon würde mir den Ausflug in meine Fantasie gestatten, da ihre Texte dazu verleiten, die Welt um sich herum einfach mal zu vergessen, abzuschalten und sowohl das Leben als auch das Lesen völlig losgelöst vom Alltag zu genießen. Diese Wortbilder und Gedanken von Sei Shōnagon sind mehr als Tagebuchaufzeichnungen aus einer besonderen Welt, die sich jedem Außenstehenden verschloss.

Die junge Frau vertraute ihrem Kopfkissen aus wertvollem Papier ebenso wertvolle und intime Gedanken an. So entführt sie uns auf eine zeitlose und einzigartige Reise in die Hochkultur Japans. Und genau hier beginnt bereits die eigene Entschleunigung, da Sei Shōnagon mit ihren künftigen Lesern kokettiert. Sie fordert nicht dazu auf, in eine komplexe Geschichte einzutauchen. Sie zeichnet lediglich ihre Gefühle, Empfindungen und Gedanken in buntesten Wortfarben in ihr persönliches Kopfkissenbuch und verleitet uns dazu, ihr zu folgen.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Glücklich bin ich, wenn einer glücklich ist, den ich liebe.“

Hierbei reicht es schon aus, zu lesen, was sie empfindet, wenn sie an Jahreszeiten denkt. Wir spinnen unsere eigenen Gedanken, wenn sie aufzählt, was sie liebt, was ihr unerträglich ist oder worauf sie niemals mehr verzichten möchte. Hier sind wir Teil des Hofstaates und ergänzen die Liste der Emotionen und Gedanken um unsere eigenen Gefühle. Gemeinsam gehen wir mit ihr durch gefühlte Verluste und Dinge, die ihr Herz bewegen.

Vergangenes, das mich wehmütig stimmt… (Sei Shōnagon)

  • Verwelkte Malvenblüten.
  • Puppen, mit denen ich einst gespielt hatte.
  • Wenn ich in einem Heft gepresste pupurne oder violette Stoffreste finde.
  • Wenn ich an müßigen Regentagen beim Kramen auf Briefe stoße, die mir
    einmal sehr viel bedeutet haben.
  • Fächer vom vergangenen Jahr.

Spielerisch blicken wir so hinter die Kulissen der hohen Mauern, die den Kaiserhof umgeben. Randbemerkungen erläutern uns die Hintergründe zu fremden Begriffen oder erklären die Gepflogenheiten und Rituale, denen man sich unterzog, um den Tagen am kaiserlichen Hof einen besonderen Rhythmus zu geben. Wie zum Beispiel das Bemalen von Seidenfächern mit aktuellen Motiven. Der Blick auf einen Fächer aus vergangener Zeit ist für Sei Shōnagon wie für uns der Blick in ein Fotoalbum aus der Vergangenheit. Wehmut macht sich breit.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Vertrauen heißt, die unsichtbare Hand zu spüren,
die uns sicher durchs Leben geleitet.“

Lebensweisheiten gehen hier Hand in Hand mit Anekdoten und Geschichten vom Hof, die unter keinen Umständen verbreitet werden durften. Es ist das Feinleinen-Wikileaks einer hochgestellten Hofdame. Jede Seite ist voller Magie, jeder Satz so exotisch wie eine Lotusblüte und jeder Gedanke ist so flüchtig, dass wir ihn zu unserem Gedanken machen wollen. Man kann dieses Poesiealbum an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und sich einfach tief fallen lassen. Eigene Gefühle überlagern sofort das Gelesene und schon wandelt man mit einer guten Freundin durch die reichen Gärten des Palastes.

Was mein Herz anrührt… (Sei Shōnagon) 

  • Spatzen, die ihre Jungen aufziehen.
  • Wenn ich an spielenden Kleinkindern vorbeigehe.
  • Wenn ich Räucherwerk entzünde, das angenehm duftet, und mich dann alleine zur Ruhe lege.
  • Wenn ich mich in einem Spiegel chinesischer Machart betrachte, der ein wenig Patina angesetzt hat.
  • Ein stattlicher junger Herr von Stand, der seinen Wagen vor dem Tor halten und durch einen Bediensteten seinen Besuch anmelden oder nach etwas fragen lässt.
  • Ich wasche mir die Haare, schminke mich sorgfältig und lege wunderbar duftende Gewänder an. Auch ohne dass mich irgendjemand sieht, bin ich dann, nur für mich allein, im Herzen vollkommen glücklich.
  • In Nächten, in denen mein Liebster zu mir kommen soll, bereitet mir schon das Rauschen des Regens Herzklopfen, oder der Wind, der am Dach rüttelt.

Ich spiele mit ihren Gedanken und notiere, was mein Herz anrührt und so reichen wir uns über eine Distanz von 1000 Jahren die Hand zu einem sehr innigen Dialog der Gefühle. Mein Herz wird tief berührt von unerwarteten Küssen am Morgen; von einer Hand, die sich mir reicht, wenn ich es nicht erwarte; von einer Stelle in einem Roman, die mich weinen lässt; von einem tiefen Blick, der mehr sagt als tausend Worte und von Namen, die in mir Erinnerungen auslösen. Hazel Grace.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

„Ein Buch sogleich nach dem Erwachen: eine aufregende Sache.“

Bianca und ich haben dieses Seelenbuch für uns auf der Leipziger Buchmesse entdeckt. Wir haben sofort erkannt, welches Potenzial in ihm ruht und schon nach dem allerersten Blick war es um uns geschehen. Wir wollen euch immer mal wieder im Lauf eines Lesejahres in diese magische Welt entführen, euch zu Tee-Zeremonien am Hof von Literatwo oder in der kleinen literarischen Sternwarte einladen. Wir möchten unsere Gedanken mit denen der Dame Shōnagon in Verbindung bringen und vielleicht können, wir euch dazu verleiten, an diesen Gefühlsbildern mit zu zeichnen.

Heute beginnt unsere Reise. Unvermutet vielleicht, denn dieser Auftakt ist auch für den Bloggerhof zu Dresden eine echte Überraschung. Aber könnte man einen besseren Zeitpunkt finden, als den Geburtstag der dortigen Kaiserin? Nein! Sicher nicht. Und so öffnet Bianca in diesen Stunden einen geheimen Umschlag mit Reiseunterlagen, die sie in diesen Artikel und damit auch nach Japan führen. Herzlichen Glückwunsch.

Das „Kopfkissenbuch“ ist viel mehr als nur ein Buch. Es ist Kunst-, Wunder- und Zauberwerk zugleich. Es ist ein in jeder Hinsicht ein Meilenstein der Buchkunst und des prosaischen Inhaltes. Es ist ein wertvoller Begleiter durch die Zeit und ich habe vom ersten Wort an das Gefühl gehabt, dass ich es niemals beenden werde, da es in seiner Weisheit unendlich ist. Es ist witzig, berührend und voller Tiefgang. Es wird auch euch entführen, so wie es mich bereits in fremde Welten entführt hat.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon - AstroLibrium

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das „Kopfkissenbuch“ begleitete mich zu einer Kunstausstellung in Starnberg. Hier trat der große Meister Gustav Klimt in den Dialog mit Shunga-Zeichnungen aus Japan. Explizit Erotisches. Erotik, die in dieser Form in Japan populär, doch aufgrund ihrer deutlichen Überzeichnung mit vorsichtiger Distanz betrachtet wird. Klimts Skizzen sind dagegen eher harmlos. Ich hätte diese Ausstellung ohne mein „Kopfkissenbuch“ wohl niemals besucht.

Ich war mehr als neugierig auf diese Form von Kunst, weil Sei Shōnagon auch in ihren Texten vom lockeren Lebenswandel der Hofdamen berichtet. weil sie den Fächer senkt und uns durch die Blume zu verstehen gibt, was von Hofdamen in diesem Palast erwartet wurde. Dieses Buch ist ein Buch für alle Sinne. Es lebt und strahlt. Es vibriert und weint bittere Tränen. Es ist verliebt und vermag zu hassen. Dieses Buch ist eine Träne, die aus der Zeit gefallen scheint.

Unausstehliches… (Sei Shōnagon)

  • Es kann auch passieren, dass der geheime Liebhaber in voller Hofmontur ankommt. Man lässt ihn hastig ein in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt hat, woraufhin er mit seinem hohen Ranghut hier und da anstößt, was natürlich vernehmlich knistert.
  • Ebenso unausstehlich ist es, wenn er sich mit dem Hut an den Binsenrohr-Jalousien verfängt und sie zum Rascheln bringt.

Ich fände es unausstehlich, hier zu enden. Lasst uns gemeinsam nach Japan reisen. Folgt uns an den Hof des Kaisers, wo auch immer ihr unsere Spuren findet. Literatwo und AstroLibrium weisen euch den Weg. Konnichiwa! Wir werden da sein.

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Das Kopfkissenbuch von Sei Shonagon