Vernunft und Gefühl – Jane Austen – 200 Jahre postmortem

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Der erste Schritt eines Menschen auf dem Mond war ein Triumph des Verstandes, jedoch eine Niederlage der Vernunft. Womit explizit unterschieden wird, zu welchen Leistungen der menschliche Geist in der Lage ist, wenn es gilt Ziele zu erreichen, was jedoch nicht heißt, dass es sich hier um sinnvolle Ziele handelt. Verstand und Vernunft sind so unterschiedlich wie Katze und Maus, was auch erklärt, warum man sich zuerst mit diesen Begriffen beschäftigen muss, bevor man Jane Austens Roman „Sense and Sensibility“ aufschlägt.

Heißt es nun in der Übersetzung „Vernunft und Gefühl“ oder eher „Verstand und Gefühl“? Was kommt dem Beziehungsdrama und den unterschiedlichen Charakteren der Prota­gonistinnen näher? Welcher Begriff beschreibt den großen Unterschied, sich Herzens­dingen zu widmen besser? Bei Sensibility sind sich die Übersetzer einig. Hier geht es eindeutig um Gefühl. Da stehen Logik und Kalkül hinten an, das Herz regiert in jeder Bezie­hung und alle Schattierungen der Emotionalität im Guten und Bösen spielen eine gewichtige Rolle.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Bei „Sense“ gehen die Meinungen auseinander. Ich persönlich stimme der Variante des Manesse Verlages zu, der zum 200. Todestag von Jane Austen (sie verstarb am 18.Juli 1817) ihren ersten ganz großen Roman unter dem Titel Vernunft und Gefühlin wundervoller Aufmachung veröffentlicht. Zwei Schwestern stehen für diese Begriffe, weil sie sich in Fragen der Liebe so unterschiedlich verhalten wie ein Mathematiker und ein Romantiker. Und hier geht es eben nicht um den Verstand. Es geht nicht darum, ein rational greifbares Ziel zu erreichen. Hier spielte die Autorin ganz bewusst mit Begriffen aus dem Beziehungsgeflecht von Menschen. Liebesheirat und Vernunftehe. Das sind die Pole, deren Kappen wir in ihrem Roman betreten. Sie stoßen einander ab und doch ziehen sie sich auch an. Magnetisch magisch.

Ungewöhnlich, sich noch vor dem Lesen so intensiv mit dem Titel eines Romans zu beschäftigen? Vielleicht ja, aber für mich geht es hierbei um mehr, da man oftmals schon an dieser Stelle in die Irre geführt wird. Es musste einen guten Grund geben, den Roman im Vergleich zu anderen Ausgaben dieses Werkes mit diesem neuen Etikett zu versehen. Danach habe ich gesucht und wurde lesend bestätigt, dass es vernünftig war die Vernunft regieren zu lassen, weil der Verstand an keiner Stelle des Romans regiert. Während eine der Schwestern im Hause Dashwood sich nur von ihren Gefühlen leiten lässt, wägt die andere ab, zaudert, zögert, verschließt sich und leidet doch innerlich. Es ist hier der Kampf der Vernunft gegen die Emotion. Elinor Dashwood wäre nie auf dem Mond gelandet, weil es nicht richtig und somit unvernünftig gewesen wäre. Ihre jüngere Schwester Marianne hingegen wäre mit wehenden Fahnen zum Mond geflogen, wenn sie sich in ihn verliebt hätte. Die Gefahr des Scheiterns hätte sie nicht interessiert.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Habe ich das jetzt vernünftig abgeleitet? Ich hoffe, schon. Der kleine Exkurs musste einfach sein, da er meine Gedanken zu Beginn des Lesens widerspiegelt. Eines Lesens voller widersprüchlicher Gefühle. Darf ich mich wirklich erstmals in meinem Leben Jane Austen widmen? Ich lese gerne Klassiker, aber das Erstlingswerk einer zwanzigjährigen Schrift­stellerin über Liebe und Beziehungen in den gesellschaftlichen Konventionen des aus­gehenden 18. Jahrhunderts? Musste das nicht ein wenig angestaubt sein? Oder ist hier eine echte literarische Perle versteckt, die ich mich bisher zu suchen standhaft und beharrlich geweigert hatte?

Bei mir stimmten Vernunft und Gefühl auch nicht überein. Wäre es nicht vernünftig, einen aktuellen Roman zu lesen? Wäre es nicht vernünftig, sich Zeit zu sparen, sich die Verfilmung des Klassikers anzuschauen und dann zu urteilen? Mein Gefühl sagte nein. Mein Gefühl sagte mir, dass ich lesen muss, um fühlen zu können. Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein Gefühl mich nicht betrogen hat. Manchmal ist auch in der Literatur der Sieg des Gefühls über die Vernunft der erste Schritt in der Auseinandersetzung mit einem Buch, das man eigentlich niemals lesen wollte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Briefwechsel

Ich hatte mir eine gefühlsgeladene und in Widersprüchen verstrickte Geschichte erhofft. Ich begegnete zwei jungen Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In allen Facetten der Rahmenhandlung konstruierte Jane Austen eine explosive Situation, die in sich plausibel und authentisch wirkt. Der Verlust der gewohnten Umgebung durch Erbstreitigkeiten, die Un­sicher­heit einer Familie nach dem Tod des Vaters und der nicht freiwillige Umzug in ein bescheidenes Heim ohne große Perspektive gestalten ein Bild, in dem die beiden heran­wachsenden Töchter und die möglichen Verbindungen, die sie eingehen könnten von größter Bedeutung für die Sicherheit der Dashwoods werden. Es sind in sich geschlossene Charak­tere, die Jane Austen hier auf die Bühne schickt. Zwei Schwestern, die in Liebesdingen den Titel des Romans repräsentieren

Elinor Dashwood, mit 19 Jahren die ältere der Schwestern, ist die Vernunft. Liebe und Gefühl werden von ihr gegen die Chancen aufgewogen, die ihre Zuneigung für den Schwager überhaupt hat. Sie grübelt, zeigt ihre Liebe kaum und doch ist es in der Tiefe ihres Herzens Liebe, die sie für Edward Ferrars empfindet. Marianne, mit 17 Jahren die Dashwood, deren Leidenschaft sich ausleben möchte. Ihre Liebe zweifelt nicht. Und bei Enttäuschungen leidet sie offen und herzzerreißend. Sie ist das pure Gefühl und dabei so verletzlich wie ein waid­wundes Reh. Dass ausgerechnet der Mann ihres Herzens in Sachen Beziehung nicht so frei ist, wie er es vorzugeben scheint, erschüttert Marianne in ihren Grundfesten. Willoughby ist ebenso wie Edward Ferrars verlobt. Jane Austen brilliert im Aufeinandertreffen der beiden Welten, in denen „Vernunft und Gefühl“ die Parameter darstellen, an denen sich die Schwe­stern reiben. Immer wissend, dass ihre Entscheidungen das Leben der Mutter und ihrer jüngsten Schwester Margret verändern können. Ein tief angelegter Reigen voller Zweifel und Emotion beginnt und es wird sich weisen, welcher Weg für welche Schwester der richtige ist. Im Wechsel der Rollen liegt der Zauber dieser Geschichte.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl – Auch Reclam erweitert den Fokus

Ich wurde nicht enttäuscht. „Vernunft und Gefühl“ – beide Ebenen spricht dieser Roman in aller Tiefe an. So hatte ich mit Jane Austen vorgestellt, die ich vielleicht bald in weiteren Werken entdecken möchte. Ihre Vita klingt spannend und macht neugierig. Es gibt große Lücken in ihrer Biographie, die nie geschlossen wurden. Im Rätselhaften liegt hier die Faszi­nation. Was für mich in Jane Gardams Die geheimen Briefemit einer geheimnisvollen Affäre der jungen Jane Austen begann, setzte sich schon wenig später mit ihren Briefen im Buch Ich bin so gütig, Dir wieder zu schreibenfort, weil ich auch hier  auf ihr dreijähriges Schweigen stieß, das so viel Raum für Spekulationen über ihr verborgenes Liebesleben bietet.

Hat auch bei ihr die Vernunft über das Gefühl gesiegt? Oder wurde auch ihr Herz gebrochen und für alle Zeit versiegelt? Bahnte sich hier an, was sich schreibend seine Entsprechung suchte? Es lohnt sich, Jane Austen auf der Fährte zu bleiben. Gerade zu ihrem 200. Todestag warten Verlage mit Neuerscheinungen und weiteren Werken auf, die sich mit dem Phänomen Austen beschäftigen. Das Sortiment des Reclam Verlages sticht hier besonders heraus. Die kleinen feinen (und gar nicht mehr gelben) Bücher zu diesem Anlass ermöglichen viele Zugänge zur Legende. „100 Seiten Jane Austen“ ist eine komprimierte Einstiegsdroge, die an Fakten orientiert, faktisch amüsant und doch fundiert die Tür zu einer ganz besonderen Frau öffnet.

Jane Austen – Vernunft und Gefühl

Für welches Buch ihr euch auch immer entscheidet, Jane Austen hat es verdient, auch heute noch gelesen zu werden. Das sagt mir mein Gefühl mit aller Vernunft.

„Die geheimen Briefe“ – Jane Gardam [The Sidmouth Letters]

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Sie schrieb sich mit ihrer „Old-Filth-Trilogie“ in mein Leben. Sie hat mir Hongkong gezeigt, das Britische Empire von einer ganz anderen Seite gezeigt und mehrere Blicke hinter die Charakterkulissen ihrer Protagonisten geworfen. Jetzt bin ich leidenschaftlich in ihr Schreiben verliebt: JANE GARDAM. Ihre Romane bilden im Lesen, wie im Leben eine geschlossene Einheit und haben sich einen Herzensplatz in meinem Bücherregal erobert.

Nichts war untadelig, niemand war treu und die letzten Freunde waren nicht diejenigen, die man unbedingt auf der Rechnung hatte. Jane Gardam weiß zu überraschen und zu erzählen, wie man es sich als Freund großer Geschichten nur wünscht. Einzig ihr Alter gibt mir ein wenig zu denken. Mit ihren 88 Jahren gehört sie wirklich nicht mehr zu den jungen Hüpfern der Literaturszene und ich hatte schon leichte Bedenken, wie mein Weg an ihrer Seite weitergehen würde.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Doch diesmal kam mir ein Zufall zu Hilfe und spielte mir eine limitierte literarische Blaue Mauritius in die Hände. Ihr wollt wissen was ein bibliophiles Unikat auszeichnet und woran man es erkennt? Ganz einfach. Das Buch ist in limitierter und nummerierter Auflage, begrenzt auf 5900 Exemplare, in der Edition 5Plus erschienen. Das macht es selten, aber nicht einzig. Mein Exemplar weist jedoch eine kleine Unregelmäßigkeit auf, die es für mich so wertvoll macht. In der Zeile „Ihr Exemplar hat die Nummer…“ fehlt die (eigentlich von Hand eingetragene) Zahl…! Ist das nicht wundervoll?

Dieser Zufall ereilte mich in Gestalt einer aufmerksamen Mitarbeiterin des Hanser Verlages, die meine Rezensionen zu Jane Gardams Büchern kannte und genau diese Lücke in meinem Lesen schließen wollte, die ohne ihre Hilfe wohl noch offen wäre. Ich danke an dieser Stelle mehr als herzlich, denn nicht nur der Unikatstatus, sondern auch der Inhalt der zweisprachig veröffentlichten Kurzgeschichte macht den wahren Wert der literarischen Aufmerksamkeit aus. Denn sie hat es faustdick hinter den Ohren!

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

In der Kürze liegt die Würze. Das kann man hier wohl sagen, da Jane Gardam auf 40 Seiten einen Erzählraum gestaltet, der die Literaturgeschichte aushebelt, Protagonisten in unser Leben spült, die wir schon seit langen Jahren zu kennen glauben und darüber hinaus auch noch als eine Hommage an die große Jane Austen zu verstehen ist. Geht das mit so wenigen Worten? Eindeutige Antwort: Ja, es geht, wenn man mit dem Raum zurechtkommt, den man sich selbst erdacht hat.

Und dabei fasst sich die Autorin zwar kurz, jedoch nicht zu kurz, wenn sie uns in ein Beziehungsgeflecht zweier in der Literatur beheimateter Menschen entführt, die zufällig auf die Spur handgeschriebener Briefe aus der Feder von Jane Austen kommen. Diese Briefe sind allerdings nicht irgendwelche Zeitzeugnisse aus dem Leben der legendären Schriftstellerin. Sie sind die einzigen Beweise für das Gerücht einer geheim gehaltenen Liebesbeziehung von Jane Austen zu einem Mann, dessen Identität sie niemals verriet.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Und nun sind sie zum Greifen nah. Nur ein Schritt trennt den Literaturwissenschaftler Shorty Shenfold noch davon, diese „Geheimen Briefe“, die Sidmouth Letters, in seinen Besitz zu bringen und der ganzen Welt eine literarische Sensation zu offenbaren. Es ist das wohl letzte noch fehlende Puzzlesteinchen in der Biografie von Jane Austen. Wenn nur Jane Gardam nicht wäre, das Projekt wäre vielleicht glücklich verlaufen. Ihr gelingt es jedoch erneut, ihrem Protagonisten so viele Steinchen in den Weg zu legen, um ihm das Erreichen seines Traumes so unmöglich wie irgend möglich zu machen.

Sie platziert mit Annie einen weiblichen Stolperstein, den Shorty Shenfold nicht auf der Rechnung hatte. Jedenfalls nicht so, wie er dachte, als er Annie um ihre Hilfe bat.

Das war es jetzt noch lange nicht von Jane Gardam, denn ihre Geschichte geht für uns weiter. Wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise berichten, ist schon im Herbst 2017 mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten im Hanser Verlag zu rechnen. Ich drücke uns jedenfalls alle literarischen Daumen, dass den Absichten Fakten folgen und bleibe am Ball. Jedenfalls soll die Gardam-Übersetzerin Isabel Bogdan schon fleißig bei ihrer grandios zu lesenden Arbeit sein. (PS: „Der Pfau“ stammt aus ihrer Autorenfeder). Und wer es gar nicht abwarten kann, Hetty von Jane Gardam ist seit wenigen Wochen auf dem Markt.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam - Edition 5 Plus

Die geheimen Briefe von Jane Gardam – Edition 5 Plus

„Die geheimen Briefe“ sind ein göttliches Lesevergnügen und wenn Ihr jetzt wissen wollt, auf welchem geheimen Wege man in den Besitz eines solchen Kleinods gelangen kann, dann habe ich hier ein paar gute Tipps zur Buchhandelskooperation 5Plus. Es haben sich folgende Buchhandlungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einer verschworenen Einheit verbunden, um ein Gegengewicht zum sich verändernden Buchmarkt auf die Waagschale des reinen Onlinehandels zu legen. Die so publizierten Werke kann man nur in diesen Büchertempeln erwerben, sie sind nicht in den Online-Shops gelistet und verleiten tatsächlich zum Besuch der Kompetenzzentren des guten Lesens. Also macht Euch auf den Weg…

Ich habe mir jedoch sagen lassen, dass man sich auch über Anrufe und Mails freut und auch auf diese Art und Weise die Bücher der Edtion 5Plus den Besitzer wechseln. Hier findet ihr eine Übersicht der Werke, die inzwischen Kult- und Sammlerstatus haben und das kleine Wörtchen „vergriffen“ weist auf bereits ausverkaufte Editionswerke hin. Die Bücher werden übrigens vor Ort in den Buchhandlungen der Kooperation von Hand nummeriert, was ein Hinweis für mich ist, dass mein Exemplar das Licht der Bücherwelt noch gar nicht erblickt hat, als es mir zugespielt wurde. Ich sage ja: Blaue Mauritius.

Die geheimen Briefe von Jane Gardam

Die geheimen Briefe von Jane Gardam