„Das Kaff“ von Jan Böttcher

Das Kaff von Jan Böttcher

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

Mit diesen Worten begann meine Lesereise in die Bücher, die ich als Gegenpol zur Globalisierung betrachte und die mich vom großen, zumeist anonymen Urbanen in das kleine Regionale begleiten sollten. Eine Sentimental Journey zu den eigenen Gefühlen, da ich vor langer Zeit meiner geliebten Heimat, der Eifel, den Rücken kehrte, um in der Metropolregion München mein Glück zu machen. Das ist mir gelungen und doch bleibt oft die Frage, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich die Heimat nie verlassen. Eine Frage, die ich schon mit Norbert ScheuerAm Grund des Universums“ und in „Kall Eifel“ beantworten wollte. Eine Frage, die mich sehnsuchtsvoll umtreibt und eine Frage, die mich jetzt in einen Roman führt, der diese Lesereise losgetreten hat. Als mir auf der Frankfurter Buchmesse „Das Kaff“ angekündigt wurde, hat dieser Begriff Erinnerungen in mir geweckt, die tief in meiner Vergangenheit verwurzelt sind.

Das Kaff von Jan Böttcher

Das Kaff“ von Jan Böttcher, erschienen im Aufbau Verlag, holte mich genau da ab, wo ich mein Kaff vor vielen Jahren verlassen hatte. Dabei ist dieser Begriff nicht böse oder abschätzig gemeint. Kaff steht für alle positiven Werte, die man mit ihm verbindet und gegen die Kälte einer Gesellschaft, die in den großen Städten zumeist vorherrscht. Ich konnte mich von der ersten Seite an mit Michael Schürz identifizieren. Heimkehren bietet so viele gemeinsame Anknüpfpunkte und hier ist es der Berliner Architekt, der in seiner Eigenschaft als erfolgreicher Bauleiter nach Hause zurückkehrt, um der kleinen aufstrebenden Stadt mit ein paar modernen Wohneinheiten auf die Füße zu helfen und ihr ein neues Gesicht zu verleihen.

Ja, Michael hat es wirklich geschafft. Raus aus der ländlichen norddeutschen Region und rein ins pralle Leben. Alles hinter sich lassen und im allzu metaphorisch wirkenden Beruf eines Architekten sein neues Leben von Grund auf nach eigenen Entwürfen neu zu gestalten. Der Auftrag in seinem Kaff scheint eigentlich Business as usual zu sein. Bis ihn der Grundriss der eigenen Vergangenheit einholt. Wie eine Abrissbirne nähert sie sich der aktuellen Lebenskonstruktion und die Zeit im Kaff wird zum Belastungstest für die Tragfähigkeit des eigenen Lebensentwurfs.

Das Kaff von Jan Böttcher

Es ist extrem lesenswert, wie sich Jan Böttcher den alten Weggefährten seines Protagonisten nähert. Es ist großartig erzählt, wie ihr Michael Schürz immer tiefer in eine Gemeinschaft eingesaugt wird, aus der er eigentlich fliehen wollte. Der Rücksturz vollzieht sich in einem Tempo, dem die Fortschritte auf der Baustelle nicht entsprechen. Altes und neues Leben befinden sich auf einem empfindlichen Kollisionskurs. Böttcher gelingt durch seine Perspektivwechsel eine dreifach relevante Betrachtungsweise. Hier prallen nicht nur Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Auch die eigene Jugend des Protagonisten erfährt durch den zeitlichen Abstand eine neue Bewertung. Konflikte und Freundschaften, unbedeutende Randfiguren, Geschwister, Eltern und Beziehungen erscheinen im neuen Licht. Erkenntnisreich verläuft jeder neue Tag auf einer Baustelle, die der seines Lebens in nichts nachsteht.

Die wesentliche Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Paukenschlag, weil ich genau dieses Gefühl so gut kenne. Beim Spaziergang durch die eigene Vergangenheit fehlt etwas. Es ist ein Fehl, das alles irgendwie fremd erscheinen lässt, wie ein Mosaik, in dem ein einzelnes verschwundenes Steinchen eine tiefe Lücke reißt:

„… ich muss mir eingestehen, dass mir etwas fehlt. Dass ich mir selbst fehle.“

Das Kaff von Jan Böttcher - AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher

Dabei ist „unser“ Berliner Architekt nicht wirklich ein grundsympathischer Typ. Die Ecken und Kanten aus seiner Kindheit und Jugend hat er in sein jetziges Leben gerettet. Konfliktscheu, opportunistisch und ein wenig hinterhältig mogelt er sich auch durch seinen Job. Offenes Aufbegehren ist nicht sein Ding. Andere ernstnehmen ist nicht seine größte Stärke und Gefühle offen zu zeigen hat er nie so richtig gelernt. In seinem Kaff gerät Michael Schürz in einen therapeutischen Sitzkreis, in dem ihm die eigene Unzulänglichkeit offen vor Augen geführt wird. Da wundert es auch nicht, dass ein längst gelebtes Leben erfolgreich die Fühler ausstreckt und gleichsam heilsam auf den Flüchtling einzuwirken beginnt.

Dabei sind es nicht nur die Freunde von einst, die lebensrettend sind. Es sind die Typen des Kaffs, die dem Architekten zeigen, was das wahre Leben bedeutet. Es sind die Randfiguren, die selten wahrgenommen werden. Es sind Menschen aus Vereinen, die so sehr für das Leben im Kaff stehen. Ohne sie ist belanglos, was gehaltvoll zu sein scheint. Diesen Typen stellt sich Michael Schürz. Er lässt sich führen und verführen. Er wird rückfällig. Ein Rückfall in sein altes Leben. Er mutiert zu einer dieser Randfiguren, deren Wert er gerade erst zu erkennen beginnt. Der Heimkehrer, der nicht heimkehren wollte übernimmt in seinem alten Fußballverein das Training einer Jugendmannschaft.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher ist keine konfliktfreie literarische Kost für den lauen Sommerabend. Was sich idyllisch und romantisch anhört, entwickelt einen Tiefgang, der es in sich hat. Die Zerreißprobe zwischen altem und neuem Leben spielt sich nicht nur auf dem Niemandsland ab. Der Konflikt erreicht die eigene Haustür, vor der Michael vor vielen Jahren aufgehört hat, zu kehren. Manche Konflikte kann man nicht mehr im Leben austragen. Manche führen auf den Friedhof eines Kaffs. Diese Rückkehr gehört zu den großen Momenten dieses Romans. Heimwehlesen, Sehnsuchtsvermessung!

Folgt mir auf meiner Lesereise in die Heimat. Entfrachtet diesen Begriff und macht ihn greifbar. Kommentiert diesen Artikel und schreibt mir, was Heimat und Heimkehren für euch bedeuten, welche Bücher ihr hier empfehlen könnt und warum ihr unbedingt im „Kaff“ einziehen wollt. Ein Exemplar des Buches gebe ich an dieser Stelle gerne weiter.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium