Der Ball von Irène Némirovsky – Autobiografisches Schreiben

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Wenn Schreiben jemals autobiografisch war, dann hier. Wenn man jemals aus der Fiktionalität einer Geschichte und ihrer Romanfiguren auf das reale Leben der Autorin schließen konnte, die sie verfasste, dann hier. Kaum eine Schriftstellerin hat sich wohl jemals weniger in ihrem Erzählraum versteckt, als die Schöpferin dieses Romans und niemand hat insgeheim so viel Wert darauf gelegt, vom Leser entdeckt zu werden. Im direkten Dialog zwischen Biografie und Roman entsteht in diesem Fall ein gestochen scharfes Bild einer Frau, die bis heute unvergessen ist.

Iréne Némirovsky

Dies ist nun bereits mein dritter Artikel über die große Autorin, die Frankreich so sehr liebte, aber in der Mühle der Geschichte als jüdische Autorin zermalmt wurde. Ihr geliebtes Frankreich konnte der gebürtigen Ukrainerin keinen Schutz bieten, als es für sie um ihr Leben ging. Ganz im Gegenteil sogar. Willfährig machten sich Franzosen zu Handlangern des Nazi-Regimes und letztlich wurde sie am 13. Juli 1942 verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo sie nur wenige Monate später im Krankenbau des Todeslagers verstarb.

Ich las die Pariser Symphonie“. Eine Kollektion von wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr die großen Sehnsuchtsmomente widerspiegeln, die das Schreiben von Irène Némirovsky charakterisieren. Auf der Suche nach dem wahren Leben las ich dann Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat und erlebte dabei, wie sich die Kreise zu schließen begannen. Ich folgte ihren tiefen Spuren und begleitete sie auf ihrem letzten Weg. Erlebte, wie sie ihr Vermächtnis, das Manuskript der Suite Francaise in einem Koffer an ihre Töchter übergab. Und nun erlebe ich im Verständnis um die Hintergründe ihres Wirkens eine literarische Wiedergeburt, die mich in ihre Arme treibt.

Der Ball von Ir`ne Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Scheinbar ist mir in meinem Lesen einiges entgangen, denn in einem gemütlichen Gespräch über Gott, die Welt und die Literatur musste ich den Namen Némirovsky nur kurz erwähnen und meine Lebenlesefreundin Kristina sprang fast aus dem Stand in ihr Bücherregal. Und dann lagen sie vor mir. Die großen und kleinen Geschichten aus der Feder der Frau, deren Biografie mich so sehr berührt hatte.

Der Ball“, „Leidenschaft“, die „Suite Francaise“ und „Jesabel“ schmiegten sich an meine Bücher von Irène Némirovsky und bildeten in diesem magischen Moment mit der „Pariser Symphonie“ und der Biografie den Kanon ihres Schreibens. Einladend und mehr als verführerisch. Unwiderstehlich für mich, weil ich doch gerade erst in aller Tiefe zu den wahren Hintergründen und Beweggründen eines Schreibens vorgedrungen war, das den Eindruck bei mir hinterließ, die Autorin wäre zeitlebens auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit.

„Du musst unbedingt den Ball lesen! Dann erschließt sich dir alles!“ Mehr musste Kristina nicht sagen. Meine Neugier war geweckt und ich schloss die kleine aber feine Ausgabe aus dem Zsolnay Verlag in mein Herz. Ja, ich wollte mehr wissen. Ich wollte so vieles von dem erfahren, was mir noch verborgen war. Ich wollte in die Jugend der Frau eintauchen, die genau dieser prägenden Zeit niemals entfliehen konnte. Zu tief verletzt war Irène von der egozentrischen Lebensweise ihrer Mutter. Zu sehr hatte sie unter der Eifersucht zu leiden, die ihre Mutter nun empfand. Eifersucht und Neid auf die eigene Tochter, die nun immer mehr zur Konkurrentin der alternden Mutter avancierte.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky – Ein autobiografischer Tanz

Und genau hier beginnt Der Ball von Irène Némirovsky so viel mehr zu erzählen, als man es eigentlich auf 90 Seiten erwarten könnte. Die Parallelen zum wahren Leben der Schriftstellerin sind frappierend. Die Tochter eines jüdischen Bankiers, die nach der Flucht der Familie vor der russischen Revolution nach Paris erleben muss, wie sehr die Eltern versuchen, in der High Society Fuß zu fassen, spiegelt sich hier originalgetreu in der vierzehnjährigen Antoinette, deren neureiche Eltern alles in Bewegung setzen, um dem Geld das Ansehen folgen zu lassen.

Neureich sind die Kampfs und egozentrisch bis zum Kragen. Madame Kampf trägt ihren Reichtum zur Schau. Sie definiert sich über die Größe des Hauses, die Anzahl der Dienstboten und die Tatsache, dass ihre Tochter von Gouvernanten erzogen wird. Alles passt. Eines fehlt. Der Prunk des Hoch- und Geldadels, mit dem sich die Kampfs gerne umgeben würden, um gesellschaftlich en vogue zu sein. Ein großer Ball soll für Abhilfe sorgen. Hunderte von Gästen aus den höchsten Schichten werden eingeladen, um den Namen Kampf in Paris zu etablieren.

Antoinette träumt davon bei diesem Ball in die Gesellschaft eingeführt zu werden. Sie träumt diesen Traum für sich allein, denn Madame Kampf hat ganz andere Ziele. Es gilt, Antoinette zu verbergen. Niemand soll sie zu Gesicht bekommen. Eifersucht regiert und der pure Neid auf ihre aufblühende Jugend steht in Konkurrenz zur Schönheit der eigenen Mutter. Während der Ball vorbereitet wird, erklärt man Antoinette, dass sie die Nacht in einer kleinen Kammer zu verbringen hat. Das Entsetzen ist groß.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

Antoinette fühlt sich bereit für die große und wahre Liebe. Der Schock sitzt so tief, dass erste Gedanken an einen Selbstmord in ihr reifen. Da sie aber vermutet, dass der Freitod der eigenen Tochter die Mutter kaum berühren würde, ersinnt Antoinette einen Plan, der ihre Eltern bis ins Mark treffen würde. Der Rachefeldzug der tief enttäuschten Tochter beginnt und ihr Plan hat es in sich.

So weit ist die wahre Irène Némirovsky nie gekommen. Ihre Hilflosigkeit bekämpfte sie schreibend. Romane und Kurzgeschichten spiegeln diese Entschlossenheit, mit der sie gegen ihre Grenzen kämpfen wollte. Sie dachte, träumte und schrieb in der Sprache des Landes, das sie so sehr liebte. Französisch. Ihr Zorn war in ihrem frühen Schaffen gegen ihre Eltern gerichtet. Als ihre neue Heimat zu einem besetzten Land wurde und die persönliche Gefahr immer weiter um sich griff, beschleunigte sich das Tempo ihres Schreibens.

Irène Némirovsky beobachtete die Veränderungen in Frankreich und begann mit einem neuen Lebenswerk. Im Verborgenen. Sie wurde bereits nicht mehr verlegt, ihre Texte wurden nicht mehr veröffentlicht und die antijüdischen Gesetze wirkten sich auf ihr Leben aus. Unter diesem Druck entstanden die ersten Notizen zur Suite Francaise. Fünf Teile sollten es werden. Ein großes Panorama eines besetzten Landes mit allen Facetten, die zu beobachten waren. Unvollendet blieb dieser Zyklus. Unvollendet blieb ihr Leben. Ihr Manuskript wurde gerettet. In einem Koffer. Für Irène Némirovsky selbst gab es keine Gnade.

Der Ball von Irène Némirovsky

Der Ball von Irène Némirovsky

„Ich fürchte mich vor nichts, ich habe mich im Voraus gerächt!“

Antoinettes Worte aus „Der Ball“ stehen für das ganze Leben der Schriftstellerin. Sie hat zeitlose Texte hinterlassen, die auch heute noch Zeugnis ablegen. Sie hat sich wortgewaltig gerächt. An ihrer Mutter, ihrer Vergangenheit, den Nazis-Besatzern und nicht zuletzt an den Franzosen, die als Kollaborateure funktioniert haben. Ihre Werke erfreuen sich heute erfreulicher Beliebtheit. Die „Suite Francaise wurde 2004 erstmals veröffentlicht und entwickelte sich schnell zur literarischen Sensation.

Ich werde dieses Vermächtnis noch lesen. Ich konnte jedoch nicht widerstehen, mir die Verfilmung unter dem Titel Suite Francaise – Melodie der Liebe aus dem Jahr 2015 anzuschauen. Ich war überrascht von der großen Feinfühligkeit, mit der man sich der Romanvorlage angenähert hat. Sowohl in der Besetzung als auch in der optischen Umsetzung des unvollendeten Werks besticht dieser Film als würde er die Handschrift von Irène Némirovsky tragen.

Die unglückselige Liebesgeschichte zwischen Lucille, einer jungen Französin, und dem deutschen Offizier und Besatzer Bruno von Falk zeigt das ganze Spektrum des Fühlens, Denkens und Handelns im Frankreich des Jahres 1940. Hass, Neugier, Angst und Einsamkeit geben sich im steten Wechsel ein Stelldichein. Die französische Seele und der Stolz einer geschlagenen Nation tragen die gesamte Handlung. Und doch ist es eine große Geschichte ohne Pathos. Eine Geschichte über die Liebe im Krieg. Mehr als eine Affäre. Wenn sich Feinde lieben können, kann dann nicht alles gut werden?

Suite Francaise von Irène Némirovsky - AstroLibrium

Suite Francaise von Irène Némirovsky

Irène hoffte vergebens.

Suite Francaise von Irène Némirovsky - To be continued...

Suite Francaise von Irène Némirovsky – To be continued…

Hier geht es weiter mit Irène Némirovsky und AstroLibrium: Literatur Radio Bayern präsentiert meine Audio-Rezension zur Pariser Symphonie. Schon jetzt on Air.

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Ein Ohrenschmaus

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Ein Ohrenschmaus

Irène Némirovsky – Die Biografie – Ein literarischer Aha-Effekt

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Biografien großer Schriftsteller kommen oft als eher faktisch orientierte Skizzen daher, die es zwar ermöglichen, wichtige Lebensstationen, Daten und Anekdoten des Beschriebenen in den Kontext seines Schaffens zu stellen, ansonsten aber eher blass und wenig konturiert bleiben. Dabei ist es gerade das wahre Leben, das seine tiefen Spuren im Schreiben hinterlässt. Besonders dann, wenn es gilt, das eigene Schaffen wie einen Code im Kampf gegen Unmenschlichkeit zu verwenden.

Irène Némirovsky galt als eine der großen Hoffnungen der europäischen Literatur. Die 1903 in Kiew als Tochter eines jüdischen Bankiers geborene Schriftstellerin wuchs in einem Umfeld auf, das sich nicht gerade durch Nestwärme auszeichnete. Die Eltern hatten andere Interessen, als sich um die Heranwachsende zu kümmern. Der Vater war von seinem Reichtum besessen, ihre Mutter nur davon, das Geld wieder auszugeben. Kindermädchen zogen Iréne groß.

Lebenslang begleitet von antisemitischen Anfeindungen in ihrer Heimat erfolgte die Flucht nach Paris. Die Zwanziger Jahre stellten den Wendepunkt im jungen Leben von Irène Némirovsky dar. Frankreich! Das junge Mädchen, das mit der französischen Sprache aufgewachsen war, französisch dachte und träumte, war endlich am Ziel. Sie begann im Alter von 18 Jahren zu schreiben, heiratete und wurde Mutter zweier Kinder.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Ihr erster Roman „David Goulder“ machte sie mit einem Schlag bekannt. Es folgteDer Ball, der schon ein Jahr nach seinem Erscheinen im Jahr 1931 verfilmt wurde. Eine traumhafte Karriere zeichnete sich ab. Paris lag ihr zu Füßen und ihr Schreiben erreichte immer neue Höhen. Und doch gelang es ihr niemals, sich vom Status der Staatenlosigkeit zu befreien. Sie blieb die „fremde“ jüdische Schriftstellerin, auch als sie 1939 mit ihren beiden Töchtern zum katholischen Glauben konvertierte.

Es war zu spät. Viel zu spät.

Frankreich war nicht mehr das Land, in dem sie sicher war. Die große Liebe ihres Lebens stand schon an der Schwelle zum Zweiten Weltkrieg und beugte sich bereits dem Druck seiner Besatzer. Begriffe wie Holocaust und Shoa waren noch leere Worte, aber die immer weiter um sich greifende Ausgrenzung jüdischer Künstler vollzog sich nach einem ausgefeilten Plan. Irènes Schreiben veränderte sich. Es wurde gehetzt, sie schien bereits zu ahnen, was bald auf sie und ihre Familie zukommen sollte. Ihre Schrift wurde kleiner, Papiermangel dominierte ihre Arbeit an Manuskripten. Sie war innerlich schon seit der Machtergreifung der Nazis auf der Flucht.

Irène Némirovsky – Die Biografie“ von Olivier Philipponnat, erschienen im Knaus Verlag, widmet sich auf mehr als 500 Seiten dem Leben und Schaffen einer Autorin, deren Lebensweg in die Tumulte der Judenverfolgung in Frankreich mündet. Wenn man nun eine an Fakten orientierte Skizze ihres Lebens erwartet, wenn man denkt, das „Theorem“ einer Autorin, oder eine literaturwissenschaftliche Abhandlung vorzufinden, dann wird man von dieser Biografie aufs Positivste überrascht..

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Olivier Philipponnat öffnet die Tür zur Schatzklammer von Irène Némirovsky sehr behutsam und emotional. Seine Biografie beginnt an jenem Tag, an dem eigentlich alles endet. Er setzt genau dort ein, wo der Schmerz bereits ein Ausmaß erreicht hat, das es unmöglich macht, an ein normales Leben in Harmonie zu glauben. Philipponnat beginnt seine Retrospektive mit dem Tag der Deportation Irène Némirovskys nach Auschwitz.

16. Juli 1942

„Mein Geliebter, meine kleinen Herzliebsten,
ich glaube, daß wir heute abfahren. Mut und Hoffnung.
Ihr seid in meinem Herzen, meine Vielgeliebten.
Möge Gott uns allen helfen.“

Die Angst beginnt die Seele aufzufressen, während wir Zeugen des finalen Kapitels einer Lebensgeschichte werden, die uns fortan nicht mehr loslässt. Hier entfaltet diese Biografie ihre wahre Stärke. Sie geht nicht faktisch vor, sie ist nicht mit reinen Daten überfrachtet. Sie nähert sich dem Menschen Irène Némirovsky in aller Empathie und ergründet dabei Ursachen und Leitmotive für ihr späteres Schreiben.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Es ist, als würden wir eine Insel betreten, von der wir nur die exotischsten Pflanzen kennen. Pflanzen, die in Form von Romanen und Kurzgeschichten begeistert haben, die aber losgelöst von den vielschichtigen Wurzeln einer Interpretation unterlagen, die nur lückenhaft sein konnte. Das Leben in der Ukraine, die Scheinwelt aus Reichtum und das offensichtliche Desinteresse der Eltern für ihre eigene Tochter, ihre Vereinsamung, Krankheiten, Wünsche und Visionen, der erste Kontakt zum Traumbild Frankreich und die allgegenwärtige Angst vor Pogromen stellen die wesentlichen Wegmarkierungen in Irènes Leben dar.

Sie halten Einzug in ihr späteres Schreiben. Nur, wenn man sich darauf einlässt, das Bild dieser Jugend zu betrachten, ist man in der Lage, das Gemälde zu verstehen, das in Frankreich gemalt und niemals vollendet wurde. Nur wenn man dieser Biografie folgt, versteht man die heillose Unrast und Hoffnungslosigkeit der Irène Némirovsky, die mit der Wucht ihrer Sprache gegen ihre Vergangenheit und für die Zukunft ankämpfte.

Worte als Waffen gegen die Mutter. Geschichten zur Bewältigung des Vergangenen. Novellen und Romane, die autobiografischer nicht sein könnten, um zu zeigen, wie das Leben verlaufen kann, wenn ungestillte Sehnsucht das Denken dominiert. Die Pariser Symphonieist die Kollektion von zehn wundervollen Kurzgeschichten, die für mich so sehr diese Sehnsuchtsmomente widerspiegeln. Mein Verständnis dieser Sammlung aus dem Hause Manesse hat sich durch das Lesen dieser Biografie grundlegend verändert.

Irène Némirovsky - Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografie

Irène Némirovsky – Die Biografievon Olivier Philipponnat hat mir einen neuen und unverzichtbaren Zugang zum Leben und Schaffen einer großen Schriftstellerin eröffnet. Im Lesen dieser emotionalen und absolut fundierten Retrospektive haben sich Kreise geschlossen und neue Lesefelder eröffnet. Auf besondere Einladung von Kristina werde ich Der Ball lesen, die wohl aufrichtige Abrechnung Irénes mit der schillernden Welt einer Bankiersfamilie, die sich in den höchsten Kreisen der Society etablieren möchte. Allerdings ohne die 14-jährige Tochter. Ihre Mutter scheut ihre Konkurrenz.

Zuletzt bleibt ein großer geschlossener Kreis jüdischer Kultur im Frankreich unter der NAZI-Herrschaft. Zuletzt bleiben Schicksale. Das von Irène Némirovsky, die wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Auschwitz völlig entkräftet im Krankenbau verstirbt. Das ihres Ehemannes, der alle Hebel in Bewegung setzt, um seine Frau zu retten und dabei selbst ins Visier der Schergen gerät. Nur kurze Zeit nach ihrem Tod betritt auch er die Rampe des Todes in Auschwitz. Zuletzt bleibt ein Koffer im Besitz der beiden Töchter. Sie überlebten dank der selbstlosen Hilfe mutiger Freunde. Sie bewahrten den Schatz, der Jahre später dazu führte, dass man sich an ihre Mutter erinnerte. Sie bewahrten ein Vermächtnis von dem ihre Mutter sagte:

„Trennt euch niemals von diesem Koffer,
denn er enthält das Manuskript eurer Mutter.“

Sein Inhalt war der unvollendete Roman Suite Francaise. Die äußerst gewagte und für die damalige Zeit lebensgefährliche Beschreibung der französischen Gesellschaft unter dem Joch der Nazi-Diktatur. Erst nach dem Tod ihrer Tochter Elisabeth wurde das Manuskript entdeckt, 2004 veröffentlicht und als literarische Sensation gefeiert. Auch von der jüdischen Künstlerin Charlotte Salomon blieb nur ein Koffer mit ihren Bildern.

Und es bleiben die Worte, mit denen Charlotte ihren Koffer weitergab, bevor sie in Auschwitz vergast wurde. Im fünften Monat schwanger mit ihrem ungeborenen Kind.

„C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.“

Zwei Koffer. Zwei Vermächtnisse. Zwei Opfer des Holocaust. Zwei Frauen, die ihr Frankreich so sehr liebten. Zwei Frauen, die diese Liebe nicht überlebten.

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Die „Pariser Symphonie“ von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Sich selbst treu zu bleiben ist eine meiner größten Maxime. Auch als Blogger und Leser. So kennt man mich. Kurzum, ich lese niemals Kurzgeschichten, vermeide das Eintauchen in Erzählbänden oder Anthologien und bevorzuge komplexe und inhaltlich in sich geschlossene Bücher. Das war schon immer so, denn Kurzgeschichten kommen mir unvollendet vor, sie wirken eher wie Fingerübungen und immer dann, wenn ich Blut geleckt habe mehr zu erfahren, sind sie auch schon am Ende angelangt.

(Diese Rezenion können Sie auch hören: HIER)

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Ein Ohrenschmaus

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Ein Ohrenschmaus

Darüber hinaus wirken die Protagonisten meist schablonenhaft, eher skizziert, als gezeichnet und im Rohentwurf bleiben sie blass und schemenhaft. Also: ich lese keine Kurzgeschichten. Das war auch noch so, als ich der Einladung zum DVA – Manesse – Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse folgte. Unverrückbar. Ich doch nicht. Als dann jedoch eine Leseprobe mit einem unglaublich schönen schwarz-weißen Cover die Runde machte, war meine Neugier geweckt. Allerdings nicht für mich selbst.

Die „Pariser Symphonie“ von Irène Némirovsky passte nur allzu gut zu Julia Groß und ihrem Lebensschwerpunkt „Paris“ auf Ruby´s Cinnamon Dreams. Ich steckte die Leseprobe erwartungsvoll ein, schickte Julia ein erstes Bild und erntete ein vorfreudiges „Wuuuuzaaaaa!“ Was ungefähr soviel heißt, wie „Ja, das könnte mich interessieren.“ Ein paar Tage nach der Leipziger Buchmesse ereilte mich dann ein trauriges Schicksal. Meinem Buchbegleiter gingen überraschend die Seiten aus und ich erinnerte mich an jene Leseprobe aus Leipzig, die eigentlich nur darauf wartete, nach Plauen geschickt zu werden.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Was soll ich sagen? Die „Pariser Symphonie“ griff nach mir. Und es handelte sich um Kurzgeschichten. Schade, dachte ich, aber in Ermangelung von Lesestoff las ich die drei Geschichten aus der Feder von Irène Némirovsky. Ich legte die Leseprobe beiseite. Ich begann intensiv zu grübeln und zu fühlen. Nahm sie dann wieder zur Hand und las sie erneut. Kurzgeschichten. Es sind doch nur Kurzgeschichten, sagte ich mir. Nichts für mich. Fingerübungen. Und doch…

Und doch pflanzte mir die Autorin bereits mit der ersten Geschichte „Geister“ ein ganz besonderes Gefühl von Sehnsucht ins Leserherz. Hier brauchte es keine großen Worte, hier war es eben das Minimalistische, das mich in seinen Bann zog. Dabei wirkt die Geschichte auf den ersten Blick unausgegoren, als sei sie nie über den Status eines Manuskriptes hinausgewachsen. Genau hier jedoch liegt ihre Stärke, denn ich war es plötzlich, der hier weiterdenken durfte, musste und sollte.

Sprachlich erinnerte mich der Abgesang auf den verlorenen Familiensitz „Monjeu“ an die unvergleichliche Tania Blixen. Ebenso wie sie um ihre Farm am Fuß der Ngong Berge trauert, erlebe ich hier eine Frau, die im Rückblick auf ihr Leben um ihr „Monjeu“ trauert. Ein längst vergangenes Leben mit einer vergangenen und nicht gelebten Liebe. Und beides kommt unvermutet und geisterhaft zurück. Kein Spuk, keine Illusion. Es ist eher Übersinnliches, was hier die Sinne des Lesers einhüllt und dem Begriff Sehnsucht das Bild von „Monjeu“ (Meine Freude) an die Seite stellt.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Mondieu Monjeu, kann ich nur sagen. Das Buch fand seinen Weg zu Julia. Das Buch fand seinen Weg zu mir. Keine Kurzgeschichten? Das war gestern. Und das sollte lesend auch nicht die letzte Überraschung bleiben, die ich in der „Pariser Symphonie“ erlebte. Eine Geschichte nach der anderen ergriff Besitz von mir. Eine schleichende Melancholie umnebelt mich, ich kämpfe gegen tiefe Verluste, Betrug, Herzensbrüche und vergebene Chancen an. Und dies alles verbunden durch das unsichtbare Band, das den Namen Paris trägt.

Ein Paris in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Paris in Aufruhr, in Erwartung und letztlich ein Land, das seine wechselhafte Stimmung auf die Menschen überträgt. Und doch spielen sich die Geschichten in Iréne Némirovskys Figuren ab. Ganz tief in ihnen, was meinen Vorbehalt des Schablonenhaften schnell auflöste. Irène Némirovski gelingt es im Daumenkino-Stakkato Bilder zu erzeugen, die das Gefühl vermitteln, nicht viel mehr erfahren zu wollen. Spielerisch leicht und doch tragisch zugleich wirken die Szenen.

Ob es alte Jungfern sind, die sich scheinbar glücklich schätzen, ein Leben ohne die ach so komplizierte Liebe gelebt zu haben, oder ob wir hier zwei gute Freunde erleben, die angesichts des drohenden Krieges den größten Fehler ihres Lebens begehen, alle Geschichten wirken greifbar und irgendwie vertraut. Der zweite Blick, der Nachhall, die tiefe Melancholie und Traurigkeit, die fast alles überstrahlt, setzt sich fest und macht nachdenklich. Viele dieser Geschichten sind für mich Lieben auf den zweiten Blick.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Es sind Geschichten einer längst verlorenen Zeit. Es sind aufrichtige Versuche, die davon erzählen, was geschieht, wenn man seine Chancen verpasst. Wenn Lieben nicht geliebt werden, wenn Schicksalhaftes unerfüllt bleibt und wenn Wege nicht zueinander führen. Alle Geschichten sind von drohendem oder erlittenem Verlust charakterisiert. Sie stimmen nachdenklich und rütteln auf. Die Autorin scheint sehr darum zu kämpfen, ihre Figuren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie leben auch nach der jeweils kurzen Erzählung weiter.

Ich recherchierte, was sie dazu bewogen haben könnte und stieß auf den absoluten Wendepunkt meines Lesens. Irène Némirovsky wurde 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und starb dort völlig entkräftet. Ihr Mann folgte ihr schon drei Monate später. Sie konnte dem Schicksal nicht entgehen, dem sie in ihren Geschichten Beine machte. Sie hat ihre Figuren gerettet. Ihr selbst gelang dies nicht.

Und nun bleibt mir ein Werk, das von diesen Gedanken an eine Autorin geprägt ist. Ich lese die Geschichten nun anders, nähere mich mehr als behutsam an und sehe die aufkommende Angst einer Autorin, die zu ahnen scheint, dass ihre Welt versinkt. Der Abgesang auf Paris in der Geschichte, die diesem Buch seinen Namen gab, steht hier sinnbildlich für das, was bald vergangen sein wird. Das Herz zerreißt beim Lesen. Und doch gelingt ihr mit diesen kurzen Episoden etwas Unglaubliches. Sie lebt durch ihre Geschichten weiter.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Das schönste Cover des Jahres ummantelt eines der ganz besonderen Bücher meines Lesens. Intensive Diskussionen mit Julia haben uns beiden neue Sichtweisen vermittelt, andere Interpretationen erschlossen und die Liebe zu diesem Buch verfestigt. Lasst Euch verzaubern. Lasst Euch von der Magie einer Autorin fesseln, die in und mit ihren Texten dem Schicksal begegnet. Ich werde die Biografie über Irène Némirovsky lesen. Ich muss mehr erfahren und werde darüber berichten.

So lange schwelge ich in den Erinnerungen an die elf Geschichten. An elf Leben, elf Lieben, elf Chancen und elf Kapitel eines Buches, das mein Lebensbuch bereichert  hat. Erneut begleiten mich die Bilder des ungarischen Fotografen Brassai. Nicht zum ersten Mal ermöglichen sie mir einen Blick auf das malerische Paris der Worte, das die Autorin erzeugt. Bücher gehen ihren Weg nie allein. Niemals.

Nein. Ich lese keine Kurzgeschichten. Ich mag meine Geschichten gerne bis zum Ende durchdacht und ausformuliert. Ich mag keine bloßen Fragmente oder Teile von Manuskripten lesen. Wie sehr habe ich mich diesmal geirrt. Denn hier darf ich mich ausleben. Hier denke ich selbst weiter, hier forme ich die Charaktere und hier habe ich den Raum, den ich dringend benötige, um meine Melancholie in die Welt zu schreien. Ich bin noch nicht am Ende angelangt. Mein Weg an der Seite von Iréne Némirovsky wird weitergehen. Und ich bin nicht allein.

Was aus der „Pariser Symphonie“ und Julia wurde? Schaut doch selbst

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Hier geht es bakd weiter...

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Hier geht es weiter… Die Biografie

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit der Pariser Symphonie von Irène Némirovsky in Verbindung stehen. Hier steht natürlich der große Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, in dem das Leben von Brassaï in Wortbildern gefeiert wird, an erster Stelle..

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky und die Bolder von Brassaï

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky und die Bilder von Brassaï

Und hier geht es zur Verkettung meiner Bücher mit der „Pariser Symphonie“ und zu einem neuen Artikelüber ihr Schreiben: „Der Ball„.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Die Bücherkette

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Die Bücherkette