„Niemals ohne sie“ von Jocelyne Saucier [Das Hörbuch]

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier - AstroLibrium

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Es sind die verlorenen Mädchen, die in der kleinen literarischen Sternwarte eine neue Heimat finden. Es sind Mädchencharaktere in der Literatur, die auf der Strecke bleiben. Ausgegrenzt, verlassen, heimatlos oder einfach spurlos verschwunden. Ich bin zeitlesens auf der Suche nach Romanen, in denen ich diesen besonderen Mädchen in ihren Geschichten begegne. Selten zuvor sprang mich der Titel eines Romans so sehr an, wie dieser: „Niemals ohne sie“. Schon auf den ersten Blick war mir fast klar, dass ich im Buch von Jocelyne Saucier auf ein solches Mädchen stoßen würde. Mir war nur nicht klar, wie intensiv mich dieses Mädchen beschäftigen sollte, obwohl ich es niemals kennenlernen würde.

21 Kinder gehören zur Familie. 21 Kinder haben die Cardinals in die Welt gesetzt. Da verliert man schnell den Überblick und es fällt schon schwer, die Familie durch Untiefen und Schicksalsschläge zu navigieren. Besonders, wenn der Familienvater sein ganzes Leben lang immer ganz knapp am Glück vorbeigräbt. Als Erzsucher verdient er seinen Lebensunterhalt. Als Erzsucher wird er von allen geachtet und zugleich belächelt, liegt es doch in seiner Natur, immer nur erste Ausläufer neuer Erzvorkommen zu entdecken. Man muss ihm nur folgen und ein paar Meter neben ihm Graben. Schon hat man Glück und er blickt in die Röhre. Fatal für ihn. Fatal für die Familie. Er hat mehr Menschen im Minenstädtchen Norco reich gemacht, als man sich vorstellen kann. Sein Glück hat nie auf seine Frau und seine Kinder ausgestrahlt.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Sie fühlen sich betrogen. 21 betrogene Kinder und ihre betrogenen Eltern. Sie haben einen Plan, der das Glück erzwingen soll. Ein Plan, der Untertage liegt. Vor den Augen der Bewohner Norcos verborgen. Vor den Augen der Welt verborgen. 23 Verschwörer verbünden sich gegen die Welt. Nur ein paar Cardinals sind noch zu klein, um alles zu begreifen. Der Familienverbund organisiert sich. Ältere kümmern sich um Jüngere. Die Jungs fechten die Hierarchie aus, wer ihrem Vater zur Hand gehen darf und die Mutter versinkt in einer erschöpften Lethargie. Gezeichnet von 21 Geburten und nur noch vom Willen beseelt, ihre Kinder zusammenzuhalten. Untertage scheitert auch der Plan. Eine Explosion zerreißt nicht nur die Stille der Nacht. Sie zerreißt alles, was die Cardinals zu dem gemacht hat, was sie für einander waren. Untertage wird die Familie versprengt.

In der Nacht des fatalen Scheiterns senkt sich der dunkle Mantel des Schweigens über die Familie. Es gilt nicht nur Spuren zu verwischen, sondern auch einen Verlust vor den Augen ihrer eigenen Mutter zu verbergen, der schwerer wiegt, als die Aussicht auf ein Leben ohne den Reichtum, um den sie betrogen wurden. Es ist die Zahl 20, die fortan zur Bestimmungsgröße der Cardinal-Kinder wird. Es ist der Tod ihrer Schwester Angèle, der die Familie für immer aus der Bahn wirft. Es sind Fragen der Schuld, die im Raum stehen. Eine Schuld, die das Leben aller Cardinals verändert. Wie kann man der eigenen Mutter den Tod ihrer Tochter verheimlichen? Wie kann man sie ablenken? Wie kann man verhindern, dass sie beim abendlichen Durchzählen ihrer Liebsten auf diese Lücke in der Familie stößt? „Niemals ohne sie“. Der Titel des Romans ist das Mantra, unter dem die Zukunft aller Cardinals verläuft.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Jocelyne Saucier lässt Leser und Hörer in die labyrinthische Dunkelheit der Welt des Erzabbaus hinabsteigen. Sie entwickelt einen Erzählraum, der verschachtelt und geheimnisvoll ist. Sie schreibt von einer Familie, die eine eigene Gesellschaft darstellt. Die Umwelt ist der Feind. Der „Mikrokosmos Cardinal“ hat sich wie ein Igel mit Stacheln gegen die Bewohner von Norco und die Betreiber der Minen zu verteidigen. Eine kleine schlagkräftige Armee terrorisiert die Umgebung. Von Rachegedanken beseelt. In jenen engen Grenzen und in einer klaren Hierarchie funktioniert der Familienverbund. Bis es zur Tragödie kommt. Diese Mutter kann man nicht täuschen. Hier braucht es einen gut durchdachten Plan.

Diese Frau kennt uns besser als wir selbst. Sie hat uns aus der Wolle ihrer Seele gestrickt, sie kennt uns auf rechts und auf links, sie findet jede verlorene Masche wieder. 

Von diesem Tag an gilt es zu verhindern, dass die Familie sich komplett versammelt. In alle Himmelsrichtungen treibt es die großen und erwachsenen Geschwister. Es folgt ein jahrzehntelanges Versteckspiel voller Ausreden, Selbstzweifel und Vorwürfe. Alles, um der Mutter den Schmerz des Verlusts zu ersparen. Lebenswege öffnen sich, die so unterschiedlich sind, wie man es sich nur vorstellen kann. Keines dieser Leben verläuft einfach. Jedes ist geprägt von Schuld und Verlust. Besonders das von Tommy, die als Zwillingsschwester der verlorenen Angèle, viel zu oft ein falsches Spiel spielen musste.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

30 Jahre später. Es ist unumgänglich. Ein Kongress führt die Familie zusammen. Eine hohe Auszeichnung für den Vater lässt keine Ausflüchte mehr zu. Wie lange gelingt es, die Zahl 20 geheim zu halten? Wie lange kann man die eigene Mutter beschützen und wie begegnen sich die nun erwachsenen Kardinal-Nachkommen? Alte Wunden reißen auf. Ein explosives Gemisch versammelt sich in einem Hotel, in dem die Vergangenheit ihre Schulden eintreibt. Sechs Perspektiven erzählen uns die Geschichte. Sechs Jungs und Mädels aus dem Clan kommen zu Wort. Eine Konstruktion, die uns zu Suchenden nach der Wahrheit macht. Schritt für Schritt wächst die Erkenntnis. Langsam lüftet sich das Geheimnis und im Showdown scheint sich zu wiederholen, was vor 30 Jahren tief unter der Erde ereignete. Der große Knall.

Wenn ich vom Alleinstellungsmerkmal eines Hörbuches schreibe, dann nur, weil es mehr bietet als das eigentliche Buch. Sechs Stimmen brennen sich ins Herz des Hörers ein. Sechs Stimmen, die sich nicht überlagern, erzählen ihre Geschichten. Nur einer Stimme, nur einem Charakter ist es vorbehalten, ein zweites Mal aufzutreten. Aus gutem Grund. Tommy. Sie spricht nicht nur für sich, sondern auch für ihre Schwester. Es sind unglaubliche Stimmen, die hier zu einer Hörbuchproduktion vereint wurden. Es sind Stimmen, die den Cardinals Identität verleihen. Starke Männer und noch stärkere Frauen kommen zu Wort. Eindringlich. Jeder dieser Stimmen gehört eine CD. Sieben CDs umfasst die Produktion. Mehr als sechs Stunden, die man so schnell nicht mehr vergisst.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier

Die SprecherInnen und ihre Rollen (Spitznamen der Cardinals):

Devid Striesow liest Matz
Claudia Michelsen liest Jeanne d`Arc
Anna Thalbach liest Tommy
Sabin Tambrea
liest El Toro
Robert Stadlober
liest Émilien
Benno Fürmann liest Geronimo

Diese Stimmen setzen sich fest. Es ist äußerst ungewöhnlich, sie ohne Überlagerung, ohne Dialog erleben zu können. Obwohl jeder dieser brillanten Stimmen ein Part dieser Geschichte gehört, scheinen sie miteinander zu kommunizieren. Das Mosaik setzt sich von CD zu CD zu einem komplexen Bild zusammen, das man nicht mehr aus dem Ohr bekommt. Verlorene Mädchen. Das war für mich die Überschrift des Hörens. Angèle ist präsent, ohne selbst zu Wort zu kommen. Sie ist das Mädchen, dem ich eine neue und geschützte Heimat geben möchte. In bester Gesellschaft mit den „Lost Girls“, die mir in meinem Lesen und Hören bisher begegneten. Eigentlich hat sie die Cardinals nie ganz verlassen. Vielleicht ist sie die Klammer die alles zusammenhält. Und doch ist sie eine lebenslange Treibladung am explosiven Kern einer Familie, die um ihr Glück betrogen wurde.

“In dieser Familie ging es nie darum, glücklich zu sein. Also kann man sich auch nicht beschweren, dass wir es nicht geschafft haben.”

Lassen Sie sich auf die Cardinals ein. Versetzen Sie sich in ihre Lage und versuchen Sie den Gedanken zu wagen, wie es ist, wenn man „Niemals ohne sie“ leben kann. Es ist ein starker Roman aus der Feder der kanadischen Autorin Jocelyne Saucier. Auch wenn das Original bereits im Jahr 2001 unter dem Titel „Les héritiers de la mine“ (Die Erben der Mine) erschienen ist, die Geschichte ist zeitlos. Ich empfehle das Hören. Aus gutem Grund.

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Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier und die verlorenen Mädchen

Folgen Sie mir bitte zu weiteren verlorenen Mädchen. Sie haben es sich verdient, erlesen und erhört zu werden.

Niemals ohne sie“ / Jocelyne Saucier / ungekürztes Hörbuch / Random House Audio / 6 Std. 11 Min. / 7 CDs / 20 Euro / Übersetzung: Sonja Finck / Roman – Suhrkamp

Am Tag davor von Sorj Chalandon - AstroLibrium

Am Tag davor von Sorj Chalandon

Zurück ins Bergwerk? Sorj Chalandon „Am Tag davor“ Lesenswert und stark!

Arno Schmidt – „Tina oder über die Unsterblichkeit“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“

Berthold Brecht

Oft hört man diese Zeilen, wenn es darum geht, Verstorbener zu gedenken. Es ist ein tröstender Gedanke, den Brecht hier in die Welt gesetzt hat. Unabhängig von allem Religiösen liegt es in der Hand und im Herzen der Zurückgebliebenen, demjenigen der sie zurückgelassen hat zur Unsterblichkeit zu verhelfen. Ein Gedanke, der uns hilft mit Verlusten umzugehen. Ob die Idee jedoch auch denjenigen hilft, die ihr irdisches Leben hinter sich gelassen haben, kann nicht mit Sicherheit belegt werden. Wie sieht sie wohl aus, diese Zwischenwelt vor dem endgültigen Tod, in der wir die Verblichenen noch so lange an uns binden können, bis sie wirklich gehen dürfen? Fühlen sie sich dort wohl?

Viele literarische Betrachtungen wurden seit Homer zu dieser Zwischenwelt, dem Elysium verfasst. Auf diese Insel der Seligen  werden diejenigen Helden entrückt, die von den Göttern geliebt wurden oder denen sie die Unsterblichkeit schenkten. Wie sich die Helden dort fühlten? Auch das ist fraglich. Arno Schmidt (1914 – 1979), der große deutsche Schriftsteller, hat sich so seine eigenen Gedanken gemacht. Gedanken über eine Zwischenwelt  für besondere Helden, die nicht durch Götter dort festgehalten. Wir sind es, die das Endgültige verhindern. Wir halten fest. Ganz im Sinne von Brecht. Wir verleihen Unsterblichkeit. Doch zu welchem Preis…

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Tina – oder über die Unsterblichkeit. Ein schmales Bändchen aus dem Insel Verlag mit atmosphärischen Radierungen und einem Nachwort von Eberhard Schlotter fand seinen Weg in die kleine literarische Sternwarte. Thomas Calliebe, Herzensfreund und Buchhändler meines Vertrauens, hat mit diesem Buch erneut beweisen, dass er genau weiß, welche Bücher bei mir Gedanken- und Gefühlsstürme auslösen. Geschenke, die ich selbst niemals aufspüren würde. Bücher, die mir nie begegnen würden. Welten, die ich nie erschlossen hätte, wäre da nicht Band Nr. 1387 aus der Insel Bücherei in mein Lesen getreten.

Hier schließt sich der Kreis von Brecht zu Homer. Hier werden Augen geöffnet und Gedankenstürme losgetreten. Hier werden die Perspektiven gewechselt und Horizonte erweitert. Hier wird das Unsterbliche bissig, satirisch überhöht und zur Bedrohung für jene, die alles wollen, nur eben nicht in einer Zwischenwelt festgehalten zu werden. Es ist ein literarischer Gewissensbiss, den mir  Arno Schmidt gerade hier versetzt, weil ich mitverantwortlich bin und mit genau diesen Worten, dieser Rezension einen Schaden anrichte, den ich nie wieder gutmachen kann. Dieser Artikel ist im Sinne dieses Buches ein Sakrileg an Arno Schmidt.  Und doch… ich kann nicht anders. Verzeihen Sie mir.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Man stelle sich bitte Arno Schmidts Elysium vor. Jene Zwischenwelt, in die er seine Leser hier an der Hand von Tina entführt. Sie liegt geradewegs unter Darmstadt. Richtig gelesen! Gut erreichbar mit einem Fahrstuhl in einer Litfaßsäule und mit Reiseführerin immer einen Besuch wert. Ein wenig verstörend vielleicht, in der Zwischenwelt auf ein Standbild für jemanden zu stoßen, dem wir hier oben – also in unserer Welt – nie eines errichten würden. Ein Denkmal für Omar, jenen nie genug zu verehrenden Brandstifter, der die Bibliothek von Alexandria in Flammen aufgehen ließ. Bücherverbrennung wird hier zum heilsbringenden Mythos erhoben. Warum, das wird uns schnell klar.

Hier sind sie gefangen, die Schriftsteller und Autoren, die das Zeitliche gesegnet haben. All jene, die verstorben und doch nicht gänzlich tot sind, weil ihnen der Zugang zum endgültigen Nichts noch verwehrt wird, weil sie in der realen Welt nicht vergessen wurden. Denn hier unten gilt nur eine Regel:

„Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt,
wie sein Name noch akustisch oder optisch auf
Erden oben erscheint.“

Das heißt im Klartext, in Ruhe tot sein darf nur derjenige, der auf Erden unerwähnt ist. Befindet sich noch ein einziges Werk eines verstorbenen Autors im Handel, wird er posthum in Anthologien veröffentlicht, in Vorworten anderer Bücher zitiert oder gar von einem Verlag neu verlegt, so war es das mit dem Abschied aus der Zwischenwelt. Erst wenn man aus den Buchhandlungen, Archiven, Bibliotheken und Bücherregalen dieser Welt verschwunden ist, darf man gehen. Erlösung. Insofern war die Bücherverbrennung von Alexandria ein wahrhaft großer Segen für viele der ewig hier Gefangenen.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Und hier kommen wir Rezensenten, Blogger und Literaturliebhaber ins Spiel. Was fällt uns eigentlich ein noch länger über die großen Klassiker zu schreiben? Warum sind wir dazu verleitet, längst verblichene Autoren zu zitieren, sie zu erwähnen und ihnen so den Weg ins Nichts zu verbauen. Man stelle sich nur vor, ein Schriftsteller hätte es fast geschafft. Kurz vor der Erlösung kommen wir daher und verewigen ihn in einem Artikel, weil wir wieder eine Bücherkette aufgespürt haben, die ihn mit einschließt. Und schon war es das mit der himmlischen Ruhe und dem endgültigen Verschwinden. Der arme Goethe wird wohl niemals frei sein. Und ich selbst habe noch vor wenigen Tagen dafür gesorgt, dass sich Herman Melville im Zwischenreich noch ein wenig länger häuslich niederlassen darf. Oder muss.

Arno Schmidt hat eine Eintrittskarte für seine Leser. Wir müssen nur Tina folgen, mit ihr in den Fahrstuhl steigen und die Unterwelt besuchen. Sie wird uns alles zeigen, sie wird uns erklären auf wen wir hier treffen und was es bedeutet, hier auf Erlösung zu warten. Nur eines sollte uns dabei besser nicht passieren. Wir sollten uns nicht in Tina verlieben. Genau das passiert dem Erzähler dieser Geschichte. Er empfindet mehr, als er eigentlich empfinden sollte. Keine gute Idee, denn Tina ist eine fast Unbekannte. Sie ist fast vergessen, wird nicht mehr veröffentlicht, gelesen oder zitiert. Sie hat es schon fast geschafft. Und dann kommt er… und verliebt sich. So ein Pech.

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Hochemotional endete für mich das Lesen. Unsterblich ist und macht dieses kleine Buch. Inspirierend und betörend verlief meine Begegnung mit Tina. Sie zu erkennen ist magisch, sie zu vergessen unmöglich, sie zu halten schwer. Es gab nur einen Weg. Ich bin dankbar, dass Arno Schmidt ihn gewählt hat. Selbst riskierend, dass wir auf dieser Welle weiterreiten, ihn rezensieren, das Buch kaufen, es bewahren und daraus zitieren. Ich liebe dieses in mir erzeugte Bild, jemanden aus dem Vergessen zu befreien, um ihn lieben zu können. Ich liebe die Bilder von Eberhard Schlotter, weil seine Radierungen den Text umfließen, wie Tina ihren Besucher umfließt. Unwiderstehlich. Geheimnisvoll und zart. Der Notausgang wird unerreichbar.

Das Nachwort des Künstlers Eberhard Schlotter ist persönlich und bewegend. Es verdeutlicht, warum es ihm ein Anliegen war, genau dieses Büchlein zu illustrieren. Es zeigt, wie sehr er sich der Wucht seiner Bilder bewusst ist. Und ganz nebenbei erzählt er seine persönliche Geschichte, die ohne Insel Bücherei nicht denkbar wäre. So ende ich hier wissend, dass ich in vielfacher Hinsicht des Sakrilegs schuldig bin. Aber glaubt mir. Ich würde ewig schreiben, um ewig lieben zu dürfen. Nur um diesen Moment nicht zu vergessen:

„Gefällt übereinander. Ihr Haar hing von meinem Kopf.
Unsere Atemkolben stießen breiter hervor.
Geklebt: »Achdu«“

Tina oder über die Unsterblichkeit von Arno Schmidt

Wenn Sie dieses „Achdu“ gerne hören wollen, folgen Sie mir zu meinem PodCast für Literatur Radio Bayern. Hier geht´s zu meiner Rezension fürs Ohr.

Dieser PodCast ist ein Sakrileg am Autor, aber ich konnte nicht anders!

Buchschlusspanik – Oder wie ein Papierhaus mein Lesen rettete

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Es war einer der wohl schlimmsten Tage meines Lesens. Schon am frühen Morgen beginne ich in der SBahn nach München meine vielseitigen Lesereisen und ich freue mich schon auf lange Fahrten in, mit und zwischen den Seiten meiner Bücher. Es ist mehr als gewonnene Zeit, die ich in vollen Zügen genieße – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Aber an diesem Tag war alles anders. Ein gezielter Griff in den Rucksack beförderte meinen buchigen Begleiter zutage, aber was war das? Mein Lesezeichen zeigte mir schon auf den ersten Blick sehr deutlich, dass dieses Buch nicht für den Rest des Tages ausreichen würde.

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Ganz und gar nicht sogar! Ich geriet augenblicklich in helle Buchschlusspanik, ein unterschwelliges Zittern stellte sich ein und meine wilde Verzweiflung wuchs angesichts der Tatsache, dass die Buchhandlungen auf meinem Weg erst öffnen würden, wenn ich schon lange im Job bin. Also begann ich ganz langsam zu lesen. Fast in Zeitlupe. Wort für Wort, um nur keines zu verschwenden. So tastete ich mich auf Lese-Zehenspitzen durch die letzten Seiten meines Buches während die Vorboten des Buchentzuges schon deutlich zu spüren waren.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Ich beäugte meine Mitreisenden. Nichts. Keine Bücher, die ich mir in der guten alten Tradition der Bücherdiebin hätte aneignen können. Keine Chance, da ich nur von MP3-Liebhabern flankiert wurde, deren Köpfe im Rhythmus wilder Heimatmusik zu zucken schienen. Und auch meine Bahnhofsbuchhandlung machte auf den ersten Blick, trotz einladender Auslagen, den Eindruck einer uneinnehmbaren Bücherfestung. Zumindest um 5 Uhr morgens. Ich überlegte fieberhaft, was ich sonst noch so lesen könnte, aber außer Quittungen, alten Rechnungen und meinen Ausweisen befanden sich nicht mehr sonderlich viele lesbare Dinge in meinem ansonsten prall gefüllten Leserucksack. Das Atmen fiel schwerer. Die buchlose Schlinge zog sich weiter zu.

Und dann kam es doch. Das letzte Wort im letzten Satz des letzten Kapitels von Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee. Und das genau in dem Moment, in dem ich so richtig in Fahrt war. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Tag im Job unruhig und fahrig zu verbringen, nur um den Gedanken zu verdrängen, dass ich nun nichts mehr zu lesen haben würde, wenn genau heute die Welt unterginge. Grausamer Buchtunnelblick. Der späte Nachmittag musste mich nun retten und eine unruhige, unbelesene Fahrt in der UBahn brachte mich zitternd und mit letzter Kraft in jene Buchhandlung, die am frühen Morgen (aus mir absolut unerfindlichen Gründen) noch fest verschlossen war.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Mit letzter Kraft schaffte ich es noch, die Buchhandlung zu betreten und die Worte „Kein Buch mehr… Hilfe!“ zu stammeln, als mir die freundliche Buchhändlerin (oder war es ein Engel) ihre mitfühlende Hand auf die bebende Schulter legte. Mein T-Shirt hat mir auch in diesem Moment das Lesen gerettet, denn es zeigt meinen Mitmenschen deutlich, wer hier zitternd durch die Welt läuft. „A mind needs books“. Jene Worte von Tyrion Lennister aus der epischen TV-Serie Game of Thrones sind eindeutig. „Wie ein Schwert den Wetzstein, braucht ein Verstand Bücher, um seine Schärfe zu behalten“ Dieser Aufdruck und mein fahriger Zustand ließen die Bücherfee zu einer bibliophilen Notärztin mutieren.

Sie griff in den buchigen „Medikamentenschrank“ und reichte mir ein kleines aber sehr feines Buch und beruhigte mich mit den Worten „Nehmen Sie das… Es hilft über den ersten großen Schmerz und bringt Sie ganz sicher nach Hause.“ Völlig beseelt verließ ich die Leserklinik, nachdem ich das Buch bezahlt hatte und sog seinen Duft augenblicklich ein. Und es begann sofort zu wirken. Ich bekam wieder Luft. Das Zittern war weg. Der Klang der Stadt hatte sich verändert. Ich lebte.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Als ich den Titel des Wundermittels las, war mir klar, dass ich gerettet war. Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez aus dem Insel Verlag war dazu ausersehen mir mit einer hochdosierten Buchinfusion den Lesensmut wiederzugeben. Wahrlich eine RettungsInsel, die ich nun sehnsüchtig betrat. Auf gerade einmal 90 Seiten entwickelt Dominguez einen eigenen Mikrokosmos bibliophiler Leidenschaft und bereichert meine Lesereihe Bücher über Bücher um ein wertvolles kleines Kunstwerk.

Es kommt nicht auf die Länge einer Geschichte an. Das war mir schon immer klar. Es ist viel mehr entscheidend, was der Autor auf den wenigen Seiten mit seinen Lesern veranstaltet und in welche Welt er sie entführt. So kommt auch Dominguez sofort zur Sache. Wir werden Zeugen eines schrecklichen Unfalls, als die junge Literaturdozentin Bluma beim Lesen eines Gedichtbandes von Emily Dickinson überfahren wird. Womit erwiesen wäre, dass Bücher das Schicksal ihrer Leser verändern können.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Ihren Lehrstuhl in Cambridge übernimmt ein Kollege, der nicht nur die Liebe zur Literatur mit Bluma teilte, sondern auch das Bett. Als er kurz nach ihrer Beerdigung ein zerschundenes Buch erhält, in dem Bluma zwei Jahre vor ihrem Tod eine Widmung an einen unbekannten Mann hinterlassen hat, trifft er eine Entscheidung, die sein Leben verändert. Er reist nach Südamerika, um dem Absender die Nachricht von Blumas Tod und das völlig ramponierte und mit Mörtel verschmutzte Buch persönlich zu überbringen. Er kommt einem gewissen Carlos Brauer Schritt für Schritt näher und verstrickt sich dabei immer tiefer in das große Geheimnis eines Mannes, der zum Opfer seines Lesens wurde.

Privatbibliotheken, Ordnungssysteme, Kaufsucht, und bibliophiler Kontrollverlust kennzeichnen das Leben dieses geheimnisvollen Mannes. Platzmangel und ein schrecklicher Unfall führten letztlich dazu, dass er mit seinen Büchern verschwand. Kein Lebenszeichen wurde seither von ihm vernommen. Bis auf dieses völlig zerstörte Buch, dessen Geschichte eine große Parabel von der fatalen Liebe zur Literatur erzählt. Eine Geschichte, in der man sich selbst findet. Der Blick in einen literarischen Spiegel, der bewegend und erschreckend zugleich ist. Dominguez reichen die 90 Seiten völlig aus, uns in seinen buchigen Bann zu ziehen. Liebevolle Illustrationen machen diese kleine große Geschichte unvergesslich. Vielleicht können Menschen ja auch das Schicksal von Büchern verändern. Ein unverzichtbares Werk. Ein bibliophiler Genuss mit nachhaltiger Wirkung. Ganz besonders bei unheilbar erkrankten Buchsüchtigen.

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Das Papierhaus von Carlos Maria Dominguez

Ein Buch zum Lesen, Vorlesen, Zuhören und Nachdenken. Ich durfte das an einem magischen Nachmittag vorlesend erleben. Genießt das Leben im Papierhaus. Es wird die beste Entscheidung eures Lesens sein, diesem besonderen Werk eine Chance zu geben.

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