„In der Nacht hör´ ich die Sterne“ von Paola Peretti

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

140 Schritte…

Das ist die Entfernung zwischen der neunjährigen Malfalda und ihrem Baum. Auf diese Distanz kann sie den Kirschbaum gerade noch erkennen. Schemenhaft. Malfalda droht zu erblinden. Wie dichte Nebelschleier schieben sich große schwarze Flecken vor ihre Pupillen. Malfaldas Nebel heißt Stargardt-Nebel und wird immer dichter. Sie muss immer näher an Dinge herangehen, um sie noch zu erkennen. Sechs Monate geben ihr die Ärzte noch, bis die schwarzen Flecken das Augenlicht für immer verdunkeln. Schritt für Schritt wird die Distanz zwischen ihr und dem Baum geringer. Der Countdown ihres Sehens und Erkennens läuft unerbittlich ab. Malfalda wird bald erblinden…

100 Schritte

Die italienische Schriftstellerin Paola Peretti lebt mit diesem Countdown. Im Alter von 17 Jahren wurde bei ihr der Morbus Stargadt diagnostiziert, eine ererbte Form der Makula-Degeneration. Seitdem weiß sie, dass es irgendwann unwiderruflich dunkel um sie herum wird. Heute, im Alter von etwas mehr als dreißig Jahren, muss auch sie sich den Menschen immer weiter annähern, um sie zu erkennen. Auch sie muss die Distanz verringern. Auch Ihr Sehen spielt sich im Countdown der abnehmenden Entfernung ab. Wer, wenn nicht Paola Peretti, kann sich also besser in Malfalda hineinversetzen? Wer könnte einen Roman über ein erblindendes Mädchen besser schreiben als sie? Wer ist in der Lage, Lesern dieses Gefühl der zunehmenden Verdunkelung näherzubringen?

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

80 Schritte…

In der Nacht hör´ ich die Sterne“ heißt der bewegende Roman von Paola Peretti, in dem sie uns an die Hand nimmt und die Distanz zur kleinen Malfalda verringert. Wir müssen ganz nah an Menschen herangehen, um sie zu erkennen. Nicht das Äußere ist hier von Bedeutung. Nur die Nähe lässt uns erkennen mit wem wir es tun haben. Paola Peretti schärft unsere Sinne für ein Mädchen, dem einer der wichtigsten Sinne verloren geht. Wir werden Wegbegleiter eines dramatischen irreversiblen Countdowns und sind doch zumeist selbst blind für das Schicksal anderer Menschen. Empathie ist die zentral angelegte Botschaft dieses Romans, der so viel mehr ist, als nur ein Roman.

60 Schritte…

Wenn wir Malfalda folgen, erleben wir ihre verzweifelte Suche nach den wichtigen Dingen im Leben, die sie noch so gerne erleben möchte, solange sie sieht. Wir erleben, wie sie Listen befüllt, Wünsche formuliert und diese verwirft, wenn sie mal wieder einer Realität ins Auge blicken muss, die sich nebulös vor ihr entfaltet. Wir erkennen mit ihr, dass die Suche nach wahren Freunden, die sogar bereit sind, die Dunkelheit zu teilen von elementarer Wichtigkeit ist. Und wir lernen den jungen Filippo kennen, der sich gut vor den Augen seiner Mitmenschen zu verbergen weiß, der in der Tiefe seines Herzens jedoch der perfekte Freund für Malfalda wird. Wir treffen auf Menschen, die ihr den Tag erleichtern. Selbstlos und selbstverständlich. Sie setzen die Maßstäbe, wie Verständnis und Hilfe aussehen kann.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

40 Schritte…

Malfalda heilt uns von unserer sozialen Blindheit. Sie zeigt uns auf, wie man gegen Dunkelheit ankämpfen kann. Sie spielt mit Metaphern und Bildern, die sich tief in unser Lesen einbrennen. Sie fokussiert, was doch eigentlich zu verschwimmen droht. Und sie zeigt auf, wie wichtig die Literatur sein kann, wenn man nach Halt sucht. Ohne Antoine de Saint-Exupéry könnte Malfalda nicht leben, weil „Der kleine Prinz“ ihr vorlebt, was für sie zur Selbstverständlichkeit werden wird. Hier wird der Roman zur Hommage, zur Liebeserklärung an den kleinen Prinzen, weil wir an der Seite von Malfalda auf ein Zitat stoßen, das erstmalig in dieser Tragweite greifbar wird.

„Hier ist mein Geheimnis. Es ist sehr einfach. Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unverzichtbar.“

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

20 Schritte… 

Ein großer Roman und wichtiger Roman, der zum wahren Sehtest für unser Herz wird. Ich habe mich mit diesem Roman aufs freie Feld begeben. Ich habe schrittweise die Distanz zu einem Baum verringert, um mich in Malfalda hineinversetzen zu können. Ich habe eine Liste der wichtigsten Dinge verfasst, die ich noch gerne sehen würde. Ich habe mir überlegt, wie man Menschen in solchen Situationen helfen kann und ich habe den kleinen Prinzen neben „In der Nacht hör` ich die Sterne“ gelegt, weil beide Bücher einfach zusammengehören. Ich habe mit Malfalda gelitten, gehofft und Kraft geschöpft. Ich kann Euch dieses Buch und seine gelungene Hörbuchfassung nur ans Herz legen.

Ein Hörbuch von Der Audio Verlag, bei dem es der Sprecherin Jodie Alhorn gelingt, die Distanz zwischen uns und der Geschichte mit jedem brillant betonten Satz immer weiter zu verringern, bis wir in ihrem Kern ankommen. Brillant gelesen. Malfalda lebt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

10 Schritte…

Und doch stört mich eines an diesem Roman. Es ist der deutsche Titel, der im Buch keine Entsprechung findet. Der italienische Originaltitel heißt „La distanza tra me e il ciliegio”. Die Distanz zwischen mir und dem Kirschbaum. Dem wurde auch in der englischen Fassung entsprochen. Hier kommt der Buchtitel auf den Punkt und verleitet nicht zu der irrigen Annahme, wir hätten es gegebenenfalls mit einer Lovestory zu tun. Lasst Euch vom Titel nicht abschrecken. Verringert die Distanz zwischen Euch und der Geschichte. Lasst sie zu. Dann werdet Ihr feststellen, dass Paola Perettti einer großen und relevanten Geschichte dazu verholfen hat, das Licht dieser Welt zu erblicken, weil sie den Stargardt-Nebel durchstößt.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti

1 Schritt…

… trennte mich von Paola Peretti. Ich begegnete ihr auf der Frankfurter Buchmesse, erlebte eine sehr lebenslustige und sympathische Autorin und sah doch ganz tief in ihr die kleine Malfalda verborgen, über die sie so bewegend schrieb. Sie brauchte Distanz zu ihrer Protagonistin, um letztlich auch über sich selbst erzählen zu können. Sie fand den Abstand im großen Altersunterschied. Diese Distanz schwindet von Seite zu Seite. Wir realisieren mit sehenden Augen, welche Geschichte sich hier wirklich Bahn bricht. Das macht sie umso bemerkenswerter und wichtiger für unser Lesen.

0 Schritte…

… trennten mich am Ende der Begegnung von Paola Peretti. Ich schenkte ihr eine meiner kleinen Büchereulen. Doch diesmal suchte das Eulchen nicht nach einer neuen Hüterin, sondern versprach, mit ihren scharfen Eulenaugen fortan auf Paola Peretti zu achten. Rosali ist in guten Händen, wie man auf den Bildern sehen kann. Sie hat dazu beigetragen, dass die Distanz zwischen der Autorin und mir sich gänzlich auflöste. Für mich der schönste Moment der Frankfurter Buchmesse 2018. Jetzt fliegt zum nächsten Buch und passt auf Euch auf! Danke für diese Begegnung, Stefanie Broller, dtv und Paola.

In der Nacht hör` ich die Sterne von Paola Peretti