„Heimkehren“ von Yaa Gyasi – Lesen und Hören

Heimkehren von Yaa Gyasi – AstroLibrium

Sklaverei bezeichnet den Zustand, in dem Menschen auf gesetzlicher Grundlage vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt werden. Trifft das zu? Ist diese Definition richtig, wenn wir die Geschichte der Versklavung menschlichen Lebens betrachten oder muss man sogar einen Schritt weiter gehen? Reicht die Macht der Sklavenhalter nicht sogar über das Leben der versklavten Person hinaus und damit sogar bis in die Generationen hinein, die eigentlich nicht mehr in Ketten liegen? Das ist eine Frage, die nur dort beantwortet werden kann, wo die Herkunft der meisten Sklaven zu finden ist. Dort, wo sich ganze Gesellschaften mit Arbeitskräften versorgt haben und die Sklaverei gleichzeitig zum legalen Wirtschaftsmodell erhoben. In Afrika.

Ist es möglich, frei zu sein, frei zu werden und die Freiheit zu behalten, wenn man allein durch die Hautfarbe und die leidvolle Vergangenheit das Stigma der Sklaverei mit sich trägt? Können Schwarze in einer Welt der Weißen darauf hoffen, anders gesehen zu werden als mit der Brille des Rassismus und wie geht man als Betroffener damit um, sich nie wieder von Ketten befreien zu können, die vor Generationen bereits gesprengt wurden? Ta-Nehesi Coates hat das in seinem offenen Brief an seinen Sohn unter dem Titel „Zwischen mir und der Welt“ aus der Perspektive eines schwarzen Vaters im von Rassismus geprägten Amerika unserer Tage beschrieben. Flucht ist unmöglich. Frei ist man nie und allein die Hautfarbe definiert noch heute den gesellschaftlichen Status der Nachfahren von versklavten Generationen.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie hat sich dieses Menschheitsbild entwickelt? Wie haben die Betroffenen und die Generationen nach ihnen dies erlebt und gefühlt? Fragen, die nicht unbeantwortet und unerhört bleiben müssen, wenn man den neuen Stimmen aus Afrika folgt. Autoren, die jenen eine Stimme geben, die stimmlos miterleben mussten, wie sie entrechtet wurden. Stimmen, die artikulieren, dass die Generationen nach der Befreiung jene unsichtbaren Ketten der Sklaverei noch immer tragen, spüren und fühlen. Stimmen, denen wir heute zuhören sollten. Es sind lautstarke Stimmen, die aufrütteln und die Welt verändern oder zumindest ein wenig zurechtrücken können. Es sind Schriftstellerinnen, wie Yaa Gyasi, die uns mit Geschichten konfrontieren, die man einfach an sich heranlassen muss.

Heimkehren ist eine solche Geschichte. Das Debüt der 1989 in Ghana geborenen und im Süden der USA aufgewachsenen Schriftstellerin Yaa Gyasa gehört zu den wohl aufsehenerregendsten literarischen Auseinandersetzungen mit der Sklaverei und ihren Folgen. Der Roman ist in seiner gebundenen Fassung im DuMont Buchverlag und als Hörbuchproduktion bei Der Audio Verlag erschienen. Ich habe gehört und gelesen, bin in eine längst vergangene Welt eingetaucht und habe aus verschiedenen Perspektiven erleben dürfen, was es bedeutet versklavt zu sein und was es nicht bedeutet, befreit zu werden. Dieser Roman hat mich in Ketten gelegt und wird mich nicht mehr in ein Leben entlassen, das so ist, wie es vorher war.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Wie stellt sie dies an? Wie erreicht Yaa Gyasi ihre Leser? Was unterscheidet diese Geschichte von anderen Romanen über die Geschichte der Sklaverei? Vielleicht ist es gar keine Geschichte der Sklaverei, die hier erzählt wird. Vielleicht ist es viel eher eine Geschichte von Menschen, ihren individuellen Lebenswegen und der Vorbestimmung, die sie zeitlebens verfolgt. Es ist eine Geschichte zweier Familien, die 1764 in Ghana beginnt. Es ist die Geschichte der Schwestern Effia und Esi, die sich nie begegnen und deren Lebenswege unterschiedlicher nicht verlaufen könnten. Es sind die Geschichten ihrer Nachkommen, die ihre Brücken bis in unsere Zeit schlagen. 14 Perspektiven sind es, denen Yaa Gyasi ganz eigene Stimmen verleiht. Sieben Generationen dieses ganz besonderen Stammbaums zeugen davon, dass man sich niemals von den Wurzeln der eigenen Familie trennen kann. So sehr man dies auch versucht.

Diese mosaikartige Konstruktion macht diesen Roman so greifbar, da er keine in sich geschlossene Geschichte erzählt. Es sind vierzehn einzelne Lebenswege, die sich uns erschließen und nur wir Leser wissen, was keiner der Protagonisten ahnt. Nur wir haben das Ganze im Blick. Wir sehen beide Äste des Stammbaums und erkennen die Wurzeln, Motive und Charaktere, die sich so sehr bedingen. Es sind diese Menschen und ihre Familien, denen wir begegnen. Die Nachfahren der Geschwister Effia und Esi und damit zugleich Erben zweier Lebenswege, denen fortan niemand mehr entrinnen kann. Effia, die als junges Mädchen mit einem englischen Offizier verheiratet wird und Esi, die zur gleichen Zeit versklavt wird. Zwei Wege, die das Leben ihrer Nachkommen bis in unsere Zeit definieren.

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Heimkehren von Yaa Gyasi

Es gibt also einen Familienzweig der freien Menschen, der sich schnell als fatal und ebenso wenig frei herausstellt, wie der Familienzweig, der in Sklaverei versinkt. Effia ist nur ein Spielzeug für den englischen Kolonial-Offizier. Seine schwarze Dirne, während er in England standesgemäß verheiratet ist. Damit reiht sich Effia in die Schlange jener Frauen ein, die den weißen Herren zu Diensten waren und deren illegale Kinder nur als Bastarde und Mischlinge zu sehen waren. Und doch meint es das Schicksal gut. Effias Sohn wird von seinem Vater anerkannt, nach England geschickt, ausgebildet und kehrt in seine Heimat Ghana zurück. Effias Sohn soll seinem Vater nachfolgen. Aus einem Kind Ghanas soll ein britischer Sklavenhändler werden.

Während Effia in der trügerischen Sicherheit einer Dirne lebt und dabei doch mehr Gefühle ins Spiel kommen, als je vermutet, liegt im Hafen ein Frachtschiff vor Anker, in dessen Rumpf sich Sklaven stapeln. Mitten unter ihnen, Esi, die Schwester Effias. Hier betreten wir mit Yaa Gyasi die abscheuliche und mehr als ekelhafte Welt des Handelns mit Menschen. Hier beginnt der Leidensweg von dem sich auch die Nachfahren Esis nie wieder befreien können. Hier macht die Autorin klar, was es bedeutet, in Sklaverei geboren zu werden und wie unmöglich es scheint, dieses Stigma abzulegen. Die Zeit heilt keine Wunden. Der amerikanische Bürgerkrieg nicht, John F. Kennedy nicht und keine noch so aufgeklärte Epoche danach. Hier entspricht der Roman in seinem Kern den Aussagen von Ta-Nehisi Coates. Freiheit schmeckt anders.

Heimkehren von Yaa Gyasi

Folgen Sie Yaa Gyasi auf einen Streifzug durch sieben Generationen, erleiden Sie Ungerechtigkeiten ohne Beispiel, werden Sie zu Hoffnungsträgern einer Generation im Kampf gegen Vorurteile. Und erleben Sie, wie sich diese Lebenswege immer wieder zu kreuzen scheinen, ohne sich zu begegnen. Alles kehrt zurück zu seinen Wurzeln, alles folgt einer Bestimmung und afrikanische Legenden von Feuerfrauen erzählen nicht nur hohle Floskeln, sondern gehen tiefer. „Heimkehren“ ist ein außergewöhnliches Buch, das uns selbst verleitet, einen neugierigen Blick in unseren Stammbaum zu werfen. Wo hat alles angefangen, warum bin ich der, der ich bin und welchen Weg habe ich selbst gewählt? Fragen, die unabhängig von unserer Hautfarbe von unseren Vorfahren selbst beantwortet werden könnte. Schade, dass sie schweigen…

Ich habe „Heimkehren“ nicht nur gelesen, sondern hauptsächlich gehört. Hier ist eine Hörbuchproduktion gelungen, die genau diesem Buch die Krone aufsetzt. Es sind vierzehn prominente Sprecher und Sprecherinnen, denen es nicht nur gelingt, uns die Geschichte näherzubringen, sondern ihr eine solch tiefe Individualität zu verleihen, die sich ins Gedächtnis einbrennt. Hier werden es vierzehn Charaktere mit eigener Stimme und mit eigenen Gefühlen, die uns an die Hand nehmen und durch schöne, aber eben auch grausame Zeiten führen. Großes Kino für Herz und Verstand. Alle Sprecher legen alles in diese Charaktere. Allein jedoch Jule Böwe (die für mich immer Julia sein wird, die Tochter von „Augustus“ von John Williams) als Esi, das Frachtstück an Bord eines Sklavenschiffes begleiten zu können, gehört für mich zu den emotionalsten Momenten, die ein Hörbuch vermitteln kann. Und Stefan Kaminski morpht sich mit seiner Stimme erneut in mein Hirn. Ein Hörbuch, das Maßstäbe setzt, und ein Roman, der Grenzen in unserem Verstand zu überschreiten vermag. So sehr empfehlenswert.

Heimkehren von Yaa Gyasi – Afrika und AstroLibrium

Afrika in der kleinen literarischen Sternwarte. Ein ganz eigener Lesekontinent.

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„Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von J.E. Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Rein literarisch gesehen habe ich eine sehr spezielle Theorie, welche Bücher man getrost vergessen darf. Es sind diejenigen Werke, die im Einerlei des oberflächlichen Erzählens weder durch Inhaltsreichtum, noch durch sprachliches Geschick bestechen. Dann wieder gibt es Bücher, die dem Leser in Erinnerung bleiben, weil zumindest eine dieser Komponenten im Text aufzuspüren war. Unvergessen brennen sich jedoch jene Romane in unser Lesegedächtnis ein, die mehr zu bieten haben, als man es gemeinhin erwarten darf.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ von José Eduardo Agualusa reiht sich gleich aus mehreren Gründen in den Reigen brillant erzählter und außergewöhnlich gut konstruierter Romane ein, die ihre Spuren beim Lesen hinterlassen. Darüber hinaus ist der Schauplatz der Geschichte so ungewöhnlich, neu und fast unentdeckt, dass man in jedem Kapitel Neuland betritt. Mir zumindest ging es so, was die Revolution in Angola betrifft. Ich musste mich rückversichern, in welcher Zeit diese Handlung angesiedelt ist und in welchem politischen Kontext man den Revolutionsbegriff zu verstehen hat. Hier stieß ich auf eine große Lücke in meinem Wissen. Neuland. Ich mag diese literarischen Pionierleistungen sehr, weil ich mich dann wie ein Entdecker fühle.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wir befinden uns in Angola und ich bin damit lesend zurück in Afrika. Der dunkle Kontinent hat mich in meiner Artikelreihe „Ich hatte einen Blog in Afrika“ schon häufig in eine für mich völlig fremde Welt entführt. Eines haben diese Bücher gemeinsam. Die tiefen Verletzungen einzelner afrikanischer Länder durch die Wunden, die europäische Kolonisatoren in das Land und die Menschen geschlagen haben, um hier Ausbeutung und Reichtum in Reinkultur zu zelebrieren. So auch in Angola. Zumindest bis zum Jahr 1974, als die Kolonialmacht nach der Nelkenrevolution im eigenen Land unversehens beschloss, allen Kolonien die Unabhängigkeit zu gewähren. Portugal zog sich zurück.

Und wie es uns die Geschichte lehrt folgt auf jede Revolution ein Vakuum, in dem die Neuverteilung der Macht hart umkämpft wird. So auch in Angola. Die Befreiung von den Kolonisatoren führte unmittelbar in einen Bürgerkrieg. Drei Parteien kämpften verbissen um die Vorherrschaft im eigenen Land und so brach 1975 das Chaos aus. In der Hauptstadt Luanda war niemand mehr seines Lebens sicher. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Motto, das seit der französischen Revolution zeitlos gültig blieb. Genau in diesen historischen Kontext platziert José Eduardo Agualusa seinen Roman, der in seinem Kern auf einer wahren Geschichte beruhen soll (auch wenn der Schriftsteller in aller Deutlichkeit die reine Fiktion der Handlung betont).

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Unkalkulierbare Gewalt, instabile Verhältnisse und keine Möglichkeit, Freund und Feind voneinander unterscheiden zu können. Das ist der Startpunkt der Geschichte. Ein Startpunkt, der die Portugiesin Ludovica Fernandes Mano dazu bringt, im Luanda des Bürgerkrieges unterzutauchen, bis die Luft rein ist. Nachdem sie den ersten Angriff auf ihre Wohnung abwehren konnte (mit einem tödlichen Blattschuss), zieht sie es vor, sich im obersten Stockwerk des Hochhauses, in dem sie lebt, einzumauern. Sie haben richtig gelesen. Ludovica zieht eine Mauer vor ihre Tür, beginnt die Dachterrasse in ein Biotop zu verwandeln, lebt von gefangenen Tauben und einer kleinen Hühnerzucht und verschwindet von der Bildfläche.

Den Bürgerkrieg beobachtet sie als Zaungast mit bester Aussicht. Verfolgung und Erschießungen sind an der Tagesordnung. Die Gewalt tobt in allen Straßen. Sicherheit findet Ludovica nur in ihren eigenen vier Wänden. Ein Zustand, an dem sie nichts mehr ändern möchte. Ihre Vergangenheit und die umkämpfte Gegenwart sorgen dafür, dass ihr selbst gewähltes Exil dreißig Jahre lang währt. Dreißig Jahre, die Ludos Dasein als Eremitin dauert. Eine Zeit, in der sie das Leben draußen nur in Radio-Ausschnitten und Gesprächsfetzen erlebt. Dreißig Jahre in denen sie Bücher verbrennt, um die Wohnung zu heizen. Jahrzehnte in der die reale Welt die klauen nicht mehr nach ihr ausstreckt.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Das hat etwas von Emma Donoghues „Raum“. Die Innenperspektive, die in beiden Fällen durch äußere Gewalt verursacht wird, lässt in der dramatischen Abkapslung von der realen Welt Parallelen erkennen, nur ist Ludo ihre eigene Gefangene im Gefängnis ihrer Wahl. Und doch vergleicht man beide Perspektiven, die Ängste und letztlich denkt man immer wieder an den Tag, an dem die Mauern fallen. Mit welcher Wucht bricht das Leben dann in den Stillstand ein? Wie kann man das verkraften. Ludovica beginnt ihre Wände wie ein Tagebuch zu beschreiben. Sehnsuchtstexte allesamt.

Der besondere Reiz dieses Romans liegt darin begründet, dass Ludovica die Welt verändert, ohne dies überhaupt zu bemerken. Sie tritt Ereignisse los, die unkontrollierte Folgen nach sich ziehen. Sie beobachtet passiv, ohne zu ahnen, dass sie in das Leben anderer Menschen in Luanda extrem eingreift. Hier fliegt uns diese Geschichte wie eine gebratene Taube in den Mund, da alles mit Tauben beginnt. Womit auch sonst, sind es doch die Ratten der Lüfte, die für Ludo überlebenswichtig sind. Wenn sie eine Taube in einer Falle fängt, dann genau die Brieftaube mit einer wichtigen Botschaft am Bein.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens – José Eduardo Agualusa

Wenn sie eine Taube erfolglos anzulocken versucht, indem sie das Tier mit kleinen leuchtenden Steinen ködert, dann verwendet sie Diamanten. Einmal aufgepickt und in die Freiheit entschwunden, beschenkt diese Taube ahnungslose Menschen mit einem unermesslichen Reichtum. Und so werden wir in diesem Buch zu Zeugen einer Zeit, in der ein ganzes Land am Rad dreht. Opfer und Täter begegnen einander mehrfach und in ganz unterschiedlichen Rollen. Gefangene und Wärter werden angesichts der Gewalt fast zeitgleich miteinander verrückt. Polizisten leiden an der Angst, nicht vergessen zu werden. Identitäten werden gewechselt, Erschossene sterben mehrfach und das Haus der Bescheidenen, in dem Ludo lebt, ist das Auge im Orkan des Sturms der Zeit.

José Eduardo Agualusa fabuliert meisterlich. Nichts steht in dieser Geschichte nur für sich allein. Alle Handlungsfäden sind miteinander verwoben. Jede kleine Handlung ist in der Lage, eine Welle von Ereignissen loszutreten, die unkalkulierbare Folgen hat. Solche Geschichten schreibt nur das Leben, oder eben ein großartiger Autor. Am Ende fällt die Mauer. Am Ende des Lesens konfrontiert uns der Autor mit den Wahrheiten der Geschichte. Am Ende steht Ludovica den Menschen gegenüber, deren Leben sie ganz unbewusst verändert hat. „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“ wird in diesem Schlussakkord zur Präambel eines Romans, den man nicht so schnell vergessen wird.

Nach Angola führt mich mein Weg nach Ghana….

[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

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Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

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Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AtrolibriumIch hatte einen Blog in Afrika - Eine Artikelserie

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie

„Sag nicht, dass du Angst hast“ – Eine wahre Geschichte

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Ich hatte einen Blog in Afrika. Unter dieser Überschrift startete vor einigen Monaten meine Lesereise in den Dunklen Kontinent, dessen Bilder noch heute vom kolonialen Wahnsinn geprägt sind, den wir Europäer im Wettstreit um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt verursacht haben. Der Kontrast zur romantisch verklärten Welt einer Tania Blixen oder ihrer Zeitgenossin Beryl Markham zu den Ureinwohnern von Kenia könnte schärfer nicht sein.

Eine gehörige Portion Alltagsrassismus schwingt mit, wenn wir zurückblicken und uns die Menschen vor Augen führen, um die es in den Büchern dieser beiden Frauen kaum, oder nur ganz am Rande ging. Der eigene Wohlstand, das eigene unbeschwerte Leben, Luxus und Safaris, sowie die eigenen Träume standen immer im Vordergrund. Dazu brauchte man „Personal“. Und erst wenn die Luft dünner wurde, war man geneigt, sich ein wenig für diese Menschen einzusetzen. Erst dann. Für sie:

Afrikaner. Menschen aus Eritrea, Somalia, Kenia, Simbabwe und Ghana, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen. deren Verarmung europäische Methode war, um einen ganzen Kontinent auszuschlachten. Menschen, die auch heute noch nicht ganz in ihrem Land zuhause sind. Geknechtet, missbraucht, versklavt und oft nur als touristische Dekoration wahrgenommen. Die Rassentrennung lässt immer noch grüßen. Mandela ist tot.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Die Dritte Welt ist schwarz. Auch heute noch. Eine Welt, in der wir unsere Kriege führten und die doch gefälligst dort bleiben soll, wo wir sie fein sauber zurückgelassen haben. Oder eben gar nicht fein sauber. Als globale Müllhalde dient sie noch immer, als Billig-Lohnland allemal und unsere solare Energie können wir auch noch dort gewinnen. Na, geht doch. Ausbeutung geht auch ohne selbst im Land zu sein. Kolonien 2.0.

Und wenn es die Menschen geschafft hatten, sich nach langen Konflikten von ihren weißen „Bwanas und Memsahibs“ zu befreien, dann traf sie auch schon die nächste Keule. Korrupteste Regierungen, Diktatoren mit unstillbarem Machthunger, fehlgeleitete Entwicklungshilfe, Naturkatastrophen oder zu guter Letzt radikal-islamistische Milizen auf dem brutalen Weg zur Festigung ihrer eigenen Absolutheitsansprüche entwickelten auf dem ganzen Kontinent einen Flächenbrand nach dem anderen.

Die Opfer? Zumeist namenlos. In den Medien nur als dunkle Masse zu erahnen. In der ewigen Todesspirale zwischen Armut und Krieg, zwischen religiöser Unterdrückung und Vertreibung gefangen. Und wenn sich genau diese Menschen dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen, werden sie unter der Überschrift „Wirtschaftsflüchtlinge“ genau in den Ländern gebrandmarkt, denen sie ihre Armut zu verdanken haben.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Reiche Wirtschaftsnationen, die ihren eigenen Wohlstand der Ausbeutung Afrikas zu verdanken haben, errichten hohe Mauern um ihren Reichtum. Die Geschichte treibt oft ihre eigenen Stilblüten. Von den Opfern wollen wir erst recht nichts wissen. Und vor der eigenen Haustür wollen wir sie schon gar nicht haben. Das wäre ja noch schöner. Und wenn es unbedingt sein muss, dann sollte es schon bitte das Problem derjenigen sein, die ganz nah dran wohnen. Italien, Lampedusa, Lesbos. Da ist es doch schön sicher.

Ich sehe nichts, ich höre nichts, ich sage nichts. Ein sehr gutes Mantra, solange die Flüchtlinge nicht ins eigene Land strömen. In der Masse erkennt man keine Gesichter. In den absoluten Zahlen gehen Schicksale unter und wenn diese verschwinden, ist es für Mitgefühl zu spät. Sinkende Flüchtlingsboote und ertrinkende Menschen lassen einen kalt. Solange, bis man beginnt, die Geschichten zu erzählen. Bis man diesen Menschen in die Augen schaut und ihnen zuhört. Zumindest denjenigen unter ihnen, die ihre Flucht überlebt haben.

Sag nicht, dass du Angst hast ist eine solche Geschichte. Sie ist wahr. Sie erhebt nicht den Anspruch, für alle Flüchtlinge sprechen zu wollen. Sie verallgemeinert nicht und schwimmt allein schon dadurch gegen den Strom der Pauschalisierung, der allen Flüchtlingen wie eine Welle aus Gift ins Gesicht spritzt. Giuseppe Catozzella hat eine solche Geschichte aufgearbeitet. Er hat in aller Tiefe recherchiert, Verwandte befragt und Spuren gesichtet. Er hat sich einem Mädchen genähert, das wir heute nicht mehr fragen können. Samia Yusuf Omar.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Samia kam 1991 in Somalia zur Welt. Ihr Vater war Gemüsehändler und die Familie lebte, besonders nach dem Tod des Vaters, in ärmsten Verhältnissen. Ausweglos und ohne Perspektive könnte man wohl sagen, nicht jedoch Samia, die über eine besondere Begabung verfügte. Sie konnte so schnell laufen, wie kein zweites junges Mädchen der Stadt. Genau hier sah sie ihre reale Fluchtmöglichkeit. Leichtathletin zu werden und für ihr Land zu laufen. Für die Frauen ihres Landes, denen doch so vieles nicht möglich ist.

Hartes Training, gute Freunde und Förderer ermöglichten ihr die Verwirklichung des Traums ihres Lebens. Den Start bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Alles schien wie ein Traum. Sie war Fahnenträgerin ihres Landes. Sie lief ihre Paradedistanz, die 200 Meter und wurde bejubelt. Allerdings nicht weil sie gewann. Sie war schneller als jemals zuvor und erreichte das Ziel doch nur weit abgeschlagen als Letzte ihres Vorlaufes. Dem Publikum war das nicht egal. Dabeisein ist alles… und dieser Kampf wurde mit Standing Ovations belohnt. (Hier das Video dieses Laufes)

Zu wenig für Samia. Sie wollte gewinnen. Sie wollte zeigen, zu was eine echte Somali in der Lage ist. Sie wollte erneut starten. 2012 – London – das war ihr Ziel. Doch das Land hatte sich sehr verändert. Laufende Frauen? Undenkbar unter dem aufziehenden Machteinfluss der radikal-islamistischen Miliz Al Shabaab. Es folgten Repressalien gegen Samia und ihre Familie. Es folgten vermummte Trainings unter der Burka. Und es wurde immer gefährlicher für eine junge Frau, die doch nur laufen wollte. Für sich selbst und ihr eigenes Land.

Sag nicht, dass du Angst hast

Sag nicht, dass du Angst hast

Es folgt die Flucht zu Verwandten nach Äthiopien. Es folgt das lange Warten, ob sie zumindest dort starten kann. London rückt näher. Sie muss zuschauen, wenn sich nicht schnell etwas tut. Ihr fehlen Papiere. Ihr fehlt alles. Verzweifelt entschließt sie sich, auf eigene Faust nach Europa zu kommen und vertraut sich Schleppern an. Samia wird zum Teil eines unendlichen Flüchtlingsstroms. Unterstützt nur noch von ihrer Familie und ihrer Schwester, die bereits in Skandinavien lebt. Als sich ihre Spur verliert, beginnt man zu recherchieren. Ihren Weg nachzuzeichnen. Einen Weg, der nicht nur ihrer ist. Es ist der Weg, den so viele Menschen nehmen, die dann völlig entkräftet an unseren Grenzen ankommen.

Giuseppe Catozzella hat diesen Weg in seinem Report „Sag nicht, dass du Angst hast“ nachgezeichnet. Man sollte hart im Nehmen sein, wenn man sich auf ihre Spur begibt. Man sollte leidensfähig sein, wenn man neben ihr auf dem offenen Jeep durch die Sahara fährt. Man sollte die Gefühle unterdrücken können, wenn man die ständigen Erpressungen der Schlepper erlebt. Und man sollte nicht zu nah am Wasser gebaut haben, wenn man vor Lampedusa ankommt. Einer Insel, die Samia niemals erreichte.

London 2012… Ihre Bahn blieb leer.

Nein. Dieses Buch ist kein Buch über alle Flüchtlinge dieser Welt. Nein. Nicht alle Flüchtlinge wollen zu Olympischen Spielen und nein, das ist nicht repräsentativ. Und es ist ja nur eine einzige Geschichte, werden einige sagen.

Verflucht nochmal JA. Es ist eine Geschichte. Es ist die Geschichte eines Traums. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens auf der Flucht vor religiöser Unterdrückung. Es ist nur eine von unzähligen Geschichten, die für Träume stehen. Nicht für Flucht. Sie stehen für Ziele und Möglichkeiten, die uns offen stehen. Träume zeichnen uns aus.

Ich hatte einen Blog in Afrika - AstroLibrium

Ich hatte einen Blog in Afrika – AstroLibrium – Ein Klick führt zur Lesereise

Begleitet Samia nur ein stückweit auf ihrem Weg und blickt den Menschen in den Rettungsbooten in die Augen. Sie sind nicht alle Läufer – wahrlich nicht. Aber sie sind auf der Suche nach ihren Träumen und einem Leben in Sicherheit. Und wir sollten beides nicht verwehren.

Eine zweite literarische Begegnung mit Samia machte mich erneut sprachlos.Der Traum von Olympia, eine Graphic Novel von Reinhard Kleist, Carlsen Verlag, nähert sich ihrer Geschichte auf ganz besondere Art und Weise… Hier weiterlesen.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Diese Rezension steht gegen jede Form der Verallgemeinerung. Sie stellt nur den Versuch dar, ebenso wie das Buch, das Augenmerk auf ein einzelnes Schicksal zu werfen. Ebenso wenig sind das Buch oder mein Artikel intellektuelle Freibriefe für Menschen, die in unserem Land Schutz suchen und die Gastfreundschaft oder Hilfsbereitschaft missbrauchen.

Differenziert möchte ich das kontroverse Thema reflektieren. Nicht vorverurteilen, nicht pauschal freisprechen. Geben wir jenen eine Chance, die es auch ehrlich mit uns meinen. Das ist die Herausforderung für die Zukunft. Das muss eine moderne Gesellschaft leisten können. Wir sind Teil dieser Zukunft.

Schaut Euch doch einfach an, wie diese Zukunft gestaltet werden kann. Yvonne hat diesem Thema auf ihrem LiteraturBlog Lesende Samtpfote ein eigenes Projekt gewidmet.

Blogger für Flüchtlinge - Zur Homepage

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Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain - AstroLibrium

Lady Africa von Paula McLain – AstroLibrium

„Miwanzo ist das Suaheliwort für Anfänge. Aber manchmal muss erst alles enden und jedes Licht zischend erlöschen, und man muss den Boden unter den Füßen verlieren, ehe man wirklich etwas Neues beginnen kann.“

Ein Zitat, wie in Stein gemeißelt und große Worte, die das Leben einer besonderen Frau, die zu einer besonderen Zeit auf einem besonderen Kontinent lebte, so treffend charakterisieren. Beryl Markham hat ihre Spuren in der Geschichte hinterlassen und doch benötigte sie so viele erloschene Lichter und Neuanfänge, um zu sich selbst zu finden. Die Bücher berichten noch heute über ihre Leistung als Pionierin der Lüfte. Als erster Mensch überfolg sie im September 1936 von England aus den Atlantik nonstop in Ost-West-Richtung. Eine Meisterleistung für die sie seither bewundert wird.

Wie sie dieses Durchhaltevermögen, die Zähigkeit und die Leidenschaft erlangte, eine solche Leistung zu vollbringen, entzieht sich jedoch der breiten Öffentlichkeit. Erst wenn man sich auf ihre Spur begibt, ihrem Leben folgt und dann in ihrer Biografie über Namen stolpert, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, beginnt man zu ahnen, mit wem man es zu tun hat, wenn man den Namen Beryl Markham ausspricht. Es ist weniger die Fliegerei, die ihr Leben dominiert. Es ist Afrika. Ein Kontinent, der sie prägte, verletzte, erlöste, zerstörte und befreite. Ihr endlos weites Afrika der erloschenen Feuer und lichthellen Anfänge.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Ein Afrika, das ihr nicht allein gehörte. Sie musste es teilen, sich ausliefern, anlehnen und lernen. Sie musste Vertrauen erwerben, investieren und Grenzen überwinden, die ihr allein schon aufgrund ihres Geschlechts gesteckt waren. Sie wuchs als Tochter von Pferdezüchtern in Kenia auf und hatte Land und Natur tiefer in sich aufgenommen als irgendeine Europäerin in dieser Zeit. Beryl war ein Kind Afrikas. Nicht mehr und nicht weniger. Sie war so wild wie das Land, facettenreich wie die Farben Nairobis aber eines war sie nie: Frei.

„Ich lernte beobachten, lernte auch, mich anderen Händen anzuvertrauen. Und ich lernte es, auf Wanderschaft zu gehen. Ich lernte, was jedes träumende Kind wissen muss – dass kein Horizont zu weit ist, um bis zu ihm und über ihn hinaus vorzustoßen. Diese Dinge lernte ich sofort.

Die meisten jedoch fielen mir schwerer.“

Lady Africa“ von Paula McLain (Aufbau Verlag) ist zugleich die aufrichtige Hommage und warmherzige Annäherung einer Autorin an eine Frau, deren Weg zur Lady mehr als dornig und gefährlich war. Ein Weg, der sie verzweifeln ließ und mehrfach wie eine Einbahnstraße ohne Perspektive wirkte. Ein Weg, der vom Scheitern ebenso bestimmt war, wie von der unglücklichen Liebe zu einem Mann, in den man sich nur unglücklich verlieben konnte. Paula McLain schreibt uns in ihrem neuen Buch nach Afrika und wagt dabei sehr viel, da sie uns in eine Zeit und eine Szenerie versetzt, die wir nur allzu gut kennen. Sie bringt uns nach Hause – Jenseits von Afrika.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

Es ist das Afrika der frühen 1920er und 1930er Jahre. Das Afrika von Tania Blixen und Denys Finch Hatton. Im Gegensatz zu ihnen jedoch ist Beryl hier aufgewachsen und eins geworden mit den Menschen und Tieren des Landes. Sie ist nicht reich, lebt nicht in einer Villa und gehört nicht zur sogenannten Society unter den Kolonialherren. Sie überzeugt durch ihre Arbeit und geht eigene Wege. Als erste lizensierte weibliche Pferdetrainerin macht sie von sich Reden. In den Fußstapfen ihres Vaters versucht sie sich ein eigenes Leben aufzubauen, nachdem sie schon als junges Mädchen unverliebt heiraten musste, um überhaupt im Land bleiben zu können, nachdem ihre Eltern völlig abgebrannt alles verkaufen mussten.

Unverliebt bleibt sie, bis eine einzige Begegnung ihr Leben von heute auf morgen nachhaltig verändert. Und damit steht sie, wie wir als Kenner des Lebensberichts von Tania Blixen Jenseits von Afrika nur zu gut wissen, nicht allein. Denys Finch Hatton wäscht nicht nur die Haare verheirateter dänischer Ladies, er verdreht auch der jungen Beryl den Kopf. Für alle Zeiten. Paula McLain bringt uns zurück an den Fuß der Ngong Berge und erzählt aus einer völlig neuen Perspektive auch die Geschichte von Tania Blixen und bietet damit eine neue Sicht auf ein tragisches Leben, das uns in Buch und Film so sehr berührte. „Lady Africa“ ist eine literarische Heimkehr.

Doch in Denys trifft Beryl auf einen Mann, der sein Geld als Großwildjäger verdient, Afrika als sein eigenes Biotop betrachtet und alles sucht, nur keine Bindungen oder Verpflichtungen. Seine Freiheit ist ihm heilig. Seine unbändiger Wille, am Ende seines Lebens nicht am Ende des Lebensweges eines anderen Menschen zu enden ist sein Mantra. Daran scheiterte bereits Tania Blixen und auch die Gefühle von Beryl Markham scheinen daran zugrunde zu gehen. Er nimmt sie mit auf einen seiner Flüge über Afrika und entfacht in ihr die Leidenschaft fürs Fliegen. Das Einzige, was ihr von ihm bleiben sollte.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Beinahe zehn Jahre hatte ich mir das hier gewünscht… genau das. Denys las weiter, seine Stimme hob und senkte sich, während ein Nachtfalter, der sich in den Vorhängen verfangen hatte, für einen Moment den Kampf aufgab und merkte, dass er frei war.“

Paula McLain hat mit ihrem Buch „Madame Hemingway bereits mit einer starken Charakterstudie überzeugt, in „Lady Africa“ ist sie aus meiner Sicht noch tiefer in die Frau eingetaucht, über die sie schreibt. Angst, Liebe und Verzweiflung werden spürbar und die Natur der Traumlandschaft baut sich spielerisch vor dem geistigen Auge des Lesers auf. Und doch ist es ein großes Wagnis, genau diese Geschichte zu erzählen, so wie jede Heimkehr an einen bekannten Ort ein Wagnis ist. Sie beschreibt Menschen und Orte, die wir kennen, sie beschreibt Gefühle, die wir bereits aus der Sicht von Tania Blixen erlesen durften und sie erzählt von einem Land, das wir aus dieser Phase seiner Geschichte so greifbar und fühlbar verinnerlicht haben.

Und doch gelingt es Paula McLain eine eigene Geschichte zu erzählen, die uns ein lang ersehntes Fenster in unser vergangenes Lesen öffnet. Sie scheint Beryl Markham nachzuleben, sie empathisch zu denken und zu fühlen. Und genau mit diesem Roman erweist sie der Frau, über die sie hier schreibt den wohl größten Liebesdienst, den eine Autorin erweisen kann. Das eigene Buch von Beryl Markham über ihre Zeit in Afrika „Westwärts mit der Nacht“ stand immer im Schatten der Erzählung von Tania Blixen. Es ist nicht mehr erhältlich und durch „Lady Africa“ bringt Paula McLain eine verlorene Geschichte in brillanter Form ins Gedächtnis der Leser.

Lady Africa von Paula McLain

Lady Africa von Paula McLain

„Westwärts mit der Nacht“ ist Teil meiner kleinen Afrika-Bibliothek und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Paula McLain ihre Protagonistin so gezeichnet hat, dass es Beryl selbst heute gefallen würde, wie wir sie kennenlernen dürfen. Ihr eigenes Buch ist brillant zu lesen. Es ist unendlich weit, wo Tania Blixen ihren Fokus auf Details richtet. Es ist offen und Beryl schreibt mehr als direkt über ihre unglückliche Liebe, das Leben und ihre Leidenschaft für einen Kontinent, der ihr letztlich die Flügel verlieh, um über den Atlantik zu fliegen.

Lady Africa“ ist ein biografischer Roman von Format. Er brilliert mit den Momenten des Wiedererkennens und überzeugt durch seine frische Perspektive des Neuerlebens. Für Liebhaber von Tania Blixen ein MUSS. Für Freunde großer Gefühle unverzichtbar und für alle Fans des Films „Out of Africa“, die den Absturz von Denys Finch Hatton niemals ganz verwunden haben, eine wundervolle Liebeserklärung an einen Mann, der vor den ihm zufliegenden Herzen davonflog.

„Die Dornbäume kannten weder Kummer noch Angst. Die Sternbilder kämpften nicht oder hielten sich zurück, ebenso wenig wie die milchig schimmernde Mondsichel. Alles war vorübergehend und endlos zugleich. Diese Zeit mit Denys würde verblassen und für immer andauern.“

Beryl Markham - Westwärts mit der Nacht

Beryl Markham – Westwärts mit der Nacht – Ein Zitat über Denys Finch Hatton

Folgen Sie meiner Artikelserie unter der Überschrift Ich hatte einen Blog in Afrika und spannen Sie mit mir einen literarischen Bogen, der im kolonialen Afrika beginnt und bei Flüchtlingen endet, die vor Lampedusa ertrinken. Romane, Biografien, Reportagen und Kinderbücher sollen zeigen, wie Afrika heute in der Literatur wahrgenommen wird.

Lesen Sie gut.

Und wer das Buch noch bei Tageslicht anschauen möchte, der sollte bei Heike auf Irve liest vorbeischauen.Sie hat Beryl in ihrem Blogbiotop ein warmes Zuhause gegeben.

Ich hatte einen Blog in Afrika - Eine Leserreise

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Leserreise

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