DER STORE von Rob Hart

DER STORE von Rob Hart - AstroLibrium

DER STORE von Rob Hart

Ein Barcode als Buch- und Hörbuchcover? Sieht so aus. Zumindest auf den ersten Blick. Wären da nicht die schwarzen Strichcode-Balken, die in hilfesuchende, flehende Hände münden. Der Hintergrund erweckt den Eindruck, man hätte es mit einem Paket zu tun, das nur noch schnell eingescannt werden muss und dann versandfertig ist. Ein auffällig roter und doch schlichter Schriftzug, der Autor und Titel mit Namen nennt. Und schon ist eines der wohl ungewöhnlichsten Buchpakete des Jahres gepackt. Bereit, um gelesen oder gehört zu werden. „DER STORE“ von Rob Hart. Dystopisch, visionär und weltverändernd. Eine brillante Story, die uns das Gefühl gibt, bereits in der Zukunft der „Cloud“ angelangt zu sein, die den Weltmarkt dominiert…

Rob Hart entwirft ein Zukunftsszenario, das uns nicht fremd erscheint. Eigentlich kann es nur noch ein paar Jahre dauern, bis wir soweit sind. Die Basis für die Story ist schon heute gelegt. Es fühlt sich nicht unglaublich oder utopisch an, was wir hier lesen oder hören dürfen. Das macht diesen Roman so bedrohlich. Die Ähnlichkeit des Online- Weltmarktführers in dieser Story mit einem bereits heute schon dominanten Konzern ist sicher nicht zufällig und unbeabsichtigt. Rob Hart dreht nur an den Stellschrauben einer Entwicklung und gewährt uns einen Blick in die Versandhauswelt in ein paar Jahren. In jeder Beziehung plausibel und nachvollziehbar. Und spätestens, wenn wir das nächste Päckchen vom großen „A“ geliefert bekommen, läuft es uns kalt den Rücken herunter. Versprochen.

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DER STORE von Rob Hart

Die Welt, die Rob Hart uns zu Füßen legt ist der wahre Traum. Also zumindest, wenn man Mitarbeiter im „Cloud-System“ ist. Der weltweit größte Online-Store ist nicht nur in jeder Hinsicht ein Traum für die Kunden, da er alles, wirklich alles, immer, wirklich zu jeder Zeit und zu unschlagbar günstigen Preisen frei Haus liefert. DER STORE ist auch der ideale Arbeitsplatz, weil sich das globale Unternehmen dem Wohl seiner Mitarbeiter verschrieben hat. Gibson Wells hat Großes geleistet. Er blickt am Ende seines Lebens auf eine wahre Pionierleistung des Unternehmertums zurück. Er hat nicht nur die Cloud geschaffen. Er hat nicht nur Warenströme monopolisiert. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass Menschen jederzeit von Cloud-Drohnen beliefert werden können. Nein. Er hat viel mehr geleistet.

Die Klimapolitik verdankt ihm innovative Impulse. Er hat hier nicht nur das Pendeln seiner Mitarbeiter abgeschafft. Nein. Er lässt sie nicht nur in den Mother-Clouds, in den großen Zentren seines Imperiums wohnen und leben. Er hat zahllose Arbeitsplätze aus dem Boden gestampft, weil er den Menschen im Arbeitsprozess nicht durch Maschinen ersetzt hat. Bei ihm gibt es lebendige Verpacker und Sortierer. Berufe, die heute schon fast ausgestorben sind. Gibson Wells ist der Gegenpol zur Digitalisierung der Arbeit. In seinem Konzern arbeitet der Mensch. Er lebt an seinem Arbeitsplatz, wird dort versorgt und mit allem Lebensnotwendigem ausgestattet. Ein wahrer Traum. Sollte man meinen. Gäbe es da nicht zwei Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen den Tests in einer Mother-Cloud unterziehen, um von Gibson Wells angestellt zu werden. Sie haben gute Gründe für ihre Bewerbung.

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Während der Firmenpatriarch sich auf seine Farewell-Tour begibt, bevor er seinen Nachfolger bekanntgibt, schleichen sich zwei ungleiche neue Mitarbeiter ein, um seiner Lebensleistung ein Ende zu setzen. Aber warum? Wozu den wahren Wohltäter der Zeit sabotieren? Ist doch alles prima und den Menschen geht es besser, als je zuvor. Nunja. Auf den ersten Blick. Diese Wahrnehmung kann sich jedoch schlagartig ändern. Durch die Anwesenheit von Zinnia und Paxton kommen ungewohnte Perspektiven aus dem Inneren des STORE ans Tageslicht. Zwei Undercover-Mitarbeiter mit unterschiedlichen Motivationen und Zielen finden zueinander und scheinen ihre Kräfte zu bündeln. Zinnia folgt einem Auftrag von außen. Paxton folgt einer persönlich motivierten Mission. Beide sind durch ihre Rollen als Verpackerin und Security-Mitarbeiter gut getarnt.

Rob Hart entwickelt einen spannenden Plot, in dem er zwei einsame Wölfe zu einem kleinen Rudel vereint, das als Systemsprenger fungiert. Können sie einander vertrauen und finden sie ihren Weg durch das komplexe System der Cloud? Was passiert, wenn ihre Pläne greifen? Ein fulminantes Katz- und Mausspiel nimmt konkrete Formen an. In temporeichen Aufzügen rast Rob Hart durch das Herz der Mother-Cloud. Zentrale und bestimmende Elemente, wie Machthunger, Rache, Widerstand und Intrigen wirken wie Brandbeschleuniger. Als Gibson Wells seinen Besuch in der Mother-Cloud ankündigt beginnt der Countdown für Zinnia und Paxton zu laufen. Pläne greifen ineinander. Der Gegner ist allmächtig. Jeder wird überwacht. Gibt es einen oder zwei Wege, um dieses System zur Implosion zu bringen? Lesen oder hören. Ihr habt die Wahl. Spannung bis zum Letzten ist garantiert.

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Mein Königsweg in die Mother-Cloud war der des Hörens. Elfeinhalb Stunden lang habe ich mich gefühlt, wie ein Mitarbeiter der Cloud. Und ich habe mich dabei gar nicht gut gefühlt, da die Wahrheit immer deutlicher zutage trat. Vier prominente Stimmen hat man für die Hörbuch-Produktion vereint. Stimmen, die wie Wegweiser durch eine Story wirken und so eine ganz spezielle Atmosphäre entstehen lassen. Frank Arnold doziert als Cloud-Patriarch Gibson Wells selbstgefällig über sein ganzes Lebenswerk und wirkt dabei wie Zeus auf dem Olymp. Stark interpretiert. Simon Jäger, die Synchronstimme von Matt Damon, bringt als Paxton alle Facetten dieses Charakters auf den Punkt. Es sind Rachegefühle, die ihn leiten. Es ist die Zuneigung für Zinnia, die ihn verleitet. Und es ist die Faszination für ein menschenverachtendes System, die ihn fast zum Mitläufer werden lässt. Anna Carlsson bringt stimmlich alles mit, was wir mit Zinnia assoziieren. Sie klingt resolut ebenso plausibel, wie in ihren verletzlichen Momenten. Sie überzeugt spionierend in jeder Nuance und lässt verliebt die Stimme säuseln. Gänsehautstimme.

Und ganz zuletzt gibt es da eine Stimme aus dem Off. Die Stimme für die offiziellen Verlautbarungen der Cloud, die Stimme der Lernvideos für die Mitarbeiter. So wird aus der Synchronsprecherin und Schauspielerin Janin Stenzel die Stimme jenes Systems. Hier spricht sie mechanisch, neutral und doch so eindringlich hypnotisierend, dass man ihren Anweisungen sofort Folge leisten würde. Alexa war gestern… Stenzel ist jetzt… Ich habe das Hören dieser Geschichte als Privileg empfunden. Kopfkino für die Ohren. Blendend besetzt und atmosphärisch grandios umgesetzt. Ihr habt die Wahl. Und jetzt warte ich auf meine Drohne. Bin mal gespannt, was ich bestellt habe…

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Der Store von Rob Hart
Buch: Heyne Verlag / gebunden / 592 Seiten / dt. von Bernhard Kleinschmidt / 22 Euro Hörbuch: Random House Audio / 2 CD / 11 ½ Std. 30 / Lesung mit Frank Arnold, Anna Carlsson, Simon Jäger, Janin Stenzel / gekürzt / 22 Euro

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ARTEMIS – Leben auf dem Mond mit Andy Weir

ARTEMIS von Andy Weir

Es war ein großer Schritt für mich und ein kleiner Schritt für die Menschheit. Ich war gerade einmal sieben Jahre alt, als ich mir mit meinem Vater am 20. Juli 1969 die Nacht um die Ohren schlagen durfte, um gebannt auf den Fernseher zu schauen. Man sah eigentlich nicht viel. Schwarzweiß-Standbilder und langweilige Wissenschaftler, die versuchten Zeit zu überbrücken bis es endlich soweit war. The Eagle has landed. Ein wichtiger Augenblick für die Menschheitsgeschichte. Und ich war mittendrin. Ich fühlte mich, als sei ich Teil von Mission Control in Houston, Texas und befände mich selbst in der Mondlandefähre Eagle und wäre Mitglied von Apollo 11. Sehr übernächtigt wartete ich nun nur noch auf den Moment, in dem der erste Mensch den Mond betreten würde.

In diesen Stunden waren wir alle Neil Armstrong. Wir waren alle auf dem Mond und machten Luftsprünge, wo es gar keine Luft gab. Genossen die geringe Schwerkraft und staunten über Fotos vom Aufgang der Erde am Horizont. Es waren Wundertage an der Seite der Astronauten und ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich Mitleid mit Michael Collins hatte. Denn während Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond Geschichte schrieben, umkreiste er im Kommandomodul Columbia den Erdtrabanten um auf die Rückkehr der ersten Menschen vom Mond zu warten. Und jetzt bin ich selbst auf dem Mond. Ich habe es endlich geschafft und es hat sich so sehr gelohnt, geduldig zu warten, bis „ARTEMIS“ erbaut war. Ich bin auf dem Mond….

ARTEMIS von Andy Weir

Ein bisschen wehmütig war mir ja schon zumute, als ich Artemis erstmals betrat. Der Landeplatz der Eagle ist inzwischen ein Besucherzentrum für betuchte Weltraum-Touristen und eine riesige modulare Stadt ermöglicht 2000 Bewohnern das Leben auf dem Mond. Hier gibt es alles, was man sich nur wünschen kann. Unter den fünf großen Kuppeln, die durch Korridore miteinander verbunden sind, spielt sich das Leben wie in einer Stadt auf der Erde ab. Es gibt Restaurants, Shops, Bars, eine Zugverbindung zum Besucherzentrum und natürlich jede Menge touristischer Angebote, um für Nervenkitzel zu sorgen. Mondspaziergänge in aufblasbaren Hamsterkugeln zum Beispiel.

ARTEMIS. So heißt die Weltraummetropole. Andy Weir hat sie mit seiner Fantasie erbaut und entführt uns nun schon zum zweiten Mal in die Tiefen des Universums. Der Marsianer“ war ein wissenschaftsgeladener Survival-Thriller, der mir in der Einsamkeit des roten Planeten alles abverlangte, was ich an Überlebenswille aufbieten konnte. Auf dem Mond fühle ich mich in Gesellschaft vieler Mondianer schon deutlich sicherer. Das ist keine Testphase, was ich hier erleben darf. Es ist technisch ausgereift. Der Prototyp einer Mondstadt funktioniert in seiner Infrastruktur bestens, die Energieversorgung steht auf sicheren Füßen. Sauerstoff und Wasser sind keine Mangelware. Und der Mond ist nicht nur als Außenposten der Menschheit im All von Bedeutung. Auch seine Rohstoffe spielen eine große Rolle auf der Erde. Artemis ist ein Hybrid aus Sonderhandelszone und Industriegebiet zur Produktion von Aluminium. Eine doppelte Goldgrube, in der die Schwerkraft alles erleichtert. Ein Sechstel der Erdschwerkraft herrscht vor. Das macht das Leben der Menschen in Artemis leicht.

ARTEMIS von Andy Weir

Das ARTEMIS-Taschenbuch vom Heyne Verlag war mein Mond-Wanderführer und immer wenn die Schwerelosigkeit des guten Lesens das Buch an die Decke schweben ließ, tauchte ich in die Hörbuchausgabe von Random House Audio ein. Ich war also für alle Lesens- und Hörenslagen auf dem Mond bestens gerüstet und ließ mich erneut auf ein Abenteuer von Andy Weir ein. Bevor ich das Werk jedoch rezensiere, möchte ich ein kleines Glossar von ARTEMIS-Begriffen voranstellen, die sowohl das Lesen der Rezension, als auch den Genuss des Buches erleichtern:

KSC – Kenya Space Center
EVA – ExtraVehicular Activity (Mondspaziergang)
DAGL – mega-schnelles Glasfaserkabel
GIZMO – unspezifischer Name für ein Gerät, dessen Namen man vergessen hat
HIB – HüllenInspektionsBot (Miniroboter, der die Außenhaut von Artemis kontrolliert)
MOTE – Mondwährung
GUNK – Mond-Essen für arme Leute (Algen mit Geschmacksstoffen)
FLEISCHDOSE – Touristen-Raumfahrzeug
HAMSTERKUGEL – aufgeblasener transparenter Ball für Mondspaziergänge

So, nachdem ihr den Mondjargon beherrscht, können wir loslegen. Wir schlüpfen in einen EVA-Anzug und erkunden den Mond. Habt ihr euer GIZMO? Ansonsten ist es schwer, sich hier zu orientieren und zu verständigen. Und wenn es gut läuft, verdienen wir da draußen ausreichend viele MOTTEN, um heute Abend essen zu gehen. Und ihr könnt mir glauben, dass wir uns nicht mit GUNK abspeisen lassen.

ARTEMIS von Andy Weir

Zeit, unsere junge Begleiterin kennenzulernen. Jazz Bashara. 26 Jahre alt, schon ein wenig durchgeknallt und DAS absolute Talent, wenn es darum geht, Dinge auf den Mond zu schmuggeln, die hier streng verboten sind. Zigarren und Feuerzeuge, um nur zwei kleine Beispiele zu nennen. Sie hat es faustdick hinter den Ohren, ist gut vernetzt und will aus dem perspektivlosen Leben auf dem Mond etwas mehr rausholen. Dass sie damit genau ins Beuteschema von Geschäftsleuten passt, die ihre kriminelle Energie in einem Paradies für illegale Geschäfte ausleben wollen, wird ihr erst bewusst, als es für sie und ARTEMIS schon fast zu spät ist. Man bietet ihr eine Million Motten, um auf dem Mond das wirtschaftliche Gleichgewicht ins Wanken zu bringen.

Andy Weir gelingt es nicht nur, eine besondere extraterrestrische Gesellschaft zu erschaffen. Er transformiert den Mond und seine Rahmenbedingungen zum Schauplatz eines Wirtschaftsthrillers, der nur in dieser Atmosphäre ohne Atmosphäre spielen kann. Der Mond wurde nicht nur von Wissenschaftlern und Touristen erobert. Er ist Spielball des organisierten Verbrechens, denn wo lässt sich Geld besser waschen, als hier. Die Risiken? Egal. Es geht doch nur um 2000 Menschenleben. Was Chicago und New York schon lange hinter sich haben ereilt nun ARTEMIS. Syndikate beherrschen die Szene. Andy Weir schreibt weniger wissenschaftlich als noch im Marsianer. Er verpackt sein Wissen in Bilder, die uns bewegen. ARTEMIS als Lebensraum für die behinderte Lene, die nur hier ohne Rollstuhl leben kann. Dieser Roman und seine Protagonisten leben vom Mond.

ARTEMIS von Andy Weir

Ich weiß immer noch nicht, wie ich es lebend zurück auf die Erde geschafft habe. Jazz hat ein wahres Feuerwerk abgebrannt, wo es definitiv nicht brennen sollte. Brillant konstruiert, gewohnt brillant erzählt und spannend bis zur letzten Seite und dem letzten Track. Das Hörbuch überrascht uns zweistimmig. Gabrielle Pietermann verkörpert die Erzählperspektive von Jazz Bashara. Eine Stimme, die Daenerys Targaryen in Game of Thrones für unsere Ohren verkörpert, macht nun die kleinkriminelle Heldin mehr als sympathisch greifbar. Ein antizyklisch verlaufender Mailverkehr mit einem jungen Mann auf der Erde unterbricht den Erzählstrom auf dem Mond. Hier erfahren wir viel über die junge Jazz und ihre Gefühle. Diese Briefe von Kelvin liest Marius Clarén. Hier trumpft das Hörbuch groß auf.

Fogt mir auf den Mond. Kommt mit nach ARTEMIS. Erlebt den Thriller, in dem Uhren die Erdphasen anzeigen, man die zunehmende Halberde bewundert, die Kinder Wände hochgehen, Roastbeef eine Delikatesse ist, weil die Kuh 400.000 Kilometer entfernt war und die Liebe von Jazz` Vater sich in der Qualität einer Schweißnaht äußert, mit der er das Leben seiner Tochter retten kann. Folgt mir zum Mond. Es ist kein Spaziergang. Es ist allerfeinste Unterhaltung mit Tiefgang und authentischem sozialem Hintergrund. Andy Weir schreibt uns den Highway to the Moon ins Bücherregal. Und wer das Lesen und Hören bei Schwerelosigkeit nicht mag, wird auf die Erde deportiert und mit Schwerkraft nicht unter drei Monaten bestraft!

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Das Geheimnis des ewigen Lesens – Ein Bloggerlogbuch

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Ich bin plötzlich wieder 14! Ich sitze in meinem alten Jugendzimmer und bereite mich darauf vor, diese Nacht an Bord der Pequod zu verbringen. Ich höre das Holzbein des Kapitäns über die Planken poltern, sehe Queequek neben mir seine Harpune schleifen und bemerke, dass Ismael in sein Tagebuch schreibt. Wozu auch immer. Egal. Ich bin wieder mal auf der Flucht und es gibt keinen besseren Platz auf Erden, als die Pequod, wenn man vor den Gedanken an die morgige Mathe-Klausur weglaufen möchte.

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Ich bin wieder 14. Die junge rabaukenhafte Leseratte mit Stimmbruch und weit davon entfernt, mich angesprochen zu fühlen, wenn es heißt: „Jetzt ist es Zeit für Männer mit Bart, an Deck zu gehen.“ Naja – ich kann da nicht gemeint sein. Jedenfalls habe ich meine eigene bequeme Hängematte und seitdem wir Nantucket verlassen haben schaukle ich mich lesend in den Schlaf. In meiner eigenen Welt voller Schiffszwieback, gepökeltem Fleisch und ein paar Fässern Rum. Und, was im zarten Alter von 14 Jahren nicht ganz unwichtig ist: an Bord eines Schiffes ganz ohne Frauen.

Denn die konnte man gar nicht gebrauchen in den wilden Träumen auf hoher See. Schon gar nicht vor lebenswichtigen Schulaufgaben. Mathe. Pah. Hier zählt das nackte Überleben. Eine Nacht im Krähennest der Pequod relativiert die Relevanz binomischer Formeln. Ein Tag am Ruder eines Walfangbootes zeigt, was es bedeutet, ein richtiger Mann zu sein und die Golddublone im Mast ist in diesen Momenten eine greifbarere Verheißung als das Lächeln des hübschesten Mädchens der Unterstufe. Ich bin wieder 14!

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Die Warnung eines gewissen Elias habe ich ebenso in den Wind geschlagen, wie die verführerische Aussicht auf den 200. Anteil an der Beute, der mir winkt, wenn wir wieder in Nantucket ankommen. Alles egal. Nur weg von hier. Und was konnte mir da besser helfen, als ein weiterer Klassiker der Weltliteratur? Herman Melville hatte mich infiziert. Neugier hatte mich an Bord getrieben und die Vorstellung einem Weißen Wal zu folgen war wesentlich verlockender, als der Gedanke an die Pflichtlektüre meines Deutschkurses.

Lieber Salzwasser im Gesicht und eine Harpune im Oberschenkel, als eine weitere lahme Seite im „Besuch der alten Dame“. Lieber an Kapitän Ahab ausgeliefert, als der Deutungshoheit der Deutschlehrerin, die der alten Dame ähnlicher war, als sie es sich jemals vorstellen wollte. Lieber an Skorbut sterben, als eine weitere Interpretation über Dürrenmatts epochale Tragikomödie zu verfassen. Mit dem Ruf „Frau über Bord“ verabschiede ich mich lächelnd von Claire Zachanassian und werfe gleich noch meinen Taschenrechner hinterher. Es gibt wichtigeres!

Was könnte ich heute Nacht vom Ersten Steuermann Starbuck lernen? Wo würde ich dem Schiffsjungen Pip begegnen? Und wäre es mir möglich, endlich das Kap der guten Hoffnung mit eigenen Augen sehen? Und wann wäre es endlich soweit, ihm zu begegnen: Dem Dämonen der Meere, jenem Ungeheuer aller Legenden, dem weißen Wal Moby Dick? Das waren die entscheidenden Fragen in diesen Nächten. Mit diesen offenen Fragen und bohrenden Gedanken schlief ich beseelt ein. Lebhaft kann ich mich an diese wundervolle Jugendzeit erinnern. Ich war 14 und bin heute keinen Tag älter.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Warum ich nicht älter werde? Das habe ich der Literatur zu verdanken und jenen Klassikern meiner Jugend, die ich immer wieder neu entdecken darf. Was auch immer ich damals las, von der „Schatzinsel“ über „Die drei Musketiere“ bis hin zu „Peter Pan“, es handelte sich aus heutiger Sicht um stark gekürzte Jugendbuchausgaben von Jugendbüchern, die niemals Jugendbücher sein sollten. Jedenfalls nicht, wenn man von der Intention der Autoren ausgeht.

Wenn ich mich also heute den ungekürzten Ausgaben jener Bücher widme, sie nach fast 40jähriger Abstinenz wieder für mich entdecke, dann ist dies einerseits wie ein Sturz in die Zeit, andererseits entdecke ich aber auch Kapitel und Seiten, vor denen man mich früher wohl bewahren wollte. Und wenn ich mich heute in die Klassiker meiner Jugend stürze, dann bin ich auf der suche nach genau diesen Gefühlen von einst, die mich zum leidenschaftlichen Leser werden ließen.

Ihr müsst nun also damit leben, dass euch ein 14jähriger Blogger mit seinen Gedanken überflutet und euch mit an Bord eines Schiffes nimmt, das ihr eigentlich zu kennen glaubt. Nur… dem ist nicht so. Und genau aus diesem Grund schreibe ich nun an meinem eigenen Logbuch an Bord der Pequod. Ein Lesetagebuch, das euch zeigen kann, wie aktuell diese Klassiker sind, was sie mit euch anstellen und woran es liegt, dass wir immer wieder in unserem Lesen Zuflucht in der Phantasiewelt unserer Jugend unterwegs sein wollen.

Nathaniel Philbrick - Im Herzen der See - An Bord der Essex

Nathaniel Philbrick – Im Herzen der See – An Bord der Essex

Der Auslöser für diese Sentimental-Reading-Journey auf dem Walfänger Pequod des Romans „Moby Dick“ von Herman Melville liegt in einem Film begründet. Im Herzen der See war für mich nicht nur eine Buchverfilmung. Dieser Film ist mehr als nur unterhaltsames Hollywood-Kino. Er ist dafür verantwortlich, dass wir daran erinnert werden, welche wahren Tragödien auf See die großen Schriftsteller zu ihren Romanen inspiriert haben. Denn diese Geschichte ist der Ursprung des Klassikers „Moby Dick“.

Sie erzählt von einem realen Drama auf See und dem Walfangschiff namens Essex, das bei der Jagd nach dem wertvollen Walöl von einem riesigen Wal angegriffen und versenkt wurde. Die gleichnamige Buchvorlage für den Film wurde aus berufener Hand erschaffen. Nathaniel Philbrick ist Direktor des Egan Institute of Maritime Studies und Mitglied der Nantucket Historical Association. Und immerhin erhielt er für sein bei Heyne erschienenes erstes Buch auf Anhieb den „National Book Award“.

Nachdem ich mich also cineastisch der Katastrophe der Essex angenähert habe, erleben konnte, wie das Walfangschiff 1820 von einem Pottwal versenkt wurde und mit den wenigen Überlebenden, verteilt auf drei Rettungsboote, erst nach drei Monaten und unsäglichen Torturen wieder Land erreichte, werde ich mich nun auch in dieses Buch stürzen. Dies ist kein Roman. Nathaniel Philbrick beleuchtet die Rolle des Walfangs, die harte Arbeit der Männer an Bord und die inspirierende Wirkung dieser Ereignisse auf den jungen Schriftsteller Herman Melville.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens

Von der Essex werde ich dann auf meine Pequod wechseln, um nach Spuren der realen Geschichte suchen, und in den Gesichtern der Mannschaft diejenigen aufspüren, die Melville von der Essex mit an Bord seiner Pequod schrieb. Der Horizont wird sich erweitern und ich verspreche mir tiefe Einblicke in den Walfang an der Schwelle seiner schwindenden Bedeutung. Ölfunde an Land machten das aus Tran gewonnene Walöl bald überflüssig. Die Überfischung der Weltmeere führte zum Niedergang der großen Walfangflotten. Eine ganz eigene Geschichte, der ich folgen möchte.

Auf der Pequod werde ich dann wieder Kapitän Ahab begegnen und der großen Rache-Geschichte folgen, die seit meiner Jugendzeit tief in mir verankert ist. Hier hat Melville Leitmotive für künftige Autorengenerationen verankert, ohne die heute fast kein Roman auskommt. Blindwütiger Hass und die persönliche Rache an einem Tier, das den Kapitän ein Bein gekostet hat, werden hier zu den absoluten Triebfedern für einen ganz großen Roman. Ich werde mich wieder an die Seite des Ersten Steuermanns Starbuck schlagen und schauen, was ich als Leser ausrichten kann.

Die „Moby Dick“-Ausgabe vom Manesse Verlag wird mein Wegbegleiter sein. Keine Neuübersetzung, aber eine, die erstmalig den gesamten Melville für die deutschen Leser erschloss. Eine Ausgabe, die mit ihren 918 Seiten alle Lücken schließen soll, die mein jugendliches Lesen nicht wahrnehmen konnte. 1944 übersetzte Fritz Güttinger das Original und seither ist diese Ausgabe unverändert relevant. Flankiert wird mein Lesen von der Hörspielfassung aus dem Hause Der Hörverlag.

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens - Die Hörspielfassung

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Die Hörspielfassung

9 Stunden, 10 CDs, 30 Sprecher, Rufus Beck, Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel, ein Shanty-Chor, atmosphärische Musik und Geräusche des tosenden Meeres sowie Soundeffekte machen aus dieser Audio-Adaption ein großes Erlebnis auf der Grundlage der Übersetzung von Matthias Jendis. Immer dann, wenn ich das Buch verlasse, um den Ausguck der Pequod zu besetzen, werde ich hören und immer, wenn ich in meiner Hängematte liegen darf, werde ich lesen.

Ich bin wieder 14. Mit allen Sinnen. Vier großartige Medien entführen mich mit ihren unterschiedlichen Mitteln in die Vergangenheit. Erlebnisgeschichte, Roman, Film und Hörspiel. Alle Zahnräder werden in meiner Phantasie ein ganz besonderes Räderwerk in Gang setzen und ein klassisches Logbuch meiner Sinne entstehen lassen. Heuert an. Der 200. Anteil an meiner Beute sei euch sicher. Und nur keine Angst. Wie auch immer dieses Lesensehenhören endet. Wir werden Nantucket erreichen.

Mein Leseboot ist unsinkbar. Es wird getragen von meiner Vorstellungskraft und ist inspiriert von der Leidenschaft für große Literatur. Versucht doch selbst einmal, wie es sich anfühlt, einen der großen Klassiker eurer Jugendbuchzeit mit den neuen Welten eures Lesens zu verbinden. Findet die ewige Jugend in und zwischen den Zeilen eurer Bücher von einst. Vielleicht beinhalten ja genau diese Bücher das Geheimnis des ewigen Lesens… oder Lebens.

Logbuch einer besonderen Reise: „Nennt mich Ismael…“

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens - Hier geht es bald weiter

Moby Dick und das Geheimnis des ewigen Lesens – Hier geht es bald weiter

Doch was war vor Moby Dick? Folgt mir nach „Mardi und eine Reise dorthin„…

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville - AstroLibrium

Mardi und die Reise dorthin von Herman Melville

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note - Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Jetzt habe ich doch fast vergessen, was ich hier wollte. Irgendwas mit Bloggen oder Artikel schreiben war es. Irgendwie hatte ich vor, ein Buch vorzustellen, aber so ganz bekomme ich nicht mehr auf die Reihe, um welches es sich handelt und warum ich es unbedingt empfehlen wollte. Zum Glück schreibe ich mir immer auf, wann ich welches Buch lese und notiere mir wichtige Details, die mich stets und nachhaltig daran erinnern sollen, in welchem Zusammenhang die jeweiligen Bücher zu meinem Leben standen.

Ich schaue mal gerade nach, ob ich den Eintrag in meinem Notizbuch finde. Dann kommt der Rest von ganz alleine. Und vielleicht liegt schon hier der Grund verborgen, warum ich mir so viele Dinge einfach aufschreibe. Ach. Hier ist ja der Eintrag. Und jetzt fällt es mir auch wie Schuppen von den Augen. Es ging um Notizen. Nicht um kleine Randnotizen unbedeutender Menschen, sondern um viel mehr:

Memo:

1. LISTS
2. of
3. NOTE
Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten
Heyne Verlag
Herausgegeben von Shaun Usher 

Lists of Note - Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Unbedingt Artikel schreiben – Themen:

  • Ich bin nicht allein
  • Notizen können Bücher schreiben
  • Listen sind oft überflüssig, aber hilfreich…
  • Evelyn Lincoln
  • Johnny Cash
  • John F. Kennedy
  • David Foster Wallace
  • Ideen für eigene und ganz neue Notizen…
  • BENUTZE ENDLICH DEINE NOTIZBÜCHER…

Jetzt bin ich wieder im Bilde und habe mir den Prachtband aus dem Heyne Verlag neben meinen Computer gelegt. Jetzt kann es losgehen und im eigentlichen Sinne bin ich schon ganz tief im Thema. Warum fühlt man sich so wohl beim Gedanken, wichtige Dinge niederzuschreiben, sie sogar in Listenform zu bringen? Sie nach rein subjektiven Kriterien zu sortieren, sie in eine individuelle Form zu pressen und ihnen allein durch den Vorgang des Notierens mehr Präsenz im Leben zu verleihen?

Richtig. Wir wollen einfach absolut nichts vergessen. Struktur in unsere Gedanken bringen, keine Langeweile aufkommen lassen und unseren oft trägen Gedanken auf die Sprünge helfen. Schriftsteller plotten ihre Geschichten, Wissenschaftler halten spontane Beobachtungen fest, Politiker tragen ihre Stichwortzettel immer greifbar mit sich herum und selbst beim täglichen Einkauf kommen wir nicht an den strukturierten Einkaufslisten vorbei. Selbst Blogger führen Bücherlisten in jeglicher Form um sich vor Müßiggang zu schützen und immer genau zu wissen, welches man wo, wann, wie und warum gelesen hat.

Lists of Note - Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note“ zeigt uns Lesern, dass wir mit diesem Notizverhalten nicht allein auf dieser Welt sind. Der Foliant blättert uns in eine Welt aus Aufzeichnungen, die in sich so unscheinbar und doch so weltbewegend sind, dass man keinen Zweifel mehr an der puren Sinnhaftigkeit von Notizen oder To-do-Listen hegt. Schaut euch in eurem eigenen Leben um und ihr stellt sicherlich verwundert fest, was ihr euch in den letzten Tagen so alles aufgeschrieben habt. Memo an mich selbst, könnte man sagen.

Und dabei ist es in diesen Tagen absolut unerheblich, ob analog oder digital. Wir haben keine Zeit zu verlieren, so zumindest unser ganz persönliches Empfinden, und so landen alle Gedankenblitze auf den Zetteln, die die Welt bedeuten. Ob dabei wohl jemals Aufzeichnungen herauskommen, die Geschichte schreiben, oder über deren Inhalt man noch in 100 Jahren spricht, das scheint eher fraglich. Aber Zeitzeugnisse sind es ohne jeden Zweifel.

So sind auch die Notizen, Aufzeichnungen, Listen und Fragmente zu bewerten, die Shaun Usher in seinem monumental anmutenden Werk zusammengefasst hat. Sie reichen von Johnny Cashs To-do-Liste bis zu Michelangelos Einkaufszettel. Umfassen Marilyn Monroes Neujahrsvorsätze und Sir Isaac Newtons „Sündenliste“ und führen uns sogar bis zu den zehn Geboten der Mafia. Neben den hochwertig reproduzieren Fotos findet man die deutsche Übersetzung und eine kurze zeitliche Einordnung der Notizen.

Lists of Note - Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Greifbar werden Geschichte und Verfasser. Allzu menschlich erscheinen die Genies der Weltgeschichte und unversehens sind wir mit Galileo Galilei unterwegs und haken gemeinsam seine Liste der Gegenstände ab, die er zum Bau eines Teleskops besorgen muss. Oder wir fliegen mit Evelyn Lincoln in der Air Force Number One von Dallas nach Washington und werden Zeugen ihrer ersten privaten Notizen, mit denen sie mögliche Verdächtige für den Anschlag auf John F. Kennedy auflistet, der wenige Stunden zuvor auf offener Straße ermordet wurde.

Ein Zeitdokument, das aus sich heraus strahlt und die tiefe Hilflosigkeit einer Frau dokumentiert, die tatenlos mit ansehen musste, wie der US-Präsident einem Attentat zum Opfer fiel. Und dann stößt man plötzlich neben so vielen weiteren Dokumenten auf eine Handschrift, die einem bekannt vorkommt. Man findet Begriffe, die man in einem Buch bereits vor Augen hatte und erlebt auch in dieser Kollektion einen wahren Gefühlsflash. David Foster Wallace springt mir entgegen und seine ersten Notizen zu seinem letzten Buch Der bleiche König brennen sich in mir fest.

Nie konnte er ahnen, dass er zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Liste der „Ismen des Mittleren Westens“ an einem Fragment zu arbeiten begann, das erst nach seinem Selbstmord veröffentlicht werden sollte. Nie konnte ich hoffen, dass mich auf diesem Wege Worte aus seiner Feder erreichen würden, die ich nie zuvor gelesen hatte. „Mir sind da Umstände passiert“… Ja David, das weiß ich. Aber ich bin diesem Buch der weltbewegenden Aufzeichnungen dankbar für diese Botschaft aus einer Zeit, in der David schon tief in der Üblen Sache steckte.

Lists of Note - Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Lists of Note – Aufzeichnungen, die die Welt bedeuten

Tja und wenn alle Lebensstricke reißen, können wir es ja immer noch mit der guten alten Country-Legende Johnny Cash halten, der seine To-do-Liste mit einem Kuss an seine Frau beginnt, sich selbst daran erinnert, bloß keine andere Frau zu küssen und mit der sinnigen Bemerkung endet: „Verfasse keine Notizen“… Schlau gedacht und in sich so kurios, dass auch diese Liste die Welt bewegte. Nämlich die kleine heile Welt eines Sängers, der sich mit diesen eigentlich belanglosen Worten selbst disziplinierte.

Von diesen und ähnlichen Aufzeichnungen sind unzählige in diesem großen Werk versammelt. Herrlich zum Stöbern und wundervolle Grundlage für die reine Neugierde. Man muss dieses Buch nicht auf einen Schlag lesen. Es wird sich aber auch nie mehr ganz schließen, wenn man ihm auch nur für einen Moment sein Herz öffnet. Das Buch geht Hand in Hand mit Shaun Ushers erster Kollektion Letters of Note – Briefe, die die Welt bedeuten“. Beide Werke sind herrlich bibliophile Geschenke für die private Bibliothek von Format. Perfekt für den literarischen Gabentisch!

Ich wäre dann soweit. Habe meine Gedanken zusammengefasst. Nicht in Listenform zwar, aber in einer Rezension und es hat wirklich sehr gut getan, über Lists of Note zu schreiben. Vielleicht krame ich jetzt mein Notizbuch raus und mache ein paar private Einträge. Vielleicht schreibe ich über die Tage mit meinem Hund, oder setze einfach die Liste meines ewigen Lesens fort. Aber ein wenig muss das noch warten, bis ich meine persönliche To-do-Liste 2015 abgearbeitet habe. Ich will ja nichts vergessen.

PS.: Auch die Frage, ob Albert Einstein ein Scheusal war, wird beantwortet. Hier.

Frau Einstein von Marie Benedict und eine besondere Liste

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„Der Marsianer“ von Andy Weir [Buch, Hörbuch und Film]

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung

Da war es endlich wieder. Das große Lesegefühl meiner Jugendzeit. Tief versunken in Robinson Crusoe, allein auf einer einsamen Insel, nichts zu essen, kein Feuer und kein festes Dach über dem Kopf. Und dann die über allem stehende Angst vor den plötzlich auftauchenden Kannibalen. Wenn schon Menschen, dann doch bitte solche, die mir aus der literarischen Patsche helfen konnten. Unvergessene Momente unter der Decke mit Taschenlampe in einem der besten Bücher meines Lebens. Und bis heute war ich fest davon überzeugt, dass man das Gefühl von Einsamkeit kaum besser beschreiben kann und dass ein Stranden auf einer fremden Insel ungefähr das Schlimmste ist, was einem so passieren kann. Bis heute.

Da kannte ich allerdings Mark Watney noch nicht! Da waren auch Planeten noch unerreichbarer weit weg, selbst für einen literarischen Sternwärter. Was? Sie kennen Mark Watney nicht? Sorry, den kennt doch jeder, denn er beherrscht die weltweiten Schlagzeilen, taucht in allen Nachrichten auf, und ist der wohl bekannteste Mann der Welt. Zumindest im Roman Der Marsianer von Andy Weir (Heyne Verlag). Warum er so bekannt ist? Nun das ist ganz einfach zu erklären. Er ist die moderne Variante jenes Robinson Crusoe, nur dass seine kleine einsame Insel ziemlich weit von der Erde entfernt ist. So zwischen 56 und 401 Millionen Kilometer. Richtig gelesen. Es schwankt ein wenig, denn Mark Watney befindet sich auf dem MARS!

Und Mark Watney ist nach eigenem Bekunden „Im Arsch!“ Sagt man doch so, in einer absolut ausweglosen Situation. Und das ist sie. Ausweglos, im wahrsten Sinne des Wortes. Mark Watney ist allein. Zurückgeblieben nach einer gescheiterten Mission der NASA auf dem roten Planeten. Die anderen Besatzungsmitglieder mussten den Planeten in einem Sturm Hals über Kopf verlassen, hielten ihn für tot und ließen seine Leiche zurück. Tragisch nur, dass diese Leiche nun putzmunter durch den roten Sand stapft und sich mit dem Gedanken anfreunden muss, hier elendig zu krepieren.

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung - AstroLibrium

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung

Vorräte für ein paar Wochen, Sauerstoff und Wasser nur für ein knappes Zeitfenster, eine Wohnkuppel, die nur für eine Verweildauer von maximal 31 Tagen eingerichtet ist, einige wissenschaftliche Test-Einrichtungen, zwei mobile Rover, ein paar Raumanzüge für Mars-Spaziergänge und eine Handvoll echte Kartoffeln für ein Thanks-Giving-Essen mit der Crew. Das ist es auch schon. Zumindest auf den ersten Blick. Wenigstens hat er im Vergleich mit Robinson Crusoe nicht mit Kannibalen oder sonstigen Besuchern zu rechnen, wobei Crusoe wenigstens Sauerstoff und Wasser in rauen Mengen hatte. Wie man es auch nimmt: „Mark Watney ist im Arsch!“

Und von Rettung kann wirklich keine Rede sein. Würde sich genau am Tag der Erkenntnis, „im Arsch“ zu sein, ein Rettungsteam der NASA auf den Weg machen, wäre mit einer Ankunft in fast vier Jahren zu rechnen. Traumhaft! Das würde gerade einmal ausreichen, um sich auf die Suche nach den längst verblichenen sterblichen Überresten eines Astronauten zu machen, der schon seit ein paar Jährchen tot ist. Also mehr „im Arsch“ geht eigentlich kaum und Mark Watney realisiert seine Situation schnell. Kein Kontakt zur Erde und ganz auf sich allein gestellt beschließt er, nicht einfach so sang- und klanglos zu sterben, sondern den Kampf aufzunehmen.

„Dann muss mir eben die Wissenschaft den Arsch retten!“, so lautet die eindeutige Kampfansage an einen toten Planeten.

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung

Andy Weir entwickelt in seinem Science-Fiction-Abenteuer „Der Marsianer“ einen fulminanten Wettlauf gegen die Zeit, der sich auf den unterschiedlichen Ebenen der Handlung abspielt. Denn neben allen Ressourcen, Vorräten und kreativen Ideen der Protagonisten fehlt ihnen das Wichtigste: ZEIT. Mark Watney versucht sie zu gewinnen, indem er den Mars kultiviert, Kartoffeln pflanzt, Sauerstoff und Wasser gewinnt, um so lange wie möglich am Leben zu bleiben, bis eine Rettungsmission seine Zwangsheimat erreicht.

Die NASA kämpft um jede Sekunde, die ein Zeitfenster ermöglicht, ihren Astronauten nach Hause zu bringen. Die Besatzung der Hermes, die Mark Watney auf dem Mars zurückgelassen hatte, lässt zu viel Zeit ungenutzt verlaufen, da man sie nicht darüber informiert, dass ihr Crew-Mitglied doch noch lebt. Sie sollen sich nicht zu viele Vorwürfe machen.

Erst als es dem „besten Botaniker des Planeten“gelingt, mit der NASA in Kontakt zu treten, werden alle Probleme zu einem Ganzen gebündelt. Und auch hier fehlt sie an allen möglichen marsianischen Ecken und Enden. Die Zeit. Kann Mark Watney lange genug überleben? Wird die NASA in der Lage sein, alle Rekorde zu brechen, um den Mars rechtzeitig zu erreichen und wie reagiert die Besatzung der Hermes auf diese Entwicklung? Die Welt schaut auf den Mars. „Rettet Mark Watney“ wird zum Mantra, das alle Menschen vereint. Koste es was es wolle, hier muss die Menschheit zeigen, was es bedeutet, ein einziges Leben zu retten.

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung - Das Buch

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung – Das Buch

DAS BUCH – „DER MARSIANER“ – Heyne Verlag

Ich habe die Reichweite meines Lesesessel verlängert, meine Vorräte gehortet, mich mit Getränken und einer warmen Decke bewaffnet, um mich dann gemeinsam mit Mark Watney durch seine Eingebungen rund um das Überleben auf dem Mars zu lesen. Die Erzählperspektive schafft eine unglaubliche Nähe zum wohl einsamsten Menschen der Weltgeschichte. Ich komme mir vor, als säße ich selbst im Zentrum von Mission-Control und würde ganz frei nach dem Motto „Houston, wir haben ein Problem“ die einzigen Schlüssel zur Rettung meines Astronauten in Händen halten.

Ich beginne Mars-Karten zu studieren, berechne mit Mark Watney den Vorrat an Sauerstoff und pflanze mit ihm auf äußerst unappetitliche Art und Weise die ersten Mars-Kartoffeln an. Ich komme mir vor, als wäre ich selbst auf dem Mars und spüre die enge der Wohnkuppel. Und doch macht sich keinerlei Panik breit, denn wenn Mark Watney im Funktionsmodus ist, dann wird aus jeder noch so tödlichen Bedrohungen ein gelöstes Problem. Er scheint mir zu schreiben, wenn er sein Logbuch verfasst und in dem Moment, in dem Andy Weir seine „Blende“ aufzieht und andere Schauplätze und Charaktere ins Spiel bringet, befinde ich mich inmitten der größten Rettungsaktion in der Geschichte der Menschheit.

Aus Mark Watney wird die hundertfache Potenz des legendären Fernsehhelden MacGyver. Nichts ist unmöglich, nichts kann nicht noch schnell gebastelt werden und da, wo die Wissenschaft versagt, findet mein Astronaut einen Ausweg. Mir fehlt die wissenschaftliche Ausbildung, um seine Ideen zu überprüfen, aber ich will das auch gar nicht. Ich habe keine Zeit. Ich will lesen und einfach nur runter vom Mars. Das Buch entwickelt einen gigantischen Sogeffekt, der auch nicht aufhört, wenn man es schließt oder eine Pause einlegt. Man hat immer das Gefühl, man würde etwas verpassen.

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung - Das Hörbuch

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung – Das Hörbuch

DAS HÖRBUCH – „DER MARSIANER“ – random house audio

Wenn es das perfekte Szenario für ein Hörbuch gibt, dann dieses. Wenn es des intensiven Gefühls bedarf mit einer Romanfigur direkt verbunden zu sein, dann muss man „Der Marsianer“ hören. Mark Watney spricht uns direkt an. Es ist als würde man ganz persönlich mit ihm in Kontakt stehen. Die Stimme von Richard Barenberg wird zum Wegbegleiter in einsamsten Stunden und verleiht dem bisher nur Gelesenen eine unglaubliche Tiefe. Barenberg wird zu Watney. Er transportiert Humor, Sarkasmus und den unbedingten Willen zu überleben.

Man hört Richard Barenberg an, wenn er „im Arsch“ ist und merkt das Aufflackern von Hoffnung. Und wenn das Hörbuch die „Blende“ aufzieht und wir die NASA erleben oder an Bord der Hermes gehen, dann wird aus dieser Audio-Fassung eine Mischung aus O-Ton des Marsianers mit Live-Schaltungen in die Zentren des Wissens, die alles versuchen, um ihm zu helfen. Das ist mehr als nur eine Lesung. Noch bevor die NASA mit Mark Watney kommunizieren kann, sind wir als Hörer ganz nah dran an ihm.

Das Hörbuch liegt in einer gekürzten und einer vollständigen Fassung vor. Ich hörte gekürzt, was dem Hörerlebnis nicht geschadet hat. Das Hören flankierte mein Lesen. Beide Medien ergänzten sich und ich war froh, auch mal in meinem Mars-Rover zu entspannen und einfach nur zuhören zu können. Marstage sind auch für Leser sehr anstrengend. Den ein oder anderen Blick in den Himmel gönnte ich mir als Betreiber der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium. Und dabei ertappte ich mich dabei, dass ich Mark zurufen wolle: „Du schaffst das“. Packend erzählt….

Der Marsianer von Andy Weir - Eine multimediale Betrachtung - Der Film

Der Marsianer von Andy Weir – Eine multimediale Betrachtung – Der Film

Der Film – „Der Marsianer“ – 3D – Scala Kino Fürstenfeldbruck

WOW. Mehr muss ich nicht sagen. Ich hatte das letzte Kapitel in Buch und Hörbuch beendet und betrat mit 3D-Brille unglaublich aufgeregt das Kino. Und auch hier war ich bestens vorbereitet. Getränke und viel Popcorn sollten mir helfen, die 132 Minuten auf dem lebensfeindlichen Planeten zu überleben. Der ständige Wechsel aus Problemen, Lösungen, Tempowechseln, Stagnation, Fortschritt und die unerschütterliche Zuversicht werden brillant von Matt Damon verkörpert. Natürlich überzeugt der Film durch seine Effekte, klare und herausragend eingesetzte 3D-Effekte, aber ihm gelingt noch mehr.

Er verleiht den Akteuren der NASA und der Crew der Hermes eine Tiefe, die im Buch manchmal zu wenig ausgeprägt scheint. Lesend und hörend ist Mark Watney extrem dominant. Er beherrscht die Szenerie und auch das Interesse der ganzen Welt an seiner Rettung wird zwar immer wieder eingestreut, die riesige Dimension dieser Medienpräsenz wird jedoch im Film erst richtig greifbar. Ein Prädikat, das nicht jede Literaturverfilmung für sich beanspruchen kann. Ich persönlich empfinde diesen Film als unverzichtbare Ergänzung zum Lesen und Hören. Nun ja, und erstmals habe ich das Gefühl, in der Kombination der drei Medien das Maximum an Genuss gefunden zu haben. Ich möchte kein Element missen.

Wer denkt, man müsse sich den Film nicht unbedingt anschauen, weil man ja alles gelesen hat, der unterliegt einem gewaltigen Irrtum. Regisseur Ridley Scott hat mir in jeder Hinsicht etwas Besonderes geschenkt. Kleine Momente mit ganz großem Gefühl, Akteure in absoluter Bestform (Jean Bean und Matt Damon). Naja und eben ein Ende, das im Vergleich zum Roman mit einer Überraschung aufwartet.

der marsianer_andy weir_astrolibrium_3

Wenn ihr Mark Watney auf den Mars folgt, deckt euch bitte mit Vorräten ein, bunkert Getränke und vergesst bloß euren Staubpinsel nicht. Er wird euch gute Dienste leisten. Verlängert eure Lesezeit, auch wenn ihr das Gefühl habt, dass irgendwo ein Lese-Leck entstanden ist und euch die Zeilen nur so durch die Finger rieseln, wie roter Marssand. Und verabschiedet euch vom Gedanken, in absehbarer Zeit wieder Kartoffeln essen zu wollen. Aber das erwähne ich nur am Rande. Guten Flug. Rettet Mark Watney.

Guten Raumflug in allen medialen Dimensionen...

Guten Raumflug in allen medialen Dimensionen…

T.C. Boyle bereitet in Die Terranauten“ eine solche Mission vor. Lesenswert.

Die Terranauten von T.C. Boyle

„Der Marsianer“ spielt auch eine große Rolle bei der Oscar-Verleihung 2016.

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Literaturverfilmungen und die Oscarverleihung 2016

Und finally die aktuellste Mondlandung von Andy Weir: „ARTEMIS

ARTEMIS von Andy Weir