„Die Heimkehrer“ von Sana Krasikov – Eine Spurensuche

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Kann man sich seine Heimat selbst verorten“, oder ist dieser so emotional geprägte Begriff eher als Konstante in unserem Geist verankert? Kann man seine eigene Heimat verleugnen und hinter sich lassen ohne gleichzeitig seine Identität infrage zu stellen? In ihrem vielschichtigen Familienroman „Die Heimkehrer“ widmet sich eine Autorin dieser zutiefst aufwühlenden Materie, deren eigene Entwurzlungen vermuten lassen, dass sie aus berufenem Mund erzählen und aus dem persönlichen Vollen schöpfen kann. Sana Krasikov, geboren und aufgewachsen in den Teilrepubliken der alten Sowjetunion. Die Ukraine als Geburtsland. Georgien das Land ihrer Kindheit, aus dem sie 1988 im zarten Alter von neun Jahren mit ihren Eltern auswanderte. Amerika wurde zur neuen Heimat der Emigranten. Nach ihrem Literaturstudium und einem Fulbright-Stipendium lebt und schreibt sie nun als US-amerikanische Autorin mit Lebensschwerpunkt New York.

Wenn Sana Krasikov nun also von Heimkehrern schreibt, könnte man vermuten, es mit einer autobiografischen Anwandlung zu tun zu haben, die ihre eigene Geschichte in das Land zurückträgt, dem ihre Familie den Rücken gekehrt hat. Weit gefehlt. Für Sana Krasikov spielt der Heimatbegriff eine weitaus abstraktere Rolle, der sie mit ihrem Buch Nachdruck verleiht. Ihre Protagonistin Florence Fein wendet sich von ihrer bisherigen Heimat ab. Sie folgt ihrem Herzen und flieht vor der großen Depression und den Folgen der Weltwirtschaftskrise. Auf zu neuen Ufern. Im Gegensatz zu den üblichen Mustern in den Wellenbewegungen der Emigration zieht es die junge Frau aus New York jedoch in ein Land, das zu dieser Zeit nicht gerade die Weltrangliste der Fluchtorte anführte. 

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Florence wandert nach Russland aus. Moskau und Magnitogorsk werden Ziele einer Neuausrichtung, die nicht nur ihr Leben verändern wird. Auf satten 800 Seiten entwirft Sana Krasikov ein soziopolitisches Kaleidoskop der Irrungen und Wirrungen. Mehr als 75 Jahre umspannt ihre epische Erzählung, die von Motiven, Hoffnungen, enttäuschten Hoffnungen und Entfremdung geprägt ist. Der Traum von einer sozialen Utopie und der gerechten sozialistischen Gesellschaft pulverisiert sich ebenso wie das Trugbild Sergej. Statt des russischen Ingenieurs, in den sie sich noch in Amerika verliebt, treibt es sie in die Arme eines Mannes, der wie sie nach Russland ausgewandert ist. Niemals wird sie in der neuen Heimat als Russin gesehen. Sie bleibt die Außenseiterin, die am eigenen Leib erleben muss, was es bedeutet, Treibgut der eigenen Träume zu sein. Die wahre Heimat ist immer dort, wo man gerade nicht ist. Heimweh wird zum brutalen Opfer des Fernwehs und die Selbstaufgabe führt zu Kompromissen, die aus Florence eine willige Mitläuferin des kommunistischen Regimes machen. Keine Lebensversicherung, wie sie erfahren muss.

Drei Generationen umfasst der Roman „Die Heimkehrer“. Von den Ursprüngen bis zu den Nachkömmlingen spannt Sana Krasikov ihren Handlungsbogen, der die großen Fragen nach Identität und Identifikation in den Mittelpunkt stellt. An der Weltgeschichte ändert Florence nichts. Alle Illusionen zerplatzen wie Seifenblasen. Was sie erlebt, eint sie mit unzähligen Opfern des stalinistischen Systems. Aus der Emigrantin wird bei den Säuberungswellen, die das Land durchziehen eine politische Gefangene. Gulag. Lager. Trennung von ihrem Sohn Julian der sie erst Jahre später wieder in die Arme schließen darf. Getrennt von ihrer kleinen Familie, die sie sich in der neuen Heimat aufgebaut hat. Die volle Breitseite der Tyrannei trifft mitten ins Herz, wenn man an einem Bahnhof zum Zeugen der Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Acht Jahre in Sibirien hatten Florence nachhaltig verändert, als sie im Jahr 1956 endlich ihren 13jährigen Sohn wiedersehen darf. Er verbrachte diese Zeit in einem Waisenhaus. Und doch ist sie in ihrem Inneren das kleine amerikanische Mädchen mit Träumen und Hoffnungen geblieben. Eine Begegnung in Russland. Mutter und Sohn in einer Heimat, die sie verschlungen hatte. Weit von dem Land ihrer Herkunft entfernt. Es ist die gemeinsame amerikanische Sprache, die den Weg in eine neue Zukunft weisen sollte. Hier springt Sana Krasikov durch die Zeitscheiben ihrer Geschichte. Es ist kein in sich geschlossener Erzählraum, den sie öffnet. Wir werden zu Zeugen von Remigration und Heimkehren. Wir werden zu Zeugen einer Heimholung, die zur Heimsuchung wird. Lebenslang versucht Julian zu ergründen, was seine Mutter verbrochen haben soll, um im russischen Gulag zur „Achtundfünfzigerin“ zu werden. Politisch gefangen. 

Sana Krasikov erzählt nicht linear und nicht chronologisch geordnet. Genau das macht den großen Reiz dieser Geschichte aus. Ursachen und Folgen der Entscheidung ihres Lebens verfolgen Florence und ihre Familie lebenslang. Bewegend und spannend werden Fiktion und Geschichte miteinander verbunden. Das uns unbekannte Russland wird greifbar und wirkt mehr als erschreckend auf die Leser. Nicht minder erschreckend jedoch verläuft die parallele Entwicklung in den westlichen Ländern. Eine echte Heimat zu finden war in diesen Zeiten wohl unmöglich, ohne sich gleichzeitig mit einem System zu verheiraten. Julian gelingt es nicht nur, seine Mutter Florence von ihrer Rückkehr in die USA zu überzeugen, er gibt selbst niemals auf, ihrer und seiner eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Nirgendwo selbst richtig angekommen im eigenen Leben. In Amerika Russe. In Russland Amerikaner. Ein Schicksal, dem Entwurzelte zeitlos anheimfallen. Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man und auch, dass sich Geschichte wiederholt. Dieser Roman spuckt auf die heilende Wirkung der Zeit. Er wiederholt sich inhaltlich auf dramatischste Art und Weise, als Julian 2008 nicht nur in den inzwischen zugänglichen Archiven des Geheimdienstes nach der Geschichte seiner Mutter sucht, sondern er einem Motiv folgt, das zum Schicksal seiner Familie geworden zu sein scheint. Er, der „russische Simpel“, der „Gestörte zweiter Generation“, als der er in Amerika immer gesehen wurde, ist auf der Suche nach seinem eigenen Sohn Lenny. Geschichte wiederholt sich und reißt nie geheilte Wunden wieder auf. So ist der Vater, dessen Mutter den russischen Gulag nur knapp überlebte auf der Suche nach seinem Sohn, der sein Russland finden möchte.

Selten hat mich eine Autorin so gepackt, wenn es um die Austauschbarkeit von Heimat ging. Selten war der Heimatbegriff so willkürlich veränderbar, so variabel und dann doch wieder so nah und greifbar. Heimweh fühlt nur, wer Identität besitzt. Diese unterliegt dem Wandel der Zeit, kann genommen und verfestigt werden. Man ist selbst seines Glückes eigener Schmied. Man sollte nur sehr gut darauf achten, auf welchem Amboss man liegt. Sana Krasikov relativiert die die Schrecken politischer Systeme, da sie keiner Gesellschaft übergroße Toleranzwerte zubilligt. Die jüdischen Wurzeln ihrer Familie bringen überall Probleme mit sich. Ob im freien Amerika oder der scheinbar so geknechteten Sowjetunion. Aus diesem Buch spricht die große Sehnsucht der Autorin, einen selbstbestimmten Heimatbegriff zur Ausgangsbasis des eigenen Lebens machen zu können.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

Dabei benötigen Menschen Hilfe. Heimatlose integrieren sich nicht. Beheimatete sind nicht automatisch Zuhause angekommen. Die Gefühle reichen tiefer. Es ist zeitlos und in jeder Beziehung relevant, was uns Sana Krasikov ins Stammbuch schreibt. In diesen Zeiten, in denen wieder ideologische Mauern zwischen Ost und West errichtet werden, sollte man an die Menschen denken, die hinter den eisernen Vorhängen verborgen sind und neidisch auf die jeweils anderen Welten schauen. Was auf der Strecke bleibt ist die Empathie. Egal wo man sich umschaut. Heimat wird mit gefletschten Zähnen verteidigt. Heimatschutz, Heimatgarde, Heimatministerien. Als würde sie nur uns gehören. Es sind die Patrioten dieser Welt, die diesen Begriff stets mit Leben füllen. Zumeist ideologisch unterfüttert. Heimaterde.

The Patriots. So, lautet der Originaltitel des RomansDie Heimkehrer“. Das klingt offensiver, angriffslustiger und passt aus meiner persönlichen Sicht extrem gut zu einer Geschichte, die weniger durchs Heimkehren als durch das austauschbare Bekenntnis einer patriotischen Leidenschaft geprägt ist. Hier ist das Weggehen bestimmender als die Rückkehr. Hier ist es der aktive Prozess der Veränderung, der die Handlung trägt. Hier ist es der Rahmen, aus dem das normale Leben fällt. Hier ist es die hoffnungsvolle Aktion, die einen hochpolitischen, menschlichen und gesellschaftlichen Roman zu dem macht, was er ist. Großes Kopfkino mit antizyklischen Voraussetzungen. Ich schreibe und lese viel über das, was ich als Heimat empfinde. Mein Denken hat sich durch Sana Krasikov ein wenig verändert. Austauschbar war Heimat nie für mich. Florence Fein hat gehörige Zweifel in mir gesät.

Heimat und die kleine literarische Sternwarte: eine tiefe Auseinandersetzung.

Die Heimkehrer von Sana Krasikov

„Das Kaff“ von Jan Böttcher

Das Kaff von Jan Böttcher

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

Mit diesen Worten begann meine Lesereise in die Bücher, die ich als Gegenpol zur Globalisierung betrachte und die mich vom großen, zumeist anonymen Urbanen in das kleine Regionale begleiten sollten. Eine Sentimental Journey zu den eigenen Gefühlen, da ich vor langer Zeit meiner geliebten Heimat, der Eifel, den Rücken kehrte, um in der Metropolregion München mein Glück zu machen. Das ist mir gelungen und doch bleibt oft die Frage, wie mein Leben verlaufen wäre, hätte ich die Heimat nie verlassen. Eine Frage, die ich schon mit Norbert ScheuerAm Grund des Universums“ und in „Kall Eifel“ beantworten wollte. Eine Frage, die mich sehnsuchtsvoll umtreibt und eine Frage, die mich jetzt in einen Roman führt, der diese Lesereise losgetreten hat. Als mir auf der Frankfurter Buchmesse „Das Kaff“ angekündigt wurde, hat dieser Begriff Erinnerungen in mir geweckt, die tief in meiner Vergangenheit verwurzelt sind.

Das Kaff von Jan Böttcher

Das Kaff“ von Jan Böttcher, erschienen im Aufbau Verlag, holte mich genau da ab, wo ich mein Kaff vor vielen Jahren verlassen hatte. Dabei ist dieser Begriff nicht böse oder abschätzig gemeint. Kaff steht für alle positiven Werte, die man mit ihm verbindet und gegen die Kälte einer Gesellschaft, die in den großen Städten zumeist vorherrscht. Ich konnte mich von der ersten Seite an mit Michael Schürz identifizieren. Heimkehren bietet so viele gemeinsame Anknüpfpunkte und hier ist es der Berliner Architekt, der in seiner Eigenschaft als erfolgreicher Bauleiter nach Hause zurückkehrt, um der kleinen aufstrebenden Stadt mit ein paar modernen Wohneinheiten auf die Füße zu helfen und ihr ein neues Gesicht zu verleihen.

Ja, Michael hat es wirklich geschafft. Raus aus der ländlichen norddeutschen Region und rein ins pralle Leben. Alles hinter sich lassen und im allzu metaphorisch wirkenden Beruf eines Architekten sein neues Leben von Grund auf nach eigenen Entwürfen neu zu gestalten. Der Auftrag in seinem Kaff scheint eigentlich Business as usual zu sein. Bis ihn der Grundriss der eigenen Vergangenheit einholt. Wie eine Abrissbirne nähert sie sich der aktuellen Lebenskonstruktion und die Zeit im Kaff wird zum Belastungstest für die Tragfähigkeit des eigenen Lebensentwurfs.

Das Kaff von Jan Böttcher

Es ist extrem lesenswert, wie sich Jan Böttcher den alten Weggefährten seines Protagonisten nähert. Es ist großartig erzählt, wie ihr Michael Schürz immer tiefer in eine Gemeinschaft eingesaugt wird, aus der er eigentlich fliehen wollte. Der Rücksturz vollzieht sich in einem Tempo, dem die Fortschritte auf der Baustelle nicht entsprechen. Altes und neues Leben befinden sich auf einem empfindlichen Kollisionskurs. Böttcher gelingt durch seine Perspektivwechsel eine dreifach relevante Betrachtungsweise. Hier prallen nicht nur Gegenwart und Vergangenheit aufeinander. Auch die eigene Jugend des Protagonisten erfährt durch den zeitlichen Abstand eine neue Bewertung. Konflikte und Freundschaften, unbedeutende Randfiguren, Geschwister, Eltern und Beziehungen erscheinen im neuen Licht. Erkenntnisreich verläuft jeder neue Tag auf einer Baustelle, die der seines Lebens in nichts nachsteht.

Die wesentliche Erkenntnis traf mich wie ein literarischer Paukenschlag, weil ich genau dieses Gefühl so gut kenne. Beim Spaziergang durch die eigene Vergangenheit fehlt etwas. Es ist ein Fehl, das alles irgendwie fremd erscheinen lässt, wie ein Mosaik, in dem ein einzelnes verschwundenes Steinchen eine tiefe Lücke reißt:

„… ich muss mir eingestehen, dass mir etwas fehlt. Dass ich mir selbst fehle.“

Das Kaff von Jan Böttcher - AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher

Dabei ist „unser“ Berliner Architekt nicht wirklich ein grundsympathischer Typ. Die Ecken und Kanten aus seiner Kindheit und Jugend hat er in sein jetziges Leben gerettet. Konfliktscheu, opportunistisch und ein wenig hinterhältig mogelt er sich auch durch seinen Job. Offenes Aufbegehren ist nicht sein Ding. Andere ernstnehmen ist nicht seine größte Stärke und Gefühle offen zu zeigen hat er nie so richtig gelernt. In seinem Kaff gerät Michael Schürz in einen therapeutischen Sitzkreis, in dem ihm die eigene Unzulänglichkeit offen vor Augen geführt wird. Da wundert es auch nicht, dass ein längst gelebtes Leben erfolgreich die Fühler ausstreckt und gleichsam heilsam auf den Flüchtling einzuwirken beginnt.

Dabei sind es nicht nur die Freunde von einst, die lebensrettend sind. Es sind die Typen des Kaffs, die dem Architekten zeigen, was das wahre Leben bedeutet. Es sind die Randfiguren, die selten wahrgenommen werden. Es sind Menschen aus Vereinen, die so sehr für das Leben im Kaff stehen. Ohne sie ist belanglos, was gehaltvoll zu sein scheint. Diesen Typen stellt sich Michael Schürz. Er lässt sich führen und verführen. Er wird rückfällig. Ein Rückfall in sein altes Leben. Er mutiert zu einer dieser Randfiguren, deren Wert er gerade erst zu erkennen beginnt. Der Heimkehrer, der nicht heimkehren wollte übernimmt in seinem alten Fußballverein das Training einer Jugendmannschaft.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium

Das Kaff von Jan Böttcher ist keine konfliktfreie literarische Kost für den lauen Sommerabend. Was sich idyllisch und romantisch anhört, entwickelt einen Tiefgang, der es in sich hat. Die Zerreißprobe zwischen altem und neuem Leben spielt sich nicht nur auf dem Niemandsland ab. Der Konflikt erreicht die eigene Haustür, vor der Michael vor vielen Jahren aufgehört hat, zu kehren. Manche Konflikte kann man nicht mehr im Leben austragen. Manche führen auf den Friedhof eines Kaffs. Diese Rückkehr gehört zu den großen Momenten dieses Romans. Heimwehlesen, Sehnsuchtsvermessung!

Folgt mir auf meiner Lesereise in die Heimat. Entfrachtet diesen Begriff und macht ihn greifbar. Kommentiert diesen Artikel und schreibt mir, was Heimat und Heimkehren für euch bedeuten, welche Bücher ihr hier empfehlen könnt und warum ihr unbedingt im „Kaff“ einziehen wollt. Ein Exemplar des Buches gebe ich an dieser Stelle gerne weiter.

Heimatlesen – Eine Lesereise bei AstroLibrium

„Am Grund des Universums“ von Norbert Scheuer [Heimat-Lesen]

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Heimat. Ein großer Begriff. Jeder füllt ihn mit ganz individuellen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen. Jeder verbindet Schlüsselerlebnisse seines Lebens mit der Heimat, den Menschen die dort leben und lebten. Heimweh. Ein Sehnsuchtsbegriff, der sich der Übersetzung in andere Sprachen entzieht. Dialekt, Familienwurzeln, Kindheit, die erste große Liebe und der gefühlte Verlust, wenn man die Heimat verlässt kennzeichnen das Empfinden, das wir Heimatgefühl nennen. Heimaterde. Mehr als ein geflügeltes Wort.

„Queequeg was a native of Rokovoko, an island far away to the West and South. It is not down on any map; true places never are.“ (Herman Melville – Moby Dick)

Wahre Orte sind ebenso wenig auf Karten zu finden, wie Heimweh messbar ist. Ich spreche aus guter Erfahrung und möchte aus gutem Grunde einen Leseschwerpunkt in diesem Jahr der „Heimat“ widmen. In Zeiten der Globalisierung ist es angebracht, sich vom Großen ins Kleine zu lesen. Das „Kaff“ als Gegenentwurf zur Metropole zu sehen und dem Fernweh das Heimweh gegenüberzustellen, kann uns dabei helfen, das Fehl zu verstehen, unter dem Heimatlose oder Entwurzelte leiden. Es kann aber auch dabei helfen, uns selbst zu verstehen. Unsere romantisch verklärten Gefühle, wenn wir nach Hause kommen oder uns der alten Heimat nähern, der wir aus irgendwelchen Gründen den Rücken gekehrt haben, besser einordnen zu können.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„…er blickte gegen die Fahrtrichtung und dachte daran, dass die Menschen im antiken Griechenland angenommen hatten, den Hades rückwärts betreten zu müssen. Vor ihnen lag nur noch ihre Vergangenheit.“

So beschreibt Norbert Scheuer in seinem Roman Am Grund des Universums die Heimkehr eines jungen Mannes in die Eifel. Traumatisiert vom Krieg in Afghanistan, entwurzelt und von der großen Welt in die noch größere geworfen, kommt er nun nach Hause zurück. Ins kleine Städtchen Kall in der Eifel. Mal wieder. Diesmal jedoch ohne Rollstuhl. Diesmal ohne den Verlust des Erinnerungsvermögens und diesmal ohne die bohrenden Schmerzen im ganzen Körper. Und doch ist es wie immer. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, da Heimat keine Zukunft hat. Paul nähert sich dem Hades seines Lebens und in seinen Gedanken verschwimmen die Zeitebenen zu Zeitschleifen, deren Verwirbelungen ihn niemals losgelassen haben.

Norbert Scheuer führt seine Leser zum Grund seines Universums. An den Ort, wo alles begann. Den Ursprung. Man muss nicht aus der Eifel kommen, um die Heimkehr von Paul Arimond in allen Facetten erfühlen zu können. Man muss sich nur in das Bild des Schriftstellers fallen lassen, um jede eigene Heimkehr an einen Sehnsuchtsort am eigenen Leib nachempfinden zu können. Jeder hat sein persönliches „Kall“. Jeder fühlt in der Tiefe seines Herzens die gleichen widersprüchlichen Empfindungen, wenn man Gegenwart und Vergangenheit in Einklang bringen möchte, ohne den Gedanken an die Zukunft denken zu können. Es war einmal. So könnte man sagen. Vor uns liegt nur die Vergangenheit.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

So sehr sich Kall auch verändert haben mag, so sehr der Neubau eines Feriendorfs und die Vergrößerung des Stausees auch das Gesicht des kleinen Städtchens prägen, so wenig hat sich Kall in seinem Kern gewandelt, denn es gibt sie noch, die Epizentren im Orkan der Gegenwart. Die magischen Plätze, an denen sich das Leben abspielt und die Orte von denen aus man aus dem Inneren heraus den Gang der Zeit beobachtet. In Kall sind es die Grauköpfe, eine verschworene Gruppe alte Männer, deren Stammplatz in der Cafeteria des Einkaufszentrums seit Jahren das Auge des Orkans bildet. Um sie herum dreht sich die Geschichte des Ortes und wie ein Ältestenrat beobachten, werten und bewerten sie die Geheimnisse des Lebens.

Norbert Scheuer lässt uns mit den Grauköpfen verschmelzen. Wir erleben Kall aus erster Hand, wobei Gerüchte, Klatsch und Tratsch weit mehr Tradition haben, als Fake-News einer globalisierten Gesellschaft. Hier geschieht nichts ohne Grund. Vergangene Geschichten sind nie vergessen und das „Ich hab´s ja kommen sehen“ hat Konjunktur. So lernen wir die Menschen aus Kall kennen, die sich bisher erfolgreich gegen die Welt abgeschottet haben. Und mit Welt ist hier nicht das Große gemeint. Kall sieht sich hier schon eher wie das kleine gallische Dorf, für das die Fremde am Ortsschild beginnt. In Kall ist man schon Migrant, wenn man aus dem Nachbardorf kommt.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Wenn die Kneipe, die Sparkasse, der Friseurladen, die Bäckerei und der Stausee Geschichten erzählen könnten, wir kämen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier übernimmt Norbert Scheuer die Rolle der Zeitzeugen aus der Vergangenheit und führt uns durch Geschichten, die ihre Bedeutung in der Bedeutungslosigkeit erlangen. Es ist nicht weltbewegend, was sich hier abspielt. Es ist die Magie des Alltags, die uns daran erinnert, wie behütet, beobachtet, geschützt und gleichzeitig ausgeliefert man in einem kleinen Gebilde namens Heimatdorf sein kann. Wer sich jemals nach Anonymität sehnt, sollte Kall nicht betreten. Hier bleibt nichts lange verborgen, kein Fehltritt, keine Affäre und kein Fremdgehen. Über keinen Betrug, kein Geheimnis, keine Jugendsünde, keine Abweichung von der Norm wächst hier jemals Gras. Das Jetzt ist mit dem Einst so eng verwoben, wie ein Schleppnetz. Und jetzt gibt auch noch der Stausee sein Geheimnis preis. Man lässt das Wasser abfließen, und gräbt sich von der Dammkrone zur -sohle, wühlt mit schwerem Gerät am Grund des Universums und – keine Überraschung – man wird fündig.

Längst verschollene Gegenstände tauchen auf und die Grauköpfe stecken graue Köpfe zusammen, um weiteren Geheimnissen auf den Grund zu gehen. Schicht um Schicht erweitert sich unser Blick auf die Menschen des Ortes. Die Eigenwilligen und Verschrobenen, die Verratenen und Verlorenen, die Betrogenen und Vertriebenen, die Erkrankten und längst Verstorbenen erzählen ihre Geschichten. Es sind Mosaiksteine aus erster Liebe, verstohlenem Verlangen, korrupter Gier, enttäuschter Leidenschaft in einem Hauch von Seide und menschlicher Schwäche, die in der meisterlichen Collage von Norbert Scheuer ein Bild vom Grund des Universums ergeben. Das Lesen dieses Romans ist wie eine Heimkehr. Besonders für mich, da ich der Eifel selbst den Rücken kehrte und genau weiß, was Heimweh heute bedeutet.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Norbert Scheuer hat sich nicht zum ersten Mal in sein ebenso reales wie fiktives Kall geschrieben. Als ich seinen ersten „Ortstermin“ mit dem Titel „Kall – Eifel“ in den Tiefen des Stausees meines Lesens entdeckte musste ich weiter zum Grund tauchen. Hier begegnen mir die Namen und Orte wieder, die unter dem Grund des Universums eine weitere literarische Sedimentschicht abgelagert haben. Man sollte sich den Claim für ein vertieftes Lesen sichern. Die Schürfrechte können uns bereichern. Ich werde in diesem Jahr noch einige Bücher lesen, die den Heimatbegriff im Kleinen thematisieren. Ihr Zauber wird vielleicht mein Heimweh im Zaum halten. Vor kurzem schrieb ich, man solle sich sein Heimweh bewahren, auch wenn man zuhause ist. Daran halte ich fest.

Begleitet mich auf der Lesereise in die Heimat. Findet heraus, was Heimat bedeutet und entdeckt weitere Bücher, die Heimweh mildern können. „Heimaterde und Acht Bergeergänzen schon jetzt die Bücherkette des Lesens jenseits der Globalisierung. Die Romane Heimkehren und Der Freund der Totenzeigen auf, dass Heimweh kein regional oder sozio-kulturell begrenzter abstrakter Begriff ist. Heimweh macht uns aus. Es macht die Region aus, aus der wir stammen und es ist die letzte fühlbare und immer schmerzende Wurzelspitze, die uns mit unseren Vorfahren verbindet. Ein kleines Interview – ein Gespräch zweier Eifeljungs – unterstreicht, was ich hier schrieb. Es ist mehr als ein normales Buchmesse-Interview, das ich mit Sven Nieder über sich selbst, seinen Eifelbildverlag und über die gemeinsame Heimat führte.

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

Welche Bücher würdet ihr mir auf dieser Reise ans Herz legen?

Am Grund des Universums – Norbert Scheuer

„Acht Berge“ von Paolo Cognetti

Acht Berge von Paolo Cognetti

Manche Bücher erscheinen aus rein persönlicher Sicht „Just in Time“. Sie treffen ihre Leser aus der Tiefe des Raums und zeigen ihnen, dass sie mit ihren Fragen nicht allein sind auf dieser Welt. Hier geht es nicht um Ratgeber oder Lebensweisheiten, die uns zur Seite stehen. Es sind Romane, die Themen aufgreifen, die relevant sind und in besonderer Art und Weise Stimmungen und Gefühle reflektieren, die uns beschäftigen und denen wir auf den Grund gehen wollen. Es sind Stimmen unserer Zeit, die zeitlose Fragen aufgreifen und allein schon deshalb inspirieren oder zum Diskurs anregen.

Acht Berge“ von Paolo Cognetti ist ein solcher Roman. In einer globalisierten und immer urbaner ausgerichteten Welt widmet sich der italienische Schriftsteller wohl nicht ganz zufällig der Frage, welcher Lebensweg in diesen Zeiten der richtige ist. Er schreibt über individuelle Lebensentwürfe und ihre Konsequenzen. Dabei ist sein Roman sicher auch autobiografisch angehaucht, da sein eigenes Leben in der Zerrissenheit des Plots angesiedelt ist, den sein Buch in den Mittelpunkt stellt. Paolo Cognetti lebt in Mailand, hat vor seinem literarischen Durchbruch Dokumentarfilme produziert und verbringt die Freizeit am liebsten in der Abgeschiedenheit seiner Berghütte im Aosta-Tal…

Acht Berge von Paolo Cognetti

Wer „Acht Berge“ aufmerksam liest, wird Paolo Cognetti hier wiederfinden. Seine Geschichte handelt von zwei Freunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Bruno und Pietro verbringen in ihrer Jugend viel Zeit miteinander. Bruno, ein Kind der Berge und Pietro, ein typischer Stadtjunge, der mit seinen Eltern die Ferien im Monte-Rosa- Massiv verbringt. Es vergeht keine Stunde dieser gemeinsamen Erlebniswelt, in der die beiden Welten nicht aufeinanderprallen. Und doch entsteht in der Schnittmenge dieser Lebenswahrheiten eine Freundschaft, die mehr als dreißig Jahre Bestand haben sollte.

Die Berge sind Zufluchtsort und Refugium zugleich. Abenteuer pur für zwei Jungs, die den Blick noch nicht in die Zukunft gerichtet haben, sondern im Hier und Jetzt leben und erleben wollen. Doch während Pietro immer wieder in die Stadt zurückkehrt, seine Ausbildung in der Schule absolviert und zu einem typisch urbanen Vertreter seiner Art wird, bleibt Bruno in den Bergen zurück und erlebt seine Jugend zwischen Ziegen, der Alm und den zurückgezogen lebenden Menschen seiner Heimat. Der Begriff Natur ist ihm fremd.

„Nur ihr Städter redet von Natur: Für euch ist sie dermaßen abstrakt, dass sogar der Name abstrakt ist. Wir sagen Wald, Weide, Bach, Fels. Alles Dinge, die man anfassen und nutzen kann. Was nutzlos ist, bekommt erst gar keinen Namen…“

Acht Berge von Paolo Cognetti

In der Szenerie der Bergwelt entwirf Paolo Cognetti einen wundervollen Roman einer Freundschaft, die trotz unterschiedlicher Lebensumstände die Basis nie verliert. Berge werden zur zweiten und oftmals eigentlichen Heimat von Pietro. Das Leben jenseits der Hektik der Städte und die Konzentration auf das Wesentliche werden zu seinem Anker. Und doch treibt das Leben die beiden Freunde immer weiter auseinander. Während im Monte-Rosa-Massiv die Zeit stehenzubleiben scheint, Bruno in die Tradition der Familie verschwindet, wird aus Pietro der Weltenwanderer und Dokumentarfilmer, den es bis zu die Weiten des Himalayas treibt. Die Rückkehr zu Bruno wird jedoch zum Ritual, dem er lange folgt. Zwei Blätter im Wind. Oft verweht – immer wieder neu vereint.

Paolo Cognetti beschränkt sich nicht auf die Beschreibung einer Freundschaft, ihre Entwicklung und die Strömungen, die sie zu zerreißen drohen. Er geht weiter und damit wesentlich tiefer, als man es vermuten könnte. Es fühlt sich an, als stünde der Autor auf einem Gipfel und ließe uns an seinem Weitblick teilhaben. Familien flankieren den Weg der beiden Freunde. Pietros Vater nimmt eine magnetisierende Rolle im Roman ein. Da wo Pietro sich von ihm abgestoßen fühlt, seinen eigenen Weg gehen möchte und auch die Konfrontation sucht, fühlt sich Bruno von ihm angezogen. Der Ersatzsohn wird zum Gefährten. Ein Konflikt, der auch die Freundschaft tangiert. Am Ende des Weges ist es jedoch genau dieser Vater, der mit seinem Vermächtnis den Weg für das Fortbestehen der Freundschaft zwischen Bruno und Pietro bereitet.

Acht Berge von Paolo Cognetti

Cognetti gelingt mit „Acht Berge“ ein starker selbstreflektierender Roman, der in der Lage ist, unser eigenes Leben in diesem Szenario zu spiegeln. Das Spannungsfeld zwischen Fernweh und Heimweh gehört sicherlich zu den wesentlichen Faktoren einer moderenen Gesellschaft, in der Arbeitsplätze nur zu finden sind, wenn man mobil ist, der Heimat den Rücken kehrt und sich der Achterbahnfahrt des Lebens aussetzt. Hier stellt das Monte-Rosa-Massiv die große Metapher des Romans dar und es ist nicht nur Zufall, dass Pietro erst auf einer Reise zum Mount Everest die Legende von den „Acht Bergen“ kennenlernt. Eine Legende, die so sinnbildlich für seine Freundschaft steht.

Welcher Lebensentwurf ist der richtige? Eine Frage, die auch dieses Buch nicht zu beantworten in der Lage ist. Eine Frage, die es auch gar nicht beantworten will. Hier ist es eher die klare Botschaft, die besticht. Den Weg eines Freundes zu akzeptieren, ihn nicht zu verbiegen, an den Unterschieden zu wachsen, gemeinsame Werte lebenslang zu zelebrieren und in der Schnittmenge zwischen Heimweh und Fernweh eine Welt zu gestalten, in der es sich leben lässt. Paolo Cognetti gibt die Frage des Lebensentwurfs an seine Leser weiter. Er macht uns nachdenklich, lässt uns eigene Wege erfühlen und beraubt uns jeglicher Illusion, dass es nur EINE Wahrheit gibt. Die Dramatik von „Acht Berge“ gleicht dabei einem Gipfelsturm auf die eigene Denkwelt der Leser. Man sollte dieses Buch lesen, am Gipfelkreuz angekommen das Gipfelbuch in die Hand nehmen und eine persönliche Nachricht hinterlassen. Vielleicht ist es gerade dieser Weitblick in einer immer stromlinienförmigeren Welt, der uns abhandengekommen ist.

Acht Berge von Paolo Cognetti

„Acht Berge“ ist ein richtiger Naturbursche unter den philosophischen Büchern, die unser Leben verändern können. Es strotzt nicht vor Weisheiten, sondern vor Kraft. Und darüber hinaus vermittelt der Roman ein ungeschöntes Bild von der Konsequenz einmal getroffener Entscheidungen. Sie sind zumeist irreversibel, so sehr man sich oft auch bemühen mag. Ein Leben zwischen den Welten ist ein Leben ohne Heimat. Mein Weg gleicht dem von Pietro. Meiner Heimat, der Eifel, habe ich den Rücken gekehrt. In der Rückschau auf diese Entscheidung ein alternativloser Weg. Und doch tobt sich das Heimweh oft in mir aus. Welcher Weg ist richtig? Was gewinnen wir, wenn wir gehen? Was hätten wir, wenn wir geblieben wären? Wo liegt heute die Stärke des Kleinen, wo das Große immer anonymer wird. Was kann ein kleines Kaff, was die Großstadt nicht hinbekommt? Fragen, denen ich mich auch literarisch weiter widmen möchte.

„Heimweh.. Fernweh… Sehnsuchtsbücher“ – Ein Arbeitstitel für eine Lesereise, die hier ihren Anfang fand. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich Neuerscheinungen in Augenschein genommen, die mich bald intensiv beschäftigen werden. Und auch mein Interview mit Sven Nieder zu seinem Lebensentwurf, seinem Eifelbildverlag und dem Weg, dem er schon immer folgte, kann als Initialzündung eines neuen Lesens gesehen werden. Hier könnt ihr es hören… „Eifeljungs unter sich

Sven Nieder und sein Eifelbildverlag im Porträt

„Acht Berge“ – nicht der erste Gipfelsturm der kleinen literarischen Sternwarte:

Tod in eisigen Höhen – Eine Reportage zum Mount Everest Drama 1996
Absturz des Himmels – Reinhold Messner und das Matterhorn
Abgründig – Betreutes Klettern mit Arno Strobel
Bluteis von Marc Ritter – St. Moritz verliert seine Unschuld – Ein Icebreaker
Kreuzzug von Marc Ritter – Das Zugspitz-Attentat

Acht Berge von Paolo Cognetti – AstroLibrium und die Gebirgszüge des Lesens

„Heimaterde“ – Eine Weltreise durch Deutschland

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Gedanken, die mir durch den Kopf schießen. In allen Sprachen dieser Welt, in jedem Land und für jeden Menschen lebenswichtige und unverzichtbare Begriffe. Heimat wird dabei fast in allen Sprachen mit dem Wort „Haus“ gleichgesetzt (frz. maison; span./ita. casa; lat: domum), nur das Englische holt hier so weit aus, wie unsere Sprache und beschreibt mit „Homeland“ nichts Gegenständliches, sondern eher die emotionale Bindung eines Menschen zu einem Ort. Zumeist ist es die ganz frühe Sozialisation, sind es die ersten Erinnerungen und Erlebnisse, die uns in die Heimat hineinwachsen lassen. Eine Prägung, die niemals verlorengeht.

Heimat gehört zu unserem Leben und je weiter wir uns von ihr entfernen, umso tiefer scheint sich das Gefühl zu verankern, was sie uns bedeutet. Heimatlos zu sein, ist wohl die brutalste Art und Weise, diesen Verlust als manifestiertes Gefühl zum Wegbegleiter der eigenen Zukunft machen zu müssen. Flucht, Emigration oder Vertreibung. Zeitlose Ursachen für Heimatlosigkeit. Ihre Symptome sind vielfältig. Entwurzelte Bäume kann man nur sehr schwer wieder verpflanzen. Und Integration ist nur ein Ansatz, der helfen kann, ein neues Heimatgefühl zu vermitteln. Kein Allheilmittel. Nur ein Ansatz, der nicht dazu führen darf, dass Menschen im neuen Umfeld neben ihrer Heimat auch noch ihre Identität an der Garderobe abgeben müssen.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Gerade in diesen Tagen spürt man dies deutlich. Ein Konflikt zwischen Türken, die seit Jahren in Deutschland leben und ihren sogenannten „Gastgebern“ (eine fatale und mehr als falsche Selbsteinschätzung) angesichts eines politischen Referendums in der Türkei zeigt, wie wenig wir anderen Menschen den Begriff Heimat zugestehen und wie sehr wir darauf bestehen, dass man sich doch bitte irgendwann zu entscheiden hat, wo man lebt und was man fühlt. Zwei Staatsangehörigkeiten auf der Grundlage verbriefter Freizügigkeit machen nicht heimatlos. Das erste Gefühl für Heimat bleibt unangetastet. Und so wird eine Abstimmung über die Zukunft ihrer Heimat für die meisten Türken, die mit uns, bei uns, unter uns leben zur Herzensangelegenheit, die emotional verankert ist.

Das ist nicht so schwer zu verstehen. Und doch fehlt uns manchmal der ungetrübte Blick für die Gefühlslage der Menschen in unserem Umfeld. Dabei ist Heimat losgelöst von politischer Geografie oder geostrategischer Zugehörigkeit zu sehen. Heimat ist viel mehr. Wer sich in aller Tiefe und vorurteilsfrei auf die Suche nach Heimatbegriffen und ihren emotionalen Folgen machen will, dem möchte ich ein ganz besonderes Buch ans Herz legen. „Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ von Lucas Vogelsang, erschienen im Aufbau Verlag, ist viel mehr als eine Momentaufnahme eines Landes im Umbruch. Dieses Buch ist die empathische und intelligente Tür zu einem gemeinsamen Haus, dessen Bewohner wir zumeist nur vom Sehen kennen. Lucas Vogelsang ändert das und macht uns miteinander bekannt.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Und nicht nur das. Er macht uns mit uns selbst bekannt. Der neutrale Beobachter Vogelsang räumt mit Klischees auf, lässt uns die Perspektive wechseln und erzählt auf Augenhöhe, weil er sich selbst nicht ausblendet. Seine Heimatgefühle sind uns nah. Es ist so bewegend, ihm in seine eigene emotionale Prägung zu folgen, nachempfinden zu können, wo Heimat für ihn beginnt und was sie in ihm auslöst. Nur lebt eben niemand ganz allein in seiner Heimat. Und genau hier beginnt der Blick aus dem Fenster auf die Menschen in seinem Umfeld. Dieses weit geöffnete Fenster bietet auch uns Einblicke in eine Welt, in der wir selbst leben, ohne sie ganz wahrhaben zu wollen. Denn die vielen Menschen aus aller Welt verbindet eines in besonderem Maße. Die Idee von Heimat.

Vogelsangs Weltreise beginnt in seiner Heimatstadt Berlin. Die Menschen machen seine Reise zur Weltreise, denn hier findet er auf kleinem Raum all jene, die das Leben umgepflanzt, entwurzelt, neu eingepflanzt oder schon seit Urzeiten hier verwurzelt hat. Hier spielt die Herkunft eine Rolle, hier vermischen sich Gefühle, Ansichten und Rollen. Hier tobt das Leben und Vogelsang hat sein literarisches Stethoskop am Puls der Zeit. Sein Buch konfrontiert uns mit dem Unerwarteten. Bilder vom „Typischen“ beginnen zu bröckeln und die Menschen, die er uns näherbringt, sind uns nicht fremd. Keineswegs sogar. Wir kennen sie und doch ist uns fremd, was sich hinter den Fassaden versteckt, an denen wir in unserer Vorstellung klettern.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Wir begegnen den Boatengs, die ohne große Perspektiven gezeigt haben, wozu man in der Lage ist, wenn man seinen Traum lebt. Wir begegnen den Menschen, für die das Vorbild dieser Ausnahmefußballer alles bedeutet. Perspektive, Hoffnung, Stolz und den Frust über die unsägliche „Nachbar-Debatte“. Jerome Boateng hat vieles gemeinsam mit einem anderen Fußballer, den der Autor trifft. Diesmal in meiner Nachbarschaft. Es ist Jimmy Hartwig, dessen Karriere immer wieder an die Grenzen der Hautfarbe stieß. Heimat ist diesen Sportlern wichtig. Hartwig trägt sie im Zwerchfell, sein Dialekt reißt die Mauern ein, die andere beharrlich hochziehen. Heimat und die Boatengs. Ein schwierig zu fassendes Thema, das nicht nur durch Nationalmannschaften zu greifen ist. Heimat leuchtet. In vielen Stadien dieser Welt.

Lucas Vogelsang räumt auf mit banalen Bildern. Er stellt uns Menschen vor, die ihre Heimat verlassen haben, um ein neues Leben zu beginnen. Und dieses neue Leben ist eine Persiflage der vorbestimmten Rollen. Da sind Kai und Ericson. Einer weiß, einer schwarz. Ihre Verbindung liegt in dem Mann begründet, der für beide der Vater war. Es klingt abwegig, was beiden geschah. Der Weiße lebte das Leben des Mannes, der ihn als Vater annahm, der Schwarze blieb bei seiner weißen Mutter und verlor den Kontakt zum leiblichen Vater. Wer spricht nun besser ghanaisch? Wer ist der echte Afrikaner? Was ist Heimat für sie und wer sagt aus voller Überzeugung: „Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann!“ Klischeemodus: aus. Das Staunen wird zum Lesebegleiter.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

„Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland“ geht mit jedem Schritt des Autors einen Schritt voran in das Niemandsland der Heimatbegriffe. Ur-Berlinerinnen, Politiker mit sogenanntem Migrationshintergrund, Tatortschauspieler, Menschen wie Du und ich, Prominente und die ganz großen Unbekannten kommen zu Wort. Deutschsein wird in seine Bestandteile zerlegt, ohne es zu zerlegen. Neugier wird geweckt und der Humor verbindet, wo andere Schranken trennen. Vogelsang schreibt brillant, verfängt sich und uns in seinen Wortspielen und zeichnet ein Muster auf die Deutschlandkarte, das man so schnell nicht vergisst.

Heimaterde. Mutterboden. Vaterland. Warum eigentlich nicht Heimatboden, Vatererde und Mutterland? Gedanken, die beim Lesen kommen. Ein Buch das die Seiten sprengt und mich nachhaltig beschäftigt. Ob in Gesprächen mit Benediktinermönchen oder mit Menschen in meinem Umfeld. Ob in Gedanken an meine eigene Idee von Heimat. Das große Verdienst dieses Buches ist die emotionale Schnittmenge zu diesem Begriff. Es ist egal woher man kommt. Die folgenden Zitate aus dem Buch stehen für uns alle. Das ist Heimat, wie wir sie in „Heimaterde“ wiederfinden.

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Lucas Vogelsang

Heimat leuchtet.
Heimat ist das Land deiner Mutter.
Heimat ist, wo ich jemanden unter der Erde liegen habe.
Heimat ist auf eine Karte gemalte Hybris. Sie klingt gut.
Heimat ist der Ort, an dem man sich am meisten aufhält.
Heimat ist dort, wo ich ein Feuer machen kann.

PS:
Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich in aller Balance tief in mir ruhe. Heimat ist das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.
Heimat ist für mich der Lieblingsplatz meines Hundes, das Bücherregal mit meinen Schätzen und der Ort, an dem ich gerne die Augen schließen würde, wenn alles endet. Und was ist Heimat für euch?

Heimaterde – Eine Weltreise durch Deutschland – Heimweh kommt nach Fernweh

(Off-Topic) – Ein Gedankenflug, der durch Heimaterde ausgelöst wurde

Off-Topic: Warum bin ich kein Rassist – Jerome und Jimmy