„Beale Street Blues“ von James Baldwin – Fonny und Tish

Beale Street Blues von James Baldwin

Er hat den Buchmarkt gerockt. Er ist eingeschlagen, wie eine Granate in befriedetem Niemandsland und hat tiefe Gräben sichtbar gemacht, die heute mit Nebelkerzen oder anderen Ablenkungsmanövern verschleiert werden sollen. Er hat posthum neue Wellen der Diskussion über Rassismus und Diskriminierung angestoßen, weil das Lesen seiner Romane deutlich aufzeigt, wie wenig sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Sein gesamtes Lebenswerk wird durch die erneute Veröffentlichung und die Neuentdeckung der Relevanz seiner Kernaussagen in den Kontext einer Epoche gestellt, die Populisten Tür und Tor öffnet, an den etablierten Underdogs einer Gesellschaft festzuhalten.

Die Rede ist von James Baldwin. Die Rede ist von einem der bedeutendsten Autoren seiner Zeit. Die Rede ist vom 1987 verstorbenen literarischen Aktivisten, der zeitlebens für die Identität der schwarzen Bürger in den USA kämpfte, Diskriminierung, Rassismus und sexuelle Selbstbestimmung thematisierte und aus leidvoller eigener Erfahrung den Finger in die offenen Wunden der nicht überwundenen Sklaverei legte. James Baldwin hat Generationen geprägt, das Selbstbewusstsein der Unterprivilegierten konturiert und durch seine Publikationen richtungsweisend auf Missstände hingewiesen. „Von dieser Welt“ war eines seiner zeitlos wichtigsten Bücher, das in Deutschland mehr als sechzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung erneut für Furore sorgte.

Beale Street Blues von James Baldwin

Mit Beale Street Blues wird nun vom dtv Verlag und Der Audio Verlag die Reihe von Wiederentdeckungen fortgesetzt, die vielleicht schon aus dem Bewusstsein der Leser von einst verdrängt wurde, bei heutigen Lesern gar nicht mehr vorhanden ist und gerade jetzt in eine völlig neue Dimension der Wahrnehmung vorstößt. Genau hier wird es für mich wichtig, nicht nur ein Buch von Baldwin zu lesen. Hier wird es für mich mehr als elementar die Fäden aufzugreifen, die Baldwin über viele Generationen miteinander verknüpft hat und diese im Kontext unserer Zeit genau zu betrachten. Was hat sich hier verändert? Haben Diskriminierung und Rassismus nachgelassen oder ist es gerade die „Black Lives Matter“-Bewegung, die uns vor Augen hält, dass sich nichts getan hat?

Während Von dieser Welt noch im Harlem der 1930er Jahre spielt, entführt er uns mit seinem 1973 erstmals veröffentlichten Roman „Beale Street Blues“ erneut in diese den Schwarzen vorbehaltene Welt. Hier erleben wir die 1970er Jahre in New York und eigentlich sollte man denken, dass sich in diesen vierzig Jahren einiges zum Guten hin verändert hat. Eigentlich sollte man denken, dass eine aufgeklärte Gesellschaft sich im tiefsten Bewusstsein für Gleichbehandlung neu erfunden haben könnte. Eigentlich wäre es nur logisch, dass Diskriminierung mit fortschreitender Zeit im multikulturell geprägten Big Apple zum Fallobst der Geschichte gehört. Weit gefehlt. Sehr weit ist der Apfel des Rassismus nicht vom Stamm gefallen.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ ist vieles zugleich im Gewand einer großen Story. Es ist der große Liebesroman aus der Feder von James Baldwin. Gleichzeitig ist es jedoch auch die Generalabrechnung mit einem Justizsystem, das sein Recht der Hautfarbe anpasst. Im Schwerpunkt beschreibt Baldwin für mich auf erdrückende Art und Weise die extrem belastende Unkalkulierbarkeit einer Rechtsprechung für die schwarze Bevölkerung. Es herrscht Willkür. Man ist völlig ausgeliefert. Sollte auch nur der Hauch eines Verdachts auf einen Schwarzen fallen, greifen alle Automatismen eines legalen Unrechtssystems. Den Beschuldigten fehlt das Geld für Anwälte, weil Schwarze eben nur Berufe ergreifen die ihrer Hautfarbe zu entsprechen haben. Es fehlt jede Möglichkeit, der Justiz mit den dafür vorgesehenen Mitteln entgegenzutreten und dieser Justiz muss das Bewusstsein abgesprochen werden, gerecht im Sinne eines Angeklagten zu sein.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Sind es nicht die gleichen Automatismen, die ich hier schon mehrfach als „RassisMuster“ beschrieben habe? Sind es nicht die gleichen Ungerechtigkeiten, die Geschichten wie „Mercy Seat“, „Wer die Nachtigall stört“ und „Ein anderes Leben als dieses“ miteinander verbinden? Ist das nicht die Kernaussage des Schreibens von Ta-Nehisi Coates, der seinem Sohn noch heute auf die Fahne des Lebens als Schwarzer schreibt, dass etwas „Zwischen mir und der Welt“ steht? Ist es nicht frustrierend, diese Muster über die Jahrzehnte hin immer wieder neu aufzuspüren und die tragischen Konsequenzen zu erleben? Wer diese Muster durchbrechen will, hat noch langen Weg vor sich. Das Lesen hilft. Das Verstehen hilft. Empathie wächst brutal langsam.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beale Street Blues“ setzt da an, wo wir Harlem in unserer Vorstellung ansiedeln. Diese Geschichte bestätigt alle Vorurteile, die man nur haben kann, wenn man sich nur vorstellt, in den 1970er Jahren in diesem schwarzen Universum zu leben. Zumindest in Bezug auf die weiße Welt, die schonungslos auf dem Rücken der Afroamerikaner ihren Weg in die strahlende Zukunft gestaltet. Das solltet ihr euch eigentlich besser von Tish erzählen lassen. Wobei sie ja gar nicht so heißt, und eigentlich heißt ihr Verlobter auch gar nicht Fonny. Aber, wenn man sich schon ein ganzes Leben lang kennt und einfach zueinander gehört, wie die beiden, dann spielen Spitznamen eine eher untergeordnete Rolle. „Beale Street Blues“ ist der literarische Song einer großen Liebe, die unter dem Vorbehalt der weißen Justiz steht.

Tish ist schwanger. Gewollt. Stolz drauf. Ein Kind von der Liebe ihres Lebens. Es ist ein Gottesgeschenk, das verbindet, was schon immer füreinander bestimmt war. Die Familien der beiden Verliebten hadern zwar mit dem jungen Glück, aber irgendwie wird schon alles gut werden. Die üblichen Vorbehalte. Kann er meine Tochter ernähren? Ist er gut genug für sie? Kann sie ihn glücklich machen? Wäre da nicht die Tatsache, dass Fonny im Gefängnis sitzt, man könnte einen gemeinsamen Weg in die Zukunft finden. Tish jedenfalls hält an ihm fest. Sie hat den Einen gefunden. Die eine große Liebe. Egal was man Fonny auch vorwirft. Hauptsache es gelingt, ihn vor der Geburt seines Kindes rauszuholen. Eine gewaltige Mission.

Beale Street Blues von James Baldwin

Der Fall hinkt an allen Ecken und Kanten. Fonny soll ein Vergewaltiger sein. Obwohl er ein Alibi hat, die Vergewaltigte schon außer Landes ist und die Beweisführung keiner ernsten Begutachtung standhalten würde, sitzt er in Untersuchungshaft. Es reicht, dass ihn ein weißer Polizist auf dem Kieker hatte. Es reicht, dass die Vergewaltigte sagte, es sei ein Schwarzer gewesen. Es genügt völlig, dass bei einer Gegenüberstellung Fonny der einzige Dunkelhäutige in der Reihe der möglichen Täter ist. Die Falle schnappt zu. Jetzt läuft die Zeit. Ein Anwalt muss her. Möglichst ein Weißer. Sonst hat man gar keine Chance. Und der muss den Fall komplett aufrollen. Und das, bis zur Geburt des Kindes.

James Baldwin lässt uns tief in den Charakter von Tish fallen. Sie erzählt uns, wie diese Liebe entstand. Sie entführt uns in den Rhythmus einer Beziehung, die sich allen Widerständen zu stellen hat. Während sie erzählt, verlieben wir uns selbst in die junge Frau, weil sie vorbehaltlos und bedenkenlos liebt. Leidenschaft, Lust, Freude und neue Sichtweisen auf das Leben. All dies lernen wir bei Tish. Sie kämpft für Fonny. Sie geht alle denkbaren Kompromisse ein, zwei Familien zum gemeinsamen Kampf zu vereinen. Und all dies, während Fonny im Gefängnis am Gefühl der Unschuld zu krepieren droht. Die Zeit läuft gegen die beiden Liebenden. Die beiden Familien finden keinen Konsens und die Justiz kennt keine Unschuldsvermutung. Nur der Anwalt beginnt, an der schier unmöglichen Aufgabe zu wachsen. Ein zarter Hoffnungsschimmer.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Beal Street Blues“ ist ein in höchstem Maße relevanter Roman, der bespielhaft im Kosmos der Diskriminierung seine Kreise zieht. James Baldwin erzählt uns eine große Geschichte mit unfassbarem Tiefgang. Zwei Protagonisten, die wir so schnell nicht aus unseren Gedanken verdrängen können, beschäftigen uns auch nach dem Lesen. Eine Zeit voller Diskriminierung, Populismus und Ausgrenzung schreit nach diesem Roman. James Baldwin selbst hätte wohl nicht gedacht, ein Amerika nach Barak Obama in den Händen von Politikern wiederzufinden, die das Rad der sozialen Gleichbehandlung weit zurückdrehen. Es lohnt sich weiterhin am Ball zu bleiben. Es lohnt sich James Baldwin zu lesen und zu hören. Es lohnt sich, sich selbst eine Meinung zu machen und diese zu vertreten. Schweigen hilft nur denjenigen, die sich an der Diskriminierung bereichern.

Wer nicht lesen will, muss hören. Constanze Becker liest sich in dieser ungekürzten Hörbuchfassung in ihre Hörer hinein. Sie wurde für mich schnell zur authentischen und emotional passenden Stimme von Tish. Constanze Becker macht einen wesentlichen Aspekt des Romans nachhaltig hörbar. Im Vergleich zweier Gefangener, dem Vergleich zweier Gefängnisse liegt ein Geheimnis von „Beale Street Blues“ verborgen, das mich selbst gefangen nahm. Das ungeborene Kind im Bauch seiner Mutter ist wie sein Vater im Gefängnis der Willkür des Lebens ausgesetzt, die draußen das Schicksal bestimmt. Ob sich beide als freie Menschen begegnen werden, ist die große Frage, die nicht nur dieser Roman, sondern auch die Zeit zu beantworten hat. Baldwin hat eine Antwort.

Beale Street Blues von James Baldwin

„Von dieser Welt“ – James Baldwin sprengt alle Ketten

Von dieser Welt – James Baldwin

Hier erleben wir die unglaubliche Dynamik des Buchmarktes in Reinkultur. Schon auf der Frankfurter Buchmesse wird mir beim Presstermin bei dtv ein ungewöhnlicher Roman vorgestellt. Meine Entscheidung ihn zu lesen fällt schnell, geht es doch um eins der Schwerpunktthemen auf AstroLibrium. Den wohl unbesiegbaren Rassismus in den USA, die nie wirklich gesprengten Ketten nach der Abschaffung der Sklaverei am Ende des Amerikanischen Bürgerkrieges und die lang anhaltenden und dramatischen Folgen dieser geistigen Fehlentwicklung für die Betroffenen und Verursacher. Viele Bücher zu diesem Thema habe ich bereits vorgestellt und dabei deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die Wurzeln dieser über Generationen vererbten Diskriminierung auch heute eine ganze Gesellschaft im Griff haben.

Von dieser Welt“ von James Baldwin wurde groß angekündigt und im Umfeld der Veröffentlichung spürt man ein betriebsames und gespanntes Vibrieren in der Branche. Erste Druckfahnen werden versandt, eine aufwendig gestaltete SocialWall entsteht, der Hashtag #tappingintobaldwin macht die Runde, die Produktion des Hörbuches nimmt Fahrt auf und alle Weichen sind gestellt, das Werk pünktlich zur Leipziger Buchmesse in den Handel zu bringen. Und dann das: Eine flotte Pressemitteilung und die Hektik hinter den Kulissen wird spürbar. Erscheinungstermin vorgezogen. Zwei Wochen früher als eigentlich geplant wird Baldwins „Von dieser Welt“ schon am 28. Februar das Licht der Bücherwelt erblicken. Was war passiert?

Von dieser Welt – James Baldwin – Die SocialWall

Ganz einfach. Der größte Buchmarkt-Motor hatte sein Getriebe geölt und diesen Roman auf die Liste gesetzt. Die Rede ist hier vom „Literarischen Quartett„. Schon in der Sendung vom 2. März wird man über die Neuerscheinung diskutieren und es wäre ein Debakel, die Steilvorlage des Kritikerquartetts ungenutzt zu lassen, indem das Buch (wie immer es auch dort besprochen wird) als noch nicht lieferbar deklariert würde. Es ist kein Geheimnis, was schon am Tag nach der Ausstrahlung im Buchhandel passieren wird. „Ich hätte gerne das Buch, das gestern im Fernsehen vorgestellt wurde. Ich weiß nicht, wie es heißt, aber es war blau!“ Buchhändler wissen wovon ich rede.

Aber womit haben wir es hier eigentlich zu tun? Ist „Von dieser Welt“ gar nicht von dieser Welt und eine echte literarische Sensation? Hat dieser Roman das Potenzial, die Bestsellerlisten quasi im Alleingang zu erobern? Wird er schon im Ausland bejubelt und eilen ihm Vorschusslorbeeren voraus, die den Erfolg in Deutschland garantieren? Nein. Weit gefehlt. Wir haben es im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Klassiker zu tun, mit der Neuentdeckung des 1987 verstorbenen Autors und einem besonderen Wagnis aus Sicht des Verlages. James Baldwin ist kein unbeschriebenes Blatt, dieses Buch ist kein unbesungenes Meisterwerk und doch ist die Zeit reif, den Debütroman des Autors aus dem Jahr 1953 in der neuen Übersetzung von Miriam Mandelkow auf die Welt zu bringen.

Von dieser Welt – James Baldwin

Und schon wird es auch für den geneigten Kritiker, Quartettspieler und auch uns Rezensenten ein wenig tricky. Kommt es hier überhaupt noch auf unser Urteil an und können wir uns überhaupt Kritik an einem der hochgelobtesten Bücher über Rassismus und Ausgrenzung, Selbstfindung innerhalb der schwarzen Hautfarbendiaspora und dem kompensatorischen religiösen Ablenkungsautomatismus afroamerikanischer Bürger der letzten 70 Jahre erlauben? Was bleibt uns noch zu einem Roman zu sagen, den selbst das Time Magazine auf der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane seit 1923 führt? Steht es uns dann noch zu, einen schwarzen Schriftsteller postmortem kritisieren zu wollen? Einen literarischen Aktivisten der Gleichberechtigung, die leuchtende Fackel im Kampf gegen die Unterdrückung und zu Lebzeiten den einzigen schwarzen Künstler, der es aufs Cover des Time Magazine geschafft hatte? Ich sagte ja, es wird sehr tricky, denn das einzige Manko unseres Lesens ist, dass wir ihn hierzulande schon vergessen oder sowieso bisher nie richtig wahrgenommen haben.

Wo sehe ich meine Rolle, wenn ich Von dieser Welt vorstelle? Ganz einfach. Ich möchte beschreiben, warum man James Baldwin heute lesen MUSS. Ich mag erzählen, wie ich dieses Buch gelesen und empfunden habe und dabei hervorheben, was es von den Büchern unterscheidet, die für mich Maßstab eines freien vorurteilsfreien Denkens sind und neue Gedanken festhalten die ich exklusiv diesem Roman zu verdanken habe. Und schon wird verständlich, warum „Von dieser Welt“ nichts von der Brisanz verloren hat, die diesen Roman schon im Erscheinungsjahr 1953 ausgezeichnet hat. Erstmals in der Literaturgeschichte schrieb ein schwarzer Autor nicht über Rassismus. Zum ersten Mal gelang es einem afroamerikanischen Schriftsteller, sich von Erzähltraditionen einer Welt zu lösen, die niemals seine Welt werden sollte. Erstmals fand James Baldwin eine ganz eigene Stimme und erstmals verlieh er dieser Stimme und den bisher ungehörten Gehör, weil er nicht über Rassismus schrieb. Er schrieb Von dieser Welt, wie sie sich für ihn anfühlte. Eine Welt, in der niemand gerne leben würde. 

Von dieser Welt – James Baldwin

James Baldwin entführt uns ins Harlem der 30er Jahre und erzählt die Geschichte eines einzigen Tages. Er erzählt vom 14. Geburtstag von John Grimes. Ein schwarzer Junge auf der Suche nach seinem Weg ins Leben, orientierungslos und von eigenen Vater täglich mit der Geißel der Religion und der eigenen Wertlosigkeit konfrontiert. Nur die Kirche und die Hinwendung zu Gott können ein Ausweg aus dem tristen Leben sein. Nur in der bedingungslosen Hin- und Aufgabe läge seine Zukunft. Diese Lehre wird ihm täglich brutal eingetrichtert. Einzig sein wacher Verstand, die Hassliebe gegenüber dem Vater und der unbedingte Wille, selbst über sein Leben zu entscheiden, veranlassen ihn sich aufzulehnen und den Blick auf die wahre Welt zu richten. Eine Welt, die ihm fremd und feindlich gegenüber steht. Die Welt der Weißen in New York. Eine Welt, in der kein Platz für einen Schwarzen war, ist und sein wird.

An der Seite von John Grimes erleben wir diesen einen Tag in voller Wucht. Wir werden zu Zeugen seines Blicks auf das New York der Weißen und erleben, wie man seinen geschundenen Bruder nach Hause bringt. Wir fühlen mit, wenn John Sehnsucht nach Liebe empfindet und spüren seine Hilflosigkeit angesichts der Verblendung seines Vaters, der in der übersteigerten Religiosität der Welt der Weißen zu entfliehen sucht. Diese Ersatzwelt in der Kirche stattet seinen Vater mit der Macht aus, die er im wahren Leben niemals finden würde und so versinkt seine schwarze Gemeinde im Sumpf einer fast wahnhaften Erweckungspsychose. Und doch ist es die Hinwendung zu Gott, die es John ermöglicht, sich vor der Kirche, dem Harlemer Slum und seiner eigenen Familie in Sicherheit zu bringen. Hier liest sich der Roman wie ein ekstatischer Gospel, der in die Seele reicht und von Hoffnung und Rettung kündet. Ein rhythmischer Gospel, der jedoch nur in der Lage ist, die Ketten der Versklavung enger um die Herzen der Schwarzen zu ziehen. Eine bedrohliche Melodie. Weltfremd und voller Selbstbetrug.

Von dieser Welt – James Baldwin

Wie eine Messe liest sich dieser Roman, wie ein Choral besingt er drei Gebete. Es sind die Gebete von Johns Vater, das seiner Tante und zuletzt das aufrichtige Gebet der eigenen Mutter. Sie öffnen ihre Seelen, nichts bleibt verborgen, keine Wunde verheilt im Gospel dreier Leben. Es sind Gebete von Machtlosigkeit, Macht, Treue und Untreue. Es sind Gebete, die nur entstehen können, weil Rassismus das schwarze Leben dominiert. Die brutale Beiläufigkeit, mit der die Fremdbestimmung durch Weiße erzählt wird, wird in jeder Zeile spürbarer. Baldwin schreibt nicht über diesen Hass. Er beschreibt ihn als Teil des Lebens, vor dem man nicht fliehen kann. Rassismus ist „Von dieser Welt“ und John Grimes versucht ihm an diesem 14. Geburtstag zu entrinnen, indem er seine Welt hinter sich lassen muss. Hart und brutal. Erniedrigend und erhellend. Unvergesslich.

Von dieser Welt liest sich wie ein Initiationsritual, weil wir am eigenen Leib spüren was es bedeutet, nur als minderwertige Menschen gesehen zu werden. Das Buch ist so beklemmend, weil James Baldwin sich von allen Zwängen befreit, die eigenen Ketten sprengt und uns mit einer Sprache konfrontiert, die uns sprachlos macht. Er selbst zog sich in ein Schweizer Dorf zurück, hörte Gospels von Bessie Smith und versuchte sich in seiner eigenen Sprache zu definieren. Im blühenden Alltagsrassismus des „Negers mit der Schreibmaschine“ gelang ihm der autobiografische Befreiungsschlag mit dem Sound, den man vorher nie vernahm. Miriam Mandelkow ist das Kunststück gelungen, den ursprünglichen Rhythmus und die Melodie dieser Erzählung in eine Übersetzung einfließen zu lassen, die dem Werk Baldwins mehr als gerecht wird.

Von dieser Welt – James Baldwin

Nun mag die moderne Welt über dieses Buch urteilen wie sie mag. Seine Relevanz für unsere Zeit ist unbestritten. Ta-Nehisi Coates hat das auf den Punkt gebracht. Sein Buch „Zwischen mir und der Welt“ nimmt den Ball auf, den James Baldwin ihm schon 1953 zugespielt hat und zeigt im offenen Brief eines schwarzen Vaters an seinen Sohn, dass die Welt, in der er heute lebt sich nicht wesentlich von der Welt unterscheidet, die Baldwin beschrieb. Beide Bücher sind nur durch die Zeit voneinander getrennt. Baldwin ist wichtig für das Verständnis der heutigen „Black Lives Matter„-Bewegung. Schade, dass „Von dieser Welt“ genau von jenen Menschen nicht gelesen wird, die diese Welt zu ihrer machen und sie für andere verschließen.

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Das Hörbuch zum Roman erscheint am 29.3. bei Der Audio Verlag. Wanja Mues wird diesem bedeutenden Werk seine Stimme verleihen. Ich habe es gehört und mich bei Literatur Radio Bayern geäußert [1]. Folgen Sie mir bitte in einige Bücher, die für mich unverzichtbar sind, wenn es um das Verständnis dafür geht, wie es sich anfühlen muss, in einer Welt zu leben, die ihre Tore für alle Zeiten verschlossen hat. Rassismus lautet der Tag, der Sie zu meiner weltoffenen Bibliothek dieser Bücher bringt. Und wenn Sie sich jetzt noch dafür interessieren, wer meine Weichen in eine Welt ohne jegliche Vorurteile gestellt hat, dem lege ich den Artikel Warum ich kein Rassist bin ans Herz.

Gegen Rassismus und Ausgrenzung – Ein Schwerpunkt bei AstroLibrium

[1] Premiere bei Literatur Radio Bayern. Ab 28. März kann man in meinem PodCast zum Hörbuch eine von zwei Ausgaben der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag gewinnen. Zuhören und die Antwort an astrolibrium-aktion@web.de schicken. Der Einsendeschluss ist Montag, der 2. April.

Nachdem ich euch gezeigt habe, dass Baldwin nicht „Von dieser Welt“ ist, singe ich nun seinen „Beale Street Blues“… Hier geht´s lang… 

James Baldwin – Es geht weiter