„Señora Gerta“ – Die Biografie eines Lebens von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

„Ich weiß nicht, warum ich mir das alles merken kann, aber es ist da, ich sehe es vor mir in allen Details.“

[An dieser Stelle können Sie auch gerne bei Literatur Radio Bayern weiterhören]

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Das sagt Gerta Stern im Alter von über 100 Jahren. Sie ist eine polyglotte Zeitzeugin des vergangenen Jahrhunderts, hat es auf zwei Kontinenten erlebt und blickt nun voller Energie auf ein Leben zurück, das noch lange nicht ausgelebt ist. Zu vital ist sie, zu viel Energie hat sie sich für diesen Schlussspurt aufgespart. Disziplin und Haltung, die harte Schule des Balletts der frühen Jugend, zahlen sich heute aus. Gerta Stern verfügt noch heute über die perfekte Präsenz eines Menschen, der das Rampenlicht gewohnt ist. Sie hat viel zu erzählen. Ihre Biografin Anne Siegel weiß ein Buch davon zu singen.

Señora Gerta“, erschienen im Europa Verlag, sticht auch mit dem Untertitel „Wie eine Wiener Jüdin auf der Flucht nach Panama die Nazis austrickste“ ins Auge. Hier ist die vielleicht einzige Schwäche der Biografie aus der Feder von Anne Siegel zu finden, denn dieses Buch ist nicht nur auf eine wichtige, aber eben doch nur kleine Episode im Leben einer bewundernswerten Frau zu reduzieren. Dieses Buch erfüllt den Anspruch, eine komplexe Lebensgeschichte in aller Vielfalt brillant zu erzählen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Eine Geschichte, die sehr lange gebraucht hat, um ihren Weg aus Panama zu uns zu finden und die so viel mehr beinhaltet, als den unglaublichen Mut einer Frau, der es in der entscheidenden Phase ihres Lebens gelungen war, ihren Mann vor den Nazis zu retten. Und genau hier trifft der Untertitel der Biografie ins Schwarze, bedeutet doch das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit für die Wiener Jüdin den größten Bruch ihres Lebens. Einen Einschnitt, der alles in ein Davor und Danach zerschneidet. Hier ist nicht nur das Austricksen der Nazis Schwerpunkt des Buches. Vielleicht ist es eher das Schnippchen, das Señora Gerta dem ganzen Leben schlägt, das uns in dieser Biografie fesselt und gefangen nimmt.

Um begreifen zu können, wie Gerta Stern dieses Husarenstück gelang, sollte man einfach verstehen lernen, wo sie aufwuchs, welche Werte ihr vermittelt wurden und was es für sie bedeutete, als Jüdin plötzlich entrechtet zu sein. Wenn man dieses Schicksal zu fassen bekommen möchte, dann sollte man erlesen, welche Lebenskraft diese Frau für die Zukunft schöpfte. Und wenn man dann begreifen will, warum sie auch im hohen Alter noch eine Suchende war, dann sollte man dieser Biografie folgen und ermessen, was es heißt, lebenslang auf der Suche nach der Antwort auf eine überlebenswichtige Frage zu sein:

Wer war damals jener unverhoffte Helfer in Naziuniform, der ihr half, das Leben ihres Mannes zu retten?

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Gemälde „Gegen das Vergessen“ by Peggy Steike

So entsteht im gemeinsamen Rückblick mit Gerta Stern eine epochale Biografie und Anne Siegel ist viel mehr als eine Chronistin. Sie betrachtet das Lebensalbum von Gerta und kitzelt angesichts der Bilder aus der Vergangenheit Emotionen, Details und Erinnerungen aus der innerlich jung gebliebenen alten Dame heraus. Was auf diese Art und Weise entsteht ist ein Mosaikbild, das sowohl die Geschichte zweier Kontinente im 20. Jahrhundert beschreibt. Es ist aber auch ein Dominospiel, das verdeutlicht, welche kleinen Steine alles in Bewegung setzen und wie persönliches Schicksal funktioniert.

Das Muster des Mosaiks reicht vom Bau des Panamakanals bis zu Charly Chaplin, es setzt sich fort in den Flüchtlingsströmen im Europa des Ersten Weltkriegs und führt von den reichen Bankiers-Dynastien der Rothschilds bis zu den Radikalisierungen, die von Gerta Stern Besitz ergreifen sollten. Eingebettet in diese Rahmenbedingungen zeichnet Anne Siegel ein gestochen scharfes, sympathisches und zutiefst menschliches Portrait einer Frau, die heute alle überlebt hat, die es zeitlebens zu schützen galt. Der Rahmen für dieses Portrait ist der Journalistin Anne Siegel ebenfalls brillant gelungen.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel – Ein Fußballprofi im KZ Sachsenhausen

Wenn wir dann vor diesem Bild stehen und denken, diese Gerta Stern zu kennen, ihr Selbstwertgefühl abschätzen zu können und schon auf dem besten Weg sind, sie zu bewundern, dann verdunkelt Anne Siegel die Szenerie und entführt uns nach Hamburg. Wir scheiben den 9. November 1938 und wir wissen, dass dieser Tag in die Geschichte eingehen wird. Ein schlechter Tag für ein jüdisches Ehepaar in der Hansestadt. Ein Tag der Gerta und ihren Ehemann, den Profifußballer Moses Stern in den Fokus des Nazis rückt. Es ist die Reichspogromnacht.

Als Moses verhaftet und ins berüchtigte KZ Sachsenhausen deportiert wird, zeigt sich, mit wem es die braunen Machthaber zu tun haben, als Gerta Stern nicht in Trauer versinkt, sondern zu handeln beginnt. Ihr liegt die ganze Welt zu Füßen. Zumindest in dem Moment, in dem sie beschließt alle Botschaften der Welt abzuklappern, um einen neuen Platz für sich und ihren Mann zu finden. Und so macht sie sich auf den Weg von einer diplomatischen Vertretung zur nächsten. Denn Gerta Stern hat einen Plan, wie sie die Nazis austricksen kann.

Als sie jedoch einem Mann in Nazi-Uniform begegnet, scheint ihr Weg am Ende zu sein. Seine Frage Haben Sie keine Angst, sind Sie Jüdin? verändert die Welt.

Señora Gerta von Anne Siegel

Señora Gerta von Anne Siegel

Es ist die unfassbare Mischung aus überbordender Lebensfreude und Angst, die aus der Biografie Señora Gerta“ eine der lesenswertesten Geschichten Gegen das Vergessen macht. Der Autorin gelingt es, Gerta Stern ins Rampenlicht ihres eigenen Lebens zu stellen. Ihr gelingt, den Mut und den Tatendrang der Wienerin in die Herzen der Leser zu schreiben. Ohne Pathos und jegliche Glorifizierung. Was ihr noch gelingt? Uns heute klarzumachen, wie sich die Welt für jüdische Mitbürger fast stündlich änderte und wie wenige Menschen sich dagegen auflehnten. Anne Siegel schreibt nicht nur die Lebensgeschichte einer bewundernswerten Frau nieder, sie erzählt auch von einer Welt der Entrechtung und Ausgrenzung. Eine Welt, die so niemals wieder entstehen darf.

Gerta Stern ist heute Ehrenbürgerin von Panama City. Sie feiert ihr Leben, weil sie auch jeden Grund dazu hat. Melancholie – Fehlanzeige. Eine Frau, an der wir uns auch heute noch ein Beispiel nehmen können. Ein Buch, an dem wir uns gerade heute noch ein Beispiel nehmen können. Und eine Autorin, die beispielhaft recherchiert, grandios erzählt und quasi en passant die wichtigste Frage im Leben Gerta Sterns beantwortet: Die Frage nach dem Mann, der ihr damals half.

Wer auch nur einen Menschen rettet, der rettet ein ganzes Volk. Dieses Zitat trägt bis in unsere Zeit. Das sollten wir nie vergessen. Panama ist überall.

Literatur "Gegen das Vergessen" - Hamburg im Brennpunkt

Literatur „Gegen das Vergessen“ – Hamburg im Brennpunkt

Liebe Gerta Stern. Es war mir eine Ehre, Ihr literarischer STERNwärter zu sein.

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Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm [Schwarberg]

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun heißt es sachlich zu bleiben. Schon nach diesen sechs einfachen Worten bricht das Schreiben. Pause. Emotionen ausblenden. Hilflosigkeit beiseiteschieben. Einfach nur schreiben. Rezensieren. So schwer kann das ja nicht sein. Schreiben. Buchtitel und Verlag erwähnen. Den Autor beim Namen nennen und mich einer Geschichte nähern, die mich ein paar Tage meines Lesens Gegen das Vergessen begleitet hat. Dass ich innerlich extrem aufgewühlt bin, tut nichts zur Sache. Dass ich zittere und mir nach jedem zweiten Wort die Tränen aus den Augen wischen muss – nicht relevant.

So wollte ich auch lesen. Nicht die erste wahre Geschichte über den Holocaust. Nein. Eine von inzwischen zahllosen Begegnungen mit Opfern, Zeitzeugen, Namen. Eine von den vielen unglaublichen Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben. Und ich dachte, ich sei inzwischen abgehärtet, hätte aus der Tiefe der menschlichen Abgründe jede Schattenseite erlesen und gefühlt. Ich war der Meinung, auch in Begegnungen mit Überlebenden der Konzentrationslager das Ausmaß des Grauens erkannt zu haben.

Das mit dem Lesen hat nicht funktioniert. Ob es beim Schreiben besser wird? Ich weiß es nicht. Zwei Jahre habe ich auf die Neuauflage eines Buches aus dem Steidl Verlag gewartet. Zwei Jahre wusste ich eigentlich, was auf mich zukommt. Als ich nun in den ersten Seiten versank, brach eine weitere Welt in mir zusammen. Eine Welt, in der schon vieles Denkbar war, was einst in der Zeit der Nazi-Diktatur geschah. Absolut Unvorstellbares begleitet meinen Weg, wie man an der Anzahl meiner Artikel erkennen kann. Und doch stehe ich nun vor den Trümmern der letzten Illusion, wenn ich mich der Geschichte von zwanzig Kindern nähere.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm von Günther Schwarberg sollte in der Reihe Bücher über die grausamen Verbrechen von Medizinern gegen die Menschlichkeit einen weiteren Mosaikstein darstellen, mit dem man der Generation von heute die Augen öffnen kann, wenn es darum geht, rechtsradikale Gedankensamen zu entlarven und davor zu warnen, was geschehen kann, wenn erneut den alten braunen Ideologien gefolgt wird und man sich über seine Mitmenschen stellt. Wenn man andere aufgrund ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihrer Hautfarbe zu schlechteren Menschen erklärt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Arzt. Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Professor werden und überlegen sich nun, wie Sie eine wissenschaftliche Arbeit beginnen, die für diese Habilitation zwingend erforderlich ist. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein recht guter Arzt im Bereich der Behandlung von Tuberkulose und möchten nun mit Experimenten herausfinden, wie man diese Lungen-Infektionskrankheit verhindern oder heilen kann. Und stellen Sie sich nun vor, Sie würden dies gerne in Form von Menschenversuchen tun. Unvorstellbar? Nein. Nicht im Dritten Reich!

Hier waren Entrechtung und Entmenschlichung ideologische Grundsäulen. Hier konnte man sich austoben, wenn es darum ging, „unwertes Leben“ zu beseitigen, hier konnte man Teil einer Vernichtungsmaschine sein, die alles jüdische Leben auslöschen durfte. Hier war der Spielraum für Ärzte, wie Josef Mengele, Aribert Heim und Kurt Heißmeier so unerschöpflich, wie nie zuvor. In einem Land, in dem sogar Tiere besser geschützt waren als Juden, Sinti, Roma, Kriegsgefangene oder Schwerbehinderte, war die ethische Enthemmung so weit fortgeschritten, dass man schon gar nicht mehr von Menschenversuchen sprach, wenn man sich an Opfern des Regimes vergriff.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Und so ist es kein Wunder, dass es dem aufstrebenden Arzt Kurt Heißmeier aufgrund guter Kontakte zur SS recht einfach gelingt, seinen Traum von Menschenversuchen zu verwirklichen. Man richtet ihm ein Versuchslabor im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg ein und versorgt ihn mit russischen Kriegsgefangenen. Nur ist Heißmeier in medizinischer Sicht ein Stümper. Er infiziert Menschen mit Tuberkulose-Erregern um den Verlauf der Krankheit zu beobachten. Er infiziert Kranke und Gesunde. Er spielt mit diesen Leben. Als ihm das nicht reicht, fordert er zwanzig Kinder an.

Am 29. November 1944 kommt der Transport in Neuengamme an. Das Dritte Reich steht an vielen Fronten bereits vor dem Zusammenbruch, die Alliierten haben Teile von Frankreich befreit, die Rote Armee rückt vor. Die Nazis begannen Zug um Zug Spuren zu verwischen, und doch bleibt in Neuengamme Zeit genug für Menschenversuche an Kindern. Heißmeier infiziert die Kinder im Alter zwischen 5 und 12 Jahren mit Erregern der Lungenkrankheit, entfernt ihre Lymphdrüsen, fotografiert und notiert die Ergebnisse.

Zehn Mädchen. Zehn Jungen. Jüdische Kinder, die von ihren Eltern getrennt schon fast alle Abgründe erlebt haben, die Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dass es für sie nach Auschwitz noch eine Steigerung des Schreckens geben sollte, war unvorstellbar. Und doch erreichte das Grauen in der Nähe von Hamburg neue Dimensionen. Nur der Arzt denkt anders. Ihm läuft die Zeit davon. Ihm läuft der Krieg davon. Er bangt um die Früchte seiner Arbeit. Im April 1945 enden die Versuche. Britische Soldaten erreichen Norddeutschland. Die SS beschließt, alle Zeugen zu beseitigen. Ein letzter Transport steht den Kindern und ihren wenigen Betreuern bevor, die für sie sorgten. Das Ziel:

Eine Schule am Bullenhuser Damm.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Nun sollte man sich überlegen, ob man weiterlesen kann und möchte. Das gilt für diese Rezension. Das gilt für auch dieses Buch. Günther Schwarberg hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Weg der Kinder vom Bullenhuser Damm lückenlos aufzuklären. Er hat jahrelang recherchiert, um ihre Namen, ihre kurzen Lebensgeschichten und auch ihr Leiden für die Nachwelt festzuhalten. Er hat den Weg aller Täter dokumentiert, ist ihnen auf der Spur geblieben und hat die Ereignisse dieser letzten Kriegstage mit ihren Aussagen vor Gericht verglichen. Schwarberg zeigt hier schonungslos auf, mit welchem Selbstverständnis die Täter auf der Grundlage der Rassen-Ideologie handeln durften. Günther Schwarberg lässt in seiner Dokumentation nichts aus.

Nur so gelingt es, die unvorstellbare Unmenschlichkeit aufzuzeigen, die von den Tätern nicht so empfunden wurde, weil sie ihre Opfer nicht für Menschen hielten. So grausam es klingt, so grausam es ist, auch der Prozess gegen Kurt Heißmeier zeigt, dass es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, Menschenversuche durchzuführen. Er betont das in seinen Aussagen, die im Buch nachzulesen sind. Das macht das Lesen sehr schwer. Das zieht dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Das ist nicht leicht zu verkraften. Wut und Hilflosigkeit waren Wegbegleiter meines Lesens. Und Tränen.

Die Schule am Bullenhuser Damm ist die letzte Station für die zwanzig Kinder.

Die Schilderung der rekonstruierten Ereignisse und die Aussagen der Beteiligten vor Gericht ergeben ein vollständiges Bild, von dem ich mir wünschen würde, dass es mir erspart worden wäre. Ein Bild, das im Buch durch die unterschiedlichen Aussagen und Schilderungen so klar und greifbar wird, dass man kaum noch zur Ruhe kommt. Ein Bild, das zeigt, wozu Menschen fähig sind, die das Leben anderer als minderwertig oder unwert betrachten. Ein Bild das ich nie wieder vergessen werde.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Zitate aus den Aussagen der Täter:

Johann Frahm – SS-Unterscharführer im KZ Neuengamme

„Die Kinder mussten sich in einem Zimmer des Kellers ausziehen, wurden dann in ein anderes Zimmer geführt, wo sie von Dr. Trzebinski eine Injektion bekamen, so dass sie einschliefen. Diejenigen, die nach der Injektion noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden in ein anderes Zimmer getragen. Es wurde ihnen ein Strick um den Hals gelegt, und sie wurden dann an Haken wie Bilder an der Wand aufgehängt.“

Dr. Alfred Trzebinski – SS-Hauptsturmführer und KZ-Arzt in Neuengamme

„In diese Schlinge hängte Frahm den schlafenden Jungen ein und hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an den Körper des Jungen, damit die Schlinge sich zuzog.“

(Anm.: Die Kinder waren zu leicht für eine Strangulation durch Eigengewicht.)

„Ich kann mir keinen Vorwurf machen, daß ich den Kindern vor ihrer Hinrichtung eine barmherzige Morphiumspritze gemacht habe. Dies war im Gegenteil eine humane Tat, der ich mich nicht zu schämen brauche.“

Dr. Kurt Heißmeier

„Die Häftlinge des KZ-Lagers Neuengamme sowie die auf meine Veranlassung im Herbst dorthin verbrachten Kinder waren für mich nur Versuchsobjekte. Damals sind mir aber keinerlei Bedenken gekommen, was daraus zu erklären war, daß ich die Häftlinge, also auch die Kinder, nicht in dem Maße als vollwertige Menschen ansah.“

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

Günther Schwarberg hat mit seinem Lebenswerk einen extrem wichtigen Beitrag „Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust geleistet. Nicht allein das Buch Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm legt Zeugnis vom Schicksal der Menschen ab, die in die menschenverachtende Mordmaschinerie der Nazi-Diktatur gerieten, auch die Internetseite der Vereinigung Kinder vom Bullenhuser Damm ist unverzichtbar für das Gesamtverständnis der damaligen Ereignisse.

Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Wer sich selbst über andere Menschen stellt, muss davon ausgehen, dass er dem gezielten Morden Vorschub leistet. Wehret den Anfängen. Auch hier wird weiter Gegen das Vergessen geschrieben. Besuchen Sie meine literarische Welt des Gedenkens. Vergissmeinnicht.

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günter Schwarberg

„Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm“ von Günther Schwarberg

„Kindheit“ von Peggy Parnass – Mehr als eine wahre Geschichte

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Die Geschichte mancher Bücher muss man eigentlich mehrfach erzählen. Auf der einen Seite natürlich, um ihren wichtigen Inhalt zu würdigen und diesen in den eigenen Lesehorizont einzuordnen, andererseits aber auch, um dem Buch als solches gerecht zu werden, wenn es sich dabei um ein außerordentlich wertvolles Gesamtkunstwerk handelt. Und dann gilt es noch darüber zu berichten, in welch perfekter Symbiose Wort und Bild gemeinsam eine Dimension des Lesens und Betrachtens ermöglichen, die eine unheilvolle Welt für Kinderaugen öffnen kann.

Gegen das Vergessen“ der Opfer des Holocaust anzuschreiben ist unverändert wichtig. Dies ohne erhobenen Zeigefinger zu tun, ohne junge Leser abzuschrecken und sich dabei auf ihre Augenhöhe zu begeben, das ist das große Geheimnis, eine wahre Geschichte erzählen zu können. Wenn man Kinder und Jugendliche dabei ernst nimmt und ihnen selbst Erlebtes aus längst vergangener Zeit erzählt, dann erreicht man, dass sie aufmerksam zuhören, lesen, betrachten, fühlen und sich in die Perspektive des Erzählers hineinversetzen.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete nimmt seine Leser ernst. Peggy Parnass versammelt junge Menschen um dieses Buch und erzählt ihre eigene Geschichte. Sie spricht dabei Menschen jeden Alters an, da es ihr sprachlich gelingt an die alte Tradition der mündlichen Überlieferung anzuknüpfen. Man hat nicht das Gefühl, ein Buch zu lesen, wenn man ihren Worten folgt. Man sieht sich ihr gegenüber sitzen und fühlt, wie intensiv die Reise in die Vergangenheit für sie sein muss.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Gleichzeitig betrachtet man die Illustrationen der Brasilianerin Tita do Rego Silva, die auf den ersten Blick so gar nicht zu einer Geschichte passen, die den Holocaust im Nazi-Deutschland zum zentralen Thema hat. Gelb- und Orangetöne dominieren die Bilder, die in einer ganz besonderen Technik das helle Licht dieses Buches erblickt haben. Holzschnitte hat die Künstlerin geschaffen und dabei ein Verfahren gewählt, das aus der Vergänglichkeit heraus eine bleibende Dimension entstehen lässt.

„Aber es gibt eine besondere Technik, die Tita für ihre Kunst verwendet, nämlich die Technik der „verlorenen Form“. Dabei wird eine Vorzeichnung spiegelverkehrt auf die Holzplatte übertragen und die Linien ins Holz geschnitten. Dann kann die erste Farbe – Gelb – gedruckt werden. Die Auflage muss nun gut überlegt sein, denn anschließend wird in der gleichen Platte weitergeschnitten und damit die nächste Farbe – Orange – gedruckt. So geht das weiter bis zur letzten Farbe, immer weiter.“

Von der ursprünglichen Holzplatte bleibt nichts übrig – nichts kann wiederholt oder korrigiert werden. Dabei entsteht ein weiteres Problem. Während die Druckmaschinen laufen, verschwindet die Form Ebene um Ebene und am Ende der geplanten Auflage lässt sich das Werk in dieser Art und Weise nicht mehr reproduzieren. Die Erschaffung dieses Buches hat einen sehr endgültigen Charakter. Und doch – die Spuren im Holz erzeugen aus einer verlorenen Form ein ewig bleibendes Abbild in mehreren Ebenen.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Ebenso wie die Form verloren geht und ein immerwährender Eindruck bleibt, ging die Kindheit von Peggy Parnass verloren. Die Nazis haben in ihrem Leben so viele Kerben hinterlassen, dass die Gefahr bestand, dass nichts von ihr bleibt. Dass sie nun ihre eigene Geschichte erzählt und Tita Farbe in die dunkelgrauen Erinnerungen bringt, zeigt mit aller Macht die Fähigkeit zweier besonderer Menschen, gemeinsam aus etwas Verlorenem ein Stück bleibende und lebendige Geschichte zu erschaffen.

Peggy Parnass erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Es ist die Geschichte eines fünfjährigen Mädchens im Hamburg des Jahres 1939. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Kindheit in einem Kindertransport nach Schweden endet. Es ist die Geschichte eines Mädchens, dessen Eltern von Nazis in Treblinka ermordet wurden. Es ist die Geschichte einer selbstlosen Mutter, die ihre beiden Kinder in letzter Minute zum Bahnhof bringt und sich von ihren Liebsten trennt, um sie vor der Judenverfolgung im Dritten Reich zu retten.

Es ist die Geschichte eines Kindes, das sich bei allen familiären Problemen zuhause geborgen fühlte und dabei ihre Mutter abgöttisch verehrte. Die kleine Peggy bemerkt die Veränderungen, die das einfache Leben ihrer Familie immer mehr einschränken. Die Verhaftungen ihres Vaters Pudl, der in vielfacher Hinsicht ins Visier der Machthaber geriet. Pole, Jude und leidenschaftlicher Spieler. Eine in jeder Hinsicht damals tödliche Kombination. Das Verbot für Juden, Schwimmbäder zu besuchen. Die Häme, gemeine Schmähungen und Verletzungen der Nachbarn. Peggy bemerkte all dies sehr schnell.

Ihre Mutter Hertha Parnass versuchte alles von den Kindern fernzuhalten. Einen schützenden Kokon um sie herum zu weben, aber als sie einsehen musste, dass die Gefahr für Peggy und ihren vierjährigen Bruder Gady zu groß wurde, kam nur noch die Trennung in Frage. Ein Abschied für immer. Für die Kinder der Beginn einer Odyssee. Für die Mutter das unweigerliche Todesurteil im Nazi-Deutschland.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Das mag der Rahmen dieser Geschichte sein. Vielleicht ist er das sogar. Wenn man allerdings beginnt, die Zeilen von Peggy Parnass aufmerksam zu lesen, dann spricht dort ein fünfjähriges Mädchen zu uns, nicht die versierte Kolumnistin, Gerichtsreporterin und Dolmetscherin von heute. Nein. Es ist die kleine Peggy, die wir erlesen und erleben dürfen. Trotzig, naiv, liebevoll, anhänglich, verzweifelt, ängstlich, zornig und wild. Und dabei durch tausend Bänder mit der geliebten Mutter verbunden.

„Sie war klein. Mit wuschelig krausem, schwarzen Haar. Sehr viel Haar. Meistens ein Knoten, um erwachsener und ordentlicher auszusehen. Riesige graue Augen. `ne große Nase. Und jede Menge Mund. Sie hat eine ganz duftende Haut gehabt, weil sie sich immer wusch… Und obwohl sie so abgearbeitet war, hatte sie Hände wie Lilien.“

Hier gilt es, sich auf die Erzählung einer Frau einzulassen, die wie in unter Hypnose zu schreiben scheint. Eine Frau, die ihre Kindheitserinnerungen wiederbelebt und Leser jeden Alters berührt, weil sie so unverfälscht erscheinen, dass es sehr schmerzt. Peggy Parnass schreibt über Liebe, Eifersucht und Angst. Sie beschreibt aber auch die vielen unvergessenen Momente, die aus ihrer Familie eben ihre kleine Familie gemacht haben. Zerstört und ausgelöscht.

Kindheit - Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete - Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Diese Worte in Verbindung mit den Bildern von Tita auf sich wirken zu lassen ist eine der wohl intensivsten Lese-Erfahrungen, die ich in meinem bisherigen Lesen „Gegen das Vergessen“ erlebt habe. Die volle Wucht der Verlustangst und der Verzweiflung, die Hilflosigkeit eines Kindes und seiner Mutter werden so greifbar, wie die Anzeichen von Gefahr auf den Holzschnitten im Buch. Davidsterne tauchen auf, Verbote, Hakenkreuze und die pure Angst macht sich breit. Wir werden nicht nur zu Zeugen der schmerzhaften Trennung am Bahnhof, sondern erleben auch den Verlust der letzten Andenken an ihre Mutter. Die letzten Postkarten aus Treblinka werden ihr genommen. Wutlesen setzt ein!

Die Odyssee führte Peggy Parnass über zwölf Pflegefamilien in Schweden, die Trennung von ihrem Bruder und die Flucht zu einem Onkel in England. Dem einzigen weiteren Überlebenden der Familie. Das nun vorliegende Buch wurde 2013 zu den schönsten Büchern Deutschlands gewählt. Dem Fischer Verlag ist es zu verdanken, dass die vergriffene Erstauflage nun einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Wir können viel erlesen und betrachten. Wir werden berührt und beschämt werden durch die Gefühle eines kleinen Mädchens. Wir werden aber keinen Hass im Buch entdecken. Es ist auch eine Liebeserklärung an die Vergebung.

„Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete“ schließt eine wichtige Lücke in den Erzählungen über den Holocaust. Die kindliche Sichtweise wurde selten so direkt vermittelt. Und gleichzeitig ist dieses große Buch eine Liebeserklärung an die Eltern von Peggy und Gady. Eine vollendete Liebeserklärung, die an einer besonderen Stelle in Hamburg zu einem greifbaren und bewegenden Mahnmal wird. Dort wo es keine Gräber gibt, finden sich drei Stolpersteine.

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete – Peggy Parnass

Zwei mit den Namen der Eltern und ein dritter mit der Inschrift: „Die Liebenden“. Sprachlos – ich…

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Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Eigentlich sagt man ja immer „Alle Wege führen nach Rom“. Wenn man sich jedoch die Geschichte des Holocaust genauer anschaut, dann muss man dieses Zitat zumindest für dunkle Zeit der systematischen Verfolgung jüdischer Menschen im Machtbereich der Nationalsozialisten in den Jahren 1939 bis 1945 deutlich umformulieren. „Fast alle Wege führten nach Auschwitz“.

Wie im Zentrum eines riesigen Spinnennetzes wartete die größte Vernichtungsanlage menschlichen Lebens auf die zahllosen Opfer, die mit Transportzügen in das von den Nazis besetzte Polen deportiert wurden. Während die Schornsteine der Krematorien den Himmel pausenlos mit menschlichem Rauch verdunkelten, trennten die Selektionen an der Rampe Familien und Freunde voneinander. Sofortiger Mord in den Gaskammern oder kurzer Aufschub in Zwangsarbeit und Hunger, diese beiden Wege blieben am Ende.

Die Auslöschung allen menschlichen Lebens war die erklärte Absicht der Nazis. Die Endlösung war das Ziel und Auschwitz einer der vielen Erfüllungsgehilfen. Juden, Roma, Behinderte, Homosexuelle, politische Gegner oder Kriegsgefangene – die Liste lässt sich fast endlos fortsetzen, so wie der Strom der Vieh- und Güterwagen, die Auschwitz in diesen Jahren erreichten. Der Schlachthof der Nazis verschlang die Opfer der Ideologie und des Rassenwahns. Und niemand will etwas geahnt oder gewusst haben. So die Legende der Sprachlosen.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Drei Hände verändern die Welt

Betrachtet man den Holocaust aus heutiger Sicht, dann taucht immer wieder die Frage auf, wie man dies hätte verhindern können, und ob es nicht Wege gab, wenigstens einige Menschenleben zu retten. Viele bekannte, aber auch leider allzu oft unbesungene Helden des Widerstandes haben Übermenschliches geleistet, um der Unmenschlichkeit die Stirn zu bieten.

„Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk“ – dieses Zitat aus dem Talmud zeigt in jeder Dimension die Auswirkungen jeder Form von Widerstand bis in die heutige Zeit.

Reisen wir doch gemeinsam in der Zeit zurück, um ein solches Beispiel greifbar zu machen und zu erkennen, welche direkten und indirekten Auswirkungen Zivilcourage haben kann. Begeben wir uns in die belgische Stadt Mechelen des Jahres 1942 und durchschreiten wir gemeinsam die gut bewachten Tore einer stillgelegten Kaserne, die zu einem schrecklichen Durchgangslager der Nazis umfunktioniert wurde.

Die „Kazerne Dossin“ – vorletzte Station auf dem Leidensweg tausender Menschen jüdischen Glaubens. Sammelstelle für all jene, die schon enteignet und entrechtet waren, bevor sie hier ankamen. Endstation in Belgien vor einer ungewissen Reise mit einem Ziel, das nur die Besatzer sehr genau kannten. Auschwitz. Hier wurden Transportlisten erstellt, Namen sauber und akribisch notiert und festgehalten. Unzählige Namen wurden hier zum letzten Mal niedergeschrieben… Eine letzte Spur…

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Zahlen des Grauens

Aus Mechelen wurden zwischen 1942 und 1945 mehr als 25000 Juden und ungefähr 400 Roma in die schreckliche Vernichtungsfabrik Auschwitz deportiert. 28 Eisenbahn-Transporte wurden hier zusammengestellt. Endlose Transportlisten dokumentieren, wer zu welchem Zeitpunkt in Mechelen ankam, wie lange man dort bleiben musste, bis einer der Transporte vollzählig und ausgelastet war und wann die letzte Reise nach Polen begann.

16000 Namen wurden in der „Kazerne Dossin“ zum letzten Mal erwähnt. Nach ihrer Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz wurden sie sofort in den Gaskammern für immer ausgelöscht. Sie fanden noch nicht einmal den Weg in die Aufnahmelisten des Lagers. Der Tag ihrer Ankunft war der Tag ihres Todes. Namenlos zu diesem Zeitpunkt.

Die Übrigen? Selektiert an der Rampe, von ihren Kindern und Frauen getrennt, zumeist Männer, durch das Tor mit der makabren Aufschrift „Arbeit macht frei“ ins Lager getrieben und dort an den Folgen von Zwangsarbeit und Unterernährung gestorben oder nach weiteren Selektionen in den Gaskammern ermordet.

1000 Deportierte überlebten den Holocaust. 1000 von mehr als 25000 Menschen, die allein aus Mechelen nach Auschwitz deportiert wurden.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

In Auschwitz selbst gab es keine Chance mehr auf Rettung. Dies war auch den wenigen organisierten Widerstandskämpfern in Belgien bewusst. Wenn man wirklich etwas unternehmen wollte, dann durch ganz kleine Nadelstiche oder sehr gut geplante Aktionen. Die Risiken waren enorm und doch wagten es immer wieder einige der „Rebellen“, den tödlichen Kreislauf der Deportation zu unterbrechen.

Schlimme Nachrichten aus dem Übergangslager drangen vermehrt nach draußen. Menschenunwürdige hygienische Zustände, die bohrende Ungewissheit über die Zukunft und die mangelhafte Ernährung während der oft mehrmonatigen Wartezeit auf den Tag des Transports ließen aus dem Übergangslager eine schreckliche Vorhölle werden. Die Schulfreunde Youra Lichwitz, Jean Franklemon und Robert Maistreau schmiedeten einen Plan, um zumindest einige der Opfer zu befreien.

Ihr Ziel: Ein Deportationstransport. Ihre Absicht: Ihn auf freier Strecke zum Halt zwingen und die Türen der Güterwagen öffnen. Ihre Chancen: Gering.

Stille Rebellen – Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz von Marion Schreiber (Aufbau Verlag) protokolliert nicht nur die Ereignisse, die zu diesem Himmelfahrtskommando führten. Die Autorin beschreibt das Belgien zur Zeit der Nazis, geht auf Einzelschicksale der verfolgten Menschen ein und schildert den verzweifelten Überfall der drei jungen Männer auf den Todeszug.

Das Mechelen Dossier (Teil 1) - Charles war im Zug (Bild: Peggy Steike)

Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Charles war im Zug (Bild: Peggy Steike)

Mit einer roten Signallampe schafften sie es tatsächlich, den Zug zu stoppen und unter dem Beschuss der Wachmannschaft legten sich drei Hände auf die massiven Türen der Viehwaggons und schoben sie auf. Die Zeit reichte nicht aus, um alle 40 Waggons zu öffnen. Sie reichte nicht aus, um den 1618 Insassen einen Weg in die Freiheit zu bahnen. Die Zeit reichte nicht aus, in die Gesichter dieser Menschen zu schauen, die aus dem Waggon stolperten und um ihr Leben rannten.

17 Frauen und Männer verdanken den „stillen Rebellen“ unmittelbar ihr Leben. Weitere 225 Menschen konnten sich in der Verwirrung der Schusswechsel rund um den stehenden Zug selbst befreien und fliehen. Nur… ist man versucht zu sagen. Nur… doch erinnern wir uns an dieses Zitat: “Wer ein einziges Leben rettet, der rettet ein ganzes Volk”, dann können wir die Dimension der Rettungsaktion ermessen.

Dem Buch liegen die Transportlisten dieses 20. Todestransportes nach Auschwitz bei. Man kann nicht anders, als alle Namen zu lesen, Familien vor sich zu sehen, alte Menschen, Frauen, Männer und Babys. Man kann wirklich nicht anders, als sich das tausendfache Unglück vor Augen zu halten und plötzlich stößt man auf Namen und Geschichten, die man an Bord dieses Transportes niemals erwartet hätte. Man stößt auf den Namen Charles Apteker und auf die Geschichte einer Krankenschwester.

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Regine Krochmal

In diesen Namen und Geschichten schließen sich die Kreise zu Hannah – meinem gemeinsamen Schulprojekt mit der politischen Malerin Peggy Steike. Als ich von der Krankenschwester Regine Krochmal las, die den Überfall auf den Zug nutzen konnte um zu fliehen, musste ich sofort mit Peggy reden. Eine Krankenschwester, die ihre Patienten verließ, um nicht in Auschwitz zu sterben, weil sie noch viele Leben retten wollte, war von großer Bedeutung für uns.

Den Namen Charles Aptekter und die Namen seiner Familie ebenfalls auf der Liste zu entdecken war für uns, als hätte die Fügung uns ein Buch in die Hände gelegt, das dem Projekt „Namen statt zahlen“ ein völlig neues Gesicht verleiht. Davon wird im „Mechelen Dossier – Teil 2“ ausführlich zu berichten sein. Es geht um eine Krankenschwester, ein fiktives junges Mädchen namens Hannah und das Hamburger Kleinkind Charles.

Hoffentlich bleiben mehr als Namen, es bleiben lebendige Erinnerungen an wahre Geschichten. Sie bahnen sich ihren Weg zu uns in Bildern, Erzählungen und auch in Stolpersteinen. Steine des Gedenkens, die mehr sind, als oberflächliche Plaketten. Sie gehören in unser Denken und Fühlen.

Dazu bald mehr… genau hier…

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1)

Stille Rebellen – Das Mechelen Dossier (Teil 1) – Alles was bleibt? NEIN

Editorischer Nachtrag: Marion Schreibers herausragend recherchiertes Buch ist leider nicht mehr im Handel erhältlich und gehört seit Jahren nicht mehr zum Programm des Aufbau Verlages. Eine kurze Nachfrage führte jedoch dazu, dass der Verlag das letzte verfügbare Exemplar aus seinem allerheiligsten Archiv für diesen Bericht zur Verfügung stellte. Ein Danke reicht kaum aus.