[Auf Buchfühlung] Günter Grass – Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Habt Ihr schon mal einen Brief von einem langjährigen Wegbegleiter bekommen, den dieser zwar noch zu Lebzeiten schrieb, der Euch allerdings erst nach seinem Tod erreichte? Könnt Ihr Euch in meine Gefühlswelt hineindenken, zwar realisiert zu haben, dass ein für mich sehr wichtiger Mensch nicht mehr unter uns weilt, ich aber nicht damit gerechnet habe, jemals wieder ein persönliches Lebenszeichen von ihm zu erhalten?

Könnt Ihr euch vorstellen, wie lange Ihr vor diesem ungeöffneten Brief sitzen würdet, und welche Gedankenflüge losgetreten werden könnten? Könnt Ihr Euch dann auch vorstellen, mit welchen Erwartungen Ihr Euch diesen Zeilen nähern würdet, die Euch auf diese Art und Weise erreichten? Ja, ich denke, Ihr könnt Euch ganz gut in meine Lage versetzen, auch wenn es kein Brief ist, der nun vor mir liegt. Es ist ein Buch. Aber das kommt in diesem Fall auf das Gleiche hinaus.

Es handelt sich um das literarische Vermächtnis von Günter Grass. Er arbeitete bis zum letzten Atemzug daran. Beharrlich und akribisch, so wie man ihn kannte. Selbst bei unserer letzten Begegnung in München, als er seine Ausstellung eröffnete und aus einem seiner absoluten Meilensteine las, war ihm klar, dass er irgendwann mitten aus einem Projekt herausgerissen würde, weil seine Zeit endlich sei.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

„Hundejahre“ führten ihn zur 55. Münchner Bücherschau und in gewohnter Agilität und Vitalität entführte er seine Zuhörer in die ganz eigene Welt seines Schaffens. Er blickte zurück, reflektierte und blickte auch nach vorne. Und wie er das tat. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte:

“Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ 

Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Mein Foto vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Dieser November 2014 ist unvergessen. Wie so viele Momente zuvor. Kurze persönliche Begegnungen, seine signierende Hand in meiner / seiner Blechtrommel. Seine Hand in meiner, den Blick aufmerksam mit meinem verbunden.

Ein Leserleben lang bin ich ihm gefolgt. Bis zum Ende. Im April diesen Jahres blieb sein Stuhl für immer leer. Die Blechtrommel der deutschen Literaturgeschichte hatte aufgehört zu schlagen, ebenso wie das Herz von Günter Grass verstummte. Es dauerte lange, diesen Verlust zu begreifen. Ihn für mich greifbar zu machen. Zu intensiv lebte, lachte und träumte ich in und mit seinen Büchern. Allzu intensiv hassliebte ich ihn in bestimmten Phasen seines Schaffens und Schweigens. Aber ich blieb ihm treu.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Mein Nachruf war alles, nur kein Nachruf. Es fehlten die Worte. Und doch nahm ich leise Abschied von ihm. Seine „Fundsachen für Nichtleser“ reihen sich noch heute in meine Bibliothek des Nobelpreisträgers ein. Einträchtig stehen sie nebeneinander und zeugen von einem großen Leben in der Literatur. Illustriert, aquarelliert, getextet und skizziert. Aufnahmen seiner Lesungen flankieren die Sammlung und sein kleiner Band „Schreiben nach Auschwitz“ thront über allem.

Dieser 13. April 2015 beendete einen meiner wichtigsten literarischen Träume. Und ich ging nicht davon aus, dass (bis auf vielleicht ein paar unveröffentlichte Skizzen) ein letztes Buch von ihm druckreif vorliegen könnte. Bis ich die Nachricht aus dem Steidl Verlag vernahm, dass Günter Grass es tatsächlich geschafft hatte, nicht mitten aus dem Schreiben herausgerissen zu werden. Er hatte es vollendet. Sein letztes Buch mit dem bedeutungsschweren Titel Vonne Endlichkait, in dem alles mitschwingt.

Seine alte Heimat in Danzig mit ihrer unverfälschten Sprache, das Bewusstsein, der Endlich- und Vergänglichkeit und sicherlich auch der innere Antrieb, etwas zu schaffen, das bleibt. Wie in seinen Aquadichten kombiniert Grass in seinem letzten Buch beim Steidl Verlag Wort und Bild. In leuchtendem Weiß kommt es daher, federleicht verziert mit gezeichnetem Gefieder, das sich sanft auf dem Boden der Vergänglichkeit sammelt, nicht mehr flugfähig ohne den Herrn der Lüfte, den es einst zu Höhenflügen brachte.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Und so beginnt mein wehmütiger Abschied mit tröstenden Worten aus der Feder des Wortkunstfliegers. „Vogelfrei sein“ heißt das erste Gedicht, in dem er gegen alle Natur den allerletzten Schub an kreativer Kraft verspürt, die ihn aufstehen, sich erheben lässt. Vogelfrei und federleicht, schwerelos schreiben und die Welt verändern. Eine Kraft, ein Gefühl des Getriebenseins, das sich durch dieses Buch zieht, wie ein roter Faden. Man fühlt und erkennt Günter Grass in und zwischen den Zeilen, man sieht ihn in seinen Zeichnungen und man schafft es nicht, sich seiner Botschaft zu entziehen.

Jetzt bin ich ganz auf Buchfühlung mit ihm. Hier ist er ganz bei sich. Hier schöpft er aus dem Vollen und entzieht sich doch, mangels Anwesenheit, jeglicher Kritik. Schlau gemacht, lieber Günter Grass. Diesen letzten Aufwind zu nutzen und der Kritik dabei doch durch eigenes Verschwinden allen Wind aus den aufgeblähten Segeln zu nehmen. Schadenfreude möchte man an mancher Stelle finden. Satire, die uns alle trifft und Wehmut, die auch Grass beim Schreiben überfällt. All dies ist greifbar.

Und posthum behält er Recht, wenn er über Flüchtlinge schreibt. Wie kein Zweiter kennt er Land und Leute, Vorurteile und ihre Automatismen, nimmt die Rufe „Haut ab“ vorweg und wird in seinem Text mit dem Titel „Fremdenfeindlich“ zum Visionär der großen Fluchtbewegung. Er vergleicht mit der Flucht der Vertriebenen im letzten Krieg. Er mahnt und zeigt auf, weist hin und appelliert. Oh, wie diese Stimme heute fehlt. Den Federn gab er zu diesem Gedicht ein paar Sargnägel bei. Sie sagen alles aus.

Auf Buchfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Wo der Flug der Freiheit endet, stirbt die Gesellschaft an sich selbst. So viel zu uns. So viel zum Land, dem er sich verbunden fühlte, so viel zur Heimat. Und dann wird er persönlich. Zu uns. Zu sich selbst und alles ohne Pathos oder Wehmut, wenn er den Schlussstrich zieht, bilanziert und „Vonne Endlichkait“ schreibt. Sein Resümee fällt farbig aus, während seine Zeichnungen auf Färbung gerne verzichten. Sein Ausblick ist bewusst gewählt und nicht vermessen.

Dafür kennen wir uns zu gut. Er scheint seine Pfeife kurz aus dem Mund zu nehmen, sich zu räuspern, seinen leicht schelmischen Blick aufzusetzen und stricksockenbefußt mit Stock und all seinen Büchern im Herzen einen letzten Gruß zu entbieten.

JETZT

Ist vorbei und war gewesen.
Jetzt wünscht sich Dauer,
tanzt auf dünnem Seil
und ruft im Sturz noch: Seht,
ich bleib bestehn.

Ich schließe dieses Buch. Im wahrsten Wortsinn und ins Herz. Ich sitze hier mit den Schätzen seines Lebens und fühle wieder seine Hand. Erinnere mich an Momente des Lesens und des Hörens. Mehr als 35 Jahre ist es her, seit ich damals erstmals und nicht letztmalig in ihm verschwand. Und jetzt ruft er mir zu „Ich bleib bestehn“. Die Hand auf Vonne Endlichkait„, ist mir der Abschied plötzlich schmerzhaft leicht. Wenn Lachenweinen je zu hörensehen war. Dann jetzt. Bis in die „UnEndlichkait“ und weit darüber hinaus.

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Unser Weg…

Muss man erst sterben in diesem Land?
Mit Verlaub, Herr Grass – Sie mussten nie schweigen!
Hundejahre – Günter Grass im “Land des Hechelns

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte
“Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen” – Die 55. Münchner Bücherschau
Eine Hommage an Günter Grass auf Literatur Radio Bayern
In Memoriam – Günter Grass
[Auf Buchfühlung] Vonne Endlichkait

Auf Buchfühlung - Günter Grass & AstroLibrium

Auf Buchfühlung – Günter Grass & AstroLibrium

Landezone der Artikelspringer im Advent 2015

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In Memoriam – Günter Grass

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Der Stuhl bleibt leer

Muss man erst sterben in diesem Land? Das fragte ich mich im September 2010. 

Gemeint war Günter Grass. Muss er unter der Erde liegen, um die Wertschätzung zu erfahren, die einer der größten deutsche Schriftsteller unserer Zeit mehr als verdient? Was hebt dann das Geschrei an vom Verlust “unseres” großen Nobelpreisträgers, vom Fehlen des letzten und wohl größten zeitgenössischen Gesellschaftskritikers und vom Verstummen der gewaltigsten literarischen Stimme einer Generation. Kritiker gäben sich die Klinke in die Hand beim schluchzenden Eintrag in das Kondolenzbuch einer frisch geborenen, obschon gerade erst verstorbenen Legende.

Deutschland ein Jammertal – die Blechtrommel hat ihren letzten Schlag getan” – so oder so ähnlich würden die Schlagzeilen des BILDungsbürgertumblättchens lauten.

Das schrieb ich 2010, als die Kritikerwelt sich wieder einmal über ihn hermachte. Über jenen Schriftsteller, der mein Lesen geprägt hat wie kaum ein zweiter. Und doch war er von der Kritik nicht immer verwöhnt, stand oft selbst verschuldet gesellschaftlich teilweise dauerhaft im Abseits und gehörte trotzdem zu den ganz Großen der Weltliteratur. Seine Rückzüge zu den kreativen Wurzeln haben deutliche Maßstäbe gesetzt. Fundsachen für Nichtleser legen Zeugnis von diesen Phasen ab.

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Ich begegnete ihm nicht oft in meinem Leben und doch waren es immer wieder ganz besondere Momente, die mich prägten. Nun sind all diese Augenblicke wieder präsent. Sie laufen ab, wie ein Film. Eine geschüttelte Hand, ein kurzes Gespräch. Bianca, die genau diesen Moment für immer festgehalten hat. Die Kamera ging verloren. Minuten später und sie fand den Weg zurück. Geschichten für sich. Geschichten für uns. Heute trauern wir gemeinsam und tief verbunden durch diese Erinnerungen. Auch Literatwo war die Heimat von Günter Grass. Und wie sie das war und ist. Lesenslang.

Unvergessen auch die letzte Begegnung in MünchenKristina und ich erlebten ihn agil, lebendig und eloquent. Der Saal war gebannt und seine kräftige Stimme hallt noch in mir nach, als er schmunzelnd und mit festem Blick bemerkte: „Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“ Das sagte er und doch war mir klar, dass ich ihm wohl zum letzten Mal gegenüber stehen würde. Die Aufnahme vom leeren Stuhl auf der Bühne entstand genau in diesem Moment der Erkenntnis. Den November 2014 werden wir ebenfalls nicht vergessen. Hundejahre. 

Nun ist die Blechtrommel verstummt. Ich sitze inmitten seiner Werke und gönne mir meine Emotionen. Ja, ich erlaube mir zu weinen. Ein Weinen auch der Dankbarkeit und des Respekts. Ich halte inne und denke zurück. An so vieles, was für immer untrennbar mit ihm verbunden sein wird. An Nachrichten und Anrufe, die ich heute erhielt und an Menschen, die jetzt fühlen wollen und können, was dieser Verlust bedeutet. Die kleine literarische Sternwarte trägt heute Trauer. Und jetzt fehlen die Worte… einfach so…

Das darf auch mal sein. Danke für ein Leben. Ach….

Günter Grass (*16.10.27 – †13.04.2015)

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In Memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

“Zum Abschied
habe ich meine Tinte umgestürzt.
Soll doch jemand der mir nachkleckert,
das Fäßchen auffüllen
und sich die Finger schmutzig machen.
Schreiben färbt ab.”

Leb wohl Günter Grass - Eine Hommage - Kristina Puck und AstroLibrium

Leb wohl Günter Grass – Eine Hommage – Kristina Puck und AstroLibrium

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ – Die 55. Münchner Bücherschau mit Günter Grass

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann sitzt er dir plötzlich gegenüber. Ganz leibhaftig und agiler, als man dies in Anbetracht seines Alters erwarten dürfte. Er nimmt die Bühne für sich ein, obwohl er kein Schauspieler ist, er dominiert den Raum mit seiner Ausstrahlung, auch wenn er kein einziges Wort sagt. Er lächelt verschmitzt, sucht direkten Blickkontakt und wirkt trotz des ausverkauften Saals gelassen und routiniert. Wobei Routine das Letzte ist, was sich in den nächsten zwei Stunden im Münchner Gasteig abspielen wird.

Günter Grass ist endlich da. Literaturnobelpreisträger und kritischer Wegbegleiter der deutschen Geschichte. Umstritten, geliebt, gehasst, verrissen, kritisiert, auf den Olymp gehoben, fallengelassen, erhöht, erniedrigt, bewundert und abgestempelt. Mal war er zu aktiv, ohne es einzugestehen, dann war er zu passiv und stand dazu. Mittelmaß war nie sein Ding. Ein großer Autor der Extreme mit gewagt polarisierenden Bild-, Wort- und Satzkonstruktionen. Weiser und Naiver seines Landes. All dies saß nun vor mir, vor uns – zum Greifen nah.

Er war hier, um im Rahmen der 55. Münchner Bücherschau seine Ausstellung „Radierungen zu den Hundejahren“ zu eröffnen. Er wollte ein bisschen erzählen darüber, wie die Bilder entstanden, wie sie einzuordnen sind und er sollte ein wenig lesen aus diesem großen deutschen Roman in drei Büchern. Vielleicht würde er sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen zulassen und sich im launigen Zwiegespräch mit dem Moderator einige Aussagen entlocken lassen, die dem geneigten Grass-Liebhaber neu wären. Vielleicht, so war mein Hoffen, würde dies sogar ein sehr wichtiger Abend für die Literatur.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Sein Auftritt selbst entbehrte jeglicher Allüren. Ein Grass kommt nicht durch den Bühneneingang. Er bewegt sich im Besucherstrom und gar nicht inkognito durch die Menschen, die gleich sein Auditorium sind. Ungezwungen, ansprechbar, freundlich und bescheiden inmitten der Betrachter seiner Bilder, die nun er als Besucher betrachtet – mit den Betrachtern als neuem Rahmen – als würde sein Publikum den Bildern durch seine Präsenz eine neue Dimension verleihen. So schlendert, staunt und plaudert er. So ist er. Und so plaudert er auch mit uns. Gelassen und locker. Kein Star….

Nicht unsere erste Begegnung. Nicht zum ersten Mal quasi nicht ungestört und doch vergleichbar, weil er mehr als nahe steht und gar nicht entrückt kein Bild des entrückten Autors vermittelt. Man muss das erlebt haben, seine Aura gespürt haben, um diese begeisterten Worte auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Obwohl ich meiner Chronistenpflicht folge, lasse ich mir doch selbst Spielraum für meine Bewunderung. Subjektiv wäre ich auch, würde ich neutral berichten. Da bin ich lieber kritisch verliebt!

Und mit Kristina habe ich eine profunde Grass-Kennerin an meiner Seite, die mich diesen Abend nicht allein erleben lässt, sondern gemeinsam mit mir in der ersten Reihe (Mitte) des Carl-Orffs-Saals Auge in Auge mit Günter Grass, diesem älteren Herrn mit selbstgestrickten Socken lauscht. Aus seinem selbstgestrickten Leben erzählend, seine Verstrickungen gestehend und dabei so sehr bestrickend zu wirken, dass er sein Publikum mit wahrer Literatur umgarnt.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Im Plauderton entwickelt sich ein moderiertes Gespräch, bei dem sich Grass gerne moderieren lässt und jederzeit moderat zu antworten weiß. Dann jedoch einmal in Fahrt gekommen, sich der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, -schauer und -fühler bewusst, immer weiter ausholt, ohne weit zu schweifen, immer tiefer greift, ohne zu versinken und immer bestimmter spricht, ohne dabei bestimmend zu wirken, wird aus dem Mann in der schmucklosen Cordhose eine Bühnenerscheinung, der man auf Schritt und Tritt folgt, ohne dass sie sich bewegt. Sein Geist bewegt sich erneut im Krebsgang einen Schritt zur Seite, zwei nach vorne und wieder einen zurück. Ihm zu folgen ist ein Vergnügen. Er setzt nicht voraus, dass man sein Lebenswerk inhaliert hat. Er erzählt auch für Menschen, die ihn zum ersten Mal sehen.

Er vermittelt Gefühl und Leidenschaft fürs Schreiben. Und er berichtet von seinem eigenen Leiden während des Schreibens, dem süßen Leiden eines Schriftstellers, der sich seiner Protagonisten nicht mehr zu erwehren weiß. Tulla Prokiefke wird plötzlich zum Thema, ebenjene Tulla, die eigentlich die Schwester von Oskar Matzerath in „Die Blechtrommel“ werden sollte, was ebenjener Oskar seinem Schöpfer Günter aber nicht gestattete.

Zu dominant sei der kleinwüchsige Protagonist bereits gewesen, als dass er eine Schwester neben sich geduldet hätte und so entstand mit Tulla eine Frauenfigur, die sich fortan nicht mehr wirklich von der Seite von Günter Grass entfernte. In jedem Roman der „Danziger Trilogie“ tritt sie auf. Sie durchzieht die „Blechtrommel“ ebenso wie „Katz und Maus“ und schließlich finden wir jene Tulla, für mehrere Tage in einer Hundehütte lebend, in den „Hundejahren“ wieder. Eine ewige Liebesgeschichte zwischen Autor und Figur, die lange währt. Denn sogar an Bord des sinkenden Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff in seinem Roman „Im Krebsgang“ taucht sie wieder auf. Wen wundert es ernsthaft, dass sie zu den wenigen Überlebenden gehört.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Davon erzählt er nicht nur. Er liest. Und wie er liest. Seine eigene Melodie verleiht dem Geschriebenen den eigentlichen grass´schen Rhythmus und nimmt die Zuhörer mit in einen unendlichen Erzählstrom, in dem die „Geschichte in die kleinbürgerliche Welt eingebrochen ist.“ Diese Erzählstimme muss man zumindest einmal im Leben gehört haben, um zu verstehen, warum Sätze so sein dürfen, wie Grass sie schrieb und warum es keinem Lektor gelang, sie zu begradigen
.
„Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen“ antwortet Günter Grass gut gelaunt auf Vergleiche mit südamerikanischen Autoren des großen Realismus, die „aber viel später als ich in der Blechtrommel angefangen haben realistisch zu schreiben“ und bemängelt das Fehlen großer deutschsprachiger Vorbilder wie den Schriftsteller Jean Paul. „Würden heutige Autoren ihn wieder zu lesen beginnen, könnten ihre Geschichten sich auch wieder ein wenig oberhalb des Bauchnabels abspielen.“ Sein Publikum hat er lachend hinter sich. Er hat es an diesem Abend nie aus den Augen verloren.

Auf seinen Umgang mit Kritik angesprochen spürt man die tiefen Verletzungen, die ihm von Marcel Reich-Ranicki zugefügt wurden, als dieser auf dem Cover des Spiegel den Grass-Titel Ein weites Feld zerriss. Er bringt den Namen nicht über die Lippen und spricht vom „Unglücklich in die Literatur verliebten Kritiker“! Diese Kritik hat ihn zurück zum Malen gebracht und in der inneren Einkehr entstanden die Fundsachen für Nichtleser – jene Aquadichte, über die ich ausführlich schrieb.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Das Multitalent Grass bewegt sich seit gefühlten Urzeiten bildhauend, malend und schreibend durch unser Leben. Einen lebendigen Querschnitt seines Schaffens präsentierte er im Münchner Gasteig. Inhaltlich geschlossen und in allerbester Form entsprach dieser Auftritt dem gerade erschienenen Prachtband Sechs Jahrzehnte aus dem Steidl Verlag. Ein Werkstattbericht, der Grass in all seinen Schaffensphasen zeigt, von der Skizze bis zum Meisterwerk, egal in welcher Kunstrichtung.

Grass ist und bleibt Kulturschaffender der ersten Kategorie in Deutschland. Von Altersstarrsinn keine Spur, von plötzlich aufkommender Gnade gegenüber sich selbst und anderen weit entfernt und als der Moderator sanft zu ihm sagt „Ich glaube unsere Zeit ist um“ erwidert Grass nur lakonisch „Ich gehe davon aus, dass sie nur die Redezeit meinen. Ich weiß, dass viele gerne hätten, dass ich aufhöre, aber den Gefallen tue ich ihnen nicht.“

Auf die abschließende Frage, welche Pläne er denn noch habe für die literarische Zukunft erhält man nur die überaus freundliche Antwort: „Das verrate ich doch nicht hier!“. Ich bin dankbar für diesen Abend in bester Gesellschaft. Sein Lebenswerk lag ausgebreitet wie ein Teppich auf der Bühne und dieser große Autor hat es verdient, dass man diesen Lebensteppich mit Hausschuhen betritt, auch wenn man an einigen Stellen darauf rumtrampeln mag. Respekt sollte die Schuhgröße definieren.

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und dann kommt er doch. Der Moment für einen leisen Abschied in aller Tiefe!

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkait – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Bucfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass

Günter Grass – Fundsachen für Nichtleser – Aquadichte

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Wie gehen große Schriftsteller damit um, wenn eines ihrer Werke nicht nur heftig diskutiert, sondern von der breiten Öffentlichkeit und dem Feuilleton regelrecht zerfetzt wird? Es gibt wohl unterschiedliche Wege, ein solches Desaster zu verarbeiten. Vom Selbstmord über eine gezielte Gegenoffensive bis hin zur Auszeit auf einer einsamen Insel reichen die Alternativen. Jeder dieser Wege erfordert Kraft und Mut – nicht jeder Weg führt zurück zum Erfolg.

Diese Rezension können sie auch auf Literatur Radio Bayern hören - Ein Klick genügt

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Günter Grass musste 1995 erleben, was es heißt, wie eine literarische Sau durch das noch nicht wiedervereinigte Deutschland getrieben zu werden. Sein Roman „Ein weites Feld“ wurde nicht nur zu einem der meist diskutierten Bücher dieses Jahres, nein, es wurde im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft zerrissen. Und dies nicht nur symbolisch oder mit Worten!

Niemand Geringerer als der Godfather der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, ließ sich unter der Überschrift „Mein lieber Günter Grass, ich muss sie erneut belehren“ auf dem Cover des Spiegel Magazins dabei zeigen, wie er das grass`sche Werk in Stücke zerreißt. Dem fast siebzigjährigen Nobelpreisträger Grass war das zu viel – und ehrlich… kennt man heute einen aktuellen Schriftsteller, dem dieses Spiegel-Cover am buchigen Hintern vorbeigegangen wäre? Ich nicht!

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Von der Kritik nicht immer verwöhnt, oft selbst verschuldet gesellschaftlich teilweise dauerhaft im Abseits herumlaufend und trotzdem zu den ganz Großen der Weltliteratur gehörend, entschied sich Günter Grass für einen Rückzug aus der Öffentlichkeit, nahm wohlwollend zur Kenntnis, dass „Ein weites Feld“ mit dem „Hans-Fallada-Preis“ geehrt wurde, und besann sich auf seine Fähigkeiten, die seit seinem Studium brach gelegen hatten.

Grass griff zu seinen Aquarellfarben und Pinseln und begab sich in die freie Natur. Aus dem Wortmenschen wurde wieder der alte Bildmensch, der so lange untergetaucht war. Sein eigener Garten, Dänemark und Portugal wurden zu den Reservaten der verletzten Seele und in den weit über 100 Aquarellen finden sich viele Spuren der Verbitterung, aber man erkennt auch deutlich wie sich der Geist zu befreien scheint, der Blick ungetrübter wird und die Schönheit scheinbarer Belanglosigkeiten eine ganz besondere Strahlkraft erhält.

Die Therapie beginnt zu wirken und in der Rückschau berichtet Günter Grass, wie sich seine Wahrnehmung neu fokussierte:

„Und auf einmal begann ich Farben zu sehen, die vielen Grün im Grün zu entdecken, des Himmels blau zu differenzieren, Zitronen Gelb in Gelb, Kirschen Rot in Rot zu malen. Es war, als wollte ich nun, abseits vom Reichtum der Grauwerte, die Welt neu entdecken.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

In dieser ruhigen Zeit entstanden wundervolle Landschaftsgemälde, aber auch die sogenannten „Fundsachen für Nichtleser“, das wohl zufälligste Erfolgsprojekt des großen Literaten, das nun in einer wundervollen sechsten Auflage im Steidl Verlag erschienen ist. Auf 117 Aquarellen findet zusammen, was zusammengehört. Wort und Bild gehen eine tiefe poetische und doch alltägliche Symbiose ein, die den Leser und Betrachter zum Nachdenken, Schmunzeln und Entschleunigen bringt.

„Alle Bleistifte angespitzt,
Wörter auf Abruf.
Und doch wird ein Rest
ungesagt bleiben.“

Aus scheinbar unwichtigen Alltagsgegenständen, wie Handschuhen, Reisetaschen, Schreibutensilien, Mausefallen, einer Olivetti-Schreibmaschine und sehr vielen weiteren Fundsachen aus Haus und Garten werden einfache Kunstwerke, die durch Gedichte und Aphorismen, die Günter Grass mit sanftem Pinselstrich in die Aquarelle hineinmalt mehrdimensionale Botschaften von zeitlosem Charakter.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Es sind wortwörtliche Einfälle, die sich zur Schau stellen und zeigen, was jenseits der Buchstaben ins Auge fällt“. Und Günter Grass wäre nicht Günter Grass, hätte er nicht auch noch einen Namen für diese Wortbildschöpfungen, die untrennbar miteinander verschmolzen sind. „AQUADICHTE“ hat er geschaffen. Gedichte die über die Aquarelle seiner Eindrücke fließen, sie ummanteln, sich einschmeicheln und sanft einrahmen. Worte, die neue Deutungen zulassen, aber eben auch Worte, die ohne die Aquarelle im Meer der bildlosen Geschöpfe versinken würden.

Es sind wahrlich wundervolle Fundstücke, die uns zum Denken, Fühlen, Lachen und Sinnieren bringen. Sie verleihen Gegenständen neue Gestalt und erfüllen sie mit Sinn. Ich musste sehr über die Schubkarre lachen, deren Artgenossen ich nun in Gärten meiner Nachbarn immer mit anderen Augen sehe, seit dich dieses Buch in Händen hielt.

„Vorsorglich sollte man eine Schubkarre
im Haus haben.
Plötzlich kommt ein altbekannter Feind
auf Besuch, fällt tot um;
wohin dann mit ihm?“

Grass ist Wortschöpfer, Gestaltgeber und Gestaltwandler. Er ist und bleibt ein großer Geist und den Fundstücken für Nichtleser folgte nur zwei Jahre später „Mein Jahrhundert“ – ein bildgewaltiges Kaleidoskop der deutschen Geschichte – individuell, greifbar und wundervoll aquarelliert.

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ich habe mich viel mit Günter Grass beschäftigt, hatte die Ehre ihm persönlich zu begegnen, besitze ein handsigniertes Exemplar der Blechtrommel und habe mich von den „Fundsachen für Nichtleser“ finden lassen. Ich kann seinen vielen Kritikern nur empfehlen, sich ebenfalls eine Auszeit zu nehmen, ihm auf die Insel der Aquadichte zu folgen und losgelöst vom Alltag, ebenjenen aus seiner Sicht und mit seinen Worten zu genießen

Und wenn dann doch am Ende das Tintenfass umkippt und ich seine Worte dazu lese, dann fühle ich ihn wieder ganz tief, „meinen“ Günter Grass, den ich so sehr verehre für sein Schreiben, den ich sehr kritisierte für sein Schweigen und dem ich noch viele Lebensworte und Aquadichte wünsche. Ihm gelingt, was nicht vielen großen Autoren gelingt… Er vermag es, mich mit ganz wenigen Worten zu verwandeln.

„Zum Abschied
habe ich meine Tinte umgestürzt.
Soll doch jemand der mir nachkleckert,
das Fäßchen auffüllen
und sich die Finger schmutzig machen.
Schreiben färbt ab.“

Fundsachen für Nichtleser - Günter Grass

Fundsachen für Nichtleser – Günter Grass

Ein ungewöhnlicher Weg, neue Kraft zu tanken? Ein Rückzug, der nur wahren Künstlern vorbehalten ist, die es sich leisten können, eine solche Auszeit zu machen? Ich denke nein. Dieses Buch ist ein deutliches Signal, sich seine eigenen Fundsachen zu suchen, den Alltag anders wahrzunehmen und sich unbeirrbar auf den eigenen Weg zu machen. Man kann malen, fotografieren, zeichnen, schreiben, fühlen! Jeder hat eine Begabung, die er längst vergessen glaubte.

Günter Grass zeigt uns, wie es geht. Und in einem zufälligen Vorgespräch zu diesem Artikel bestätigte mir Susi Naschke ganz heimlich „Vielleicht sollte ich meine Staffelei auch wieder hervorholen“ und schickte mir Fotos von den Bildern, die sie gemalt hat, wenn die Welt ihre Farbe verloren hatte. Ich habe aus diesem Buch, den Bildern und dem Gespräch mit Susi gelernt. Was will man denn mehr, wenn man auf „Fundsachen für Nichtleser“ stößt.

Was will man mehr, wenn man „nur“ ein Buch nichtlesen mag…. 😉

fundsachen für nichtleser günter grass spacer

Wenn ich sage „Ein Leserleben lang“, dann trifft dies meine persönliche emotionale Verbindung zu Günter Grass am besten. Seit der Schule bis zum heutigen Tag begleiten mich seine Bücher, Texte und Zeichnungen. Er hat mich beeinflusst. Hier geht es zu weiteren Artikeln aus meiner Feder. Und natürlich zu einer besonderen Begegnung auf der 55. Münchner Bücherschau.Es ist einiges auf unserem Mist gewachsen

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau - Hundejahre und mehr

Günter Grass auf der 55. Münchner Bücherschau – Hundejahre und mehr

Und immer weiter mit meinem Herzensautor! Ich bin kritisch verliebt und bleibe es.

Ein Leserleben lang... Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln...

Ein Leserleben lang… Mit einem Klick zu meinen Grass-Artikeln…

Und dann kommt er doch. Der Moment des leisen und trauigen Abschieds.

In memoriam Günter Grass - Die kleine literarische Sternwarte trauert

In memoriam Günter Grass – Die kleine literarische Sternwarte trauert

Sein Vermächtnis: „Vonne Endlichkeit – Posthum erschienen und für mich viel mehr als nur ein Buch. Er arbeitete bis zuletzt und mit aller Kraft an diesem Werk.

Auf Bucfühlung mit "Vonne Endlichkait" von Günter Grass

Auf Buchfühlung mit „Vonne Endlichkait“ von Günter Grass