Cecelia Ahern: „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Sie ist gebrandmarkt. Sie trägt den Buchstaben F für fehlerhaft auf ihrem Körper. Sie ist alles andere als perfekt, das war ihr schon immer klar. Die Brandzeichen jedoch machen aus ihrem Geheimnis ein Stigma, das sie in aller Öffentlichkeit als Fehlerhafte geißelt. Sie hat einen Makel, den sie nie wieder beseitigen kann. Sie hat gegen Regeln verstoßen und damit nicht nur den Zorn der Gesellschaft auf sich gezogen, sondern ist in einem aufsehenerregenden Prozess verurteilt worden. Schuldig, eine Fehlerhafte zu sein.

Sie kannte die Regeln nur zu genau. Sie war sich der Konsequenzen bewusst, die sie zu ertragen hätte, wenn sie sich den Gesetzen nicht perfekt anpassen würde. Und doch ist es ihr passiert. Gerade ihr. Dem Mädchen aus gutem Hause. Dem Mädchen mit der glänzenden Perspektive und noch dazu der Freundin von Art, dem Sohn des höchsten Richters im Lande. Sie dachte, sie sei sicher und vor Willkür geschützt. Zu spät hat sie realisiert, dass sie einer Illusion von Sicherheit erlegen ist.

Celestine ist gerade einmal siebzehn Jahre alt, als sie gegen die Regeln verstößt. Sie handelt aus dem Bauch heraus. In aller Öffentlichkeit und vor aller Augen. Sie setzt sich für einen Fehlerhaften ein. Nur ein einziges Mal. Celestine macht sich schuldig. Sie wird verurteilt. Niemand kann, niemand will, niemand darf sie schützen. Fehlerhafte wie sie stehen am Pranger der Gesellschaft und werden ihr ganzes Leben lang das Zeichen nicht los, das sie zu Außenseitern macht. Zu Sündenböcken. Zum Machtbeweis für die Unfehlbarkeit der Gilde, die über das Fehlerhafte richtet. Celestine ist FLAWED.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Und schon sind wir drin in „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“, dem ersten Teil der dystopischen Jugend-Dilogie von Cecelia Ahern. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es ist genau die Cecelia Ahern, die wir bisher im romantischen Genre der Literatur erleben durften. „PS – Ich liebe dich“ zählt wohl zu den größten Erfolgen der irischen Autorin, die nun ihren ersten All-Age-Zweiteiler präsentiert, der sich jedoch vornehmlich an das junge lesebegeisterte Publikum richtet und pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2016 bei Fischer FJB erschienen ist.

Und schon sind wir drin in einer Geschichte, die sich so gänzlich untypisch anfühlt, wenn man zu den Lesern von Cecelia Ahern gehört. Brandmale, Makel, Ausgrenzung und Verfolgung zählten bisher nicht zu ihren erzählerischen Welten. Und doch macht es neugierig, wie eine Autorin von Weltformat diesen Genrewechsel vollzieht und es stellt sich schnell die Frage, ob es ihr angesichts der großen Konkurrenz, wie „Die Tribute von Panem“, gelingen kann, sich ganz eigenständig abzuheben und zu begeistern.

Die Ausgangssituation von „Flawed“ hat es in sich. Da ist kein Platz für Gefühl. Es regieren Einschüchterung und Gehorsam. Angst und Vermeidungsverhalten führen zu einer scheinbar intakten Gesellschaft, in der moralisches Fehlverhalten konsequent und ohne Chance auf Wiedergutmachung bestraft wird. Hier wird nur bestraft. Reintegration ist unmöglich. Einmal fehlerhaft, immer fehlerhaft. So funktioniert das System. Und hier beginnt Cecelia Ahern das Leben ihrer Protagonistin mit nur einem einzigen Fehler um 360 Grad zu drehen.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Wenn man sich „Flawed“ nun kritisch analytisch nähert, dann kann man natürlich die soziale Ausgangslage mit dem Schneidbrenner in all ihre Bestandteile zerlegen und sezieren, bis man auf weniger plausible Elemente stößt. Aber hätte man unser jetziges Rechtssystem in einem dystopischen Roman vor dreißig Jahren beschrieben, auch hier wäre man fündig geworden. Cecelia Ahern gestaltet ihre Welt so, dass ihr der Sprung in das tiefe Wasser ihrer Erzählkunst möglich ist.

Und, wenn sie etwas kann, dann erzählen. Wenn sie etwas kann, dann dafür sorgen, dass sich ihre Leser mit den Protagonisten des Romans identifizieren, mit ihnen leiden, lachen, hoffen und um ihr Leben und die Liebe kämpfen. Wenn sie etwas kann, dann zu zeigen, dass die Brandzeichen ihres Romans auch in der gelebten Realität ihrer jungen Leser schon existieren. Man wird auch heute abgestempelt und in Schubladen gepackt, aus denen die Flucht kaum möglich scheint. Wenn sie etwas kann, dann das Lesen so sehr unter Dampf zu halten, dass man nach nur einem Tag am Ende von „Flawed“ den zweiten und letzten Teil Perfect – Willst du die perfekte Weltdringend herbeisehnt.

Cecelia Ahern konfrontiert die fehlerhafte Celestine natürlich mit jungen Männern, die als Rettungsanker und emotionale Fixsterne in sich mehr als verlockend sind. Dabei schwankt das gebrandmarkte Mädchen zwischen zwei Extremen. Art, der Richtersohn, der sich nicht traut, ihr zu helfen und lieber verschwindet, um seinen Weg zu finden und Carrick, der wie Celestine gebrandmarkt und fehlerhaft ist, dessen Spur sie jedoch viel zu schnell verliert. Von ihm bleibt nur der hoffnungsvolle Satz „Ich finde dich“.  

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Cecelia Ahern gelingt ein zweifelsohne großartiger Pageturner. Der Sprung in die Jugendliteratur ist ihr fulminant gelungen, da sie Bilder und Gefühle beschreibt, die nur zu nachvollziehbar sind. Gerade in einer Phase des Erwachsenwerdens, in der sich oft die ganze Welt von heute auf morgen verändern kann. Die Rolle der Medien entspricht den dunklen Vorahnungen, die man sich ausmalen kann, wenn man sich vorstellt, dass reale Brandzeichen und Schauprozesse zum TV-Ereignis werden könnten.

Darüber hinaus bin ich bereits jetzt begeistert, dass mir ein typischer Mittelband erspart bleibt. Zumeist erscheinen dystopische Romane als Trilogie. Zumeist erweist sich genau der zweite Teil als der schwächste. Zumeist verstecken sich die Längen und Wiederholungen nur im Mittelband. Ich erwarte von „Perfect – Willst du die perfekte Welt?“ einen ebenso fulminanten und dynamischen zweiten und letzten Teil, der schon im November erscheinen wird.

„Flawed“ funktioniert. Das ist für mich entscheidend. Ich werde weiterlesen und bin schon jetzt sehr gespannt auf das Finale. Als männlicher Leser hoffe ich natürlich, dass die beiden Jungs nun so richtig in den Mittelpunkt der Handlung rücken, aber ich denke, es wird ihnen gar nichts anderes übrigbleiben. Dafür ist die Story zu gut angelegt. Es ist nicht mehr lange hin bis sich der Kreis schließt und alle Fragen beantwortet werden. Es sieht für mich so aus, als würde ich auch in „Perfect“ bestens unterhalten.

Flawed - Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Flawed – Wie perfekt willst du sein? von Cecelia Ahern

Das könnte es nun sein für diese Rezension. Ist es aber nicht. Das Highlight folgt am Ende. Denn es war ein absolutes Highlight, Cecelia Ahern persönlich begegnen zu dürfen und ihr im Rahmen eines kleinen und exklusiven Meet&Greet auf Einladung des Verlages die Fragen zu stellen, die sich aus meinem Lesen ergeben haben. Während sich vor dem Verlagsstand eine unüberschaubare Schlange von Fans bildete, die alle zur Signierstunde von Cecelia Ahern erschienen waren, konnten wir uns für über eine halbe Stunde mit der sympathischen Schriftstellerin in einem eigens dafür reservierten Raum zurückziehen.

Wir: Das sind tolle Blogger-Kolleginnen und ich (wohl um die Quote männlicher Leser des Romans ein wenig zu heben). Berichte und Fotos zum Meet&Greet findet ihr hier:

Bookwives – Sabrina Cremer
Buchsichten – Ingrid und Hanna Eßer
Kates Leselounge – Kate Rupp
und
Vanessas Bücherecke – Vanessa Mattonet

Ich habe mir erlaubt, das Meet&Greet für Literatur Radio Bayern aufzunehmen und so hoffen wir gemeinsam, euch ein wenig von der ganz besonderen Atmosphäre dieses Treffens nach Hause zu bringen. Auch, wenn das Meet&Greet mit Cecelia Ahern unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, wir öffnen euch die Tür zu einem der wohl meist behütetsten Räume auf dem Messegelände.

Pst… kommt rein

Flawed - Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

Flawed – Mit einem Klick zum Meet&Greet mit Cecelia Ahern

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Ich blätterte gerade in der Vogue – Eine Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford Biographie

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Biographien zählen oftmals zu den eher trockenen Vertretern der Literatur, weil sie sich mit zumeist verstorbenen Prominenten beschäftigen und aus dem Vollen schöpfen, was verborgene Quellen, fundierte Recherchen und der soziokulturelle Hintergrund aus dem Leben des Biographierten hergeben. Dabei spürt man den Autoren an, dass sie im Verlauf der Beschäftigung mit dem Objekt ihrer Begierde so viel Wissen angehäuft und verinnerlicht haben und kaum noch in der Lage sind, Unwesentliches auszulassen.

So werden auch die noch so entferntesten Verästelungen von Stammbäumen der Ahnengalerie kultiviert, alle verfügbaren Anekdoten ein- statt ausgeblendet und selbst irrelevanteste Randereignisse zu Wegmarken eines Lebens überhöht. Wozu also in der heutigen Zeit noch Biographien, wo wir doch auf Wikipedia zurückgreifen können und die meisten aktuellen Biographien am eigentlichen Bild des Porträtierten nichts ändern?

Gerade in der heutigen medial geprägten Zeit verkommt die Biographie als Genre zum reinen sekundärliterarischen Relikt, das nur noch dann herangezogen wird, wenn sich ein Leser ausgiebig und auf der Grundlage verbriefter nachweisbarer Quellen mit einer historischen oder noch lebenden Person des öffentlichen Lebens beschäftigt. Ich formuliere das deshalb so überspitzt, weil ich in meinem bisherigen Lesen sehr oft mit genau solchen Biographien konfrontiert wurde.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Umso erfreulicher ist es auf wahre Ausreißer dieses Genres zu stoßen, die gerade in unserer Zeit eine Relevanz aufweisen, die unumstößlich ist und neue Sichtweisen zu den beschriebenen Menschen aufzeigen, die wir ohne eine fundierte Biographie sicher nicht erlangt hätten. Ich meine hiermit Bücher, die nicht um ihrer selbst willen verfasst wurden, sondern auch Leser mitreißen, die sich ganz gezielt und ohne akademischen Hintergrund für das Leben einer bedeutenden Persönlichkeit interessieren.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer anist nun nicht der absolut typische Titel für eine solche literarische Persönlichkeitsbeschreibung. Erst der abgesetzte Untertitel „Unitiy Mitford – Eine Biographie“ lässt darauf schließen, was uns erwartet, obwohl wir das bei dem knalligen Pop-Art-Cover vielleicht nicht erwarten würden: Eine brillant erzählte, herausragend recherchierte und schlichtweg flüssig zu lesende Biographie über eine der schillerndsten Frauen im Dunstkreis der Machthaber des Dritten Reiches.

„Unity Mitford – Eine Biographie“. Schon hier kokettiert die Autorin Michaela Karl mit einer sehr sympathischen Bescheidenheit. Es ist nicht „DIE“ Biographie, es ist nicht die erste Publikation über das Leben der heftig umstrittenen englischen Adeligen und es ist auch sicherlich nicht die letzte Auseinandersetzung mit einer Person, die sich im Alter von gerade einmal zwanzig Jahren den nationalsozialistischen Machthabern an den Hals geworfen hat und damit international für Furore sorgte. Die Akte „Mitford“ ist bis heute nicht geschlossen. Zu viele Mythen und ungeklärte Rätsel ranken sich um ihr Leben und ihren Tod. Eines steht jedoch fest:

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Nach der vorliegenden Biographie müssen Teile ihrer offiziellen Geschichte völlig neu bewertet werden. Was will man mehr von einem solchen Buch erwarten?

Mit wem haben wir es nun zu tun? Vielleicht mit dem ersten It-Girl der Geschichte. Kaum eine zweite Frau beherrschte während der unsäglichen NAZI-Herrschaft so sehr die Schlagzeilen, über kaum eine andere Angehörige des britischen Hochadels wurde im In- und Ausland kontroverser diskutiert. Und kaum eine zweite Zwanzigjährige hat sich in der Nazi-Diktatur besser in Szene gesetzt. Unity Mitford. 1934 in München zu einem Sprachstudium angereist, mutiert sie angesichts charismatischer Machthaber in der aufstrebenden Ideologie zum wahren Fan von Adolf Hitler.

Was mit Stalking in Münchner Gaststätten begann und in einer ersten persönlichen Begegnung gipfelt, entwickelt sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu einer Story, die in ihrem vollen Umfang heute ebenso skurril anmutet, wie damals. Wer kann  sich schon ernsthaft vorstellen, dass Adolf Hitler die Nähe einer englischen Adeligen sucht, um die Beziehungen zwischen beiden Ländern besser beeinflussen zu können? Und wer kann sich vorstellen, dass die strahlende Schönheit von der Insel gerade dem Mann verfällt, der ein völlig anderes Schönheitsideal propagiert. Schlicht und ländlich? Nein, alles konnte man behaupten. Aber das war Unity Mitford nicht.

Wer nun aber der jungen Frau lediglich die Faszination für Macht und grenzenlose Geltungssucht als Motive des Handelns unterstellt, der sollte Michaela Karl folgen und mit ihr gemeinsam in der Vogue blättern. Die Politologin und versierte Biographin macht es uns und der Geschichte nicht leicht, in Klischeebilder zu verfallen und das Bild von der Schönen und dem Biest zu kultivieren. Michaela Karl erkennt in ihrer Recherche die wahrlich politischen Motivationen, die Unity Mitford auf die Seite der Nazis ziehen. Hier setzt sie dezidiert an und schon früh im Lesen ihres Buches präzisiert sich ein Bild der jungen Engländerin, das von Seite zu Seite an Tiefenschärfe gewinnt.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Es ist eine fast unglaubliche Geschichte, die Michaela Karl rekonstruiert. Sie zeigt eine junge Frau, der es gelingt, sich aus der Masse der gleichgeschalteten Frauen des Dritten Reiches zu erheben und über ihnen allen zu thronen. Sie zeigt eine Frau, deren Gefühle für die eigene Heimat so stark ausgeprägt waren, dass sie fast jedes Opfer zu bringen breit wäre, um einen Krieg zu verhindern. Sie zeigt aber auch eine Frau, die bereitwillig die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung im Dritten Reich unterstützt, um in ihrer politischen Linie unverrückbar zu sein.

Michaela Karl lässt uns an der Seite von Unity Mitford die Massenhysterie und den Führerkult um Adolf Hitler erleben. Sie legt den Finger in jede Wunde der Geschichte und beleuchtet Hintergründe, die sich mir in dieser Komplexität erstmals eröffnet haben. Zusammenhänge zwischen der Vorsehung und Unity Mitford bleiben bei Michaela Karl nicht nur Spekulation. Sie weiß, warum Hitler ein Attentat überlebte, weil sein geplanter Tag anders verlief, als es geplant war. Der Grund: eine englische Lady.

Und zuletzt schreibt Michaela Karl die Geschichte neu, indem sie mit aller Präzision die Theorien vom Selbstmordversuch Unity Mitfords seziert, in ihre Bestandteile zerlegt und zu einem überraschenden Ergebnis kommt. Die Autorin spekuliert nicht. Sie bleibt den Fakten treu und analysiert Beweggründe im Vergleich zu reißerischen Thesen. Das macht diese Biographie relevant und lesenswert. Wir enden am Ende des Lesens in der Heimat der englischen Lady, die zerstört, verstört und gebrochen nach Hause kommt, um festzustellen, dass sie dort eine Fremde ist. Das Abenteuer Drittes Reich endet für Unity Mitford schmerzhaft. Mitleid lässt Michaela Karl an keiner Stelle aufkommen. Aus gutem Grund. Ihr beeindruckendes Schlusswort schlägt eine Brücke aus der damaligen in unsere Zeit.

Hier geht Michaela Karl für eine Biographin einen Schritt zu weit! Es ist der beste Schritt, den sie je machen konnte.

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an - Unity Mitford

Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford

Ich werde Michaela Karl auf der Frankfurter Buchmesse zum Interview treffen. Es beschäftigen mich viele Fragen zu ihrer Herangehensweise, zur Methodik und auch zu ihrer ganz persönlichen subjektiven Meinung zum Tod von Unity Mitford. Vielleicht kann ich die Autorin für Literatur Radio Bayern dazu verleiten, ein wenig zu spekulieren. Im Anhang zu diesem Artikel finden Sie den Link zum Podcast.

Folgen Sie mir ins Interview zu „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an – Unity Mitford – eine Biographie, zur Buchmesse im Hoffmann und Campe Verlag erschienen. Lesens- und hörenswert – Gegen das Vergessen.

Ich blätterte gerade in der Vogue... Michaela Karl - Das Interview

Ich blätterte gerade in der Vogue… Michaela Karl – Das Interview

„Die unsterbliche Familie Salz“ von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Es ist der Fluch des literarischen Bloggens, dass man schon sehr frühzeitig über die Neuerscheinungen des Jahres informiert ist und das Interesse für Bücher geweckt wird, von denen man gerade einmal den Klappentext und einen ersten Cover-Entwurf kennt. Schon Anfang des Jahres entschied ich mich für Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble und vereinbarte mit der Presseabteilung der dtv bereits im März einen Interviewtermin mit dem Schriftsteller auf der Frankfurter Buchmesse.

Wenige Tage nach diesem Arrangement lag das Presse-Exemplar in meinen Händen und musste sich gedulden, bis ich mich durch meine Projekte zu ihm durchlesen sollte. Seltsamerweise rückte das Buch in immer weitere Ferne, weil es nicht mehr so recht in mein Lesen passen wollte. Als ich dann auch noch in einer Literaturkritik die Überschrift „Hotel Adlon trifft Abingdon Road“ las, zweifelte ich schon daran, ob ich überhaupt in diesen Roman einsteigen wollte. Eine reine Familiensaga im Hotelmilieu passte einfach nicht ins Lesen dieser Tage.

Jetzt, kurz vor der Buchmesse gab ich dem Roman eine Chance. Literarisches hat mich in den letzten Wochen intensiv begleitet und mir war klar, dass ich das Buch sehr schnell abbrechen würde, wenn ich zu sehr in der bunten Glitzerwelt eines Nobelhotels eintauchen sollte, um den stereotypen Lebensweg einer reichen Familie durch die Zeit begleiten zu können. Und trotzdem las ich aufmerksam, da ich ja noch dieses Interview im Visier hatte, das ich nicht grundlos absagen würde.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Anders kann ich meine Grundstimmung zu Beginn des Buches nicht beschreiben und es kam, wie es kommen musste. Ich habe den Roman abgebrochen. Enttäuscht und traurig stoppte ich das Lesen auf Seite 438. Enttäuscht, weil ich das Ende erreicht hatte und so gerne einfach weiterlesen wollte. Traurig, weil ich so viel Zeit verstreichen ließ, bis ich „Die unsterbliche Familie Salz“ für mich entdeckte und zuletzt begeistert, da ich die letzten Worte des Autors in dieser Geschichte in dem Gefühl las, ein großes Buch beendet zu haben.

Nein. Hier trifft kein Hotel Adlon auf eine klischeehafte Familiengeschichte. Nein, hier wandelt der Leser nicht in den leeren Kulissen einer Nobelherberge umher. Dieses Buch ist weiter gefasst, präziser erzählt und überraschender strukturiert, als man es ihm auf den ersten Blick zutraut. Stilistisch erinnert dieser Roman an eine Mischung aus Die Geschichte des Regens und Die Bücherdiebin, weil sich reine Erzählelemente mit literarischen Kunstgriffen abwechseln, die den Leser ganz persönlich ansprechen.

„Sie hören mir noch zu? Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles müssen Sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen Sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Dass es eine über hundertjährige, im Koma liegende ehemalige Schauspielerin ist, die sich direkt an den Leser wendet, ist hier nur eine der vielen Facetten, die der Roman über eine unsterbliche Familie bereithält. Wobei natürlich noch erwähnenswert ist, dass genau diese alte Dame gerade im Begriff ist, zum zweiten Male in ihrem Leben zu sterben. Lola Rosa Salz.

Und mit ihr sind wir schon im Kern der Geschichte, im Auge des Orkans bei einer der schillerndsten Romanfiguren angelangt, die mir in diesem Jahr über den Leseweg gelaufen ist. Lola Rosa Salz ist die Urzelle dieses Romans. Sie ist Enkelin, Tochter, sie selbst, Mutter, Tante und Großmutter und Urgroßmutter in einem Erzählpanorama, das sich durch die Geschichte unseres Landes zieht, im Jahr 1914 kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltenbrandes beginnt und sich bis ins Jahr 2027 erstreckt. Und Rosa Lola Salz wird den Leser wie ein roter Faden und fast unsterblich durch die Zeit begleiten.

Christopher Kloeble erzählt eine Geschichte, die sich um einen Magnetberg rankt. So nennt er Orte, die eine magische Anziehungskraft besitzen und von denen man sich aus eigener Kraft kaum noch lösen kann. Das legendäre Hotel Fürstenhof in Leipzig ist der Erzähl-Pol seines Romans. Das Hotel kommt in den Besitz der Familie Salz, die sich nur schweren Herzens von ihrer eigentlichen Heimat München lösen kann, nur die Chance ist zu verlockend und eine Zukunft in Leipzig scheint 1914 alternativlos zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ebenso alternativlos verlaufen nun die salz´schen Lebenswege parallel zur deutschen Geschichte. Weltkriege, Mauerbau, Wiedervereinigung. Schlaglichter, die ihre Schatten selten vorauswerfen, in deren Schatten man allerdings lebenslang steht. Der Dynamik der Familiengeschichte stellt die Weltgeschichte gewaltige Umwälzungen an die Seite, die sich bei jedem Schritt auf die Geschicke der Salz-Generationen auswirken. Leipzig bringt Lola kein Glück. Die gerade einmal Neunjährige wird nicht lange im Fürstenhof leben und es wird fast ein ganzes Leben dauern, bis sie ihn wieder betreten wird. Man gibt ihr die Schuld an einem mysteriösen Tod in der Familie. Schuld, die lebenslang auf ihr lastet.

Und so, wie es die Familie Salz nun zerreißt, wird in den folgenden Jahrzehnten das ganze Land mehrmals zerrissen, zerstört, aufgebaut, getrennt und vereinigt. Das Hotel Fürstenhof steht sinnbildlich für die Geschichte und im Lauf der Jahre entfernt es sich immer mehr von seinen eigentlichen Besitzern. Die magnetische Anziehungskraft bleibt bestehen. Wir folgen Lola Rosa und ihren Geschwistern durch die Berg- und Talfahrt im und nach dem Ersten Weltkrieg, erleben Flucht und Vertreibung, Bombenterror und die Gewalt anrückender Siegermächte im Zweiten Weltenbrand, werden zu Zeitzeugen der Teilung des Landes und fühlen das Vakuum, das entsteht, weil das Hotel enteignet ist. Erst die Wiedervereinigung Deutschlands ist die Initialzündung, den Fürstenhof wieder in Familienbesitz zu bringen.

Christopher Kloeble gelingt es mit seinen Magnetberg Fürstenhof die Geschichte eines ganzen Landes auf ein einziges Gebäude zu fokussieren und den Leser mit den unterschiedlichsten Perspektiven seiner eigentlichen Besitzer in die Vergangenheit zu entführen. Ihm gelingt es auf diese Art und Weise, Kausalzusammenhänge zwischen geschichtlichen Ereignissen, persönlichen Erlebnissen, Erinnerungen und dem Leben einzelner Menschen herzustellen, und Verhaltensweisen nachvollziehbar zu machen.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Verlust, Hoffnung und Verbitterung sind die heftig miteinander streitenden Gefühle, die sich durch die Jahrzehnte ziehen. Ängste und Verzweiflung werden fühlbar, Liebe und Fürsorge erlangen völlig neue Bedeutungen und die Entwicklung eines Charakters wird greifbar. Zu erleben, wie aus dem kleinen Mädchen Lola Rosa Salz eine mehr als aufopferungsvolle Mutter wird, die sich im Lauf der Zeit zum Schreckgespenst für alle Verwandten entwickelt schmerzt und macht nachdenklich. Und doch war ich immer bei ihr, weil ich sie verstehen lernte.

„Sie hören mir noch zu?

Ich hoffe – um ehrlich zu sein: erwarte es! Alles, alles müssen sie sich merken. Keine Ausflüchte. Machen sie sich meinetwegen Notizen. Für Wiederholungen bleibt uns keine Zeit…“

Ja, Lola. Ich habe mir Notizen gemacht. Diese hier. Ich werde nichts vergessen und kann Fragen beantworten. Ich weiß, warum man seinem Schatten einen Namen geben sollte, habe verstanden, dass man lebenslang gezeichnet ist, wenn man zum Opfer der Sieger wurde und kann nachvollziehen was es bedeutet, an diesen Ort zurückzukehren, der lebenslang wie ein Magnet wirkte, den man aber nie wieder betreten sollte. Ich habe verstanden, wovor Lola ihre Kinder beschützen wollte und spürte die Sehnsucht nach einer Zeit voller Unschuld. Mit jeder Faser meines Lesens war ich an ihrer Seite. Sie ist für mich Die unsterbliche Familie Salz“.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble

Ich freue mich schon darauf, Christopher Kloeble auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich mag wissen, wie er schrieb, wie es ihm gelang, trotz dieser großen Zeitsprünge nie die Familie Salz zu verlieren, wo die Probleme dieser Konstruktion liegen und ganz besonders interessiert bin ich daran, was seine eigenen Magnetberge sind und wie sein Schatten heißt. Lest diesen Roman und folgt uns ins Gespräch. Hier geht´s zum Interview. Fast live…

Dann werdet ihr verstehen, wie wertvoll es ist, kein Schattenblinder zu sein.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble - Das Interview... bald

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble – Das Interview… 

Frankfurter Buchmesse 2016 – Wir kommen angeflogen

Frankfurter Buchmesse 2016 - Reisefertig

Frankfurter Buchmesse 2016 – Reisefertig

Eins, zwei, drei im Sauseschritt, eilt die Zeit, wir eilen mit.

Es ist wieder soweit. Der Buchtempel zu Frankfurt öffnet seine Tore und wie nicht anders zu erwarten, ist auch die kleine literarische Sternwarte mit Mann und Eulen vor Ort, um dem bibliophilen Leben die Krone aufzusetzen. Ich freue mich auf viele Treffen, interessante Gespräche, bin auf die News aus den Presseabteilungen meiner Verlage sehr gespannt und freue mich ganz besonders auf meine Interviewpartner, die sich mir vor laufendem Mikrophon von Literatur Radio Bayern stellen.

Auf die folgenden Interviews dürft ihr euch schon jetzt freuen:

Christopher Kloeble – „Die unsterbliche Familie Salz
Frank Goldammer – „Der Angstmann
Michaela Karl – „Unity Mitford – Biographie
Benjamin Monferat / Stephan M. Rother – „Der Turm der Welt
Cecelia Ahern – „Flawed – Wie perfekt willst du sein?“ 
Oliver Hilmes – „Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August
Sylvie Schenk – „Schnell, dein Leben“ und
Nils Oskamp – „Drei Steine

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Impressionen zu diesen Gesprächen findet ihr auf Facebook und Instagram. Ich werde versuchen, euch mit auf die Reise zu nehmen und das Buchmessegefühl zu euch nach Hause zu bringen. Bleibt also am Ball und wenn unsere Technik es zulässt, wird das ein oder andere Interview schon während der Buchmesse veröffentlicht. Jedenfalls werden die Reportagen aus Frankfurt lebendig und lesensfroh. Versprochen.

Einen besonderen Service zur Buchmesse bietet die Buchhandlung Lesezeichen in Germering. Wie schon zur letzten Messe haben die Buchelfen eine Vitrine gestaltet, in der sich die Bücher meiner Interviewpartner befinden. Ich habe die Fragen der Kunden an die Autoren im Gepäck und auf dem Heimweg bringe ich nicht nur Interviews und die Antworten mit, sondern auch Autogramme der Schriftsteller. Die Buchmesse macht auf diesem Weg also wieder Station in Germering.

Einige beliebte Bloggertreffen stehen auf dem Programm und so wird man sich ganz bestimmt in unseren Kreisen über den Weg laufen. Hoffmann und Campe, Diogenes, Manesse/DVA/Pantheon, der NordSüdVerlag, der Hanser Verlag, die Buchmesse selbst und einige weitere Häuser haben zu Umtrünken, Talkrunden und Happy Hours eingeladen und auch der beliebte BlognTalk von Random House wird für volle Gänge sorgen.

Die flatterhafte Verwandtschaft ist unterwegs

Die flatterhafte Verwandtschaft ist unterwegs

Aber auch Horst lädt ein. Unsere erste Büchereule, die richtige Verlagskarriere macht lässt es sich nicht nehmen, Geschwister und Eulenhüter einzuladen und Gastgeber des Büchereulentreffens 2016 zu sein. Bei dieser Gelegenheit werden auch neu geschlüpfte Büchereulen nach neuen Hütern suchen und der Schwarm ist schon völlig aufgeregt.

Treffpunkt:

Messesamstag, 22.10.2016
TULIPAN Verlag
Halle 3.0 Stand H 71
Uhrzeit: ab 09:30

Jetzt bleibt mir nur noch, uns allen eine tolle Buchmessewoche zu wünschen. Es wird sicher grandios. Daheimgebliebene habe ich in Gedanken bei mir, Messebesucher werde ich sicher treffen (winkt laut, ich bin abolut schwersichtig) und neue Gesichter werde ich mir sehr gut einprägen. Abonniert meinen Facebook-Kanal in diesen Tagen. Es lohnt sich, da ich versuche, für euch vor Ort zu sein.

Bis bald also, Euer Raily

See you in Booktown Mainhatten

See you in Booktown Mainhatten

„Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Manchmal schreibt das Lesen seine eigenen Geschichten. Erst vor wenigen Tagen war ich in aller Tiefe in der „Nachtigall“ von Kristin Hannah versunken, schrieb über die Relevanz eines Romans, der das besetzte Frankreich des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der Nazi-Herrschaft in den Mittelpunkt seiner Handlungsfäden stellte. Auch wenn dieser brillante Roman nicht mit der Befreiung des französischen Volkes endet, blendet er doch die Zeit aus, die nach der Kapitulation des Dritten Reichs aus Erzfeinden neue und dauerhafte Freunde machte.

Dann fand mich ein Buch, das eigentlich gar nicht auf meinem Leseplan stand. Schon der Klappentext verursachte eine literarische Gänsehaut bei mir. Ich konnte es nicht so recht fassen, dass genau zu diesem Zeitpunkt in meinem Lesen eine Schriftstellerin in mein Leben trat, die genau diesen Missing Link zu einem tiefen Roman verdichtet hat, der mir am Ende der „Nachtigall“ und vieler vergleichbarer Werke fehlte, um eine Zeit zu verstehen, die für unser Jetzt und Heute so lebenswichtig war. Wie konnte nach den schrecklichen Verbrechen und Massakern jemals wieder Frieden entstehen, wie konnte Vergebung gedeihen, wenn sie wortlos blieb, wie die Kirche in Oradour-sur-Glane?

„Du erfährst nach und nach, dass es in diesem Jahrhundert zwei Kriege mit den Deutschen gab. Weltkriege. Deine Großeltern haben beide erlebt, deine Eltern nur den Zweiten. Die Deutschen waren die Bösen, aber man spricht kaum darüber, mit euch schon gar nicht.“

(Sie können sich diese Rezension auch gerne im Radio anhören: HIER)

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk - AstroLibrium

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk – Mit einem Klick zum PodCast

Schnell, dein Leben“ von Sylvie Schenk, erschienen beim Hanser Verlag, liefert nur eine der vielen denkbaren und möglichen Antworten. Und es ist sicher keine leichte und schnell verträgliche Antwort. Wollte man ihr Buch mit den Werken von Kristin Hannah, Irène Némirovsky oder David Foenkinos in Relation setzen, dann kann man dies auf medizinische Art und Weise versuchen. Die Autoren, die über die Nazi-Besetzung ihres Landes schrieben, schildern den chirurgischen Eingriff, der tiefe Schnitte im Leben aller Menschen hinterließ.

Sylvie Schenk beschreibt in ihrem Roman die lange Rehaphase eines Volkes, das den Glauben an Heilung immer wieder verlor, dessen Wunden oftmals neu aufgerissen wurden und das doch in einem lange währenden Heilungsprozess an sich selbst und an der Größe des Begriffes Vergebung genesen konnte. Rückschläge, Ressentiments und tiefe Enttäuschungen waren Wegbegleiter dieser Rehabilitation und doch bewirkten die Generationen nach dem Krieg wahre Wunder, die uns heute selbstverständlich sind.

„Louise wächst in Frankreich auf, Johann in Westdeutschland.
An einer französischen Universität lernen sie sich kennen,
sie heiraten, ziehen in ein deutsches Dorf,
sehen ihre Kinder aufwachsen und ihre Eltern sterben.
Ein ganzes Leben lang suchen sie die passenden Worte
für eine Zeit, über die nie jemand sprechen wollte.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Diese wenigen Zeilen auf dem Buchrücken nehmen nichts vorweg und sagen viel. Sie stecken den Rahmen ab, den sich die Autorin selbst gesteckt hat, thematisieren das Unaussprechliche in der Beziehung zweier Menschen und lassen uns den Stil fühlen, in dem „Schnell, dein Leben“ uns mit dem Vergangenen und dem Heute konfrontiert. Es ist ein sprachlicher Rhythmus, der schnörkellos und präzise Spuren hinterlässt. Wie mit einem paradoxen Zeitraffermodus wird man durch die Leben zweier Menschen im Lauf ihrer Geschichte getrieben, während eine langsame Tonspur dieses Kopfkino mit zarten und melancholischen Gefühlsmelodien begleitet.

„EIN SOMMER… Im Sommer fährst du zu deiner Familie zurück. Deine jüngeren Geschwister sind noch in der Schule, die Älteste schon im Beruf. Am liebsten gehst du allein auf Bergkämmen entlang, mit Sicht in tiefe Täler, Himmel, Felsen, Wiesen, Wasserfälle, die Pracht der Farben, diese vertraute Welt umarmt dich, wärmt dich, trinkt dich, singt dir Friedenslieder, Lebenslieder.“

Sylvie Schenk schreibt aus der „Stell-Dir-vor-Perspektive“ und erzeugt beim Leser eine unglaubliche Nähe zu Louise, dem Kind, der jungen Frau und der rückblickenden Mutter, zu deren Wegbegleiter sie werden. Stell Dir vor… Mit diesen Worten saugt sie ihre Leser auf, identifiziert sie mit einem Mädchen, das in den französischen Alpen die ersten Schritte in ein selbstbewusstes Leben macht. Ein Leben im Frieden zwar, jedoch am Rande der Verwerfungslinie zwischen Arm und Reich, tradierten Frauenbildern und gekennzeichnet von den Konventionen einer moraltheologischen Schulausbildung.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Der Blick schweift über die eigene französische Großfamilie, spiegelt, interpretiert, wertet, wächst und schärft sich. Wird erwachsen, erreicht die Grenze des Tellerrandes und erreicht erstmals andere Augen, die vor Liebe strahlen, wo vielleicht nur Begehren ist. Mit diesem Blick wandern wir durch die Zeit. Louises Augen sind die ihrer Leser und gemeinsam verfängt man sich im Blick von Johann. Ein Augenblick, der alles verändert. Ein Augenblick, der Louise mit allen Konventionen brechen lässt. Ein deutscher Blick. Hin- und hergerissen. So läuft das Leben weiter. Zwischen den Stühlen zweier Familien als Grenzgängerin einer viel zu früh geliebten Aussöhnung findet sich Louise zwischen den Fronten, deren Gräben niemals verschüttet waren.

Geheimnisse und nie ausgesprochene Wahrheiten, Ressentiments und Vorbehalte sind Eckpfeiler einer Liebe, die sich in der Nachkriegsgeneration zu beweisen hat. Es ist schmerzhaft, Louise auf ihrem Weg zu folgen. Der Zeitraffer hinterlässt Spuren und das Tempo der Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, dass sich manchmal ein Leben schneller entwickelt, als die Welt, die sich langsam dreht. Louises Bekenntnis wird auf harte Proben gestellt. Der Leser ist und bleibt auf ihrer Seite, weil sie zu differenzieren weiß. Schuld und Verantwortung sind zwei Paar Schuhe.

Louise entdeckt das Schreiben. Sie reflektiert und romantisiert. Sie hofft und bittet um Einsicht, wehrt sich gegen eifersüchtige Eingriffe in ihre Privatsphäre und verteidigt ihre Liebe. Stell dir vor. Es sind diese Worte, die der Dynamik dieser Geschichte eine ganz persönliche Dimension verleihen. Versöhnung zwischen Staaten und Nationen ist nicht das Ziel der jungen Frau und werdenden Mutter. Die Liebe gilt es zu retten, und so dies gelingt, darf sie gerne Zeichen setzen. Als das letzte Geheimnis gelüftet wird, zeigt sich, was sie wert ist. Diese Liebe. Und der Leser fragt sich selbst Stell dir vor…

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

„Alle Buchstaben in diesem Roman setzen sich
zu einem einzigen fruchtbaren Begriff zusammen:
la réconciliation, die Versöhnung.“

Dies schreibt Sylvie Schenk über ein Buch, das Louise in der Schule liest. Dieses Prädikat verdient ihr eigenes Buch. Menschlich, humanistisch und gänzlich vorurteilsfrei rast die Geschichte mit ihren Lesern durch die Zeit. Ein Rückblick, der schmerzt, hoffen lässt und desillusioniert. Familien zweier ehemals verfeindeter Länder haben sich nicht immer viel zu erzählen. Viel mehr haben sie voreinander zu verbergen. Diese Mauer zu durchbrechen ist schmerzhaft und schwer. Besonders dann, wenn man die Wahrheit zu spät erkennt.

Sylvie Schenk schreibt vielleicht autobiografisch. Ihr „Stell dir vor“ gilt vielleicht ihr selbst. Dem Rückblick auf eine Zeit, die sie selbst erlebte. Sie schützt ihre Privatsphäre durch die gewählte Erzählperspektive und erlangt so die Freiheit, in die Tiefe zu gehen, ohne dabei selbst zu versinken. Distanz ist lebensrettend im Erzählen. Der Zeitraffer als Stilmittel blendet nichts aus, er vernachlässigt nicht und lässt kaum Fragen offen. Leser fühlen sich direkt angesprochen. Man kann niemanden zum Lesen zwingen. Man kann Verständnis nicht einfordern. Sylvie Schenk jedoch gelingt es, Empathie zu erzeugen, weil sie ihre Leser zu den Hauptdarstellern der künftigen Geschichte macht.

Silvie Schenk könnte als Spätberufene bezeichnet werden. „Schnell, dein Leben“ ist ihr erster Roman, der in Deutschland veröffentlicht wird. Der Zeitraffer steht nie für die Karriere von Autoren. Manches braucht seine Zeit und manchmal braucht auch die Zeit selbst ihre Zeit, bis sie reif ist. Jetzt ist es an der Zeit für Sylvie Schenk! Ihr Weg zurück in die gemeinsame Vergangenheit ist Rückblick und Warnung zugleich:

„Jederzeit können sich die Fronten ändern, dass die Vollgefressenen irgendwann selbst zu Elendsgestalten werden.“

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk

Ich freue mich schon sehr darauf, Sylvie Schenk auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen zu können. Ich habe viele Fragen zu einem Buch, das mich völlig überzeugt hat und werde das Gespräch sicher nicht im Zeitraffer führen. Hier geht es zum PodCast.

Sylvie Schenk - Das Buchmesse-Interview...

Sylvie Schenk – Das Buchmesse-Interview…