Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli - Astrolibrium

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Gegenwartsliteratur lebt von der Aktualität und Brisanz aktueller Themen. Sie hat eine ganz eigene Relevanz, weil man den Inhalt am jeweiligen Tagesgeschehen reiben und messen kann. Gegenwartsliteratur hat ihre ganz eigenen Leser, weil Vergangenes nicht immer herangezogen werden will, um Gedanken zu beflügeln. Wenn man sich im privaten Lese-Biotop mit Flucht, Vertreibung und ethnischen Problemen beschäftigt, ist es oftmals gewünscht, nicht Beispiele aus dem Holocaust, der Kinderlandverschickung oder gar mittelalterlichen Fluchtbewegungen zu erlesen, sondern handfeste Szenarien vorzufinden, die greifbarer sind. Wissend, dass diese Ereigniswellen geschichtlich nicht voneinander zu trennen sind, weil ihnen vergleichbare Automatismen zugrunde liegen.

Das Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli ist Gegenwartsliteratur vom Allerfeinsten. Wir begegnen dem Thema, das hier im Mittelpunkt steht täglich und sind doch nur stille Beobachter eines Problems, das sich auf dem amerikanischen Kontinent abspielt. Mehr als 3000 Kilometer lang ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA. Sie wird in zunehmendem Maße zur propagandistischen Demarkationslinie, die es aus Sicht der Vereinigten Staaten von Amerika mit einer Mauer zu verteidigen gilt. Grenzen reichen nicht mehr aus. Die Border-Patrol ist inzwischen bis an die Zähne bewaffnet, in vielen Regionen durchziehen Zäune und Grenzkontrollen das Land. Und wozu? Schutz vor illegalen Einwanderern. Menschen, die aus Mexiko in die USA auswandern, um ein Leben führen zu dürfen, das ihnen eine Zukunftsperspektive bietet. Im täglichen Jargon werden sie jedoch von höchster politischer Seite als Vergewaltiger, Abschaum, Dealer und pauschal als Kriminelle bezeichnet, die den Wohlstand der USA gefährden.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Genau hier setzt das Archiv der verlorenen Kinder an. Genau hier entwickelt die in Mexiko geborene Autorin Valeria Luiselli ein multiperspektivisches Szenario, dem eine literarische Struktur zugrunde liegt, die in ihrer ungewöhnlichen Form als herausragend bezeichnet werden muss. Wer sich jemals gefragt hat, ob Flüchtlingsbewegungen aus der Vergangenheit ein Echo erzeugen können, dem man heute noch zuhören kann, der sollte diesen Roman wie ein Klangexperiment verstehen. Wer sich auf Valeria Luiselli einlässt, der kann sich darauf gefasst machen, als Klangkörper einer mehrdimensional angelegten Gegenwartserzählung in Vibration versetzt zu werden. Was hier noch recht komplex und kompliziert wirkt, ist jedoch leicht zu lesen. Ein Roman, der Klangfarbe im Inneren des Lesers entwickelt und eine Melodie zurücklässt, die nachhaltig verhindern kann, dass man blind durchs Leben läuft. 

Klang steht im Mittelpunkt einer kleinen Patchwork-Familie, die das gewohnte New York verlässt und sich auf den Weg nach Arizona an die mexikanische Grenze macht. Vier Menschen – zwei Ziele. Vater, Mutter, zwei Kinder. Sie, die Erzählende, Mutter des fünfjährigen Mädchens. Er, der Vater eines zehnjährigen Sohnes. Namenlos bleiben die Kinder im Patchwork-Konstrukt. Stiefgeschwister. Nichts weiter als Mitreisende bei den Missionen ihrer Eltern, die ihr Geld als Klangkünstler verdienen. Ihre Beziehung kriselt, der Beruf jedoch vereint sie auf dem Weg an die Grenze. Er, auf der Suche nach dem Klangarchiv der untergegangenen Apachen-Kultur. Sie, auf der Jagd nach Stimmen der Kinder, die sich allein auf den Weg von Mexiko in die USA machen, um ihren Eltern zu folgen. Der Sound verlorener Indianer und der Sound verlorener Kinder wird zum tiefen Soundtrack eines Romans.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Valeria Luiselli erzählt nicht nur brillant, sie überrascht mit Stil und Form. Die Kinder der Patchwork-Familie bleiben namenlos. Als der Junge und das Mädchen machen sie ihren Weg. Das gemeinsame Auto mutiert zum Archiv der Familie. Beladen mit Kisten, die alles beinhalten, was zum Narrativ dieser kleinen Gemeinschaft dazugehört. Es ist eine Arche, die sich an die mexikanische Grenze bewegt. Vielleicht auf der Suche nach den Letzten einer anderen Art. Dabei wirft die Autorin Fragen auf, die den Lesenden im Lesen aus dem Lesen bringen. Wie klingt meine Familie? Welchen Soundtrack hat das Narrativ meiner Generation? Wie hört sich Streit, wie hört sich Liebe an. Wie klingt ein früher Morgen zuhause und wie hört er sich in der Fremde an? Welche Geräusche und Klänge verbinde ich mit meinem Leben und wie fühlen sich Störgeräusche an. Fragen, denen man im „Archiv der verlorenen Kinder“ nicht entkommt.

Getrieben vom Wunsch, nicht einfach nur flüchtende Kinderstimmen festzuhalten und sie zu archivieren, sondern auf der konkreten Suche nach zwei vermissten Kindern aus Guatemala entfernt sich die Mutter zusehends vom Projekt ihres Mannes. Als wäre sie nur noch ein fernes Echo, wird ihre Klangsuche einsamer und verzweifelter. Was im Leben auseinanderdriftet, klingt auch im Beruf nicht mehr zusammen. Und während sie sich immer weiter der mexikanischen Grenze annähern schreibt uns Valeria Luiselli die Geschichten der Kinder ins Herz, die aus der anderen Richtung kommen. Illegal, voller Sehnsucht und hilflos. Alleinreisende Flüchtlingskinder ohne Begleitung. Tausendfache Realität, nicht nur auf den üblichen Flüchtlingsrouten in Europa.

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Was halbdokumentarisch klingt, mit Vernehmungsprotokollen und mit realen Figuren und Gerichtsfällen zu verschmelzen scheint, löst sich auf, als in der Mitte des Romans der Junge zum Erzähler wird. Die Perspektive wechselt. Der stille Beobachter wird zur kindlichen Stimme und zum Suchenden der verlorenen Kinder. Hier zeigt die Autorin in beeindruckender Weise, wie tief sich Unterhaltungen der Eltern in Kindern festsetzen, die eigentlich unaufmerksam gewirkt haben. Hier zeigt sich, dass der Junge und seine Stiefschwester in der eigenen Patchwork-Familie verloren gegangen sind. Als beide an der mexikanischen Grenze verschwinden, um nach Flüchtlingskindern zu suchen, wird aus einem Roman, der schon bis dahin zu fesseln wusste, ein Pulverfass der Angst um zwei Kinder, die Gefahr laufen, im Flüchtlingsstrom aufgesaugt zu werden und letztlich auch dort unterzugehen. Jetzt wird aus den Klangprojekten die Sinfonie der betroffenen Archivare.

Ich habe mich in der Arche dieser Familie versteckt. Ich durchstöberte ihre Kisten, ich betrachtete die Polaroid-Fotos, die der Junge während der Fahrt aufnahm, ich war ganz nah bei ihnen, als sie verlorengingen. Ich hörte den Klang der Verzweiflung, sah die Ausweglosigkeit einer Suche im Niemandsland und litt still mit der Familie. Und am Abend sah ich in den Nachrichten einen amerikanischen Präsidenten vom Abschaum aus Mexiko reden, sah seine Twitter-Nachrichten und hörte seine Anklagen. Sie waren nichts Anderes als Todesurteile für all jene, die Zuflucht suchten. Internierungslager im modernsten Land des Westens. Abschiebung und ungeklärte Todesfälle. Eltern sorgen sich bis zum Wahnsinn. Und mittendrin die Erkenntnis, dass man schneller betroffen ist als man denkt. Der Twist in dieser Geschichte ähnelt dem Gedanken in „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne. Auch hier wechselt ein Junge plötzlich auf eine andere Seite. Auch hier entsteht persönliche Betroffenheit aus dem Nichts. Sicherheit wird als Konstante gesehen, dabei ist sie die Variable unseres Lebens.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Verlorene Kinder. Ich begegne ihnen so oft in meinem Lesen. Zuletzt war es „Judith“, die mir ihre Geschichte erzählte. Wie so viele zuvor. Ich erkenne vergleichbare Muster ihrer Geschichten. Viele sind zu lange her, um heute noch wahrgenommen zu werden. Das „Archiv der verlorenen Kinder“ entzieht sich einer fehlenden Aktualität. Hier wird das Echo der Vergangenheit aufgenommen und völlig neu interpretiert. Ein Klang, der noch für viele Generationen zu hören sein wird. Bis er verstummt, man ihn fast vergisst und nicht glauben kann, ihn jemals gehört zu haben. Ich wünschte mir, wir wären mutig genug, unsere Kisten zu packen und auf die Suche nach den Stimmen zu gehen.

Am Ende des Romans bleiben die Bilder. Nicht diejenigen, die wir uns lesend selbst gemacht haben. Es bleiben die Polaroids eines zehnjährigen Jungen. Unscharf, nicht immer richtig belichtet, manche schief. Und doch verleihen sie der Fiktion des Romans eine Tragweite, die den Lesenden umhaut. Als wäre alles wahr. Als hätte es so… Als wäre es nicht… Als könnte alles genauso… Ja, warum nicht. Diese Bilder erzählen die Geschichte, deren Soundtrack wir nicht vergessen werden. Was für ein Ende.

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Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli

Wer sich für weitere verlorene Kinder in der Literatur interessiert, wird in meinem Lese- und Rezensionsprojekt „Verlorene Mädchen“ fündig. Hört ihr das Echo?

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Es gibt Geschichten, die mehr als erzählenswert sind. Es gibt Jahrestage, die nach genau solchen Geschichten rufen. Und es gibt Menschen, die sich zwar als Zeitzeugen bezeichnen können, denen jedoch ein intimer Blick eines Einzelnen hinter die Kulissen der Geschichte bisher vorenthalten blieb. 30 Jahre ist es nun schon her, seit die Mauer ihren Geist aufgeben musste. 30 Jahre Wiedervereinigung. 30 Jahre, in denen langsam zusammenwuchs, was zusammengehört. Viele von uns haben die Ereignisse aus dem Jahr 1989 noch bildlich vor Augen. Wir erinnern uns nicht nur an Berlin, wir sehen nicht nur Menschen auf der Mauer stehen und feiern. Wir erinnern uns an Demonstrationen, friedlichen Widerstand, eine Bürgerrechtsbewegung und die bewegenden Ereignisse in der Deutschen Botschaft in Prag. Initialzündungen, Impulse und Tropfen, die das Fass überlaufen ließen. Sicher haben wir schon viele Dokus zum Thema gesehen, viel dazu gelesen und gehört. Und trotzdem ist noch viel zu erzählen.

Es ist ein Roman, der meine ganze Aufmerksamkeit forderte. Die geteilten Jahre von Matthias Lisse. Vielleicht muss ich ein wenig ausholen, um die Relevanz dieses Buches für mein Lesen zu erklären. Vielleicht geht es auch ohne Umschweife. Er, der Autor dieses Romans, hat sich einen anderen Namen gemacht. Unter dem Pseudonym Mac P. Lorne schreibt er höchst erfolgreiche und anspruchsvolle historische Romane. Die Liste seiner Erfolge ist lang. Seine Pentalogie über Robin Hood, seine fundierten und brillant erzählten Geschichten über Sir Frances Drake oder John Holland und der neueste Roman aus seiner Feder „Der Herzog von Aquitanien“ sprechen Bände. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Er recherchiert, bereist Schauplätze und überzeugt mit jedem neuen Buch selbst die kritischsten Leser.

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Und nun? Ein Roman, der unter seinem echten Namen erscheint. Eine Geschichte, die aus der aktuellen Zeitgeschichte stammt. Ein autobiografisches Werk, das nicht nur eine Geschichte erzählt. Es erzählt seine Geschichte. Die vom Aufwachsen in der DDR. Die Geschichte eines Menschen, der sich nicht vereinnahmen lassen wollte. Der nicht mit dem ideologischen Strom schwamm und erkannte, dass seine Heimat ihn um sein Leben betrog. Ein Mensch, der es sich nicht leicht machte mit seinen Entscheidungen. Und ein Mensch, der nicht alleine war, weil die Frau an seiner Seite der Einbahnstraße in die Zukunft ebenso wenig folgen wollte, wie er.

Es ist die Geschichte langsam aufkommender Zweifel, die uns Leser sofort fesselt und in ihren Bann zieht. Es ist keine leichte Entscheidung, das gemeinsame Glück dort zu suchen, wo die eigene Heimat Grenzzäune, Selbstschussanlagen und Todesstreifen errichtet hatte. Ja, wird man vielleicht sagen. Solche Geschichten kennen wir. Sie sind keine Einzelfälle und irgendwo wiederholen sie sich. Mag sein. „Die geteilten Jahre“ in den Einheitsbrei der Einheitsfeier zu werfen, wäre jedoch ein fataler Irrtum, weil gerade diese Geschichte Türen zu einer Vergangenheit öffnet, die so noch nicht erzählt wurde. Ich habe staunend gelesen und Bilder gesehen, die ich zwar kannte, die mir bisher nur aus anderen Perspektiven erkennbar waren. Matthias vereint hier sein schriftstellerisch herausragendes Können mit der besonderen Fähigkeit, die Geschichte seiner eigenen Familie zu fiktionalisieren, die nötige Distanz aufzubauen und dann nichts anderes als die Wahrheit zu erzählen.

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Ich könnte dieses Buch rezensieren, Handlungsfäden aufnehmen, Bilder werten und in mein bisheriges Lesen einsortieren. Ich könnte interpretieren und empfehlen. Ja, ich könnte die bewegendsten Passagen des Romans hervorheben und ihn euch ans Herz legen. Ich habe mich für einen anderen Weg entschieden. Ich habe mich einfach mal in Frankfurt verabredet. Ich wollte mich überraschen lassen, was mir der Mensch Matthias Lisse zu erzählen hatte. Ich wollte auch ein stückweit Mac P. Lorne begegnen, dem ich inzwischen blind durch seine Romanwelten folge. Ich wollte meine Distanz zum Roman überbrücken. Ich hatte viele Fragen und wurde nicht nur überrascht, Matthias Lisse zu begegnen, sondern auch seiner Ehefrau gegenüberzusitzen. Der Frau, die für mich im Roman „Die geteilten Jahre“ und in der wahren Geschichte als Frau, Lebenspartnerin und Mutter Unglaubliches geleitstet hat.

So zogen wir uns zu einem Gespräch zurück, das kein Interview sein sollte, das mir aber meine offenen Fragen für diesen Artikel beantworten konnte. Aufschlussreich und erhellend waren die Momente in der Interviewkabine und pünktlich zum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung kann ich aus dem Vollen schöpfen. Matthias Lisse wurde darum gebeten, diesen Roman zu schreiben. Eigentlich hatte er das nie vor. Zu persönlich und auch zu schmerzhaft waren die Erlebnisse. Im Nachhinein betont er jedoch spontan, er würde jedes einzelne Wort genauso wieder schreiben. Dieser Roman hat ihn nicht mit der Vergangenheit versöhnt, aber doch befreiend gewirkt. Eine zweite Befreiung nach der Flucht aus einer Diktatur. Ein aktiver Verarbeitungsprozess, der ihm vieles deutlich gemacht hat. Insbesondere die unglaubliche Leistung seiner Ehefrau, die auf sich allein gestellt mit der kleinen Tochter nach Prag floh.

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Ich hatte den Eindruck, dass Matthias Lisse als Mac P. Lorne über die Tyrannei in seinen historischen Geschichten unbefangener schreiben konnte, als in den Kapiteln der geteilten Jahre, in denen die agierenden Politiker der DDR zu Wort kommen. Er hat für diese Passagen intensiver recherchiert, als jemals zuvor. Ich denke, er wollte es auf den Punkt bringen, was sich genau in geheimen Sitzungen abspielte. Die Entfremdung der Machthaber vom eigenen Volk, das Menschenverachtende ihrer Sichtweise und die absolute Willkür von Entscheidungen. Man fühlt die Abscheu, die Matthias Lisse heute empfindet, wenn er diese Wahrheiten reflektiert. Hass jedoch ist ihm fremd. Ja, er hätte gerne mehr geschrieben. Das wahre Leben hätte das Format jedoch gesprengt und so musste er (der über Robin Hood tausende Seiten schrieb) sein eigenes Leben auf 450 Seiten unterbringen.

Matthias Lisse ruht bei unserem Gespräch tief in sich selbst. Er antwortet präzise und blendet Emotionen aus. Ich denke mir, die Distanz des Autors zum Buch rettet ihn auch hier vor reinen Gefühlsbildern. Allein die Anwesenheit seiner Ehefrau macht aus einem ganz einfachen Gespräch über einen Roman ein atmosphärisches Ereignis. Sie sagt kaum etwas. Anfangs. Sie hört zu und es arbeitet intensiv in ihr. Es brodelt extrem in ihr. Es ist insbesondere auch ihre Geschichte über die wir reden. Die Geschichte der Mutter, die zu spät in Prag ankommt. Die den Befreiungsschrei der Flüchtlinge aus der Ferne hört, die erleben muss, wie die Befreiten durch einen Kordon zu Bussen geleitet werden, während sie mit ihrer Tochter nur zuschauen kann. Die Geschichte einer Frau, die doch noch einen Weg findet. Die dabei das Leben und die Gesundheit ihrer Tochter riskiert, sie dabei fast verliert und heute weiß, wie lebensgefährlich ihre Entscheidungen waren.

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Über diesem Gespräch hängt sehr viel Unausgesprochenes. Fühlbares. Es würde Jahre dauern, diese Flucht nachvollziehen zu können. Es würde tausende von Seiten brauchen, um alles zu erzählen. Und doch braucht es bei den Antworten von Matthias Lisse zu meiner Frage, wie man sich in einer solchen Situation trennen konnte und wie groß das blinde Verständnis sein musste, sich ohne Handy, SMS oder Telefon (wie es heute für uns selbstverständlich ist) wiederzufinden, nur in die Augen seiner Ehefrau zu schauen und man versteht. Sie hätte ihn überall gefunden. Er hätte überall auf sie und die gemeinsame Tochter gewartet. Hier wird das große Wagnis einer faktisch erzählten Flucht zu einem persönlichen Vertrauensbeweis, ja zu einer Liebeserklärung der ganz besonderen Art. 

Was wir aus diesem Buch lernen können? Was ist für unser Leben relevant? Meiner Meinung nach sind es keine einfachen Lehren, die wir ziehen können. Wagnis, Mut und Vertrauen basieren auf gemeinsamen Lebensentscheidungen und -wegen. Wenn man den richtigen Menschen an seiner Seite hat, können auch getrennte Wege zum Erfolg führen. Dann wird das Unvorstellbare greifbar. Dann wird es auch erzählenswert, weil man hier nicht die Vergangenheit wiederbelebt, sondern der Zukunft den Weg weist. In tiefer Erinnerung bleibt mir die Dankbarkeit der Lisses für eine kleine Handreichung. Es war ein amerikanischer GI, der einer flüchtenden Frau und ihrem Kind die Hand reichte und den Weg in die hermetisch abgeriegelte deutsche Botschaft ermöglichte. Hilfe, die mit Sicherheit gegen seine Befehle verstieß. Wer immer sich fragt, wie man Menschen helfen kann, die wir pauschal Flüchtlinge nennen, der sollte „Die geteilten Jahre“ lesen und darüber nachdenken, dass man kein Übermensch sein muss, um Leben zu retten. Es reicht völlig aus, Mensch zu sein und jenen die Hand zu geben, die Unmenschliches erleiden müssen. Na, macht´s klick?

Danke für einen unvergesslichen Moment jenseits „Der geteilten Jahre“.

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Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Winterbienen von Norbert Scheuer – Ein Durchbruch

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist, als würde eine der wichtigsten Erzählquellen der Eifel über die Ufer treten. Es ist, als würde sich der Erzählfluss eines Heimatschriftstellers mit den Erzählströmen der bedeutenden Autoren unseres Landes vereinen und einen Stausee füllen, aus dem wir unendlich schöpfen können. Es fühlt sich an wie ein Naturereignis, da der Eifelfluss nicht in diesen Erzählfluten unterzugehen droht, sondern unverwechselbare und extrem nachhaltige Spuren im großen Literatur-Meer hinterlässt. Es ist wie die Neugeburt einer Stimme, der man zuvor vielleicht eher regionale Relevanz beigemessen hat. Die Rede ist hier von Norbert Scheuer, der mit seinen bisherigen Romanen einen authentischen und emotionalen Blick auf seine Heimat, die Eifel, gerichtet hat.

Kall – Eifel“ und „Am Grund des Universums“. Zwei Romane, die den Menschen der ländlichen Region huldigen. Geschichten über Heimkehren, Bleiben und die Sehnsucht nach dem einen Ort, mit dem man alles verbindet. Es sind Erzählungen, in denen sich Norbert Scheuer durch die Sedimentschichten seiner Heimat gräbt, den Menschen, die ihm täglich begegnen ein literarisches Gesicht und Identität verleiht. Romane, die nicht nur in der Eifel gelesen werden. Scheuer lässt seine traumatisierten Protagonisten aus Afghanistan in die Heimat zurückkehren. Er lässt uns aus ihrer Perspektive beobachten und agieren. Er errichtet neue Gebäude auf den Ruinen der Vergangenheit, lässt einen Stausee trockenlegen, um aus den Fundstücken Geschichten zu erzählen. Scheuer ist ganz nah am Puls der Menschen, denen er aus der Seele zu schreiben scheint.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Und doch hängt seinen Werken das Regionale an. Das Lokalkolorit und der typische Menschenschlag, sowie die Themen, denen er sich widmete mögen Gründe dafür sein, dass er nicht so wahrgenommen wurde, wie ihn Literatur-Insider schon immer gesehen haben. Als ganz großen Erzähler. Ich bin selbst ein Kind der Eifel. Ich bin vom Schlage dieser Menschen. Ich bin typisch und doch bin ich gegangen. Seine Romane waren für mich, wie die Rückkehr nach Hause. Hoffend, man möge im Stausee Dinge finden, die mit mir in Verbindung stehen. Hoffend, mein Heimatgefühl zu reanimieren. Jetzt hat der (vielleicht unterschätzte) Heimatschriftsteller (und ich meine das nicht despektierlich) in seinem neuen Buch ein Kapitel seines Schaffens aufgeschlagen, das ihn stilistisch und inhaltlich in eine neue Dimension vorstoßen lässt.

Winterbienen“ von Norbert Scheuer – C.H. Beck Verlag

Ja, er beheimatet seine Geschichte in der Eifel. Ja, es ist erneut das Dörfchen Kall, das im Mittelpunkt seines Romans steht. Und ja, es sind diese so typischen, aber nicht stereotypen Menschen, die den Landstrich mit Leben füllen. Diesmal jedoch öffnet sich der Mikrokosmos Eifel und wird vom großen Weltgeschehen vereinnahmt, vergewaltigt und vernichtet. Wir erleben Kall im vorletzten Jahr des Zweiten Weltkrieges. 1944. Eine eigentlich ländliche Idylle, in der sich die Nazi-Ideologie ebenso ausgebreitet hat, wie in ganz Deutschland. Eine Idylle, in der die Zeit stehenzubleiben scheint. Und doch rückt die Eifel ins Zentrum der alliierten Aufmarschpläne zur Eroberung des Dritten Reichs.

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Winterbienen von Norbert Scheuer

Schlagworte wie Ardennenoffensive, Allerseelenschlacht und Hürtgenwald sind bis heute unvergessen. Überschriften über einem Kapitel im Leben der Menschen in Kall, die zu Beginn dieses Jahres 1944 noch nicht getextet waren, ihre Spuren jedoch in Form alliierter Bomberverbände in den Nachthimmel schrieben. Hier treffen wir auf den Imker Egidius Arimond. Auch ihn hebt Norbert Scheuer aus der Bedeutungslosigkeit eines kleinen regionalen Charakters hinaus, indem er das Drama der Nazi-Ideologie in seiner Existenz spiegelt. Epileptiker, Fluchthelfer für jüdische Emigranten auf dem Weg nach Belgien und leidenschaftlicher Bienenzüchter. Überschriften über einem Leben, in dem nichts so ist, wie es sein sollte.

Als Epileptiker aussortiert, weil er das unwerte Leben repräsentiert, während andere im Krieg ihren Mann stehen. Als Fluchthelfer unverzichtbares Bindeglied auf der letzten Route ins vermeintlich sichere Belgien und als Bienenzüchter auf der Suche nach dem einen widerstandsfähigen Volk, das sein Überleben sichert. Flüchtlinge verbirgt Egidius in präparierten Bienenstöcken. Sein Wissen rettet Leben. Für sich selbst kann er kaum etwas tun. Medikamente: Fehlanzeige. Unterstützung: Fehlanzeige. Und jeder Tag, den der Krieg länger dauert, reduziert seine Hoffnung. Ein einfacher Mensch. Ein typischer und sich doch von der Masse der Mitläufer so sehr unterscheidender Mensch. Ein ganz großer literarischer Wurf, weil alle Erzählräume des Romans hier ihren Ursprung finden.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Während sich die Weltgeschichte der Eifel nähert, während D-Day und das Attentat auf Jupp (so Hitlers Spitzname in der Eifel) vom 20. Juli 1944 nur aus der Ferne in das Bewusstsein der Menschen rauschen, zieht sich die Schlinge um Egidius immer enger zusammen. Verrat, Denunziation, Bombenangriffe, Minenfelder, das letzte Aufgebot der Wehrmacht und zurückkehrende verwundete Soldarten, die ihn beneiden, stellen seine Existenz unter Vorbehalt. Dazu noch die häufiger auftretenden epileptischen Anfälle. In kaum einem Roman wird ein gefährdetes Biotop so spürbar vom situativen Rahmen der Zeit aufgesaugt. Hier schreibt sich Norbert Scheuer auf eine metaphorische Ebene und öffnet die Szenerie für die großen Widersprüchlichkeiten des Lebens. Während Bienen gehegt und gepflegt, gezüchtet und umgesiedelt, zu Völkern vereint werden und Honig geerntet wird, kommen wir Leser aus dem Staunen nicht heraus.

Das Opfer der nationalsozialistischen Reinrassigkeit, derjenige, der sieht, wie man Völker untergehen lässt und vernichtet, der Ausgegrenzten zur Hilfe eilt, sucht nach der perfekten und überlebensfähigen Bienenrasse. Er sortiert aus, selektiert, siedelt Völker um, erweitert ihren Lebensraum, beobachtet und fördert Königinnenmord, er notiert die Fortschritte akribisch, erntet, entsorgt nutzlose Drohnen und Arbeiterinnen, während er mit Abscheu beobachtet, wie man Zwangsarbeiter prügelt. Die Widersprüchlichkeit der Rassetheorien wird greifbar. Die Perversion der Nazis tritt im langsamen Erzählfluss in immer erschreckenderen Bildern zutage. Norbert Scheuers Sprache erhebt sich über den Schrecken der Zeit. Wenn er von Nazi-Goldfasanen spricht, wird er zum literarisch brillanten Widerstandskämpfer. Wenn er von Bienen spricht, dann macht er Forschern Konkurrenz:

„Sie bilden in den ersten frostigen Nächten eine Traube,
in der sie sich gegenseitig wärmen… wenn man ihnen zusieht,
ist es, als blicke man in ein träumendes Gehirn.“

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

„Winterbienen“ ist ein großer Roman. Er vereint Erzählräume aus „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde mit den Perspektiven der Widerstandskämpfer in unserer Literaturgeschichte. Fallada lässt grüßen. Wir leben, leiden und lieben mit Egidius. Wir begleiten ihn, wohlwissend, was sich von allen Seiten über ihn ergießen wird. Wir sind an seiner Seite, wenn er Leben rettet und Bienenvölker selektiert. Wir stehen zu ihm in allen Situationen, in denen er uns ängstlich, mutig, zögernd und forsch vorausgeht. Die Epilepsie als tickende Zeitbombe im eigenen Körper, britische Bomber über sich, Nazis im Rücken und die Wunderwaffe des Dritten Reichs, V2-Raketen, als Schreckgespenst eines andauernden Krieges im Auge. Dieser Roman ist relevant, er ist brillant erzählt, in seiner Konstruktion unantastbar und gnadenlos zu Ende gedacht.

„Winterbienen“ schließt Kreise im Schreiben von Norbert Scheuer. Das Nachwort ist eine Offenbarung. Der Stausee bei Kall verschluckt am Ende Gegenstände, die erst Jahrzehnte später „Am Grund des Universums“ gefunden werden. Dieser Roman ist ein literarischer Fingerzeig auf die Eifel im Krieg, die Folgen von Ausgrenzung und den grenzenlosen Fanatismus der braunen Ideologie. Norbert Scheuer öffnet eine Tür zur Eifel, die man durchschreiten sollte. Nicht nur, um Scheuers Schreiben in einem neuen Kontext zu sehen. Sondern ganz besonders, um eine Stimme zu vernehmen, die ihren Durchbruch dem Einbruch einer heilen Welt verdankt.

Winterbienen von Norbert Scheuer - AstroLibrium

Winterbienen von Norbert Scheuer

Die deutsche Literatur ist im Flow. Wildwasser und ruhige Erzählströme sind von so großer Reinheit, wie selten zuvor. Man sollte davon kosten. Und dann sollten wir unser geschultes Auge schweifen lassen und Bücher vereinen, die der Mensch nicht trennen darf. Propaganda von Steffen Kopetzky fällt wie ein Wirbelsturm über die Eifel her. Die Allerseelenschlacht, ein Stausee, die Ardennenoffensive aus Sicht der Eroberer im Hürtgenwald und das unbekannte Terrain Eifel. All dies findet seine Entsprechung. Im Buchhandel würde ich beide Romane gemeinsam präsentieren. Sie sind komplementär. Zwei große Geschichten – 50 Quadratkilometer Erzählraum!

Winterbienen von Norbert Scheuer / C.H. Beck Verlag / 319 Seiten / gebunden / mit 13 Illustrationen von Erasmus Scheuer (Kampfflugzeug-Vignetten) / 22 Euro

„Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Zeit für ein kleines Experiment? Einen literaturbasierten Perspektivwechsel? Zeit für ein paar zeitlose Gedanken, die gerade jetzt aktueller sind, als wir es uns vorstellen können und wollen? Na dann mal los.

Wie sieht ein Flüchtling die Welt? Er fühlt sich subjektiv oder objektiv verfolgt und hat Angst um sein Leben. Im Heimatland ist er umgeben von Freunden, die sich abwenden, trifft auf Ausbeuter, die das immobile Eigentum zu Spottpreisen aufkaufen und fühlt sich jenen ausgeliefert, die sich seine Flucht ins Ausland teuer bezahlen lassen. Er sieht die eigene Familie zerfallen, weil eine gemeinsame Flucht zu gefährlich ist, oder nicht jeder aus der Familie körperlich dazu in der Lage ist zu fliehen. Er trifft auf Menschen, die im puren Egoismus handeln und seine Lage ausnutzen. Schuldner entziehen sich und die Menschen, die ihn immer schon um Kleinigkeiten beneidet haben, sehen ihre Chancen steigen, sich zu bereichern.

Fluchtrouten werden erkundet. Sichere Häfen im Ausland werden gesucht und schon steht man vor den nächsten Problemen. Die Zufluchtsländer schließen ihre Grenzen. Er ist nicht willkommen, man zweifelt an den Ursachen für seine Flucht. Er ist pleite, Arbeit war ihm verboten. Seine Freizügigkeit ist eingeschränkt, es droht die Abschiebung und eine Verlegung von einem Flüchtlingslager ins nächste. Die Menschen protestieren und beneiden nun diejenigen, die ihnen den Wohlstand streitig machen könnten. Die fremde Kultur, die fremde Religion und andere harte Faktoren werden ins Feld geführt. An den Nachzug der eigenen Familie ins sichere Ausland ist nicht zu denken. Wo kämen wir da hin? Die Welle wäre nicht absehbar und nicht zu bewältigen.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Dabei sind sich die Menschen nicht darüber im Klaren, dass sie selbst schon lange auf der Flucht wären, wenn sie mit ihm tauschen müssten. Menschen, die bei jeder sich bietenden Chance die Ungerechtigkeit anprangern, nach einem starken Staat schreien, vor Überfremdung warnen und dem Zuzug durch Flüchtlinge einen Riegel vorschieben wollen. Wirtschaftsflüchtlinge oder Fluchttouristen werden sie oft genannt. Diffamierung geht mit dem Vorurteil im Partnerlook. Illegale. Sollen sich doch andere drum kümmern. Nicht mit uns. Dabei hätte man viele Menschen retten können. Dabei hätte man einfach nur aufmerksam hinschauen sollen. Blind jedoch lebt es sich besser. Wegschauen wird zur Methode. Bei den Mitläufern im Heimatland des Flüchtlings und bei denjenigen, die ihm in Zufluchtsländern helfen könnten.

Kommt euch das bekannt vor? Welche Politiker, Parteien, Länder, Regierungen oder Fakten kommen uns da in den Sinn? Worüber schreibe ich hier eigentlich? Über unser Flüchtlings-Jahr 2018? Nein. Sicher nicht. Ich gieße doch hier kein Öl ins Feuer. Will ja nicht als Gutmensch beschimpft werden und suggerieren, dass wir das schon meistern. Nein. Ich rezensiere hier einen Roman, der im Deutschland des Jahres 1938 spielt und bereits 1939 veröffentlicht wurde. Natürlich nicht in Deutschland, versteht sich. Da hätte „Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz schon lange auf den Scheiterhaufen der zu verbrennenden Bücher gelegen…

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Ein Roman von einem jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich hätte in jener tausendjährigen Diktatur gerade zu diesem Zeitpunkt wenige Leser gefunden. Hatte man es doch gerade erst erfolgreich geschafft, nach Inkrafttreten vieler Judengesetze, die Reichskristallnacht am 9. November 1938 zum nationalen Zeichen des Aufbegehrens gegen das Judentum zu stilisieren. Da wäre das Buch eines gerade mal 24-jährigen Juden, der schon vor fünf Jahren nach Oslo geflohen war nicht wirklich ein Bestseller geworden. Immerhin schenkte man ihm ja schon in jenen Ländern, in die er sich nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze 1935 zu retten versuchte, keinen Glauben. Naja und nach Erscheinen seines Buches in England wurde er 1940 wie viele andere jüdische Flüchtlinge interniert und nach Australien deportiert. Ja, richtig gelesen.

Seine eigene Odyssee steht sinnbildlich für die Odyssee seiner Romanfigur Otto Silbermann. Nur, dass es Silbermann nach der Reichspogromnacht 1938 nicht mehr gelingt, Deutschland zu verlassen. Er mutiert zum Reisenden und erlebt seine Flucht in vollen Zügen. Die Reichsbahn und ihre Bahnhöfe werden zu seinen Refugien, in denen er doch ständig erwartet, festgenommen zu werden. Denunziation und Verfolgung von jüdischen Mitbürgern stehen ganz oben auf der Agenda dieser Tage. Ansonsten kann man das, was er erlebt nur so zusammenfassen, wie ich es in der Einleitung zu diesem Artikel versuchte. Zeitlos ist dieses Leben als Flüchtling. Zeitlos sind die Automatismen, Rahmenbedingungen und Lebensumstände für die Fliehenden. Zeitlos ist es, sie ganz allgemeingültig auf jeder Seite zu Underdogs degenerierter Gesellschaften zu machen.

„Das deutsche Volk wird mit Judenblut zusammengeklebt.“

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Otto Silbermann weigert sich, dieser Gesellschaft als Kleister zu dienen. Er begibt sich auf die Reise durch ein Land, das nicht mehr seine Heimat ist. Seine arische Frau bringt sich alleine in Sicherheit, der Sohn befindet sich in Frankreich. So erlebt er einen Kosmos aus Mitläufern, Tätern und hilfsbereiten Menschen, wobei Letztere an ein paar Fingern abzuzählen sind. Beste Freundschaften zerbrechen, Geschäftspartner wenden sich ab und der einzige verlässliche Partner für den Kaufmann Silbermann ist der Rest seines Vermögens, das er in der Aktentasche mit sich herumträgt. Doch Geld ist Fluch und Segen zugleich in diesen Tagen. Kein Geld zu haben bedeutet den sicheren Tod. Geld zu haben liefert den Häschern allerdings das nächste Argument, sich zu bedienen. Ein Teufelskreis auf den Gleisen der Reichsbahn.

Berlin, Hamburg, Aachen, Dortmund, Dresden und die belgische Grenze gehören zu den Stationen seiner Flucht. Als Silbermann seinen letzten Besitz verliert, wird die Zeit für eine Rettung knapp. Die Aktentasche mit dem Geld wird ihm gestohlen und die Zeit, die er sich hätte erkaufen können, zerrinnt wie Sand durch die Finger.

„Nun gibt es für mich keinen Zeitgewinn mehr, dachte er. Mit dem Geld hab´ ich auch mein Zeitkonto verloren.“

Ulrich Alexander Boschwitz beschreibt ein Szenario, in dem sich tausende Juden in diesen Tagen wie in einem Mahlstrom befanden. Rettung Fehlanzeige. Hoffnung und Unterstützung, Mangelware. Wie die Geschichte des jüdischen Kaufmannes endet kann man sich vielleicht denken, aber man sollte es doch selbst erlesen. Dieser Roman beantwortet viele Fragen, berührt viele Ebenen unseres Verstehens und Mitfühlens. Es ist einfach nur tragisch zu erkennen, dass wir heute wieder in Zeiten angekommen sind, in denen Menschen weltweit aus den unterschiedlichsten Gründen auf der Flucht sind. Es ist dramatisch zu erkennen, dass wir heute zu denen gehören, die sich abschotten wollen. Abschiebung, Familiennachzug, Quoten, Zurückweisung. Ach, es kommt mir so bekannt vor. Dabei hätten wir die Chance der Welt zu beweisen, was sich nachhaltig in unseren Herzen verändert hat.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

Und Ulrich Alexander Boschwitz? Er schrieb diesen Roman als Flüchtling. Er wurde so behandelt, wie er es in Otto Silbermann spiegelt. Sein Roman sollte sensibilisieren und Augen öffnen. Er sollte in der Zeit der Verfolgung die Zeit verändern. Er sollte auch Leben retten. Boschwitz konnte in der Dynamik der Ereignisse dieses Werk niemals so richtig lektorieren lassen. Er hatte viele Ideen für eine endgültig überarbeitete Fassung und wollte dem Buch noch mehr Wucht und Präzision verleihen. Dies ist Peter Graf in beeindruckender Art und Weise als Herausgeber gelungen. Sein Nachwort spannt den Bogen von Ulrich Alexander Boschwitz bis in unsere Zeit. Es ist eine Hommage an den fliehenden jungen Autor, der noch so viel vorhatte im Leben.

Am 29.10.1942 wird das von der britischen Regierung gecharterte Passagierschiff M.V. Abosso nordwestlich der Azoren von einem deutschen U-Boot versenkt. An Bord: Ulrich Alexander Boschwitz auf dem Weg zurück in die Heimat Europa. Auf dem Weg in einen Krieg, den er nie erleben sollte. Auf dem Weg zurück von jenem Kontinent, auf den man ihn deportiert hatte. Auf dem Weg auch zu einer vielversprechenden Karriere als Autor und Leuchtturm gegen die Ungerechtigkeit. Er starb im Alter von 27 Jahren. Im Gepäck: das letzte von ihm verfasste Manuskript zu „Der Reisende“.

Der Reisende von Ulrich Alexander Boschwitz

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„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke