Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi - Astrolibrium

Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Ihr kennt Domino? In seiner klassischen Variante benötigt man 28 Dominosteine, um das legendäre Legespiel beenden zu können. Auf  Augenzahlen kommt es hier an, und nur, wer passend anlegen kann, darf weitermachen. Ansonsten verzögert sich das Fortkommen und die zusätzlich zu ziehenden Steine erschweren den Sieg. Wer daran den Spaß verliert, kann die Spielsteine aufstellen und den ersten zu Fall bringen. Den sogenannten Domino-Effekt macht man sich gerne auch im Leben zunutze. Fällt der erste Stein und hat man gut aufgestellt, dann ist der Rest eine Kettenreaktion, der man sich nicht in den Weg stellen kann. Hierbei wird eine Kette von Ereignissen ausgelöst, von denen jedes einzelne gleichzeitig die Ursache des folgenden ist. Domino. Es war das Bild dieses Spiels, das mich in einem Roman begleitete, mir zugleich Zugang und Halt verschaffte und mich durchgehend beschäftigte, weil ich viele seiner Elemente im Verlauf einer epischen Erzählung wiederfand.

Im Saal von Alastalo“ von Volter Kilpi kommt in einer prachtvollen Schuberausgabe aus dem Mare Verlag ins Bücherregal. 1066 Seiten plus Anhang und Anmerkungen zur Übersetzung lassen diesen opulenten finnischen Klassiker auf 1135 Seiten anwachsen. Das kann abschrecken. Sollte es aber nicht. Auch, wenn der Roman mit seinen 68 Euro sicherlich so manches Literaturbudget zu sprengen droht, man sollte es sich wirklich gut überlegen, ob man an diesem Prachtstück einfach so vorbeigehen kann. Es ist wahrlich eine Anschaffung fürs Lesen, sorry Leben natürlich. Und beiläufig bemerkt, ich mag es, wenn ein Buch teurer ist, als das Regalbrett auf dem es steht. So sieht Bücher-Lifestyle aus. Doch kommen wir zurück zum Domino-Vergleich aus meiner Einleitung. Nicht ich möchte Euch zum kippen bringen. Es ist der Autor selbst, der sich wahrscheinlich eher unbewusst in einem Bild bewegte, das sich mir hier aufdrängte. Im „Saal von Alastalo“ kommen genau 28 Landbesitzer zusammen, um auf Einladung des Gutsbesitzers und Geschäftsmannes Hermann Matsson über die Anschaffung einer Dreimastbark für die Schärengemeinde zu beratschlagen.

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

Achtundzwanzig Partikularinteressen und Charaktere, Allianzen, eifersüchtige und egoistische Sichtweisen sowie Neid, Missgunst und eindeutige Manipulation gilt es nun richtig zu bewerten, abzuwägen, auszubalancieren und in Einklang zu bringen, um ein höheres Ziel zu verwirklichen. Volter Kilpi erklärt uns nicht nur auf beeindruckende Art und Weise, was das Prinzip der Anteilseignung für die entlegenen Gemeinden und die Geschäftsleute in den Schären bedeutete, er lässt auch das Handelssystem in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufleben. Jenes Prinzip der Gewinnmaximierung bei gleichzeitiger Risikominimierung für den Einzelnen hat die Gutsbesitzer dahin gebracht, wo sie heute stehen. Es ist ein ansehnlicher Reichtum, der sie schon jetzt verbindet und doch neidet jeder dem anderen das Schwarze unter dem Fingernagel. Und nun sind sie vereint. Zu Gast beim Erfolgreichsten von ihnen, beim Gutsherren von Alastalo, der es im Saal im Herzen seines Gutes so richtig krachen lässt. Der Raum ist riesig, die Möbel gereichen jedem Schreiner zum Ruhm, die Pfeifensammlung an der Wand ist riesig und edel. Wer würde nicht neidisch reagieren auf das Ansinnen des Herrn von Alastalo, alle Mittel zu bündeln, um mit dem größten Handelsschifff der Schären, der eleganten und schnellen Dreimastbark über die man hier berät, in eine reiche Zukunft zu segeln.

Dominoday in den Schären. Verzeiht mein einfaches Bild für diesen mehr als komplex erscheinenden Klassiker. Ich fühlte mich wohl im Saal von Alastalo. Ich beobachtete die geladenen Gäste, ließ sie mir von Volter Kilpi einzeln vorstellen und genoss den Stil des finnischen Autors. Opulent fabuliert er, beobachtend und lauernd folgt er seinen Figuren durch das Setting seiner einzigartigen Erzählung. Dabei gönnt er sich alle Zeit der Welt, um seine Charaktere, ihre Absichten und verborgenen Hoffnungen zu beschreiben. Hier gönnt er alleine schon Malakias Afrodite Härkäniemi mehr als 100 Seiten, um sich im Regal der prächtigen Pfeifen die passende für diesen Anlass auszusuchen. Hier brilliert Volter Kilpi, weil man schnell merkt, dass es gar nicht um Pfeifen geht, sondern um den Status, den man für sich beansprucht, die Signale die man aussendet und die komplex ineinander greifenden Zahnräder der Schären-Diplomatie der Bauernschläue. So wird aus der Pfeife eine klare Verhandlungsposition, aus den Teppichen auf dem Boden ein Status und aus dem Sitzplatz auf dem gigantischen Sofa die Pole-Position für die bald beginnende Verhandlung.

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

„Mit Barken befährt man Meere und den Atlantik,
aber mit Kähnen Tümpel und die Buchten der Ostsee.“

Das große Denken greift endlich um sich, in jenem Saal, in jenen Tagen und in den versammelten Köpfen. Das braucht seine Zeit, das erfordert Geschick und das braucht Überredungskunst und so wirkt die Szenerie oft wie die großen Epen, in denen es um Thronfolger und zu erobernde Königreiche geht. Es sind die Ritter ihrer eigenen Güter, die hier die Politik für die Zukunft bestimmen. Es sind Hierarchien, die verborgen liegen bis man sie ans Licht zerrt. Nicht der einflussreichste Gutsherr ist auch der reichste. Es ist ein brillantes literarisches Verwirrspiel, dem wir uns ausliefern, wenn wir Volter Kilpi in seinen „Saal von Alastalo“ folgen. Seine Erzählweise entschleunigt den Tag, dämpft die Lautstärke des Alltags-Trubels und sensibilisiert uns für die Feinheiten, die zwischen den Zeilen zu finden sind. Einzig unsere Geduld fordert der finnische Autor ein. Hier, an der Garderobe des Saals von Alastalo sollten wir alles ablegen, was uns belastet. Auf große Fahrt kann man nur gehen, wenn man sich auf alles einlässt. Das haben wir mit den Gästen in diesem Saal gemeinsam.

Erst dann dürfen wir uns vom kleinen Boot ins große träumen. Von der Jacht in die Galeasse. Vom Schoner in die Brigg und zuletzt von der Brigg in die Bark.

„Die Franzosen haben Proust,
die Iren haben Joyce – 
die Finnen haben Kilpi.“

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Im Saal von Alastalo von Volter Kilpi

So bewirbt der Mare Verlag einen Autor, der 1933 finnische Geschichte schrieb, weil er eine finnische Geschichte schrieb. Das wird ihm vielleicht nominell gerecht, schreckt vielleicht aber gerade jene Leserschaft ab, die Marcel Proust einfach für zu elitär und James Joyce für zu schwierig hält. Nichts von beidem ist Volter Kilpi. Sein Schreiben ist nahbar und verständlich. Es ist bildhaft, schön und zeitgemäß schillernd, aber es ist niemals unverständlich, unstrukturiert oder uninterpretierbar. Der Saal von Alastalo hat viel mit der Tafelrunde eines König Artus gemeinsam. Es geht um Gefolgschaft, um die Chancen, die sich nicht immer jedem bieten, und die großen Abenteuer, die man eben nur gemeinsam stemmen kann. Ich fand in diesem Roman keine Länge, ich fand kein unbedachtes Wort und ich fand keine Figur, die man hätte streichen können. Ich fand eine Übersetzung aus der Feder von Stefan Moster, die einem Meisterwerk auch im Duktus unserer Sprache das Höchstmaß an Eleganz und Schlichtheit verliehen hat, die es benötigt, um auf mehr als 1000 Seiten zu fesseln und zu begeistern. Und doch ist es wohl keinem Lesenden möglich, die tatsächlich erzählten sechs Stunden in dieser Zeit zu lesen. Wie hat er das gemacht, der Herr Kilpi…?

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“

Antoine de Saint-Exupéry – Die Stadt in der Wüste

Kaum ein Zitat aus berufener Feder passt so gut zu diesem Roman, wie die Worte des Schöpfers unseres kleinen Prinzen. Lade all diese Menschen ein und erzähle ihnen „Im Saal von Alastalo“ von einer Dreimastbark und ihren Möglichkeiten. Lesen…!

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Sie bleibt seltsam anonym. Fast namenlos, obwohl sie sich zeitlebens mit einem Titel schmückte, der in Finnland berühmt und berüchtigt zugleich war. „Die Frau des Obersts“. Wenn Rosa Liksom ihre Geschichte erzählt, dann ist dies sicher ein Roman. Daran besteht kein Zweifel. Es ist nicht die Lebensgeschichte von Annikki Kariniemi. Die hat sie in ihrer Autobiografie „Die Anatomie einer Ehe“ schon längst selbst erzählt. Wenn Rosa Liksom erzählt, dann innerhalb eines Rahmens, der bekannt erscheint, es aber doch nicht ist, weil ihre wahre Stärke in der Fiktion verborgen ist…

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom - Der PodCast - Astrolibrium

Die Frau des Obersts von Rosa Liksom – Mit einem Klick zum Audio-PodCast

So könnte diese Rezension beginnen…

Eine Frau lässt in einem finnischen Dorf ihre vier Leben Revue passieren. Es sind Leben voller Gewalt und Vorbestimmung. Leben unter der Überschrift eines Titels, mit dem sie sich schmückt, weil er sie lebenslang begleiten sollte. „Die Frau des Obersts“ blickt zurück auf den Alltag im strengen Elternhaus, das Leben an der Seite eines alten Obersts, ein Leben danach mit einem jüngeren Ehemann und ganz zum Ende auf eine letzte Etappe eines langen Lebensweges. Es ist zugleich ein Rückblick auf die Historie ihrer Heimat, den ideologischen Sittenverfall Finnlands unter den Nazis und ihre eigene Rolle im Konzert des Hasses.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Auch so könnte sie beginnen.

Dieser Roman ist eine Zerreißprobe für den gesunden Menschenverstand. Zweifel an der Plausibilität der erzählten Geschichte kommen nicht auf, was sie nur schlimmer macht. Dieser Roman erzählt die Geschichte einer Finnin, die einer Ideologie und ihrer Liebe zu gleichen Teilen verfällt. Machthungrig, selbstvergessen bis zur Selbstaufgabe und leidensfähig bis zum Ende. Die Hauptsache, sie behält ihren Ehrentitel. „Die Frau des Obersts“ lässt sich durch die Geschichte ihres Lebens prügeln, vergewaltigen und erniedrigen, sie lässt sich das ungeborene Kind aus dem Bauch schlagen. Sie geht den dornenreichen Weg einer Gewaltbeziehung, um selbst über andere erhaben zu sein.

So möchte ich beginnen, weil mich das so sehr beschäftigt hat, dass ich den Roman von Rosa Liksom mehrfach unterbrechen musste, weil mir die Gewaltorgien einfach zu sehr auf dem Magen lagen. Selten zuvor hatte ich so sehr mit einem Buch zu kämpfen. Einerseits öffnete mir die finnische Autorin das Tor zum Verständnis der ideologischen Verwerfungen in ihrem Heimatland vor und während des Zweiten Weltkrieges. Alliierte der Nationalsozialisten, Feinde der Russen, bereitwillig am Rassenhass der Nazis und an der Ausgrenzung von Juden beteiligt, später im Zweifrontenkrieg aufgerieben und in seine Elementarteilchen zerlegt. Ein ganzes Land, das systematisch zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein schien. Und mittendrin ein kleines Mädchen, dessen strenges Elternhaus und die nationalistischen Ansichten des Vaters einen Weg vorgaben, der im Chaos enden musste.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Schon im Alter von vier Jahren wird das Mädchen mit jenem Oberst konfrontiert, der ständig bei ihrem Vater zu Besuch ist. Achtundzwanzig Jahre älter als sie und mit einem scharfen Blick auf die Heranwachsende, wird schon hier ihr Schicksal besiegelt. Nicht gegen ihren Willen wird sie später und über Umwege seine Ehefrau. Endlich am Ziel angelangt, als „Frau des Obersts“ und glühende Nationalsozialistin zum Teil des Machtapparats zu gehören. Gewalt richtet sich gegen Unterprivilegierte. Hass hat eine Zielrichtung. Doch als der Krieg verloren ist, wird sie zum Ziel der wilden Aggressionen ihres Ehemanns. Was im Elternhaus begann, setzt sich nun in der häuslichen Gewalt in der Ehe fort.

Es ist die Sicht der geprügelten Ehefrau, die uns hier erschreckt. Bereitwillig und in untertäniger Ehrfurcht vergießt sie Blut und Tränen, verliert ihr Kind und wird durch das eigene Haus geprügelt, wie ein rohes Stück Fleisch. Erst als sie kapiert, dass sie ihren Titel auch führen darf, wenn sie ihren Peiniger verlässt, befreit sie sich. Ein junger und liebevoller Mann begleitet sie in ihr drittes Leben. Hier schreibt sie sich frei. Es ist eine Abrechnung mit ihrer Vergangenheit, die entsteht und sie erneut vereinsamen lässt, da sie auch ihre Rolle reflektiert. Am Ende bleibt sie allein zurück. Mit einem Buch, das im ganzen Land seine Wellen schlägt. Ihr bleibt nicht nur der Titel, ihr bleibt auch der Ruf einer glühenden Nationalsozialistin, die jeden Pakt mit jedem Teufel eingegangen wäre um sich „Die Frau des Obersts“ nennen zu dürfen.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

Der Roman ist verstörend. Das jedoch kann er nur sein, weil er so grandios erzählt ist und weil seine Bilder eine Gedankenflut auslösen, die auf der letzten Seite nicht abebbt. Rosa Liksom verarbeitet die wahre Geschichte einer Annikki Kariniemi literarisch und schonungslos. „Everestinna“ ist der Originaltitel des Romans. Er schlug hohe Wellen in Finnland, weil sich Rosa Liksom ein besonderes sprachliches Mittel wählte. Bis auf den Anfang und das Ende des Romans schreibt sie im Dialekt des Tornion-Tals, der Meän-Sprache. Die Verwendung des Dialekts ist sinnvoll, da der Roman der Monolog seiner Protagonistin ist. In einer Nacht durchlebt Everstinna ihre vier Leben von ihrer Kindheit über den Oberst bis zur zweiten Ehe und letztlich zum Schlusspunkt der Geschichte.

Wenn ich auch ständig das Gefühl hatte, der Geschichte einer Frau zu folgen, so weiß ich am Ende des Buches, dass Rosa Liksom im eigentlichen Sinn über jede Form des Faschismus geschrieben hat. Die Handlung kann nur in den Rahmenbedingungen eines ideologisch auf Linie getrimmten Landes funktionieren. Wir werden Zeugen eines Lebensweges, in dem Internierungslager und Liquidierungen zum Alltag gehörten. Was jedoch geschieht, wenn das ideologische Gebilde im Vakuum implodiert, liest sich wie der Albtraum von einer Wahnvorstellung. Loyalität und Karrieresucht korrumpieren den Menschen. Das ist eine der korruptesten Geschichten meines Lebens. Selbstaufgabe hat einen Titel: „Die Frau des Obersts“. Die hochrangigste Neuerscheinung, die mich an die Grenzen des Erträglichen geführt hat. Vorsicht vor diesem Buch. Es ist gewaltig.

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Die Frau des Obersts von Rosa Liksom

„Wege, die sich kreuzen“ von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Eigentlich klingt es ja wie eine der vielen Familiensagas, die uns in der letzten Zeit sehr oft über den literarischen Weg laufen. Das Muster scheint bekannt und gilt doch gerade im Bereich der Generationen übergreifenden Erzählungen als ganz besonders vielversprechend. Man findet im Hier und Jetzt im Nachlass der Vorfahren Dokumente, Briefe oder Tagebücher, die nicht nur den Stammbaum der Familie sondern auch das eigene Leben in neuem Licht erstrahlen lassen. Im Rückblick kann man auf diese Art und Weise in den gut gehüteten Geheimnissen stöbern, ein paar Familien-Leichen im Keller entdecken und vielleicht sogar mehr über sich selbst erfahren. Ja, diese Bücher finden ihre Leser, sind unterhaltsam, bewegend und beleuchten dabei sogar Epochen, die wir lesend besser greifen können, als dies in Geschichtsbüchern möglich wäre.

Das könnte man auch vermuten, wenn man „Wege, die sich kreuzen“ von Tommi Kinnunen zu seinem literarischen Wegbegleiter erwählt. Könnte. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt, bezieht er sich doch auf den Klappentext, der genau auf die bekannte Struktur einer solchen Geschichte hindeutet. Aber so ganz unter uns: Vergesst einfach den Text im Schutzumschlag. Er führt in die Irre und nimmt vorweg, was wir lesend erst gegen Ende eines Romans erfahren, den ich im Vergleich zu den Familiengeschichten, die ich zuletzt las, als außergewöhnlich, brillant erzählt, faszinierend konstruiert und als Geschenk an das aktive Lesen empfand. Never read any Klappentext! Glaubt mir!

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Dabei sind alle Bestandteile einer solchen Familiensaga vorhanden. Geheimnisse und Schuld, Versagen und Enttäuschung, Unausgesprochenes und Vielgesagtes. Aber nicht eine Entdeckung eines Briefes auf dem Dachboden eines finnischen Hauses tritt die Ereignisse los. Das machen die Menschen, um die es hier geht schon ganz alleine. Und wie sie dies tun, ist sehr beeindruckend. Beginnen wir mit Tommi Kinnunen doch einfach mal im Finnland des Jahres 1996. Beginnen wir mit dem Ende eines Lebens, in dessen Verlauf Lahja alles erlebt hat, auf das man kurz vor dem letzten Atemzug voller Zweifel und Unbehagen zurückblicken kann. Eine Kindheit ohne Vater, eine dominante Mutter, Krieg, Flucht und Armut, Hunger, einen Neubeginn an der Seite eines Mannes, der sie nicht lieben konnte und ein Ende, an dem die Bilder aus der Vergangenheit sie auf dem Sterbebett einholen.

Was Tommi Kinnunen literarisch konstruiert, um uns die Geschichte zu erzählen ist eine dreifach geschwungene Erzählschleife, die sich wie drei Ströme durch das Lesen mäandert. Wir erleben ruhige Seitenarme, Stromschnellen und Wasserfälle im Verlauf der Geschichte. Wir treiben dahin, betrachten die Menschen und Landschaften an den Ufern und Ausläufern dieser Flüsse, sehen Dörfer im Krieg untergehen, erkennen ihre vertriebenen Bewohner auf der Flucht und sehen neue Häuser auf den Ruinen der alten entstehen. Aus den verbrannten Kaminen der Vergangenheit entstehen Feuerstellen, an denen die neue Glut des Lebens die Menschen wärmt. Und doch ist es die Erinnerung an einst, die alles dominiert. Es sind die eingeschlagenen Wege, die das Leben prägen. Es ist das Verständnis für die Vorfahren, die das eigene Leben verständlich machen.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Wer sich der sterbenden Lahja 1996 nähern möchte, muss ihre Mutter verstehen. Wer die Verluste und Erfahrungen eines Lebensentwurfes nachvollziehen möchte, hat nur diese eine Chance, dem Lebensweg der Hebamme Maria zu folgen, der 1895 als erster der drei Erzählflüsse in den Roman mündet. Kinnunen erzählt ihre Geschichte in unregelmäßigen Zeitsprüngen konsequent bis zu ihrem Ende. Die resolute Frau braucht alles, um ihre Tochter Lahja zu beschützen und ihr ein sicheres Zuhause zu bieten. Sie investiert ihre gesamte Energie in das Lebenshaus und die Zimmer, die sie für sich und ihre Tochter entstehen lässt. Eins braucht Maria nicht: Einen Mann. Das muss doch zu schaffen sein. Ohne jemanden, nach dem man sich selbst richten muss. Wer dem Weg von Maria folgt, kommt zu den Wegkreuzungen, die alles erklären.

Kein Wunder also, dass auch Lahja ihr erstes Kind bekommt, ohne den Vater zu heiraten. Auch das wäre doch wohl zu schaffen. Zwei starke Frauen unter einem Dach und keine Männer, die ihnen ihren Willen aufzwingen. Dann nimmt der Erzählfluss ihrer Tochter Lahja im Jahr 1911 ihren Beginn und auch hier erzählt Kinnunen, was von ihr zu erzählen ist. Bis zu ihrem Ende im Jahr 1996. Was sich schnell erschließt, ist dass der männerlose Traum Lahjas ein Wunschgebilde blieb. Sie war nicht so stark, wie die Mutter und sie hatte Glück.Sie traf auf Onni. Ungewöhnlich für die damalige Zeit, dass er eine Frau mit unehelichem Kind zu seiner Frau nahm. Ungewöhnlich, dass er guter Vater und guter Mann war. Ungewöhnlich, dass zwei weitere gemeinsame Kinder das Leben unter einem Dach komplettierten. Maria, Lahja und Onni. Die uneheliche Anna und die beiden gemeinsamen Kinder Johannes und Helena. Eine kleine Gemeinschaft, in der nichts so war, wie es nach außen schien.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Onni bringt die Unwucht ins Leben zweier starker Frauen. Onni tut scheinbar viel, um sich als guter Mann und Vater zu erweisen. Eines jedoch gelingt ihm nie. Er kann Lahja nicht das geben, wonach sie sich am meisten sehnt. Körperliche Erfüllung. Auch die Zeit heilt diese Wunden nicht und im Erzählfluss von Onni, dem wir ab 1930 folgen dürfen, erschließt sich die immer größer werdende Belastung, die auf dem gemeinsam errichteten Lebensgebäude lastet. Onnis Geschichte ist eine Geschichte, die gelesen werden muss, um zu verstehen, warum dieses gemeinsame Leben unter Vorbehalt steht. Dass Lahja am Ende ihres Lebens ohne ihren Mann mit ihrer Geschichte konfrontiert wird hat einen Grund. Und genau dieser Grund ist Grund genug, diesen Roman nicht nur zu lesen. Er ist Grund, die Zeitschleifen übereinander zu legen.

Tommi Kinnunen erzählt auf den drei Wegen seines Romans nichts doppelt. Wir finden Anküpfpunkte zu den jeweiligen Perspektiven, sehen Bestätigungen für manche Vermutung und fühlen auf beklemmende Art und Weise, wie sich die Zimmer im Haus immer wieder neu verteilen. Maria wird im Lauf ihres Leben an den Rand gedrängt. In vielen Momenten ihres Lebens befürchtet Lahja, dass ihr ähnliches widerfahren könnte. Sie nimmt den Kampf auf. Einen Kampf, der alles verändert. Einen Kampf, der sie am Ende ihres Lebens zu einer einsamen Frau macht. Sie hat den Kampf gewonnen. Der Preis jedoch ist hoch. Erst hier – erst am Ende – erst im letzten Moment findet sich ein Brief aus ihrer Feder. Ein Brief, der mir den Boden unter den Füßen wegzog. Zeilen, die mich dazu verführten, einige Kapitel des Buches erneut und neu zu lesen. Aktiver kann Lesen nicht sein.

Wege, die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Tommi Kinnunen erzählt nicht nur über „Wege, die sich kreuzen“. Er lässt uns auf diesen Kreuzungen mit seinen Protagonisten kollidieren. Er gibt uns das Gefühl, viel zu wissen und doch verunsichert er uns mit Details, die nicht ins Bild zu passen scheinen. Die Spannungsbögen ziehen seine Leser in einen tiefen Sog einer Geschichte, die so typisch finnisch klingt, sich so finnisch anfühlt und von der kämpferischen Melancholie getragen wird, die wir mit diesem Land und seiner Geschichte assoziieren. Die Wege, die ich lesend beschritt, überlagern sich an manchen Stellen. Diese gilt es aufzuspüren und sich gut zu merken, sie vielleicht sogar zu markieren. Es sind die Jahre, die in den drei Wegen von Maria, Lahja und Onni gemeinsam erzählend betreten werden.

Ein großer Roman. Ein Lesevergnügen der besonderen Art und ein Ende, das ich kaum vergessen werde, weil es den Roman neu erzählt. Vielleicht habt ihr Lust, am Ende aller Wegkreuzungen weiter im finnischen Literaturmeer zu fischen. Es lohnt sich wirklich, weil sich ja vielleicht eine gemeinsame Melodie aufspüren lässt, die zur Melodie eines Landes und seiner Autoren und Autorinnen verschmilzt…

Eine weitere Blog-Wegkreuzung führtt Euch zu Constanze und Zeichen und Zeiten. Ihre Rezension mündet ebenso auf die Allee des guten Literatur…  .

Finnland und AstroLibrium

Auf in ein großes Abenteuer auf hoher See. Meeresroman“ von Petri Tamminen.