Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buches noch singt Eine Kreuzfahrt, die ist lustig, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

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Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ. Hier geht´s zur Rezension.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktis – Julien Blanc-Gras

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Hier sind es besonders die Polarregionen, die mich immer wieder faszinieren. Ob nun Antarktis und der Südpol oder die Arktis und das Nordpolarmeer, ob Pinguine oder Eisbären, eigentlich egal. Ich leide an der Seite der Pioniere, die sich in die feindlichen Gefilde der Eisberge, Polkappen und Packeiswelten begaben, um das Unerforschte zu entdecken. Erebus, Terror und Endurance. Expeditionsschiffe, die Synonyme für jene großen Entdeckungsfahrten wurden. Heimat von Besatzungen, die ihre Heimathäfen in England nie wieder oder nur nach aufwendigen Rettungseinsätzen erreichten. Zugleich jedoch auch Träger wichtiger Informationen über Landschaften und Menschen. Hier ist gerade die Franklin-Expedition mit der Erebus hervorzuheben. Ohne die Inuit und ihre mündlichen Überlieferungen hätte man das Rätsel der Expedition nie gelöst. Doch was wurde aus den Urvölkern von einst, nachdem ihre unberührte Heimat entdeckt wurde?

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wie sieht es heute dort aus? Was wurde aus Grönland, aus den Eskimos (wie wir die Inuit eigentlich immer noch fälschlich bezeichnen)? Wie sieht die Welt der Ureinwohner heute aus? Was haben die Globalisierung, der Klimawandel und der Tourismus hier im Lauf der Zeit angerichtet? Stimmen unsere Klischees? Bleibt der romantisch verbrämte Blick auf die Vergangenheit bestehen oder erwarten wir auf einer solchen Insel nur das Museum einer längst vergangenen sozialen Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen, Riten und Traditionen. Mit eigener Sprache, Kultur und einem Lebensraum, den man sich im Nordpolarmeer zunutze gemacht hatte. Oder sind es nur noch die Nordlichter, die uns faszinieren, wenn wir an Grönland denken? 

Julien Blanc-Gras wirft einen aktuellen Blick auf diesen Sehnsuchtsort ganz nah am Nordpol. „Das Eis brechen – Meine Reise in die Arktisist nicht nur in der Lage, unsere Wahrnehmung für Land und Leute zu schärfen. Dieser Reisebericht wird neuen und sehr relevanten Diskussionen um unsere Verantwortung im Umgang mit der Kultur der Inuit neuen Aufschwung verleihen. Blanc-Gras geht an Bord der „ATKA“, einem für die Nordpolarregion perfekt ausgerüsteten Segelschiff mit allen technischen Finessen. Dieses Schiff ist nicht nur in der Lage, das Eis im wahrsten Wortsinn zu brechen, es ist auch in der Lage das Eis zwischen den Besuchern Grönlands und den Inuit zu brechen, die als seefahrendes Kajak-Volk an diesem modernen Schiff extrem interessiert sind. In jeder Beziehung ein Reisebericht, der auf den Expeditionen von einst beruht, sich weit von den touristischen Pfaden entfernt und speziell dem Land seine Aufmerksamkeit zu widmen weiß.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Wenn Julien Blanc-Gras an seine schriftstellerischen Grenzen kommt, dann hat er uns schon mehr über die Faszination kalbender Eisberge erzählt, als wir es vielleicht je selbst erleben könnten. Und doch streikt auch seine Vorstellungskraft, weil er sich nicht mehr in der Lage sieht, „die Erhabenheit des Eises in Worte zu fassen“. Das jedoch ist Jammern auf hohem Niveau, da seine Beschreibung der Eisberge in ihrer Schönheit uns zu einem Besatzungsmitglied der „ATKA“ werden lässt. Der Autor nimmt sich und seine Mitfahrer deutlich zurück. Sie sind für das Buch nicht von wesentlichem Interesse und bleiben anonym. Der Kapitän, der erste Offizier, ein Maler und ein Schriftsteller. Im Nachwort erst nennt er ihre Namen. Relevanz hat Grönland. Relevant sind Menschen und ihre Lebensumstände. Hier liegen der Fokus und gleichzeitig die größte Schwäche dieses Reiseberichts in den Beobachtungsschwerpunkten des Autors.

Die Zivilisation hat die Inuit alles gekostet, was sie als Urvolk ausgezeichnet hat. Aus selbstbestimmten Jägern hat man wirtschaftlich abhängige Fischer gemacht. Ihre Traditionen wurden auf dem Altar der Globalisierung und des Tourismus geopfert. Die ferne dänische Regierung ging mit Grönland so um, wie man es aus den USA und dem „fürsorglichen Umgang“ mit Sioux, Apachen und Navajo kennt. Schulsystem, Währung, Prägung und Infrastruktur. In jedem einzelnen Punkt erfolgte die Abschaffung einer der überlebenstauglichsten Kulturen unserer Erde.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Dem trägt nun auch der Reisebericht Rechnung. Wenn Julien Blanc-Gras nun über den Untergang der Inuit schreibt, dann muss er mit Grönländern sprechen, die hier nur zu den Zugezogenen zählen. Westeuropäer oder Skandinavier, die sich in dem Biotop ihrer Fantasie niedergelassen haben und eine Gratwanderung zwischen Aktivismus zur Rettung der Urbevölkerung und Bewahrung traditioneller Bilder unternehmen. Die Inuit selbst? Schwer zu fassen. Sie entziehen sich. Sie bleiben zögerlich und indifferent. Es scheint dem Autor nicht gelungen zu sein, über seinen Menschenbild-Schatten und die eigenen Ressentiments springen zu können. Er ist sicherer im Umgang mit Dänen und Franzosen, die ihm „ihr“ Grönland beschreiben. Sprachliche Barrieren und so mancher oberflächliche Konflikt erschweren die Kontaktaufnahme. Inuit heißt Mensch. Das ist eigentlich die Überschrift über den Beschreibungen, die sich widerspiegeln sollte. Dass ihm dann doch Begriffe wie „Artgenossen“ und „örtliches Gesindel“ rausrutschen, ist der Distanz zu schulden, die er nicht zu überbrücken vermag.

Seine Naturbeschreibungen sind grandios. Es ist kein Wunschbild, das Blanc-Gras hier zeichnet. Es ist eine lebensgefährliche Umwelt, die er uns zu Füßen legt. An Bord der ATKA verlieren wir das Gefühl für unsere Zeit und befinden uns fast wieder auf der EREBUS. Es bleibt abenteuerlich und ein Eisberg kann jederzeit das Ende der Reise in dieser Region bedeuten. Was erfahren wir insgesamt, wenn das Eis gebrochen ist? Wo lässt uns der Autor zurück? Welche Botschaften ragen heraus? Grönland und die Inuit sind kein „Völkerkundemuseum“. Kreuzfahrt-Touristen suchen nach dem traditionellen Klischee und werden oft enttäuscht. Inuit tragen keine Pelzmäntel mehr, sie haben ihre Schlittenhunde gegen Schneemobile getauscht und das Kajak gehört zu den Relikten einer längst vergangenen Zeit.

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Die grönländische Jugend beginnt, die Stimme zu erheben, eine eigene Kultur zu entwickeln, unabhängig zu werden und sich Freiraum zu erobern. Julien Blanc-Gras nennt Autorinnen und ihre Projekte, geht auf die Signalwirkung ihrer neuen Stimmen in einer aufmerksamen Kulturwelt ein. Er legt viele Finger in viele Wunden und doch wirkt er oft doch eher als erwartungsvoller Tourist, denn als Journalist. Ich bereue die Reise auf der ATKA keinesfalls. Ich habe viel über das heutige Grönland gelernt. Ich bin jetzt neugierig auf neue Reisen. Denn, ob ich viel über die Menschen gelernt habe, die sich beharrlich hinter einem begründeten Schutzschild verbergen, das glaube ich nicht. Der französische Autor scheint mir mehr ein Landschaftsjäger und -fänger zu sein. Die Inuit sind ihm nicht ins Netz gegangen. Fast bin ich froh darüber. Sie verbergen ihre Seelen.

Ein Nachtrag: Das Magazin „mare – Die Zeitschrift der Meere“ wird bald zu einem echten Schwerpunkt bei AstroLibrum. Dabei sind es nicht nur viele Reportagen und Reiseberichte, die mich interessieren. Es sind die Ausblicke auf die neuen Bücher des Verlages, die hier schon im Vorfeld von lesenswerten Artikeln begleitet werden. Ich bin schon sehr gespannt auf das literarische Eigenleben meiner Magazin-Kategorie

Das Eis brechen - Julien Blanc-Gras - Astrolibrium

Das Eis brechen – Julien Blanc-Gras

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Zuletzt war ich an Bord der Erebus und habe die Nordwestpassage gesucht, war mit dem „Archivar der Welt“ unterwegs um ein fotografisches Archiv der Kontinente zu erschaffen und begab mich an der Seite der Gebrüder Schlagintweit In Schnee und Eis. Drei Jungs aus Bayern auf dem Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya, auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele andere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. Vielen dieser Entdecker und Forscher begegnet man nur einmal im Lesen. Dass ich die Schlagintweits erneut begleiten durfte ist Christopher Kloeble und seinem Roman „Das Museum der Welt“ zu verdanken.

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Es ist der Christopher Kloeble, der mich mit seiner SagaDie unsterbliche Familie Salzüberzeugen konnte, dessen Erzählstil mich fasziniert hatte und bei dem ich mich als Leser gut aufgehoben fühlte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mich auch tief in das Indien des 19. Jahrhunderts zu entführen. Dass er mir jedoch die Expeditions-Geschichte der Gebrüder Schlagintweit neu erzählen würde, davon bin ich nicht ausgegangen. Kloeble ist kein Nacherzähler. Er ist ein Erfinder, Entdecker und Neuerzähler. Er betritt keinen literarisch verbrannten Boden, um lediglich seine Spuren zu hinterlassen. Seine Perspektiven sind neuartig, unverbraucht, herausfordernd und in besonderer Weise lesenswert. So auch diesmal. 

Er macht aus seinem Museum der Welt die Wanderausstellung der Fantasie! Wir sehen Indien nicht aus den Augen der Schlagintweits. Wir erleben Forschungsreisen in fremde Kontinente nicht als das wissenschaftliche Erbe Alexander von Humboldts. Wir erleben das, was wir heute als „Clash of Cultures“ bezeichnen. Europäer, die aus der Perspektive des hoch zu Ross sitzenden Kolonialisten und Ausbeuters über die Länder herfallen, die sie unterjochen wollen. Wir sehen die Brüder Schlagintweit als Prototypen einer feindlichen Übernahme. Globalisierung durch allumfassenden Besitzanspruch und eine kulturelle Vormachtstellung, die auch wissenschaftlich fundiert ist. Hier beginnt die ideologisch rassistische Herabstufung der Urbevölkerung durch Expeditionen. Hier geht los, was ganze Kontinente in ihrer Entwicklung verzögert. Entwicklungsländer sind das nur aus unserer Sicht. Indien selbst sah sich damals als Hochkultur. Was haben wir da nur so nachhaltig zerstört…?

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Christopher Kloeble gelingt dieser Perspektivwechsel durch seinen Protagonisten, den Waisenjungen Bartholomäus. Gerade mal zwölf Jahre alt, von Jesuiten erzogen und an den Rand einer Welt gedrängt, die auch im Waisenhaus nach Underdogs sucht und in ihm findet. Heute würden wir ihn als das perfekte Opfer für Mobbing bezeichnen. Nur sein Erzieher und Vaterersatz „Vater Fuchs“ hält noch die letzte schützende Hand über ihn. Als dieser spurlos verschwindet, bricht die fragile Welt des Waisenhauses in Bombay für Bartholomäus zusammen. Da kommen die drei Brüder aus Bayern gerade zur rechten Zeit. Sie suchen einen Übersetzer für ihre Reise durch Indien, für den Weg bis zum Himalaya. Sie finden Bartholomäus, und aus ersten Zweifeln wird Vertrauen in einen kleinen Jungen, der hilfreich sein kann.

Christopher Kloeble dreht hier den literarischen Spieß gewaltig um. Ist Indien für die Schlagintweits nur ein Forschungsobjekt, so werden sie im Roman Gegenstand der Betrachtung. Bartholomäus beobachtet, notiert, sammelt Erkenntnisse, wertet und wird zum Wissenschaftler, der Wissenschaftler sammelt, wie seltene Schmetterlinge. Er hat seine emotionalen Messinstrumente auf drei Männer gerichtet, die weniger erforschen, als eigentlich zu sammeln. Sie nehmen mit Augen, Karten, Zeichnungen, Bodenproben, Totenmasken, Gliedmaßen, Tierkadavern mit einer unsystematischen Sammelwut alles in Besitz, was sie entdecken. Dass Bartholomäus sie lediglich als Vehikel für die Suche nach seinem „Vater Fuchs“ benutzt und ihnen gegenüber illoyal ist, bleibt verborgen.

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

„Das Museum der Welt“ ist das eigentliche Projekt des kleinen indischen Jungen, der neugierig ist und alles sammelt, was ihm seine Heimat bedeutet. Für dieses Projekt hätte er den Nobelpreis verdient. Sein Museum ist tragbar. Er sammelt Gefühl, Geruch, Augenblicke und Menschen, die ihm begegnen. Er träumt davon, dieses Museum allen Menschen verfügbar zu machen, die sein Indien erleben wollen. Die Schlagintweits mit ihrer Weltsicht wirken dagegen wie Barbaren und Eroberer. Christopher Kloeble erzählt eine bisher unerzählte, ungesehene und unerlebte Geschichte. Ein buntes Kaleidoskop voller Eindrücke und ein Kosmos voller Brüche erwarten uns. Es ist ein Kulturkreis, der sich im Kopfmuseum eines kleinen Jungen ausdehnt. Wir riechen, schmecken, sehen und fühlen Indien.

Und wir sind nah bei Bartholomäus, als aus dem Zusammenprall der Kulturen für ihn mehr wird, als er es sich je vorgestellt hätte. Es ist der Roadtrip zu seiner eigenen Identität, es ist die Reise durch ein Land, das er so nie gesehen hat. Es ist das „Große Spiel“, in dem er plötzlich die Hauptrolle spielt. Ein Spiel aus Revolution, Konflikten und Verrat. Diese Reise kostet viele Opfer. Der Weg der Schlagintweits glich im Nachhinein einem Opfergang ohne wissenschaftlichen Wert. Sie konnten niemals alles auswerten, was sie nach Europa brachten. Und sie schafften es nicht zusammen zurück. Gräber in München zeugen noch heute von den Entdeckern von einst. Welche Rolle sie jedoch in Indien aus der Perspektive der Menschen gespielt haben, die sie erforscht haben, das erzählt nur „Das Museum der Welt“.

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Ein wahrhaft historischer Roman, der sich in der Beschreibung dieser Expedition von 1854 bis 1857 an die überlieferten Fakten und Aufzeichnungen der Schlagintweits hält. Bartholomäus macht diese Reise zu einem Lese-Ereignis. Seine Selbstfindung und die Entscheidungen, die er trifft stehen hier für ein Land im Aufbruch und eine Kultur, deren Erben heute noch unter der Kolonialisierung leiden. Christopher Kloeble ist nun wirklich kein „Nacherzähler“. Im grandiosen Roman von Rudi Palla bin ich den drei Brüdern „In Schnee und Eis“ gefolgt. Kloeble doppelt nichts. Ich hatte niemals das Gefühl, alles zu wissen und nur Bartholomäus für mich neu zu entdecken. „Das Museum der Welt“ ist eine Inspiration, weil der Perspektivwechsel die Erben eines Alexander von Humboldt in ein neues Licht rückt.

Ein Abenteueroman von Format, in dem die Forscher zu den Erforschten werden. Kleiner Beweis gefällig? Lassen wir doch Bartholomäus zu Wort kommen:

„… Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm. Das lernte ich in meiner Zeit bei den Brüdern. Allerdings ist jeder von ihnen auf eine ganz eigene Weise unangenehm.“

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

Wer sich das Abenteuer seines Lebens vorlesen lassen möchte, der kann mit der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag nach Indien reisen. Die Expedition zum „Museum der Welt“ dauert in der gekürzten Lesung 10 Stunden und 19 Minuten. Es ist Torben Kessler, der Bartholomäus zum Leben erweckt. Naiv, spitzbübisch und manchmal naseweis, immer jedoch beharrlich auf der Suche nach Exponaten für sein Museum, das er allen Indern zugänglich machen möchte. Wer das gehört hat, wird nie wieder ein Museum so betrachten können, wie zuvor. Großartig….

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble – Buch und Hörbuch

Impressionen zur Buchpräsentation bei dtv und einem Besuch am Grab finden Sie auf meiner Facebook-Seite AstroLibrium: Folgen Sie dem Hashtag #MuseumKloeble

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble - Astrolibrium

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Wer übrigens der Meinung sein sollte, dies sei ein typisches Männerbuch, der ist gut beraten bei Steffi auf „Nur Lesen ist schöner“ vorbeizuschauen. Sie hat sich mit ihrer Rezension als wahre Museumswärterin geoutet, der man nicht widerstehen kann. Darüber hinaus widerlegt sie die These von Bartholomäus, dass „nur jeder vierte Bayer angenehm ist“. Steffi ist es auf die charmanteste Art und Weise.

EREBUS von Michael Palin

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EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin – Der PodCast zur Rezension ist verfügbar…

Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei. (Siehe Anmerkung am Ende des Artikels)

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

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EREBUS von Michael Palin

Anmerkung zur ersten Reise der Erebus und Tasmanien

Was Michael Palin mit Tania Blixen verbindet? Augenscheinlich nichts. Und doch beschreibt er in „Erebus“ das kleine Tasmanien so liebevoll als Refugium und Etappe dieser Expedition, dass mir Tania Blixens Afrika in den Sinn kommt. Van Diemens Land. Britische Kolonie. Hungrig auf Nachrichten aus der Heimat. Ein Theater im Nirgendwo. Zwei Schiffe, die wie Sendboten betrachtet werden. Bälle, extravagante Gesellschaften beim Gouverneur, der später noch das Kommando auf der Erebus übernimmt. Britannia rules…

Die andere Seite. Ureinwohner, die an den Rand gedrängt sind. Mehr Sträflinge aus Europa als Einwohner. Die koloniale Macht in voller Blüte. Michael Palin schreibt über all dies. Kritisch und im Klartext. Und doch so emotional, dass man weinen muss, wenn die Schiffe letztmalig den Anker lichten. Hier schließt er einen Kreis zu Tania. Heimat für kurze Zeit. Geliehenes Land. Prunkvoll und doch vergänglich.

Tasmanien und Afrika lagen für mich noch nie so nah beisammen auf dem Globus.

Ach Tane. Rosenlippenmädchen, leichtfüßige Jungs…

Jenseits von Afrika – Tania Blixen und Denys Finch Hatton

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Der Archivar der Welt von Lia Tilon - Astrolibrium

Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Was kann die Fotografie? Gut, das klingt nach einer einfach zu beantwortenden und schon häufig gestellten Frage. Sie lichtet die Realität ab, hält Erinnerungen fest und ist für den Menschen so etwas wie eine ausgelagerte Festplatte unseres Gehirns. Wir sind auf Fotos angewiesen, um uns längst verstorbene Verwandte vor Augen zu halten und lieben es in unseren eigenen analogen oder digitalen Fotoalben zu blättern. Fast jedes Bild ist mit der Überschrift „Weißt Du noch“ versehen. Und früher? Ganz zu Beginn der Geschichte der Fotografie? Da brachte sie unbekannte Welten zu den Menschen nach Hause. Sie zeigte Bilder von Kontinenten, Gebirgen, Flüssen und Landschaften, in die man wohl selbst nie reisen würde. Aber Fotografie zur Völkerverständigung? Hat man davon jemals etwas gehört?

Die in Holland geborene Autorin Lia Tilon weiß darüber sogar ein ganzes Buch zu schreiben. Einen Roman, um genau zu sein. Bei näherer Betrachtung jedoch wird klar, dass es erst einer umfangreichen Recherche bedurfte, um im Weiteren fiktional agieren zu können. „Der Archivar der Welt“ ist nicht nur ein durch historische Quellen belegter großer literarischer Wurf. Man kann sich während des Lesens selbst auf Spurensuche begeben und wird schnell fündig. Es hat die beschriebenen Personen wirklich gegeben. Es hat das wahnwitzig anmutende Projekt, die ganze Welt auf Bildplatten festzuhalten gegeben und die damals entstandenen Fotografien sind bis heute erhalten. Nichts ging verloren. Nur ist vielleicht die Idee des Schöpfers dieses Archivs vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Lia Tilon hat einen Roman vorgelegt, der einer Pionierleistung gleicht.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Sie erzählt die Lebensgeschichte des Bankiers und zu seiner Zeit wohl reichsten Mannes in Europa Albert Kahn. Neben seinen wirtschaftlichen Erfolgen träumte Kahn einen unfassbaren Traum. Er wollte ein Archiv des Planeten erschaffen. Er wollte alle Erdteile fotografisch erschließen und dazu Fotografen in die Welt entsenden. Es waren die ersten Farbfotografien, die im Jahr 1908 eine Vision auslösten, die den Bankier bis zu seinem Lebensende verfolgen sollte.

„Hass schlägt keine Wurzeln“, dozierte Kahn mit viel Aplomb, „wenn wir in der Lage sind, dem Fremden ins Gesicht zu sehen. Wie ungewohnt dieses Gesicht auch sein mag, wir werden immer etwas von uns selbst darin erkennen. Wenn
der Andere erstmal in Farbe fixiert ist, kümmern wir uns um ihn.“

Was für ein humanistischer Ansatz, welch zutiefst völkerverständigendes Denken in Zeiten, in denen Europa den Rest Welt lediglich in koloniale Parzellen aufteilen wollte. Und was für eine Philosophie, in die er seinen ganzen Reichtum steckte, um Menschen einander näher zu bringen. Von 1908 bis zu seinem Tod im Jahr 1940 folgten zahllose Fotografen und abenteuerlustige Weltreisende seinem Ruf. Mehr als 75000 Fotografien sind das Ergebnis eines Mammutprojekts, das die Welt bis dahin nicht gesehen hatte.

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Die Fakten sind belegt. In den Collections Albert Kahn Hauts de Seine vereinen die Fotografien die Menschheit zu einer weltumspannenden Vernissage voller Porträts. Sie entstanden in einer Zeit, in der ein Weltkrieg alles zerriss und endeten, als ein zweiter damit begann das Grauen seines Vorgängers zu potenzieren. Sie entstanden in einer Zeit, in der man gegen das Fremde kämpfte, es verteufelte und als unmenschlich und wenig lebenswert erklärte. Albert Kahn schuf die Gegenbewegung zum Populismus im Auge des Orkans. Sein Vermächtnis ist grandios und sehenswert. Ebenso ist das Buch von Lia Tilon lesenswert, weil es eine Metaebene berührt, die wir der Fotografie kaum zugetraut hätten.

Dabei erzählt sie aus der Perspektive des Chauffeurs von Albert Kahn, auf dessen Tagebücher sie bei ihrer Recherche stieß. Genau dieser Alfred Dutertre war von 1908 bis 1940 an der Seite des Visionärs. Eigentlich als Mechaniker und Fahrer. Dann auch als Fotograf und Versuchskaninchen im Umgang mit der komplizierten Technik und den innovativen Verfahren der Farbfotografie. In ihn versetzt sie sich hinein. Ihn seziert sie liebevoll und fördert ein Rollenverständnis zutage, das gerade in der Rückschau auf die Lebensleistung seines Arbeitgebers von bestechender Relevanz ist.

Der Archivar der Welt von Lia Tilon - Astrolibrium

Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Da ist und bleibt er der treue Chauffeur, als er Albert Kahn bis kurz vor dessen Tod die Fotos der Sammlung ans Bett bringt und mit ihm in Erinnerungen schwelgt.

„Kahn ist inzwischen so gebrechlich, dass seine Sturheit fast verschwunden ist, und ich kann endlich das tun, wofür ich eingestellt wurde. Es ist meine Aufgabe, ihn sicher an sein Ziel zu bringen.“ 

Lia Tilon hat einen Erzählraum erschaffen, der längst vergangen ist. Ihr Roman ist Abenteuergeschichte, Expeditionsreise und wissenschaftliche Abhandlung zugleich. Im Mittelpunkt ihres Schreibens steht der Mensch. Derjenige mit der Vision, seine Gehilfen und all jene, die abgelichtet wurden. Wir begegnen ihnen und jeder Blick in jedes Auge zeigt, wie sehr Albert Kahn richtig lag. Die Bilder sind entfremdend, verbindend und im tiefsten Wortsinn grenzüberschreitend. Ihre Geschichte ist rund erzählt, flüssig zu lesen und fokussiert die wesentlichen Elemente in gestochen scharfen Farbbildern. Es lohnt sich, ihr zu folgen. Rund um die Welt, in Zelte, Paläste und die Wüste. Es lohnt sich, in seinem Lesen innezuhalten und sich zu überlegen, welche Chancen wir liegenlassen, wenn die Magie der Fotografie zur Banalität verkommt.

Der Archivar der Welt von Lia Tilon - Astrolibrium

Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Ein brillanter Roman voller Obsession, visionärer Strahlkraft und Beharrlichkeit. Wer immer noch nicht überzeugt ist, der möge sich einfach nur die Fotografie eines 14-jährigen irischen Mädchens anschauen. Entstanden am 25. Mai 1913. Genannt: „Irish Colleen“. Ihr wahrer Name: Mian. Es ist auch ihre Geschichte, die Lia Tilon erzählt. Es ist eine Geschichte des Stolzes, der Armut und der Ausweglosigkeit. Sie bringt uns das Mädchen näher. So nah, wie das Autochrom mit der Nummer A3640. Lassen Sie sich auf das Buch ein. „Der Archivar der Welt“ zeigt elf weitere Farbfotos, die unsere Sicht auf unsere Welt verändern können…

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Der Archivar der Welt von Lia Tilon

Der Archivar der Welt“ von Lia Tilon / dtv Literatur / Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure / mit historischen Fotografien / 272 Seiten / 22 Euro