WEST von Carys Davies – Die Story des Jahres

WEST von Carys Davies - AstroLibrium

WEST von Carys Davies

Ich kann mich kaum beherrschen. Es fällt schwer, nur eine Rezension zu schreiben und nicht gleich eine ganze Geschichte zu erzählen, die mich wie ein literarischer Blitz aus heiterem Himmel getroffen hat. Es gibt Momente im Leben, da wäre es einfach nur schön, im Kreise guter Freunde an einem Lagerfeuer zu sitzen und die Frage: „Kennt jemand eine gute Story?“ mit einem wissenden Lächeln zu beantworten und dann im Lichtschein der züngelnden Flammen loszulegen. Es gibt Momente im Leben, in denen die Vorstellung der erstaunten Gesichter der Zuhörer am Ende der Geschichte alleine schon ausreicht, um den Tag zu einem Glückstag zu machen.

Ungefähr so muss sich Carys Davies gefühlt haben, als sie damit begonnen hat, ihren Roman WEST zu schreiben. Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Es muss ein göttliches Gefühl gewesen sein, diese Geschichte zu entwickeln und einer Idee zu folgen, die ebenso unverbraucht wie bestechend ist. Und doch wird sie schon bei den ersten Zeilen gewusst haben, dass sie auf jenen magischen Moment verzichten muss, am Ende ihrer Story in die fassungslosen Gesichter der Menschen schauen zu können, die ihr auf dem Weg durch ihren Wilden Westen gefolgt sind. Das erleben nur Erzähler, die in der traditionellsten Form des Storytelling die mündliche Überlieferung pflegen.

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WEST von Carys Davies

Ich werde natürlich den Teufel tun und hier die Geschichte erzählen. Aber glaubt mir, ich bin ganz nahe davor. Es ist zu verlockend, weil sie einfach zu gut ist. Ich werde mich beherrschen, schön brav bei der Rezensenten-Fahne bleiben, um meiner Mission zu folgen. Gute Geschichten möchte ich finden. Gute Geschichten möchte ich Euch an die Leserherzen legen. Gute Geschichten vor dem Untergang im endlosen Dickicht der zahllosen Neuerscheinungen zu bewahren, ist mein Ziel. Literarische Fixsterne möchte ich auf der Sternenkarte meiner kleinen literarischen Sternwarte zum Strahlen bringen. Genau einen solchen Leitstern habe ich hier in meiner Hand. Eine Geschichte, die man im Leben nicht vergessen wird. Ein Western, der jedoch alles ist, nur kein Western, wie sie normalerweise im Buche stehen.

„WEST“ von Carys Davies ist ein Roman mit Spurenelementen von Midlife-Crisis, MeToo-Szenarien, Expeditionen und Entdeckerreisen, Pioniergehabe und Ausbeutung der indianischen Urbevölkerung. Und das alles in einem Format, das mit 200 Seiten vielleicht eher an eine etwas überdimensionierte Kurzgeschichte erinnert, als an einen Wild-West-Wälzer voller Naturbeschreibungen und ausschweifenden Schießereien. Es geht um viel mehr in dieser Geschichte, die man in nur wenigen Stunden mit Haut und Haaren verputzt. Ein Leckerbissen für literarische Gourmets. Eine unvergessliche Story mit einem unglaublichen Twist in der Mitte des Buches, der dem geneigten Leser jeden noch denkbaren Atemhauch stocken und den Tränen freien Lauf lässt. Ein Wendepunkt wie ein apokalyptischer Dampfhammer. Für immer verbunden mit einem Fingerhut aus Kupfer, einer rosa-weiß gestreiften Damenbluse, einem Zylinder, einem brauen Mantel, einer Blechkiste und Stricknadeln. Glaubt mir, das Bild geht nicht mehr aus dem Kopf.

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WEST von Carys Davies

Pennsylvania, 1815. John Cyrus Bellman. Witwer, Vater seiner 10jährigen Tochter Bess. Maultierzüchter und an einem Punkt im Leben angelangt, an dem sich die Frage stellt, ob das schon alles gewesen sein kann. Als er in der Zeitung von geheimnisvollen Knochenfunden in Kentucky liest, packen ihn Neugier, Abenteuerlust, Forscherdrang in gleichem Maße, aber eigentlich ist es eine Flucht vor dem immer gleichen Alltag. Cyrus packt und geht. Er packt lebenswichtige Dinge ein, persönliche Andenken an seine tote Ehefrau und Tauschwaren für Indianer, die ihm begegnen. Er folgt einer Idee und lässt seine kleine Tochter Bess bei seiner Schwester zurück.

Er verspricht seiner Tochter, regelmäßig zu schreiben, aber angesichts der vor ihm liegenden Distanz scheint es ein Abschied für lange Zeit zu sein. Länger jedenfalls, als es Bess lieb ist.

„Bess nickte. Ihre Augen brannten. Das war viel länger, als sie erwartet hatte.
„In zwei Jahren bin ich zwölf.“
„Ja, dann bist du zwölf.“
Er hob sie hoch und küsste sie zum Abschied auf die Stirn.“

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WEST von Carys Davies

An diesem Punkt beginnt Cyrus Bellmans Ritt. Eine Forschungsreise ohne genaues Ziel. Hauptsache ausbrechen aus dem Trott des Lebens. Während er nach einer neuen Welt für sich sucht, zieht Zeit ins Land. Er trifft auf den Indianerjungen Alte Frau in der Ferne, der ihn fortan als Scout begleitet. Sein Lohn: Glasperlen, Spiegelscherben und bunte Bänder aus der Blechkiste von Cyrus Bellman. Was der Indianer in ihm sieht, ist für Bellman nicht zu erkennen. Weiße haben die Schwester des Indianers vergewaltigt und getötet, bevor sie den ganzen Stamm vertrieben. Es ist tiefer Hass, der mitreitet.

Während Bellman die Natur erforscht, drohen die Ereignisse zuhause zu entgleiten. Aus Bess wird das Forschungsobjekt der Männer in der Umgebung. Sie warten nur auf den richtigen Moment. Und der wird kommen. Dann ist sie fällig. Schutzlos ausgeliefert und herrlich jung. Sexuelle Belästigungen nehmen zu. Die Welt von Bess wird eng. Das Ende ist vorprogrammiert. Aus diesem Szenario entwickelt Carys Davies einen Plot mit zwei Handlungssträngen, die tausend Meilen voneinander entfernt ablaufen. Wir lernen die Menschen kennen, an deren Seite wir durch das Land reiten. Ahnen ihre Motive und Denkweisen. Lösen uns von Vorurteilen und beginnen zu vertrauen. Gleichzeitig haben wir unfassbare Angst um die kleine Bess, die zum Freiwild mutiert.

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WEST von Carys Davies

Dann schiebt sich uns ein Bild in den Weg, an dem wir verzweifeln. Ein Bild, dem wir glauben schenken und das uns extrem verstört. Ein Cut in der Geschichte, der uns mitten im Roman davon überzeugt, dass an dieser Stelle alles endet. Doch genau hier geht es eigentlich los. Weg mit unseren Vorurteilen, weg mit einem oberflächlichen Bild und weg mit der Angst. Ein atemlos machender Wettlauf mit der Zeit beginnt. Wer hier reitet, das muss selbst erlesen werden. Was er bei sich trägt, das darf niemals verraten werden. Carys Davies schreibt hier nicht den Showdown eines Westerns. Sie schafft es multiple Ebenen in einem dramatischen Szenario zu einer geschlossenen Einheit in der stillstehenden Zeit zu vereinen. Ein Ende, das man nie vergessen wird, weil alle Bilder und Gegenstände dieser Geschichte zu einem neuen Werk verwoben werden.

Es gibt Bücher, die körperliche Schmerzen verursachen können. Es gibt Romane, die in der Lage sind, ihren Lesern jeden Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es gibt SchriftstellerInnen, die keine Cliffhanger, sondern komplette Abstürze ins Bodenlose in Szene setzen. Es gibt Romane, die so viele Facetten in einer bedrohlichen Atmosphäre verdichten, dass sie sich jeder Kategorisierung entziehen. Das ist kein Western. Das ist ein Western. Das ist kein Thriller. Das ist ein Thriller. Das ist kein Midlife-Crisis-Roman. Das ist ein Midlife-Crisis-Roman. Das ist kein Frauenbuch. Das ist ein Frauenbuch. Das ist eine der größten Geschichten des Jahres! „West“ von Carys Davies. Unglaublich.

Hier geht es zu weiteren WESTERN in der kleinen literarischen Sternwarte.

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WEST von Carys Davies

WEST“ von Carys Davies / Luchterhand Verlag / Hardcover / dt. von Eva Bonné / 208 Seiten / 20 Euro

„In Schnee und Eis“ von Rudi Palla [Eine Expedition]

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Also. Wer traut es sich, über das Scheitern zu schreiben? Die Antwort ist einfach. Rudi Palla! Sein bei Galiani erschienenes Buch thematisiert die Blütezeit der großen Expeditionen und Entdeckungsreisen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts existieren noch ausreichend viele weiße Flecken auf der Erdkugel, die es zu entdecken gilt. Darwin hat ausgedient und wird von seinem Ruhm an weiteren Reisen gehindert. Die Briten haben alle Fühler in die ganze Welt ausgestreckt um im Namen von Royal Societies oder der Ostindien-Kompanie zu erobern, was zu erobern ist. Geld spielt kaum eine Rolle. Hier gilt es nur der Erste zu sein und mit prall gefüllten Kisten voller Exponate nach Hause in die gute alte Welt zu finden. Hier legt der österreichische Schriftsteller Rudi Palla seine Finger in die Wunde des Vergessens. Und das sehr, sehr tief.

In Schnee und Eis – Die Himalaja-Expedition der Brüder Schlagintweitheißt sein neuestes Werk. Und ja, richtig gelesen: Schlagintweit. Nie gehört? Keine Sorge. Das ist nicht wirklich schlimm, denn Rudi Palla hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns genau zu erklären, worin dieses Vergessen begründet ist. Münchener Brüder auf dem Weg zum ganz großen Ruhm. Vorschusslorbeeren ohne Ende, ein paar erfolgreiche Alpentouren und ein guter Draht zu Charles Darwin. Das sollte reichen, um die Fachwelt in Staunen zu versetzen und Finanziers für ganz große Expeditionen aufzutreiben. Wäre nicht das wirklich große Problem im Weg gewesen, dass sie keine Engländer waren, vieles wäre sicher ganz anders verlaufen. Aber junge deutsche Entdecker auf dem Spielfeld eines rein britischen Wettlaufs zu den jungfräulichen Flecken dieser Erde? Fast ein Sakrileg.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla holt weit aus, um uns an Bord seiner Entdeckungsreise zu holen. Sein Ziel ist es nicht nur, uns aufzuzeigen, was es zu entdecken galt, sondern auch erfahren zu lassen, was es bedeutete, mit nur rudimentär tauglicher Ausrüstung und ohne große Hilfsmittel quer durch die unbekannte Welt zu reisen, um sie zu vermessen, zu wiegen, zu kartographieren und herauszufinden, wie sich das Klima und die Lage auf Flora und Fauna auswirken. Ein Vorstoß ins Unbekannte. Krankheiten, gefährliche Tiere, Völker, deren soziopolitische und kulturelle Eigenarten den Forschern unbekannt waren, waren die großen Risikofaktoren, an denen man scheitern konnte. Und nun machen sich drei Jungs aus Bayern auf den Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya (ich mag das Y im Wort), auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele weitere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. So dachten sie.

„In Schnee und Eis“ ist in vielfacher Hinsicht ebenso abenteuerlich verfasst, wie das Thema, das beschrieben wird. Man friert beim Lesen, verdurstet fast, schwitzt und zittert zugleich, wird von Malaria und Mücken geplagt und beginnt sich vor Geräuschen zu fürchten, die man nicht kennt. Verzweifelt geht man täglich die Vorräte durch, die im Stile einer Handelskarawane durch die fremden Länder getragen werden. Nur nicht ein einziges Detail vergessen. Dieses Gefühl vermittelt der versierte Bergsteiger Palla und man merkt schnell, dass er genau weiß wovon er schreibt. Da steckt schon eine große Portion Fabulierkunst in und zwischen den Zeilen. Gepaart mit ganz großer Sehnsucht. Da steckt schon ganz viel Reinhold Messner drin, was die Detailverliebtheit und die in jeder Hinsicht spürbare Begeisterung für die Zeit der großen Entdeckungen betrifft.

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In Schnee und Eis von Rudi Palla

Rudi Palla bringt uns die drei Schlagintweit-Brüder näher. Hermann, Robert und Alfons. Er beschreibt ihre Passion, ihre Fähigkeiten, ihre körperliche Konstitution und den unbändigen Willen, berühmt zu werden. Hier werden wir zum Teil einer Expedition, von der man heute kaum noch etwas weiß. Auch hier ist der Autor in seiner Recherche umfassend auskunftsfähig. Er glorifiziert nicht, sondern zeigt klar die Schwächen dieser Entdecker auf, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass sie nur als Karikaturen einer eigentlich gut durchdachten Entdeckungsreise wahrgenommen werden. Als „Gebrüder Schnabelweit“ werden sie satirisch verballhornt. Sie sind Geltungssüchtig und gehen sprichwörtlich über Leichen, wenn es gilt, Exponate zu sammeln. Da werden selbst vor kurzem Gehenkte vom Galgen genommen, um ein einheimisches Skelett in die Hände zu bekommen.

Aber dies sind nicht alle Gründe, die zum großen Scheitern führten. Sie haben auf ihren Reisen unbestreitbar große Erfolge erzielt, haben vermessen, gemessen und mit großer Akribie gesammelt, was ihnen in die Hände fiel. Letztlich jedoch erklärt uns Rudi Palla, was Entdecker wirklich beherzigen sollten. Hier wird aus dem Buch ein wichtiger wissenschaftlicher Ratgeber für die eigenen Vorhaben und Pläne. In der Konzentration auf das Wesentliche liegt der Zauber des Erfolges verborgen. Die Gefahr, in der Masse gesammelter Exponate zu versinken, sich in seinen vielfältigen Zielen zu verzetteln und in jeder Beziehung den Überblick zu verlieren, ist allgegenwärtig. Hier liegt die Ursache des Versagens begründet.

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Wer die Leistungen der drei Schlagintweit-Brüder vor diesem sehr differenzierten Hintergrund gewürdigt sehen möchte, für den ist dieses Buch unverzichtbar. Hier ist ein Grundstein für das Verständnis des damaligen Runs auf die Hotspots der fremden Welt gelegt. Hier wird veranschaulicht, was erfolgreiche Expeditionen ausmacht und wir sind trotzdem am Ende des Buches in der Lage, den Kern der Leistungen dieser jungen Männer zu erkennen. „In Schnee und Eis“ sollte man im Rucksack haben, wenn man den Gedanken an eigene Abenteuer hegt. Man sollte dieses Buch lesen, um nicht den Kopf zu verlieren, weil man geopolitischen Strömungen zu optimistisch gegenübersteht, und wie Alfons Schlagintweit zu enden.

Nicht zuletzt schließt dieses Buch viele Kreise zu den Berichten der Erfolgreichen und großen ihres Metiers. Man erkennt, dass es oftmals nur am Quäntchen Glück und der Portion Fügung liegt, ob man in die Geschichte eingeht, oder vergessen wird. Hier setzt mein weiteres Lesen an. Charles Darwin wird erneut eine wichtige Rolle spielen. Hat er die Ziellinie des großen Entdeckers der Evolutionstheorie als Erster überschritten oder war es ein ganz anderer Forscher? Wie konnte es passieren, dass Alfred Russel Wallace deutlich früher startete und doch nur als Zweiter in die Geschichte einging? Es bleibt spannend, mit mir die großen Entdeckungen zu erlesen und zu erhören. Folgt mir einfach. Und vertraut meinen Reiseführern…

In Schnee und Eis von Rudi Palla - Astrolibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

Expeditionen – Eine Artikelserie bei AstroLibrium… Seilschaft gerne gesehen.

(In Schnee und Eis – Rudi Palla – Galiani Verlag Berlin – 192 Seiten – 16,99 Euro)

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

„Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng

Everest - Das Bilderbuch - AstroLibrium

Everest – Das Bilderbuch

Bilderbücher erzählen große und kleine Geschichten, indem sie das geschriebene Wort durch das Medium der kindgerechten Illustration ergänzen und vertiefen. Sie sind Impulse für die kindliche Fantasie. Dabei vereinfachen die Autoren und Gestalter dieser Bilderbuch-Welten ihre Botschaften so sehr, dass sie im gemeinsamen Betrachten und Lesen ihre Magie entfalten können, da ihre Werke leicht verständlich sind. Auf diese Art und Weise erschließen sich dann den jüngsten Lesern selbst komplexere Sachverhalte. Bilderbücher sind mehr als nur Ablenkung und reine Unterhaltung. Sie sind der Einstieg in die große Welt der Bücherliebe und bestimmen oftmals den weiteren Leseweg eines Menschen. Manchmal vermitteln sie sogar mehr Wissen, als man ihnen auf den ersten Blick zutraut.

Shackletons Reise von William Grill - astrolibrium

Shackletons Reise von William Grill

Ein Musterbeispiel für ein Bilderbuch, das sich zum kindlichen Standardwerk der großen Polarexpeditionen erhebt, ist „Shackletons Reise“ von William Grill.

Dem Autor gelingt mit diesem Buch ein großer Wurf im Bilderbuchland. Er erzählt nicht nur eine wahre Geschichte, er weckt die Abenteuerlust und öffnet uns die Augen für drohende Gefahren. William Grill begeistert mit einer kindlich abstrakten Detailtreue seiner Illustrationen, die den jungen Betrachtern Raum gibt, sich in sie hineinzudenken und selbst Teil der Besatzung zu werden. Planänderungen werden erklärt, Krankheiten und Fachbegriffe in einem Glossar erläutert und selbst das Überleben im Inneren eines umgedrehten Rettungsbootes wird anschaulich erklärt. Diese erzählenden Bilderbücher sind Initialzündungen für den kindlichen Geist. Sie fördern das Denken und bewegen in ihrer spielerischen Komplexität mehr, als man sich vorstellen kann.

Everest - Das Bilderbuch - AstroLibrium

Everest – Das Bilderbuch

Ich habe lange nach einem neuen Bilderbuch gesucht, das diesem hohen Anspruch gerecht werden könnte. Ich lese gemeinsam mit Kindern, ich bin dankbar, wenn sie aus sich heraus und inspiriert durch solche Bücher eigene Transferleistungen erbringen, die ihrem Alter vielleicht noch gar nicht entsprechen. Ich bin fündig geworden. Erneut beim NordSüd Verlag und erneut in einem großformatigen Bilderbuch, das in seinem Design sehr an William Grill erinnert. Und noch dazu bin ich fündig geworden in einem Thema, das mich seit Jahren intensiv beschäftigt. Es ist der Mount Everest. Das Dach der Welt. Es ist die Faszination, die vom höchsten Berg der Erde ausgeht, es sind Gefahren und Risiken, die ihn so geheimnisvoll machen und nicht zuletzt ist es die Frage, wie weit der Mensch gehen darf, um die Natur zu bezwingen.

Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng ist meine Bilderbuchentdeckung des Jahres, wenn es darum geht, neben der reinen Unterhaltung existenzielles Basiswissen zu vermitteln. Lehrreich, spielerisch, komplex, ökologisch, historisch, unterhaltsam und facettenreich kommt dieses Bilderbuch daher. Ein kolossaler Berg in buntem Gewand. Und das in einem Jahr, in dem sich die Erstbesteigung des Chomolungma, der Mutter des Universums, zum 66 Mal jährt. Dieses Bilderbuch wird dem Mythos „Everest“ mehr als gerecht. Man darf den Berg im Himalaya als Naturwunder bestaunen, man darf die Bergsteiger und ihre Helfer bewundern. Man darf sogar davon träumen, sich selbst der Herausforderung eines Gipfelsturms zu stellen. Träumen darf man. Das Bilderbuch ruft jedoch eher dazu auf, woanders nach Zielen zu suchen, die der Natur nicht schaden. In jeder Sehnsucht gibt es einen unbestiegenen Berg. Jedes Kind hat seinen Everest. Der Everest im Buch ist so heilig, wie die Natur, die ihn ausmacht. Und so sollte er bleiben.

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Everest – Das Bilderbuch

Für die Autorin Sangma Francis ist der „Everest“ mehr als ein Berg. Sie reduziert ihn nicht nur auf das alpine Element oder die Herausforderung an Extremsportler. Hier erweitert das Buch den Horizont und beschreibt eine Region, ihre Menschen, die Flora und Fauna am Fuß des Mount Everest und die religiösen und mythologischen Faktoren, die das Massiv so wichtig für die Menschen machen. Legenden bis hin zum Yeti finden ihren Platz in diesem Bilderbuch. Aber natürlich ist es auch der Mensch, der nicht aus Nepal stammt, der Mensch, den die Höhe des Gebirges magisch anzieht, der Mensch, der Unmenschliches leistet, um ihn zu bezwingen. Doch wozu? Was bringt es, diesem Mythos die Faszination zu rauben, indem man ihn einem Massentourismus zugänglich macht? Sangma Frances findet die richtigen Themen rund um den Everest. Sie findet die richtigen Worte, um jüngsten Lesern ans Herz zu legen, was ihr am Herzen liegt. 

Und sie fand mit Lisk Feng die richtige Illustratorin, die alle Facetten des Everest in ganz eigenen, abstrakt vereinfachten, und doch brillanten Zeichnungen mit Leben füllt. Wort und Bild gehen hier Hand in Hand und bilden eine magische Seilschaft, die bis in die höchsten Höhen aufzusteigen vermag. Vom Fuß des Gebirges bis zu seinem Gipfel in 8848 Metern Höhe. Doch wenn man plötzlich Lust bekommt dieses Abenteuer selbst zu wagen, dann blenden Autorin und Illustratorin im kongenialen Zusammenspiel Bilder ein, die nachdenklich machen und abschrecken. Müll auf dem Everest. Menschen über Menschen, vereint zu endlosen Kolonnen, die in den idealen Zeitfenstern versuchen, in Reichweite des Gipfels zu gelangen. Rushhour am Berg. Selten so veranschaulicht und selten so abschreckend beschrieben. Die Botschaft ist klar: Lasst ihn in Ruhe! Gebt ihm seinen Frieden. Ihr zerstört den heiligen Berg.

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Everest – Das Bilderbuch

In vielfacher Hinsicht ein grandioses und lehrreiches Buch. Es schmälert nicht den menschlichen Erfindungsreichtum, die Leistungen der Bergsteiger, die ihn als Pioniere bezwangen, die traurigen Schicksale der Verschollenen und Gescheiterten. Es hebt in besonderer Weise die Fähigkeiten der Sherpas hervor, ohne die Expeditionen niemals möglich gewesen wären und waren. Das Buch versetzt seine kindlichen Betrachter mit Detailreichtum in die Lage, sich genau vorstellen zu können, was man benötigt, um es bis zum Gipfel zu schaffen. Eine Liste der Ausrüstungsgegenstände findet sich ebenso im Buch, wie wichtige Hinweise über Sauerstoff und die Fähigkeiten, über die man als Bergsteiger verfügen sollte, um sein Ziel zu erreichen.

Darüber hinaus wird unser Augenmerk jedoch deutlich auf den Klimawandel und das ökologische Gleichgewicht in dieser Region gelenkt. Selbst für Erwachsene ist dieses Buch eine illustrierte Goldgrube, der es gelingt, auf 80 Seiten in die Tiefe seines verborgenen Schatzes vorzudringen. Und natürlich finden wir in der Ahnengalerie jener erfolgreichen Bezwinger des Everest auch Reinhold Messner, womit das Buch seinen Bogen in mein bisheriges Lesen spannt. Der „Absturz des Himmels“ beschäftigt sich zwar mit dem Matterhorn, ist jedoch für mich ein brillantes Werk des großen Meisters, das die Faszination der höchsten Berge nachvollziehbar macht.

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Everest – Das Bilderbuch

Die Todeszone kostet auch in diesem Buch ihre Opfer. Von Mallory und Irvine wird ebenso berichtet, wie von vielen weiteren gescheiterten Expeditionen. Ich habe mich in meinem Lesen bereits einer der größten Tragödien am Mount Everest angenähert und da ich ja kein Bergsteiger bin, habe ich mir Rat bei einer hochalpinen Kletterin gesucht. Gemeinsam haben wir die Bücher verglichen, die sich mit der Katastrophe vom 10. Mai 1996 beschäftigen, bei der alleine acht Bergsteiger ihr Leben verloren. Buchsicht und Bergsicht. So haben wir diesen Vergleich genannt. Jon KrakauersIn eisige Höhen“ steht im Mittelpunkt dieser Betrachtung. Die Seilschaft der Bücher setzt sich aus jenen Berichten zusammen, die Überlebende dieses schwarzen Tages verfasst haben. Hier gelangen Sie zum Special: Gipfelsturm – Tod in eisigen Höhen – Eine Reportage.

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Everest – Eine besondere Reportage

„Everest“ von Sangma Francis und Lisk Feng erhält einen Ehrenplatz in meinem „Everest-Bücherregal“. Ökologischer, multikultureller und inhaltlich facettenreicher ist mir bisher kein Bilderbuch über den Weg gelaufen. Großes Bilderbuch-Kino…

(Everest – Francis / Feng / NordSüd Verlag / 80 Seiten / Übersetzer: Harald Stadler / 20 Euro)

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Und schon geht es mit der Schlagintweit-Expedition zurück zum Himalaya.

„Wild“ – Der letzte Trip auf Erden mit Reinhold Messner

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner zuzuhören ist ein Erlebnis. Ihn zu lesen steht dem in nichts nach. Er weiß sehr genau worüber er schreibt, wenn er das Extreme beschreibt, wenn er über die Motivation von Menschen spricht, die sich Ziele gesteckt haben, von denen wir noch nicht einmal zu träumen wagen. Messner weiß dies, weil er selbst ein Besessener war, dessen Reputation noch heute auf der Bewältigung des Extremen gründet. Berge ohne Sauerstoff zu besteigen, Alleingänge und Erstbesteigungen, Rekorde über Rekorde, im ewigen Eis Spuren zu hinterlassen, das sind die Wegmarken seines Lebens, die uns an den Reinhold Messner erinnern, wie er sich selbst gerne sieht.

Aber es sind auch die Konflikte mit seinen Bergkameraden, den Männern an seiner Seite, die von seinem extremen Ego künden und den Eindruck erwecken, es mit einem Leitwolf, einem Alphatier zu tun zu haben. Keinesfalls jedoch mit einem empathischen Teamleader. Umso erstaunlicher scheint es, dass er sich in seinem neuesten Buch mit einem Menschen auseinandersetzt, der genau aus diesem Grund zu einer Legende in der Geschichte der Polar-Expeditionen wurde. Einer fast vergessenen Legende, muss man dazu sagen, denn den Ruhm erntete ein anderer, der in seinem Wesen eher dem Extrembergsteiger Reinhold Messner gleicht.

Wild von Reinhold Messner

Wild“ [waild] erzählt die Geschichte des englischen Abenteurers Frank Wild, der die Antarktis im frühen 20. Jahrhundert besser kannte als seine Westentasche. Zahllos waren seine Beteiligungen an Expeditionen zur Erforschung dieses neuen Kontinents, zahllos seine Versuche mit unterschiedlichsten Expeditionen zum Südpol vorzustoßen und ihn für sein Land in Besitz zu nehmen. Zahllos waren auch seine Kontrahenten, die in einem wahren Wettlauf zum Südpol das letzte große Ziel für Entdecker erobern und sich selbst dadurch unsterblich machen wollten. Die Geschichte von Frank Wild jedoch ist nicht die Geschichte eines Robert Falcon Scott oder eines Roald Amundsen. Wir haben es hier nicht mit einem großen Forscher zu tun, der berühmt werden möchte.

Frank Wild ist der sogenannte Zweite Mann an der Seite von Ernest Shackleton, der „Right Hand Man“ ohne den man heute wahrscheinlich über die vielen Toten berichten müsste, die Shackletons Ehrgeiz zum Opfer gefallen wären. Jenem Shackleton, der es nicht geschafft hatte, im Wettrennen um den Südpol eine wichtige Rolle zu spielen, der sogar von Robert F. Scott ausgebootet und bei Weitem übertroffen wurde. Gescheitert und frustriert beschließt Shackleton in einem letzten Anlauf und mit einem aberwitzigen Plan im Jahr 1915 die so sehr ersehnte polare Unsterblichkeit zu erlangen.

Wild von Reinhold Messner

„Der letzte Trip auf Erden“ soll ihm den Durchbruch bringen. Eine Expedition, mit der er endlich zu Weltruhm gelangen könnte. Die Durchquerung der Antarktis. Wissend um seine eigenen Fähigkeiten und Schwächen setzt Ernest Shackleton erneut auf den Mann, der als sein Stellvertreter dafür verantwortlich ist, die Mannschaft zu führen und die Männer der Expedition in bedrohlichen Situationen durch persönliches Vorbild zum Überleben zu motivieren. Frank Wild ist der symbiotische Charakter, der Shackleton im Kampf gegen die Natur komplementär zu ergänzen scheint. Ruhmsucht ist ihm fremd, Empathie scheint ihm in die Wiege gelegt worden zu sein und sein Umgang mit denen, die ihm anvertraut sind ist entscheidend für den Erfolg dieser Mission.

Shackletons „Imperial Trans-Antarctic Expedition“ scheitert krachend. Sein Schiff „Endurance“ bleibt im Packeis stecken, wird von den Eismassen zermalmt und die 28 Männer müssen sich mit Rettungsbooten einen Weg zu einer kleinen Insel erkämpfen. Dort heißt es warten und sterben oder in einer letzten aberwitzigen Aktion alles auf die Karte Shackleton zu setzen. 22 Männer bleiben im antarktischen Winter auf Elephant Island zurück, während Shackleton mit fünf Begleitern in einem der Boote losfährt, um Hilfe zu holen. Frank Wild ist es, der zurückbleibt. Als Führer der verzweifelten Gruppe, die zur Untätigkeit verurteilt ist und nichts tun kann, außer auf Hilfe zu warten.

Wild von Reinhold Messner

Reinhold Messner stellt nun diesen Frank Wild in den Mittelpunkt. Eine Position, in der er sich sicher nicht wohlgefühlt hätte. Messner beschreibt sein Wesen, Gründe und Ursachen für seine Fähigkeit, Menschen zu führen und entwickelt dabei ein zeitloses in sich geschlossenes Bild, was charismatische Führer ausmacht. Messner schreibt über grenzenloses Vertrauen, Vorbildhaftigkeit und Bescheidenheit. Alles Wesensmerkmale über die Frank Wild zweifelsohne verfügt und die in den Tagebuchaufzeichnungen der Überlebenden belegt sind. Vier Monate dauert das Martyrium der 22 auf der Insel. Kein einziger von ihnen begeht Selbstmord, niemand wird aufgegeben, alle überleben bis zu dem Moment der Rückkehr von Ernest Shackleton.

Messner schreibt sich und seine Leser voller Ehrfurcht auf diese Insel. Er macht uns zu Schiffbrüchigen, die das Bersten der Schiffsplanken der Endurance noch im Ohr haben, die hungern, frieren und in ihrer Hoffnungslosigkeit versinken. Der Gestank der Männer macht alles mürbe, die Sehnsucht nach Wärme frisst sich ins Herz und die pure Angst beherrscht unser Schlafen. Immer wenn wir denken, es geht nicht weiter, ist da jener Frank Wild. Unerschütterlich, in sich selbst ruhend und alle Entbehrungen mit seinen Männern teilend. Loyal gegenüber dem Boss, der sicher bald kommt und ruhig, wo andere die Nerven verlieren. Reinhold Messner erweist einem Mann die Ehre, der er selbst nie hätte sein können. Reinhold Messner wäre selbst losgefahren, hätte Rettung geholt und wäre dann als Held der in die Geschichte eingegangen. Und genau das ist es, was dieses Buch so magisch macht. Nur ein Leitwolf kann einem Zweiten Mann die Ehre erweisen, weil ein Zweiter Mann nie über sich schreiben würde. Nur ein Alphatier kann auf den stärksten Charakter im Rudel zeigen. Ohne Rigth Hand Man Frank Wild wäre die Geschichte der Endurance die Geschichte eines Massengrabes auf Elephant Island.

Wild von Reinhold Messner

Ein fesselndes und nachhaltig wirkendes Buch! Wie sein „Absturz des Himmels“ bringt es uns die Leistungsfähigkeit von Menschen unter extremen Bedingungen näher und erweitert unseren Horizont, auch weil er die jeweiligen Expeditionen in ihren sozio-historischen Hintergrund einbettet. Es ist bitter für Shackleton zu erkennen, dass kaum jemand an seiner Story interessiert ist, weil Europa in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges ausblutet. Und doch ist dies auch ein Buch mit einem erstaunlichen Bruch, da Reinhold Messner ein Kapitel ausblendet, das für die Männer der Endurance mehr als traumatisch war und ewig nachwirkte. Ein Kapitel, das nicht mal das Bilderbuch von William Grill „Shackletons Reise“  ausblendet, obwohl hier die Zielgruppe Kinder sind.

Ich spreche hier von 69 Schlittenhunden die an Bord der Endurance waren. Tiere, die erschossen werden mussten, nachdem ihre Rettung ausgeschlossen war. Hunde, die der Besatzung mehr als ans Herz gewachsen waren. Teams, die blind funktioniert haben und Bindungen, die von Frank Wild zerrissen wurden, weil ihm die Aufgabe ihrer Erschießung zukam. Er selbst schrieb dazu:

Ich habe Männer gekannt, die ich an diesem Tag lieber erschossen hätte, als den schlechtesten dieser Hunde.

Einige der Männer haben ihm das nie verziehen. Ein Aspekt, den man nicht einfach vernachlässigen darf, wenn man über Frank Wild schreibt. Denn das Überleben auf der Insel war nicht harmonisch. Signifikant dafür ist auch, dass vier Überlebende von einer Liste gestrichen wurden, mit der Ernest Shackleton seine Besatzung für die Verleihung der Polarmedaille vorschlug. Unter ihnen auch der Schiffszimmermann Harry McNish.

Wild von Reinhold Messner

Von ihm wird noch zu reden sein. Er brachte die Schiffskatze Mrs. Chippy an Bord. Auch Mrs. Chippy wurde erschossen. Ihre Geschichte wurde von Caroline Alexander in einem bewegenden Buch erzählt. „Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis“ ist schon insofern erwähnenswert, weil die Autorin neben diesem Kinderbuch auch das absolute Standardwerk zur Expedition „Die Endurance“ verfasst und Elephant Island mit Reinhold Messner besucht hat. Eigentlich schließen sich hier alle Kreise. Ich mag jedoch einen Kreis öffnen und die Geschichte der Schiffskatze von einer Autorität auf diesem Gebiet rezensieren und beleuchten lassen.

Pauli vom Blog Blogger mit Buch wird an Bord der Endurance gehen und sich auf die Suche nach den Spuren von Mrs. Chippy begeben. Hier geht’s weiter.

Wild wirft Fragen auf, die vielleicht die Schiffskatze der Endurance beantworten kann

In Schnee und Eis“ von Rudi Palla – Auch eine Geschichte vom großen Scheitern

In Schnee und Eis von Rudi Palla - AstroLibrium

In Schnee und Eis von Rudi Palla

„Everland“ von Rebecca Hunt – Auf in die Antarktis

Everland von Rebecca Hunt

Eigentlich scheint es ja so zu sein, dass Romane über Antarktis-Expeditionen kaum noch Leser hinter dem gemütlichen Ofen hervorlocken, womit sie schon einiges mit den realen Forschungsvorhaben im ewigen Eis unserer Tage gemeinsam haben. Eigentlich ist alles erzählt, alles erforscht und die Technik von heute hat den Expeditionen letztlich jeden Reiz genommen. Von Risiko und Lebensgefahr kann keine Rede mehr sein, und wenn diese Zutaten fehlen, ist das Aussterben von Abenteuergeschichten rund um den Südpol wohl vorprogrammiert. Oder gab es in den letzten Jahren Schlagzeilen aus der Antarktis, die von verschollenen Forschern oder dramatisch gescheiterten Expeditionen berichteten? Nein. Fehlanzeige.

Und doch gelingt der Malerin und Schriftstellerin Rebecca Hunt mit ihrem zweiten Roman „Everland“ ein vielbeachteter großer literarischer Wurf. Dabei bleibt sie im gesamten Verlauf ihrer Story fiktiv, erfindet nicht nur sämtliche Protagonisten, sondern auch noch die im Buchtitel verewigte Antarktis-Insel „Everland“ gleich mit. Und damit nicht genug der Fiktion, sie erdenkt nicht nur eine einzige Expedition, der sich die Leser anschließen können, sondern konstruiert eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die nur 100 Jahre voneinander getrennt sind. 100 Jahre, die es jedoch in sich haben. Von den wahren Pionieren der Ersterforschung des Südpols bis in unsere Zeit reicht ihr Roman.

Everland von Rebecca Hunt

Diese Konstruktion lässt das ewige Eis noch ewiger erscheinen, unterstreicht die Vergänglichkeit menschlicher Höchstleistungen und relativiert in besonderer Weise den vermeintlichen technischen Fortschritt, der heutige Abenteuer nur noch langweilig und gar nicht mehr abenteuerlich erscheinen lässt. Rebecca Hunt gestaltet auf ihrer eisigen Insel Everland einen Erzählraum, der in der Geschichte der Erforschung der Antarktis nur zweimal betreten wird. 1913 und 2012. Sozusagen zum hundertsten Jubiläum der ersten Sichtung der Insel macht sich ein internationales Forschungsteam erneut auf die gar nicht mehr beschwerliche Reise zum Südpol, um vielleicht mehr über die Gründe zu erfahren, die damals – genau vor 100 Jahren – zum Desaster auf Everland führten.

Es sind jetzt Flugzeuge und Quads, die der menschlichen Leistungsfähigkeit Flügel verleihen. Es sind ununterbrochene Funkverbindungen, Satellitennavigation und neue Materialien in der Bekleidung, auf die Forscher jetzt zurückgreifen können. Die Kälte ist zwar eine Bedrohung, aber sie ist kalkulierbar, beherrscht, nicht mehr lebensgefährlich und im Falle eines Falles wird man eben schnell aus der Gefahr evakuiert. Da haben es die heutigen Expeditionen schon leichter, wenn man an die Pioniere denkt, die zumeist unter unsäglichen Bedingungen ihr Leben für die Forschung und ihr Land aufs Spiel zu setzen hatten, wenn sie erfolgreich sein wollten.

Everland von Rebecca Hunt

Das Spannungsfeld des 100-Jahre-Zeitsprungs und die augenscheinliche Duplizität der Ereignisse lassen einen Erzählungs-Mahlstrom entstehen, in dessen Strudel man in die Tiefe einer brillanten psychologischen Abenteuergeschichte gezogen wird. Dabei ist es die unterschiedliche Ausgangssituation zweier Expeditionen, die den Leser in seinen Bann zieht. 1913. Ein kleines Beiboot. Drei Männer unter dem Kommando eines ersten Offiziers, der an Bord des eigentlichen Forschungsschiffes eher durch offene Konflikte mit dem Kapitän der „Kismet“ (wie sinnstiftend: Schicksal) auffällt. Begrenzte Vorräte in lebensfremdem Umfeld. Ein Sturm, der die Landung auf der Insel in eine Bruchlandung verwandelt. Ein erstes Opfer, das es zu versorgen gilt. Erfrierungen, Wundbrand. Angst und ein Mutterschiff, das beschädigt abdrehen muss. Schlimmer geht nimmer.

2012. Die Hightech-Variante einer Gedenkfahrt auf den Spuren der Kismet. Es sind die besten Rahmenbedingungen bei unproblematischer Landung auf Everland. Es sind erneut drei Menschen, die sich der Insel stellen. Unter Führung eines erfahrenen Arktis-Veteranen stellen sich zwei Frauen dem Vorhaben, die Spuren ihrer Vorgänger und die Tierpopulation der Insel genauer in Augenschein zu nehmen. Sie sind im Vorteil. Diese Expedition steht unter einem guten Stern und die Basisstation hat ein waches Auge auf Everland. Eigentlich beste Voraussetzungen unter diesen Vorzeichen, würde sich nicht genau ein Detail beider Expeditionen allzu genau entsprechen. Der Mensch.

Everland von REbecca Hunt

Everland wird so zum zeitlos psychologischen Feldversuch für das Versagen des Menschen. Rebecca Hunt gelingt es in ihren Zeitsprüngen, das Brennglas auf jede der beiden Expeditionen zu lenken und dabei die Gemeinsamkeiten beider Expeditionen in aller Tiefe herauszuarbeiten. Es ist jeweils eine Person im Team, die nichts, aber auch gar nichts in der Antarktis verloren hätte. Gäbe es da nicht Beziehungen und Motive für diese „Fehlbesetzungen“. Und genau dieses schwächste Glied ist für das Bersten einer Kette verantwortlich, die nur bestehen kann, wenn alles ineinandergreift. Der Leser ahnt schnell, dass sich die Ereignisse von 1913 genau 100 Jahre später zu wiederholen und zu doppeln scheinen. Technik hin oder her. Das Zwischenmenschliche bestimmt über Leben und Tod, Erfolg oder Misserfolg.

Rebecca Hunt schreibt unglaublich facettenreich und mehrdimensional. Nicht nur die rein menschlichen Konflikte stehen im Mittelpunkt des Romans. Sie betrachtet das Leben auf Everland, die ökologische Situation, Veränderungen in der Population durch Robben und Pinguine. Sie wirft Fragen auf, ob es in einem Team überhaupt individuelle Gesundheit gibt oder ob der erfrorene Fuß des Einzelnen die Verletzung des Teams ist. Und sie stellt unbequeme Fragen nach der objektiven Wahrheit im Wandel der Zeit. Ist das Logbuch eines Kapitäns eine verlässliche Quelle und was bedeutete es 1912, wenn es in seiner dogmatischen Qualität Schuldfragen einseitig dokumentierte. Wo liegen die Wahrheiten, wo beginnen Legenden und wer sind die Opportunisten in diesem Spiel?

Everland von Rebecca Hunt

Everland ist ein genialer Abenteueroman, der uns die zeitlose Gefahr der Antarktis ebenso vor unsere Augen führt, wie die psychologische Komponente des Teamworks. Ich habe in meinem Lesen schon so einige Expeditionen zu den Polarregionen unserer Erde gewagt. Ich war als Besatzungsmitglied an Bord der Endurance bei Shackletons Reise, ich begleitete Roald Amundsen und Robert F. Scott bei ihrem Wettlauf um die Ehre, den Südpol entdeckt zu haben. Ich habe Sachbücher gewälzt, in Lese-Gedanken an erfrorenen Füßen gelitten, gehungert und auf Hilfe gehofft. Ich habe die Evolution in der Geschichte der Forschung erlesen und war mir doch sicher, dass jeder technische Fortschritt nur Nuancen der Risiken einer solchen Expedition verringern kann. Letztlich ist es der Mensch, der hier den Maßstab für den Begriff „Abenteuer“ definiert.

„Everland“ ist ein spannender und komplexer Pageturner, bei dem man sich einen warmen Kamin, gefütterte Handschuhe und einen heißen Tee wünscht. Ein Roman für die kalten Tage des Jahres weil er zeigt, was echte Kälte ist. Aber „Everland“ war auch meine erste Expedition ohne eigenen Schlittenhund. Erstmals ohne Schneeflocke im ewigen Eis. Mir sei diese persönliche Schlussnote erlaubt. Mir hat dein warmes Fell so sehr gefehlt, Alter. Nicht schön da draußen ohne dich.

Everland von Rebecca Hunt – Im Herzen mit Schneeflocke

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