Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribati - Eine Inselwelt versinkt im Meer - Astrolibrium

Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Oft war ich im vergangenen Jahr an Bord der Polarstern. Expeditionen in die Welt der Arktis haben mich ins Epizentrum des Klimawandels geführt und mir gezeigt, dass die Konsequenzen der weltweiten Klimaerwärmung dramatisch sind. Und doch fühlt es sich noch immer so an, als wäre das alles weit entfernt. Was kümmert es uns, wenn in der Polarregion das ewige Eis langsam zu schmelzen beginnt? Was kümmert es denn uns, wenn dort der Meeresspiegel zu steigen beginnt und ist es nicht beruhigend, sich die Menschen anzuhören, die den Klimawandel beharrlich leugnen? Es ist eine extrem trügerische Sicherheit, in der wir uns wiegen. Es ist unsere Ignoranz, die uns erlaubt, Menschen, die für den Klimaschutz eintreten, als Aktivisten zu bezeichnen. Es ist das eigene Versagen im Denken und Handeln, das uns einfach weitermachen lässt. Haben wir die Zeichen der Zeit nicht verstanden, oder wollen wir sie nicht verstehen? Fragen, die mich bewegen, seit ich die Polarstern verlassen habe.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Immerhin ist die Arktis doch weitgehend unbewohnt und wir haben doch sicher im Moment Wichtigeres zu tun, als uns auch noch um den Rest der Welt zu kümmern. Es gibt da doch auch gerade eine weltweite Pandemie, die uns beschäftigt. Aber auch die lässt sich trefflich leugnen. So sind wir. So ist der Mensch. Solange es uns nicht direkt betrifft, sind wir die großen Zweifler. Wehe aber, das Wasser steht uns selbst bis zum Hals. Dann rufen wir nach dem Staat und verlangen nach Hilfe. Ein bekanntes Muster, das gerade in diesen Tagen häufig zutage tritt. Was also hat die Arktis mit uns zu tun? Ich wollte der Polarregion den Rücken kehren und mich in der Welt umhören. Wo hat der Klimawandel schon begonnen, das Leben der Menschen zu beeinflussen? Haben wir uns deren Perspektive mal zu eigen gemacht und sind wir in der Lage uns in ihre Lage zu versetzen? Können wir den Versuch wagen, uns vorzustellen, wie wir denken würden, wenn wir selbst betroffen wären?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Folgt mir doch einfach mal nach Kiribati. Wohin bitte, werdet ihr fragen? Was hat jetzt ein „unbedeutender“ Inselstaat in Mikronesien inmitten des Pazifiks mit uns zu tun? Das ist ja noch weiter weg als der Nordpol. Mag sein. Aber hier, ungefähr genau in der Mitte zwischen Australien und Hawaii, treffen wir auf eine Bevölkerung, die bereits jetzt vom Klimawandel und der Erhöhung des Meeresspiegels unmittelbar betroffen ist. Hier leben, vereilt auf 32 Atolle mehr als 100 000 Menschen, denen das Wasser wahrhaftig bis zum Halse steht. Zeit, ein besonderes Buch zu Rate zu ziehen, um uns mal genau anzuschauen, was sich gerade dort ereignet und welche Kultur hier im Begriff ist, im tiefen Blau des Pazifiks zu versinken, „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ von Alice Piciocchi und Andrea Angeli, erschienen im Sieveking Verlag, ist viel mehr als ein Reiseführer in eine weitgehend unbekannte Welt. Dies ist ein illustrierter Abgesang auf ein Paradies, das den Anfang machen wird, wenn sich die Welt wie wir sie kennen für die nächsten Generationen dramatisch und irreversibel verändert.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Kiribatis Inselwelt machte in den vergangenen Jahren immer mehr Schlagzeilen. Die unmittelbare Bedrohung der einzelnen Inselgruppen durch steigende Wasserpegel veranlassten die Regierung dazu, ein 20 Quadratkilometer großes Stück Land auf den Fidschi-Inseln zu kaufen, um die Bewohner Kiribatis umzusiedeln. Als die Autoren des Buches davon hörten, beschlossen sie, das untergehende Inselparadies zu besuchen, um zu dokumentieren, welche Welt hier vom Untergang bedroht war. So entstand ein Reiseführer der besonderen Art. Liebevoll illustriert hält er dauerhaft fest, was bewahrt werden sollte. Man traf nicht auf verzweifelte Bewohner, die schon auf ihren gepackten Koffern saßen. Vielmehr begegneten die Autoren Menschen, die ihre Kultur zelebriert haben, wie sie es von ihren Urvätern und -müttern gelernt hatten. Sie gewährten ihnen einen tiefen Einblick in das Sozialgefüge, Riten und Bräuche, Religion, die Bedeutung ihrer Sprache, das besondere Frauenbild und die Perspektiven für die Zukunft.

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieses bibliophile Meisterwerk zeigt eindringlich, was geschieht, wenn Menschen, die im Einklang mit der Natur aufgewachsen sind, von dieser Natur verlassen werden. Was geschieht, wenn Fischer ihre Balance zwischen Ebbe und Flut verlieren, und sich nun auch noch damit abfinden müssen, dass immer begehrlichere internationale Blicke auf die frei werdenden Fischfanggebiete gerichtet werden? Wie leben Schulkinder im Paradies, wenn sie im Unterricht erfahren, dass die Geschichte der Arche Noah bald für sie zum Greifen nah sein könnte? Was nimmt man mit? Was gibt man auf? Welche Traditionen sind verschiffbar und welches Lebensgefühl ist unmittelbar mit dem Grund und Boden verbunden, auf dem man noch lebt? Der Reisebericht ist facettenreich und tiefgründig. Durch die Einfachheit der Illustrationen ist er auch hervorragend geeignet, um ihn mit Kindern zu erforschen. Das Staunen gehört zum Programm, wenn man die Seiten durchforstet. Wie lebt man auf Kiribati? Wie lacht, tanzt, angelt, singt und leidet man dort? Und wie, Himmels Willen, soll man das alles in Umzugskartons packen?

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Kiribati – Eine Inselwelt versinkt im Meer

Dieser Kultur- und Lebensalmanach ist ein Gesamtkunstwerk, das sich einer Welt verschrieben hat, die existenziell bedroht ist. Das Buch erzählt keine lineare Geschichte. Es ist kreisförmig um Themenbereiche angeordnet, die sich der Neugier der Leser von selbst erschließen. Ein umfangreiches Glossar, eine historische Zeitleiste und brillante Illustrationen runden das Leseerlebnis ab. „Kiribati. Eine Inselwelt versinkt im Meer“ kann auch als Sinnbild einer einsetzenden Völkerwanderung verstanden werden. Wir treffen eines Tages auf Menschen, deren kollektives Gedächtnis sich auf einige Koffer verteilt. Wir sollten ihnen nicht ahnungslos begegnen. Der Untergang ihrer Welt hat viel damit zu tun, wie wir unsere Welt verstanden haben. Werden wir Teil ihrer Erinnerung und lesen wir uns in eine Kultur, die scheinbar verloren ist… Wären da nicht die Leute von Kiribati, die in ihrem Inneren bewahren, was zurückgelassen werden muss.

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Wallace von Anselm Oelze [Buch und Hörbuch]

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Wallace von Anselm Oelze

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich habe mit dieser Artikelserie bereits begonnen und einen Ausblick auf mein zukünftiges Lesen geworfen. Nicht nur die Großmeister der Entdeckungen stehen im Mittelpunkt. In meinen Fokus geraten die ewigen Zweiten, die Vergessenen. Die Schlagintweits und Wallaces dieser Welt. Ihr erinnert euch?

Doch wer schreibt in diesem Themenfeld schon vom Versagen? Wer widmet seine Recherchen den sogenannten ewigen Zweiten in der Geschichte der Reisen zu bislang unerforschten Hotspots unseres Planeten? Wen interessiert der zweite Mann, auf dem Mount Everest? Wer liest über die zweite Reise nach Amerika und wer reibt sich heute noch neugierig die Augen angesichts gescheiterter Expeditionen zum Nordpol. Hier gilt es zu klotzen, nicht zu kleckern. Eine erfolgreiche Expedition ist eine Sensation. Punkt. Der Zweite ist schon der erste Verlierer. Siehe Charles Darwin und seinen vergessenen Vorläufer Alfred Russel Wallace, von dem hier bald noch die Rede sein wird.

Wallace von Anselm Oelze - AstroLibrium

Wallace von Anselm Oelze

Jetzt ist es soweit. Alfred Russel Wallace hat in der kleinen literarischen Sternwarte nicht seinen ersten Auftritt. „Der Federndieb“ von Kirk Wallace Johnson hat ihm nicht nur ein kleines Denkmal gesetzt, sondern veranschaulicht, was seine Entdeckungen in letzter Konsequenz verursacht haben. Ohne ihn keine Paradiesvogel-Federn in Europa. Und ohne die kein Federndieb, kein Wettrennen auf dem Hutmodenmarkt um die tollste Federkreation und kein Diebstahl in einem Museum, um Federn für das Fliegenfischen zu stehlen. Eine faszinierende Geschichte, die mich erst auf die Spur eines Entdeckers brachte, der heute fast vergessen ist. Weil er immer der Zweite war. Weil der gute alte Charles Darwin den Ruhm des Entdeckers der Evolutionstheorie für sich beanspruchte. So steht es geschrieben. So ist es verbrieft. Pech für Wallace. Irreversibel. Oder?

Nicht ganz, wenn man dem Roman „Wallace“ von Anselm Oelze folgt und sich auf ein gewagtes Gedankenspiel einlässt, das die Geschichte der Naturkunde auf den Kopf stellen kann. Hier ist Alfred Russel Wallace nicht nur literarische Referenzadresse für eine spannende Geschichte. Hier steht er im Mittelpunkt. Hier wird seine Geschichte in ihrer ganzen Komplexität erzählt. Wir folgen ihm auf seine Entdeckungsreisen, sind mit ihm an Bord großer Segelschiffe, die in Seenot geraten und seine Exponate mit sich in die Tiefe reißen. Wir werden zu Zeugen der leidenschaftlichen Sammelwut, seiner Lust an der Katalogisierung der unglaublichen Artenvielfalt im Malaiischen Archipel und der zufälligen, doch nicht minder bahnbrechenden Entdeckung der natürlichen Selektion.

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Wallace von Anselm Oelze

Nur der Stärkere überlebt. Die Evolution auf der Grundlage einer Bestenauslese hat ihren wissenschaftlichen Ursprung in den Beobachtungen von Alfred Russel Wallace. Er war der Erste. Er war der wahre Entdecker der Evolution. Warum nur hat es Charles Darwin geschafft, als Erster eine Ziellinie zu überqueren, über die Wallace schon längst hinweggespurtet war? Anselm Oelze geht diesem Phänomen auf die Spur. Und nicht nur das. In seinem zweiten Erzählstrang injiziert er uns mit seinem Roman ein Serum, das in literarischer Hinsicht geeignet ist, die Wissenschaft auf den Kopf zu stellen. Was muss man tun, um Wallace Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Wie kann man dafür sorgen, dass die Geschichts- und Lehrbücher dieser Welt neu geschrieben, und Preise sowie wissenschaftliche Auszeichnungen neu vergeben werden müssten?

Hier setzt Anselm Oelze an und spinnt einen Faden, der nicht nur sympathisch und gerecht ist. Er wirkt zutiefst plausibel, obwohl wir ahnen, dass allein der Gedanke einer Entthronung Charles Darwins völlig abwegig ist. Wie sollte es gelingen, jenes Denkmal vom Sockel zu stoßen? Hier kann nur ein Eingriff von außen helfen. Hier fehlt es nur an einem einzigen Impuls, der auch in der Wissenschaft dafür sorgt, dass der Stärkere im Gedächtnis bleibt und gewinnt. Hier bringt Anselm Oelze einen kleinen Museumswärter ins Spiel. Albrecht Bromberg, der zufällig auf historische Dokumente und Fotos stößt, die belegen, dass Charles Darwin sich mit dem Ruhm eines anderen bekleckert hat. In Bromberg reift ein Plan, der geeignet ist, die Geschichte der Evolution auf den Kopf zu stellen.

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Wallace von Anselm Oelze

Das ist Science-Fiction in ihrem reinsten Wortsinn. Wissenschaftliche Erfindung. In alle historischen Hintergründe und Kulissen perfekt eingebettet, auf Tatsachen basiert und in der Schlussfolgerung doch so utopisch, wie es ein brillanter Roman einfach sein muss. Grandios erzählt, schillernd und atmosphärisch an seine Leser gebracht und mit einem beiläufigen Augenzwinkern die Schraube der Handlung einen einzigen Dreh mit unfassbarer Tragweite weitergedreht, das ist Literatur. Bromberg mutiert zum Rächer in einer facettenreichen Geschichte. Er ist in der Lage die richtigen Strippen zu ziehen. In seinem Umfeld genießt er Respekt und Anerkennung und man weiß, dass er eigentlich mehr auf dem Kasten hat, als auf alte Kästen aufzupassen. Man müsste der Wahrheit nur einen kleinen Schubs geben. Vielleicht sogar einen, der völlig frei erfunden ist. Hier ist es an der Zeit, die Geschichte durch Geschichtsfälschung zu korrigieren. Bromberg hat einen Plan.

Anselm Oelze gelingt mit Wallace ein doppeltes Lottchen. Er fantasiert historisch und historisiert fantastisch. Er nährt die Zweifel an Darwin und befeuert die Diskussion um den ewigen Zweiten Wallace. Da wo der letzte Beweis fehlt, legt er ihn vor. Aus der hohlen Hand. Frei erfunden und doch hat man das Gefühl, dies sei nicht mehr als recht und billig. Grandios. Schreibt die Bücher neu. Hebt Wallace aufs Schild und verehrt ihn als DEN Entdecker der Evolutionstheorie. Ich habe seit Oelze kaum noch Zweifel. Hier spielt Literatur mit Geschichte. Und das auf einem Spielfeld, das keine Veränderung im Regelwerk zulässt. Außer, man hat einen Trumpf in der Hand.

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Wallace von Anselm Oelze

Ich versank im Buch (Schöffling & Co) und genoss parallel dazu das zweistimmig eingelesene Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag. In seiner ungekürzten und siebeneinhalbstündigen Lesung auf 6 CDs in feinster Aufmachung überzeugen Robert Stadlober und Wolfram Koch in ihrem zeitlosen Wechselspiel der Perspektiven. Es ist eine Reise durch die Zeit, der beide Sprecher ihre Stimme leihen. Wir tauchen in einer Atmosphäre zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein und erleben Wallace kränklich und von Fieber geplagt. Zweifelnd und zögernd. Mehr als 150 Jahre später kämpft Bromberg in ähnlicher Weise mit seinen Gefühlen. Er fiebert seiner Entdeckung entgegen und wagt es doch nur zögernd, den nächsten Schritt zu gehen. Stadlober und Koch schlagen die Brücke zwischen Wahrheit und Fiktion. In der Mitte scheinen sie sich zu begegnen. An einem Punkt, den man literarisch „Wunschdenken“ nennen könnte… Ein Hörerlebnis.

Weiter geht´s mit den großen Expeditionen. Mit Versagern, Wagemutigen und ganz sicher auch mit den Ikonen ihrer Zunft. Folgt der Artikelserie durch die Zeit, bleibt mir auf der Spur, es wird noch extrem hoch hinausgehen, bodenlos ins Tiefe versinken und sicher in jeder Beziehung spannend bleiben. Das Abenteuer liegt vor unserer Nase. Es gilt nur, die richtigen Romane aufzuschlagen, die passenden Hörbücher zu finden und dann den Geistern des guten Lesens und Hörens zu folgen. Bleibt Entdecker.

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Wallace von Anselm Oelze

„Wallace“ von Anselm Oelze
Schöffling & Co / 264 Seiten / gebunden / 22 Euro
Der Audio Verlag / 7 Std.36 Min. / ungekürzt / 6 CDs / 22 Euro

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Bücher- und Hörbuchketten sind unverzichtbar in meinem Leben. Die Perlenkette, an der kausale und emotionale Zusammenhänge sichtbar werden, gehört zu den echten Schmuckstücken in meiner kleinen Bibliothek. In diesem Fall sind es Eisperlen, die sich zu einer komplexen Expeditionsgeschichte aufgefädelt haben, um uns zu zeigen, wie in der Vergangenheit und heute Menschen versucht haben, die weißen Flecken der Erde zu erobern und zu erforschen. Die Motive könnten unterschiedlicher nicht sein. War es einst der Wunsch, als erster Mensch am Nordpol zu stehen, sind es heute ökologische und rein wissenschaftliche Ziele, die uns in die Arktis entführen. Für mich begann alles eigentlich wie immer. Mit Zufällen:

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so konnte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

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Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Nachhaltig war die ARD-Dokumentation „Expedition Arktis, in der diese Bilder zu bewegten Impressionen wurden, die mich dazu bewegten, in Sachen Polarstern weiter in Bewegung zu bleiben. Bietet der Bildband zwar den atmosphärischen Überblick über die gesamte Expedition, setzt Akzente in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und dem Leben auf der Eisscholle, so ist es doch kein chronologischer Expeditionsbericht. Zu komplex war das gesamte Vorhaben, um auch noch in aller Breite die Hintergründe der Organisation zu beleuchten, die man erkennen sollte, um das wahre Ausmaß einer wissenschaftlichen Leistung zu beurteilen, auf die sich die gesamte Aufmerksamkeit in der Welt konzentriert. Markus Rex, der Leiter der gesamten MOSAIC-Expedition hat diese Lücke mit seinem Logbuch Eingefroren am Nordpol geschlossen. Ich wollte mehr erfahren. Jetzt endlich konnte ich mich auf die Brücke der Polarstern begeben und hinter die Kulissen schauen… Oder sollte ich besser „hören“ sagen?

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Ich genoss es, Markus Rex in der Hörbuchfassung des Expeditionsberichtes auf die Brücke zu folgen und ganz entspannt zuzuhören, während sich das Eis immer enger um die Polarstern schloss. Der Schauspieler und Sprecher Steffen Groth leiht dem Expeditionsleiter Rex seine Stimme und entführt uns meisterlich inszeniert in eine Welt, die von Verantwortung geprägt ist. Hier ist es nicht mehr die Fotografin, die sich als Beobachterin dieser Expedition angeschlossen hatte. Hier ist es nun derjenige, der hier die Gesamtverantwortung für Mensch, Technik, Logistik, Ablauf und die Stimmung an Bord und auf der Eisscholle trug, die zur Heimat hunderter Wissenschaftler in den Turns der Expedition wurde. Das spürt man genau. Das hört man deutlich. Hier spricht weniger der Wissenschaftler Markus Rex. Hier lässt er uns an seinen tiefen Gedanken teilhaben, die ein Großvorhaben umreißen, das eigentlich unkalkulierbar war und doch kalkuliert werden musste. Alle Augen der Expedition waren auf ihn gerichtet, wenn mal wieder etwas organisiert werden musste. In diesem Bericht „menschelt“ es sehr.

Was in der Realität ein ganzes Jahr dauerte, lässt uns in dieser Hörbuchfassung für genau 10 Stunden die eisige Kälte der Nordpolar-Region am eigenen Ohr spüren. Hier ist es die beeindruckende Perspektive eines Mannes, der nichts auf die leichte Schulter nimmt und sich seiner Verantwortung jederzeit bewusst ist, die uns fesselt. Es sind viele Aspekte dieser Drift-Fahrt, die neu sind. Er erzählt von der Bedeutungslosigkeit der Zeit in einer Region, in der alle Längengrade zusammenlaufen und alle Zeitzonen nur einige Meter voneinander entfernt sind. Er berichtet vom Notfall-Management an Bord, von der Klinik, die auf alle Zwischenfälle vorbereitet war. Bei ihm wird die Eisbärgefahr greifbar, weil bei den 60 Begegnungen mit dem majestätischen Tier auch die Wachsamkeit der Wächter die Lebensversicherung für die Besatzungsmitglieder garantierte. Er berichtet von der Lose-Lose-Situation der Eisbärwächter, wenn sie Auge in Auge mit den weißen Riesen entscheiden mussten, wohin sie mit ihrer Leucht-Knall-Munition zielten. Und er macht aus dem Unternehmen eine wirkliche internationale Kraftanstrengung, wenn hier die Beteiligung aller russischen Eisbrecher intensiv betrachtet wird, die an der Mission beteiligt waren.

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Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Markus Rex nimmt sich ausreichend Zeit für seine gezielten Appelle hinsichtlich einer nahenden Umweltkatastrophe, aus ihm spricht jahrelange Erfahrung, wenn er darüber berichtet, wie sich das Eis im Polarmeer verändert hat. Ihn versteht man, weil seine Ansichten kaum zu widerlegen sind. Ob seine Aufrufe dazu beitragen können, in unserer Gesellschaft mehrheitsfähige Entscheidungen herbeizuführen, bleibt fraglich. Ob seine Botschaften auch andere Gesellschaften erreichen, ist ebenso offen, weil sie oftmals nicht demokratisch strukturiert sind und einem weltweiten Konsens in Sachen Klimapolitik eher im Weg stehen. Aber Markus Rex ist ein Kämpfer. Mit den Daten von der Polarstern wird der MOSAIC-Expedition eine internationale Aufmerksamkeit zuteil, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und kaum wegzudiskutieren ist. Wir alle können uns an diesem Kampf für unsere Umwelt beteiligen. Er fängt ganz einfach an. Mit dem Zuhören. Hier zum Beispiel. Dieses Hörbuch stattet uns mit Argumenten aus, die wir so schnell nicht vergessen. Es fühlt sich an, als wären wir selbst ein paar Monate im ewigen Eis gewesen, nur um festzustellen, dass hier schon lange gar nichts mehr ewig ist.

Unvergessen bleiben Begriffe dieses Berichts in Erinnerung, die meine Fantasie in jeder Hinsicht beflügelt haben. Man sollte sich dieses Logbuch auf keinen Fall entgehen lassen, weil man um ein Abenteuer ärmer wäre, das unsere ganze Welt retten kann. Es geht um ein Schollen-Casting, Pfannkucheneis, Seerauch, Eisblink, eine quadratische Sonne, eine Festung im Eis, Nansenschlitten, einen Eisdrachen, Rammfahrten, einen Heimweg auf einem Klappfahrrad, eine Bordbar namens Zillertal, Weihnachten auf der Polarstern, Starwars-Charaktere sowie Halloween im Eis und die eine spezielle Scholle, die zur instabilen Heimat einer Expedition wurde…: „The special Snowflake„. Man ist auf der Polarstern gefangen und doch fühlt man sich, als wäre man am sichersten Ort der ganzen Erde… Besonders, als die ersten Nachrichten einer Pandemie die Runde machen. CORONA.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Hier wird „Eingefroren am Nordpol“ auch zur Geschichte einer Pandemie, die in der Lage ist, eine internationale Expedition zum Scheitern zu bringen. Der Austausch der wissenschaftlichen Teams, die Logistik, Heimflüge und frische Nahrungsmittel. Es hängt am seidenen Faden, obwohl die Menschen im Eis sich gerade am virenfreisten Ort der Welt befinden. Unfassbar beeindruckend erzählt, diese bedrohliche Phase der Expedition. Ich empfehle das Hören dieser Produktion von Der Hörverlag. Das Buch ist im Bertelsmann Verlag erschienen und bietet zahlreiche farbige Abbildungen. Wie auch immer man sich entscheidet, jeder Weg wird der richtige sein. Er endet nicht am Nordpol, er endet nicht mit der Heimkehr der Polarstern in Bremerhaven. Er setzt sich in unseren Köpfen fort und lässt uns bewusster in die Zukunft gehen.

Was bei Fritdjof Nansen begann, in der Polarliebe gipfelte und auf der Polarstern seine Fortsetzung findet, sollten wir nicht willkürlich beenden. 

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Expedition Arktis von Esther Horvath

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so möchte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

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Expedition Arktis von Esther Horvath und Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Mehr als hundert Jahre nach Fridtjof Nansen, ist es nicht mehr die Polarliebe, die uns zum Nordpol treibt. Es ist nicht mehr Abenteuerlust oder der Wunsch, den Nordpol als erster Mensch zu betreten. Es sind nun die Sorgen um das Weltklima und die Angst vor den Folgen einer globalen Erwärmung, denen man in der Polarregion auf die Spur gehen will. Doch wie könnte es gelingen, dort über den Zeitraum eines ganzen Jahres, wissenschaftliche Daten zu erheben, um zu neuen Ergebnissen zu gelangen? Es war Fridtjof Nansen, der mit der Fram gezeigt hatte, wie der wissenschaftliche Husarenritt gelingen kann. Drift, lautet das Zauberwort. Sich mit dem Schiff auf einer Eisscholle im arktischen Strom festfrieren lassen und sich so ein Jahr lang mit dem Packeis treiben lassen. Was gewagt und gefährlich klingt, hat heute einen Namen. „Polarstern“. Der Forschungs-Eisbrecher ist das Herzstück der MOSAIC-Expedition (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate), einem Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas, das sich nach langer Vorbereitungszeit im September 2019 auf den Weg ins ewige Eis begab.

Heute jedoch ist eine solche Forschungsexpedition nicht mehr im Alleingang zu bewältigen. 82 internationale Institute, Begleitschiffe, Flugzeuge und Hubschrauber, die feste Crew der Polarstern und hunderte von Wissenschaftlern, die sich abwechselnd in das Abenteuer stürzten, zeigen, welcher Aufwand hier betrieben wurde, um das Klima und seine Wechselwirkungen im Epizentrum des Klimawandels zu erforschen. Es war eine logistische Meisterleistung, ein Kunststück der Navigation, die Teamleistung einer eigentlich heterogenen Forschungsgemeinschaft und ein einzigartiges Erlebnis für die Teilnehmer der „größten Forschungsreise aller Zeiten„. Der großformatige Bildband „Expedition Arktis“ gibt uns die Möglichkeit, zum Teil der Besatzung zu werden. Hier haben wir die Chance, nicht nur zu lesen oder Ergebnisse zu analysieren. Wir dürfen an Bord der Polarstern gehen, weil die Expeditionsfotografin Esther Horvath es sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Augen zu unseren Augen zu machen. Durch sie, durch ihre Kamera und durch ihr Talent, mit ihren Fotografien Geschichten zu erzählen, hat diese Expedition jegliche Distanz verloren. Näher waren wir der Arktis nie zuvor.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

288 Seiten, Format: 24 cm (b) x 30 cm (h), 160 farbige Abbildungen (viele davon doppelseitig), Fakten basierte Informationen, Impressionen des Alltags auf dem Eis und an Bord, Kommentare der Crew und von Wissenschaftlern, ein Exkurs zum „Paten“ der Expedition, Fridtjof Nansen und das ausführliche Interview mit Esther Horvath, der Expeditionsfotografin. So könnte man das Buch „Expedition Arktis“ skizzieren. Aber das reicht nicht aus, um seine Wirkung zu beschreiben. Im hoch informativen Textteil zu klimatischen Veränderungen erhält man einen tiefen, und doch leicht verständlichen, Einblick in die dramatischen Veränderungen, auf die man während der einjährigen Reise gestoßen ist. Kipppunkte verlieren ihren rein abstrakten Charakter. Das ewige Eis, seine Qualität, sein Alter und seine Beschaffenheit erhalten besondere Bedeutung. Wir beginnen zu verstehen, dass es sich hier augenscheinlich nicht mehr um eine dauerhaft geschlossene Eisdecke handelt. Das muss man gesehen haben. Das muss man begreifen. Den Zugang zum Sehen und Begreifen findet man in diesem Bildband, der den Betrachter und Leser nicht mehr loslässt.

Hier erhält man einen lebendigen Einblick in die erheblichen Anstrengungen, die man aufbringen musste, um die Zukunft unserer Erde wissenschaftlich zu analysieren. Es sind die kleinen Geschichten an Bord der Polarstern, die uns verstehen lernen, was die Menschen der Expedition antreibt. Es sind Gefühle, die wir aufsaugen, damit wir in aller Klarheit begreifen, wie endlich die Schönheit der Arktis ist. Es ist eine Eisscholle, die zur unsicheren Heimat wird, es sind die Suchscheinwerfer der Polarstern, die dem Namen des Eisbrechers alle Ehre machen, es sind die Eisbärenwächter, ohne die man keinen Schritt wagen kann und es sind magische Momente auf dem Eis, die zeigen, in welcher Gefahr nicht nur wir sind. Eisbären auf der Suche nach Lebensraum und auf der Flucht vor der schmelzenden Lebensgrundlage. Eindringlich fotografiert von einer Fotografin, die viel mehr ist, als es die Berufsbezeichnung vermuten lässt.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Ein Gesamtkunstwerk, in dem die Fotografin vielleicht zugleich Abschied nimmt vom ewigen Eis. Man habe dem Eis beim Sterben zuschauen können. Eine Botschaft, die niemanden kalt lassen kann, weil das Eis seine schützende Funktion immer mehr einzubüßen droht. Gerade deshalb auch ein Bildband, den man mit Kindern betrachten sollte. Später kommt dann das Textverständnis dazu. Aber zuerst kann das Abenteuer faszinieren und Interesse dafür wecken, warum man sich für die Rettung der Umwelt engagiert. Ich liebe dieses Buch. Ich liebe die Reminiszenz an Nansen, der auch auf der Polarstern omnipräsent war. Man achte nur auf das Foto auf dem Tischchen in der Messe. Ich mag den Facettenreichtum der Expeditionsgeschichte. Der Gedanke, wie sich die Forscher fühlten, nach einem Jahr der Eisquarantäne wieder einen Kontinent zu betreten, der von Corona und tatsächlicher Quarantäne verändert war, hat mich im Herzen berührt. Diese Perspektivwechsel gelingen nur im Flutlicht einer ewigen Nacht auf ewigem Eis. Dieses Buch ist der Polarstern der wissenschaftlichen Bildbände.

Expedition Arktis von Esther Horvath - Astrolibrium

Expedition Arktis von Esther Horvath

Morgen unbedingt anschauen:

Der Tag für die Veröffentlichung dieser Rezension ist bewusst gewählt. Am 16.11. wird die High-End-Dokumentation „Expedition Arktis“ in der ARD ausgestrahlt. Schaut euch die Doku unbedingt an, sie wird anschließend in der Mediathek zu sehen sein, und dann könnt ihr euch die größte Forschungsreise aller Zeiten als Bildband ins Bücherregal eures Lebens holen. Polarliebe und Polarstern. Literatur zum Fest.

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Polarliebe von Sigri Sandberg und Anders Bache

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Expeditionen bestimmen mein Lesen. Auf den Spuren der großen Entdecker habe ich die Terra Incognita bereist, war sowohl am Nord- als auch am Südpol, habe viele Entbehrungen mit den Männern der legendären Expeditionsschiffe Erebus, Nimrod, Terror, Endurance und Fram geteilt. Ich war jahrelang unterwegs, bevor ich wieder in den Heimathafen einlaufen durfte. Ich scheiterte, wurde im ewigen Eis eingeschlossen, fand Zeichen der Expeditionen, die vor mir ihre Ziele erreicht hatten, habe mich einem globalen Wettrennen um Ruhm und Ehre angeschlossen und musste erleben, wie viele jener freiwilligen Helden nie wieder nach Hause kamen. Ich fror in ewigen Nächten auf dem ewigen Eis, floh vor Eisbären und war gezwungen, mich von Schlittenhunden zu trennen, obwohl sie stets die treuesten Weggefährten waren. Ohne diese literarischen und meine Fantasie beflügelnden Reisen, sähe mein Lesen anders aus. Ich war immer auf der Seite der ewigen Zweiten, jener Verlierer im Rennen um Anerkennung.

Allein der Mare Verlag hat mir mit seinem schier unerschöpflichen Sortiment von Büchern zu diesem Thema stets neuen Auftrieb gegeben. Ich wurde nicht nur zum Zeugen der vergangenen Abenteuer. Ich durfte Das Eis brechen und Beinahe Alaska erreichen. Ich wandele auf Spuren der Entdecker und diese Reise ist nicht beendet. In meinem Lesen gibt es noch viel zu entdecken, obwohl es heute keine weißen Flecken mehr auf unserem Planeten gibt. Alles ist entdeckt und vermessen. Und doch finde ich immer wieder neue Ansätze, meine Forschungsreisen fortsetzen zu können. Was war das für ein Leben, das die Abenteurer im 19. Jahrhundert führten? Was bedeutete es für ihre Familien, für ihre Ehefrauen, dass sie von Träumen besessen waren? Aspekte, die sich uns erst heute richtig erschließen, weil uns die Vorstellungskraft fehlt, sich aus der Komfortzone in die Todeszone zu begeben, nur um Erster zu sein.

Polarliebe - AstroLibrium

Polarliebe

Diesen Fragen geht „Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eisvon Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) auf den Grund. In einer hochwertig illustrierten und bebilderten Ausgabe öffnen uns diese beiden Autoren die Tür zu einer verborgenen Welt. Sie gewähren uns Zutritt zu den Privatarchiven der großen und kleinen Entdecker. Nicht jedoch in ihrer angestammten Rolle als Forscher, sondern hier sind es die Beziehungen, Leidenschaften und Lieben, von denen sie und ihre zurückgelassenen Frauen in ihren Briefen Zeugnis ablegen. Hier wird Distanz zur Bestimmungsgröße von Gefühl. Hier sind es die Trennungen und die Ungewissheiten, die den Rahmen von Beziehungen abstecken. Dieses Buch ist eine wahre Fundgrube, die in der heutigen Zeit die Maßstäbe des Vermissens neu definieren kann.

Polarliebe“ ist nicht nur ein Geschenk für Abenteurer und Entdecker. Es ist nicht nur ein Geschenk für Lesende, die den alten Expeditionen seit Jahren folgen. Nein. In meinen Augen ist dieses aufwendig gestaltete und grandios erzählte Buch das perfekte Geschenk für alle Sehnenden und Liebenden, für die es schon problematisch ist, wenn man sich ein paar Tage nicht sieht. Es ist ein Herzensgeschenk für alle Menschen, die an die Macht von Briefen glauben, weil sie wie ein magisches Band Zeit und Raum zu überwinden in der Lage sind. Hier paart sich die Ungewissheit der Heimkehr mit jener Ungewissheit, wann ein Brief sein Ziel erreicht hat und wann er beantwortet wird. Hier sind Briefe das einzige Band, das bis zu einer bestimmten Stelle auf der Landkarte im ewigen Eis halten kann. Danach bricht der Kontakt ab. Dann ist Ruhe. Es bleiben nur die letzten Zeilen, die Hoffnung und die Liebe, die auf die größte Belastungsprobe im Lauf eines gemeinsamen Lebens gestellt wird. Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Zeitlosigkeit des handgeschriebenen Wortes!

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Polarliebe

Hier treten die Ehefrauen der Entdecker aus dem Schlagschatten ihrer Männer. Hier verlieren sie ihre nur betrachtenden, beobachtenden, wartenden, passiven Rollen und werden zum wesentlichen Teil der Expeditionen. Sie sind Rettungsanker. Teil der Crew und Motivatoren zugleich. Ohne ihre Anziehungskraft hätte so mancher Forscher den Weg nach Hause nicht mehr gefunden. Wenn ER sich zum Nordpol aufmacht, ist SIE der magnetische Südpol, der ihn anzieht. Wenn ER im Packeis gefangen ist, weiß SIE das Eis zu schmelzen. Wenn ER in der ewigen Nacht in Dunkelheit versinkt, ist es IHR Foto in seiner Kajüte, das Strahlkraft und Wärme verströmt. Dieses Buch ist mehr als magisch, wenn es darum geht, die Begriffe Halt und Zuneigung zu untermauern. Es ist gewaltig, wenn es beschreibt, was lebenslange Treue bedeutet und es ist tragisch in den Momenten, in denen klar wird, dass die Liebe über den Tod hinaus Bestand haben muss.

Es sind die Amundsens, Nansens, Pearys und Scotts, die uns hier tiefste Einblicke gewähren. Es sind Schiffe, wie Nansens Fram, Schlitten und Heißluftballone mit denen wir uns in Lebensgefahr begeben. Es sind die Schreibtische der hoffenden Ehefrauen, die wir stets im Blick haben. Es sind die Briefe, die wir lesen dürfen – immer ein wenig im Gefühl von Indiskretion, weil sie nicht an uns adressiert sind. Und es sind die Bilder, die von einer gemeinsamen glücklicheren Zeit zeugen, aber auch die Einsamkeit in der Welt des ewigen Eises dokumentieren. Es ist das Unfassbare, was so plötzlich greifbar wird. Die Expedition von Fridtjof Nansen zum Beispiel, bei der er sich mit seiner Fram im Packeis festfrieren lässt, um sich zum Nordpol driften zu lassen. Briefe der Eheleute wandern hin und her. Bis zu dem Tag, an dem die Drift beginnt. Dann? Monologe. Stille Zwiesprache. Hoffen. Geduld. Aber niemals Zweifel. Bis sie DREI Jahre später wieder von ihm hört und nur antwortet: „Wo soll ich Dich treffen? Eva

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Polarliebe

Es sind neun Geschichten, in die sich die Autoren der Polarliebe intensiv und voller Empathie hinein recherchiert haben. Jede für sich bewegend, anrührend und unglaublich lesenswert. Es sind Geschichten, die man nicht vergisst, weil sie bisher in dieser Art und Weise unerzählt sind. Jede Episode endet mit einem Epilog, der es in sich hat. Dabei gehen die Autoren sachlich und mit genügend Distanz zu Werke. Sie dramatisieren nicht. Sie lassen das Reale wirken. Und dann sind es ein paar Sätze von ihnen, die unsere Schleusen öffnen. Es sind die Momente, in denen sie die Distanz zu verlieren scheinen und dem Gefühl Raum gegeben. Gerade diese Momente lassen uns innehalten, weil wir dringend Taschentücher brauchen. Die festgefrorenen Tränen im Augenwinkel werden zu Schmelzwasser des guten Lesens.

Denkt an mich, wenn ihr Polarliebe lest. Denkt an mich, wenn ihr Anna Charlier und Nils Strindberg begegnet. Wappnet euch allein vor dieser Geschichte. Sie wird euer Herz brechen, es zu Eis gefrieren lassen und dann auftauen. Ihr werdet mit Nils einen Heißluftballon besteigen. Ihr werdet den Nordpol überfliegen wollen. Ihr werdet euch kurz vor Beginn der Reise unsterblich in Anna verlieben. Ihr wollt nach dem Ende der Expedition heiraten. Sie soll nur sechs bis sieben Tage dauern. Wir schreiben das Jahr 1897. Wir heben ab. Anna bleibt zurück. Dreiunddreißig Jahre lang. Was dann folgt, was dann zu lesen ist, wie wir dann vor dem Epilog sitzen, das ist dann kein Buch mehr. Das ist auch mit meinen Worten nicht zu beschreiben. Lest es selbst…

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Polarliebe

Meine Reise endet nicht hier. Am Tag, als ich die Polarliebe beendete, kehrte die „Polarstern“ in den Heimathafen Bremerhaven zurück. Die größte Polarexpedition aller Zeiten hatte sich nicht dem Entdecken von neuen Territorien verschrieben. Es war der Klimawandel, den man erforschen wollte. Und nun schließen sich erneut Kreise in meinem Lesen. Die Polarstern ließ sich im Packeis der Arktis festfrieren, um mit dem Eis zu driften. Ein Jahr lang. Mitten hinein ins Epizentrum der Klimakatastrophe. Auf der gleichen Route eines Fridtjof Nansen und seiner Fram. Nach „Polarliebe“ liegt es auf der Hand, auch der Polarstern zu folgen.

Es kann kein Zufall sein, dass genau jetzt Expedition Arktis von Esther Horvath erschienen ist. Der wissenschaftlich geprägte Bildband der preisgekrönten Fotografin (Mit ihrem Eisbärenfoto aus der Arktis hat Esther Horvath den 2020 World Press Photo Award gewonnen) wird um die Sichtweisen der Expeditionsteilnehmer, Wissenschaftler und weiterer renommierter Experten ergänzt und somit zu einem Expeditionsbericht der ganz besonderen Art.  Ich bin dem Prestel Verlag unglaublich dankbar, dass mich das Buch so schnell erreicht hat. Ich drifte jetzt davon. Aber niemals ab. Bis gleich an Bord der Polarstern. Hier geht´s lang… Leinen los

Polarliebe und Polarstern - Es geht weiter - AstroLibrium

Polarliebe und Polarstern – Es geht weiter

Hier geht´s zum Logbuch des Expeditionsleiters: Markus Rex – Eingefroren am Nordpol“ – Eine andere Sicht auf die Expedition.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex