Abendflüge von Helen Macdonald

Abendflüge von Helen Macdonald - Astrolibrium

Abendflüge von Helen Macdonald

Ich war literarisch hin- und hergerissen, als ich Helen Macdonald zum ersten Mal begegnete. Einerseits faszinierte mich die wahre Geschichte ihres Greifvogels, den sie zähmen wollte, andererseits stieß mich die Opferrolle ab, in der sich die Schriftstellerin zu baden schien, während sie an der Wildheit von Mabel verzweifelte. „H wie Habicht“ polarisierte und begeisterte in gleichem Maß. Selten schrieb eine Autorin so offenherzig über den verzweifelten Wunsch, den Tod ihres eigenen Vaters kompensieren zu wollen und dabei ausgerechnet dieser schier unlösbaren Aufgabe verfallen zu sein. Selten ist es einer Autorin so facettenreich gelungen, mich hinter die wahren Beweggründe ihres Handelns blicken zu lassen. Und nie zuvor habe ich die wilde Schönheit eines Vogels so intensiv erlesen dürfen. Nichts war mit diesem Habicht vergleichbar.

„Für mich war sie etwas Helles, Lebendiges, etwas,
das seinen sicheren Platz für sich gefunden hatte.
Sie sprühte geradezu vor Leben…“
 

Als kurz danach das eigentlich viel früher geschriebene Buch „Falke – Biographie eines Räubers“ erschien, schloss sich ein Kreis in meinem Lesen. Hatte ich Mabel als Teil einer autobiographischen Erzählung sehr lebendig wahrgenommen, und war ich hinsichtlich der theoretischen Grundlagen der Greifvogel-Zähmung völlig unbeleckt, so zeigte dieses Buch den geschichtlichen und ornithologischen Hintergrund der Falknerei, der es mir noch leichter machte, der Faszination von Mabel endgültig zu erliegen. Seit vier Jahren nun stehen diese beiden einzigartigen Bücher in meinem Bücherregal und flattern ab und zu mit ihren Seiten, wenn neue Geschichten über Vögel oder Federn in der kleinen literarischen Sternwarte landen. Jetzt jedoch ist das Buchgeflatter zu einem wilden Sturm mutiert… Aus gutem Grund… Helen Macdonald hebt wieder ab. 

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Abendflüge von Helen Macdonald

Jetzt sind sie vereint, jetzt sind sie zu dritt, wenn sie von der Liebe zur Natur, von der großen Erzählkunst einer Autorin und der unendlichen Magie der Welt berichten, die sich uns fast nur noch im Hörensagen erschließt. Der Natur. Es sind Essays, die Helen Macdonald in den vergangenen Jahren zu diesem Themenkreis verfasst hat, die sich in dieser Edition unter der Überschrift „Abendflüge“ zu einem literarischen Formationsflug vereinen, der den Habicht und die Falken in die Flugmanöver einschließt. Wir finden 41 extrem lesenswerte und inspirierende Texte, in denen unsere Perspektiven verschoben, Wahrheiten aufgerüttelt und Gefühlsebenen neu erschlossen werden. Dieses Buch ist ein gebundener Umweltaktivist, der ohne erhobenen Zeigefinger auskommt, sondern durch den aktiven Prozess des Lesens zu überzeugen und zu fesseln weiß. Wir erleben etwas, das nicht mehr erlebbar ist, weil wir uns der Natur nicht mehr ausliefern. Wir sind nur noch Zuschauer. Betrachter. Hier legt Helen Macdonald ihre Finger in eine Wunde, die wir nicht verleugnen können.

Sie schreibt keine Anklageschriften, formuliert keine Thesen oder Forderungen. Sie erzählt von sich, aus ihrem Leben, lässt uns teilhaben an ihrer Unsicherheit, wenn es um die Liebe zur Natur geht. Sie beschreibt die veränderte Wahrnehmung, wenn in ihrer Erinnerung die Natur ihrer Kindheit mit der heutigen Realität kollidiert. Die Essays wirken wir kleine Schneebälle. Zuerst wirken sie erfrischend, lassen uns aufatmen und öffnen unsere Herzen für die kleinen Begebenheiten im Leben der Autorin. Doch dann wird aus den Flocken und Bällen eine Lawine, der wir uns nicht entziehen können. Es gelingt Helen Macdonald fast spielerisch in ihren Texten Zusammenhänge zu erklären, für die manches Sachbuch ganze Kapitel benötigen würde. Man muss sich einfach auf die „Abendflüge“ einlassen, wenn man zuvor dem Habicht und den Falken folgte. Es ist ein erhellender Hochgenuss, in der ersten Abenddämmerung zum Wesen der Natur vordringen zu können.

„Ich wünschte, es gäbe mehr Magie auf dieser Welt.
Und dann tauchen die Hirsche und Rehe auf und sagen: Bitte sehr.“

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Abendflüge von Helen Macdonald

Helen Macdonald lässt uns einen Blick in die Wunderkammer ihrer Erinnerungen werfen. Ihre Essays gleichen wertvollen Exponaten in Schaukästen der Naturschützer und doch sind sie voller Leben, weil die Autorin sie nicht hinter Glas präsentiert. Es ist leicht, ihr in ihre Erzählungen zu folgen, erlernte Sichtweisen zur Natur abzulegen und sie wieder so zu fühlen, wie wir es als Kinder einst erleben durften. Ihre Essays sind in jeder Hinsicht perfekt geeignet, um uns in ihnen zu verlieren und Dinge zu entdecken, die wir nie wieder sehen würden. Welche Rolle spielt ein Nest für einen Vogel? Haben wir uns als Kinder gefühlt wie Nesthäkchen und was bedeutet es, flügge zu werden? Was sind eigentlich Haustiere? Wie bestimmen wir das Fremde in der Natur? Kennen wir die wilden Tiere noch oder verlassen wir uns auf Kataloge? Wo ist das Wissen der Großeltern hin, für die Wald und Natur keine Rätsel waren? Was ist mit dem Staunen über unsere Wahrnehmung, wenn sie sich an der Realität zu reiben beginnt?

Es sind viele Texte, die tief in Erinnerung bleiben. Es ist die Orientierungslosigkeit von Vögeln, die wir gerne in Kauf nehmen, wenn ein Wolkenkratzer in bunten Farben angestrahlt wird. Es ist die Lichtverschmutzung, die wir verursachen und die für jeden Vogel, der den Luftraum mit uns teilt zum Desaster wird. Wie gehen wir Menschen in unserer Wahrnehmung mit dem Verlust von Licht um? Kann eine Sonnenfinsternis in uns Urängste und Traumatisierungen auslösen? Und neben diesen Ängsten bleibt Platz für die Schönheit. Es bleibt Raum für Schwanenzählungen, für Feldhasen und Wild im Scheinwerferlicht. Wir begegnen Mauerseglern, Falken und Glühwürmchen. Wir sehen die Naturwunder vor unseren Augen und bemerken, dass sie eigentlich immer sichtbar waren. Wir haben nur weggeschaut. „Abendflüge“ ist Fernglas und Brille zugleich. Es ist die kollektive Wahrheit der einzelnen Geschichten, die zu einer Lawine aufwächst, für die wir im ersten Moment kaum Worte finden. Ein Vogelschwarm macht uns stumm und ehrfürchtig…

„Wird man mit derart gewaltigen Scharen schlagender Flügel konfrontiert,
muss Sprache scheitern.“

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Abendflüge von Helen Macdonald

Von Verlagen getrennt liegt nur das kleine Gesamtwerk von Helen Macdonald in unseren Händen. Cover- und Buchdesign gehen hierbei Hand in Hand und sprechen eine deutliche Sprache. Diese Bücher gehören in eine gemeinsame Voliere des guten Lesens. Man darf sie nicht einsperren und sollte sie nicht zähmen. Sie sind jetzt schon fast ein kleiner Bücherschwarm, der uns zum Schwärmen verleitet. Die Autorin schließt weitere Kreise zu ihrem früheren Schreiben und das Auftauchen einer kleinen Ziege in einer kurzen Geschichte zeigt, wie sehr die Erinnerung an den eigenen Vater auch hier von großer Bedeutung ist. Es zeigt aber auch, wie heilsam sich das Schreiben im Lauf der Zeit auf die Autorin ausgewirkt hat. „Abendflüge“ ist ein Grundnahrungsmittel einer gesunden emotionalen Intelligenz, ohne die wir die Welt nicht richtig wahrnehmen. Ich kann diese Sammlung wertvoller Essays nur von Herzen empfehlen. Nicht nur für uns selbst sind diese Texte wertvoll.

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Abendflüge von Helen Macdonald

Sie sind das perfekte Rüstzeug für die ganz kleinen und neuen Beobachtungen der Natur an der Seite von Kindern. Nehmt sie mit auf die Abendflüge und zeigt ihnen die Wunderkammern eurer Erinnerungen. Die Natur wird es euch danken.

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„Signifying Rappers“ von David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Was ich mit David Foster Wallace gemeinsam habe? Augenscheinlich eigentlich nicht viel. Ich bin seinem Schreibweg auf meinen ganz eigenen Lesepfaden gefolgt und habe mich durch seine Bücher gefressen, gefreut und gequält. Habe vieles nicht immer sofort verstanden, vieles deutlich unterschätzt, mir vieles in unendlichen spaßfreien Fußnoten mühevoll erarbeitet und letztlich viele seiner Inspirationen aufgesaugt, wie ein trockener Schwamm.

Die größte Gemeinsamkeit mit ihm ist jedoch, dass ich keinerlei Ahnung von Rap-Musik habe. Nicht den leisesten Hauch. Weder in seiner Dimension als Subkultur, noch in seiner heutigen Relevanz und Brisanz. Es ist nicht gerade meine Musik und die Rapper, die unmelodisch provokant durch die Welt arrhythmisieren, gelten für mich nun auch nicht unbedingt zu den absoluten Vorzeigekünstlern unserer Gesellschaft. Das ist ganz einfach eine Frage meines persönlichen Geschmacks.

Aber ist es immer so einfach mit GESCHMACK? Oder mache ich es mir zu leicht?

David hatte auch keinen blassen Dunst von Rap, als er auf der ständigen Suche nach interessanten Themen und getrieben von der Rastlosigkeit eines Menschen, der von den aufziehenden dunklen Wolken seiner Depressionen immer weiter umhüllt wird, beginnt über den Rap zu schreiben. Im Alter von 27 Jahren hatte er 1989 alle Höhen und Tiefen eines von der Literatur besessenen Menschen bereits hinter sich.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Die Flucht aus einem zu erwartungsvollen Elternhaus, ein erfolgreich absolviertes Literatur- und Philosophie-Studium mit Auszeichnung, eine Examensarbeit, die zum viel beachteten Debüt wurde. „Der Besen im System“ erregte 1987 erhebliches Aufsehen. Die schon früh einsetzende Erkenntnis, immer tiefer an Depressionen zu leiden und dabei unglückliche Lieben in beharrlicher Beziehungsunfähigkeit magisch anzuziehen, machten aus ihm einen verzweifelten Menschen, dem nur seine literarische Begabung blieb, um der realen Welt zu entfliehen.

Die Jahre zwischen 1985 und 1990 waren durch Zusammenbrüche bestimmt. Seine beruflichen Ambitionen wurden von reinem Sicherheitsdenken dominiert. Er brauchte eine Krankenversicherung, die er so nur in Verbindung mit einer festen Lehrtätigkeit an einer Universität abschließen konnte. Druck baute sich auf in diesen Jahren. Ein Druck, den ein kranker Mensch absolut nicht ertragen kann und der sich zu immer größeren Blockaden multiplizierte. Einen Selbstmordversuch verheimlichte er selbst besten Freunden.

Schreibend war er in den kreativen Zwischenzeiten umtriebig. Foster arbeitete mit vielen Unterbrechungen an einer Reportage über die amerikanische Pornoindustrie und verzettelte sich oftmals in Projekte, die der reinen Inübunghaltung des wachen Geistes dienen sollten. Als es ihn dann nach Boston verschlug lebte die alte College-WG mit dem angehenden Schriftsteller Mark Costello wieder auf. Spaß haben, Leben genießen und schreiben, so lautete ihre Philosophie und so begegneten sie erstmals einer ganz eigenen Szene. Einem Sound, der sie auf den Straßen umgarnte. Dem RAP.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace (re) und Mark Costello (li)

Von Tuten und Blasen keine Ahnung tauchen die beiden tatendurstigen Freunde wie „Bleichgesichter“ in eine farbige Welt ein, von der sie bisher nur die Beats jenseits der Straße wahrgenommen hatten. Sie planen schnell, eine gemeinsame Betrachtung der Rap-Kultur zu Papier zu bringen. Für Mark Costello nun wirklich keine leichte Aufgabe, denn als zurechnungsfähig und auf geistiger Höhe kann und darf man seinen Freund David Foster Wallace zu diesem Zeitpunkt nicht bezeichnen.

Alkohol und Drogen spielen eine große Rolle in seinem Leben, aber es geschieht, was immer passierte, wenn er sich ein literarisches Ziel gesetzt hat. Sein Blick schärft sich und angetrieben von Neugier und seinem guten Freund (also zwei Rettungsankern dieser Zeit) läuft der noch junge Autor, der inzwischen als literarisches Wunderkind mit Mega-Minderwertigkeitskomplexen gilt, zu absoluter Höchstform auf.

Die Performance stimmt.

In dieser Zeit entsteht mit „Signifying Rappers eine ungewöhnliche essayistische Betrachtung einer subversiven und hochaktuellen Subkultur und versehen mit dem sehr eingängigen Untertitel: „Warum Rap, den Sie hassen, nicht ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit“ erblickt das kleine Werk schon 1990 das Licht der US-amerikanischen Buchwelt.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Dieser Untertitel spricht Bände und nimmt alle subjektiven Bewertungen vorweg. Es handelt sich also augenscheinlich um einen Essay, der sich an Leser richtet, die dem behandelten Gegenstand, der Rap-Musik, hassend gegenüber stehen. Darüber hinaus wird die anscheinend spießig desinteressierte Zielgruppe aufgerüttelt und mit einem der Stilmittel des Rap, der Provokation, auf den scheißinteressanten Inhalt der Message gestoßen, obwohl die erzielte Anstößigkeit eben genau das Ziel des Werkes darstellt. Da fühlt man sich doch angesprochen… oder?

Jedenfalls haben die beiden Autoren in mir den perfekten Leser gefunden und es dabei tatsächlich geschafft, mich im Buch zu halten, obwohl ich dieser Musikrichtung wenig abgewinnen konnte. BISHER. Hierbei waren die vielen aufgeführten Songs, die wie eine Playlist anmuten im ersten Moment nicht sehr hilfreich für mich. Sie gehören, wie die meisten der aufgeführten Rapper, der Vergangenheit an und können aus heutiger Sicht vielleicht noch als Pioniere einer Subkultur bezeichnet werden.

Was ich aber umso mehr verstanden habe, ist die ungeheuerliche Brisanz des Rap, der sich in vielen Bereichen von anderen Musikstilen unterscheidet. Rap ist politisch, schnell, provokant und wohl nur aufgrund dieser sehr unkonventionellen Art ein wichtiger Indikator für die Stimmung auf der Straße. Rap ist unterprivilegiert und repräsentiert die Macht der Underdogs in ganz besonderer Art und Weise.

David Foster Wallace - Ein Lebensleseweg

David Foster Wallace – Ein Lebensleseweg

Obwohl „Signifying Rappers“ vor 15 Jahren geschrieben wurde und für seine erste Auflage bei Kiepenheuer & Witsch (genial von Ulrich Blumenbach übersetzt) mit einem neuen Vorwort von Mark Costello versehen wurde, scheint es gerade dieser Hauch des Vergangenen zu sein, der aus einer aktuellen Betrachtung von einst ein essayistisches Standardwerk über den Rap werden lässt. Die Musik des Jahres 1990 wird abstrakt und man schärft den Blick auf die Rapper der heutigen Zeit.

Seismographen für Ungerechtigkeit, Intoleranz und Willkür. Provokante Rufer in der Wüste, die sich auflehnen, wo Missstände um sich greifen. Unbequeme Quergeister, die mehr Menschen unmittelbar erreichen, als die scheißuninteressante gequirlte Kacke des Establishments. Der Rap in seiner ureigenen Form bahnt sich seinen eigenen Weg. Er ist die Stimme der Straße und vermag viel mehr zu bewegen, als man ihm zutraut. Er ist anstößig. Das heißt, er stößt an, was sonst garantiert unwidersprochen bliebe.

Es ist scheißinteressant zu lesen, wie zwei weiße Außenseiter versuchen, die Innenansichten einer schwarzen Musikbewegung zu erklären. Es ist scheißinteressant über den Tellerrand einer Subkultur zu schauen, die heute als HipHop schon zur Elite gehört und dem Establishment beharrlich in die Suppe spuckt. Und letztlich ist für mich ganz persönlich scheißinteressant gewesen, in diesem Essay zweier Freunde, jenen David Foster Wallace zu treffen, der mein ganzes Lesen erst einige Jahre später mit dem Unendlichen Spaß und Der bleiche König veränderte und mir die größte Anstiftung zum Denken mit auf den Weg gab.

Ach David…

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Editorial: Die David-Foster-Wallace-Biografie von D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichteeignet sich hervorragend zum besseren Verständnis und zur präzisen Einordnung des Essays in das kurze Lebenswerk meines Herzensautors, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm.

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