Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Expeditionskreuzfahrt. Klingt das nicht verlockend? Nun gut, in Zeiten von Corona vielleicht nicht gerade. Das bekommt die Branche sehr deutlich zu spüren. Aber waren solche Abenteuerreisen vor der weltweiten Pandemie ein reines Vergnügen? Ging man als anderer Mensch von Bord, nachdem man mit einem Postschiff der Hurtigruten im Polarmeer war? Ist ein Eisbrecher in der Lage, unser inneres Eis zu schmelzen, oder muss man sich von solchen Träumen verabschieden, weil man nicht alleine unterwegs ist, und die Gesellschaft anderer Kreuzfahrer zu legendären Havarien führen kann. Ich denke da an David Foster Wallace und seine Reportage Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne micheinen fulminanten Abgesang auf den Zauber der Kreuzfahrten und eine Generalabrechnung mit dem Massentourismus auf hoher See. Wer nach der Lektüre dieses Buche noch singt „Eine Kreuzfahrt, die ist lustig„, dem ist nicht mehr zu helfen. Weder an Land, noch zu Wasser… David hat es selbst erlebt.

Seine Schilderung des maritimen Bordalltags gleicht einer Überdosis sozialkritischer Realsatire. Seine Beobachtungen erreichen an Bord der Zenith ihren Höhepunkt, wenn er das Verhalten seiner Mitreisenden und des gezwungen lächelnden Servicepersonals in aller Klarheit aufs Korn nimmt. Legendäre Passagier-Fragen wie: „Schläft die Crew auch an Bord?“ oder „Wird man beim Schnorcheln nass?“ bilden nur den Rahmen für den Wallace´schen Schiffskörper. Schrecklich amüsant zu lesen. Umso gespannter war ich nun auf „Beinahe Alaska“ von Arezu Weitholz. Eine Expeditonskreuzfahrt von Grönland nach Alaska, die Arktis, das Polarmeer, Packeis, Eisberge, Polarlichter, Eis, Eis und nochmal Eis und die unsichtbaren Spuren der großen Entdecker. Ja, das hat mich verführt, beim Mare Verlag einzuchecken und die Autorin lesend zu begleiten.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Was anmutet wie die Reportage einer Autorin, die sich auf einer Recherchereise im Polarmeer befindet, entpuppt sich schnell als literarischer Paukenschlag. Was ich mir auch immer von dieser Lesereise versprochen hatte, Arezu Weitholz räumt schon mit ihren ersten Worten gewaltig mit meiner Erwartungshaltung auf. Es fühlt sich so an, als würde sie mich wie selbstverständlich beiseite nehmen und mir erklären, wovon ich mich bitte verabschieden solle, bevor ich mich an Bord der MS Svalbard begebe. Das erzeugt Nähe und Vertrauen. Das dämpft nicht, das macht neugierig. Der Sog in diese Geschichte über eine Frau und das Polarmeer beginnt schon hier, mich in die Tiefe zu ziehen:

„Es wird keinen Mord geben, keine Leichen, kein Monster, keinen Unfall, keine abgefrorenen Nasen oder Zehen. Es wird niemand schneeblind werden, keiner wird ertrinken oder festfrieren, sich das Bein brechen oder einen Anfall erleiden.“

„Es wird kein Mann und auch keine Frau über Bord gehen, es wird nicht knapp, nicht eng, nur kalt und gelegentlich ein bisschen böse. Die Abgründe bleiben in den Menschen.“

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Nachdem das also geklärt ist, wendet sich die Autorin mir erneut zu und verrät, was ich zu erwarten habe. Und bei Gott, sie hat sich nicht weit aus dem Fenster ihrer Kabine gelehnt. Alles ist eingetroffen. Alles ist genau so passiert und nichts davon ist geeignet, jemals vergessen zu werden. Arezu Weitholz hat Wort gehalten und mir eine Polarreise und ihren eigenen Blick auf dieses Welt ins Herz geschrieben.

„Sie werden aus dem Fenster sehen, in ihre Bücher – und aufs Meer, Sie werden mit einem Schiff fahren und aufs Meer schauen.“

Ich habe in „Beinahe Alaska“ dieses BEINAHE schätzen gelernt und meinen Blick aufs Wesentliche gerichtet. Ich habe beinahe eine Reise unternommen, bin beinahe in der Arktis an Land gegangen, traf beinahe auf Menschen, die sich an Bord fühlten, wie die Entdecker der Nordwestpassage, sprach beinahe mit Crewmitgliedern über die Liebe zum Meer, erreichte beinahe Alaska und erkannte beinahe eine Schriftstellerin, die sich auf der Svalbard neu entdecken wollte. Ich versank beinahe erneut in meinen Büchern über Polarexpeditionen und fühlte beinahe körperlich, was es bedeuten kann, beinahe glücklich zu sein. Beinahe mag sich anhören, wie fast oder unvollendet. Nah dran und doch nicht am Ziel. Arezu Weitholz gelingt es, uns mit den vielen Beinahes unseres Lebens zu versöhnen und die Welt neu zu entdecken.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Ja, ich habe aus dem Fenster geschaut, das Polarmeer beobachtet und in meine Bücher gesehen. Ich habe nie entdeckte Länder mit eigenen Augen gesehen und nie geküsste Typen erlebt. Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, wenn mir vor Augen geführt wurde, wie es der „Erebus“ in diesen Gewässern erging. Ich folgte der Autorin in ihre Gedankenwelt, in der es ohne feste Bezugspunkte keine Orientierung geben kann und das Leben nur dazu verleitet wird, einem einen Streich zu spielen. Im Scheitern erlebte ich die Chance neuer Herausforderungen und stand doch kurz davor auch in diesem Buch eine Meuterei zu erleben, weil zahlende Passagiere niemals zu begreifen in der Lage sind, der Natur Rechnung zu tragen. Ich stand im Dialog mit den Büchern meines Lesens, die mich schon zuvor in diese Region entführt hatten. Und ich zog erneut den „Goldenen Atlas“ von Edward Brooke-Hitching zu Rate, um den Routen der ersten Forscher im Polareis zu folgen. Alle Bücher sprachen plötzlich miteinander

Wenn Julien Blanc-Gras davon träumt, „Das Eis brechen“ zu können, zeigt uns Arezu Weiholz, was ein echter Ice-Breaker ist. Mit ihr erleben wir Touristen von ihrer schlimmsten Seite, Fremde auf wundersame Weise und Distanz mit neuem Maßstab. Dabei schreibt sich Arezu Weitholz in einen Erzählrausch, der dem Abenteuer, das auf uns wartet, gerecht wird. Wo sie kritisch mit Kreuzfahrten ins Gericht geht, bleibt kein Auge trocken. Wenn sie die Natur verteidigt, wird Green Peace blass und, wenn sie sich selbst infrage stellt, sind die Leser die einzigen an Bord, die für sie in jedwede Bresche springen würden. Innenansichten wechseln mit Außenansichten und weisen den Weg zur inneren Balance. Sprachgewaltig, romantisch, verliebt und unsicher. So erleben wir eine Frau an Bord eines Eisbrechers, der auch ihr Eis langsam beiseite schiebt. Wundervolle Literatur im Ambiente von Polarlicht und Eisbergen.

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - AstroLibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Am Ende der Reise steht fest, dass man nicht dort ankommt, wohin man eigentlich aufgebrochen war. Insofern steht diese Geschichte für das ganze Leben. Wir werden zu Entdeckern unserer eigenen Ungeduld und entschleunigen von Seite zu Seite mehr. Es sind die Gedankenspiele der Autorin, die lange nachhallen. Bilder, die sich auch im Polareis bis in unsere Gedanken vorschmelzen. Warum wird man als alleinstehend und nicht als alleinlaufend bezeichnet? Ist das Singledasein wie ein Stillstand? Wie fühlt es sich an, wenn man glaubt, andere Menschen besäßen ein Lineal fürs Glück? Und was ist das für eine Natur, die einfach unmalbar ist? Diese feinsinnige Sprache der Autorin veredelt diesen Reisebericht, in dem sie beinahe selbst sichtbar wird. Man glaubt, ihr beinahe selbst zu begegnen, wenn sie sich in ihren Gedanken treiben lässt. Immer frei, niemals im Packeis gefangen.

Das Interview mit der Autorin in der Zeitschrift der Meere No 142 von Mare liest sich wie ein Schlüssel zu einer Schatztruhe. Sie ist vieles in diesem Buch und doch ist sie eben vieles nicht. Es sind ihre Augen, die alles sehen und ihre Gefühle, die uns die Bilder näherbringen. Alleinstehend oder alleinlaufend jedoch ist sie nicht. Sie pflegt jene Distanz zur Erzählerin und Beobachterin dieser Expeditionskreuzfahrt und befreit sich auf diese Weise vom Maßstab einer Reisereportage. Beinahe hat sie damit Erfolg Beinahe hat sie mich auch davon überzeugt. Beinahe ist das ein schönes Buch. Ja, das schreibe ich hier in voller Überzeugung und bin mir ganz sicher, dass die Autorin dieses Prädikat mit einem geschmeichelten Schmunzeln akzeptieren wird. Sie hat mir beigebracht, dass beinahe mehr ist, als man vermuten könnte… Es ist das pure Glück!

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz - Astrolibrium

Beinahe Alaska von Arezu Weitholz

Als ich schon dachte, ich hätte die MS Svalbard mit heiler Haut verlassen, kam ein neues Buch aus dem Mare Verlag an. „Polarliebe„. Ich las es sofort im Anschluss und wurde in die Zeit der großen Entdecker zurückgeworfen, die auch Arezu Weitholz am Horizont auftauchen lässt. Erneut begann ein intensiver Dialog mit meinen Büchern, von dem hier noch die Rede sein wird. „Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ – ein Buch, das selbst meine eisigsten Tränen zu Schmelzwasser am Nordpol werden ließ. Hier geht´s zur Rezension.

Beinahe Alaska und Polarliebe - Mare Verlag - AstroLibrium

Beinahe Alaska und Polarliebe – Mare Verlag

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.

EREBUS von Michael Palin

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Wir schreiben das Jahr 1845. Zwei Schiffe machen sich in England auf den Weg, die letzte offene Frage der Seefahrt zu klären und im arktischen Eis den verborgenen Weg durch die legendäre Nordwestpassage zu finden. 134 Seeleute folgen dem Oberbefehl von Sir John Franklin, dem nicht unumstrittenen Konteradmiral und Polarforscher. Er war nicht die erste Wahl für das Kommando dieser Expedition. Er galt als zu alt, viel zu behäbig und konnte nicht viele Erfolge vorweisen. Es war nur seiner Frau Jane Griffin, Lady Franklin zu verdanken, dass man ihn mit der Führung der prestigeträchtigen und kostspieligen Aufgabe betraute. Sie hatte alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr Netzwerk aktiviert und ihren Einfluss geltend gemacht, um ihren Mann unsterblich zu machen.

Unter seinem Kommando stießen die „Erebus“ und die „Terror“ in See. Gerüstet für eine mehrjährige Expedition, aufwendig umgebaut und für die arktische See perfekt ausgestattet, verließen die beiden Schiffe das britische Greenhithe. Hier beginnt eines der größten und lange Zeit ungeklärten Rätsel der Forschungsgeschichte. Nachrichten blieben aus. Zuerst nicht ungewöhnlich. Dann jedoch, nach zwei Jahren wurde man im Oberkommando der Marine zusehends nervös. Und nicht nur dort. Lady Jane Franklin baute einen unwiderstehlichen Druck auf, endlich nach ihrem Mann und den beiden auf See verschollenen Schiffen zu suchen. Elf Jahre lang dauerte die verzweifelte Suche in der Arktis, bevor erste Spuren und Beweise für das Scheitern der Expedition gefunden wurden. Beweise, die das Empire in helle Aufregung versetzten, machte sich doch das Gerücht breit, beide Schiffe seien gesunken und die Überlebenden hätten sich auf dem Weg durch das ewige Eis vom Fleisch ihrer toten Kameraden ernährt. Bis auch sie den Geist aufgaben. Unvereinbar mit den britischen Moralvorstellungen. (Weiterhören)

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin – Der PodCast zur Rezension ist verfügbar…

Bis zum heutigen Tag ist nicht alles geklärt. Bis heute ranken sich Geheimnisse und offene Fragen um das Schicksal der verlorenen Expedition. Spekulationen gehen Hand in Hand mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist schwer, sich einen Überblick über den Stand der Dinge zu verschaffen. Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen fällt schwerer denn je. Genau hier setzt Michael Palin in seinem Buch „Erebus“ an. Genau der Michael Palin, den wir eigentlich von einer ganz anderen Seite kennen. Als Mitglied der Komikergruppe Monty Python erlangte er als Texter und Schauspieler nicht zuletzt durch den Film „Das Leben des Brian“ Weltruhm und Kultstatus. Kaum jemand kennt jedoch seine anderen Facetten. Er ist nicht nur ein renommierter Reiseschriftsteller und ehemaliger Präsident der Royal Geographical Society. Nein. Seit 2018 ist er auch ein richtiger SIR, nachdem er von Queen Elizabeth II zum Ritter geschlagen wurde. Er hat nach seiner beispiellosen Karriere als Komiker einen kaum vorstellbaren Imagewechsel vollzogen und gilt heute als renommierter Autor, Filmemacher und Wissenschaftler.

Dieses Buch aus seiner Feder in Händen halten zu dürfen ist in vielfacher Hinsicht ein echtes literarisches Erlebnis. Der mare Verlag hat „Erebus“ in jeder Beziehung zu einem absoluten Highlight im Bereich der Sachbuch-Neuerscheinungen gemacht. Das beginnt schon beim Cover, das als Eyecatcher heraussticht, und setzt sich bei Karten, Originalfotos und Zeichnungen fort, die an Bord beider Schiffe entstanden sind. Schon beim ersten Blick auf das Buch stand für mich fest, dass ich die festliche Zeit zwischen den Jahren mit ihm verbringen würde. Das Lesen zelebrieren. Welches Buch wäre hier besser geeignet. Ich scharte meine nautische Ausrüstung um mich, legte den Kompass und meinen Sextanten in Reichweite, griff zu meinem Globus und begab mich auf eine Reise, die ich nicht mehr vergessen werde. Die Bilder auf meiner Facebook-Seite und auf Instagram sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Und so blieb ich nicht allein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Was macht Erebus aus heutiger Sicht zu einem relevanten Thema? Warum zieht die Geschichte zweier verlorener Expeditionsschiffe die ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich? Fragen, die ich mir lesend gestellt habe. Ich denke, es ist die Faszination für die großen ungeklärten Fragen unserer Zeit. Es ist das Geheimnis, das die Expedition bis heute zum einem mystischen Akt überhöht und es sind die menschlichen Abgründe, in die man sich kaum noch hineinversetzen kann, weil uns das Verständnis für diese Zeit verlorengegangen ist. Eine Zeit, in der die Welt noch nicht vermessen war. Eine Zeit, in der Navigation über Leben und Tod entschied. Eine Zeit, in der Forscher bereit waren, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Prädikat „DER ERSTE“ für sich beanspruchen zu können. Diese Faszination ist die große Klammer über „Erebus“ und Michael Palin gelingt es nicht nur, einen Forschungsbericht zu verfassen. Er befreit die beiden Schiffe und die Menschen an Bord von jeder Sachlichkeit, die ein Sachbuch eigentlich zu dem macht, was es sein soll.

Palin geht den persönlichen Weg. Er erzählt von den Menschen der Expedition und ihren Beweggründen. Er beleuchtet ihre Stärken und Schwächen. Vom einfachen Maat bis zum Offizier, niemandem wird die Wertschätzung entzogen. Um uns mit ins Boot zu nehmen, setzt Michael Palin bei einer früheren Reise der beiden Schiffe an. Es ist hier die Antarktis, die erforscht wurde. Es ist eine Reise, von der die Besatzung zurückkehrt und von der sie berichten kann. Briefe, Logbucheintragungen, Zeichnungen und später erzählte Geschichten zeugen von den Lebensumständen an Bord. Hier werden einzeln wahrzunehmende Schicksale greifbar. Hier schöpft Michael Palin aus dem Vollen aller verfügbaren Erinnerungen. Hier sind wir mit an Bord. Frieren, erleben den individuellen Rhythmus aus Wachen, Schlafen, Wachen und Schlafen. Wir geraten in Lebensgefahr und haben am Ende dieser Reise viel zu erzählen. Wir waren dabei.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Der Bruch in der Beschreibung der eigentlichen Expedition zur Durchquerung der Nordwestpassage ist brutal. Hier hören die originalen Dokumente auf. Hier schweigt die Besatzung, hier wird nichts mehr überliefert. Ruhe, weil niemand zurückkehrte, um vom Scheitern zu erzählen. Wir sehen die Porträts der Offiziere, die kurz vor dem Auslaufen aufgenommen wurden. Wir erleben die aufwendige Umrüstung jener Schiffe. Dann wird es dunkel. Als läge nun der Mantel des Schweigens über 135 Menschen und der Reise in den Untergang. Michael Palin erzeugt ungekünstelt eine schaurige Stimmung, in der wir uns auf Sekundärquellen verlassen müssen. Stimmen aus London. Die verzweifelte Lady Jane und ihre Briefe zeigen das Ausmaß der Katastrophe. Wir ahnen, was beiden Schiffen zugestoßen sein muss. Wir begleiten die Suchmannschaften auf Expeditionen zur Rettung der Überlebenden. Wir hören ihre Berichte.

Und wir werden zu Zeugen der mündlichen Überlieferungen der Inuit. Sie sind die wohl letzten Zeugen vom Niedergang der Franklin-Expedition. Sie schreiben nichts auf. Sie erzählen es ihren Nachfahren. Ihnen muss man glauben schenken. Michael Palin erweist der Geschichtserzählung der Ureinwohner die größte Ehre. Sein Buch schließt die Kreise. Aus Spekulation wird Gewissheit und aus Zufallsfunden wird ein Muster. Bis zum Jahr 2010 setzte sich die internationale Suche fort. Was sie zutage fördert, ist im Kontext der Darstellung von Michael Palin nun ein zutiefst persönlicher Akt. Wir stehen persönlich vor den wenigen gefundenen Gräbern. Wir sehen die exhumierten Leichen und finden die Ursachen für ihren Untergang. Gerüchte bestätigen sich, Spekulationen werden ins Reich der Fabel verbannt. Nichts ist hier sachlich. Nichts neutral. Wir haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Michael Palin bereist viele Schauplätze seines Berichtes selbst. Er garniert seinen historisch fundierten Bericht mit persönlichen Eindrücken und lässt Emotionen zu. Wir begleiten ihn bis in die Themsemündung und stehen am Anleger, wo Angehörige und auch Lady Jane ihre Männer zum letzten Mal sahen. Wehmut ist Teil dieses Buches. Bei aller Kritik an der Ehefrau des Konteradmirals werden wir jedoch auch zu Zeugen einer niemals enden wollenden Suche. Wir erleben eine Frau, die alles versuchte, den Mann ihres Lebens wiederzufinden. Wir erleben die Frau, die am Ende und im Wissen um das Scheitern, nichts unversucht lässt, die Ehre von John Franklin reinzuwaschen. Sie selbst wird heute noch als Abenteuerin bezeichnet, obwohl sie nie auf See war. Sie war jedoch in jedem Augenblick an Bord der „Erebus“ präsent. 

Wenn ihr ein Buch sucht, mit dem sich das Lesen zelebrieren lässt, dann kann ich „Erebus“ nur empfehlen. Eine große, in dieser Form bisher unerzählte Geschichte von Abenteuer und Scheitern. Aber eben auch eine zutiefst menschliche Geschichte einer großen Tragödie, die bis heute nachwirkt. Reist besser nicht alleine. Die „Erebus“ war auch mit ihrem Schwesterschiff, der „Terror“ unterwegs. Gemeinsam lässt sich dieses Abenteuer leichter überstehen. Gemeinsames Lesen ist das schönste Lesen. Ich habe die Zeit an Bord genossen, bin aber heilfroh, überlebt zu haben. Und doch werde ich es wagen, wieder an Bord zu gehen. Franklin und seine Kameraden auf See gehörten zu den Barrows Boys, einer illustren Gesellschaft aus Offizieren, die statt in den Krieg, in die Welt segelten, um auch noch die letzten unberührten Fleckchen zu entdecken. Von ihnen handelt das gleichnamige Buch aus dem mare Verlag. Es legt bald bei mir an.

EREBUS von Michael Palin - Astrolibrium

EREBUS von Michael Palin

Weitere Expeditionen bei AstroLibrium: Von Schiffen, Bergen und Entdeckern.