„Ein Mann der Tat“ von Richard Russo

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Oh ja. Hier. Ich möchte sofort umziehen. Mein Leben ist so langweilig und öde, dass ich meinen Lebens­schwerpunkt unbedingt verlagern muss. Eine male­rische Kleinstadt an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika hat es mir angetan. Es sind nicht nur die erschwing­lichen Häuser und Wohnungen, die mich faszinieren. Es liegt auch an den Menschen, die diesem Ort ein ganz besonderes Flair verleihen. Und natürlich liegt es an den Nachrichten, die mich aus North Bath im Bundesstaat New York erreichen. Also echt, wenn man sich für Idylle und Beschau­lichkeit in feinster Wohngegend und im Einklang mit der Natur interessiert, dann sollte man eher fernbleiben. Sollte man jedoch eine Ader für skurrile Typen und pro­vinz­ielles Ambiente haben, dann gibt es nur diesen einen Ort auf Erden, um glücklich zu werden.

Ein Mann der Tatvom Pulitzerpreisträger Richard Russo lässt allerdings die Mieten in diesem Kaff erstaunlich in die Höhe schnellen, denn wer lässt sich das schon gerne entgehen, was hier geboten ist? Ernsthaft! Ich nicht. So verlagere ich meinen Wohnsitz für genau 686 Seiten nach North Bath. Mich stören keine Unkenrufe, die von Gestank und Um­welt­ver­schmut­zung künden. Eine eklig riechende Dunst­wolke über dem neuen Vorzeigeprojekt der Gemeinde soll wohl eher abschrecken. Was soll`s? Ich lasse mich auch nicht von Gerüchten über einstürzende Neubauten oder verloren­gegangene und nicht wieder­gefundene Gift­schlangen verunsichern. Nein. Ich bin da! Jetzt.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der Friedhof Hilldale…

Herrlich ist es hier. Das „Memorial-Day-Wochenende“ lädt einfach zum Verweilen ein. Die Straßen sind geschmückt (Ok – mit ziemlich faden­scheinigen Trans­parenten) und die tollen Restaurants (Schnellimbisse von gestern) strahlen im fettigen Glanz, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Und das Schulzentrum (unbedeutend im Vergleich zur Nachbar­stadt) wartet auf die Umbenennung nach der längst verstorbenen und von den meisten ehemaligen Schülern gehassten Lehrerin des Ortes. Also, alles fein, wäre da nur nicht der unpassende Zeitpunkt meiner Anreise. Die meisten Leute sind gerade unterwegs und haben sich zur Beisetzung des ehemaligen Richters von North Bath auf dem Friedhof Hilldale versammelt. Und ja, so wie mein erster Blick von einem offenen Grab angezogen wird, so beginnt Richard Russo seinen Roman.

„Ein Mann der Tat“ steht vor dem Sarg und wartet darauf, dass die Zeremonie bald vorüber ist. Er ist ja auch falsch angezogen für diese Hitze. Die Polizei­uniform gibt ihm auch angesichts seines etwas durch­einander­geratenen Gesund­heits­zustands den Rest. Und so verwundert es nicht, dass Chief Raymer angesichts einer nie enden wollenden Trauerrede und in eigene tiefe Gedanken versunken zum Opfer des Tages wird, in sich zusammensinkt und kopfüber ins offene Grab stürzt. Echt kein Wunder. Solche Pannen passieren ihm eigentlich oft. Doch während wir zuerst nur Äußer­lich­keiten wahrnehmen, ist es Richard Russo, der uns in die Gedanken der Menschen blicken lässt, die sich am Grab des Richters versammelt haben.

Zum Beispiel fühlen wir intensiv mit Chief Raymer, der gerade den einzigen Beweis für die Untreue seiner Frau verloren hat. Eine Fernbedienung zur Garage ihres Lovers, die er in ihrem Auto fand und nun zweifelt er daran, diesen Typen jemals zu finden.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Kampf gegen den Müll…

Eine wuchtige amerikanische Erzählung voller Lokal­kolorit beginnt sich Raum zu verschaffen und Richard Russo nimmt sich die Zeit, seine Charaktere zu zeichnen. Er begnügt sich nicht mit blassen Skizzen oder stereotypen Blaupausen. Seine Menschen sind Menschen, die aus dem Leben gegriffen sind. Sie passen in diese Stadt, als hätten sie dort wirklich seit Jahrzehnten ihre Spuren hinterlassen. Schon nach wenigen Seiten fühlt man sich, als wäre man selbst Teil dieser Gemeinde, als wäre man den Menschen schon selbst begegnet und zunehmender Lesedauer taucht man selbst tiefer und tiefer in den Erzählraum ein.

Da ist die Besitzerin eines kleinen Lokals, deren Ehe­mann sein Hobby so weit treibt, dass es den Lebensraum der Familie zu erobern scheint. Allein die Schilderung dieses Kleinkrieges um jeden freien Qua­drat­zentimeter Wohnraum ist es wert, sich auf diese Reise einzulassen. Schrott und Plunder, Sperrmüll und Weggeworfenes. Das ist seine Bestimmung und je intensiver Zack sie lebt, desto mehr Lebensraum wird durch diese Sammelwut verdrängt. Wie in einem eska­lierenden Gefecht steht Ruth diesem Chaos gegenüber. Sie macht Zu­ge­ständ­nisse, stellt Regeln auf und kämpft einsam gegen den Müll an. Eine plötzlich auftauchende riesige Lagerhalle auf ihrem Grundstück bringt das Fass zum Überlaufen.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Der einsame Rächer…

Es sind die kleinen Zwistigkeiten und Verwerfungen, zu deren Zeugen wir werden und die uns so bekannt vor­kommen, als würden sie sich in unserer Nachbarschaft oder sogar in unserem Leben abspielen. Die Summe der Verwerfungen jedoch konzentriert sich in North Bath auf einen einzigen Mann, den Loser, den Gescheiterten, den Knacki, der vor nichts zurück­schreckt. Roy steht seit Jahren mit jedem Bürger dieser Kleinstadt auf Kriegs­fuß. Die Ehe gescheitert, Raubüberfälle auf­geflo­gen, die Gefängnisstrafe ver- und das Besuchsrecht bei der eigenen Tochter eingebüßt.  Wo alle Handlungsfäden es auch nur ermöglichen, Roy ist in ihnen gefangen und das ist genau der Zustand, den er am wenigsten ertragen kann.

Everybody`s Fool heißt Russos Roman in seiner Originalfassung. Wie treffend. Wie sagen wir so schön? „Everybody darling is everybodys Depp“ Wäre unser guter Police-Officer doch nur ein wenig konsequenter, wäre er von seinem Job nicht frustriert und würde er auf die Ratschläge seiner Mitarbeiterin und ihres Bruders hören, er hätte das beste Leben, das man sich nur vorstellen kann. So allerdings gerät er zwischen die Fronten der Betrogenen, der Enttäuschten und der Desillusionierten. Es trennen ihn ein paar Meilen von der Bezeichnung „Ein Mann der Tat“ und doch scheint in ihm so viel mehr zu schlummern, als man auf dem Boden eines offenen Grabes vermuten könnte.

Ein Mann der Tat von Richard Russo

Die Todesliste…

Richard Russo erzählt fabelhaft. Manchmal wirkt er wie das Sprachrohr der Gerüchte in diesem Kleinstadt-Szenario. Dann wieder mutiert er schon fast analytisch zum „North Bath-Leaks“ und enthüllt schonungslos alle Missstände. Die Umwelt ist sekundär, das Zwischen­menschliche wird überbewertet, das Ego wird gepflegt und Rassismus steht eigentlich immer auf der Tages­ordnung. Der Underdog wird zur Gefahr für die Gruppe und das Alter zermürbt selbst den enga­gier­testen Geist.

Es gibt da eine Liste im Buch. Sie ist handschriftlich erstellt. Sie gehört Roy. Er, dem man immer vorwirft, er würde sich keine Gedanken machen, hat nachgedacht. Nur eins ist offen auf der Liste. Die Reihenfolge. Fünf Menschen hat er aufgeschrieben, die sein Leben verändert haben. Fünf Menschen, an denen Rache nehmen will. Und bei dem was er vorhat ist der Kiefer­bruch, den er seiner Frau verpasst hat eine Lappalie. Lesen Sie doch selbst, ob sich ihm jemand  in den Weg stellen wird. Ob sich „Ein Mann der Tat“ findet, oder ob „Everybody`s Fool“ in Schockstarre verharrt und weiter nach dem Typen sucht, zu dem die Fremdgeh-Fernbedienung einer Garage gehört. Neugierig?

Richard Russo ist für jede Wendung des Schicksals gut, weil er ein schicksalhafter und begnadeter Schriftsteller ist.

Ein Mann der Tat von Richard Russo