„Die Ehefrau“ von Meg Wolitzer – [Buch- und Hörbuchvorstellung]

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Romane über das Leben von Schriftstellern üben einen besonderen Reiz auf mich aus, da solche Geschichten, egal wie fiktional sie auch angelegt sind, doch immer auch Geschichten aus dem Milieu der Literatur sind. Ein Bereich, den wir zu kennen glauben, wie unsere Bücherwestentaschen. Ein Setting, in dem man uns nichts vormachen kann und in dem wir uns von der ersten Seite an zuhause fühlen. Bücher über Bücher lassen uns Power-Leser mit dem behaglichen Gefühl des Wohlbekannten tief eintauchen, weil wir uns genau hier so wohl fühlen, wie Lesebändchen in gebundenen Büchern.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer lässt nicht unbedingt auf den ersten Blick darauf schließen, dass wir es hier mit einem bibliophil angehauchten Roman zu tun haben. Es lohnt der zweite Blick, denn auch das Cover mit seinen zahllosen Nadelstichen verführt den nach Literatur-Romanen suchenden Leser nicht unbedingt zum Reinlesen. Schade, denn wir würden wirklich etwas versäumen, wenn wir diesen Roman aus dem Dumont Verlag als reine Beziehungsgeschichte in die Schublade der nicht zu lesenden Bücher stecken würden.

Das wäre ein Fehler, da die in New York lebende Schriftstellerin die Literatur an sich in den eigentlichen Mittelpunkt ihres neuesten Romans stellt. Die Perspektive ist dabei so persönlich und doch ungewöhnlich gewählt, dass man das Streben nach Anerkennung und Erfolg im Literaturbetrieb und die Liebe zum Schreiben als Lebensmittelpunkt einer Ehe erlebt. Meg Wolitzer macht uns für genau 270 Seiten zu den Weggefährten zweier Menschen, die von der Literatur vereint wurden. Joe und Joan Castleman. Er: Großer Schriftsteller vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Sie: „Die Ehefrau“.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Rollen sind verteilt. Sie waren es nicht immer. Ganz am Anfang der Geschichte, zu Beginn ihrer Beziehung in der Mitte der Fünfziger Jahre sah dies anders aus. So ist es in den meisten Beziehungen. Sie verändern sich, unterliegen einem Wandel, der von Innen kommt und sind nicht losgelöst von gesellschaftlichen Veränderungen. Man sieht die Veränderungen erst im Rückblick auf ein ganzes Leben. Man bemerkt den Wandel erst, wenn man dessen Auswirkungen beurteilen kann. Joan Castleman blickt zurück.

Der Zeitpunkt für diese Rückschau könnte schöner nicht sein. Zumindest aus Sicht der Ehefrau eines der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Zumindest, wenn es sich bei der rückblickenden Ehefrau um eine ebensolche handelt, also eine Frau, die in ihrer Rolle lebt, sich mit ihr arrangiert hat und die keine Überraschungen mehr erwartet. Hier liegt der Hase im Pfeffer der Geschichte, den Joan ist wirklich alles, nur nicht das brave Mütterchen am heimischen Herd, das die Kinder aufzieht und dem Mann das Leben so angenehm wie möglich macht, damit er große Romane schreiben kann.

Sie ist keine der…

„Frauen, die ihre Loyalität nicht logisch erklären konnten, die sich festklammerten, weil es das Verhalten war, das ihnen am vertrautesten war, mit dem sie sich am wohlsten fühlten.“

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Und doch ist der Zeitpunkt absolut genial, denn Joan und Joe Castleman sind auf dem Weg nach Helsinki, wo ER mit dem höchstdotierten Literaturpreis ausgezeichnet werden soll. Es ist zwar nicht der Nobelpreis, aber immerhin. Nach dem Pulitzerpreis ist der Helsinkipreis der eigentliche Höhepunkt in Joe`s Schriftstellerleben. ER kann es kaum erwarten, im Mittelpunkt des literarischen Weltinteresses zu stehen. SIE begleitet ihn. Ist an seiner Seite. Bereit für den Smalltalk am Wegesrand. Bereit für alles, was von der Ehefrau eines Preisträgers erwartet wird. Fast bereit…

Wären da nicht die Gedanken an ihre gemeinsame Vergangenheit. Wären da nicht diese grüblerischen Momente während des Langstreckenfluges, in dem sich ihre Körper zwar nach vorne bewegen, die Gedanken von Joan jedoch auf der Strecke bleiben, weil sie in Überschallgeschwindigkeit zu den Anfängen ihrer Beziehung zurückreist. Miles & More. Jeder Flugkilometer, der sie Helsinki näher bringt sorgt dafür, dass sich Joan ein wenig weiter von dem Mann entfernt, der sich neben ihr in die goldene Zukunft räkelt.

Eine Zukunft, die sich für den großen Schriftsteller nahezu perfekt anfühlt. Wenn Joe jedoch wüsste, welche Gedanken im Hirn seiner Ehefrau toben, dann würde er ein wenig nervöser in seinem Business-Class-Sitz lümmeln. Denn, so wie fast jede Ehe, ist auch ihre Beziehung von einem Geheimnis überschattet, das auf keinen Fall jetzt, also absolut nicht jetzt, gelüftet werden sollte. Aus der Sicht seiner Ehefrau könnte es jedoch der richtige Moment sein, den Tag seiner Krönung zu nutzen, um ihrer Demütigung ein Ende zu bereiten. Doch darüber will nach vierzig Jahren Ehe gut nachgedacht sein.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Meg Wolitzer lässt uns in den Erinnerungen von Joan stöbern, mitfühlen, mitleiden und mitdenken. Sie entwirft ein sozialkritisches Ehe-Panorama, das sich anfühlt wie die Achterbahnfahrt der Gefühle. Im Mittelpunkt steht die riskante Gratwanderung zwischen der Rolle als brave und bescheidene Ehefrau und der verhinderten eigenen Karriere als Schriftstellerin. Die Zeit war nie reif für eine Autorin namens Joan Castleman. Nun stellt sich die Frage, ob sie es je sein wird. Ist es zu spät?

Dieser Roman wirft einen humorvollen und doch auch erschreckenden Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Doch bleibt dem Leser das Lachen oft im Hals stecken, wenn man sich veranschaulicht, welche Opfer gebracht werden müssen, um sich Erfolg zu erarbeiten. Der Preis kann zu hoch sein und das gemeinsame Leben kosten. Endlich in Helsinki angekommen, ahnen wir, welche Zeitbombe in der Beziehung tickt. Ob „Die Ehefrau“ es allerdings wagt, die Bombe platzen zu lassen, das sollte man selbst lesen.

Oder vielleicht doch lieber hören? Denn das gleichnamige Hörbuch aus dem Hause Der Hörverlag verführt in seiner gekürzten Lesung mit fast 8 Stunden dazu, neben den beiden Eheleuten Platz zu nehmen und den Flug nach Helsinki zu wagen. Die Stimme von Gabriele Blum verleiht dieser Geschichte eine besondere Authentizität, da sie mit dem Charakter von Joan Castleman zu verschmelzen scheint. Selbstbewusst und doch auch immer wieder an sich zweifelnd trägt uns die versierte Sprecherin durch die Story.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Die Ehefrau von Meg Wolitzer

Ich könnte mir Gabriele Blum perfekt als Synchronsprecherin der Schauspielerin Glenn Close vorstellen. Das wäre insofern genial, da Die Ehefrau 2017 im Kino zu sehen sein wird. Und das mit Glenn Close in der Hauptrolle als Joan Castleman. Diese Charakterrolle mit Charme scheint der Grande Dame des amerikanischen Films wie auf den Leib geschneidert zu sein. Vielleicht gelingt ihr in dieser Produktion, den begehrten Oscar zu gewinnen. Die Story ist jedenfalls mehr als oscarreif und ich freue mich schon darauf, nach Buch und Hörbuch im nächsten Jahr auch den Film zu erleben.

Ich bin sehr gespannt auf die Film-Joan, die sich so sehr danach sehnt, endlich aus ihrer Rolle als Ehefrau eines erfolgreichen Schriftstellers fliehen zu können. Dazu muss sie nur die Aufmerksamkeit der richtigen Leute auf sich ziehen. So war es immer in der Welt der Literatur. Wessen Aufmerksamkeit?

„Die der Männer.., die Rezensionen schreiben, die die Verlage leiten, die in den Redaktionen der Zeitungen und Zeitschriften sitzen, die entscheiden, wen man ernst zu nehmen hat, wer für den Rest seines Lebens auf einen Sockel gestellt wird. Wer das neue Ding ist.“

Meine Aufmerksamkeit hat sie.

Die Ehefrau von Meg Wolitzer - Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

Die Ehefrau von Meg Wolitzer – Die Verfilmung mit Glenn Close ist geplant

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„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Es ist DIE allgegenwärtige Frage im Dialog mit Schriftstellern.

„Wie autobiografisch ist Ihr Roman?“ Eine Frage, die auch ich oft gestellt habe und immer wieder in Interviews einfließen lasse, um zu den Hintergründen ihres Schreibens und zu den wahren Motiven vorzustoßen, die einen Autor dazu veranlassen, bestimmte Themen aufzugreifen und sie literarisch zu verdichten. Viele Autoren verstecken sich in diesem autobiografischen Ansatz hinter einem fiktionalen Deckmantel, um sich und die Menschen zu schützen, über die sie schreiben.

Was geschieht jedoch mit einer Schriftstellerin, die ihre Deckung verlässt und so ihren Lesern, den Kritikern und allen Menschen, die in ihren Büchern vorkommen eine breite und ganz persönliche Angriffsfläche bietet? Kann ein autobiografisch angelegter Roman zum tiefen Loch mutieren, aus dem man selbst nicht mehr rauskommt? Gehört man der Öffentlichkeit, wenn man diese Grenze einmal überschritten hat und wie findet man zurück zum befreiten Schreiben, nachdem man in den Augen der Welt gläsern und nackt auf dem Präsentierteller der Literatur steht?

Delphine de Vigan weiß ein Buch darüber zu schreiben, weil sie ein Lied davon zu singen weiß. Nach einer wahren Geschichte, erschienen bei DuMont, thematisiert genau diese Aspekte des Schreibens. Der Titel lässt auf etwas real Erlebtes schließen. Nur die kleine Einschränkung „Nach“ öffnet die Tür zur Fiktionalisierung und bietet der Autorin die Chance, ihre Spuren in ihrem neuen Buch ein wenig zu verschleiern. Genau dies scheint schon nach dem Lesen der ersten Seiten zwingend erforderlich, denn wir treffen auf eine Schriftstellerin, die seit zwei Jahren nicht mehr schreiben konnte. Kein Wort, kein Satz. Nichts fand mehr seinen Weg nach draußen.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Wir treffen auf Delphine de Vigan selbst, die völlig verunsichert und demoralisiert ist, sich in ihre kleine Welt hinter hohen Mauern zurückgezogen hat und an den Folgen des letzten Buches zu knabbern hat. Zu offen hat sie sich wohl über ihre Familie geäußert, zu intensiv hat sie die angeblich schmutzige Wäsche ihrer Mutter in aller Öffentlichkeit gewaschen und zu wenig hat sie wohl darüber nachgedacht, wie sehr dieses Buch jene Menschen verletzt, die als Verwandte der populären Schriftstellerin klar in Erscheinung treten. Und doch musste diese Geschichte erzählt werden. Sie musste einfach raus. Zu viele Fragen hatte der Selbstmord ihrer Mutter aufgeworfen. Das Buch war ein Muss.

Dass sie anschließend an dieser Stelle nicht mehr weiterschreiben konnte, war Delphine de Vigan nicht klar. Lesungen, Buchmessebesuche und die Konfrontation mit Verwandten machten ihr jedoch schnell klar, dass sie zu weit gegangen ist. Seitdem ist das Schweigen ihr ständiger Begleiter. Es ist mehr als eine Schreibblockade. Delphine verstummt, wenn es darum geht, neue Ideen zu Papier zu bringen. Diese Schockstarre hält an, bis sie eines Tages einer Frau begegnet, die ihr Leben verändert.

L. tritt wie ein Phantom in ihr Leben. L. interessiert sich für die Delphine hinter den hohen Mauern der selbst verordneten Isolation und L. findet in vielen Gesprächen den Schlüssel zur Seele der Autorin. Von diesem Moment an vollzieht sich die schleichende Entwicklung, die man als „Feindliche Übernahme“ bezeichnen kann. L. schmeichelt sich ein, gewinnt das Vertrauen von Delphine, ergründet die Ursachen der Schreibblockade, gibt Ratschläge und wird zur einzigen und besten Freundin der tief verunsicherten Frau. Delphine hat L. nicht viel entgegenzusetzen. Sie liegt am Boden, als L. immer tiefer in sie vordringt.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Der Prozess des Eindringens in die Persönlichkeit von Delphine vollzieht sich in psychologischen Etappen, die faszinierend und abschreckend zugleich sind. L. scheint einem geheimen Plan zu folgen, ist zielstrebig und unbeirrbar. Ihr Ziel scheint es zu sein, Delphine dazu zu bewegen, weiterzuschreiben. Und zwar genau dort, wo sie in ihrem letzten Buch aufgehört hat. Reales, nicht Fiktionales. Einen Schritt weiter soll sie gehen. Nur Reales hat Eier! Und Fiktion ist was für Feiglinge. Um sich diesem Ziel zu nähern schreckt L. vor nichts zurück.

Sie wird zur einzigen Vertrauten, schottet Delphine von der Außenwelt ab und ist zunehmend dominant, wenn es darum geht, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. L. schleicht sich ein, zieht in Delphines Wohnung und übernimmt Aufgaben, zu denen sich die Autorin selbst nicht in der Lage sieht. Der Annexion folgt zwangsläufig das WIR. L. verschmilzt mit der Gedankenwelt von Delphine und übernimmt die Kontrolle. Auf diese Verschmelzung folgt die Verdrängung und die Übernahme der Identität. L. wird zur Schriftstellerin Delphine de Vigan und tritt auch in der Öffentlichkeit so auf.

Ebenso schleichend, wie dieser Prozess erfolgt, beginnt Delphine zu ahnen, was ihr geschieht und sie nimmt den inneren Kampf gegen die Kontrahentin auf. Aus Vertrauen wird Zweifel, aus Hilfe formt sich Bedrohung und so realisiert die Autorin, dass sie sich auf verlorenem Posten bewegt. Ist es zu spät, sich von L. freizumachen? Wird Delphine de Vigan in bester Stephen-King-Manier zum Opfer einer Fremden? Ist es noch möglich, den Weg zum eigenen Ich zu finden und was bleibt dann übrig? Wird die Schriftstellerin zum Opfer ihrer Zweifel und letztlich bleibt die größte aller Fragen:

Wer hat „Nach einer wahren Geschichte“ gechrieben? Delphine oder L.?

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

„Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan ist ein wahres Manifest des aktiven Lesens. Die Autorin nimmt ihre Leser mit in eine tief angelegte und sehr persönliche Reflexion über Beweggründe, Intentionen und Irrwege, die das Leben von Schriftstellern kennzeichnen. Dabei greift sie nicht ins Leere, wenn sie über Blockaden, Bedrohungen und Fluchten in Erfundenes schreibt. Das „letzte Buch“, das hier für alles ursächlich erscheint, hat es wirklich gegeben. „Das Lächeln meiner Mutter“ war ihre autobiografische Annäherung an den Selbstmord ihrer Mutter. Und genau damit setzt sie sich in der eigenen Familie zwischen alle Stühle:

„Über seine Familie zu schreiben, ist wahrscheinlich die sicherste Methode, mit ihr in Streit zu geraten… Das spüre ich an der Spannung. Und meine Gewissheit, dass ich sie verletzten werde, beunruhigt mich mehr als alles andere.“

Diese Entdeckung ist einer der wahren Aha-Momente meines Lesens. Delphines Schreiben setzt sich logisch nachvollziehbar fort und beide Bücher gehören, wenn auch durch Verlage getrennt, zusammen wie literarische eineiige Zwillinge. Die Reihenfolge ist für Fans der Autorin vorbestimmt. Wer „Nach einer wahren Geschichte“ neugierig geworden ist, kann heute zu dem bei Droemer erschienen Taschenbuch greifen und Das Lächeln meiner Mutter in den Kontext des Gesamtwerks von Delphine stellen. Und glaubt mir, die Neugier wird siegen. Allzu faszinierend sind die Einsichten, die uns hier literarisch gewährt werden.

Künftig sollte man sich die Frage „Wie autobiografisch ist Ihr Roman“ jedenfalls gut überlegen. Vielleicht öffnet man nur die Büchse der Pandora! Vorsicht!

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte“ ist ein unglaublich intensiver Roman, der auch unter Berücksichtigung der Vorgeschichte als autobiografische Spiegelung der Realität daherkommt. Und doch muss man Delphine den Freiraum des Fiktionalen einräumen. L. zu erkennen, ihrer eigenen Identität auf die Spur zu kommen, das ist die Challenge, der sich alle Leser dieses Buches stellen müssen. Investigatives Lesen geht hier mit dem hohen literarischen Unterhaltungswert eines Buches mit Déjà-vu-Erlebnissen Hand in Hand.

Man begegnet nicht nur Delphine de Vigan. Sie bricht eine literarische Lanze für ihre Kollegen und vermittelt ungeschönt die Verletzlichkeit einer Autorenseele. Letztlich ist dieses Buch eine Liebeserklärung an das geschriebene Wort, weil es den Prozess der Wortfindung vor dem Hintergrund der Öffentlichkeit beschreibt, die auf jede Schwäche eines Schriftstellers lauert. In psychologischer Hinsicht ist es eine Geschichte über den drohenden Kontrollverlust und das Verschwimmen der Grenzen zwischen Identität und Selbsterkenntnis. Eine gewagte und gelungene Konstruktion, die sich im Gedächtnis des Lesers tief verankern wird.

Und ganz zuletzt ist es eine Begegnung, auf die ich lesend lange gewartet habe. Vor vielen Jahren war ich in einen Roman von Delphine de Vigan verliebt, der mich zu einer Gratwanderung zwischen der behüteten Welt eines jungen Mädchens und einem Leben als Obdachlose auf den Straßen entführte. No & ich hat mich als Vater sehr bewegt und diese Geschichte hallt bis heute in mir nach. Und ja, ich habe auch meine alte junge Freundin Lou Bertignac wiedergefunden.

Danke für diese bewegenden Momente, Delphine de Vigan & L.

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

Nach einer wahren Geschichte von Delphine de Vigan

So liebe ich mein Lesen – Eine Radioreportage zu diesem Buch

Blogger lesen anders. Wir kommen anders zu einem Urteil. Vieles hat nichts mit dem zu tun, was man in einer Rezension lesen kann und vieles bleibt im Verborgenen. Mein Leseweg zu Delphine ist mir eine Reportage für Literatur Radio Bayern wert, weil es nicht nur mein Weg ist, der sich hier niedergeschlagen hat.

Gemeinsames Lesen mit vielen Menschen, eine intensive Recherche bei Droemer und DuMont, sowie ein tolles Gespräch mit Irmgard Veit zum Lächeln meiner Mutter bilden den Kern dieser Reportage. Und nicht zuletzt erlaube ich mir im Radio etwas, das in Bloggerkreisen einem Sakrileg gleicht: 

Einen Spoiler, aber nicht unverhofft und sicher nicht ohne Vorwarnung. Genau hier geht es zur Reportage.

Nach einer wahren Geschichte - Eine Radio-Reportage

Nach einer wahren Geschichte – Eine Radio-Reportage

„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!

„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall, für den ein Mann verantwortlich war, der lieber sein eigenes Leben geopfert hätte, als diesen zu verursachen.“

Es gibt Bücher, die man liest um zu erfahren, was passieren wird. Andere Bücher zwingen ihren Leser, alle Seiten zu inhalieren, um herauszufinden, wie etwas passiert ist. Die Perspektive ist entscheidend und Romane, die sich rückläufig entwickeln, haben einen eigenen literarischen Reiz, wie eine Retrograde Uhr, die entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn läuft. Ich bezeichne solche Romane gerne als „Countdown-Stories“, da man ihr großes Geheimnis erst erfährt, wenn der Erzähler an einem Punkt weit in der Vergangenheit angelangt ist.

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner, erschienen im DuMont Buchverlag, ist eine solche „Countdown-Story“, also eine Geschichte, in die man eintaucht, um zu erfahren, wie Davy Leibritzky starb, was zu seinem Unfall führte, und wie das Leben der Menschen verlaufen ist, die seither ohne Davy leben müssen. Fünfzig Jahre zählen wir auf dem Uhrwerk der Geschichte zurück, um letztlich den Juli 1948 zu erreichen, an dem die Geschichte einer Familie in zwei Teile gerissen wird.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Den Teil eines Lebens mit Davy und denjenigen eines Lebens nach seinem Tod. Seine Schwester Molly war 12, als Davy ums Leben kam. Sterben mit 8 Jahren heißt, ein ganzes Leben nicht leben zu dürfen. Der Tod eines Kindes reißt Wunden im Leben seiner Eltern, Geschwister und weiterer Verwandter, die niemals ganz heilen. Narben bleiben zurück. Narben, die bei jedem Stimmungsumschwung spürbar sind und an den Verlust eines geliebten Menschen erinnern.

Sich für Molly als Ich-Erzählerin zu entscheiden ist ein gewagter Schritt im ersten Roman von Elizabeth Poliner. Einerseits muss man der 12-jährigen Molly zutrauen, die Geschehnisse des Jahres 1948 präzise beobachtet zu haben, und andererseits musste es gelingen, dass der späteren Molly mit über sechzig Jahren der allwissende Rückblick aus der Sicht aller Beteiligten gelingt, um die Szenerie nicht eindimensional werden zu lassen.

Genau diese Gratwanderung zeichnet den Roman aus. Molly ist die stille und eher beobachtende Heranwachsende in einer Welt, in der sich alles um Themen dreht, die sie im eigentlichen Sinn noch nicht berühren. Wie von einem Dickicht beschützt, wirft sie die ersten Blicke auf Eifersucht, Untreue, Liebe, Freundschaft und Erfolgsdruck in den beruflichen Karrieren ihrer Verwandten. Dieser Sommer im Jahr 1948 hat Molly die Kindheit geraubt und sie mit einer sensiblen Wahrnehmung ausgestattet, die ihr diesen Rückblick auf die Geschichte ihrer Familie erst so richtig ermöglicht.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Und diese Geschichte hat es in sich. Molly Leibritzky scheint in einem Familienalbum zu blättern, so plastisch stehen ihr die Menschen vor Augen, die über Generationen hin das Leben der Leibritzkys in die Bahn gelenkt haben, auf der auch das Mollys Leben zu verlaufen scheint. Es ist eine große jüdische Familiengeschichte, die weit ausholt und in Zeitsprüngen verdeutlicht, wie sich Handlungen und Entscheidungen von einst auf das heutige Leben auswirken.

Molly weiß viel zu erzählen. Sie trägt das kollektive Gedächtnis dieser Familie im Blut und steht dabei doch nur erzählend im Mittelpunkt der Ereignisse. Hier trägt der Titel des Romans, der einem jüdischen Gebet entlehnt ist. Er steht als Synonym für alles, was wir aus der Erinnerung einer Frau erfahren, die im Rückblick einen Stammbaum über drei Generationen entstehen lässt.

„Du bist so nah, wie der Atem in uns.
Und doch so fern, wie der fernste Stern.“

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Schwestern, die sinnbildlich für das fragile Gefüge der gesamten Familie stehen. Einer Familie, die aufgrund ihres Glaubens auch im Jahr 1948 noch ziemlich isoliert in der amerikanischen Gesellschaft auf sich selbst vertrauen muss, um zu überleben. Die Berichte über den Holocaust haben nicht dazu geführt, dass amerikanische Juden besser integriert sind. Sie leben, arbeiten, heiraten, beten und erziehen ihre Kinder in ihrer eigenen geschlossenen Welt.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Die Grenzen sind nicht fließend. Sie sind von Tradition und Glauben bestimmt. In diesen Grenzen bewegen sich Ada, Mollys Mutter, und ihre Schwestern Ivie und Bec, wie in einem Vakuum. Der Rhythmus des jüdischen Lebens gibt den Takt vor und die Rollen sind klar verteilt. Der kleine Wohlstand erlaubt es der Großfamilie, sich einmal im Jahr mit Kind und Kegel in einem Sommerhaus am Meer zu versammeln. Wäre da nicht ein alter Konflikt, der seit Jahren zwischen den Schwestern schwelt, man könnte diese Zeit als Idylle bezeichnen.

Adas Leben jedoch beruht auf einer Ehe, die erst möglich wurde durch Betrug an ihrer Schwester Ivie. Ein Betrug, der 1948 die ganze Familie überschattet und sich auch auf die Kinder übertragen hat. Hassliebe regiert. Das Katz- und Mausspiel beherrscht den Alltag. Die vorgespielte Harmonie ist brüchig und eine kleine Unwucht ist in der Lage, die scheinbare Harmonie implodieren zu lassen. Denn hätte nicht Ada ihrer Schwester Ivie den Freund ausgespannt und geheiratet, alles wäre wohl anders gekommen. Ivie hätte nicht Zuflucht in einer „Besser-den-als-keinen-Beziehung“ suchen müssen und Adas Kinder würden sie nicht täglich an dieses Drama erinnern.

Natürlich ist Davy der jüngste Sohn von Ada und natürlich ist sein Tod ein Schlag des Schicksals. Genugtuung für Ivie. Der Beweis, dass man Glück nicht stehlen sollte. Der Tod des Jungen wird zur Zerreißprobe. Im Auge des Orkans beobachtet Molly, wie die Fäden zu reißen beginnen, die alles verbinden sollten. Jeder gerät in den Mahlstrom der Gefühle. Die drei Schwestern selbst, ihre Kinder und Ehemänner. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Fünfzig Jahre später ist Mollys Rückblick auf diesen Sommer wie ein Spaziergang durch ein Minenfeld der verletzten Gefühle.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner ist kein tempogeladener Roman für mal eben zwischendurch. Dieser Erzählraum gleicht einem Fluss, der sich durch die Leben seiner Protagonisten mäandert. Hier ist kein Raum für Knalleffekte. Die Wirkung des Romans entsteht durch das Wissen, dass alles Glück nur unter Vorbehalt steht und sich jede Entscheidung von heute auf das Leben von morgen auswirken kann. Der Kosmos aus Religion, Menschen und Gesellschaft wird hier zu einem Familienbild verdichtet, auf dem wir als Leser hinter den lächelnden Menschen die traurige Wahrheit erkennen.

Dieser Roman ist wie das wahre Leben. Er hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er benötigt keine Cliffhanger, keinen künstlichen Spannungsbogen. Elizabeth Poliner investiert viel in die Charakterzeichnung ihrer Romanfiguren. Sie wirken plastisch und selbst die kleinste „Nebenrolle“ wird von ihr ausgefeilt präsentiert. Wer das Gefühl hat, die Handlung käme nur sehr träge in Schwung, der sollte sich 422 Seiten Zeit nehmen und dem Roman die Chance geben, sein Familienpanorama zu entwerfen.

Wer den Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss kennt, weiß was ihn hier erwartet. Dieser Roman ist aus meiner Sicht jedoch nicht verfilmbar, jedenfalls nicht als klassisch verkürztes Kinoformat. Er würde Stoff genug für eine Serie bieten, die in ihren Episoden das Leben der Leibritzkys in aller Tiefe beleuchten könnte. Mir ging das Buch nah. So nah, wie der Atem in uns, denn in jedem von uns schlummert eine Familiengeschichte, die für unser heutiges Leben prägend ist.

Zu den Leuchttürmen meines Lesens!

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

[Gegen das Vergessen] – Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen - AstroLibrium

Der Finsternis entgegen – AstroLibrium

„Diese Frau wusste, dass sie mit jedem, der Hosen trug, fertigwerden würde.“

SOE-Agent George Millar über Vera Atkins.

Wenn ich heute an Konzentrationslager denke, dann sehe ich unzählige Geschichten von Opfern des Holocaust vor mir. Wenn ich die KZ-Gedenkstätten besuche, versuche ich mich in die Lage derer zu versetzen, die an diesen Orten vor gar nicht allzu langer Zeit unter qualvollen und menschenverachtenden Umständen den Tod fanden. Und ich denke an diejenigen, die als Überlebende dieses Genozids bis zum heutigen Tag kaum zu heilende Wunden und Traumatisierungen mit sich tragen.

Ich denke an jüdische Menschen, Behinderte, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und all jene, die durch das ideologische Raster der Nazis gefallen waren und als unwertes Leben der gezielten Massenvernichtung zugeführt wurden. Hinter all diesen Menschen stehen große und kleine Geschichten. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal und mit jedem Verschwinden geht für mich die Verpflichtung einher, dafür einzutreten, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Gegen das Vergessen lesen und schreiben – eine meiner Lebensmissionen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Und doch denke ich manchmal nicht vollständig, sondern versehentlich lückenhaft, übersehe manche Details und Nuancen im Grauen, die bemerkenswert sind und den ganzen Schrecken eines solchen Systems auch aus anderen Perspektiven beleuchten können. Allzu fokussiert ist oft der Blick und so kommt es, dass man sogar vor Ort bei einem Besuch des Krematoriums der KZ-Gedenkstätte Dachau eine große Gedenktafel übersieht, die eigentlich nicht zu übersehen ist.

Und selbst wenn man sie bemerkt, dann fügt sie sich nicht in den Kontext dieses Lagers, sondern scheint isoliert und für sich zu stehen. Vielleicht, weil die Geschichten, die sich hinter ihr verbergen auf den ersten Blick exotisch wirken. Auf den zweiten Blick jedoch öffnen sie die Tür zu einer bisher fast völlig unbekannten Facette des Zweiten Weltkriegs. Einer Facette, die viele Menschenleben gekostet hat, die es aus Sicht aller am Krieg beteiligten Nationen schon aus völkerrechtlicher Sicht nie hätte kosten dürfen.

Die Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert an weibliche Angehörige des britischen Geheimdienstes, die bei ihrem Einsatz hinter den feindlichen Linien von der Gestapo festgenommen, brutal verhört und über das ganze Deutsche Reich verteilt wurden, um sie in einer sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Aktion für immer verschwinden zu lassen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Von diesen weiblichen Agenten, ihren tapferen Einsätzen, ihrem Untergang und der Frau, die diese wagemutige Aktion koordinierte, handelt das gerade erschienene Buch von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel, die sich durch wahre Aktenberge bisher streng geheimer Dokumente recherchieren mussten, um die ganze Komplexität dieser scheinbaren Randgeschichte des Zweiten Weltkrieges greifbar zu machen. Und doch ist sie viel mehr. Für die Betroffenen und Angehörigen ist sie DIE Geschichte von tapferen Frauen im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Die spannende Dokumentation Der Finsternis entgegen – Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer wagemutigen Agentinnen (DuMont Buchverlag) wird dem Titel des Buches absolut gerecht. Es ist der Wahrheit verpflichtet, methodisch in jedem einzelnen Kapitel nachvollziehbar und schmerzhaft authentisch. Veröffentlicht werden ausschließlich gesicherte Details, die im Crossover-Verfahren durch mehrere Quellen belegt werden konnten und es spart Interpretationen und reine Spekulationen aus.

Akribisch könnte man es nennen. Ein reines Sachbuch könnte man sagen, und doch gelingt den beiden Autoren eine Konstruktion, die den Atem mehrmals stocken lässt. Sie beleuchten absolut alle Aspekte, die letztlich zur Etablierung der weiblichen Agenten im britischen Geheimdienst führten, analysieren perfekt die Entwicklung bis zum Ausbruch des Krieges und werfen dabei ein ganz besonderes Augenmerk auf die Gratwanderung, die das sogenannte Ministerium für unfeine Kriegsführung in einem Land zu bewältigen hatte, das vom „Fairplay-Gedanken“ geleitet wird. Sabotage und Unterwanderung waren in den offiziellen Führungskreisen der Armee verpönt.

Und dann noch Frauen. Unvorstellbar.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

„Der Finsternis entgegen“ ist im eigentlichen und tiefen Sinn die Geschichte der Vera Atkins, ihrer weit verzweigten Lebensgeschichte und ihres Aufstiegs im Geheimdienst seiner Majestät. Sie wird zur Koordinatorin und zum Führungsoffizier für insgesamt 39 Agentinnen, die angeworben wurden, um in den Reihen der französischen Resistance die Landung der Alliierten am D-Day 1944 vorzubereiten. Dabei öffnen die Autoren alle verfügbaren Akten, Vernehmungsprotokolle und Dokumente, die Zeugnis über die harte Ausbildung, die Motivation und den Einsatz dieser Frauen ablegen.

Und hier beginnt dieses Buch sich deutlich zu wandeln. Es wird höchst persönlich. Es schafft eine sehr emotionale Bindung, weil wir einige dieser Agentinnen auf ihrem langen Weg begleiten dürfen. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Einsatz hinter den feindlichen Linien. Wir werden Zeugen von aufopferungsvollen Kämpfen, schweren Fehlern, Verrat und einem heftigen Schlagabtausch mit der Spionageabwehr der Nazis. Und immer mittendrin, Vera Atkins, die alles versucht, um ihre „Mädchen“ aus der Ferne zu beschützen. 13 von ihnen werden nie wieder nach Hause zurückkehren.

13 junge Frauen werden enttarnt, verhaftet, gefoltert, verhört und als illegale Agenten einer sogenannten „Sonderbehandlung“ zugeführt. Man lässt sie spurlos verschwinden. Vera Atkins begibt sich nach Kriegsende auf die Suche nach diesen Frauen, die bei Nacht und Nebel der Finsternis entgegen getrieben wurden. Ihre Spuren führen von Gefängnissen der Gestapo über Transportlisten der Bahn bis zum unvorstellbarsten Ort, den sich Vera Atkins auch nur ausmalen konnte. Konzentrationslager.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen – Vielschichtiger Blick in die Vergangenheit

Weit entfernt und entrückt scheint die Geschichte dieser Frauen. Weit entfernt und vor 70 Jahren kämpften sie mit allem was sie hatten, um ihren Soldaten den sicheren Weg an die Strände der Normandie zu ebnen. Und doch wird Geschichte greifbar und rückt nah an den Leser heran, wenn man bei der Zugfahrt nach München plötzlich von einer Zugfahrt nach München liest. Wenn man dann ein letztes Umsteigen bezeugen kann und die letzten Kilometer nach Dachau verfolgt. Hier endet der Weg einiger dieser Agentinnen. Hier endet auch die Spur von Noor Inyayat Khan, einer jungen Frau mit indischen Wurzeln, die als britische Agentin von der Gestapo in Frankreich enttarnt wurde und nun Der Finsternis entgegen fährt.

Hier fühle ich die Geschichte, hier verführt sie mich, meine Augen zu öffnen und wahrzunehmen, was ich vorher übersah.

Eine Gedenktafel im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Dachau, die an drei dieser Agentinnen erinnert, die in einer Septembernacht des Jahres 1944 hier auf brutale Art und Weise hingerichtet wurden. Bei Nacht und Nebel. Ganz in meiner Nähe. An einem Ort, an dem man nie nach Opfern suchen würde, die diesen Weg hinter sich haben. In England ausgebildet, in Frankreich eingesetzt, verraten und an die schrecklichsten Orte der Finsternis deportiert.

Vera Atkins bleibt nur, all diese Wege nachzuvollziehen, um den Angehörigen ihrer Agentinnen traurige Gewissheit zu verschaffen. Ihr bleibt nur, immer wieder darüber nachzudenken, welche Fehler im Einsatz gemacht wurden und sich pausenlos die Frage zu stellen, was eigentlich Gerechtigkeit ist. Besonders angesichts der Prozesse gegen das Personal der Konzentrationslager, die sie mitverfolgen muss. Uns bleibt nur zu lesen und mit wachem Auge für die Vergangenheit Wahrheiten im wahrsten Sinne des Wortes wahrzunehmen.

Ach Noor….

Eine literarische Spurensuche

Eine Spurensuche in Dachau für Literatur Radio Bayern. Hören Sie selbst

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Recherchieren Sie selbst. Erstaunliches bleibt erhalten, was sonst vergessen würde.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Hoffmann und Campe

Die Poesie der Hörihkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12