„Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ich bin einer der glücklichsten Leser der Welt!

Das kann ich mit Fug und Recht behaupten, da mich mein literarischer Spürsinn in den vielen Jahren meines Lesens immer wieder zu Büchern geführt hat, die mich mehr als beeinflusst und beeindruckt haben. Es ist, als würde mir eine buchige Wünschelrute einen Weg weisen und immer dort ausschlagen, wo Tiefgang, Charakterzeichnung und Handlung einen kulturellen Dreiklang ergeben, der in seiner symphonischen Bedeutung nur als Literatur bezeichnet werden kann. (Hier können Sie weiterhören)

Ein Monat auf dem Land – Die Rezension fürs Ohr

Das Glücksgefühl, auf eine solche literarische Goldader zu stoßen, kann ich sehr leicht in Worte und Bilder fassen. Es sind buchige Jubelsprünge der ganz besonderen Art, die mich selbst denkend, fühlend und schreibend in neue Sphären meines Geistes vorstoßen lassen und eine Menge Literatur-Adrenalin freisetzen. Während des Lesens posaune ich schon gerne heraus, was mir gerade widerfährt, auf welcher Welle ich im Moment reite und wie sehr mich das Glücksgefühl beflügelt, einen solchen Schatz mein Eigen nennen zu dürfen.

Nicht zu vergessen, die Sehnsucht und Wehmut, die mich überfallen, wenn ich nur daran denken muss, ein gerade liebgewonnenes Buch nach dem letzten Kapitel wieder verlassen zu müssen. Melancholie, Euphorie und Rapid-Eye-Movement sind deutliche Symptome, wenn ich am Ende der Wünschelrute spüre, dass eine Goldader direkt vor meinen Augen liegt. So und nicht anders ging es mir erst vor einigen Tagen, als ich ein Buch aufschlug, das mir vom Titel her eine kleine Auszeit in Aussicht stellte.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr, erschienen im DuMont Buchverlag.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Wie findet man seinen Frieden nach dem Krieg?

Ein Leitmotiv, dem ich schon in vielen Romanen gerne gefolgt bin. Auch hier wird es schnell zur Ausgangssituation meines Lesens, da ich vor wenigen Tagen ein Buch beendet habe, das sich dieser Frage verschrieben hat. Zwei Romane mit einem tiefen literarischen Grundton, der mich erneut zu faszinieren wusste. Zwei Charaktere, die so viel gemeinsam haben. Der Eine kehrt nach dem Krieg nach Australien zurück, sucht in der Abgeschiedenheit eines Leuchtturms nach der inneren Balance und findet dabei zu den wahren Werten des Lebens zurück. Auch, wenn dies ein steiniger Weg ist.

Der Andere steigt im idyllischen Oxgodby aus dem Zug und beginnt, in der kleinen Kirche des Dörfchens ein mittelalterliches Fresko zu restaurieren. Nordengland und die tiefe ländliche Einsamkeit geben hier den Ton an. Wir schreiben das Jahr 1920. Viele Männer sind nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was sie auf den Schlachtfeldern in Flandern oder in Artois verloren haben.

Das Licht zwischen den Meeren“ von M.L. Stedman machte mich zum suchenden Leuchtturmwärter und nun verwandelt mich „Ein Monat auf dem Land“ von J.L. Carr in den Restaurator einer zutiefst verletzten Seele. Ich weiß, wo Männer in diesem Krieg zerbrachen. Ich kenne die Orte, die sie wie Mühlsteine zermalmten. Einer von ihnen ist Passchendaele nahe Ypern. Auch Tom Birkin wurde dort gebrochen. Seitdem besteht seine Mimik aus wilden Zuckungen und seine Nächte sind von Schreien erfüllt.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ebenso, wie mich das Bild des einsamen Leuchtturmwärters fasziniert hat, trägt in diesem Roman aus der Feder des bereits 1994 verstorbenen Autors das Bild eines Menschen, der in der tiefen Beschäftigung mit einem übertünchten Kunstwerk Schicht um Schicht eine Vergangenheit freilegt und dabei auch sich selbst immer näher kommt. Dabei schreibt J.L. Carr nicht minimalistisch, wie man es angesichts der nur 158 Seiten seines Romans vermuten könnte.

Ganz im Gegenteil. Es entwirft ein sehr komplexes Bild dieser Zeit, in dem sowohl die Menschen des kleinen Ortes, als auch die beiden eigentlichen Hauptcharaktere Birkin und Moon sehr konturiert und hintergründig beschrieben werden. Beide verbindet nicht nur die Tatsache, dass sie der Hölle des Krieges entronnen sind, sondern zwei ziemlich geheimnisvolle Aufträge, die sie getrennt voneinander nach Oxgodby führten. Das Erbe einer alten Dame verheißt der Kirchengemeinde ein sattes Sümmchen, wenn man das ewig verschwundene Kirchengemälde freilegt und das Grab eines Verwandten aufspürt.

Während Tom Birkin in der Dorfirche ein verborgenes Kunstwerk in neuem Licht erstrahlen lässt, gräbt sich Charles Moon durch den Gottesacker der Gemeinde. Beide legen mehr frei, als sie es jemals vermutet hätten. Dabei ist es gerade Tom Birkin, der diese ruhigen Momente auf dem Gerüst innerhalb der Kirche extrem genießt, stehen sie doch im krassen Gegensatz zum Granatenhagel, dem er im Krieg ausgesetzt war. Hier enttraumaisiert sich der geschundene Geist. Hier entspannt sich der Körper. Hier wird nicht nur ein Gemälde freigelegt. Schicht für Schicht kommt auch Tom ans Tageslicht.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Die wahre Kunst dieses Romans liegt in den parallelen Welten, die J.L. Carr hier meisterlich skizziert. Welten, die für sich genommen einzigartig sind, in der deutlichen Überlagerung jedoch beginnen, sich auf das andere kleine Universum auszuwirken. Das träge Oxgodby beginnt Wunder zu wirken, weil die Menschen des kleinen Fleckens so unverfälscht ländlich naiv und unvoreingenommen sind, dass man sie ganz einfach lieb gewinnen muss. Diese Ruhe strahlt auf Tom Birkin aus und auf der anderen Seite bringt er genau das Leben in den Ort zurück, das dort wie das Gemälde übertüncht war.

Es wundert nicht, dass Tom Birkin nicht nur ein Gemälde vom Staub befreit. Es wundert nicht, dass er Farbe ins Leben dieser Menschen bringt, deren Farblosigkeit für ihre Lebensweise steht. Es wundert nicht, dass Tom Birkin viel mehr enthüllt, als er je enthüllen sollte und wollte. Besuche in seiner Kirche nehmen zu. Tom wird beobachtet. Nicht nur mit unschuldigen Blicken, sondern auch mit den Augen einer Frau, für die er alles vergessen würde. Gäbe es da nicht genau zwei Probleme und wären da nicht die übermächtigen Moralvorstellungen der 1920er Jahre.

In der Rückschau auf sein Leben betrachtet Tom Birkin diese Epoche. Es ist ein zugleich wehmütiger Blick auf eine Zeit der Befreiung und der verpassten Chancen. Es ist aber auch ein Blick zurück in eine Zeit, die durch frisch vernarbte Wunden und nie bewältigte Verluste gekennzeichnet war. Die Zeit nach einem Krieg ist keine normale Zeit. Hier atmet man durch, horcht in sich hinein und schreckt nachts schweißgebadet auf. Die ersten zarten Pflänzchen von Gefühl beginnen zu sprießen. Eine große Zeit für große Romane.

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

J.L. Carr gelang mit „Ein Monat auf dem Land“ ein absolutes Meisterwerk. Diese Tiefe hatte ich nicht erwartet. Ich hatte nicht erwartet, mich nachts vor einem Gemälde wiederzufinden, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, schichtweise klarer zu sehen, Schützengräben zu durchrobben und erst in einer Kirche zur Ruhe zu kommen. Ich hatte nicht erwartet, mitten im Roman zu hoffen, dass ich bitte länger als nur einen Monat auf dem Land bleiben dürfte.

Nichts von alledem hatte ich erwartet. Und nun sitze ich hier als der wohl glücklichste Leser der Welt. Ich bin wundervollen Menschen begegnet, habe viel von ihnen gelernt und habe mich zweifelsohne mit Tom Birkin unsterblich verliebt. Im eigentlichen Sinn ist Oxgodby das verborgene Gemälde, das es zu enthüllen galt. In ihm liegen alle Wunder der Welt verborgen. Hier kann man glücklich werden und hier lässt es sich leben. Und hier stößt man auf eine Vergangenheit, die ihre Spuren auf ewig hinterlassen hat.

Vale. Lebwohl. Die lateinische Inschrift auf dem Steinsarg einer längst im Mittelalter verstorbenen Geliebten zeigt die Atmosphäre, die über dieser Landschaft schwebt. Sie zeigt die Sehnsuchtsmomente, auf die man überall stößt, wenn man den Schleier hebt. Sie sagt alles aus, wenn man das steinerne Bildnis der jungen Frau betrachtet, die den Sarkophag zu verlassen scheint. Es gelingt ihr nicht. Es ist nur ein Bildnis in Stein. Ich wünschte, ich könnte so wie sie immer in Oxgodby bleiben.

So bleibt mir nur ein zartes „Vale“…

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein Monat auf dem Land von J.L. Carr

Ein kleines Goodie zum Schluss: Der Trailer der englischen Verfilmung. Diese Bilder!

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„Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

„Im Sommer 1948 starb mein Bruder Davy bei einem Unfall, für den ein Mann verantwortlich war, der lieber sein eigenes Leben geopfert hätte, als diesen zu verursachen.“

Es gibt Bücher, die man liest um zu erfahren, was passieren wird. Andere Bücher zwingen ihren Leser, alle Seiten zu inhalieren, um herauszufinden, wie etwas passiert ist. Die Perspektive ist entscheidend und Romane, die sich rückläufig entwickeln, haben einen eigenen literarischen Reiz, wie eine Retrograde Uhr, die entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn läuft. Ich bezeichne solche Romane gerne als „Countdown-Stories“, da man ihr großes Geheimnis erst erfährt, wenn der Erzähler an einem Punkt weit in der Vergangenheit angelangt ist.

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner, erschienen im DuMont Buchverlag, ist eine solche „Countdown-Story“, also eine Geschichte, in die man eintaucht, um zu erfahren, wie Davy Leibritzky starb, was zu seinem Unfall führte, und wie das Leben der Menschen verlaufen ist, die seither ohne Davy leben müssen. Fünfzig Jahre zählen wir auf dem Uhrwerk der Geschichte zurück, um letztlich den Juli 1948 zu erreichen, an dem die Geschichte einer Familie in zwei Teile gerissen wird.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Den Teil eines Lebens mit Davy und denjenigen eines Lebens nach seinem Tod. Seine Schwester Molly war 12, als Davy ums Leben kam. Sterben mit 8 Jahren heißt, ein ganzes Leben nicht leben zu dürfen. Der Tod eines Kindes reißt Wunden im Leben seiner Eltern, Geschwister und weiterer Verwandter, die niemals ganz heilen. Narben bleiben zurück. Narben, die bei jedem Stimmungsumschwung spürbar sind und an den Verlust eines geliebten Menschen erinnern.

Sich für Molly als Ich-Erzählerin zu entscheiden ist ein gewagter Schritt im ersten Roman von Elizabeth Poliner. Einerseits muss man der 12-jährigen Molly zutrauen, die Geschehnisse des Jahres 1948 präzise beobachtet zu haben, und andererseits musste es gelingen, dass der späteren Molly mit über sechzig Jahren der allwissende Rückblick aus der Sicht aller Beteiligten gelingt, um die Szenerie nicht eindimensional werden zu lassen.

Genau diese Gratwanderung zeichnet den Roman aus. Molly ist die stille und eher beobachtende Heranwachsende in einer Welt, in der sich alles um Themen dreht, die sie im eigentlichen Sinn noch nicht berühren. Wie von einem Dickicht beschützt, wirft sie die ersten Blicke auf Eifersucht, Untreue, Liebe, Freundschaft und Erfolgsdruck in den beruflichen Karrieren ihrer Verwandten. Dieser Sommer im Jahr 1948 hat Molly die Kindheit geraubt und sie mit einer sensiblen Wahrnehmung ausgestattet, die ihr diesen Rückblick auf die Geschichte ihrer Familie erst so richtig ermöglicht.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Und diese Geschichte hat es in sich. Molly Leibritzky scheint in einem Familienalbum zu blättern, so plastisch stehen ihr die Menschen vor Augen, die über Generationen hin das Leben der Leibritzkys in die Bahn gelenkt haben, auf der auch das Mollys Leben zu verlaufen scheint. Es ist eine große jüdische Familiengeschichte, die weit ausholt und in Zeitsprüngen verdeutlicht, wie sich Handlungen und Entscheidungen von einst auf das heutige Leben auswirken.

Molly weiß viel zu erzählen. Sie trägt das kollektive Gedächtnis dieser Familie im Blut und steht dabei doch nur erzählend im Mittelpunkt der Ereignisse. Hier trägt der Titel des Romans, der einem jüdischen Gebet entlehnt ist. Er steht als Synonym für alles, was wir aus der Erinnerung einer Frau erfahren, die im Rückblick einen Stammbaum über drei Generationen entstehen lässt.

„Du bist so nah, wie der Atem in uns.
Und doch so fern, wie der fernste Stern.“

Im Zentrum der Geschichte stehen drei Schwestern, die sinnbildlich für das fragile Gefüge der gesamten Familie stehen. Einer Familie, die aufgrund ihres Glaubens auch im Jahr 1948 noch ziemlich isoliert in der amerikanischen Gesellschaft auf sich selbst vertrauen muss, um zu überleben. Die Berichte über den Holocaust haben nicht dazu geführt, dass amerikanische Juden besser integriert sind. Sie leben, arbeiten, heiraten, beten und erziehen ihre Kinder in ihrer eigenen geschlossenen Welt.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Die Grenzen sind nicht fließend. Sie sind von Tradition und Glauben bestimmt. In diesen Grenzen bewegen sich Ada, Mollys Mutter, und ihre Schwestern Ivie und Bec, wie in einem Vakuum. Der Rhythmus des jüdischen Lebens gibt den Takt vor und die Rollen sind klar verteilt. Der kleine Wohlstand erlaubt es der Großfamilie, sich einmal im Jahr mit Kind und Kegel in einem Sommerhaus am Meer zu versammeln. Wäre da nicht ein alter Konflikt, der seit Jahren zwischen den Schwestern schwelt, man könnte diese Zeit als Idylle bezeichnen.

Adas Leben jedoch beruht auf einer Ehe, die erst möglich wurde durch Betrug an ihrer Schwester Ivie. Ein Betrug, der 1948 die ganze Familie überschattet und sich auch auf die Kinder übertragen hat. Hassliebe regiert. Das Katz- und Mausspiel beherrscht den Alltag. Die vorgespielte Harmonie ist brüchig und eine kleine Unwucht ist in der Lage, die scheinbare Harmonie implodieren zu lassen. Denn hätte nicht Ada ihrer Schwester Ivie den Freund ausgespannt und geheiratet, alles wäre wohl anders gekommen. Ivie hätte nicht Zuflucht in einer „Besser-den-als-keinen-Beziehung“ suchen müssen und Adas Kinder würden sie nicht täglich an dieses Drama erinnern.

Natürlich ist Davy der jüngste Sohn von Ada und natürlich ist sein Tod ein Schlag des Schicksals. Genugtuung für Ivie. Der Beweis, dass man Glück nicht stehlen sollte. Der Tod des Jungen wird zur Zerreißprobe. Im Auge des Orkans beobachtet Molly, wie die Fäden zu reißen beginnen, die alles verbinden sollten. Jeder gerät in den Mahlstrom der Gefühle. Die drei Schwestern selbst, ihre Kinder und Ehemänner. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Fünfzig Jahre später ist Mollys Rückblick auf diesen Sommer wie ein Spaziergang durch ein Minenfeld der verletzten Gefühle.

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns“ von Elizabeth Poliner ist kein tempogeladener Roman für mal eben zwischendurch. Dieser Erzählraum gleicht einem Fluss, der sich durch die Leben seiner Protagonisten mäandert. Hier ist kein Raum für Knalleffekte. Die Wirkung des Romans entsteht durch das Wissen, dass alles Glück nur unter Vorbehalt steht und sich jede Entscheidung von heute auf das Leben von morgen auswirken kann. Der Kosmos aus Religion, Menschen und Gesellschaft wird hier zu einem Familienbild verdichtet, auf dem wir als Leser hinter den lächelnden Menschen die traurige Wahrheit erkennen.

Dieser Roman ist wie das wahre Leben. Er hetzt nicht von Höhepunkt zu Höhepunkt, er benötigt keine Cliffhanger, keinen künstlichen Spannungsbogen. Elizabeth Poliner investiert viel in die Charakterzeichnung ihrer Romanfiguren. Sie wirken plastisch und selbst die kleinste „Nebenrolle“ wird von ihr ausgefeilt präsentiert. Wer das Gefühl hat, die Handlung käme nur sehr träge in Schwung, der sollte sich 422 Seiten Zeit nehmen und dem Roman die Chance geben, sein Familienpanorama zu entwerfen.

Wer den Film Aus der Mitte entspringt ein Fluss kennt, weiß was ihn hier erwartet. Dieser Roman ist aus meiner Sicht jedoch nicht verfilmbar, jedenfalls nicht als klassisch verkürztes Kinoformat. Er würde Stoff genug für eine Serie bieten, die in ihren Episoden das Leben der Leibritzkys in aller Tiefe beleuchten könnte. Mir ging das Buch nah. So nah, wie der Atem in uns, denn in jedem von uns schlummert eine Familiengeschichte, die für unser heutiges Leben prägend ist.

Zu den Leuchttürmen meines Lesens!

Wie der Atem in uns - Elizabeth Poliner

Wie der Atem in uns – Elizabeth Poliner

[Gegen das Vergessen] – Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen - AstroLibrium

Der Finsternis entgegen – AstroLibrium

„Diese Frau wusste, dass sie mit jedem, der Hosen trug, fertigwerden würde.“

SOE-Agent George Millar über Vera Atkins.

Wenn ich heute an Konzentrationslager denke, dann sehe ich unzählige Geschichten von Opfern des Holocaust vor mir. Wenn ich die KZ-Gedenkstätten besuche, versuche ich mich in die Lage derer zu versetzen, die an diesen Orten vor gar nicht allzu langer Zeit unter qualvollen und menschenverachtenden Umständen den Tod fanden. Und ich denke an diejenigen, die als Überlebende dieses Genozids bis zum heutigen Tag kaum zu heilende Wunden und Traumatisierungen mit sich tragen.

Ich denke an jüdische Menschen, Behinderte, Sinti und Roma, Kriegsgefangene und all jene, die durch das ideologische Raster der Nazis gefallen waren und als unwertes Leben der gezielten Massenvernichtung zugeführt wurden. Hinter all diesen Menschen stehen große und kleine Geschichten. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Schicksal und mit jedem Verschwinden geht für mich die Verpflichtung einher, dafür einzutreten, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Gegen das Vergessen lesen und schreiben – eine meiner Lebensmissionen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Und doch denke ich manchmal nicht vollständig, sondern versehentlich lückenhaft, übersehe manche Details und Nuancen im Grauen, die bemerkenswert sind und den ganzen Schrecken eines solchen Systems auch aus anderen Perspektiven beleuchten können. Allzu fokussiert ist oft der Blick und so kommt es, dass man sogar vor Ort bei einem Besuch des Krematoriums der KZ-Gedenkstätte Dachau eine große Gedenktafel übersieht, die eigentlich nicht zu übersehen ist.

Und selbst wenn man sie bemerkt, dann fügt sie sich nicht in den Kontext dieses Lagers, sondern scheint isoliert und für sich zu stehen. Vielleicht, weil die Geschichten, die sich hinter ihr verbergen auf den ersten Blick exotisch wirken. Auf den zweiten Blick jedoch öffnen sie die Tür zu einer bisher fast völlig unbekannten Facette des Zweiten Weltkriegs. Einer Facette, die viele Menschenleben gekostet hat, die es aus Sicht aller am Krieg beteiligten Nationen schon aus völkerrechtlicher Sicht nie hätte kosten dürfen.

Die Gedenktafel in der KZ-Gedenkstätte Dachau erinnert an weibliche Angehörige des britischen Geheimdienstes, die bei ihrem Einsatz hinter den feindlichen Linien von der Gestapo festgenommen, brutal verhört und über das ganze Deutsche Reich verteilt wurden, um sie in einer sogenannten „Nacht-und-Nebel“-Aktion für immer verschwinden zu lassen.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Von diesen weiblichen Agenten, ihren tapferen Einsätzen, ihrem Untergang und der Frau, die diese wagemutige Aktion koordinierte, handelt das gerade erschienene Buch von Arne Molfenter und Rüdiger Strempel, die sich durch wahre Aktenberge bisher streng geheimer Dokumente recherchieren mussten, um die ganze Komplexität dieser scheinbaren Randgeschichte des Zweiten Weltkrieges greifbar zu machen. Und doch ist sie viel mehr. Für die Betroffenen und Angehörigen ist sie DIE Geschichte von tapferen Frauen im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

Die spannende Dokumentation Der Finsternis entgegen – Die wahre Geschichte der Vera Atkins und ihrer wagemutigen Agentinnen (DuMont Buchverlag) wird dem Titel des Buches absolut gerecht. Es ist der Wahrheit verpflichtet, methodisch in jedem einzelnen Kapitel nachvollziehbar und schmerzhaft authentisch. Veröffentlicht werden ausschließlich gesicherte Details, die im Crossover-Verfahren durch mehrere Quellen belegt werden konnten und es spart Interpretationen und reine Spekulationen aus.

Akribisch könnte man es nennen. Ein reines Sachbuch könnte man sagen, und doch gelingt den beiden Autoren eine Konstruktion, die den Atem mehrmals stocken lässt. Sie beleuchten absolut alle Aspekte, die letztlich zur Etablierung der weiblichen Agenten im britischen Geheimdienst führten, analysieren perfekt die Entwicklung bis zum Ausbruch des Krieges und werfen dabei ein ganz besonderes Augenmerk auf die Gratwanderung, die das sogenannte Ministerium für unfeine Kriegsführung in einem Land zu bewältigen hatte, das vom „Fairplay-Gedanken“ geleitet wird. Sabotage und Unterwanderung waren in den offiziellen Führungskreisen der Armee verpönt.

Und dann noch Frauen. Unvorstellbar.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

„Der Finsternis entgegen“ ist im eigentlichen und tiefen Sinn die Geschichte der Vera Atkins, ihrer weit verzweigten Lebensgeschichte und ihres Aufstiegs im Geheimdienst seiner Majestät. Sie wird zur Koordinatorin und zum Führungsoffizier für insgesamt 39 Agentinnen, die angeworben wurden, um in den Reihen der französischen Resistance die Landung der Alliierten am D-Day 1944 vorzubereiten. Dabei öffnen die Autoren alle verfügbaren Akten, Vernehmungsprotokolle und Dokumente, die Zeugnis über die harte Ausbildung, die Motivation und den Einsatz dieser Frauen ablegen.

Und hier beginnt dieses Buch sich deutlich zu wandeln. Es wird höchst persönlich. Es schafft eine sehr emotionale Bindung, weil wir einige dieser Agentinnen auf ihrem langen Weg begleiten dürfen. Von der ersten Kontaktaufnahme bis zum Einsatz hinter den feindlichen Linien. Wir werden Zeugen von aufopferungsvollen Kämpfen, schweren Fehlern, Verrat und einem heftigen Schlagabtausch mit der Spionageabwehr der Nazis. Und immer mittendrin, Vera Atkins, die alles versucht, um ihre „Mädchen“ aus der Ferne zu beschützen. 13 von ihnen werden nie wieder nach Hause zurückkehren.

13 junge Frauen werden enttarnt, verhaftet, gefoltert, verhört und als illegale Agenten einer sogenannten „Sonderbehandlung“ zugeführt. Man lässt sie spurlos verschwinden. Vera Atkins begibt sich nach Kriegsende auf die Suche nach diesen Frauen, die bei Nacht und Nebel der Finsternis entgegen getrieben wurden. Ihre Spuren führen von Gefängnissen der Gestapo über Transportlisten der Bahn bis zum unvorstellbarsten Ort, den sich Vera Atkins auch nur ausmalen konnte. Konzentrationslager.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen – Vielschichtiger Blick in die Vergangenheit

Weit entfernt und entrückt scheint die Geschichte dieser Frauen. Weit entfernt und vor 70 Jahren kämpften sie mit allem was sie hatten, um ihren Soldaten den sicheren Weg an die Strände der Normandie zu ebnen. Und doch wird Geschichte greifbar und rückt nah an den Leser heran, wenn man bei der Zugfahrt nach München plötzlich von einer Zugfahrt nach München liest. Wenn man dann ein letztes Umsteigen bezeugen kann und die letzten Kilometer nach Dachau verfolgt. Hier endet der Weg einiger dieser Agentinnen. Hier endet auch die Spur von Noor Inyayat Khan, einer jungen Frau mit indischen Wurzeln, die als britische Agentin von der Gestapo in Frankreich enttarnt wurde und nun Der Finsternis entgegen fährt.

Hier fühle ich die Geschichte, hier verführt sie mich, meine Augen zu öffnen und wahrzunehmen, was ich vorher übersah.

Eine Gedenktafel im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Dachau, die an drei dieser Agentinnen erinnert, die in einer Septembernacht des Jahres 1944 hier auf brutale Art und Weise hingerichtet wurden. Bei Nacht und Nebel. Ganz in meiner Nähe. An einem Ort, an dem man nie nach Opfern suchen würde, die diesen Weg hinter sich haben. In England ausgebildet, in Frankreich eingesetzt, verraten und an die schrecklichsten Orte der Finsternis deportiert.

Vera Atkins bleibt nur, all diese Wege nachzuvollziehen, um den Angehörigen ihrer Agentinnen traurige Gewissheit zu verschaffen. Ihr bleibt nur, immer wieder darüber nachzudenken, welche Fehler im Einsatz gemacht wurden und sich pausenlos die Frage zu stellen, was eigentlich Gerechtigkeit ist. Besonders angesichts der Prozesse gegen das Personal der Konzentrationslager, die sie mitverfolgen muss. Uns bleibt nur zu lesen und mit wachem Auge für die Vergangenheit Wahrheiten im wahrsten Sinne des Wortes wahrzunehmen.

Ach Noor….

Eine literarische Spurensuche

Eine Spurensuche in Dachau für Literatur Radio Bayern. Hören Sie selbst

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Recherchieren Sie selbst. Erstaunliches bleibt erhalten, was sonst vergessen würde.

Der Finsternis entgegen

Der Finsternis entgegen

Auch hier sprechen Bücher miteinander. Der Weg nach Ravensbrück, die Folter in den Kellern der Gestapo in Fresnes und die markerschütternden Schreie, die sie hörte, verbinden Mopsa Sternheim mit den deportierten Widerstandskämpferinnen aus dem Buch Der Finsternis entgegen“. Sie waren zur gleichen Zeit am gleichen Ort und es ist wahrscheinlich, dass sie sich nur durch ihre qualvollen Schreie begegneten.

Die Poesie der Hörigkeit von Lea Singer – Hoffmann und Campe

Die Poesie der Hörihkeit von Lea Singer – Mopsa Sternheim mit 12

„Greenwash, Inc.“ – Imagepflege mit Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

AstroLibrium ist jetzt ein international anerkannter BioBlog. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Meine literarischen Artikel sind biologisch abbaubar, ich verzichte gänzlich auf Genmanipulationen, engagiere mich für das Verbot von Kinderarbeit, habe mich dem Fair Trade-Gedanken verschrieben und trage nur Maßanzüge, die in Europa hergestellt wurden. Und all dies habe ich mir erst vor wenigen Tagen zertifizieren lassen, um mich gegen die aus dem Boden schießenden Blogs mit Bio-Ambiente durchzusetzen.

Das habe ich natürlich nicht selbst gemacht. Dafür habe ich eine Agentur. Und was für eine. Die Urkunden hängen nun in meiner Redaktion und ich bin als deren Kunde wirklich in allerbester Gesellschaft. Von „Mars & Jung“ werden nämlich alle betreuten Klienten mit ganz individuellen Image-Paketen ausgestattet, auch wenn sie es mit der Bio-Philosophie gar nicht so ernst nehmen. „Mars & Jung“ bieten ein umfangreiches Sorglos-Programm, wenn man sich etwas auf die Fahne schreiben möchte, das man jedoch gar nicht richtig vorleben mag.

Aber die Klienten stehen nun mal drauf! Sie vermitteln das Gefühl, dass man den tropischen Regenwald mit einer Kiste Bier schön-, oder Bolzplätze aus dem Nichts hersaufen kann. Und darüber hinaus glauben wir Endverbraucher so gerne an diese Geschichten, kaufen völlig überteuerte Produkte mit fragwürdigen Bio-Aufklebern und fragen uns doch nicht, was wirklich dahinter steckt. Darauf setzen „Mars & Jung“!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Dumm nur, dass die nationale Presse immer wieder versucht, investigativ genau diesen schwarzen Unternehmens-Schafen auf die Spuren zu kommen, die sich hier ganz gezielt „grünwaschen“ lassen. Und da sind „Mars & Jung“ immer sofort im Visier. Aber so gut, wie diese Agentur auf solche Angriffe vorbereitet ist, so gut ist keiner ihrer Konkurrenten in medialer und strategischer Hinsicht aufgestellt. Eine absolut perfekte Agentur mit einem vielschichtigen Portfolio, das jedem Klienten nachhaltig das perfekte Image beschert.

Alles nur frei erfunden? Mag ja sein, aber wenn Ihr in die Welt von Karl Wolfgang Flender eintaucht und den wirtschafts-utopischen Roman Greenwash, Inc. vom DuMont Buchverlag lest, dann gehen Euch schon die Augen auf. Spätestens, wenn Ihr wieder einmal Werbung, TV-Spots, Presse-Mitteilungen und ganzseitige Anzeigen in Printmedien seht, beginnt Ihr darüber nachzudenken, was Euch hier auf höchstem Niveau vorgegaukelt wird. Alle BIO – oder was? Sicher nicht.

Wir begeben uns mit Thomas Hessel in das Zentrum von „Mars & Jung“. Mitten hinein in eine neue Welt, in der das Schlagwort „Greenwash“ mehr als nur ein hohler Slogan ist. Denn Thomas Hessels Spezialität ist es nicht, das Image für einen Kunden zu designen, sondern es in Krisensituationen innovativ zu verteidigen. Und das gerade dann, wenn die Medienschlacht schon fast verloren zu sein scheint.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Mit seinem Kollegen Christoph bereist er die ganze Welt. Von Brasilien über Indien bis nach Ghana. Er taucht immer genau dort auf, wo das Image eines Klienten einen absoluten Totalschaden zu erleiden droht. Und statt auf völlig veraltete Praktiken wie Bestechung oder Schmiergeld zurückzugreifen, legt dieses Team in aller Kreativität los und gibt Vollgas. Hier werden Legenden gebaut und der Angriff gilt der Gefühlsebene potentieller Kunden.

Sie gehen in die Offensive, wo andere schon lange abtauchen. Sie bringen Opfer, wo andere bereit sind zu bezahlen. Sie betreiben innovative Krisen-Kommunikation mit der Presse, indem sie Bilder erzeugen, die an die Emotionen der Betrachter appellieren. Ihre Ideen sind revolutionär, unvorhersehbar und erfolgreich. Sie bedienen sich aller Mechanismen einer modernen Medienkultur und führen den aufrechten Journalismus ad absurdum.

Dabei werfen sie alles über Bord, was dem Ziel im Weg stehen könnte. Der Erfolg steht im Mittelpunkt und ein persönliches schlechtes Gewissen kann man sich in dieser Funktion nicht leisten. Darüber hinaus gibt es nichts, was man nach der Mission nicht großzügig und im Geheimen finanziell entschädigen könnte. Die Öffentlichkeit will aufs Neue überzeugt werden und das gelingt von Mission zu Mission. Beispiele gefällig?

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

So verschwindet mal eben ein tropischer Regenwald in einer selbst verursachten Brandrodung, nur um zu zeigen, wie überrascht man doch selbst von diesen brutalen Methoden der Landgewinnung ist. Und ganz nebenbei inszeniert man sich selbst als zufälliger Lebensretter in ausweglosen Situationen. Oder man findet Peinliches in der von Kinderarbeit getragenen und gerade im Feuer versunkenen indischen Kleiderfabrik. Frei nach dem Motto: „Wenn ich meinen Schaden schon nicht mehr beheben kann, dann reiße wenigstens die Konkurrenz mit in die Hölle“.

Opfer pflastern ihren skrupellosen Weg. Menschliches Leid und Armut werden als Kollateralschäden einkalkuliert. Und der freie Markt bestätigt sie. Ihre Strategien gehen auf. Erfolg wird zum Markenzeichen des stets im Verborgenen agierenden Teams. Sie kreieren „Hope-Stories“ und verstehen sich selbst als Vereinfacher. Je komplexer eine Botschaft ist, umso unwahrscheinlicher ist es, dass sie verstanden wird. Sie erzählen ihre Geschichten knapp und präzise. Das wirkt.

Und das alles unter der Führung des charismatischen Agenturleiters Jens Mars. Aber wie sieht es hinter den Kulissen der Agentur aus? Wenn schon die ganze Welt systematisch belogen wird, wie geht man dann mit seinen Mitarbeitern um? Und was, wenn jemanden das schlechte Gewissen plagt? Auch hier wird nur erdichtet, gelogen, gemobbt, erzwungen und subtil unter Druck gesetzt. So sehr, dass man wirklich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden kann.

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Als Thomas Hessel die Lügen-Fäden zu entgleiten drohen, die er so meisterhaft gesponnen hat, gerät er zwischen die Fronten. Er, der Meister der YouTube-Methode. Er, der große Meister der Hope-Stories fällt einem medialen Phantom zum Opfer, das seinesgleichen sucht und doch in aller Munde ist. Thomas Hessel braucht dringend eine eigene Hope-Story. Ein wenig Hoffnung bei sinkenden eigenen Imagewerten. Er wendet sich an die Öffentlichkeit.

Ob Karl Wolfgang Flender mit „Greenwash, Inc.“ eine reine Utopie ersann? Ob er bereits ganz nah an der Realität eine Story erfand, die so gar keine Hope-Story ist und schon jetzt in der Lage ist, seine Leser völlig zu verunsichern? Das solltet Ihr selbst erlesen und beurteilen. Jedenfalls hat sein Roman Tempo und Sprengkraft. Zwei sehr wertvolle Ingredienzien, die ihn zu einem extrem lesenswerten Buch machen.

Kein Bio-Label wird Euch nach „Greenwash, Inc.“ mehr unschuldig vorkommen, kein noch so verwackeltes YouTube-Video wird euch noch amateurhaft erscheinen und keine Pressemeldung zum Image einer Firma wird mehr harmlos und wahr klingen. Ich gehe jetzt zurück in meine kleine Bio-Redaktion und genieße meine ganzen Zertifikate. Verklagt mich doch! „Mars & Jung“ hauen mich garantiert raus und machen aus jeder Niederlage einen Sieg. Brandrodung inklusive. Man sollte sich nur von seinem Gewissen verabschieden. Das schadet nur!

Greenwash, Inc. von Karl Wolfgang Flender

Greenwash, Inc. – Buchhandlung Calliebe mit chlorfreiem Online-Service

„Unterwerfung“ – Der Tag an dem Houellebecq unterworfen wurde

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Manchmal fällt es sehr schwer, einen Roman völlig losgelöst von den realen sozialen Rahmenbedingungen unseres Lebens zu lesen und ihn dabei in seiner rein inhaltlichen Wirkung zur freien Entfaltung kommen zu lassen. Manchmal spielt das reale Leben auch einem Roman einen Streich und hebt ihn durch das Eintreten besonderer Ereignisse auf eine andere und nicht vom Autor erdachte und beabsichtigte Ebene.

Behandelt zum Beispiel eine moderne Gesellschaftsutopie den Zusammenprall von Politikern, Konfessionen und Kulturen im Frankreich des Jahres 2022 und entwirft dabei ein bedrohliches Szenario aus Demonstrationen gegen die drohende Islamisierung des Landes, schafft Bilder von bürgerkriegsähnlichen Szenen zwischen den Anhängern der unterschiedlichen politischen Richtungen und projiziert viele tagesaktuelle Probleme in die Zukunft, dann erlangt ein solcher utopischer Roman flankiert durch das reale Leben eine ungeheuerliche Relevanz.

Erscheint dieser Roman dann auch noch in einer Zeit, in der selbst in unserem Land Protestzüge mit islam-, flüchtlings- und ausländerfeindlichen Parolen durch die Städte ziehen und Schlagworte wie „Lügenpresse“ skandieren, dann wird dem Leser mulmig. Erscheint der Roman zudem noch am selben Tag, an dem in Paris einzelne islamistische Terroristen die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ stürmen und gezielt Journalisten und Karikaturisten liquidieren, die mit ihren mehr als kritischen Mohammed-Karikaturen provozierten, dann weht der Hauch von „VISION“ über Buch und seinem Autor.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Als hätte er es vorhergesehen! Und als stünden das Erscheinen des Romans und die Anschläge in Paris in kausalem Zusammenhang. Als wäre alles miteinander verbunden und was wäre geeigneter, als gerade diesen neuen Roman mit dem allzu passenden Titel Unterwerfung von Michel Houellebecq (DUMONT) auf ein hell erleuchtetes Podest zu heben und dann, egal von welcher Seite auch immer, zu instrumentalisieren?

Einerseits als hellsichtig formulierte Warnung vor dem islamischen Gottesstaat und andererseits lauter Weckruf für die wackeren AufRECHTEN, die eigenen Bestrebungen zu intensivieren. Zitate werden gesucht, Textstellen willkürlich aus dem Zusammenhang gerissen, der Titel wird zum schlagwortartigen Selbstläufer und zurück bleibt ein Autor, der anderes beabsichtigte und bei den Pariser Anschlägen selbst gute Freunde verloren hat.

„Unterwerfung“ hat Michel Houellebecq an jenem tragischen 7. Januar 2015 selbst unterworfen. Vereinfacht wurde in allen Medien darüber berichtet, dass sein erdachtes Schreckgespenst erwacht sei und man nun nur in diesem Buch nachlesen müsse, wie es mit Frankreich weitergeht. Aus dem Gesellschaftskritiker Houellebecq wurde auf einen Schlag ein Populist. Ein guter zwar, aber nichts desto trotz ein verschlagworteter Autor.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Dabei hat er nichts anderes getan, als sein literarisches Echolot auf das geliebte eigene Land zu richten und die Schallwellen, die ihn erreichten mit Wortgewalt verstärkt und zu einem Roman verdichtet, der in seiner utopischen Ausrichtung keinesfalls die Angst vor dem sich ausbreitenden Islam in Europa in den Mittelpunkt stellt. Wer dieses Buch so versteht, macht es sich zu leicht. Wer es so versteht, hat nicht in den Spiegel geschaut, den Houellebecq so blank poliert hat, dass die darin entstandenen Bilder keine Verzerrungen zulassen.

Frankreich befindet sich im Jahr 2022 in einer tief angelegten politischen Krise. Die althergebrachten politischen Parteien sind im Präsidentschaftswahlkampf lediglich auf der Basis leerer Parolen bestrebt, die Macht zu erhalten und die zukünftigen Ämter in den dichten eignen Reihen zu verteilen. Die inhaltichen Unterschiede zwischen den Vertretern der liberalen Parteien sind zwar vorhanden, für politikverdrossenen Wähler jedoch kaum noch wichtig.

Es gilt nur noch, zwischen den Extremen zu entscheiden und einen Rechtsruck im Land zu verhindern. Und dieser droht beharrlich, demonstrieren doch nicht nur in Paris die „Ureinwohner Europas“ in den Straßen und machen ihrem Unmut gegenüber den üblichen zu verunglimpfenden Minderheiten Luft. Gegen die Islamisierung des Landes. Gegen Flüchtlinge. Gegen Zuwanderung. Gegen… Gegen… Gegen…

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Um zu verhindern, dass genau diese Demonstranten von der rechtskonservativen Partei des Landes automatisch aufgesaugt werden, gehen alle restlichen Parteien eine logisch erscheinende, aber letztlich fatale Koalition mit einem Kandidaten und seiner Partei ein, um den Rechtsruck im Land zu verhindern und dabei selbst noch ein wenig im Sattel der Macht zu bleiben.

Dass der muslimische Präsidentschaftskandidat der Wertetradition eines durchaus gemäßigten Islam anhängt, und seine Partei der „Bruderschaft der Muslime“ genau die Gefahr verkörpert, gegen die man auf den Straßen demonstriert, nehmen die Politiker gerne in Kauf. Es gilt einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern, zu dem die Rechten im Lande immer unverhohlener aufrufen.

Am Wahltag entscheidet sich das Schicksal eines ganzen Landes und angesichts der drohenden Revolten und Unruhen im ganzen Land gewinnt die Koalition um den muslimischen Kandidaten Ben Abbes und dessen Vorstellung von der Führung eines Staates auf der Grundlage des Wertevorrates des moderaten Islam beginnt Realität zu werden.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Was Houellebecq dann beschreibt ist mitnichten die Machtübernahme radikaler Islamisten in einem europäischen Land. Er richtet das Brennglas seiner Utopie auf den Werteverfall westlicher Länder. Eigene religiöse Vorstellungen sind schon lange verdampft und haben mit dem realen Leben wenig zu tun. Gewalt, Egoismus und pures Streben nach Karriere sind die Eckpfeiler einer hohlen Gesellschaft, die „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ längst auf dem Altar der globalisierten Wirtschaft geopfert haben.

Die Politiker-Attrappen, die sich einbilden für die Menschen ihres Landes zu sprechen werden gnadenlos entlarvt und in das große Vakuum der Wertlosigkeit bringt der von Ben Abbes vorgelebte gemäßigte Islam einen Lebensinhalt, der von breiten Schichten der Gesellschaft plötzlich als wohltuend empfunden wird.

Houellebecq entwirft kein islamistisches Horrorszenario, sondern hält uns nur vor Augen, auf welche Werte wir dauerhaft verzichtet haben, und wie wir in unserer extrem lebhaften Unzufriedenheit miteinander umgehen. Das Land erfindet sich völlig neu. Die Kriminalitätsrate sinkt ebenso wie die Anzahl der Arbeitslosen. Frauen werden aus den Berufen gedrängt und kümmern sich wieder um die Familie. Kindergartenplätze werden frei, weil die selbst betreute Familie eine neu entdeckte Lebensform wird. Die Wirtschaft boomt durch neue Handelsbeziehungen, Frauen werden aufgrund ihrer züchtigeren Kleidung nicht mehr als sexuelles Freiwild betrachtet und das Bildungssystem richtet sich plötzlich an den realen Erfordernissen aus.

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq

Der Islam steht hier stellvertretend für jeden Wertevorrat, der denkbar wäre, den abendländisch hochgradig gefährlichen Wertemüll zu ersetzen und mit neuem Leben zu füllen. Houellebecqs Protagonisten erleben diese innere Wandlung aus ihrer jeweiligen rein subjektiven Perspektive und der Ich-Erzähler Francois steht stellvertretend für uns alle. Passiv, latent unzufrieden, abgetaucht in Scheinwerte-Ebenen. Tief versunken in die vergangene Welt der Literaturklassiker bemerkt er selbst viel zu spät, dass auch seine eigene Welt auf moralischem Sand gebaut ist.

Houellebecq macht es sich manchmal allzu leicht, seine Utopie zu etablieren. Er blendet aus, was sie tatsächlich zur Utopie macht und bleibt einfach, wo er hätte noch komplexer hätte ausholen können. Dies jedoch macht seine Utopie unterhaltenswert. Und unterhalten wurde ich in diesem Roman hervorragend. Sprachlich spielt er in einer eigenen Liga! Er regt intensiv zum Denken an, schürt keine Ängste vor Minderheiten oder Religionen, sondern verdeutlicht so sehr den Zustand, in dem wir uns befinden.

Ich denke gerade an Demonstrationen in Deutschland. Während früher die Kirchen des Landes in schweren Krisenzeiten bis auf den letzten Platz gefüllt waren, schalten sie heute maximal noch ihre Lichter aus, während ausländerfeindliche Demonstranten vor ihren geschlossenen Toren einträchtig Kirchenlieder singen und gleichzeitig die Anzahl der Kirchenaustritte ungeahnte Dimensionen erreicht. Hach, lasst uns das Abendland retten, es ist nichts mehr übrig davon!.

„Unterwerfung“ ist ein sehr wichtiges Buch. Ich wünschte mir nur, es wäre auch ohne die feigen Anschläge radikal-islamistischer Terroristen, die auch ihren eigenen Glauben attackieren, wichtig gewesen. Ich lasse mich nicht unterwerfen.

Chapeau, Michel

Unterwerfung von Michel Houllebecq

Unterwerfung von Michel Houellebecq – Alles ist vergeben – Charlie Hebdo