„Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss

Gezeitenwechsel von Sarah Moss - AstroLibrium

Gezeitenwechsel von Sarah Moss – AstroLibrium

Oh ja, es ist durchaus möglich, Bücher völlig neutral vorzustellen. Persönliches auszublenden und sie quasi aus Sicht der breiten Leserschaft auf Herz und Nieren zu prüfen. Bloß keine Gefühle zeigen. Immer schön abstrakt bleiben und sich selbst ganz aus der Schusslinie nehmen. Ich kann das nicht. Ich bin nicht das Feuilleton und bin in meiner Rolle als Blogger in einer anderen Position. Mein Blog ist das Tagebuch meines Lesens. Ihm vertraue ich Privates und Persönliches an. Ich öffne mich und erzähle von meiner Geschichte, die mich dazu treibt, ein bestimmtes Buch zu lesen. Ich mache mir mein Lesen und Rezensieren nicht leicht. Es ist diese persönliche Note, die ich einfach nicht unterschlagen kann. So auch heute.

Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss ist für mich ein literarischer Flashback in das Jahr 2013. Ein Jahr, in dem unser Leben unter Vorbehalt gestellt wurde, das mich und meine Familie in den Grundfesten erschütterte und uns monatelang aus der Bahn warf. Intensivstation, künstliches Koma, 12-stündige Operationen, Ungewissheit, unerwartete Komplikationen und eine lange Rehabilitation. Begriffe, die ich mit dieser Zeit verbinde in der unsere Tochter im Alter von 14 Jahren aus der Bahn geworfen wurde. Heute erst bin ich in der Lage darüber zu schreiben. Heute kann ich sogar wieder Bücher lesen, in denen es im weitesten Sinn um väterliche Verlustängste und die schwere Erkrankung von Kindern geht. „Gezeitenwechsel“ hätte ich noch im letzten Jahr verweigert. Angst frisst manchmal die Seele auf. Ich hätte mich nicht getraut. Es wäre zu nah an meinem Leben gewesen.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Es ist etwas passiert. Diese Worte verursachen heillose Panik bei Eltern. Worte, die in der Lage sind, das beschauliche und normale Leben vollkommen aus den Angeln zu heben. Sie bezeichnen den Moment, in dem das Leben auf brutale Art und Weise in zwei Zeitscheiben zerteilt wird. Die Zeit vor dieser Aussage und die Zeit danach. Worte, vor denen ich mich heute noch fürchte, weil sie alles verändern. Ohne Vorwarnung. So geht es auch den Eltern der 15-jährigen Miriam Goldschmidt. Es ist ein einziger Anruf mit dem alles ins Wanken gerät. Herzstillstand. Atemstillstand. Reanimation. Gerettet. In letzter Sekunde. Aber. Dieses Aber frisst sich fest, weil man in der Klinik nicht in der Lage ist, eine Ursache zu diagnostizieren. Dieses Aber bedeutet, dass Miriam fortan in jeder unbeobachteten Sekunde ihres so jungen Lebens sterben kann. Ein Herzstillstand ist jederzeit möglich.

Es ist der Vater des Mädchens, der zuerst den Boden unter den Füßen verliert. Er, der Hausmann und erster Ansprechpartner seiner beiden Töchter, verfällt in eine totale Angstpsychose, die von Hilflosigkeit und Ohnmacht geprägt ist. Wie soll und kann man so weiterleben. Was kann er seiner Tochter erlauben, wenn sie wieder zuhause ist und wie intensiv kann man ihr Leben überwachen, um bei ihr zu sein, wenn ihr Organismus erneut versagt? Adam Goldschmidt begibt sich auf die schmale Gratwanderung, seine beiden Mädchen als Vater zu sehr zu bemuttern. Wenn alles genetisch bedingt ist, hat auch das Leben des Nesthäkchens Rose gerade einen Warnschuss kassiert.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Emma Goldschmidt, Ärztin und Ernährerin der Familie, hingegen schlüpft eher in die rationale Rolle. Sie wird vom Job aufgefressen, und wo noch ein wenig Freiraum bleibt, flieht sie zu ihren Patienten, weil eine schwerkranke eigene Tochter für sie nicht verkraftbar ist. Rollenbilder haben in Gezeitenwechsel keinen Bestand. Fragen, wie es weitergehen kann, dominieren das Leben. Perspektivwechsel zwischen Klinik und dem normalen Leben erweitern den geschlossenen Erzählraum um eine Dimension, die wir nur zu intensiv selbst erlebt haben. Draußen geht für alle das normale Leben weiter, in der Klinik jedoch steht die Zeit still. Der „Gezeitenwechsel“ kommt zum Stillstand. Ebbe bleibt Ebbe. Die Flut hat sie hierhin gespült und zurückgelassen.

Sarah Moss löst den Mikrokosmos Familie im Makrokosmos Schicksal auf. Es ist die Urangst von Eltern, den Tod der eigenen Kinder miterleben zu müssen, die sich im Herzen dieses Romans immer mehr ausbreitet. Eine zerstörerische Angst, die zermürbt und aufreibt. Eine Angst, die in der Lage ist, feste Beziehungen zu sprengen und jeden Stein umzudrehen, der bisher ganz ruhig an seinem Platz im Familienpuzzle lag. Mitten in diesem Mahlstrom kämpft die lebenslustige, widerspenstige und agile Miriam um den letzten Rest von Normalität. Schule, Freunde, das normale Leben stehen für sie auf der Kippe. Sie verweigert sich dem goldenen Käfig der Dauerüberwachung, während ihren Eltern die Angst über den Kopf wächst. Oh, wie nah geht mir dieses Bild.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Wenn Sarah Moss über Ängste oder Verlustgefühle schreibt, dann bemüht sie kein Klischee und keine literarische Plattitüde. Sie erzeugt Bilder von realer Brutalität, die in uns selbst kleine Wunder bewirken. Sie schrecken nicht ab. Sie werden endlich greifbar und verschaffen sich Raum. Sie kommen aus der Ecke heraus, in die man sie so gerne verdrängen würde. Und genau in diesem Verdrängungsprozess besteht die Gefahr des Kontrollverlustes. Ich sah mich selbst wieder am Krankenbett meiner Tochter. Ich habe die schlaflosen Nächte an der Seite eines Mädchens vor Augen, das sich im Koma ins Leben zurück schlief. Ich sehe plötzlich wieder die paradoxe Welt vor mir, das Draußen, in dem alles völlig normal weiterging, was uns damals unwirklich erschien. Sarah Moss hat mit ihrem Roman eine Grenze überschritten, die ich für geschlossen hielt. Und das nicht nur durch die präzise Charakterzeichnung ihrer Protagonisten, sondern auch, weil sie eine Flucht ermöglicht, ohne die man in einer solchen Situation nicht leben kann.

Sie öffnet uns die Tür zur Kathedrale in Coventry. Sie erweitert die Dimension ihres Romans um eine metaphorische Ebene, die heilsame Kräfte hat. Sie lässt Adam in ein Projekt entfliehen, das ihn vielleicht retten kann. Er recherchiert die Geschichte dieser Kathedrale. Seiner verpassten akademischen Karriere ein wenig nachtrauernd, geht er der Vergangenheit auf den Grund. Hier wird die Kathedrale zum Synonym des eigenen Lebens. Ohne Vorwarnung im Zweiten Weltkrieg bis auf die Grundfesten zerbombt, neu errichtet auf ihren Ruinen, völlig losgelöst vom ursprünglichen Baustil neu gedacht und neu gelebt Er taucht in eine Geschichte ein, die der seiner Familie zu gleichen scheint. Ein Erzählstrang, der eine besondere Dynamik an den Tag legt. Ein Perspektivwechsel, der dem Roman eine besondere Note verleiht.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

Unvorhersehbares wird zur Herausforderung. Und oftmals erkennt man erst im Chaos, wie gefährlich der Stillstand war, in dem man sich so sicher fühlte. Sarah Moss lässt in „Gezeitenwechsel“ keinen Stein auf dem anderen. Sie lässt Konflikte zu, die jeder gerne vermeiden würde. Sie hinterfragt den Lebensentwurf einer Familie und zerstört ganz bewusst jede Grundlage für ein komfortables künftiges Miteinander. Jede Nuance dieses Romans ist relevant. Kein Handlungsstrang ist hier nur Beiwerk. So, wie es in jeder Familie Triggerpunkte in der Vergangenheit gibt, die in der Zukunft Auslöser von Ereignissen werden, so ist in diesem Roman jedes Detail für das tiefe Verständnis der Zusammenhänge relevant. Und wenn man denkt, die Elternängste könnten deutlich übertrieben sein, hält Sarah Moss den Atem an. Nicht ihren. Das sei verraten.

Sie ist heute gesund! Unsere Tochter. Und doch bleibt ein Spurenelement von Angst. Es bleibt, was auch im Roman beschrieben wird. Das Gefühl von Sicherheit, sich in der Nähe einer Klinik aufzuhalten, auch wenn man im Urlaub ist. Das Streben nach Schutz in jedem Bereich des Lebens und die Tendenz, nur schwer loslassen zu können. Es hat mir persönlich sehr gut getan, diese Gedanken, so aberwitzig und psychotisch sie auch klingen mögen, im „Gezeitenwechsel“ von Sarah Moss wiederzufinden. Man fühlt sich weniger allein, wenn man diesen Roman gelesen hat. Man darf sogar einen Gedanken wagen, den man ebenfalls weit in den Hintergrund verdrängt. Habe ich im Umgang mit meinem Sohn damals alles richtig gemacht? Was musste er für sich alleine regeln, weil der Tunnelblick der Eltern ausschließlich auf seine Schwester fokussiert war? Ein Buch, dem ich nicht nur diese Denkansätze verdanke. Ich wurde bestätigt in meinen eigenen Fluchtpunkten, die wie ein Freiheitskampf wirken müssen. Was für Adam Goldschmidt die Kathedrale von Coventry ist, hat mir die Literatur gegeben. Fluchtpunkt des Lebens.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss

PS: Diesen Roman neutral vorzustellen, mich selbst auszublenden und Lesern nur den Inhalt ans Herz zu legen, genau dies wollte ich versuchen. Ob ich es geschafft habe, ist im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe (er)lesen I. Quartal 2019“ zu sehen. Selten zuvor habe ich so intensiv nach einer Sichtweise gesucht, die nicht von meinem eigenen Leben überlagert wird. Dass es mir vielleicht gelungen ist, verdanke ich Sarah Moss.

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

Gezeitenwechsel von Sarah Moss im Kundenmagazin der Buchhandlung Calliebe

PPS: Was Dresden und Coventry über die radikale Bombardierung hinaus verbindet? Der Chor der Überlebenden. Für mich eines der bedeutendsten Versöhnungssymbole unserer Zeit.

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Gezeitenwechsel von Sarah Moss – Ein Geschenk aus Dresden

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

(Sie entscheiden selbst: Weiterhören bei Literatur Radio Hörbahn oder lesen…)

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉

„Vergessene Seelen“ von Frank Goldammer – Max Heller (3)

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Ob eine Bücherreihe ihr volles Potenzial ausschöpft, zeigt sich zumeist erst nach dem zweiten oder dritten Band. Vorschusslorbeeren sind schnell geerntet, besonders wenn der Auftaktband in literarischer Sicht durch die Decke geht und Bestsellerlisten im Sturm erobert. So geschehen mit dem Kriminalroman Der Angstmann des Dresdner Schriftstellers Frank Goldammer. Unabhängig vom reinen Inhalt konnte man schon früh erkennen, in welch brillanter Ausgangssituation er seinen Protagonisten Max Heller auf den Buchmarkt brachte. Das historische Setting ließ schnell hoffen, dass wir es hier mit einem Ermittler zu tun haben werden, der uns durch besonders relevante Zeitscheiben der deutschen Geschichte begleitet.

War sein erster Fall „Der Angstmann“ noch in den letzten Ausläufern des Zweiten Weltkrieges angesiedelt, fanden wir uns an der Seite von Max Heller im zweiten Band der Reihe im Dresden des Jahres 1947 wieder. Frank Goldammer transferiert die Leser von einem politischen Debakel ins nächste. Er lässt dabei seinen Max Heller genau das sein, wofür er geboren ist. Polizist. Ob im Nationalsozialismus oder in der sowjetischen Besatzungszone. Max Heller bleibt dem Verbrechen auf die Spur, egal welches System ihn dabei mit der jeweiligen Polizeigewalt ausstattet. Einerseits passend zu seinem tief angelegten Gerechtigkeitssinn, andererseits eine schwere Bürde, die er zeitlebens mit sich zu tragen hat. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen Opportunismus und der reinsten Form von Pflichterfüllung.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Spätestens an dieser Stelle musste uns klar sein auf was wir uns einlassen, wenn wir Frank Goldammer und seinem Ermittler Max Heller weiter folgen. Das Potenzial der zeitgeschichtlichen Szenarien auf die er unweigerlich zusteuert ist gewaltig. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Faschismus und Kommunismus geben sich die Klinken in die Hände und die Menschen haben sich damit zu arrangieren. Wem dies nicht gelingt, dem bleibt die Flucht in den Westen. In diesem Vakuum der Instabilität und einer völlig neuen Ausrichtung ideologischer Rahmenbedingungen floriert das Verbrechen. Krisen schütteln das Land, Hunger und Not sind Brandbeschleuniger für Verbrechen und auch Profiteure und Kriegsgewinnler wittern ihre Chancen. Ein weites Feld, dem man sich im Folgenden ausgiebig widmen kann.

Tausend Teufel“ hat genau diese Fäden aufgenommen und in brillanter Art und Weise fortgesetzt, was wir uns als Leser erhofft hatten. Die Besatzungsmacht rückt selbst in den Fokus von Ermittlungen. Unbestechlich ermittelt sich Max Heller durch die Mordserie, die nur in diesen wirren politischen Verhältnissen den Ursprung haben kann. Dabei steht ihm seine Vergangenheit im Weg. Er wird nicht als unbescholten betrachtet. Die Hypothek des Polizisten, der schon im Nazi-Regime Kommissar war ist groß. Nicht so erheblich jedoch, dass Max Heller sie nicht durch sein kriminalistisches Können und seinen vorbildlichen Charakter beiseiteschieben kann. Max Heller überzeugt auf ganzer Linie, ohne dabei linientreu zu sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Wir sehen die Zukunft vor Augen, wenn wir uns in seine Lage versetzen. Wunden der Dresdner Bombennacht sind noch nicht verheilt, die sowjetische Besatzung hat den Krieg nicht beendet, sondern ihn mit anderen Mitteln ins Land gebracht. Aus Ideologien werden eiserne Vorhänge. Die Teilung Deutschlands nimmt konkrete Formen an und in großen Schritten driften die beiden Teile mit ihren Menschen auseinander. All dies wirkt sich nicht abstrakt auf Max Heller aus. Der Rucksack seiner Vergangenheit belastet die ganze Familie. Zwei erwachsene Söhne. Einer im Westen lebend, der andere im Osten. Nicht nur ein Land wird getrennt. Auch die Familie Heller. Mit diesem literarischen Kniff verschafft sich Frank Goldammer zugleich die Möglichkeit, seinen Erzählraum weiter zu fassen und zwei deutsche Perspektiven einfließen zu lassen. Potenzial ausgeschöpft.

Vergessene Seelen ist nun bereits der dritte Fall von Max Heller. Das Dresden im Jahr 1948 steckt den Rahmen für die Fortsetzung der Buchreihe ab. Das Entstehen der neuen Republik im Osten zeichnet sich ab. Währungsreformen auf beiden Seiten eines eisernen Vorhanges und die unterschiedlichen wirtschaftlichen Verhältnisse stellen eine erste große Zerreißprobe dar. Neid und Missgunst blühen. Mittendrin Max Heller, der in Dresden mit einer Reihe von Todesfällen konfrontiert wird, auf die er sich keinen Reim machen kann. Die Todesursachen liegen im Dunkeln, doch was zunächst aussieht wie eine Reihe von Unfällen, entwickelt ein Muster aus Zusammenhängen, dem Max Heller konsequent folgt. Dass er damit nicht nur fremde Dämonen, sondern die Geister seiner eigenen Vergangenheit heraufbeschwört, wird ihm erst klar, als es fast zu spät ist.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Authentisch. Mehr muss ich nicht sagen. „Vergessene Seelen“ ist ebenso, wie seine beiden Vorgänger aus der Zeit gefallen. Die Verbrechen, die Frank Goldammer hier zur Ausgangslage der Ermittlungen beschreibt, können in dieser Form nur unter den wirren Rahmenbedingungen des Jahres 1948 stattgefunden haben. Authentisch gelingen ihm die Konstruktionen von Motiven, Mitteln und Folgen der Verbrechen. Authentisch gelingt ihm die Charakterzeichnung der betroffenen und verwickelten Menschen. Packend und spannend beschreibt er, was uns Leser nicht kaltlassen kann. Kindesmissbrauch, Väter die traumatisiert aus dem Krieg nach Hause kommen, alte und neue Seilschaften, Nöte und Sorgen von Ehefrauen und Müttern, Schwarzmarkt und Ausbeutung. All dies findet man in „Vergessene Seelen“ als Nährboden für miteinander verbundene Kriminalfälle, an denen sich Max Heller die Zähne ausbeißt.

Es sind zumeist kleine Geschichten, die bei Frank Goldammer große Erzählungen entstehen lassen. Es sind menschliche Abgründe, Leidenschaften und Hoffnungen, in denen wir Motive für Taten finden, die uns unverständlich erscheinen. Goldammer zeigt auch in diesem dritten Heller-Roman sein literarisch geprägtes Erzähltalent. Hier eilt er nicht durch sein Szenario. Er verdichtet Charaktere und Spannungselemente zu einem Mix, der seinen Roman lesens- und hörenswert macht. Die größte Leistung liegt jedoch für mich in der Ausgestaltung seines Protagonisten Max Heller begründet. Hier wird er mit seiner Geschichte konfrontiert. Mit seinen Ängsten und Traumatisierungen. Mit dem Bild, das er als Vater von sich selbst hat. Seine Familie lässt sich von der Geschichte in keiner Situation trennen. Hier eskaliert die Spannung neben den reinen Verbrechen, die sein Leben dominieren. Hier greift Frank Goldammer tief in die literarische Schatzkiste seiner Vorstellungskraft. Hier dreht sich plötzlich sehr viel um ein kleines Mädchen, das in der Familie Heller Zuflucht gefunden hat. Hier dreht sich viel um einen Gegenspieler, den Max Heller in seinem Berufsleben nicht erwartet hätte. Ein Momentum, das man so nicht erwarten konnte. Auch hier zeigt sich das große Potenzial dieser Buchreihe. Hier wird noch viel zu erzählen sein.

Vergessene Seelen von Frank Goldammer

Drei Bücher und Hörbücher haben mich zum Zeugen der Reihe von Heller-Fällen gemacht, die ich schon in diesem Jahr fortsetzen darf. Noch vor Weihnachten wird ein „Roter Rabe“ bei mir landen. Wir springen mit Max Heller in das Jahr 1951 und erleben die konsequente Fortsetzung seiner Zeitscheibenbetrachtung. Die Perspektive erweitert sich, der Fokus richtet sich auch auf den anderen Teil Deutschlands. Max Hellers Frau Karin darf endlich ihren Sohn Erwin im Westen besuchen, während ihr Mann von einer Reihe mysteriöser Todesfälle in Atem gehalten wird. „Eine Flut wird kommen.“ Diese beunruhigende Nachricht findet er in den Taschen eines Opfers. Spannung garantiert.

Auch der vierte Teil der Max-Heller-Reihe wird zeitgleich bei Der Audio Verlag als Hörbuch erscheinen. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, auch die Fortsetzung zu hören und zu lesen. Zu sehr habe ich mich an Heikko Deutschmann gewöhnt, der mir als virtueller Beifahrer im Auto schon so viel erzählt hat, was ich zu diesen Zeitpunkten nicht selbst lesen konnte. Mag Weihnachten im Lichterglanz nur zart erstrahlen, bei mir wird es am 21. Dezember „HELLER“.

Roter Rabe von Frank Goldammer

„Tausend Teufel“ mit Frank Goldammer zurück in Dresden

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Noch im September 2016 schrieb ich an dieser Stelle:

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit den politisch / sozialen Rahmenbedingungen seiner Arbeit zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der weitere Weg von Max Heller wird sich niemals von der deutschen Geschichte lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier zeigt sich für den Leser das Potenzial einer Buchreihe, der es zu folgen gilt, um zu erlesen wie sich Max Heller diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Vorschusslorbeeren, könnte man sagen. Perspektivisch richtige Einschätzung, sage ich in der Rückschau und nach dem Lesen und Hören des zweiten Buches einer Reihe, in der sich Max Heller als Ermittler immer weiter profiliert, konturiert und sich mehr als deutlich aus der Masse der an uns vorüberziehenden Thriller-Kommissare abhebt. Was macht diesen Polizisten aus, was unterscheidet ihn und warum geht die Buchreihe von Frank Goldammer geradezu „durch die Decke“?

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Tausend Teufel“ haben ihn wohl auch diesmal geritten, als er nach dem Auftakt der Reihe mit dem Titel „Der Angstmann“ das Rad der Geschichte weiter drehte. Wo wir gerade noch mit Max Heller in der Bombennacht von Dresden durch das Feuer gingen, die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee erlebten und miterleben durften, wie sich das Kriegsende damals für die Menschen angefühlt haben muss, springen wir nun in das Jahr 1947. Von stabilen Verhältnissen kann nicht die Rede sein. Überleben lautet das Motto der kleinen Leute. Überleben in einer Zeit des Hungers, der Kälte und der Ungewissheit vor der Zukunft.

Frank Goldammer entwirft hier kein Szenario. Er fabuliert sich nicht durch eine allzu aufgesetzt wirkende Kulisse, die er für einen Krimi benötigt. Es wirkt, als habe er diese Zeit erlebt, durchlitten und am eigenen Leib gefühlt. Er schreibt, als sei er eben erst von einer Zeitreise in die Vergangenheit zurückgekehrt, um jetzt zu dokumentieren, wie sich Geschichte auf Augenhöhe abgespielt hat. Fiktional bleibt sein Protagonist. Erfunden in jeglicher Beziehung und doch so real und authentisch, als hätte es Max Heller gegeben und so gradlinig und greifbar, als hätte es ihn immer geben müssen, um dieser dunklen Zeit ein wenig Licht zu verleihen.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

In Wellenbewegungen rasen politische Ideologien an ihm vorbei, ohne ihn selbst in den Strudel der politischen Verblendung zu reißen. Wie ein einsamer Wolf folgt er einer Mission, die Gerechtigkeit heißt. Zu Nazi-Zeiten war er kein Nazi. Wo es seiner Karriere geholfen hätte, in der Partei gewesen zu sein, entzog er sich der Versuchung. Und nun, wo es hilfreich wäre in einem neu entstehenden Land, unter sowjetischer Besatzung in die kommunistische Partei oder die SED einzutreten, mitzulaufen, das Fähnchen in den Wind zu halten, da entzieht er sich auch. Heller ist Polizist. Punkt. Möge die ganze Welt aus Funktionären, Bonzen oder Opportunisten bestehen, Heller bleibt nur er selbst.

Unantastbar ist er dabei nicht. Das Leben könnte einfacher sein. Und doch ist sein Fokus nur auf die Verbrechen gerichtet, die um ihn herum geschehen. Da werden ein paar sowjetische Offiziere bestialisch ermordet, ein Rucksack mit einem abgetrennten Kopf macht von sich Reden und Hände ohne Körper greifen nach der Wahrheit. Heller versucht ein Muster zu entdecken, ermittelt für, mit und gegen die Besatzer. Er wird von ihnen instrumentalisiert, um herauszufinden, ob hinter den Offiziersmorden interne und damit zugleich geheim zu haltende Vorgänge stecken. Er dringt in dunkle Kreise vor, in denen man sich am Mangel bereichert. Der Schwarzmarkt floriert und mit ihm auch die Kriminalität.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Er versinkt in einem menschlichen Sumpf aus Verleugnern und Lügnern. Als hätte es niemals Nazis gegeben, suhlt sich jeder Deutsche in seinem reinen Gewissen. Sein eigenes Leben ist auf diesen Grenzgängen zwischen den Fronten niemals sicher. Lose Fäden, Tatwaffen und mögliche Motive führen Max Heller in eine zwielichtige Welt, die alles denkbar werden lässt. Er bleibt auf der Fährte, unantastbar, geradeaus und ohne sich selbst dabei zu korrumpieren. Er deckt auf, was aus russischer Sicht nicht denkbar ist, einfach nicht vorkommen darf. Und doch lässt er nicht locker. Er stößt auf Deutsche, die noch in der alten Ideologie verfangen sind und neue Wege bekämpfen. Heller sticht in ein Wespennest einer rotlichtigen Halbwelt, die keine Schatten werfen will und stößt auf Kinder, die verlassen vom Rest der Welt in einem eigenen Universum leben.

Frank Goldammer hat wahrlich einen Kriminalroman geschrieben. Eigentlich ist es aber Literatur, die wir hier finden, die uns packt und begeistert. Die Morde ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman, bilden das Gerüst und weisen den Weg, den er mit Max Heller beschreitet. Doch dieser Weg führt konsequent zu Menschen und Orten, die der feine Beobachter und brillante Erzähler Frank Goldammer mit Leben füllt. Nein, es ist nicht wirklich nur ein Krimi. Es geht nicht nur um die Auflösung einer mysteriösen Mordserie oder die reine Zuordnung von Kopf und Händen zu einer Leiche. Es geht um ein eigentlich fast unbeschreibliches Gefühl für die Menschen einer Zeit, aus der diese Geschichte gefallen ist. Wenn man sich in diese Beschreibungen fallen lässt, Dresden und seine Straßen auf sich wirken lässt, den Kindern folgt, denen Frank Goldammer im Verlauf des Romans Stimme und Gestalt verleiht, dann erkennt man, dass es hier nicht nur um Morde geht. Es geht hier um eine Erzählung, die Gewicht hat. Eine Qualität, die mir nicht oft über den Leseweg läuft.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

„Tausend Teufel“ kann man lesen und hören. Ich habe mich wechselweise im Buch (dtv) und in einer Hörbuchfassung (Der Audio Verlag) durch das Dresden des Jahres 1947 bewegt. Was mich neben der rein inhaltlichen Komponente beeindruckt hat, mich geradezu ans Hörbuch fesselte, ist die Art und Weise mit der Heikko Deutschmann als Sprecher die Charaktere aus der Erzählung von Frank Goldammer interpretiert. Gerade die verlassenen Kinder mit ihren sprachlichen Hürden, die Verwahrlosten und vom Rest der Gesellschaft Vergessenen, wachsen uns ans Herz und während des Hörens wird in uns der Beschützerinstinkt zum Leben erweckt, den Max Heller zum Mantra erhebt.

„Der Angstmann“ und „Tausend Teufel“ von Frank Goldammer machen Lust auf mehr. Mehr spannungsgeladene und psychologisch ausgereifte Geschichten, mehr in der deutschen Geschichte verankerte menschliche Schicksale und mehr Lokalkolorit in dem so tragisch sympathischen Ambiente einer Stadt, die wie kaum eine zweite für den Weg eines ganzen Landes durch die jüngste Vergangenheit steht. Dresden. Ich werde auch im nächsten Jahr lesend und hörend an der Seite von Max Heller bleiben. Ich sah auf der Frankfurter Buchmesse das Cover des dritten Teils aus dieser Buchreihe. Es ist ein weiterer Schritt aus der Vergangenheit heraus in die Zeitscheiben hinein, die unsere gemeinsame Geschichte bestimmen. Wir sehen uns wieder in Dresden.

Tausend Teufel von Frank Goldammer

Spätestens im Juni 2018 – „Vergessene Seelen“ – Merkt euch den Titel vor…

„Der Angstmann“ – Mit Frank Goldammer auf Jagd in Dresden

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Die Welt der Kriminalromane ist facettenreich und vielschichtig. Und doch stoßen wir oftmals auf fiktive Ermittler, Kommissare, Inspektoren und Detectives, die selbst so angeschlagen sind, wie die meisten ihrer Serientäter. Psychologische Probleme, Ärger in der Beziehung oder traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit bürden ihnen so viele Probleme auf, dass sie kaum noch in der Lage sind, unbelastet zu ermitteln. Auf normale Charaktere stößt man da eher selten. Zumindest ging es mir bisher so.

Frank Goldammer dreht den Spieß jetzt um. Sein Krimi-Debüt bei dtv trägt den sehr klangvollen Namen Der Angstmann und geht in jeder Hinsicht als Verlagsspitzentitel an den Start. Goldammer kann mit Fug und Recht behaupten, dass sein Protagonist als normal bezeichnet werden kann. Kriminalinspektor Max Heller lebt in einer vorbildlichen Beziehung, hat persönliche Niederlagen und Rückschläge weitgehend gut verkraftet und zeichnet sich durch einen unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn aus.

Es scheint gewagt zu sein, eine derart in sich gefestigte und stabile Persönlichkeit zu präsentieren, da man als Schriftsteller auf Spannungsbögen verzichtet, die in der tiefen Zerrissenheit mancher Protagonisten schlummern. Warum Frank Goldammer dies wagt? Ganz einfach. Sein „Angstmann“ ruht auf den festen Schultern von Max Heller, der in Dresden ermittelt und jeden Funken Normalität zum Überleben braucht. Denn hier ist es das komplette Szenario des Kriminalromans, das so fundamental bizarr und gleichsam real wirkt, dass man es ohne gesunden Menschenverstand nicht verkraften würde.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Denn Max Heller ermittelt als Kriminalinspektor im Dresden des Jahres 1945. Das ganze Land geht seinem Untergang entgegen, Mangel dominiert das tägliche Leben und Nazis versuchen mit allen Mitteln, die letzten Positionen der Macht zu verteidigen. Heller könnte man hier als Opportunisten bezeichnen. Die Polizei ist von den Ideologen des Schreckens unterwandert. Er realisiert, was mit der jüdischen Bevölkerung seiner Stadt geschieht und schluckt doch alle Kröten, um seiner Berufung zu folgen. Sein aufrechter Kampf gegen die Kriminalität erfordert Standhaftigkeit und Kraft bei diesem Ritt auf der Rasierklinge des Dritten Reichs.

Max Heller ist gleichsam eine Kompassnadel in einem Kreiselkompass, der durch den schlimmsten Tornado rast, den man sich nur vorstellen kann. Unterschiedliche und unkalkulierbare Windrichtungen und -geschwindigkeiten, Untiefen und Gewitter würden jeden aufrechten Mann um den Verstand bringen. Nicht Max Heller. Seine magnetische Ausrichtung heißt Gerechtigkeit und diesen Pol seines Lebens verliert er nicht aus den Augen. Obwohl man verstehen könnte, wenn auch er die Richtung verlieren würde.

Dass Max unverzichtbar für die Polizei ist, verdeutlicht eine grausame Mordserie, die ganz Dresden erschüttert. Bestialisch zugerichtet und abgeschlachtet findet Max Heller die weiblichen Opfer vor und erkennt schnell ein Muster, dem er unbeirrbar folgt. Wie im Tunnelblick bewegt er sich durch seine Stadt, in der polizeiliche Ermittlungen in diesen Tagen fast utopisch erscheinen. Flüchtlingstrecks aus dem Osten erreichen die Stadtgrenze und die Dresdner haben besseres zu tun, als sich um einen Inspektor und seine Fragen zu scheren.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

„Der Angstmann“ geht um. Dieser Satz macht die Runde und zur Unsicherheit dieser Zeit kommt nun die nackte Angst vor einem Serientäter, der scheinbar ungestraft in den Straßen von Dresden morden darf. Doch Heller kommt ihm auf die Spur. Scharfsinn und akribische Recherche bringen ihn Schritt für Schritt näher. Es scheint, dass ihn nur noch ein Augenblick davon trennt, das Monster zu fassen. Es fehlen nur Minuten.

Eine kleine Zeitspanne, die Frank Goldammer seinem Ermittler nicht gönnt. Nicht nur ihm läuft die Zeit davon. Der ganzen Stadt verrinnen die Minuten unter den Fingern, als der 13. Februar 1945 beginnt. Während Max Heller auf der Jagd durch die Straßen hetzt, nähern sich Bombergeschwader seiner Stadt. Es ist der Tag, der alles verändert. Frank Goldammer zieht seine Leser nicht nur in einen perfekt konturierten Plot, er zerrt uns mitten in seinem Roman in die wenigen Luftschutzkeller und lässt uns den großen Feuersturm über Dresden in und zwischen den Zeilen hautnah erleben.

Die Welt versinkt in Schutt und Asche. Während tausende Menschen sterben, kann die Verfolgung eines Serienmörders keine Rolle mehr spielen. Hier brilliert der Dresdner Autor in einer literarischen Hingabe an die Schilderung menschlicher Dramen, die man in der Genreliteratur selten findet. Der Untergang im Untergang steht im Mittelpunkt und Max Heller überlebt das Inferno nicht zufällig. Hier tritt große Plan des Schriftstellers ans Licht. Dieser Kriminalroman ist kein Thriller, der sich zum Selbstzweck degeneriert. Hier zeichnet sich mehr ab.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Das Wesentliche. Der Kern des Seins und die Wahrhaftigkeit des Menschlichen sind die Eckpfeiler im Schreiben von Frank Goldammer. Seinen Max Heller überleben zu sehen bedeutet, eine der größten Perspektivgestalten ihres Genres wie Phoenix aus der Asche zu erheben. Max Heller wird nach dem Feuersturm in eine Welt entlassen, in er nichts mehr so ist wie zuvor. Nach den Nazis folgen sowjetische Besatzer. Auf der Gratwanderung des eigenen Überlebens erlebt er nun den Sturm der Ideologien.

Max Heller bleibt standhaft. Der Kompass ist eingenordet. Mag die Welt auch aus den Fugen geraten, das Magnetfeld sich verändern und das Chaos um sich greifen. Er bleibt er selbst und als das Unfassbare geschieht, wird klar, dass diese Welt ohne Max Heller eine andere wäre. Denn das Morden beginnt erneut. „Der Angstmann“ hat die Vernichtung Dresdens überlebt. Wenn Heller ihm auf der Spur bleiben will, muss er mit den neuen Machthabern kooperieren. Aber nicht um jeden Preis.

Frank Goldammer legt mit „Der Angstmann“ einen furiosen Auftakt einer neuen Krimireihe vor, in der Max Heller unser Lesen erobern wird. In sich geschlossen ist das gesamte Potenzial dieser Figur deutlich erkennbar. Die historische Einordnung ist so gelungen, dass man die Entwicklung eines Polizeiinspektors verfolgen kann, der in seinem beruflichen Umfeld zumeist völlig auf sich allein gestellt ist. Seine Bereitschaft, sich mit der Geschichte zu arrangieren, um seine rechtschaffenen Ziele zu erreichen, ist beispiellos und ebenso beispielgebend.

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Frank Goldammers Sprache wird dem Format seines Krimis gerecht. Kurze Sätze, wenig Abschweifungen, gewehrschussartige Wiederholungen und die Dynamik seiner Formulierungen treiben den Leser ohne Atempause durch diesen Roman. Er ist in der Lage, Tempo zu vermitteln, Taubheit und Angst in Luftschutzkellern zu erzeugen und die Angst der Menschen fühlbar zu machen. Der weitere Weg von Max Heller wird sich nie von der deutschen Historie lösen können. Die Turbulenzen in die er geraten wird, liegen auf der Hand und genau hier liegt für den Leser das Potenzial, zu verfolgen, wie er sich diesen Bedingungen stellen wird und kann.

Wer Frank Goldammer kennt, der weiß, mit welcher Leidenschaft er schreibt. Ich bin von diesem Roman nachhaltig gepackt und begeistert. Und nicht nur das. Denn ganz nebenbei gelingt Frank Goldammer auch noch die große Liebeserklärung an eine Stadt, die fast vollständig verschwand, neu erbaut wurde und heute als Elbflorenz aus der Zeit gefallen ist. Er beschreibt die Menschen in Dresden, die alles gaben, als die Flüchtlinge die Stadt fluteten. Alles, obwohl sie nichts hatten. Frank Goldammer bedient in Der Angstmann keine Klischees, sondern grenzt sich und seinen Protagonisten Max Heller deutlich von Ideologien und vergleichbaren Werken des Genres ab.

„Ich erwarte nie etwas, sonst finde ich nur das, was ich finden will“

Der Angstmann von Frank Goldammer

Der Angstmann von Frank Goldammer

Ich war Dresden selten näher als auf den Seiten, die den Untergang dieser Stadt beschrieben. Meine absolute Leseempfehlung nicht nur für diesen Leseherbst. Nein. Auch weit darüber hinaus. Ich werde Frank Goldammer auf der Frankfurter Buchmesse für Literatur Radio Bayern interviewen und freue mich schon jetzt auf das Gespräch. Wie es sich gehört, konnten wir den Autor gemeinsam ins Kreuzverhör nehmen, denn Anja von Zwiebelchens Plauderecke ist es doch tatsächlich noch rechtzeitig gelungen, in die Interviewkabine des dtv-Messestandes vorzudringen.

Herzlich willkommen. Wir stellen uns dem Angstmann. Hier geht´s zum Interview.

Der Angstmann - Das Interview mit Frank Goldammer

Der Angstmann – Das Interview mit Frank Goldammer

Der Campus Libris geht fast geschlossen auf die Jagd nach dem „Angstmann“. Der Weg zu allen Rezensionen, die in unserer literarischen Wohngemeinschaft entstehen, ist ganz leicht zu finden. Hier geht´s lang.

Tausend Teufel haben ihn zur Fortsetzung geritten… Frank Goldammer legt nach.

Tausend Teufel von Frank Goldammer