Die Leipzig-Interviews 2016

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Vor wenigen Stunden hat die Leipziger Buchmesse 2016 ihre Pforten geschlossen und schon sind die Interviews der kleinen literarischen Sternwarte bei Literatur Radio Bayern zu hören. Es handelt sich hierbei um besondere Gespräche, die in der Liebe zur Literatur begründet sind und gemeinsame Lesenswege beschreiben. Sie schließen Kreise, die in zwei Fällen bereits vor einigen Jahren vorgezeichnet wurden. Drei Messe-Interviews, die es in sich haben. Gespräche, die literarischer nicht sein könnten und die persönliche Ebene spielt hier eine mehr als große Rolle.

Zu jedem Interview findet ihr den Link zur Buchvorstellung bei AstroLibrium und eine kleine atmosphärische Diashow, die euch miterleben lässt, was wir dort erleben durften. Wir. Ja, ihr habt ganz richtig gelesen, denn ich wurde aus gutem Grund von Bianca begleitet, weil… Aber hört doch einfach selbst…

AstroLibrium und Literatwo – Zwei Blogs, ein Mikrofon, drei Autoren. Genießt es, so wie wir es genossen haben…

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Perikles Monioudis – Frederick – dtv – Das Interview

Frederick von Perikles Monioudis - Das Interview - Bald

Frederick von Perikles Monioudis – Mit einem Klick zum Interview

Große Momente des Lesens durfte ich in meinem Herzen einschließen. Unvergesslich bleibt für mich jener eine Tag, an dem Frederick seine Schwester Adele zum ersten Mal zum Tanz bittet. Das erste Mal ohne Bühne. Der erste Tanz der einstigen Wunderkinder nur zum Spaß. Nur ein Tanz. Einfach so. Monioudis braucht keine großen Worte, um seine Leser hier zu Zeugen eines großen Moments jenseits des Tanzes als Profession werden zu lassen. Literatur ist es hier, was wir lesen dürfen.

Perikles Monioudis spricht über die pure Lust am Schreiben, seine eigene Suche nach Perfektion, die Faszination Fred Astaire und gewährt tiefe Einblicke in sein Leben als Schriftsteller. Hört einfach zu. Es lohnt sich.

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Catalin Dorian Florescu – „Der Mann, der das Glück bringt“ – Das Interview

Catalin Dorian Florescu - Der Mann, der das Glück bringt - Das Interview - Bald

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt – Mit einem Klick zum Interview

Das Interview für Literatur Radio Bayern auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse stellte den wichtigen Abschluss dieser Lesereise dar. Vor fünf Jahren begegneten wir uns zuletzt. Seitdem hofften wir auf eine Fortsetzung. Für Bianca und mich ein ganz besonderer Moment, Catalin erneut zu einem Roman aus seiner Feder in ein Gespräch verwickeln zu dürfen. Wir gaben ihm den Raum, den er als Erzähler ausfüllt. Persönlich, kompetent und unglaublich tiefgründig…

Es war nicht die erste Begegnung mit dem Schriftsteller Catalin Dorian Florescu. Ein Rückblick, der sehr lohnenswert ist. Hier schließen sich literarische Kreise.

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Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“ – Literatwo – Das Interview

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells - Das Interview - Bald

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells – Mit einem Klick zum Interview

Er gibt keine Radio-Interviews. Er geht nicht in Talk-Shows. Er will nicht bekannter werden, als seine Bücher. Einen Hype um seine Person lässt er nicht zu. Er ist sprerrig. Er zieht sich weit hinter seine Bücher zurück. Die persönliche Begegnung mit Lesern ist ihm unglaublich wichtig.

Das sagt er selbst. Benedict Wells in einem Radio-Interview. Eine kleine Sensation, aber auch hier die logische Konsequenz einer ersten Begegnung vor vier Jahren. Wer sich von uns am wenigsten verändert hat, was unsere Fragen bei ihm auslösten und wie er auf das Notizbuch reagiert hat, das ihn nun begleitet… Ihr könnt es mit eigenen Ohren hören. Hier endete die Einsamkeit… es wurde sehr dreisam…

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Ich danke Perikles Monioudis, Catalin Dorian Florescu und Benedict Wells für die literarische und persönliche Offenheit in diesen Interviews, die eigentlich gar keine sind. Es sind Buchgespräche und Momentaufnahmen innerhalb der Literatur. Und doch sind sie viel mehr, wie man ganz leicht hören kann. Sie sind Stationen auf Lesewegen, die ewig währen mögen. Schreibt! Wir werden da sein.

Und ein besonderer Herzensdank an Bianca und Literatwo. Das ging nur zweisam und wird fortgesetzt. Mein Wort drauf.

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Man nehme:

Drei junge Menschen, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Drei junge Menschen, deren Weg aus dem behüteten Elternhaus schnurstracks ins Internat führt. Drei völlig unterschiedliche Wege der Verarbeitung dieses Verlusts: Workaholic, Drogenszene und das Vergraben im eigenen Ich. Dazu gebe man eine ausreichende Prise geheimnisvoller Weiblichkeit im unmittelbaren Internatsumfeld und die Verlockung der magischen Anziehungskraft einer ersten vergeblichen Liebe. Danach stelle man die explosive Gefühlsmischung auf die Zeitachse eines Romans.

Man wähle den immer verschlossener werdenden jüngsten Bruder des Trios als Ich-Erzähler und lasse ihn in ferner Zukunft bei einem Motorradunfall an den Baum krachen. Dann lasse man mal die Spiele beginnen. Ausgehend vom post-komatösen Rückblick des Unfallopfers Jules auf sein bisheriges Leben beleuchte man im Nebel der Erinnerung auch gleichzeitig die Wege seiner Geschwister.

Gespickt mit eine paar Prisen junge Frau liebt alten Mann, vergebene Liebe, Zweifel, Krise und Verlust, Kinderwunsch trotz Beziehungsunfähigkeit, tiefe Freundschaft und ein paar weiteren emotionalen Mosaiksteinchen mische man alles zusammen zu einer Geschichte mit dem wild-romantischen Titel Vom Ende der Einsamkeit, dekoriere das Ganze mit einem Klischee-Cover zum Thema Harmonie und lege den fertigen Roman auf den Stapel der Beziehungs- und Verlustliteratur, die nach Schema F geschrieben, flott gelesen und mit einem letzten Schluchzer getrost vergessen werden können.

Doch… STOPP…

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Einzig seltsam an dieser ganzen Angelegenheit ist die Tatsache, dass dieses Werk nicht aus der Feder einer Frau stammt. Noch seltsamer fühlt es sich an, den Namen Benedict Wells in großen Lettern über dem Titel des Buchs zu lesen. Jenes German-Literature-Wunderkindes, das mit Becks letzter Sommer, Der Spinner und Fast genial ganz andere Themenfelder für sich erobert hat und nicht nur die Bestsellerlisten, sondern inzwischen auch die Kinoleinwand literarisch prägt.

Ein Benedict Wells, der für alles steht. Jedoch nicht für seichte Gefühlsduselei. Sollte gerade ihm mit diesen gar nicht ungewöhnlichen Zutaten etwas gelungen sein, das man auf den ersten Blick bezweifeln durfte? Ein großer und ungewöhnlicher literarischer Wurf? Was hat er an der Mixtur und am Rezept dieses Romans verändert, um ihn vom Einheitsbrei der üblichen Frust- und Tränengeschichten abzuheben? Ich wollte mir das sehr genau anschauen.

Ich wollte eintauchen in die Schreibwelt eines Benedict Wells, der mir mit „Becks letzter Sommer“ einen meiner absoluten Lieblingsromane ohne Pathos auf den Leib geschrieben hatte. Und darüber hinaus wollte ich beobachten, wie die hartgesottenen Leser in meinem Umfeld darauf reagieren, dass ich eigens für den Weg durch diesen Roman ein Notizbuch anlegte, um meinen Leseweg zu dokumentieren. Nicht nur für mich selbst. Aber dazu später mehr.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Mein Plan war klar. Bleibt das Notizbuch leer und frisst der Roman keine PostIts, dann war es das für mich. Tritt der umgekehrte Fall ein, würde ich ausführlich begründen, warum ich diesen sehr ungewöhnlichen Rezensionsansatz gewählt habe. Und nun ist es soweit. Ich sitze vor einem Buch, das durch die kleinen Klebezettel gefühlte 700 Gramm schwerer wurde und betrachte ein fast bis an den Rand vollgeschriebenes Notizbuch mit der Überschrift „Vom Ende der Einsamkeit“. Und ich veröffentliche es am Ende des Artikels.

Bereits im ersten Kapitel nimmt Benedict Wells Fahrt auf. Ganz im Gegensatz zu Jules, dessen letzte Fahrt mit dem Motorrad ihn genau hierhin brachte. Intensivstation. Koma überstanden. Jules ist sein Name, daran kann er sich erinnern. Etwas über 40 Jahr alt und am vorläufigen Ende eines verkorksten Lebensweges angekommen, der von Verlusten geprägt war. Und als er seine Erinnerungen auf dem Weg zurück ins Leben zu fassen versucht, werden wir als Leser zu Wegbegleitern auf einer Reise zurück in seine Kindheit. Wo alles begann. Eine Reise, auf die ich nicht vorbereitet war.

Waisenkind mit knapp 11 Jahren. Gemeinsam mit Bruder und Schwester ins Internat. Drei unterschiedliche Wege, den Tod der Eltern zu verkraften. Drei unterschiedliche Wege, die nur eines gemeinsam haben: die wachsende Distanz zwischen den beiden Brüdern und ihrer Schwester. Drei Leben, die geprägt werden vom größten Verlust, den Jugendliche erleiden können. Drei Leben, die nur augenscheinlich ins Lot kommen, obwohl im tiefen Inneren drei Vulkane völlig individuell verkochen.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Jules zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Verschließt sich und wird mehr und mehr zum Traumwandler in seiner eigenen Welt. Wäre da nicht ein Mädchen im Internat, das ihn so wahrnimmt, wie er ist. Ein Mädchen, dessen eigenes Leben von Verlusten geprägt ist und das an dem Verschwinden der eigenen Schwester lebenslang leidet. Ein Mädchen namens Alva. Eine Begegnung fürs Leben. Doch das bemerkt Jules erst Jahre später.

Ich möchte nicht mehr zum Inhalt beschreiben. Ich möchte den Lesern von Benedict Wells nicht die gefühlt einhundert Momente rauben, die auf der Achterbahnfahrt dieses Romans das Herz zum Stocken bringen. Ich möchte einfach nur davon berichten, was mit mir geschah und wie Benedict Wells mich durch seinen Roman peitschte. Ich stellte mir nicht die Frage, ob der Jungstar von „Becks letzter Sommer“ erwachsener schrieb als damals. Schon 2004 hatte der damals 21-jährige Schriftsteller eine Schreibe, die so gereift war, dass man sich verwundert die Augen rieb.

Ich notierte mir auf meinem Weg die Treibladungen seines Romans. Cliffhanger, die er in einer Vielzahl einsetzt, als hätte er eine ganze Tüte davon im Lotto gewonnen. Cliffhanger, die in der Rückschau von Jules genau dann, wenn wir Leser schon ahnen, dass es nur noch schlimmer werden kann, noch ein wenig mehr Feuer an diese Lunte legen. Diese Perspektive macht diese Spannungsbögen möglich. Und genau auf dieser Gefühlsrakete raste ich zurück in die behütete Kindheit der Geschwister, um sogleich wieder in die Zukunft geschossen zu werden.

„Ich liebte meine Schwester wie nur irgendwas, und das änderte sich auch nicht, als sie mich Jahre später im Stich ließ.“

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Ich finde alles im Roman, nur keine Gefühlsduselei. Ich finde Gefühle, Bilder und Metaphern für Angst, Liebe und Verlust, die mich wohl ewig begleiten werden. Ich finde kein Pathos, keine Klischees, sondern bin tief versunken in einem Destinationsroman allererster Güte. Die Charaktere sind von der ersten Seite an Charakterstudien mit dem Seziermesser. Gestochen scharf und präzise. Jeder Hauch eines Lebenszweifels, jede noch so kleine Gefühlsregung überträgt sich direkt auf mich. Und wenn ich alle Zitate aufzählen müsste, die tiefe Spuren in mir hinterlassen haben, diese Rezension würde nicht enden wollen.

Benedict Wells romantisiert nicht, er literarisiert. Große Stimmen werden greifbar und Gefühle verkommen nicht zu bloßen Abziehbildern. Er verlangt seinen Lesern alles ab. Alles. Wer sich auf diesen Roman einlässt, muss wissen, dass am Ende des Lesens das Wort Verlust einen neuen Namen trägt.

„Es gibt Dinge, die ich nicht sagen sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.“

Dieses Zitat steht so sehr für diesen Roman. „Vom Ende der Einsamkeit“ hat viel in mir losgetreten und mich von eigenen Bildern befreit. Dieser Roman hat mich oft überfordert in seiner gnadenlosen Brillanz. Die Begegnung mit der Krankheit Alzheimer kam unerwartet, wurde zum biografischen Lesen und ist in den Worten, die Benedict Wells dafür findet literarisch an einem neuen Maßstab angelangt, obwohl sie nur eine kleine Nebenrolle spielt.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Wenn ich allerdings dachte, dies sei der größte Schlag, den ich lesend zu erleiden habe, dann hatte ich mich sehr gründlich getäuscht. Ich schrieb viel über Alva in dieses Notizbuch. Aus gutem Grund. Denn Alva wird durch Benedict Wells zum Synonym für Leidenschaft, Verlustangst, grenzenlose Emotion, Sehnsucht und zu DEM Leitbild für erfüllte Träume. Und doch zeigt Benedict Wells, dass sein Roman so angelegt ist wie das wahre Leben. Nicht berechenbar. Da capo.

Ich halte mein Versprechen aus der Einleitung und ermögliche nicht nur euch einen Einblick in mein Notizbuch des Lesens, sondern werde es mit nach Leipzig nehmen und es dem Autor persönlich überreichen. Der Anlass könnte nicht besser sein, denn…

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Ich werde auf der Leipziger Buchmesse ein Interview mit Benedict Wells führen. Literatur Radio Bayern ist exklusiv mit der mobilen Aufnahmestation unterwegs, und ihr könnt, wie schon in Frankfurt, fast live dabei sein. Und dabei werdet ihr auch Zeugen einer ganz besonderen Überraschung, denn ich werde dieses Interview ganz sicher nicht alleine führen. Na, schaltet ihr euch zu? Dann endet auch eure Einsamkeit.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells - Das Interview - Bald

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells – Das Interview

Die Seltsamen – Das Qualmzeitalter ruft

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Steampunk - Jugendbuch

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Steampunk – Jugendbuch – Fantasy

Herzlich willkommen im Qualmzeitalter. Entschuldigt bitte, wenn es hier an meinem Rezensenten-Schreibtisch gerade ein wenig unaufgeräumt ist, aber die Zeiten sind schwer und in Anbetracht der Ereignisse der letzten Tage hatte ich wenig Zeit, meine Notizen zu sortieren.

Die Ursachen liegen nicht im Verborgenen – absolut nicht. Ein Buch ist schuld. Ganz allein. Hätte ich es nicht aufgeschlagen, hätte ich mich nicht dem Schreibfluss der mehr als talentierten Autorenfeder anvertraut, es wäre nichts passiert. Gar nichts.

So allerdings findet ihr mich in einer Umgebung an, die immer noch Unbehagen verursacht. Ich fühle mich beim Schreiben beobachtet und weiß gar nicht, was ich euch alles anvertrauen darf, damit wenigstens ihr noch Ruhe findet. Ich sollte eigentlich schweigen… für immer, aber vielleicht verrate ich ein paar ganz kleine Winzigkeiten, damit ihr verstehen könnt, warum sich hier alles so seltsam anfühlt.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Diogenes

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Diogenes

„Die Seltsamen“ heißt dieses Jugendbuch. Es kommt schon in auffälliger dunkelroter Signalfarbe daher und die Vita des Autors Stefan Bachmann lässt ebenso seltsame Gefühle aufkommen. Der 1993 geborene US-amerikanische Autor lebt in Zürich, ist auf dem Wege, Filmkomponist zu werden und schrieb mal eben im Alter von 16 Jahren seinen Debüt-Roman „The Peculiar“ – Die Seltsamen“ (Diogenes).

Hätte er nicht tun sollen. Wirklich nicht!

Jugendliches Geschreibsel hatte ich erwartet. Recht lustig anmutende „Steampunk-Fantasien“ und unausgereifte oberflächliche Charaktere. Ein paar lustig naive Ideen vielleicht und Traumbilder eines hochtalentierten Musikgenies – ja, das vielleicht auch. Tragfähig vielleicht für einen schmalen Roman… aber auch noch vollmundig eine Dilogie 2 Teile) in hoffnungsvolle Aussicht zu stellen, das schien mir als erfahrenem Fantasy-Leser sehr weit hergeholt. Einfach seltsam.

Mit genau diesen (zugegeben recht vorsichtigen, bis nicht vorhandenen) Erwartungen schlug ich es dann auf. Das Buch. Den ersten Teil. Die ersten Seiten. „Die Seltsamen“. Hätte ich nicht tun sollen… das sagte ich schon. Ich sagte allerdings nicht, warum…!

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Das Qualmzeitalter

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Das Qualmzeitalter

„Federn fielen vom Himmel. Gleich schwarzem Schnee schwebten sie auf eine alte Stadt namens Bath herab, taumelten über Dächer und sammelten sich in den Ecken und Winkeln der Gassen, bis alles dunkel und still war wie ein Wintertag.“

Wieder und immer wieder las ich diese ersten Sätze des Prologs und empfand ein seltsames Gefühl. Ich sah die Federn, ich fühlte, wie es sein musste, wenn eine alte englische Stadt in einem Meer aus schwarzen Federn versinkt. Und ich spürte eine Melodie im Text, die zu diesem Kopf-Kinobild den Rhythmus vorgab. Kopfschüttelnd vor Verwunderung atmete ich tief ein, las ich weiter und atmete genau 130 Seiten später erstmals wieder aus.

Die Luft anzuhalten hat noch niemals so viel Lesespaß bereitet. Ich wurde mit dem Sauerstoff eines faszinierenden Jugend-Fantasy-Romans beatmet und dadurch am Leben gehalten. Atemlos. Ich lernte ein England kennen, das ich noch jetzt so bildhaft vor Augen habe, wie es von Stefan Bachmann erfunden wurde. Das England am Ende der heiteren Kriege.

Das England des Qualmzeitalters, in dem sich alle uns bekannten Legendenwesen wie Gnome, Satyre, Irrwische und bösen Kobolde längst auf den Schlachtfeldern besiegt und unterworfen waren. Ein Zeitalter, in dem sich die magischen Wesen, wie Feen und Elfen geschlagen geben mussten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich anzupassen und unter der Schmach der großen Niederlage ein bescheidenes Leben in einer gar nicht mehr magischen Umgebung zu fristen

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Glockenlärm

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Glockenlärm

Viele dieser Gestalten siedelten sich in Bath an und schufen mit New Bath einen ständigen Unruheherd im Königreich. Vertrauen brachten ihnen die Engländer nicht entgegen. Um auch den letzten Rest von Magie aus dem täglichen Leben zu verbannen läuteten sogar landesweit alle Glocken im 5-Minuten-Takt. Was für ein Lärm. Die gesamte Wissenschaft des Landes diente der Unterdrückung der einst so wirksamen Magie. Der Krieg war vorbei.

Für alle? Nein… nicht wirklich, denn die einst einflussreichen Hochelfen konnten sich nicht mit dem Verlust ihrer einstigen Macht abfinden. Sie passten sich an, unterwanderten gar die höchsten schichten des Landes und erreichten gar Macht und Einfluss als Politiker. Nur… das reichte ihnen lange nicht aus. Sie wollten mehr und ein einziges Wort würde ausreichen, das Pulverfass England zu zünden.

Keine leichte Zeit also. Die Luft atmet sich schwer, Maschinen und Qualm allenthalben und dann geschieht das Unfassbare. Kinder verschwinden. Und das nicht spurlos. Sie verschwinden kurz bevor sie wieder auftauchen. Tot und ausgehöhlt, als hätte man in ihrem Inneren etwas gesucht, aber nicht gefunden. Neun Morde in kurzer Zeit, neun verstümmelte Kinderleichen und doch scheint sich niemand für diese Verbrechen zu interessieren.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann

Die Seltsamen – Stefan Bachmann

Vielleicht weil es nur neun Morde waren, vielleicht aber auch, weil es sich um „Die Seltsamen“ handelt, die hier abgeschlachtet werden. Mischlingskinder aus der Beziehung von Feenwesen mit normalen Menschen. Im ganzen Land kommt es immer wieder zu Übergriffen gegen diese Halbwesen. Da sind 9 Tote doch wirklich eine Bagatelle.

Für Hettie und Bartholomew sicherlich nicht. Sie sind „Seltsame“. Sie erleben täglich, was es heißt von allen verachtet zu werden, ausgegrenzt zu sein, unwertes Leben und Freiwild. Sie empfinden sich als hässlich und verbergen sich den ganzen Tag, zumeist in den Wohnungen ihrer menschlichen Mütter. Die magischen Väter… längst über alle Berge. Und genau in dem Moment, als ich voller Sympathie meinen neuen seltsamen Freund Bartholomew durch sein Leben begleite, seine Fürsorge für die kleine Schwester Hettie zu bewundern beginne und ihm lesend helfen mag, seinen Weg zu finden, entdecken wir gemeinsam in seinem Versteck eine Warnung.

Einen zerknüllten kleinen Brief – nur mit einer Zahl versehen. Nach neun toten Mischlingen die schlimmste Zahl, die man sich vorstellen kann. Bartholomew entfaltet die geheimnisvolle Nachricht und liest voller Schreck nur diese eine Zahl: 10. Seine einzige Rettung heißt Arthur Jelliby. Ein träger und fauler Politiker im englischen Parlament, der eigentlich so gar nicht für eine Heldenrolle taugt.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - 10

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – 10

Er wird jedoch zum Helden wider Willen, auch wenn er dabei ein widerwilligen Held wird. Er findet die Verbindung zu den Morden. Er hat den Drahtzieher fest im Blick. Es ist der Außenminister des Königreiches. Mr. Lickeritz. Düstere Eminenz mit dunklem Geheimnis und mächtigen Gehilfen. Ein Hochelfe, der es bis ganz nach oben geschafft hat. Aus seiner Sicht jedoch nicht hoch genug.

Auf der Suche nach der letzten Antwort scheint er bisher neunmal nicht fündig geworden zu sein. Es muss gelingen… endlich muss es doch gelingen und ein zehntes Opfer hat er scheinbar schon im Auge. Scheinbar. Doch hat er schon genug die Macht, den Kampf gegen einen trägen Politiker und ein paar kindliche Halbwesen zu gewinnen? Kann ihm die geheimnisvolle Dame mit den zwei Gesichtern zum Erfolg verhelfen, oder ist alles ganz anders, als es auf den ersten Blick scheint?

Stefan Bachmann legt und mit Die Seltsamen ein wundervolles buntes, dunkles, spannendes, leichtes und tiefes Jugendbuch-Debüt in die feuchten Leserhände. Seine frischen Ideen sprühen in wilden Funken umher, aber er verliert im Funkenflug seiner Genialität nicht den Ursprung des zündenden Gedankens aus dem Auge.

Die Seltsamen - Stefan Bachmann - Hier geht es bald weiter...

Die Seltsamen – Stefan Bachmann – Hier geht es bald weiter…

Er erfindet formidable Figuren, knüpft einen spannungsfaden durch seine ganz eigene magische Szenerie und gestaltet von Kapitel zu Kapitel Cliffhanger, die es in sich haben. Ich dachte mich noch ganz leicht mit den Fingern an den Klippen halten zu können, bis ich sie sah. Die übergroßen Autorenstiefel, die mir dann auch noch auf die Fingerspitzen traten.

Doch kurz bevor man bodenlos fällt, reicht er seine Hand und deutet mit kleinen Worten an, dass er noch Großes plant. Er verleiht Flügel der Hoffnung und schafft das Vertrauen, dass Bartholomew nicht ganz verloren ist. Nur um im nächsten Moment, den Scheinwerfer seines Qualmzeitalters über einem anderen Gesicht aufflammen zu lassen.

Ich werde die Fortsetzung lesen, die im Herbst bei Diogenes erscheint. Ich kann es kaum erwarten und hoffe inständig, dass ich mich so lange an den Rand der Klippe klammern kann, an dem ich jetzt ganz atem- und bewegungslos rumhänge. Die Wedernoch wird mich mit anderen Erwartungen erfüllt erneut herausfordern. Bisher steht es 1 : 0 für Stefan Bachmann. Literarisch liege ich gerne zurück! Ehrlich.

Ob er den knappen Vorsprung ins Ziel bringt, wird sich bald in Frankfurt zeigen. Ein Interview steht auf dem Buchmesseplan und ich bin schon sehr gespannt…

die seltsamen stefan bachmann spacer