„Die rote Frau“ – Ein Fall für August Emmerich – Alex Beer

Die rote Frau von Alex Beer  – (Autorenfoto: Ian Ehm)

Man nehme eine versierte Krimi-Autorin; einen an Morbidität kaum zu überbietenden Schauplatz; eine Zeitscheibe der Geschichte, die dem Szenario die Krone aufsetzt; ein Land, das gerade seine gekrönten Häupter verloren hat; ein Ermittler-Duo, das sich aus den Niederungen des eigenen Abstiegs zu befreien versucht und einen Kriminalfall, der sich wie ein verwickeltes Wollknäuel ohne Anfang und Ende verhält. Das Ganze würze man mit historischen Fakten, Lokalkolorit, sprachlichen Ausflügen in einen Dialekt, dem man lesend und hörend sehr gut folgen kann und überziehe alles mit einer Melancholie, die zur grundlegenden Melodie dieser literarischen Inszenierung wird. Schließlich finde man noch einen Hörbuchsprecher, der den Romanfiguren Leben einhaucht. Und schon ist es geschafft. Man hat einen spannenden Krimi, der wie ein Kinofilm vor dem inneren Auge des geneigten Lesers oder Hörers abläuft.

Klingt leicht? Ist es nicht! Viele Schriftsteller haben sich an dieser Mischung versucht. Viele sind an Details gescheitert, die eine eigentlich gute Idee aus der Balance bringen. Und oftmals versagt auch der beste Mix, weil die zugrundeliegende Idee zu konstruiert wirkt. Wenn es also nicht leicht ist, dann ist es umso erfreulicher eine Autorin zu finden, deren Rezeptur bis ins letzte Detail aufgeht. Das Ergebnis kann sich sowohl sehen als auch hören lassen. Längst kein Geheimtipp mehr, weil die österreichische Autorin Alex Beer schon in ihrem früheren Schriftsteller-Leben als Daniela Larcher überzeugen und begeistern konnte. Ich weiß, wovon ich rede, war ich doch schon 2011 Teil einer Social Reading Aktion bei LovelyBooks. Hier lernte ich neben der Autorin auch ihren Roman „Die Zahl“ kennen. Keine Frage also, dass ich ihr auch in ein neues Leben folge. Voller Vertrauen reiste ich also an der Seite von Alex Beer ins Wien der 1920er Jahre.

Daniela Larcher – Buchmesse Frankfurt 2011 – Eine erste Begegnung

Die rote Frau“ entspricht von der ersten bis zur letzten Seite dem perfekten Mix, den ich oben skizziert habe. Und dabei habe ich mir eine etwas komplizierte Basis für diesen Roman ausgewählt. Es ist der zweite Fall des Ermittlerteams Emmerich / Winter aus Wien. „Der zweite Reiter“ musste im letzten Jahr ohne mich durch Wien reiten. Es ist gewagt, im zweiten Teil einer Bücherreiche einzusteigen, da man die Vorgeschichte der tragenden Protagonisten nicht in der vollen Tragweite erlesen kann. Bei Alex Beer vertraute ich jedoch darauf, dass sie mir diese Lücke verzeihen und durch Rückblenden alles Wissenswerte zu ihren Ermittlern verraten würde. Sie hat es gerechtfertigt.

Die rote Frau. Wir befinden uns im Wien des Jahres 1920. Der erste Weltkrieg und damit auch der Untergang der kaiserlichen und königlichen Monarchie sind bereits seit zwei Jahren Geschichte. Die Auswirkungen des österreichischen Desasters liegen aber immer noch wie ein dunkler Schatten über der einst so lebensfrohen Metropole. Es sind politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich instabile Verhältnisse, die dem Leben ihren Stempel aufdrücken. Da geht es dem normalen Bürger nicht anders als den Vertretern der Polizei, die versuchen für Recht und Ordnung zu sorgen. Kriminalinspektor August Emmerich weiß ein Lied davon zu singen. Verwundet im Krieg, selbst in einem Wiener Obdachlosenheim lebend erlebt er nach seiner Versetzung in die Abteilung „Leib und Leben“ was es heißt an vorderster Front gegen Gewaltverbrechen in Wien zu kämpfen.

Die rote Frau von Alex Beer

Alex Beer stellt ihm den Assistenten Ferdinand Winter zur Seite. Sie sind wie ein eingespieltes und zusammengeschweißtes Team, wenn auch ihre Methoden sich leicht voneinander unterscheiden. Emmerich eher ungeduldig, manchmal rabiat, fast brachial, im tiefsten Inneren jedoch grüblerisch und empathisch. Winter dagegen schon aufgrund seiner adeligen Abstammung eher der bedächtige Partner, der analytisch und sachlich aufklären möchte, wobei er sich in genau dieser Zeit oft selbst im Weg steht. Was sich für die beiden Ermittler nach der Wunschverwendung anfühlt, endlich Mordkommission, entpuppt sich schon bald als Abstellgleis für abgehalfterte Polizisten. Zumindest, wenn sie sich ihre Situation vor Augen führen.

Die Krüppelbrigade“, so nennt man die beiden. Kriegsversehrt der eine, noch lädiert vom „Zweiten Reiter“, der andere Ermittler. Als Protegés ihres Vorgesetzten sieht man sie im Kollegenkreis und ihr erster Fall könnte unbedeutender nicht sein. Sie sollen sich um eine Schauspielerin kümmern, die befürchtet ihr aktueller Film könnte verflucht sein. Die Diva stellt zwar menschlich, nicht jedoch kriminalistisch eine Herausforderung dar. Dabei könnte man an wichtigen Fällen mitarbeiten. Ist ja nicht so, als gäbe es die nicht. Der Mord am beliebten Stadtrat Richard Fürst zum Beispiel schlägt hohe Wellen, weil er sich sehr für die Armen und Bedürftigen der Stadt eingesetzt hat. Von diesen Wellen bekommen Emmerich und Winter jedoch nur die Spritzer wahr. Diejenigen jedoch, die sie aus genau diesem Fall raushalten wollen, haben ihre Rechnung ohne den Starrsinn von August Emmerich gemacht. Er findet einen Hauch einer Spur im Fall Fürst und legt auf eigene Faust los. Sprichwörtlich.

Die rote Frau von Alex Beer – Opium fürs Volk

Alex Beer zeichnet ein düsteres Bild vom Wien jener Tage. Instabilität und soziale Verwerfungen, wohin man schaut. Sie öffnet uns die Türen zu den Ärmsten der Armen, den Überlebenskünstlern am Rande der Gesellschaft und zeigt schonungslos auf, wie wenig die Welt der Reichen und Kriegsprofiteure davon betroffen ist. Wien tanzt Walzer auf dem Rücken des Bodensatzes der jungen Demokratie. Schillernde Filme entstehen als Opium fürs Volk und politische Strömungen münden wie tödliches Gift in die Donau. Wir steigen in Halb- und Unterwelten hinab, riechen, schmecken und fühlen den Verfall. Alex Beer spielt hier nicht die historische Stadtführerin. Sie lässt uns das Leben in der Tristesse und Melancholie ihres vergangenen Wiens am eigenen Leib spüren. Wie sie uns dabei auch sprachlich im zarten Wiener Dialekt einiger Protagonisten authentisch mit einer Stadt am Rande des Untergangs verbindet, ist brillant. Nie habe ich Wien so scharf konturiert vor Augen gehabt.

Wie sie aus dem Wollknäuel der einzelnen und zusammenhanglosen Fäden eine komplexe Kriminalgeschichte verwebt ist ebenso außergewöhnlich. Nichts ist hier vorhersehbar. Keine Frage bleibt am Ende offen. Intelligentes Schreiben, deine Heimat liegt in Wien. Und wer immer noch auf der Suche nach einem Ermittler ist, der sich von vielen anderen durch seinen Charakter, seine Schrägheit und sein großes Herz abhebt, der möge doch bitte August Emmerich begegnen. Seine Geschichte trägt den Roman. Seine Vergangenheit strahlt auf die Gegenwart aus und Fehler macht er grundsätzlich nicht ein zweites Mal. Das bekommen seine Widersacher zu spüren. Und wenn er mal als kriminalistische Lawine ins Rollen kommt, ist er nicht mehr zu stoppen.

Die rote Frau von Alex Beer

Ich habe Die rote Frau hörend erlebt. Acht Stunden suchte ich nach ihr. Sechs CDs brachten mir den zweiten Fall von August Emmerich nah. Ein mir bis dato unbekannter Hörbuch-Sprecher sprach sich in mein Nervensystem. Cornelius Obonya verleiht der Produktion von Random House Audio mit seinem stimmlichen Reichtum wahre Größe. Ob als aalglatter Politiker, misshandelter Häftling, kleinwüchsige Anführerin der Gruppe von FreakShow-Zwergen, verhätschelte Schauspielerin, ehemaliger General oder eben als Charakterkopf August Emmerich. Obonya spricht Alex Beer aus der Seele. Obonya spricht Wien aus der Seele. Selten hat für mich ein Sprecher eine solche Authentizität ausgestrahlt.

Ich kann dieses Hörbuch wärmstens empfehlen. So kann ich mir diesen Roman von Alex Beer nicht selbst vorlesen. So möchte ich weiterhören. Vielleicht beginne ich mich rückwärts zu hören. „Der zweite Reiter“ reizt mich sehr. Eines jedoch steht fest. Wien steht nach wie vor ganz oben auf der Liste meiner literarischen Traumziele. Besonders, wenn ich in ein scheinbar von der Geschichte überholtes Wien eingeladen werde. Hier gelingt Alex Beer neben der ausgezeichneten Kriminal-Unterhaltung auf sehr subtile Art und Weise ein deutlicher Fingerzeig auf politische Automatismen, die wellenartig durch die Geschichte mäandern. Nationalismus, rechte Ideologien und die beharrliche Suche nach den Underdogs innerhalb einer Gesellschaft kennzeichnen diese Wellen. Abstrus, dass sie auch heute wieder an unseren Ufern anbranden. Chapeau, Alex Beer…

Die rote Frau von Alex Beer – Wien nach dem Ersten Weltkrieg