Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse (Graphic Novel)

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

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Du kommst ein paar Minuten zu spät zur Arbeit, eigentlich keine große Sache. Kann ja mal passieren und es gibt sicher Schlimmeres. Du hast einfach eine schlaflose Nacht hinter dir und jetzt geht’s ein wenig gerädert in den Tag. Das ganze Grübeln zermürbt ja schon. Partnerschaft und Zukunft. Man dreht sich tausendmal um im Bett und an Schlaf ist kaum zu denken. Aber egal. Jetzt ist ein neuer Tag und alles wird gut.

Catherine Meurisse hatte am 7. Januar 2015 eine solche Nacht hinter sich. Es war ein ganz normaler Mittwoch in Paris, an dem sie eigentlich um 10 Uhr in der Redaktion sein sollte. Wie an jedem Mittwoch zur allwöchentlichen Redaktionssitzung. Doch heute schaffte sie es nicht pünktlich. Als sie eineinhalb Stunden zu spät ankam, hatte sich ihr Leben dramatisch verändert. Allein dadurch, dass sie noch am Leben war. Das war der große Unterschied zu ihren Kollegen, die in genau diesen Minuten starben.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse arbeitet als Karikaturistin beim Satire-Magazin Charlie Hebdo. Das sagt genug. An diesem 7. Januar 2015 hatten zwei maskierte Al-Qaida-Terroristen das Gebäude gestürmt und töteten elf Menschen, verletzten elf weitere zum Teil schwer und flohen. Es war ein gezielter islamistisch motivierter Anschlag auf eine Zeitschrift, in deren früheren Ausgaben mit allen denkbaren Stilmitteln der Satire auch über den Islam gelacht wurde.

Die Titelseite am 7. Januar thematisierte den polarisierenden Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der rein fiktional den ersten muslimischen Staatspräsidenten Frankreichs ins Zentrum der Handlung rückt. Die letzte Seite zierte eine Karikatur unter dem Titel „Noch keine Attentate in Frankreich“ und der provokanten Antwort „Warten Sie ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, seine Festtagsgrüße auszurichten.

In der Rückschau unfassbare Zeilen…

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Es klingt fast wie eine Vorahnung oder die Provokation des Unausweichlichen, es ist aus heutiger Sicht kaum mit journalistischem Mut oder einer satirischen Weltsicht zu erklären. Jedenfalls wurde es zur schrecklichen Realität, als zwei Terroristen einen Teil des Redaktionsteams von Charlie Hebdo hinrichteten. Den Augenzeugen bot sich nach dem Anschlag ein Bild des Grauens und gerade Catherine Meurisse durchlebte diese Minuten danach wie in Trance. Wie nur begreifen? Wie verstehen und wie damit leben, noch am Leben zu sein? Fragen über Fragen.

Die Leichtigkeit der Karikaturistin war das erste Opfer. Die unbeschwerte kreative Kraft der Pressezeichnerin war verloren gegangen. Farbe spielte keine Rolle mehr und ihre Flucht in eine Ausgabe der Überlebenden, die am 14. Januar 2015 erschien, war nicht der erhoffte Befreiungsschlag. Was folgte, erzählt uns Catherine Meurisse in ihrer beim Carlsen Verlag erschienenen Graphic Novel. Sie hat „Die Leichtigkeit“ in einem quälend langsamen Prozess der Selbstfindung verzweifelt gesucht und verarbeitet, was kaum zu verarbeiten schien.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse kämpft in ihrer Graphic Novel gegen die tiefen Wunden an, die dieser 7. Januar 2015 hinterlassen hat. Dabei ist es bewegend und verstörend zugleich, ihrer Auseinandersetzung mit den Verlusten dieses Tages, den Gedankenstürmen der Künstlerin in ihr und ihrer Rezeption der öffentlichen Anteilnahme an dem Anschlag zu folgen. Es ist ein harter und schonungsloser Weg, auf den uns die Karikaturistin mit den Stilmitteln ihres Genres entführt. Wir finden Sarkasmus, Hoffnungslosigkeit, Widerstand und Selbstzweifel, erleben aber auch in ihrer hoffnungsvollen Hinwendung zur Literatur und zur bildenden Kunst, was das Schöne im Menschen bewegen kann.

Stendhal, Proust, die großen alten Bildhauer und Maler lösen Gefühle aus, die es ihr ermöglichen Schritt für Schritt nach vorne zu gehen. Womit sie nicht rechnen konnte war die dramatische Überhöhung des Anschlags auf Charlie Hebdo bei den Attentaten am 13. November 2015. Die Schnelllebigkeit des Erinnerns riss erneut tiefe Wunden in ihre Seele. Der Ausweg aus diesem Teufelskreis ist ein höchst individueller und doch in vielerlei Hinsicht auch ein bedeutender Wegweiser für Menschen, die ihr persönliches „Charlie Hebdo“ erleben mussten. Hier stehen viele Verluste für einen Verlust. Hier ist eine Graphic Novel plötzlich der geeignetste Zugang, um einen Notausgang zu finden.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin verleiht diesem Buch eine weitere Aktualität, auf die es gerne verzichtet hätte. Die Welt hat sich verändert. Unsere kleine heile Welt ist angreifbar geworden und dadurch auch ein wenig zusammengerückt. Im Rückblick auf die eigene Traumatisierung wird deutlich, welche Reaktionen von außen hilfreich waren und welche als vermessen gesehen wurden. Wer „Die Leichtigkeit“ in seiner vollen Tragweite verinnerlicht, wird es sich vielleicht mehrfach überlegen, was es für diese Betroffene bedeutet hat, die Parole „Je suis Charlie“ zu kultivieren, während sie selbst nicht mehr wusste, wer sie war und wer sie jemals wieder werden wird.

Zum Ende des vergangenen Jahres erreichte mich dieses Buch und hat doch dem ganzen Lesejahr 2016 seinen Stempel aufgedrückt. Ich werde mit einer aus dem Buch gewonnenen Leichtigkeit diese bewegende Graphic Novel auf eine besondere Reise zu den richtigen Menschen schicken. Möge es auf seinem Weg viele Herzen erobern und uns ein wenig von der Kraft geben, die Catherine Meurisse wiedergefunden hat. Möge es für sich stehen. Möge es nicht von neuen Anschlägen begleitet werden. Möge unser neues Jahr unter einem Stern der Leichtigkeit stehen.

Und sollte dieser Wunsch von Extremisten pulverisiert werden, dann greifen wir mit dem Mut der Verzweiflung nach diesem Buch und kämpfen darum, dass man uns „Die Leichtigkeit“ niemals nehmen kann. So schwer dies auch scheint.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

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Siehe dazu auch: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris und die Anschlage im November

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