„Marlenes Geheimnis“ von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Ich weiß, was ich mir von einem Roman aus der Feder Brigitte Riebe versprechen darf. Ich weiß, dass unter einer jeweils brillant erzählten Schicht guter Unterhaltung die Ebene verborgen liegt, die es der Historikerin erlaubt, einen Erzählraum zu gestalten, in dem sie authentisch und fundiert aus dem Vollen schöpft. Ihr aktuelles Werk „Marlenes Geheimnis“ beinhaltet diese Ebene. Sie entführt die Leser an die Schwelle des zweiten Weltkriegs und konfrontiert sie mit Menschen, die an dem Wendepunkt ihres Schicksals angelangt sind. Ein Wendepunkt, der sich nicht nur auf ihr eigenes Leben auswirkt. Ein Wendepunkt, der das Leben der nachfolgenden Generationen nachhaltig verändert.

„Ach bleib mir doch weg mit dem alten Käse von gestern. Das ist alles schon so lange her, das hat doch mit mir gar nichts zu tun.“

Das hört man immer wieder, wenn es um Geschichte geht. Man hört es gerade dann, wenn diese Geschichte unbequem sein kann. Und doch ist es so, dass nur ein einziger Blick zurück das ganze Leben beeinflussen kann. Er kann aufschlussreich sein, ganze Familien in neuem Licht dastehen lassen und Augen öffnen. Sacha Batthyany hat ein Buch darüber geschrieben, das dem Ernst der Sache gerecht wird. „Und was hat das mit mir zu tun“ ist mehr als ein Blick in den Rückspiegel der Gegenwart. Brigitte Riebe hat diese wichtige Frage in einen Roman gekleidet, der auf den ersten Blick literarisch beste Unterhaltung verspricht. Zumindest was die Oberfläche betrifft.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Marlenes Geheimnis“ geht jedoch schnell in die Tiefe, ohne seinen Charakter zu verlieren. Brigitte Riebe bleibt sich treu. Sie erzählt große Geschichten, die im Kleinen entstehen. Sie sensibilisiert uns mit diesen Geschichten, Sachverhalte und Gegebenes zu hinterfragen und auch einen von Empathie geprägten Blick auf das Leben zu werfen, das jenseits unseres Tellerrandes tobt. Ja, dies alles kann Unterhaltung sein. Es muss sogar Unterhaltung sein, weil man bestimmte Themen außerhalb reiner Sachbücher in Romanen platzieren muss, um Gefühlsebenen zu erreichen. Indirektes Lernen hat auch seine unterhaltsamen Seiten.

Folgen wir ihr an den Bodensee. Malerisch, idyllisch und einfach wundervoll gestaltet sie den Rahmen für eine doch eher traurige Ausgangssituation. Ein Familientreffen im beschaulichen Rickenbach steht an. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Besonders die Familie Auberlin, die für ihre florierende Schnapsbrennerei bekannt ist. Marlene führt die Geschäfte des Traditionshauses in dem kleinen Ort, in dem sie vor mehr als siebzig Jahren mit ihrer Mutter Eva ein neues Leben begann. Die gemeinsame Flucht und ihre Vertreibung hat sie weit hinter sich gelassen. Doch nun ist Eva tot und zur Beerdigung erwartet Marlene ihre Schwester Vicky und deren Tochter Nane. Kein leichter Weg für die beiden ungleichen Schwestern, nun am Grab der Mutter zu stehen und zu trauern.

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe

Was sich wie ein Familienroman anhört, in dem es dann vielleicht ums gemeinsame Erbe oder vergleichbare Banalitäten geht, entwickelt sich rasant zu einer Geschichte, in der die Geschichte eine weitere Erzählebene öffnet, die Marlenes Geheimnis ist. Alles dreht sich um die Erinnerungen der verstorbenen Großmutter, in die ihre Enkelin Nane nun eintaucht. Erinnerungen, in einem Tagebuch niedergeschrieben und persönlich an die Enkelin adressiert. Evas Vermächtnis. Hier öffnet sich eine längst vergangene Welt für das junge Mädchen und sie muss erfahren, dass selbst in diesem Ort, in dem jeder jeden kennt, man sich noch lange nicht selbst kennen muss. Schicht um Schicht dringt sie tiefer vor in ein Leben, das geprägt war von Flucht und Vertreibung, von Gewalt und Angst, von Neubeginn und Schweigen und von einem Geheimnis, das die Zukunft ihrer Töchter veränderte.

Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane stellen könnte. Warum heiße ich eigentlich Christiane Julika? Warum sind meine Mutter Vicky und ihre Schwester so grundverschieden? Und warum gab es das kategorische Verbot ihrer Großmutter, mit einer Nachbarfamilie im so vertrauten Rickenbach in Kontakt zu treten? Brigitte Riebe entführt uns in einen tiefgründigen und facettenreichen Familienroman, der vielleicht gar kein Familienroman im eigentlichen Wortsinn ist. Denn dafür hätte die Verstorbene Eva Auberlin, geborene Menzel, ja eine Familie zurücklassen müssen. Was hat das mit mir zu tun? Eine Frage, die sich Nane am Ende der Geschichte nicht mehr stellt. Es muss nicht „Marlenes Geheimnis“ bleiben, was in der Vergangenheit geschah und wie sich die Geschichte auf die Auberlins von heute ausgewirkt hat. Man kann es lesen. Ich rate dazu. Aus gutem Grund und mit Nachdruck.

Bei Brigitte Riebe fällt der Apfel oftmals recht weit vom Stamm…

Marlenes Geheimnis von Brigitte Riebe und weitere Werke

(Off-Topic) Was man aus Briefromanen lernen kann

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Wohin nur mit meinen Gefühlen? Wohin nur mit Tiefgang und Inspiration? Wohin mit all den Worten, die man einem geliebten Menschen sagen möchte? Antworten auf diese Fragen tragen in unserer schnelllebigen Zeit recht skurrile Namen, die in ihrer eigenen Verkürzung auch das Wesen unserer Kommunikation charakterisieren. E-Mail, SMS, WhatsApp oder Chat. Zauberworte ständiger Erreichbarkeit und gleichzeitig auch Zeichen brennender Erwartungshaltung, weil man an der Lesebestätigung sieht, wann der Adressat die Nachricht gelesen hat. Und von diesem Moment an beginnt man, die Sekunden bis zur ersehnten Antwort zu zählen. Und wehe, sie kommt nicht verzugslos.

Darüber hinaus passt man sich mit seinem Inhalt diesen neuen Medien an. Vieles wird auf Weniges heruntergebrochen, abgekürzt, mit Auslassungen versehen oder ganz weggelassen, weil einfach der Platz nicht reicht. Die Kreativität erleidet Schiffbruch und die Zeit für eine langsame Annäherung fällt dem virtuellen Tempo des Schreibens zum Opfer. HdL ist da manchmal schon das Höchste der Gefühle. Elektronische Zeichen im automatischen Korrekturmodus befreien uns vom Anspruch der gestochenen Präzision in Formulierungen, die Brücken schlagen und Herzen erobern sollen.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann – Eine Liebe über dem Meer

Es ist hier wie in der digitalen Fotografie. Das Foto ist sofort abrufbar. Warum sollte man sich also bemühen. „Der Film ist bald voll“ – eine Warnung aus der Vergangenheit. Neugier und Staunen gehen verloren, weil sich Bilder nicht mehr entwickeln müssen. In einem Augenblick wird der Schnappschuss zum Abbild unseres Seins. Schnappworte sind es dann auch nur, die wir uns in Kurzform um die Ohren hauen. Es vergeht keine Zeit mehr, bis eine Nachricht ihren Empfänger erreicht. Es vollziehen sich keine Rituale mehr, weil man es nicht mit den guten alten handschriftlichen Briefen zu tun hat, denen früher sogar der Duft der Angebeteten anhaftete. Von liebevollen Verzierungen einmal ganz abgesehen.

„Ihre Briefe ließen sie zu den Menschen werden, die sie sein wollten.“

Das ist die Magie. Das ist der Zauber unseres Schreibens. Vielleicht ein Zauber, der immer mehr verlorengeht und in der „Verfloskelung“ eilig aneinandergereihter Worte ein Stadium erreicht hat, das unsere Gefühle unbeschreiblich macht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sitze noch gerne stundenlang über meinen handschriftlichen Zeilen. Ich bin bemüht, ihnen durch mein Schriftbild einen Charakter zu verleihen, der für sich spricht ohne etwas gesagt zu haben. Mein Gegenüber soll fühlen, dass ich nicht in Eile war, ich es ernst meine und nicht zwischen Tür und Angel nach schnellen Worten gesucht habe, die nur Platzhalter für das Unausgesprochene sind. Wer diesen Zauber des Moments in seinem eigenen Leben vermisst, wer ihn spüren möchte oder wer sich sehnsüchtig auf die Suche nach dem großen Geheimnis bedächtig ausgetauschter Worte macht, der ist bei Jessica Brockmole an der richtigen Adresse. In ihrem Briefkasten schlummert der Zauber einer Faszination, die nur Handschriftliches erzeugen kann.

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Letters from Skye ist der Titel des wohl meistunterschätzten Romans der letzten Jahre, woran zumindest hierzulande der Titel Eine Liebe über dem Meereinen Teil der Schuld trägt. Was schnulzig daherkommt und in der Covergestaltung mehr als klar macht, dass Männer besser einen weiten Bogen um diesen Roman machen sollten, ist eine unfassbar tief angelegte Charakterstudie zweier Menschen, die in ihren Briefen zu den Menschen wurden, die sie sein wollten. Briefe von Kontinent zu Kontinent. Worte in einer Tiefe, die den Ozean verspottet. Sätze von zeitloser Schönheit in einer Zeit, die im weltumspannenden Schrecken des Ersten Weltkrieges eine Gefühlsstarre auslöste, die der Unmenschlichkeit späterer Kriege den Weg ebnete.

Und doch gab es diese eine Insel in der schottischen See. Ein Biotop der Emotion. Skye. Hier lebt Elspeth Dunn, eine Dichterin, die sich als ungelesen empfindet. Für sie gleicht es einem Wunder, einen Brief aus Urbana, Illinios zu erhalten, in dem ein junger Mann namens David Graham seine tief empfundene und aufrichtige Bewunderung für ihre Gedichte zum Ausdruck bringt. Sein erster Brief ist der Beginn einer Freundschaft, aus der sich von Wort zu Wort, von Satz zu Satz in einer spielerischen Leichtigkeit und geprägt von emotionaler Offenheit eine Liebe entwickelt, die sprachlos macht. Elspeth schreibt zart, humorvoll, spontan und jedes Wort bringt eine Saite auf der anderen Seite des Ozans zum Schwingen.

Da draußen gibt es irgendetwas für Sie.
Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Sie werden es finden.

 Schon bei diesen Worten ahnt sie, dass sie sich selbst damit meint…

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Die Entfernung lässt klein erscheinen, was doch wahrhaft gewaltig ist. Worte sind in der Lage, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Und doch türmen sich Probleme auf, die alles zerstören können. Der Erste Weltkrieg tobt sich aus, Elspeth ist alles, nur nicht ledig und David stellt sich in den Dienst seines Landes und überquert den Ozean. Wird die erste wahrhafte Begegnung die gewechselten Briefe bestätigen? Was macht dieser Moment aus zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben? Und wie geht der Rest der Welt mit dieser Liebe um? Jessica Brockmole umschifft jede verkitschte Klippe und entfaltet eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die uns zu Zeitzeugen einer wundervoll beginnenden Liebe werden lassen. Aber auch zu Zeugen ihres plötzlichen Endes…

Als die Tochter der Dichterin im Zweiten Weltkrieg auf die Briefe ihrer Mutter stößt, begibt sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Absender aus Amerika. Seine Worte lassen immer noch erahnen, welcher Emotionstaumel zwanzig Jahre zuvor das Leben ihrer Mutter aus der Bahn geworfen hatte. Gut nur, dass sie ihre Mutter mit dem Briefwechsel von einst konfrontieren kann und mehr als nur einem großen Geheimnis auf die Spur kommt. Dieser Briefroman ist mehr als nur ein Liebesbeweis an die Macht des geschriebenen Wortes. Es ist ein grandios recherchierter Kriegsroman, der zeigt in welchen Situationen sich Lebenswege entscheiden. Es ist eine psychologisch brillante Erzählung, aus der man viel für sein eigenes Schreiben lernen kann.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Briefe sind nicht unbedacht zu schreiben. Sie überdauern die Zeit und doch bleiben sie zumeist auf ewig voneinander getrennt. Den wahren Briefwechsel kennen nur zwei Menschen. Und das sollte so bleiben. Wenn Briefe jedoch so geschrieben werden, wie es das Gegenüber verdient hat, dann lässt sich auch im Lesen der Briefe auf der einen Seite des Gefühlsozeans die Dimension der Liebe ermessen, die auf der anderen Seite so lebenswichtig war. Ich hoffe, dass dies mit meinen Briefen gelingt. Ich wünsche mir, dass sie auch später noch Zeugnis ablegen können von Gefühl, Hoffnung, Zweifel und der puren Lust am Leben. Aus einem rekonstruierten Chatverlauf oder mit einer Reihe von E-Mails oder SMS würde dies nicht gelingen. Nur auf dem Papier bleiben die beim Schreiben vergossenen Tränen lebenslänglich sichtbar… Und weit darüber hinaus.

Daraus können wir lernen, wem wir wie und was schreiben. Wir sollten uns dabei vielleicht in die Vergangenheit zurückversetzen, uns vom hohen Erwartungsdruck der sofortigen Antwort befreien, sondern dem Gegenüber ebenso viel Zeit einräumen, um seine Worte zu finden. Ich stelle mir vor, ich schriebe meine Briefe auf der Insel Skye. Ich stelle mir den langen Postweg vor und denke mich an einen ruhigen Ort im Hafen, um auf das Postschiff zu warten. Und dann stelle ich mir meine unendliche Freude vor, die ich empfinde, wenn ich an der Handschrift und dem Inhalt des Briefes erkenne, wie sehr ich erkannt wurde.

Off-Topic – Briefe, die das Leben verändern können…

Schreiben Sie mir, oder ich sterbeist in seiner gebundenen Form und als Hörbuch ein bewegendes Beispiel, wie Liebesbriefe die Zeit überdauern können. Briefe, die nie für unsere Augen bestimmt waren, aber eben auch Briefe, für die sich die prominenten Absender niemals schämen mussten, weil sie mit ihren Worten Menschen zum Fliegen brachten. Und jetzt schreibe ich einem Herzensmenschen ein paar Zeilen. Mögen auch sie die Zeit überdauern.

Sicher fallen euch jetzt viele Briefromane ein, die euren Lebensweg gekreuzt haben und viele davon werde ich gar nicht kennen. Ich bin für jeden Tipp dankbar, da ich mich oft danach sehne, in den Briefen anderer Menschen einzutauchen und ihnen durch die Zeit zu folgen. „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ von Constanze de Salm handelt von einem handschriftlichen Monolog. Hier schreibt die Protagonistin an sich selbst. Eifersucht findet ihr Ventil in unbeantworteten Briefen. Lesenswert.

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