Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Man spricht nicht so oft von literarischen Sensationen. Und wenn, dann stellen sie sich häufig als Marketingmasche heraus, mit der man lediglich die Verkaufszahlen des jeweiligen Sensations-Buches ankurbeln möchte. Bei Ulrich Alexander Boschwitz ist das Prädikat anders zu werten. Die Wiederentdeckung seines Romans „Der Reisende“ stellte wahrlich ein aufsehenerregendes Ereignis in der Literaturwelt dar. Dieser Roman eines jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich setzt Maßstäbe. Er selbst wurde von den Umständen der Zeit zur Auswanderung gezwungen. Kaum 20-jährig floh er mit seiner Mutter 1935 zuerst nach Skandinavien, von wo ihn die Odyssee durch halb Europa führte, bis er 1939 als sogenannter „Enemy Alien“ (Ausländer aus Feindesländern) in England interniert und nach Australien deportiert wurde.

Bei seiner Rückkehr im Jahr 1942 wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Ulrich Alexander Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren. Warum er bis heute im Gedächtnis blieb, ist leicht zu erklären. Er verarbeitete sein Schicksal in Büchern, die allerdings lange als verschollen galten. Sein Gesamtwerk besteht nur aus zwei Büchern. Seinem DebütMenschen neben dem Leben“, das er in Skandinavien schrieb und dessen Erfolg ihm sein Studium an der Sorbonne ermöglichte, und seinem inzwischen rekonstruierten Flüchtlingsroman „Der Reisende“. Gerade dieses Werk ist so besonders, weil die Hilflosigkeit eines staaten- und rechtlosen jüdischen Flüchtlings mit einer Authentizität beschrieben wird, die damals für Aufsehen gesorgt hätte. Ulrich Alexander Boschwitz konnte es nicht zu Lebzeiten publizieren. Die zuletzt lektorierte Fassung seines Manuskripts versank mit ihm in den Fluten.

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Peter Graf ist es als Herausgeber gelungen, dem ursprünglichen Manuskript die literarische Wucht zu verleihen, von der Boschwitz zeitlebens geträumt hatte. Nun ist es nur konsequent und logisch, das neue Interesse an diesem unvollendeten Autor zu nutzen, um auch sein Debüt „Menschen neben dem Leben“ erstmals auf Deutsch zu veröffentlichen. Das Ausnahmetalent mit der besonderen Beobachtungsgabe verfasste den Roman im Alter von 22 Jahren. Hier schreibt er nicht vom Selbsterlebten, sondern skizziert eine Gesellschaft im Wandel gegen Ende der 1920er Jahre. Eine Milieustudie kann man diesen Roman schlecht nennen, da er selbst das von ihm beschriebene und in zumeist tristen Farben gezeichnete Bild nur vom Hörensagen kennen konnte. Wenn Boschwitz also seine typischen Gestalten auftreten lässt, müssen wir realisieren, dass der Autor von einer Zeit erzählt, in der er selbst gerade mal fünfzehn Jahre alt war. 

Dies sollte man berücksichtigen, wenn man über sein Schreiben urteilt. Dies kann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man sich diesem Buch annähert. Hier strahlt das große Talent eines Erzählers, dem es verwehrt blieb, sich zu entwickeln, zu reifen und seinen Charakteren noch mehr Tiefe zu verleihen, als ihm dies ohnehin gelungen ist. In vielen Beschreibungen seiner Figuren könnte man kritisieren, sie seien schablonenhaft und stereotyp. Oft denkt man, er hätte sie noch authentischer in den Rahmen der Zeit einbetten können. Vielleicht ist dies so. Doch trotzdem gelingt ihm ein literarischer Wurf von besonderer Güte, den man nicht von der Vita des jungen Autors trennen darf.

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Potenzial war ausreichend vorhanden und für dieses auf der Flucht geschriebene Debüt ist der Roman gewagt, atmosphärisch dicht und zeigt in seiner hoffnungslosen Grundatmosphäre, wo die Grundlagen für den Stimmungsumschwung in der Weimarer Republik gelegt wurde, und wie unzufrieden diejenigen waren, die nur kurze Zeit später die Steigbügel des neuen „Führers“ hielten. Ihnen verleiht Boschwitz eine laute Stimme. Ihnen hört er selbst gut zu, wenn auch aus der auktorialen Ferne. In ihnen sieht er die Charaktere, die gerne die Last eines verlorenen Krieges, die Armut und Arbeitslosigkeit über Bord werfen und in eine strahlende Zukunft durchstarten wollen. Hier sind wir mit Ulrich Alexander Boschwitzneben dem Leben“ angekommen. Keine seiner Figuren kann sich heimisch fühlen, niemand hat eine Perspektive und nur die Flucht nach vorne lässt einen Silberstreif am Horizont erkennen. Auch wenn der ziemlich braun sein sollte. Besser als die Weltwirtschaftskrise und die Verarmung ist er allemal.

Boschwitz lässt sie aufleben und lautstark durch die Szenerie mäandern. Es sind frustrierte Kriegsheimkehrer, Prostituierte, Obdachlose, Bettler, Entmachtete, Verrückte und Gestrandete, denen er in einem Lokal eine Übergangsheimat anbietet. So wird aus dem „Fröhlichen Waidmann“ der Schmelztiegel der Enttäuschten, wo so mancher aus dem Rahmen fällt und zur Strecke gebracht wird. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird die scheinbar lustigen Gesellen Fundholz, Grissmann und Tönnchen nicht wieder vergessen. Wer sich hier an den Kneipentisch setzt, wird schnell erkennen, dass man sich hier ein Biotop gestaltet hat, das mit Tanz und Alkohol den tristen Alltag vertreibt. Boschwitz zeigt das Geheime im Offensichtlichen. Gesangsvereine sind in Realität die Keimzellen der organisierten Kriminalität. Frauen sind abhängig von Gönnern und den Zuhältern, die ihren Berufszweig gerade neu für sich entdecken.

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Die wilden Zwanziger haben im Fröhlichen Waidmann ihren Ausklang gefunden. Jetzt wird man nur noch zum Zeugen des Abgesangs auf eine verlorene Zeit. Der Tanz ist wild, die Versuchung ist groß, neue Leidenschaften und Lieben bahnen sich Wege. Jeder Neuanfang fordert Opfer. Eine Frau, die sich einen neuen Begleiter sucht, muss den bisherigen Gefährten „neben dem Leben“ zurücklassen. Dass er blind ist, spielt in ihrem Selbsterhaltungstrieb kaum eine Rolle. Mehr scheinen als sein wird zum Motto einer Gesellschaft, die sich vom Albtraum der Vergangenheit lösen will und jedes Opfer bereitwillig bringt, nur um einen Schritt nach vorne zu kommen. Boschwitz verleiht einer tief verwurzelten Perspektivlosigkeit eine ungewohnt scharfe und persönliche Kontur.

Er macht es sich nicht leicht mit seiner Erzählung. Ebenso wenig leicht macht er es den Menschen, von denen er berichtet. Hoffnungsträger Fehlanzeige. Politische Wirren sind vorprogrammiert. Und doch wirkt jener eine Abend im Fröhlichen Waidmann wie der letzte Tanz des letzten Aufgebots, bevor der Sturm losbricht. Man kann es mit den Händen fassen. Wenn die Tür des Lokals sich schließt, kann sich die Zukunft nur trister darstellen, als sie eben noch wirkte. Boschwitz ist ein Atmosphären-Erzähler. Man fühlt die Vibrationen im Tanzsaal, man riecht das abgestandene Bier, man schmeckt diesen einen fast unbezahlbaren Schnaps, für den man wirklich alles tun würde. Er bringt uns Typen näher, die gar nicht so typisch sind, wie wir es zunächst vermuten. Die Situation im Waidmann eskaliert. Es fließt Blut. Das Biotop wird mit einem Messer zerstört. Kein Wunder, dass der Verrückte am Ende wie der einzig Normale wirkt. Tönnchen.

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Ich habe gelesen und gehört. Ungekürzte 7 Stunden und 46 Minuten lang habe ich in der Gaststätte zum Fröhlichen Waidmann einen Tisch reserviert. Ich war gerne dort zu Besuch und hätte mich fast zuhause gefühlt. Der Blick hinter die Kulissen jedoch zeigte mir, was dort wirklich gärte. Schauspieler und Sprecher Hans Löw verleiht dem Roman in der Hörbuchfassung eine ganz eigene Wirkung. Seine Stimme scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Er liest lebendig und so, als wäre er selbst Stammgast einer Lokalität, die hier Geschichte schrieb. Löw interpretiert die Atmosphäre dieser Zeit und liest seine Zuhörer beschwingt in das Chaos einer Wirtshausschlägerei, die jeder kommen sah. In den Charakterzeichnungen liegt die Stärke dieser Produktion.

Ulrich Alexander Boschwitz und Bernard von Brentano sind für mich literarisch intensiv miteinander gebunden. Worüber der junge Boschwitz so gekonnt fabulierte, darüber schrieb Brentano in der Zeit. Sein Abgesang ist ebenso laut, nur eben auf der Grundlage eigener Beobachtungen entstanden. Er schaute den kleinen Leuten auf den Mund, bevor er die gärende und explosive Lage seines Landes beschrieb „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ könnte ein Kapitel im Fröhlichen Waidmann beinhalten. Hier sieht man das große Talent des jungen Boschwitz. Atmosphärisch handelt es sich hier um bahnbrechende Bücher, die wie Warnsirenen hätten wirken können. Hätte man sie in ihrer Zeit aufmerksam gelesen. Das können wir heute tun und anderen aufs Maul schauen. Glaubt mir, die Parallelen sind überraschend…

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Offene See von Benjamin Myers

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Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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Da sind wir – Magisches von Graham Swift

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Da sind wir von Graham Swift

Wo liegt der Unterschied zwischen Zauberei und Magie? Laut Graham Swift gibt es eine Scheidelinie, die beide Welten trennt. Eine Grenze zwischen Trick und Illusion. Es ist eine gefährliche Grenze, die sich nur überschreiten lässt, wenn ein Zauberer seine Kunstfertigkeit so weit perfektioniert hat, dass ihm sein Übertritt in das neue Universum gelingt, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Dem Publikum zu geben, was das Publikum erwartet, ist und bleibt in beiden Zweigen des Metiers die relevante Ausgangsposition. Doch nur ein Magier wird jemals Weltruhm erlangen und sich schließlich „Der Große“ nennen dürfen.

Wir kennen sie alle. Die Houdinis, Copperfields und Uri Gellers dieser Welt. Wir haben ihre Shows gesehen und, im Fall des Großen Houdini, von seinen Fähigkeiten gelesen. Wir haben gestaunt und waren verzaubert. Die Faszination des Unfassbaren hat uns dabei fest im Griff. Neugier treibt uns in die Hände des „Maskierten Magiers„, der im Fernsehen die großen Geheimnisse seiner Kollegen verrät. Ein Whistleblower der magischen Zirkel. Ein Sakrileg, dem wir gerne folgten. In genau diesem Kosmos der Phänomene spielt der neue Roman von Graham Swift. „Da sind wir“ lässt jedoch auf den ersten Blick nicht vermuten, dass wir uns in den `50er Jahren auf dem legendären Pier in Brighton befinden und im Showbetrieb des Seebades versinken.

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Da sind wir von Graham Swift

Auf Sand gebaut, von Wasser umspült, nicht für die Ewigkeit erdacht scheint der Steg zu sein, den ich schon selbst betreten durfte. Unwirklich im strahlenden Weiß ist die historische Holzkonstruktion noch heute ein Magnet für Touristen an der Küste des Ärmelkanals. In den 1950er Jahren ein wahrer Hotspot jener Unterhaltungsbranche, da man schon ein Theater besuchen musste, um Künstler zu bewundern. Und doch ist es ein Papagei, der das Buchcover ziert. Keine Taube, wie es eigentlich vom Berufsstand der Zauberkünstler oder Magier zu erwarten wäre. Eine Mogelpackung? Mitnichten. Es ist der erste visualisierte Missing Link, der im Lauf der Geschichte eine besondere und einfach magische Bedeutung erlangt.

Graham Swift erzählt die Geschichte einer besonderen Dreiecksbeziehung. Es ist eine wahrhaftig magische ménage à trois, in der es nicht nur auf der Bühne, sondern eben gerade hinter den Kulissen pulsiert und vibriert. Sie sind die Stars des Programms und sie werden von Tag zu Tag berühmter. Ihre Show rückt immer mehr in das Zentrum des Abends. Vor ausverkauftem Haus verzaubern Ronnie Deane und Evie White jeden Tag die Zuschauer als „Pablo und Eve„. Der Zauberer und seine Assistentin haben ihr Publikum fest im Griff. Doch beide wären nichts ohne den heimlichen Star des Abends, den Conférencier und Entertainer Jack Robbins. Er hat sie zusammengebracht. Er hat ihnen das Engagement ermöglicht und er hat den eigentlichen Zauber losgetreten.

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Da sind wir von Graham Swift

Der Plot ist schnell erzählt. Zauberer und Assistentin sind mehr als nur das. Nicht nur eine Nummer im Programm, sie sind verlobt. Die Hochzeit naht bereits. Und doch ist es der Entertainer, der Abend für Abend nur Augen für die schöne Evie White hat. Als es zum unvermeidlichen Seitensprung kommt und der „Große Pablo“ erkennt, was passiert ist, kommt es zum großen Finale auf offener Bühne. Aus der Zauber. Keine Spur mehr vom großen Gemeinsamen. Nichts mehr mit „Da sind wir„. Der Magier verschwindet im Farbenrausch seines großen Regenbogen-Tricks. Und nicht nur das. Er bleibt für alle Zeiten verschwunden, als wäre dies die größte Illusion seiner grandiosen Karriere.

Wo liegt der literarische Unterschied zwischen einem magischen Buch und einem Roman, der uns verzaubert? Graham Swift hat eine Antwort: „Da sind wir„. Wenn ein Autor sich von all seinen Tricks zu lösen vermag und der Illusion Raum verschafft, dann gelingt ihm in der Konstruktion seiner Geschichte der Übertritt in eine Welt jenseits des Niemandslands, in dem die schreibende Zunft nur dadurch besticht, weiße Tauben aus dem Zylinder zu zaubern. Es ist der Abschied von der Vorhersehbarkeit, die vehemente und radikale Trennung von der Beliebigkeit, die spürbar wird. Graham Swift ist auf dem besten Weg, am Ende seines Romans als der „Große Swift“ bejubelt zu werden. Bleibt nur zu hoffen, dass er nicht mit einem großen Knall von der Bühne verschwindet.

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Da sind wir von Graham Swift

Swift verschiebt alle Zeitebenen in seinem Roman. Er entführt uns in das Davor, das Während und das Danach. Er macht uns zu Wegbegleitern seiner Protagonisten in die Vergangenheit ihrer Lebensgeschichten, als sie noch keine Entertainer, Zauberer oder nur Assistentin waren. Er entführt uns in die Welten der großen Erwartungen von Eltern und in die Abschiebung eines kleinen Jungen in eine Evakuierung im Zweiten Weltkrieg. Er erweckt Welten zum Leben, die wir später auf der Bühne wiedererkennen. Er verleiht seinen Charakteren den Schein der Realität und Plausibilität, den wir benötigen, um uns an sie zu binden. Nein, es ist nicht zauberhaft, was Graham Swift hier erzählt. Es ist die pure Magie.

Graham Swift wartet wie eine Spinne inmitten seines Spinnennetzes auf uns. Ihm gelingt das magische Momentum, wenn wir die 75-jährige Evie White im Spiegel sehen und gerührt sind, wenn sie die Andenken einer längst vergangenen Zeit betrachtet. Hier gelingt es dem Autor, uns in Schwingung zu versetzen, wenn er nur an einem einzigen Faden seines Spinnennetztes zieht. Damit gibt er sich nicht zufrieden. Er versetzt sein ganzes Netz in Schwingung. Es ist dabei ein Ort, der unvergessen bleibt. Es ist der Ort, an dem der junge Ronnie Deane einen Teil seiner Kindheit verbrachte, als er alles war, nur kein Zauberer. Niemand wird dieses Haus, die Menschen und die Stimmung dieser Umgebung vergessen, wenn die letzte Seite dieses Romans geschlossen ist. Niemand wird jemals „Evergrene“ vergessen. 

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Da sind wir von Graham Swift

Ich habe Da sind wir gelesen und gehört. Im magischen Wechsel, um mich nicht auf der Bühne zu verlieren. Ulrich Noethen erreicht hier ein bühnenreifes Niveau in einer Geschichte, die ohne jene Bretter, die die Welt bedeuten nicht funktionieren kann. Er wird zum Conférencier und Zauberer. Er lässt eine Sprache lebendig werden, die im Roman so wichtig für die gesamte Story ist. Und er verkörpert die niemals alternde Evie White in all ihrer Melancholie, ihrem schlechten Gewissen und der Sehnsucht am Ende einer langen Geschichte. Und, wenn Ulrich Noethen das Wort „Evergrene“ in den Mund nimmt, dann rette sich wer kann. Dann verschwindet auch ihr im Regenbogen einer der schönsten Geschichten des Jahres. Aus der Zauber. Lest oder hört selbst. Bringt euch nach Evergrene. Gar kein fauler Zauber. Versprochen.

Buch: dtv Verlagsgesellschaft – 160 Seiten – Aus dem Englischen von Susanne Höbel – Originaltitel „Here we are“ – 20 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag – ungekürzte Lesung – Sprecher: Ulrich Noeten – Laufzeit: 5 Stunden 41 Minuten – 4 CDs – 20 Euro

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Da sind wir von Graham Swift

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Expeditionen tragen mich literarisch durch dieses Jahr. Ich werde zu Fuß, an Bord von Schiffen, auf dem Rücken von Pferden oder auf Sänften getragen den Spuren von Wissenschaftlern, Forschern, Naturkundlern und wagemutigen Abenteurern folgen. Ich werde zum Zeugen ihrer bahnbrechenden Entdeckungen und beobachten, wie die Welt immer kleiner wird. Stecknadeln auf der Weltkarte kennzeichnen die Erstbesteigungen, Entdeckungen und spektakulären Funde, ohne die unser Wissensdurst niemals gestillt worden wäre. Die Erben Humboldts lassen grüßen. Große Expeditionen stehen gerade in diesem Jahr im Brennpunkt vieler Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. Eine neue Artikelserie, die in losen Enden schon begonnen hat, wird ihnen Aufmerksamkeit zollen.

Zuletzt war ich an Bord der Erebus und habe die Nordwestpassage gesucht, war mit dem „Archivar der Welt“ unterwegs um ein fotografisches Archiv der Kontinente zu erschaffen und begab mich an der Seite der Gebrüder Schlagintweit In Schnee und Eis. Drei Jungs aus Bayern auf dem Weg nach Indien. Ihr Ziel, nicht nur der Himalaya, auch Kaschmir, das Karakorum, der Nanga Parbat, Turkestan, Panjab und viele andere Regionen, die unerforscht vor ihren Füßen lagen. Vielen dieser Entdecker und Forscher begegnet man nur einmal im Lesen. Dass ich die Schlagintweits erneut begleiten durfte ist Christopher Kloeble und seinem Roman „Das Museum der Welt“ zu verdanken.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Es ist der Christopher Kloeble, der mich mit seiner SagaDie unsterbliche Familie Salzüberzeugen konnte, dessen Erzählstil mich fasziniert hatte und bei dem ich mich als Leser gut aufgehoben fühlte. Ich konnte mir sehr gut vorstellen, dass er in der Lage ist, mich auch tief in das Indien des 19. Jahrhunderts zu entführen. Dass er mir jedoch die Expeditions-Geschichte der Gebrüder Schlagintweit neu erzählen würde, davon bin ich nicht ausgegangen. Kloeble ist kein Nacherzähler. Er ist ein Erfinder, Entdecker und Neuerzähler. Er betritt keinen literarisch verbrannten Boden, um lediglich seine Spuren zu hinterlassen. Seine Perspektiven sind neuartig, unverbraucht, herausfordernd und in besonderer Weise lesenswert. So auch diesmal. 

Er macht aus seinem Museum der Welt die Wanderausstellung der Fantasie! Wir sehen Indien nicht aus den Augen der Schlagintweits. Wir erleben Forschungsreisen in fremde Kontinente nicht als das wissenschaftliche Erbe Alexander von Humboldts. Wir erleben das, was wir heute als „Clash of Cultures“ bezeichnen. Europäer, die aus der Perspektive des hoch zu Ross sitzenden Kolonialisten und Ausbeuters über die Länder herfallen, die sie unterjochen wollen. Wir sehen die Brüder Schlagintweit als Prototypen einer feindlichen Übernahme. Globalisierung durch allumfassenden Besitzanspruch und eine kulturelle Vormachtstellung, die auch wissenschaftlich fundiert ist. Hier beginnt die ideologisch rassistische Herabstufung der Urbevölkerung durch Expeditionen. Hier geht los, was ganze Kontinente in ihrer Entwicklung verzögert. Entwicklungsländer sind das nur aus unserer Sicht. Indien selbst sah sich damals als Hochkultur. Was haben wir da nur so nachhaltig zerstört…?

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Christopher Kloeble gelingt dieser Perspektivwechsel durch seinen Protagonisten, den Waisenjungen Bartholomäus. Gerade mal zwölf Jahre alt, von Jesuiten erzogen und an den Rand einer Welt gedrängt, die auch im Waisenhaus nach Underdogs sucht und in ihm findet. Heute würden wir ihn als das perfekte Opfer für Mobbing bezeichnen. Nur sein Erzieher und Vaterersatz „Vater Fuchs“ hält noch die letzte schützende Hand über ihn. Als dieser spurlos verschwindet, bricht die fragile Welt des Waisenhauses in Bombay für Bartholomäus zusammen. Da kommen die drei Brüder aus Bayern gerade zur rechten Zeit. Sie suchen einen Übersetzer für ihre Reise durch Indien, für den Weg bis zum Himalaya. Sie finden Bartholomäus, und aus ersten Zweifeln wird Vertrauen in einen kleinen Jungen, der hilfreich sein kann.

Christopher Kloeble dreht hier den literarischen Spieß gewaltig um. Ist Indien für die Schlagintweits nur ein Forschungsobjekt, so werden sie im Roman Gegenstand der Betrachtung. Bartholomäus beobachtet, notiert, sammelt Erkenntnisse, wertet und wird zum Wissenschaftler, der Wissenschaftler sammelt, wie seltene Schmetterlinge. Er hat seine emotionalen Messinstrumente auf drei Männer gerichtet, die weniger erforschen, als eigentlich zu sammeln. Sie nehmen mit Augen, Karten, Zeichnungen, Bodenproben, Totenmasken, Gliedmaßen, Tierkadavern mit einer unsystematischen Sammelwut alles in Besitz, was sie entdecken. Dass Bartholomäus sie lediglich als Vehikel für die Suche nach seinem „Vater Fuchs“ benutzt und ihnen gegenüber illoyal ist, bleibt verborgen.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

„Das Museum der Welt“ ist das eigentliche Projekt des kleinen indischen Jungen, der neugierig ist und alles sammelt, was ihm seine Heimat bedeutet. Für dieses Projekt hätte er den Nobelpreis verdient. Sein Museum ist tragbar. Er sammelt Gefühl, Geruch, Augenblicke und Menschen, die ihm begegnen. Er träumt davon, dieses Museum allen Menschen verfügbar zu machen, die sein Indien erleben wollen. Die Schlagintweits mit ihrer Weltsicht wirken dagegen wie Barbaren und Eroberer. Christopher Kloeble erzählt eine bisher unerzählte, ungesehene und unerlebte Geschichte. Ein buntes Kaleidoskop voller Eindrücke und ein Kosmos voller Brüche erwarten uns. Es ist ein Kulturkreis, der sich im Kopfmuseum eines kleinen Jungen ausdehnt. Wir riechen, schmecken, sehen und fühlen Indien.

Und wir sind nah bei Bartholomäus, als aus dem Zusammenprall der Kulturen für ihn mehr wird, als er es sich je vorgestellt hätte. Es ist der Roadtrip zu seiner eigenen Identität, es ist die Reise durch ein Land, das er so nie gesehen hat. Es ist das „Große Spiel“, in dem er plötzlich die Hauptrolle spielt. Ein Spiel aus Revolution, Konflikten und Verrat. Diese Reise kostet viele Opfer. Der Weg der Schlagintweits glich im Nachhinein einem Opfergang ohne wissenschaftlichen Wert. Sie konnten niemals alles auswerten, was sie nach Europa brachten. Und sie schafften es nicht zusammen zurück. Gräber in München zeugen noch heute von den Entdeckern von einst. Welche Rolle sie jedoch in Indien aus der Perspektive der Menschen gespielt haben, die sie erforscht haben, das erzählt nur „Das Museum der Welt“.

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Ein wahrhaft historischer Roman, der sich in der Beschreibung dieser Expedition von 1854 bis 1857 an die überlieferten Fakten und Aufzeichnungen der Schlagintweits hält. Bartholomäus macht diese Reise zu einem Lese-Ereignis. Seine Selbstfindung und die Entscheidungen, die er trifft stehen hier für ein Land im Aufbruch und eine Kultur, deren Erben heute noch unter der Kolonialisierung leiden. Christopher Kloeble ist nun wirklich kein „Nacherzähler“. Im grandiosen Roman von Rudi Palla bin ich den drei Brüdern „In Schnee und Eis“ gefolgt. Kloeble doppelt nichts. Ich hatte niemals das Gefühl, alles zu wissen und nur Bartholomäus für mich neu zu entdecken. „Das Museum der Welt“ ist eine Inspiration, weil der Perspektivwechsel die Erben eines Alexander von Humboldt in ein neues Licht rückt.

Ein Abenteueroman von Format, in dem die Forscher zu den Erforschten werden. Kleiner Beweis gefällig? Lassen wir doch Bartholomäus zu Wort kommen:

„… Leider ist im Durchschnitt nur jeder vierte Bayer angenehm. Das lernte ich in meiner Zeit bei den Brüdern. Allerdings ist jeder von ihnen auf eine ganz eigene Weise unangenehm.“

Das Museum der Welt von Christopher Kloeble_astrolibrium

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Wer sich das Abenteuer seines Lebens vorlesen lassen möchte, der kann mit der Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag nach Indien reisen. Die Expedition zum „Museum der Welt“ dauert in der gekürzten Lesung 10 Stunden und 19 Minuten. Es ist Torben Kessler, der Bartholomäus zum Leben erweckt. Naiv, spitzbübisch und manchmal naseweis, immer jedoch beharrlich auf der Suche nach Exponaten für sein Museum, das er allen Indern zugänglich machen möchte. Wer das gehört hat, wird nie wieder ein Museum so betrachten können, wie zuvor. Großartig….

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble – Buch und Hörbuch

Impressionen zur Buchpräsentation bei dtv und einem Besuch am Grab finden Sie auf meiner Facebook-Seite AstroLibrium: Folgen Sie dem Hashtag #MuseumKloeble

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Das Museum der Welt von Christopher Kloeble

Wer übrigens der Meinung sein sollte, dies sei ein typisches Männerbuch, der ist gut beraten bei Steffi auf „Nur Lesen ist schöner“ vorbeizuschauen. Sie hat sich mit ihrer Rezension als wahre Museumswärterin geoutet, der man nicht widerstehen kann. Darüber hinaus widerlegt sie die These von Bartholomäus, dass „nur jeder vierte Bayer angenehm ist“. Steffi ist es auf die charmanteste Art und Weise.

Juni 53 von Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 5)

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Juni 53 von Frank Goldammer

Wir schreiben das Jahr 1953. Es ist Juni und wir befinden uns in Dresden. Es ist das achte Jahr einer Lebensgeschichte, der ich durch die Buchreihe von Frank Goldammer folge. 1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelenund 1951 „Roter Rabe“. Vier spannungsgeladene und literarische Bücher lang bin ich nun schon treuer Wegbegleiter des Dresdner Kommissars Max Heller. Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt verändert haben. Ausgebombt, befreit, besetzt, im geteilten Deutschland souverän, sozialistisch geprägt und ideologisch von einem Extrem ins andere driftend. Seit Jahren fühlt man sich dem gar nicht linientreuen, weil unpolitischen Ermittler verbunden. Seit Jahren folgt man ihm durch die neuralgischen Zeitscheiben der deutschen Geschichte…

Wenn wir nun „Juni 53“ von Frank Goldammer lesen oder hören, fühlt es sich fast an, als würden wir nach Hause kommen. Die Stadt ist uns vertraut, die Familie und die Lebensumstände des Ermittlers sind bekannt. Im fünften Band der Reihe gibt es für die treuen Leser und Hörer keine weißen Flecken mehr im Leben von Max Heller. Wir sind auf Augenhöhe, wenn wir ihm begegnen. Ein Sohn bei der Stasi, einer im Westen, eine Familie, die im neuen Deutschland zerrissen ist. Eine Adoptivtochter und eine Ehefrau, deren Gefühlsleben zwischen Flucht und Bleiben wechselt. Ein Kommissar, der sich in seiner gesamten Karriere nicht vereinnahmen ließ, steht im Zentrum der Handlung. Nie in einer Partei gewesen. Das gilt systemübergreifend. Kein Nazi, kein Kommunist, kein Sozialist. Polizist. Mit Leib und Seele. Gerechtigkeits- und wahrheitsliebend. Ein Mann auf der Gratwanderung zwischen den politischen Systemen. Ein Systemsprenger.

Juni 53 von Frank Goldammer - AstroLibrium

Juni 53 von Frank Goldammer

Eigentlich muss man kaum erklären, wohin uns Frank Goldammer im fünften Band seiner Erfolgsreihe entführt. 1953, der 17. Juni. Ein neuralgisches Datum der deutsch-deutschen Geschichte, auch wenn sich die Ereignisse im Osten eines geteilten Landes abspielten. Volksaufstand; Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung; Angst, das Land nicht mehr verlassen zu können; Proteste auf den Straßen; Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetarmee; Ausnahmezustand; Gewalteskalation; Prozesse und Verurteilungen. Eine lebensbedrohliche Krise der noch jungen DDR. Mittendrin im Chaos dieser Tage, Max Heller. Er ermittelt in einem Mordfall, der mit dem Aufstand im Zusammenhang stehen muss. Ein Betriebsleiter, brutal mit Glaswolle erstickt, genau an dem Tag, an dem sich in der DDR der Unmut Luft verschaffte. Eine Ausgangssituation, die in jedem anderen Kriminalfall nach Kriminalfall riecht und schmeckt. Hier nicht! 

Hier sind wir den Szenarien des Dresdner Autors Frank Goldammer ausgeliefert, dessen Reihen-Konstruktion genau diese Zeitscheiben als Etappen in der Geschichte seines Protagonisten Max Heller anvisiert. Eigentlich reicht ihm ein einfacher Unfall, um ganze Handlungsketten loszutreten, eigentlich bedarf es gar nicht des brutalen Mordes, um die Zwickmühle eines Polizisten zum Roman zu verdichten. Frank Goldammer wäre jedoch nicht Frank Goldammer, wenn er seine Zeitreise durch jene Zeitgeschichte nicht mit einem aufsehenerregenden Mord anreichern würde. Sein Plan geht auf. Die Zeit ist hier der beste Freund des Autors, sie arbeitet für ihn. Eingebettet in diese authentische Rahmensituation greift in seinen Romanen ein Charakterrädchen ins nächste. Es läuft wie geschmiert. Dank des brillanten Settings kann er seinen Kommissar mit Problemen und Hindernissen konfrontieren, die nur zu dieser Zeit, nur in dieser Region und nur bei Max Heller zum Tragen kommen. Ein literarisches Alleinstellungsmerkmal, nach dem in der Literatur oftmals verzweifelt gesucht wird.

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Frank Goldammer gelingt mit einem Roman, was man dem Genre eigentlich nicht zutraut. Wie könnte ein Kriminalroman in der Lage sein ein grundlegendes Verständnis für die Lebensumstände in der damaligen DDR zu wecken? Wie kann es gelingen, dem heutigen Leser zu verdeutlichen, wie schwer bis unmöglich es war, sich einem System zu verweigern, auf das man eigentlich mit seiner ganzen Familie angewiesen war? Wie kann man Vorbehalte abbauen um einem, heute gesamtdeutschen, Publikum bei einer Lesung die Hand zu reichen und Mauern zu überwinden, hinter denen man sich immer noch gerne versteckt? Es geht, wie Frank Goldammer beweist. Mit dem Charakter von Max Heller bietet er einen facettenreichen Antihelden an, der Nachteile in Kauf nimmt und im eigentlichen Sinne nur als Polizist arbeiten möchte. So wie er wäre man selbst gerne. Jedoch, ob wir so standhaft bleiben würden, das darf jeder für sich entscheiden.

Die politischen Rahmenbedingungen in der DDR im Jahr 1953 engen den Spielraum als Polizist gewaltig ein. Heller steht man skeptisch gegenüber. Das Parteibuch scheint nicht nur über wirtschaftliche Privilegien zu entscheiden, es bestimmt auch die Karriere. Beförderungen und Aufgabenfeld haben nicht mehr nur etwas mit Können zu tun. Hier geht die Schere zwischen beruflicher Selbstverwirklichung und Druck von außen weiter auf, als es Heller je gedacht hat. Man nimmt ihm die Methodenkompetenz, die Stasi ist ständiger Begleiter der Ermittlungen und Begriffe wie Sippenhaft und Schlafentzug sind neue Wegbegleiter des aufrechten Kommissars. Er wird anders wahrgenommen. Hier scheint der Systemgegner gegen das System zu ermitteln. Arbeiten ohne Hindernisse gehört der Vergangenheit an. Die Folgen sind nicht nur für ihn dramatisch. Seiner Frau bleibt in Gedanken nur der Weg in den Westen. Für seinen Sohn, der für die Stasi und somit für das System arbeitet, entwickelt sich der eigene Vater zum Hindernis.

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Zusehends zieht sich die Schlinge enger um den Hals von Max Heller. Jede Spur, die er wittert, wird überlagert von seiner eigenen Rolle. Man würde ihm gerne zurufen, dass es doch einfacher sei, das Parteibuch in die Hand zu nehmen. Es würde doch an seinem Charakter nichts ändern. Man würde es seiner Familie wünschen. Dann ertappt man sich bei diesen Gedanken und merkt, wohin uns Frank Goldammer manövriert hat. Wenn wir es Heller nicht vorwerfen würden, warum dann den Menschen, die wir heute noch so gerne als Mitläufer bezeichnen? Und wie hätten wir uns selbst verhalten, wenn nur die Parteizugehörigkeit alleine den Weg zum eigenen Auto oder einer Wohnung im scheinbaren Wohlstand geebnet hätte? Heller wird zum Vorbild für die Verführungen in einem solchen (einem jeden) System. Sein Ideal zu erreichen macht ihn unantastbar.

Gerechtigkeit wird zum interpretierbaren Faktor. Die Grenzen zwischen Agitation im Auftrag politischer Machthaber und dem einfachen Mord auf der Straße zerfließen. Der Feind definiert sich nicht durch kriminalistisches Gespür, er ist vorgegeben. Genau hier zu ermitteln ist fast unmöglich. Heller geht den dornenreichen Weg. Der Mord im „Juni 53“ verläuft auf diesem schmalen Grad. Für die Polizei wird Heller zum Problem und für diejenigen, für die er eigentlich ermittelt, die Leidtragenden, ist er trotzdem ein Teil der Staatsmacht. Ein Rollenkonflikt, den er kaum selbst aufzulösen vermag. Hier erfährt der Held seine Läuterung, als er mit Sichtweisen konfrontiert wird, die ihn selbst auch in der Zeit der Nazis als Mitläufer zeigen. Konnte er sich so sehr irren? Wie kann er jetzt den Spagat vollbringen und den Mord aufklären, den man politisch instrumentalisieren und für Propaganda nutzen möchte? Ein Gewissenskonflikt, der nur einen Ausweg zulässt. Den Westen. Oder entscheidet er anders?

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Juni 53 von Frank Goldammer

Frank Goldammer legt mit seiner Max-Heller-Reihe einen Grundstein für eine Art von Wiedervereinigungsliteratur. Er lässt Grenzen verschwinden und beleuchtet auf seine ganz besondere Art das Leben in einer DDR, die wir so vielleicht nicht kannten. Dabei ist Max Heller der Prototyp eines Deutschen, der wir gerne selbst wären. Egal in welcher geschichtlichen Zeitscheibe, er verkörpert das Ideal. Dass es kaum erreichbar ist, macht die Buchreihe so verbindlich und verbindend. Goldammer führt Beispiele an, die für echten Widerstand stehen. Dem inneren Widerstand Hellers stellt er den offenen einer „Weißen Rose“ gegenüber. Er selbst stellt Max Heller in Frage. Er liefert ihn uns aus. Werden wir urteilen können? Oder können wir uns an ihm orientieren, wenn es um Standhaftigkeit geht? Ich wünsche es mir.

Wie es weitergeht? Die Zeit wird es zeigen, denn sie arbeitet für Frank Goldammer. Wir werden uns mit ihm nach vorne arbeiten, Konflikte werden sich zuspitzen und die Staatsmacht wird allmächtiger. Wie ich einleitend schrieb, dem Autor reicht ein banaler Fahrradunfall, um Max Heller aufzureiben. Wie ich Frank Goldammer kenne, wird er es ihm und uns jedoch nicht so leichtmachen und wieder einen spannungsgeladenen Fall mit Leben füllen, der lebensgefährlich ist. Heikko Deutschmann hat mich in der leicht gekürzten Hörbuchfassung erneut abgeholt und gefesselt. Er ist die Stimme der Reihe um Max Heller und eine gemeinsame Vergangenheit, die wir im Westen so leicht als „Eure“ Vergangenheit abgetan haben. Falsch gedacht. Großartig gemacht, Frank.

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