Hemingway – Die große Hörspiel-Edition zum 120. Geburtstag

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Hemingway – Die große Hörspiel-Edition

Idaho, die Kleinstadt Ketchum am 2. Juli 1961. Eigentlich ein ruhiger Sonntag. Bis ein Schuss plötzlich die Stille zerfetzt und nicht nur die ländliche Idylle zerstört, sondern die gesamte Weltliteratur in Aufruhr versetzt.

Ernest Hemingway (61), Literaturnobelpreisträger und zu dieser Zeit der populärste Schriftsteller nicht nur seines Landes, hatte seinem Leben ein lautstarkes Ende gesetzt. An einem Punkt angekommen, der keinen Ausweg mehr offenließ, an dem der Alkohol und die Depression die grenzenlose Fantasie eines Genies endgültig besiegten, sah er nur diesen einen Weg – diese eine Schrotflinte…

Ein einziger Schuss. Ein Volltreffer ins Herz von zahllosen Lesern und Fans. Nicht jedoch das Ende, sondern vielmehr die Geburtsstunde einer Legende. Hemingway lebt in seinen Büchern weiter. In seinen großen Erfolgen, seinen brillanten Kurzgeschichten und den posthum erschienenen Romanen wie “Die Wahrheit im Morgenlicht”.

“Der alte Mann und das Meer” erhob ihn in den Olymp der Weltliteratur. Unzählige Auszeichnungen und Ehrungen wurden zu treuen Wegbegleitern des Schriftstellers und doch wurde sein Geist von unzähligen Zweifeln geplagt. Versagensangst, Verzweiflung und melancholische Rückblicke auf gescheiterte Beziehungen sowie ein extrem wildes und ausschweifendes Leben kennzeichneten die letzten Jahre von Ernest Hemingway.

Am 21. Juli würde Hemingway 120 Jahre alt. Nur die Hälfte dieses Jubiläums hat er schadlos überstanden und doch hallt seine mächtige Stimme bis heute nach. Kaum ein zweiter Schriftsteller wird so oft zitiert, kaum ein zweiter wird so nachhaltig gefeiert und kaum einem zweiten Autor widmet man noch heute brandaktuelle Romane, die sich mit seinem Leben, seinen Romanen, seinen Ehefrauen, seinen Beziehungen oder mit den Anfängen seines Schaffens in Paris auseinandersetzen. Vielschichtig ist mein Lesen an seiner Seite. Meine Hemingway-Bibliothek kommt eigentlich nie zur Ruhe. Seine Werke stehen hier in Reih und Glied mit den Romanen über ihn. Beispiele gefällig?

Über Hemingway:
Und alle benehmen sich daneben
von Lesley M.M. Blume
Madame Hemingway von Paula McLain
Hemingway & ich von Paula McLain

Von Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben von Ernest Hemingway
Fiesta“ von Ernest Hemingway

Indirekt mit Hemingways Zeit in Paris verbunden:
Himbeeren mit Sahne im Ritz
von Zelda Fitzgerald
Für dich würde ich sterben von F. Scott Fitzgerald

Ein Zitat aus seiner Feder wurde für mich persönlich zur Richtschnur meines Lesens und auch des eigenen Schreibens. Kein anderes Zitat erklärt so tiefgreifend, warum er einen solchen Erfolg hatte, was seine Bücher so unvergleichbar macht und wie er sich von anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen unterscheidet. Betrachtet man diese Worte als Richtschnur des guten Lesens, dann macht man nichts falsch. Dann hat man verinnerlicht, was uns Ernest Hemingway mit ins Leben geben wollte:

Beschreibe kein Gefühl – Verursache es! (Ernest Hemingway)

Wie kann man Hemingways 120. Geburtstag besser feiern, als ihn indirekt selbst zu Wort kommen zu lassen? Wie kann man diesen Tag begehen, ohne sich in Gedanken nach Paris zu begeben, in der Buchhandlung Shakespeare & Company ein ruhiges Plätzchen zu suchen und seinen großen Geschichten zu lauschen. Mein Lieblingsort in der Seine-Metropole ist ein magischer Ort. Man denkt, sie wären immer noch hier. Die Hemingways, Fitzgeralds und Elliots, die der legendären Buchhändlerin und Verlegerin Sylvia Beach alles zu verdanken haben. Hier bin ich nun und höre:

Hemingway – Die große Hörspiel-Edition (Der Audio Verlag)

Hier sind sie in einer Edition vereint. Seine wichtigen Romane und Erzählungen, die seinen Weltruhm begründen. Den Charme dieser Hörspieledition mit den Stimmen von Rosemarie Fendel, Peter Lieck und vielen anderen verdankt die Editions- Neuauflage auch ihrem Alter. Der typische Hörspielsound der 1950er Jahre schmiegt sich an diese Texte an, wie ein guter alter Straßenschuh, den Ernest Hemingway selbst getragen hat. Hier ist noch heute nichts angestaubt, nichts klingt antik und doch vermitteln alle Texte dieser Sammlung eine ganz besondere Authentizität. Dabei sind sie auf den wesentlich inhaltsbestimmenden Kern der Originale verkürzt, um uns zügig in das Universum des Schriftstellers zu entführen.

8 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 8 Stunden und 48 Minuten lassen uns also in überschaubarer Zeit 8 Werke aus der Feder von Hemingway hautnah erleben.

Die Box enthält:

»Der Unbesiegte«, SDR (heute SWR) 1953
»In einem andern Land«, WDR 1958
»Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber«, SDR 1951
»Schnee auf dem Kilimandscharo«, SDR (heute SWR) 1977
»Haben und Nichthaben«, SDR (heute SWR) 1955
»Wem die Stunde schlägt«, SWF (heute SWR) 1948
»Der alte Mann und das Meer«, SWF (heute SWR) 1953
»Um eine Viertelmillion«, SDR (heute SWR) 1952

Dabei knüpfen diese Erzählungen an die Romane an, die heute über Hemingway geschrieben werden. Der Kriegsberichterstatter und Abenteurer manifestiert sich im spanischen Bürgerkrieg, den Hemingway an der Seite von Martha Gellhorn erlebte. In Paula McLains Roman Hemingway & ich erfahren wir alles über die Entstehung des Romans „Wem die Stunde schlägt“. Hier schließen sich viele Kreise. „Der alte Mann und das Meer“ ist symbolisch für den ewigen Kampf des Menschen mit und gegen die Natur. Ein Leitmotiv, das Hemingway seit „Fiesta“ faszinierte. An der Novelle „Schnee auf dem Kilimandscharo“ lässt sich exemplarisch Hemingways Zerrissenheit ablesen. Im Leben an den wichtigen Fragen gescheitert, in der Liebe orientierungslos und nur in freier Wildbahn zu klaren Gedanken fähig. Starke Texte. Stark inszeniert.

Ich bin Ernest gerade wieder begegnet. „Propaganda“ von Steffen Kopetzky zeigt, wie groß sein Einfluss auf die heutige Literatur immer noch ist. Er ist relevant. Er spielt eine mehr als wichtige Rolle in der Aufarbeitung von Kriegen, gilt als Symbolfigur eines Kriegsberichterstatters, der alle Grenzen überschreitet, um selbst Grenzerfahrungen zu erleben. In Propaganda folgt man ihm ins Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Man will sein Charisma nutzen, man will ihn für Propagandazwecke instrumentalisieren. Ernest Hemingway spielt auch in diesem Roman eine Hauptrolle. Meine Rezension folgt, wenn Propaganda erschienen ist. (August 2019 / Rowohlt). Ein wenig Geduld, dann geht´s weiter mit dem alten Mann und der Literatur. Happy birthday, Nesto…

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich habe das Buch nicht gelesen. Ich habe das Hörbuch nicht gehört. Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza hat niemals den Eindruck hinterlassen, Leser einer Geschichte zu sein. Der Roman hat mich niemals denken oder fühlen lassen, erfunden zu sein. Deshalb versuche ich gar nicht, das Buch zu rezensieren oder Leseeindrücken freien Lauf zu lassen, weil ich eben nicht gelesen oder gehört habe. Ich empfand es als Einladung in eine Gastfamilie, die mich vorbehaltlos aufnimmt, ihre Geschichte, Ängste und Sorgen mit mir teilt und mich für einige Jahre in ihrem Kreis willkommen heißt. Nur so kann ich mich der Erzählung nähern, die unter dem Titel „Worauf wir hoffen“ in den Buchhandlungen darauf wartet, als Einladung verstanden zu werden. Ich habe sie nicht gelesen oder gehört.

Ich habe „Worauf wir hoffen“ erlebt.

Fatima Farheen Mirza macht es mir einerseits leicht, mich in meiner neuen Familie mehr als wohl zu fühlen. Die Eltern Rafik und Laila kümmern sich augenscheinlich sehr liebevoll um ihre drei Kinder. Hadia, Huda und Amar. Bevor ich noch viele Fragen über sie formulieren kann, versammelt man sich am Tisch und beginnt zu erzählen. Als läge ein Familienalbum vor mir, wird hin- und hergeblättert. Zeit spielt keine Rolle. Ich werde Zeuge der Kindheit der Geschwister, sehe sie heranwachsen, lerne viel über Rollenbild und Selbstverständnis der drei und schmunzle über so manche Anekdote. Ich bemerke, dass vieles anders ist in dieser Familie. Fühle, dass ich mich hereinfinden muss, da sie einem anderen Kulturkreis entstammt. Gläubige indisch-stämmige Muslime in den USA.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Warum ich mir nicht fremd vorkomme? Weil die Autorin mir als Wegbegleiter dieser Geschichte nicht voreingenommen gegenübertritt. Sie setzt voraus, dass ich Vorurteile an der Eingangstür abstreife und bereit bin, mich auf Menschen einzulassen, denen ich im wahren Leben wohl niemals so intensiv begegnen würde. Sie sind offen, haben kein Geheimnis vor mir und gehen sehr selbstkritisch mit ihrem Leben, den Erwartungen im Umfeld und den eigenen Ansprüchen an ihre Zukunft um. Sehr schnell bin ich als Gast auf der Hochzeit von Hadia eingeladen. Schnell bin ich im Zentrum der Geschichte, die sich langsam aber immer mitreißender entwickelt. Ich bin im Bilde und fühle mich sehr gut dabei.

Hadias Hochzeit ist nicht arrangiert. Gegen die Tradition hat sie einen Ehemann für sich gewählt, den sie liebt. Unproblematisch ist das nicht, sind doch ihre eigenen Eltern nur auf dem traditionellen Weg verheiratet worden und kurz nach ihrer Hochzeit in die USA ausgewandert. Ich sehe, wie auch hier Welten aufeinanderprallen, wie hart Hadia um ihre Zukunft kämpfen musste und welche Verluste ihr Leben prägten. Ich bin ganz bei ihr, als ihre erste große Liebe stirbt und sie zeitlebens nicht sicher ist, ob sie seither nur auf der Suche nach Ersatz ist. Heute, am Tag ihrer Hochzeit ist sie glücklich. Nicht nur weil ihr moderner Weg von der traditionellen Familie akzeptiert wird. Auch, weil ihr Bruder Amar zum ersten Mal seit Jahren auftaucht. Nach einem Streit mit seinem Vater blieb er verschwunden. Bis heute.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Fatima Farheen Mirza gelingt in ihrem facettenreichen Debütroman, was ich mir kaum hätte vorstellen können. Sie erzählt keine Migrantengeschichte, arbeitet nicht die eigene Familienvergangenheit auf und schiebt kulturelle und religiöse Unterschiede nicht in den Vordergrund. Sie erzählt eine Familiengeschichte, die so verständlich und nachvollziehbar ist, weil wir so viel miteinander gemeinsam haben. Natürlich wurden in meiner Familie keine Ehen arrangiert. Natürlich unterscheiden sich die Rollenbilder, die ich kennengelernt habe. Natürlich unterliegen Jungs und Mädchen meiner Familie nicht diesen traditionellen Anforderungen, was Freunde, Beziehungen und den Umgang mit dem anderen Geschlecht angeht. Natürlich bilde ich mir das ein, aber es war nie so.

Ohne Zustimmung meiner Eltern wohl keine Hochzeit, ohne Erwartungen bezüglich meiner Freunde, kein guter Umgang und ohne Warnungen und Appelle an Moral, Ehre und Anstand kein intensiver Kontakt mit jungen Mädchen. Fatima Farheen Mirza macht mir schnell klar, wie nah wir uns sind. Ob Muslime oder Christen. Die Familie steht hier im Mittelpunkt und da sind wir uns ähnlich. Dieser Roman ist eine ausgestreckte Hand für all jene, die in Religion und Tradition nur Trennendes, nur Differenzen sehen. Dabei würde sich diese Geschichte auch in meiner Familie ähnlich abspielen können. Ein von seinem Sohn enttäuschter Vater, Schwestern, die sich in den Vordergrund spielen und das Gefüge durcheinander bringen, eine Mutter, die der jungen Liebe ihres Sohnes den niederschmetternden Riegel vorschiebt und ein Umfeld, das zum Kriegsberichterstatter der Familienfehde mutiert. Kommt uns das nicht bekannt vor?

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Wir können uns ganz auf diese emotional tief angelegte Geschichte einlassen. Es ist leicht, sich mit Amar zu verbünden, der so aufrichtig liebt und nicht lieben darf. Es ist leicht, mit ihm auf die schiefe Bahn zugeraten, gegen das Leben zu rebellieren und sich aufzulehnen. Es ist einfach, abzuhauen und Trost in Drogen zu suchen. Ja, hier bin ich ganz Amar. Und dann ist es schwer, bei der Hochzeit seiner Schwester zu Gast zu sein und genau dort Amira über den Weg zu laufen. Der Frau seines Lebens. Hätte man ihn sein Leben leben lassen. Alle Fäden laufen hier zusammen. Die Eskalation ist schon im Vorfeld programmiert. Jetzt hängt es von der Familie ab, ob Vergebung, Hoffnung oder Hass die Zukunft bestimmen.

Fatima Farheen Mirza macht mich zum Teil ihrer Familie, wenn ich ihre Sprache zu verstehen glaube, mir das Glossar selbst erarbeite und verstehe, dann zeigt sie mir an einigen markanten Beispielen, was uns unterscheidet. Nicht nur im Inneren. Das World Trade Center und die einstürzenden Türme in Verbindung mit den Kopftüchern beider Schwestern, der aufkommende Hass gegen Muslime und die Haltung von Amar, als er stellvertretend für alle angegriffen wird. All dies öffnet die Augen für meine Welt, die für Vorurteile so anfällig ist. Dieser Roman schafft so viel Nähe. Er sensibilisiert und macht Verständigung möglich, wo vorher nur Fronten waren. Und gar nicht so ganz nebenbei erzählt er eine wundervolle tragische und traurige Liebesgeschichte, die mich fesselte.

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Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

Ich wollte absichtlich keine Rezension über einen Roman mit Migrationshintergrund schreiben, ich wollte nicht über eine muslimische Autorin schreiben, die versucht, mich zu integrieren. Ich wollte nicht das Trennende hervorheben. Ich wollte es so schreiben, wie ich es empfand. „Worauf wir hoffen“ ist ein Zeichen großer Gastfreundschaft, weil Fatima Farheen Mirza offen und differenziert mit ihrer eigenen Welt umgeht. Sie erzählt keine Märchen, sie beschönigt nichts und beschreibt detailliert den steinigen Weg einer jungen Frau im Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und Integration ohne jede Spur von Selbstaufgabe. Ist es das, worauf wir immer gehofft haben? Diese offene Tür zum Islam? Ich denke ja.

Die Hörbuchfassung aus dem Hause Der Audio Verlag setzt mit einem vierstimmigen Erzählstrom Maßstäbe, wie man eine große Geschichte atmosphärisch erzählen kann. Es sind die wesentlichen Stimmen des Romans, die uns in die Familie entführen. Amar, Hadia, ihre Mutter Laila und ganz zuletzt das Familienoberhaupt Rafik. Dass dem Vater das große Schlusskapitel des Romans gehört, ist nur konsequent. Jeder Vater aus jeder Kultur mit jedem religiösen Hintergrund wird hier be- und getroffen lauschen. Und dann muss man sich hinterfragen, was man tun kann, um ein solches Schlusskapitel für sich selbst und seine anvertraute Familie zu verhindern. Das ist groß. Das ist Literatur.

„Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza
Buch:
dtv Literatur / dt. von Sabine Hübner / 480 Seiten / gebunden / 24 Euro
Hörbuch: Der Audio Verlag / 14 Std. 39 Min. / Ungekürzte Fassung mit Gabriele Blum, Julia Nachtmann, Barnaby Metschurat, Heikko Deutschmann / 24 Euro

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap - AstroLibrium

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Es war der Leuchtturm. Ich gebe es unumwunden zu. Es lag am Leuchtturm auf dem Cover der Hörbuchadaption zum Kinder- und Jugendbuch „Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap. Er zog meinen Tunnelblick auf sich und suggerierte mir als Fortsetzung meiner Lese- und Hörreise zu den literarischen Leuchttürmen dieser Welt herausragend geeignet zu sein. Nein. Ich habe mich vorher nicht informiert. Nein. Ich las keine Rezensionen, die den Roman als „tolles Märchenbuch für Mädchen“ und „düstere, aber nicht hoffnungslose Geschichte“ bezeichneten. Ich bin so froh, dass ich mich meinem Buch-Instinkt auslieferte und einfach ja sagte zu dieser Geschichte.

Ich schrieb viel über Leuchttürme, habe den „Wächter der See“ zum Standardwerk allen Lesens erhoben und suche immer wieder nach guten Geschichten, in denen jene magischen Lichtzeichen eine wichtige Rolle spielen. Und sei es nur am Rande. Nun ist es also Emilia, die mein Hören bereichert. Aber nennen wir sie doch lieber so, wie das junge Mädchen von allen genannt wird, die es mögen. „Lämpchen“. Selten hat mich in der letzten Zeit der Spitzname einer jungen Protagonistin mehr gefesselt, als dieser. Es ist schon sehr faszinierend, wie sehr sich ein Name vor eine gesamte Geschichte stellt und fortan für sie steht.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Die Geschichte ist schnell umrissen. Sie ist nicht schnell erzählt und schon gar nicht ist sie oberflächlich, locker leicht oder kindgerecht vereinfacht. Sie ist sogar komplex in ihren wesentlichen Handlungssträngen. Sie ist facettenreich in den Themen, denen sie Raum gibt und sie ist grandios, weil sie spielerisch mit Schuld, Vorurteilen, Einsamkeit und Ausgrenzung umgeht, ohne eine völlig triste Grundstimmung zu erzeugen. Es geht um einen einzigen Fehler, der alles verändert. Es geht um die Nacht des Sturms, in der Lämpchen versäumte, das Licht des Leuchtturms zu entzünden. Es geht um die Nacht, als sie vergeblich durch den Sturm rannte, um die fehlenden Streichhölzer zu besorgen. Es geht um die Nacht, in der es schon zu dunkel und damit zu spät war, um das Sinken des Schiffes zu verhindern.

Natürlich nicht ihre Schuld. Doch Schuld fällt, und das beschreibt Annet Schaap so zeitlos eindringlich, immer von oben nach unten. Es war der Sturm, nein es liegt an den Klippen, oder doch an der Stadt, dem Bürgermeister oder dem Leuchtturmwärter? Klar. Man wird schnell fündig. Und mit Strafen ist man auch schnell bei der Hand. Lämpchen wird dazu verdonnert sieben Jahre lang im Haus des Admirals zu arbeiten, während ihr verwitweter Vater, der einbeinige und ständig betrunkene Leuchtturmwärter Augustus Wassermann im Leuchtturm eingesperrt wird, um seinen Fehler auszubügeln. Ihm hat Lämpchen den Schlamassel zu verdanken. Er ist gar nicht mehr in der Lage, das Licht zu entzünden, er ist in Lethargie gefangen und ihm scheint die eigene Tochter egal zu sein.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Im Schwarzen Haus des Admirals kommt Lämpchen vom Regen in die Traufe. Sie betritt eine neue Welt voller Geheimnisse und neuer Pflichten. Sieben Jahre. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie diese Zeit ohne Vater und Leuchtturm überstehen soll. Es ist die liebevollste und aufrichtigste Loyalität, die wir erleben, wenn Lämpchen von ihrer Heimat spricht. Als sie dann noch erfährt, dass ein echtes Monster im Schwarzen Haus lebt, wird ihr Herz so richtig schwer. Womit hat sie das nur verdient? Eine Frage, die es in sich hat. Eine Frage, die Leser und Hörer umtreibt und nicht mehr loslässt. Auf dieser Frage basiert die Magie dieser Erzählung und der Hoffnungsschimmer, der uns wie ein Leuchtturm die Nacht erhellt.

Annet Schaap überzeugt in der Konstruktion ihrer Geschichte, die keine Längen aufweist. Sie lässt uns Emilias tiefe Einsamkeit ebenso erfühlen, wie sie uns verstehen lässt, dass es genau dieses Mädchen mit all seiner naiven Unbefangenheit ist, das sich dem Monster im Haus des Admirals in den Weg stellt. Große Themen für ein Buch, das für Zehnjährige bestens les- und hörbar ist. An Lämpchens Seite erheben wir uns und verteidigen den Vater, treten für das vermeintliche Monster ein, freunden uns mit jenen an, die voller Skepsis und Vorurteile ihre eigene Welt gestaltet haben. Lämpchen ist in der Lage Herzen zu erobern. In der Geschichte und außerhalb des Romans.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Annet Schaap begibt sich im Schwarzen Haus auf erzählerisches Neuland. Es ist, als würde man einem modernen Hans Christian Andersen folgen, der ein Märchen in unsere Zeit transferiert. Erstmals begegnen wir jenem Monster und ahnen sofort, womit wir es hier zu tun haben. Das große Geheimnis ist das Geheimnis des Admirals, der im obersten Stockwerk etwas verbirgt, für das er sich vor aller Welt schämt und das er mit aller Macht zu leugnen versucht. Das Monster ist sein Sohn. Wohl wahr. Aber Edward ist auch der Sohn seiner Mutter, die längst verschwunden ist. Er ist alles, nur nicht das, wofür ihn die ganze Welt hält. Er ist kein Monster, nur anders. Und das war niemals so schwer wie jetzt, als er Emilia begegnet. Sein Hass auf die Welt versiegt, ihr gelingt es, auch sein Herz zu erobern.

Und sie tritt für ihn ein. Für ihn. Den Sohn einer echten Meerjungfrau. Den Jungen mit dem Fischschwanz. Hier erweitert sich der Erzählraum und gibt den Blick frei in die Welt eines Freaks, eines Monsters. Eingeschlossen. Weggesperrt und verleugnet. Tief verbittert und auf der Suche nach der Zuneigung seines Vaters. Die Autorin spricht hier jedem Kind aus dem Herz, das an der Erwartungshaltung Erwachsener verzweifelt. Sie schafft es, Empathie zu wecken für all jene, die sich unterscheiden. Anderssein ist der Makel, der im Licht des Leuchtturms sichtbar wird. Wird es Lämpchen gelingen, all die Konflikte der Geschichte zu meistern? Wird sie ihren Vater wiedersehen? Kann sie dem Meerjungmann zur Freiheit verhelfen und den Admiral dazu bringen, seinen Sohn doch noch zu lieben? Fragen, auf die Annet Schaap keine Antwort verweigert. Sie bleibt uns nichts schuldig. Und vielleicht… ja, ganz vielleicht wird sie eines Tages daran denken, dass Lämpchen so viel Potenzial in sich trägt, dass die Geschichte weitergehen könnte.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Ich habe mich fürs Hören entschieden. Lämpchen saß im Auto neben mir und wollte gar nicht mehr aufhören, mir ihre Geschichte zu erzählen. Sascha Icks hat alle Rollen der Hörbuchfassung auf sich vereinigt. Pirat, Leuchtturmwärter, Admiral, Lehrerin und Meerjungmann. Sie hat Dialoge geführt, von denen auch Lämpchen nur träumen durfte. Gespräche zwischen ihr und der toten Mutter. Gespräche mit sich selbst. Sascha Icks hat alles in die Figur von Lämpchen investiert, was ich mir nur wünschen konnte. Wut, Hilflosigkeit, Zorn, Angst und Widerspenstigkeit. Aber auch Zuneigung, Naivität, Liebe und Loyalität bis zum Letzten. Ihre Stimme wird für mich immer die Stimme Lämpchens sein. Sie ist wie das Lichtsignal des Leuchtturms, dem niemals die Streichhölzer fehlen. Diese Geschichte ist liebenswert, hoffnungsvoll und doch voller Elemente, die uns sehr nachhaltig zum Nachdenken bringen.  

Wer Die kleine Meerjungfrau liebt, wer sich gerne von Leuchttürmen verzaubern lässt und wer es kaum noch erwarten kann, eine grandiose junge Heldin zu treffen, der muss „Emilia und der Junge aus dem Meer“ lesen oder hören. Meine Empfehlung ist das Hören. Ach Lämpchen, ich kriege deine Stimme nie wieder aus dem Ohr. Und den Leuchtturm werde ich ebenfalls nicht vergessen. Ein würdiger „Wächter der See“, auch wenn sein Licht in einer Nacht dunkel blieb. Ohne diesen Blackout keine Geschichte.

„Auf der Halbinsel, von der hier die Rede sein soll,
steht ein Leuchtturm, dessen Licht nachts über die
kleine Stadt und das Meer hinwegstreicht. Auf diese
Weise sorgt er dafür, dass kein Schiff an dem Felsen
zerschellt, der so gefährlich inmitten der Bucht aufragt.
Und er sorgt dafür, dass die Nacht nicht ganz so dunkel
wirkt, das Land nicht ganz so groß
und das Meer nicht ganz so weit.“

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

„Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap

Hörbuch Der Audio Verlag / ungekürzte Lesung / 7 Std 52 Min / Sprecherin: Sascha Icks/ 16,99 Euro Buch Thienemann-Esslinger Verlag / 400 Seiten / Deutsch von Eva Schweikart / 20 Euro

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Mit Éric Vuillard zurück nach Paris: 14. Juli – 1789 – Der Sturm auf die Bastille.

14. Juli von Éric Vuillard - Astrolibrium

14. Juli von Éric Vuillard

„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

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Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

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Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

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