Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap - AstroLibrium

Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Es war der Leuchtturm. Ich gebe es unumwunden zu. Es lag am Leuchtturm auf dem Cover der Hörbuchadaption zum Kinder- und Jugendbuch „Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap. Er zog meinen Tunnelblick auf sich und suggerierte mir als Fortsetzung meiner Lese- und Hörreise zu den literarischen Leuchttürmen dieser Welt herausragend geeignet zu sein. Nein. Ich habe mich vorher nicht informiert. Nein. Ich las keine Rezensionen, die den Roman als „tolles Märchenbuch für Mädchen“ und „düstere, aber nicht hoffnungslose Geschichte“ bezeichneten. Ich bin so froh, dass ich mich meinem Buch-Instinkt auslieferte und einfach ja sagte zu dieser Geschichte.

Ich schrieb viel über Leuchttürme, habe den „Wächter der See“ zum Standardwerk allen Lesens erhoben und suche immer wieder nach guten Geschichten, in denen jene magischen Lichtzeichen eine wichtige Rolle spielen. Und sei es nur am Rande. Nun ist es also Emilia, die mein Hören bereichert. Aber nennen wir sie doch lieber so, wie das junge Mädchen von allen genannt wird, die es mögen. „Lämpchen“. Selten hat mich in der letzten Zeit der Spitzname einer jungen Protagonistin mehr gefesselt, als dieser. Es ist schon sehr faszinierend, wie sehr sich ein Name vor eine gesamte Geschichte stellt und fortan für sie steht.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Die Geschichte ist schnell umrissen. Sie ist nicht schnell erzählt und schon gar nicht ist sie oberflächlich, locker leicht oder kindgerecht vereinfacht. Sie ist sogar komplex in ihren wesentlichen Handlungssträngen. Sie ist facettenreich in den Themen, denen sie Raum gibt und sie ist grandios, weil sie spielerisch mit Schuld, Vorurteilen, Einsamkeit und Ausgrenzung umgeht, ohne eine völlig triste Grundstimmung zu erzeugen. Es geht um einen einzigen Fehler, der alles verändert. Es geht um die Nacht des Sturms, in der Lämpchen versäumte, das Licht des Leuchtturms zu entzünden. Es geht um die Nacht, als sie vergeblich durch den Sturm rannte, um die fehlenden Streichhölzer zu besorgen. Es geht um die Nacht, in der es schon zu dunkel und damit zu spät war, um das Sinken des Schiffes zu verhindern.

Natürlich nicht ihre Schuld. Doch Schuld fällt, und das beschreibt Annet Schaap so zeitlos eindringlich, immer von oben nach unten. Es war der Sturm, nein es liegt an den Klippen, oder doch an der Stadt, dem Bürgermeister oder dem Leuchtturmwärter? Klar. Man wird schnell fündig. Und mit Strafen ist man auch schnell bei der Hand. Lämpchen wird dazu verdonnert sieben Jahre lang im Haus des Admirals zu arbeiten, während ihr verwitweter Vater, der einbeinige und ständig betrunkene Leuchtturmwärter Augustus Wassermann im Leuchtturm eingesperrt wird, um seinen Fehler auszubügeln. Ihm hat Lämpchen den Schlamassel zu verdanken. Er ist gar nicht mehr in der Lage, das Licht zu entzünden, er ist in Lethargie gefangen und ihm scheint die eigene Tochter egal zu sein.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Im Schwarzen Haus des Admirals kommt Lämpchen vom Regen in die Traufe. Sie betritt eine neue Welt voller Geheimnisse und neuer Pflichten. Sieben Jahre. Sie kann sich kaum vorstellen, wie sie diese Zeit ohne Vater und Leuchtturm überstehen soll. Es ist die liebevollste und aufrichtigste Loyalität, die wir erleben, wenn Lämpchen von ihrer Heimat spricht. Als sie dann noch erfährt, dass ein echtes Monster im Schwarzen Haus lebt, wird ihr Herz so richtig schwer. Womit hat sie das nur verdient? Eine Frage, die es in sich hat. Eine Frage, die Leser und Hörer umtreibt und nicht mehr loslässt. Auf dieser Frage basiert die Magie dieser Erzählung und der Hoffnungsschimmer, der uns wie ein Leuchtturm die Nacht erhellt.

Annet Schaap überzeugt in der Konstruktion ihrer Geschichte, die keine Längen aufweist. Sie lässt uns Emilias tiefe Einsamkeit ebenso erfühlen, wie sie uns verstehen lässt, dass es genau dieses Mädchen mit all seiner naiven Unbefangenheit ist, das sich dem Monster im Haus des Admirals in den Weg stellt. Große Themen für ein Buch, das für Zehnjährige bestens les- und hörbar ist. An Lämpchens Seite erheben wir uns und verteidigen den Vater, treten für das vermeintliche Monster ein, freunden uns mit jenen an, die voller Skepsis und Vorurteile ihre eigene Welt gestaltet haben. Lämpchen ist in der Lage Herzen zu erobern. In der Geschichte und außerhalb des Romans.

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

Annet Schaap begibt sich im Schwarzen Haus auf erzählerisches Neuland. Es ist, als würde man einem modernen Hans Christian Andersen folgen, der ein Märchen in unsere Zeit transferiert. Erstmals begegnen wir jenem Monster und ahnen sofort, womit wir es hier zu tun haben. Das große Geheimnis ist das Geheimnis des Admirals, der im obersten Stockwerk etwas verbirgt, für das er sich vor aller Welt schämt und das er mit aller Macht zu leugnen versucht. Das Monster ist sein Sohn. Wohl wahr. Aber Edward ist auch der Sohn seiner Mutter, die längst verschwunden ist. Er ist alles, nur nicht das, wofür ihn die ganze Welt hält. Er ist kein Monster, nur anders. Und das war niemals so schwer wie jetzt, als er Emilia begegnet. Sein Hass auf die Welt versiegt, ihr gelingt es, auch sein Herz zu erobern.

Und sie tritt für ihn ein. Für ihn. Den Sohn einer echten Meerjungfrau. Den Jungen mit dem Fischschwanz. Hier erweitert sich der Erzählraum und gibt den Blick frei in die Welt eines Freaks, eines Monsters. Eingeschlossen. Weggesperrt und verleugnet. Tief verbittert und auf der Suche nach der Zuneigung seines Vaters. Die Autorin spricht hier jedem Kind aus dem Herz, das an der Erwartungshaltung Erwachsener verzweifelt. Sie schafft es, Empathie zu wecken für all jene, die sich unterscheiden. Anderssein ist der Makel, der im Licht des Leuchtturms sichtbar wird. Wird es Lämpchen gelingen, all die Konflikte der Geschichte zu meistern? Wird sie ihren Vater wiedersehen? Kann sie dem Meerjungmann zur Freiheit verhelfen und den Admiral dazu bringen, seinen Sohn doch noch zu lieben? Fragen, auf die Annet Schaap keine Antwort verweigert. Sie bleibt uns nichts schuldig. Und vielleicht… ja, ganz vielleicht wird sie eines Tages daran denken, dass Lämpchen so viel Potenzial in sich trägt, dass die Geschichte weitergehen könnte.

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Ich habe mich fürs Hören entschieden. Lämpchen saß im Auto neben mir und wollte gar nicht mehr aufhören, mir ihre Geschichte zu erzählen. Sascha Icks hat alle Rollen der Hörbuchfassung auf sich vereinigt. Pirat, Leuchtturmwärter, Admiral, Lehrerin und Meerjungmann. Sie hat Dialoge geführt, von denen auch Lämpchen nur träumen durfte. Gespräche zwischen ihr und der toten Mutter. Gespräche mit sich selbst. Sascha Icks hat alles in die Figur von Lämpchen investiert, was ich mir nur wünschen konnte. Wut, Hilflosigkeit, Zorn, Angst und Widerspenstigkeit. Aber auch Zuneigung, Naivität, Liebe und Loyalität bis zum Letzten. Ihre Stimme wird für mich immer die Stimme Lämpchens sein. Sie ist wie das Lichtsignal des Leuchtturms, dem niemals die Streichhölzer fehlen. Diese Geschichte ist liebenswert, hoffnungsvoll und doch voller Elemente, die uns sehr nachhaltig zum Nachdenken bringen.  

Wer Die kleine Meerjungfrau liebt, wer sich gerne von Leuchttürmen verzaubern lässt und wer es kaum noch erwarten kann, eine grandiose junge Heldin zu treffen, der muss „Emilia und der Junge aus dem Meer“ lesen oder hören. Meine Empfehlung ist das Hören. Ach Lämpchen, ich kriege deine Stimme nie wieder aus dem Ohr. Und den Leuchtturm werde ich ebenfalls nicht vergessen. Ein würdiger „Wächter der See“, auch wenn sein Licht in einer Nacht dunkel blieb. Ohne diesen Blackout keine Geschichte.

„Auf der Halbinsel, von der hier die Rede sein soll,
steht ein Leuchtturm, dessen Licht nachts über die
kleine Stadt und das Meer hinwegstreicht. Auf diese
Weise sorgt er dafür, dass kein Schiff an dem Felsen
zerschellt, der so gefährlich inmitten der Bucht aufragt.
Und er sorgt dafür, dass die Nacht nicht ganz so dunkel
wirkt, das Land nicht ganz so groß
und das Meer nicht ganz so weit.“

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Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap

„Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap

Hörbuch Der Audio Verlag / ungekürzte Lesung / 7 Std 52 Min / Sprecherin: Sascha Icks/ 16,99 Euro Buch Thienemann-Esslinger Verlag / 400 Seiten / Deutsch von Eva Schweikart / 20 Euro

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„Brüder“ von Hilary Mantel – Eine Revolution fürs Ohr

Brüder - Hilary Mantel - Das Hörspiel - AstroLibrium

Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Hörspiele haben gute Tradition. Sie zeichnen sich durch Atmosphäre, Soundeffekte, musikalische Untermalung und eine Vielzahl an Charakteren aus, die das Geschehen mit ihren Stimmen prägen. Hörspiele stehen hoch im Kurs und haben sich zu einer eher eigenständigen Gattung innerhalb der Hörbuchwelt etabliert. Sie sind wie Filme für die Ohren. Sie erzeugen ein akustisches Kopfkino, dem man sich schwer entziehen kann. Wichtig ist jedoch, dass die Anzahl der Rollen überschaubar bleibt. Entscheidend ist es für den Hörgenuss, dass die Stimmen einen hohen Wiedererkennungswert haben, weil man sie ansonsten allzu schnell verliert und sich ratlos fragt: Wer war das denn jetzt?

Hier kommt es schon auf die Auswahl der Romanvorlage an, die man als Hörspiel zu einem unvergesslichen Erlebnis machen möchte. Eine Handvoll Protagonisten und ein paar wichtige Nebenrollen sollten schon ausreichen ohne den Hörer zu überfordern. Wer jedoch kam auf die Idee, sich einen Roman auszusuchen, der genau hier schon in gebundener Form die größten Kritikpunkte einstecken musste? Wer kam auf die Idee, einen Roman über die Französische Revolution, den Sturm auf die Bastille, die Wirren des Aufruhrs, überbordende Nationalversammlungen und Wohlfahrtsausschüsse, Adel und Bürgertum, Armee und internationale Verstrickungen auszusuchen? Wenn man im Roman „Brüder“ von Hilary Mantel das dramtis personae aufschlägt, denkt man, es in einem einzigen Buch mit dem gesamten Who is Who der untergehenden Monarchie zu tun zu haben.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Nicht weniger als 18 Protagonisten prägen die Handlung der „Brüder“. Und damit noch lange nicht genug. Mehr als 200 Rollen galt es zu besetzten. Vom kleinen Mann auf der Straße bis zum Erfinder der Guillotine, vom schottischen Zeitzeugen bis zu den aufgeregten Bürgern in den großen Versammlungen. Vom eher kopflosen Adeligen bis zur ewig lockenden Maîtresse. Dazu ein paar Pferde, Kanonen, Kutschen und eine für die Handlung des Romans nicht ganz unwichtige, gut funktionierende Guillotine, die es klangvoll möglich macht, Köpfe rollen zu lassen. Nicht zu vergessen ein Orchester und Chöre für Revolutionsgesänge und Hymnen. Das war`s dann aber auch schon. Nun ja, fast, da man ja auch die drei absoluten Hauptfiguren mit unterschiedlichen Stimmen zu besetzen hatte. Entsprechend der Zeitscheiben ihres Auftrittes. Als Kind, Jugendlicher und zuletzt Erwachsener. So hat man es hier unversehens mit einer riesigen Crew von Haupt-, Nebenrollen sowie Statisten zu tun, die man eigentlich nur in Monumentalfilmen aufbietet. Aber bei einem Hörspiel?

Wer kommt auf eine solche Idee? Regisseur Walter Adler hatte wohl nicht die Angst, angesichts dieser Herkulesaufgabe seinen Kopf zu verlieren. So entstand im WDR eine Produktion, die man als bahnbrechend bezeichnen muss. Dreizehn Stunden dauert die Französische Revolution, die im WDR in 26 Teilen als Serie ausgestrahlt wurde. Mutig und revolutionär wirkt alles, was man hier auf die Beine gestellt hat, um uns in das Jahr 1789 zurückzuversetzen. Dabei ist es dem Regisseur grandios gelungen, einen Roman in einen Hörgenuss zu verwandeln, der in allerhöchster literarischer Güte den Umsturz einer Weltordnung in den Mittelpunkt stellt. Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Spruch, der in „Brüder“ zum Mantra einer ganzen Geschichte wird. Allianzen, Freundschaft und Verrat, unkalkulierbare Zufälle, vorherbestimmtes Schicksal und Willkür bis zum Terror sind die Determinanten dieses Epos. Wer ein Faible für lebendige Geschichte hat, der kommt an diesem fulminanten Hörspiel nicht vorbei.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Wer Maximilien Robespierre, Georges Jacques Danton und Camilles Demoulins bei ihrem Kampf gegen die französische Monarchie, die Vorherrschaft des verwöhnten Adels und die große Ungerechtigkeit der Welt erleben möchte, dem bleibt nur sich Zeit zu nehmen, sich entspannt zurückzulehnen und ganz vorsichtig und ehrfurchtsvoll auf die Playtaste des guten Hörens zu drücken. Der Audio Verlag hat das Hörspiel auf 13 CDs in einer hochwertigen Edition mit Booklet veröffentlicht. Wer mag, kann sich dazu noch die Romanvorlage von Hilary Mantel aus dem DuMont Buchverlag als Referenz besorgen und dann kann es losgehen. Hier wartet kein avantgardistisches Hörspiel auf seine Opfer. Hier wird nicht experimentiert. Hier bleibt man so eng an der Buchvorlage, dass die Hörspieldialoge im Roman wortwörtlich wiederzufinden sind. Hier hat man es geschafft, einen Kostümfilm für die Ohren zu „drehen“, der seiner literarischen Vorlage gerecht wird.

Bestechend die Stimmen. Bestechend die Art und Weise, wie sich die Sprecher in ihre Rollen fallen lassen und beeindruckend, wie leicht es ist, sich nur akustisch durch diese opulente Geschichte zu navigieren. Man ist verleitet, die Augen zu schließen und das Gehörte mit den Bildern zu kombinieren, die vor dem geistigen Auge entstehen. Es ist Versailles, das auditiv greifbar wird. Es ist die Bastille, die wir zu sehen glauben und es sind die Barrikaden in Paris, die wir schreiend gegen die Übermacht der Monarchie verteidigen. Es sind die kleinen Gestalten am Rande des Aufstandes, die uns mitreißen und es sind die großen Redner der Volksbewegung, die uns atemlos fesseln. Es ist ein Sturm, den dieses Hörspiel entfacht, der uns vorantreibt, niemals jedoch abdriften lässt. Dieses Hörspiel riecht und schmeckt nach Blut. Es fühlt sich an wie Begierde und sieht aus, wie der tiefste menschliche Abgrund. „Brüder“ ist ein revolutionäres Ereignis.

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Es ist die große Geschichte dreier Jugendfreunde, die sich zu Wortführern gegen eine Monarchie erheben, die in Saus und Braus auf Kosten des einfachen Volkes lebt. Es sind drei einzigartige Lebenswege voller Leidenschaft, Liebe und Zuneigung die sich in Paris wiedervereinen. Es sind starke Stimmen ihrer Zeit, die eine Epoche prägen und die Massen bewegen. Danton, der ewig verschuldete Lebemann, dem Gerechtigkeit im Blut liegt, solange sie seinem Vorteil dient. Robespierre, der eloquente Taktiker, der im Trubel der Ereignisse die eigenen Freunde nicht aus dem Auge verliert. Und schließlich der stotternde Camille Desmoulins, der Blut sehen will, der die Massen anstachelt und sich in seinen widersprüchlichen Gefühlen zur Mutter seiner Frau Lucille und zu seinem Freund Robespierre zu verrennen droht. Emotionen kochen hoch, Barrikaden brennen, Zeitungen mit wilden Aufrufen werden gedruckt, doch zuletzt muss jeder für sich selbst feststellen, dass er der Dynamik eines entfesselten Mobs nichts entgegenzusetzen hat.

Die Guillotine hat Hochkonjunktur. Dass Blut des Adels fließt zuerst, dann folgen die Verräter, danach die Profiteure und zuletzt die Häupter der Köpfe der Revolution. Es ist unvorhersehbar und doch seltsam vorbestimmt, was ihnen zustößt. Freundschaft steht auf dem Prüfstand und endet auf dem Schafott. Liebe scheitert an Ambitionen und die Kerker der jungen Nation quellen über vor Opfern einer Terrorherrschaft, die anklagen darf ohne zu beweisen. Inhaltlich ein grandioser Gobelin-Wandteppich, der Geschichte lebendig werden lässt. Akustisch ein Meisterwerk der großen Stimmen. Jens Harzer in einer starken Interpretation eines Robespierre, dessen Sprechpausen seine Reden zu wahren Hinrichtungen erhoben. Robert Dölle als wagemutiger Danton, der nichts dem Zufall überlässt. Und der stotternde Matthias Bundschuh (für mich DIE Stimme dieser Inszenierung) als Camille Desmoulins, dessen Sprachfehler sich in Luft auflöst, wenn er die Stimme erhebt und zum Volk spricht.

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Brüder – Hilary Mantel – Das Hörspiel

Starke Frauen in kleinen Rollen. Bekannte Stimmen gut versteckt und noch sehr viele Aha-Erlebnisse des guten Hörens, wenn man zum Beispiel Axel Milberg als Comte de Mirabeau wiedererkennt. Eine grandios wienerische Marie Antoinette und Lucille, die uns ihr Tagebuch voller Emotionen öffnet. So viele Momente, die unvergessen bleiben und eine so groß angelegte Geschichte, die in sich revolutionär ist. Der Zufall regiert an Stelle des abgesetzten Königs. Der Terror zieht seine Kreise und am Ende ist man froh, mit heiler Haut aus Paris herausgekommen zu sein. Ein Thema, das nicht antiquiert ist. Spätestens, wenn man in den Nachrichten die Gelbwesten in Paris beobachtet, Brände in den Straßen und Barrikaden auf den Champs Elysées entdeckt, dann ist man schon versucht „Liberté, Égalité und Fraternité“ zu rufen und sich schnell aus dem Staub zu machen. Aber ganz schnell.

„Brüder“ war für den Deutschen Hörbuchpreis 2019 als „Bestes Hörspiel“ nominiert und stand auf der heiß umkämpften Shortlist. Leider ist mein Favorit leer ausgegangen. Für mich jedoch ist es der heimliche Gewinner aller Auszeichnungen, die ich in meinem Hören zu vergeben hätte. Unvergessen bleibt für mich die Guillotine, jenes Fallbeil, das eine Schneise in die Besetzung des Hörspiels fräst. Mit den überlebenden Charakteren könnte man am Ende des letzten Aktes gerade mal Skat spielen. Unerhört hörenswert.

Weitere Hörspiele in der kleinen literarischen Sternwarte. Verspielt, romantisch und ganz einfach bezaubernd.

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„Der Schmerz“ von Marguerite Duras [Hörbuch]

Der Schmerz von Marguerite Duras - Astrolibrium

Der Schmerz von Marguerite Duras

La Douleur. Lassen Sie sich dieses Wort auf der Zunge zergehen. Spüren Sie, wie es immer schwerer wird, sich einfach nicht runterschlucken lässt und nur darauf wartet, im richtigen Moment zuzuschlagen, um eine alles zersetzende Kraft freizusetzen? Spüren Sie die zerstörerische Macht in diesem französischen Wort? Es steht über einem Buch der großen französischen Autorin Marguerite Duras. Es steht für dieses Buch und jetzt dringt es auch in meine Ohren vor, verschafft sich Gehör und vergewaltigt den Glauben an das Gute im Menschen. Ich kann das im Folgenden vorgestellte Hörbuch nicht ohne schlechtes Gewissen empfehlen. Ich kann den Inhalt zum Muss eines Diskurses eines kritischen Lesens und Hörens gegen das Vergessen der Opfer des Nationalsozialismus erheben. Aber ich kann es nicht empfehlen, weil es nur bei bester geistiger Konstitution verkraftbar ist.

Der Schmerz“ von Marguerite Duras

40 Jahre haben die Texte in ihren Manuskripten geschlummert. Wie ein Tagebuch memorierte sie ihre Erinnerungen zum Kriegsende. Die Befreiung ihrer Stadt Paris von den Nazis. Den Umschwung der Stimmung in der Bevölkerung und die Farben, die nun wieder sichtbar wurden, nach den Jahren des braunen Terrors. Wahre Texte. Biografie pur. Und daneben Texte, in denen sie fiktional mit den Erlebnissen dieser Monate und mit ihrer eigenen Rolle in der Resistance umgeht. Befreiung steht über allem, habe ich gedacht. Das Aufblühen einer Nation nach der Unterdrückung, so stieg ich in die Texte ein. Dabei hätte mir klar sein müssen, warum sie so lange unveröffentlicht blieben. Zu groß war „Der Schmerz“ der alles überlagerte. Zu verstörend, jedes Detail und jede zu präzise Erinnerung. La Douleur. Der Schmerz. Wer ihn verkraften kann, der möge mir folgen und immer den Appell von Marguerite Duras vergegenwärtigen:

„Lernt zu lesen. Es sind heilige Texte“

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Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der Schmerz“ steht für die Ungewissheit dieser Tage. Er steht für das Warten auf ihren Ehemann, der als Angehöriger des Widerstands von den Nazis deportiert wurde. Er steht für die Sehnsucht einer Frau und die Sorge um den Mann, den sie liebt. Es ist der überbordende Schmerz, der Marguerite Duras miterleben lässt, wie die Heimkehrer Paris fluten. Die Deportierten aus den Konzentrationslagern. Es ist ihr Zustand, der sie verzweifeln lässt. Es ist der Hass der Franzosen, den sie miterlebt und mitträgt, als die freiwilligen Hilfsarbeiter aus dem besiegten Deutschland zurückkehren. Es ist der Hass gegenüber den Kollaborateuren, der die Seele zerfrisst. Es ist das Psychogramm einer Frau, die nicht weiß, wohin mit ihrem Schmerz.

„Der Schmerz“ überlagert das Hören. Heilige Texte. Schonungslos und ohne jeden Hauch von Rücksichtnahme auf sich selbst oder die Gefühle anderer beschreibt sie die Rückkehr ihres Mannes. Totgeglaubt. Jetzt steht er vor ihr. Sein Zustand. Unerträglich. Robert Antelme (L. genannt) ist zuhause. Zurück aus Dachau. Abgemagert auf nur 37 Kilogramm. Ausgezehrt. Traumatisiert. Fertig mit dem Leben. Zu keiner Regung fähig. Ein Pflegefall. Sie gibt sich der Pflege über Wochen hin. Hilft dabei, ihren Mann wieder aufzupäppeln, lässt keine Beschreibung aus. Nichts, was unbeschrieben bleiben sollte, erspart sie uns. Nichts erspart sie ihm. Seine Ausscheidungen, sein Essverhalten, sein Mangel an dem, was ihn zu ihrem Mann gemacht hatte. Nichts bleibt unausgesprochen. Sie ekelt sich. Sie entfernt sich emotional von dem Mann, den sie so herbeigesehnt hat. Am Ende bleibt ihm nur, gesund zu werden, um zu erfahren, dass sie ihn verlassen und sich scheiden lassen muss. Hart. Zum Kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Der Schmerz von Marguerite Duras

Der Opfergang des Robert Antelme endet nicht mit der Befreiung. Die Freiheit wird lediglich zum anderen Rahmen seines Siechtums. Man hat das Gefühl, Frankreich sei am Ende noch ein weiteres Mal besiegt worden. Mir hat sich hörend der Magen häufig umgedreht. Mir wurde schlecht. Nur wer auf dem Boden dieser Erkenntnis zuhören und lesen kann, wird verstehen, wie traumatisiert Marguerite Duras selbst war. Nur wer hier bei der Stange bleibt, wird die unglaubliche Tragweite dieses Werks ermessen können. Marguerite Duras erhebt die Opfer des Nationalsozialismus aus der kleinen regionalen Ebene heraus, die sie einnehmen. Sie macht aus ihnen keine Opfer der Deutschen. Es sind die Opfer der Menschheit. Jeder trägt Verantwortung für die Entgleisung humaner Weltanschauungen im Zweiten Weltkrieg. Sie wirft ihren Hut in einen globalen Ring und gibt dem Leid der Opfer einen übergeordneten Sinn. 

Es ist schwer, diesen Texten zu folgen. Wobei nur der Schmerz autobiografisch bis zum letzten Blutstropfen ist. Die weiteren Texte zeigen, wie es ihr als Autorin gelang, in ihrem fiktionalen Schreiben zu verarbeiten, was nie zu verkraften war. Das ist erfunden. Das stellt sie diesen Texten voran. Und doch schlägt sie eine Brücke, indem sie betont, dass sie selbst unter anderem Namen darin vorkommt. Als „Therese“ übt sie Rache. In schonungslosen Sequenzen schildert sie die Folter eines Gestapo-Kollaborateurs. Hier liegt die andere Seite der Gewalt auf dem Seziertisch ihres Buches. Sie beschreibt die Geschichte eines Nazis, der sie in seine Gewalt bringt, sie unter Druck setzt, sie hoffen lässt, er könne ihren Mann befreien. Sie schildert die Ambivalenz der Gefühlslage und lässt den Gestapo-Mann nach der Befreiung auffliegen. Vor Gericht jedoch sagt sie zu seinen Gunsten aus. Unfassbar und paradox und doch so typisch für die Zeit.

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Der Schmerz von Marguerite Duras

Am Ende des Schmerzes bleibt ein flammender Appell, dem ich gerne folge. Das Grauen ist zu groß, um es klein zu halten. Kollektivschuld vor individuellem Versagen. Marguerite Duras bricht mit dieser Aussage alle Tabus, lässt alle Grenzen fallen und ist die wahre Avantgardistin im Denken für ein gemeinsames Europa. Ich verneige mich.

„Die einzige Antwort, die sich auf dieses Verbrechen geben lässt, ist die, daraus ein Verbrechen aller zu machen. Es zu teilen. Ebenso wie die Idee der Gleichheit, der Brüderlichkeit. Um es zu ertragen, um die Vorstellung davon auszuhalten, das Verbrechen teilen.“

Der Schmerz in der Hörbuchfassung von Der Audio Verlag ist brillant. Ungekürzt warten fast sechs Stunden auf 5 CDs gelesen von Doris Wolters auf uns. Ich kann das Hörbuch nicht empfehlen. Nein. Ich kann es nur ans Herz legen, wenn man in der Lage ist, es zu verkraften. Doris Wolters lässt die Ambivalenz der Gefühle und die Perversion allen Denkens in unseren Ohren nachhallen. Sie ist verliebt, verzweifelt, brutal, verwirrt und angeekelt. Sie spricht Marguerite Duras wohl aus der Seele, so wie sie diese Texte eingelesen hat.

Lernt zu hören. Es sind heilige Texte. Gegen das Vergessen. Mehr zum besetzten Frankreich in der Literatur: HIER

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Der Schmerz von Marguerite Duras

„Der geheime Garten“ von Frances Hodgson Burnett

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

„Die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen
kann der Seele eine ähnliche Entlastung
und Ruhe geben wie die Meditation.“

Hermann Hesse

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Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Ich bin sicher nicht der Leser mit dem grünen Daumen“. Und doch habe ich bereits einen literarischen Ausflug in eine Gartenlandschaft gewagt, der mir gezeigt hat, wie es sich auf Körper und Geist auswirken kann, wenn man sät, pflanzt und erntet. Oder sich ganz einfach an der bunten Blütenpracht berauscht, der man eine Heimat gegeben hat. Gärten können kontemplative Atmosphäre erzeugen, entschleunigen und den Geist vor Überlastung schützen. „Der Garten von Hermann Hesse“ sollte eigentlich mein letztes Gartenbuch sein. Dachte ich. Und nun stehe ich kurz davor, das Jahr 2019 zu meinem Lesejahr des Gartens auszurufen. Wie kommt es dazu?

Nun, die Literatur bringt viele Überraschungen mit sich. Während Hermann Hesse mir zeigte, wie kreativ man in der Gestaltung von Gartenwegen sein kann (er befestigte sie mit unaufgefordert zugeschickten Rezensionsexemplaren), las ich mich ohne ahnen zu können, was mich künftig erwarteten sollte, durch meine MinaLima-Bilbiothek. Von „Peter Pan“ über „Die Schöne und das Biest“. Bis mitten hinein ins „Dschungelbuch“ und „Die kleine Meerjungfrau“ führte mich mein Lesen in die Fantasiewelt der großen klassischen Kinder- und Jugendbücher. Als ich dann die Fortsetzung dieser magischen Buchreihe entdeckte, war es um mich geschehen. The Secret Garden von Frances Hodgson Burnett erblickte in London das Licht der Welt und schon auf der Frankfurter Buchmesse durfte ich einen ersten Blick auf das deutsche Cover werfen.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Der geheime Garten wird als Buchkunstwerk aus dem Hause Coppenrath Verlag diese MinaLima-Reihe auch bei uns fortsetzen. Grüner Daumen hin oder her. Es ist unausweichlich, mich in diesen Garten zu begeben. Zuerst erreichte mich ein geheimes Buchpaket aus London, um meine Neugier im Zaum zu halten. Dann erfuhr ich, was im neuen Jahr so auf mich zukommt. Und jetzt sitze ich wie angepflanzt in einer Oase der Literatur und entwickle mich zum Gärtner meines grünen Lesens. Schon 2019 wird nun die Verfilmung des Jugendbuch-Klassikers mit Colin Firth in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen sein. Darüber hinaus hat Der Audio Verlag ein atmosphärisches Hörspiel im Programm, das dieses Abenteuer brillant in Szene setzt. Ich hatte keine Chance. Nach meinem Ausflug in die wundervolle Hörspielwelt von „Peter Pan“ wollte ich mich gerne hörend in den Garten begeben.

Hier bin ich nun. Das Original von MinaLima in Händen, auf die Verfilmung und die Übersetzung des Buches wartend und bereits am Ende des Hörens eines Hörspiels. Ja. Ich konnte nicht warten. Ich zog mich für eine gute Stunde zurück und hörte mich in die Welt der 10jährigen Mary Lennox hinein. Mehr als hundert Jahre alt ist die Geschichte und eigentlich könnte man annehmen, sie sei in die Jahre gekommen. Angestaubt oder zumindest leicht antiquiert. Mit unseren Heutigen schwer in Einklang zu bringen und für Kinder des 21. Jahrhunderts vielleicht wenig zeitgemäß. Weit gefehlt. Sehr weit. Ich bin mir inzwischen ganz sicher, dass ich die Lese- und Hörzeit in diesem geheimen Garten genau richtig investiert habe und noch investieren werde.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Heute lege ich mein Ohrenmerk auf die 2018 bei Der Audio Verlag veröffentlichte SWR 2 – Produktion aus dem Jahr 1999. Hörspiele sind cineastische Inszenierungen fürs Ohr. Ein vollständiges Ensemble muss seine Zuhörer schon von Beginn an mit der klar erkennbaren Rollenverteilung überzeugen. Hier bleibt kein Raum für „Mary sagte“ oder ähnliche Zuordnungen und Hilfen. Hier muss man Mary und andere Protagonisten sofort heraushören, als unverkennbar für die Folgehandlung einstufen, in jedem Aufzug der Handlung wiedererkennen und sogar aus dem Chor verschiedener und sich häufig überlagernder Stimmen klar identifizieren können. Gelingt dieser Spagat aus Hören und Inszenierung nicht, sorgt dies gerade bei jungen Zuhörern nur für Verwirrung. Es ist als würde man einen Film mit geschlossenen Augen verfolgen. Einzig ein Erzähler wird als Bindeglied zwischen Handlung und Schauspiel fürs Ohr eingeflochten. Ihm kommt hier eine große Verantwortung zu. Lenken, leiten, erklären, erläutern und überleiten. Regie und Inszenierung vermögen hier einen Kosmos zu gestalten, dem man folgen kann. In einigen Fällen jedoch gelingt diese Gratwanderung nur bedingt. Hier schon!

In „Der geheime Garten“ unter der Regie von Götz Fritsch haben wir es immerhin mit elf Charakteren zu tun, die für die Handlung von großer Bedeutung sind. Hier ist die Erzählerin Doris Schade unsere Vermittlerin zwischen Ohr und Roman. Dieses Hörspiel bringt uns junge Stimmen näher, die wir den heute erwachsenen Sprechern im ersten Moment des Hörens nicht zuordnen würden. Was schon vor fast zwanzig Jahren aufgenommen wurde, entwickelt allein schon hier einen frischen und zeitlosen Charme. Das Ensemble des Hörspiels besteht aus:

Doris Schade (Erzählerin)
Solvej Krause (Mary)
Samuel Teixeira (Colin)
Tobias Schmidt (Dickon)
Jaschka Lämmert (Martha)
Helga Grimme (Mrs. Medlock)
Peter Fricke (Sir Archibald Craven)
Fritz Lichtenhahn (Ben Weatherstaff)
Christine Davis (Mrs. Crawford)
Hans Treichler (Mr. Pitcher)
Klaus Hemmerle (Dr. Craven)
Joachim Hall (Roach)

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett

Die Handlung des Romans wurde im Hörspiel natürlich verknappt und auf seinen wesentlichen inhaltlichen Kern reduziert. Und doch gelingt es, dieses komplexe und tief angelegte Jugendbuch authentisch zu erzählen. Die junge Mary, die verwaist in die englische Heimat zurückkehrt, bei ihrem verwitweten und verbitterten Onkel Archibald Zuflucht findet, und dort auf ein Haus voller Geheimnisse stößt, erweicht das Hörerherz. Sie verwandelt sich aus der verwöhnten kleinen Göre in ein neugieriges und fürsorglich denkendes junges Mädchen, als sie in ihrem Cousin Colin einen verletzlichen Jungen erkennt, dem es zu helfen gilt. Der geheime Garten wird für beide zu einem wichtigen Zufluchtsort und zum Sanatorium für die Seele. Hier entfaltet die Natur ihre Magie. Der Umgang mit Verlust und Trauer, sowie die Ängste eines übervorsichtigen Vaters lasten auf den Kinderseelen, bis sie den Garten für sich entdecken..

Solvej Krause und Samuel Teixeira verleihen ihren Figuren so viele Facetten, die diese Verletzungen verdeutlichen, dass man schon ab einem Alter von acht Jahren gut nachvollziehen kann, was in ihren Herzen vor sich geht. Trauer und Angst sind die Bestimmungsgrößen ihres Alltags. Eine eingebildete und verwöhnte Zicke trifft auf den eingebildeten kranken Jungen. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. Freunde müssen erst zu Freunden werden, um helfen zu können. Das Wunder wartet am Ende des Gartens. Es ist die alte Botschaft von Frances Hodgson Burnett, die auch nach mehr als hundert Jahren noch zu uns durchdringt. Alleine schafft man es nicht aus Krisen zu entkommen und erst, wenn man sich anderen anvertraut, sich öffnet und zuhört, gelingt ein Wunder.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – Ab März beim Coppenrath Verlag

Gemeinsames Hören, vielleicht sogar im Garten, wird hier zum Erlebnis. Ich mag auf diesem Hörspiel aufbauend in das Buch mit dem Originaltext eintauchen. Ich werde mir die Literaturverfilmung anschauen und erlaube mir, Euch einfach mitzunehmen. Ein Jahr voller Gartenlesetage wartet auf uns und so wie ich mich kenne, wird sich noch so manche andere Geschichte diesem Weg anschließen. Es grünt so grün, wie unsere Bücher blühen… Ich glaub` jetzt hab` ich`s… Bis bald. Im Garten.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - 2019 als Film mit Colin Firth

Der geheime Garten – Frances H. Burnett – 2019 als Film mit Colin Firth – AstroLibrium

Mehr zu der MinaLima Bibliothek der Jugendbuchklassiker auf AstroLibrium.

Der geheime Garten - Frances H. Burnett - Astrolibrium

Die MinaLima Bibliothek bei AstroLibrium

„Roter Rabe“ – Frank Goldammer (Max-Heller-Reihe Band 4)

Roter Rabe von Frank Goldammer - AstroLibrium

Roter Rabe von Frank Goldammer

1945 „Der Angstmann“, 1947 „Tausend Teufel“, 1948 „Vergessene Seelen“ und 1951 „Roter Rabe“. Seit erlesenen sechs Jahren bin ich nun treuer Wegbegleiter von Max Heller. Sechs Jahre, die nicht nur sein Leben, sondern auch ein ganzes Land und seine Heimatstadt Dresden extrem verändert haben. In der Bombennacht ausradiert, von der Roten Armee besetzt, im geteilten Deutschland dem Osten zugeschlagen und sozialistisch geprägt in eine neue Zeitrechnung treibend. Die eigene Familie getrennt in Ost und West, ein kleines Mädchen gerettet und an Eltern statt aufgenommen und dem Taumel der Zeit ausgesetzt, wie ein Blatt im Wind. Kein Stein blieb auf dem anderen…

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Roter Rabe von Frank Goldammer – Ab 6.2. als Rezension fürs Ohr

Nur Max Heller blieb und bleibt die Konstante in dieser Konstellation. Polizist aus Überzeugung, Gerechtigkeitsfanatiker sowie Gefühlsunterdrücker. Verantwortungsvoller Vater und blitzgescheiter Ermittler, der mit keiner Situation überfordert scheint. Mensch ohne Vorurteile, zweifelnd mit der eigenen Rolle hadernder Opportunist der Systeme in den Wellenbewegungen politischer Indoktrination und mehr als verlässlicher Partner für seine Kollegen. Wenig kompromissbereit bei der Wahrheitssuche, verbissen bei seiner Jagd nach Mördern und sonstigen Kriminellen, Workaholic mit sozialen Defiziten und in der Tiefe des Herzens, vor allen verborgen, liebend, vermissend und darunter leidend, seine beiden Söhne in getrennten Staaten zu wissen. Max Heller.

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Frank Goldammer hat augenscheinlich einen letzten echten Sheriff in seine High-Noon-Szenarien geschrieben. Von Gerechtigkeit getrieben, unfähig, Gefühle offen in sein Leben zu tragen, von vielen um seine Gradlinigkeit beneidet, gefürchtet und doch als Einzelkämpfer auftretend, wenn es darum geht, im Finale auf offener Straße für das Recht alles zu riskieren. Man ist oft an die guten alten Western erinnert, wenn wir Max Heller in diesem historischen Setting beobachten. Mag die Welt auch untergehen, mag das Leben auf der Kippe stehen. Er ist der tapfere Texas Ranger mit der Polizeimarke. Der letzte Aufrechte. Das einzige Gegengewicht auf der Wippe zwischen Gut und Böse. Das Zünglein an der Waage der Wahrheit. Nicht korrumpierbar. Eigentlich ein Held.

Wäre da nicht der große Makel seines Lebens. War er Teil der Nazi-Exekutive im Dresden vor dem Untergang? Wäre er nicht noch ermittelnder Teil der Diktatur, hätte sie den Krieg gewonnen? War er nicht zur Zusammenarbeit mit den Siegern bereit, nur um Polizist bleiben zu können? Wäre es ihm nicht egal gewesen, ob sie kommunistisch oder demokratisch gewesen wären? War er nicht jetzt, im Jahr 1951, offizieller Vertreter der neuen Staatsmacht einer sozialistischen Regierung? Hatte er sich nicht mit wahrlich jedem Teufel arrangiert, der ihn fütterte, damit er in Ruhe seinem Beruf nachgehen und Polizist bleiben durfte? Hatte er sich nicht innerlich bereits damit abgefunden, mit allen Geheimdiensten gemeinsame Sache zu machen, wenn es darum ging, auch politische Verbrechen aufzuklären? Max Heller. Gefangen in einem mephistophelischen Konflikt. Seele verkauft. Berufung gefunden?

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Roter Rabe von Frank Goldammer

Es wird immer schwerer, an seiner Seite zu bleiben, weil Frank Goldammer genau diesen Konflikt in seinen Kriminalfällen auf die Spitze treibt. Fälle, in denen es für mich schon lange nicht mehr um die Aufklärung von Verbrechen geht. Fälle, die zeigen, wie zerrissen derjenige ist, der hier als Hüter für Recht und Ordnung ermittelt, bis er die Schuldigen dingfest gemacht hat. Fälle, die eigentlich nur das kriminelle Beiwerk für die philosophisch menschliche Betrachtung eines Charakters sind, in den man sich so gut hineinversetzen kann. Max Heller wirft Fragen auf, die mich heute beschäftigen. Wäre ich selbst bereit, die Lieder verschiedener Systeme zu singen? Hätte ich eine Wahl, als Vater und Ehemann? Bliebe ich auf der Strecke oder würde ich im inneren der Systeme als Gegengewicht zum Pendelschlag der Macht wirken wollen. Mehr als ein Krimi. Viel mehr.

Ich weiß schon, wohin mich Frank Goldammer mit seinen Büchern treibt. Ich sehe die Zeitscheiben vor mir, die unaufhaltsam auf mich zurasen. „Roter Rabe“, der vierte Band der Max-Heller-Reihe wurde für mich zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein. Max Heller hat nur eine Chance, wenn er sich selbst im Spiegel betrachten möchte. Er muss DER GERECHTE bleiben, egal, welche Welt ihn umgibt. Gerade in „Roter Rabe“ wird dies wichtiger als jemals zuvor. Er hat gelernt. In seinem Inneren weiß er Gut und Böse zu unterscheiden. Er geht seinen Weg, auch wenn die Morde, die in Dresden um sich greifen, nicht fassbar, weil unfassbar sind.

Max Hellers Charakter bleibt der große literarische Konflikt, den wir Leser mit ihm gemeinsam auszutragen haben. Der Zweck heiligt niemals die Mittel und ich befürchte, dass man ihn eines Tages genau an dieser Achillesferse tödlich verletzen wird. Er hätte es kommen sehen müssen. Auch jetzt…

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Seine Ostseeurlaube sind inzwischen genehmigungspflichtig. Im Kollegenkreis hat man das Gefühl bespitzelt zu werden, seine eigene Frau befindet sich, ein Sakrileg, im westlichen Teil Deutschlands, um den gemeinsamen Sohn Erwin zu besuchen und die Pflegetochter Annie dient nur noch als Faustpfand für Karins Rückkehr. Und noch dazu gehört ihr zweiter Sohn Klaus inzwischen zum gar nicht so geheimen Geheimdienst der jungen DDR. Als dann auch noch zwei unter Spionageverdacht stehende Männer in der Haft Selbstmord begehen, fokussiert sich Max Heller, blendet alles Irrelevante aus und stürzt sich in die Arbeit. Karin? Ein dauernder Schmerz der Sehnsucht ganz tief und gut verborgen. Annie? In guten Händen, so denkt er. Der Rest? Wird sich finden, das hofft Max Heller.

Zeugen Jehovas. Die beiden Selbstmörder. Und der Suizid offensichtlich alles andere als ein Freitod. Heller ermittelt im Umfeld von Menschen, die zu einer anderen Zeit, im gleichen Land, von anderen Machthabern in Lager deportiert und liquidiert wurden. Er wird mit Menschen konfrontiert, die Gewalt ablehnen, auch jene gegen sich selbst. Ein Selbstmord scheidet für ihn aus. Er beginnt, nicht nur für sich, sondern auch gegen das System zu ermitteln, dem er eigentlich dient. Es sind nur ganz lose Fäden, die Heller in Händen hält. Und doch deuten sie auf Zusammenhänge hin, die in einer unglaublichen Dynamik über die Ufer treten. „Eine Flut wird kommen“. Diese Nachricht findet man in den Händen eines weiteren Opfers. Wo und wie Max Heller auch nachforscht, es wirkt, als wäre ihm jemand immer einen Schritt voraus. Die Liste der Zeugen entspricht schon bald der Liste der Menschen, die beseitigt werden, kaum, dass Heller sie aufsucht.

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„Roter Rabe“ ist ein höchst investigativer Krimi, der sich in dieser Art und Weise nur in der beschriebenen Zeit und am gewählten Ort abgespielt haben kann. Das Klima für Spionage und Gegenspionage, verknappte Rohstoffe und Wirtschaftsdelikte, Verfolgungsszenarien gegenüber den alten Sündenböcken aus früherer Zeit, Chancen, Identitäten in den Nachkriegswirren abzustreifen und ein Staatssicherheitsdienst, der in allem und jedem eine Gefahr sieht. All dies sind authentische Rahmenbedingungen für den Moment, in dem ein „Roter Rabe“ zuschlagen kann. Gerüchte von einer Bombe in Dresden machen die Runde, Fake-News grassieren, Leichen werden gestohlen, um an Särge zu kommen, die eigenen Kollegen geraten ins Fadenkreuz der Spionageabwehr und über allem schwebt das Damoklesschwert, Hellers Frau könnte sich in den Westen abgesetzt haben. Wenn das keine Flut ist, die kommt, dann weiß ich es nicht. 

Das Szenario ist komplex. Frank Goldammer verliert jedoch keinen seiner Fäden aus dem Blick. Darauf kann man sich verlassen. Ebenso, wie man sich auf Charaktere verlassen kann, denen man seit Jahren folgt. So spannend die Ermittlungsarbeit Hellers auch wieder ist, viel spannender ist und wird sein schwelender innerer Konflikt bleiben. Wir werden sehen, was mit ihm passiert. Es ist kein Ende abzusehen und Potenzial für weitere Heller-Fälle ist ausreichend vorhanden. Die Zeitscheiben liegen bereit. Deutsch- Deutsche Geschichte. Was für ein Tummelplatz für künftige Bücher und Hörbücher. Ich werde weiterlesen und auch -hören. Heikko Deutschmann bleibt für mich die Stimme dieser grandiosen Reihe…

Hier geht’s zu allen Bänden. Es ist Heller in der kleinen literarischen Sternwarte.

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Wenn das nicht spannend ist: Uwe Rennicke mit der Replique zu meiner Rezension. Natürlich auf Litterae DresdensisWas für ein Spaß. Bloggerfreunde eben… 😉