Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem - AstroLibrium

Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Wissenschaftlich geprägte Romane liegen mir besonders am Herzen. Gerne folge ich den großen und kleinen Entdeckern, die unsere Welt verändert haben. Dabei sind es nicht nur Nobelpreisträger, die auf AstroLibrium tiefe Spuren hinterlassen. Es sind oftmals gerade die Gescheiterten, die Wagemutigen und Visionäre, deren Geschichten mich fesseln. Es sind vielfach die sogenannten Zweiten im Ziel, über die niemand mehr spricht und die schnell in Vergessenheit geraten. Und doch sind gerade sie es, die mit ihrem Pioniergeist den zeitlosen Erfolg der „ausgezeichneten“ Forscher erst ermöglicht haben. Es sind tragische Geschichten des Scheiterns und der Obsession, denen wir in der Literatur begegnen. Es ist die andere Seite der Nobelpreis-Medaille, die ständig im Schatten liegt und kaum Glanz verbreitet. Es sind große literarische Stoffe, die man in diesen Geschichten findet. Gut recherchiert erzählt, fällt zumindest ein wenig dieser Strahlkraft auf die Schattenseite der Naturwissenschaft…

Da kann es nicht verwundern, dass der Roman Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem meinen literarischen Entdeckerinstinkt geweckt hat. Erst im letzten Jahr habe ich das 50-jährige Jubiläum der ersten Mondlandung mit einem Special hier gewürdigt und nun komme ich natürlich auch nicht an einer Romanbiografie vorbei, die einen echten Pionier in der Geschichte der Weltraumfahrt in den Mittelpunkt stellt. Wer jedoch denkt heute schon an Hermann Oberth, wenn von der „Apollo-11-Mission“ die Rede ist? Wer schon an einen gebürtigen Siebenbürger Sachsen, wenn man sich das „Who is Who“ der deutschen Raketen-Wissenschaftler vor Augen hält, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der legendären „Operation Overcast“ im Rahmen der geheimen Aktion von den US-Streitkräften in die Vereinigten Staaten gebracht wurden? Nein, ein Hermann Oberth taucht hier viel später auf und doch gilt er als der eigentliche Godfather der Raketentechnologie.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Woran jedoch lag es, dass man den großen Vordenker des Raketenantriebs hier übersehen hatte? Dieser Frage geht Daniel Mellem auf die Spur. Und wer, wenn nicht er könnte berufener sein, um das Schicksal jenes Wissenschaftlers über ein Zeitfenster von fast 70 Jahren zu skizzieren und zu erzählen? Der promovierte Physiker gehört für mich zu den kommenden lauten Stimmen im Literaturbetrieb, weil es ihm gelingt, seine wissenschaftliche Prägung sehr nuanciert einzusetzen, um seinen Erzählfluss nicht zu überfrachten. Und wie er erzählt. Man kann sich weder dem Sog des Romans noch der Konstruktion entziehen. Um sich Hermann Oberth zu nähern, um den Menschen und Forscher zu verstehen und das Scheitern nachvollziehen zu können, muss man schon weit ausholen und einen Erzählraum gestalten, der in mehreren Raketenstufen zündet.

Daniel Mellem erzählt eine bewegende Geschichte, in der es nicht nur um Herkunft, Talent und Obsession geht. Er nähert sich in seinem Protagonisten der entscheidenden Frage nach der wissenschaftlichen Ethik und betritt ein Spannungsfeld, in dem er den Wissenschaftler Oberth auf den Prüfstand des historischen Gewissens stellt. Wie weit darf man gehen, um sich nicht an seinem eigenen Wissen zu versündigen. Zu welchen Opfern ist man bereit, um ein egoistisches Ziel zu erreichen? Ein Scheideweg, an dem auch Hermann Oberth in die falsche Richtung abbog. Daniel Mellem bricht keinen Stab über dem erfolglosen Forscher. Er weckt Verständnis für seine Entwicklung, beschreibt den Neid auf seine Weggefährten und stellt die wissenschaftliche Leistung ins Zentrum des Geschehens. Und doch lässt der Physiker und Schriftsteller keinen Zweifel daran, dass Hermann Oberth keinesfalls ein Opfer der Geschichte ist. Er wäre gerne wie jener bereitwillige Täter und Nazi-Forscher gewesen, der viel von ihm lernte und als Wernher von Braun berühmt wurde.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Der Handlungsbogen des Romans beginnt beim begeisterten Jugendlichen, der von Jules Verne fasziniert ist und doch schnell festellt, dass sich der Visionär verrechnet haben musste. Die Idee einer Reise zum Mond jedoch bleibt tief in der Fantasie eines Jungen verankert, dem aufgrund seiner Herkunft und der mehrfach wechselnden Rolle seiner Heimat in der Geschichte der Weg zu den großen Universitäten versperrt bleibt. Gegen den Willen des Vaters und später auch nur mit einer, die Raketenforschung nur tolerierenden, zweifelnden Ehefrau begibt er sich in die Sackgassen seiner Forschung. Daniel Mellem bleibt der Geschichte und den Menschen eng auf der Fährte, wenn ihm die Weltgeschichte mal wieder ein Schnippchen schlägt. Die Rakete zündet in all ihren Brennstufen. Wir begleiten Hermann Oberth bis zu den UFA-Filmstudios und zu Fritz Lang, der dessen Kenntnisse zumindest im Ansatz im Stummfilm „Frau im Mond“ auf die Leinwand bringt. Für Hermann Oberth jedoch nur ein totes Gleis. Er will mehr. Echte Raketen. Zur Not auch solche, die töten. Kriegswaffen. Er bietet sich den Nazis an.

Peenemünde. Die Vergeltungswaffe V2 . Das Aggregat 4. Hier sollten sich seine Träume erfüllen. Der Flug zum Mond könnte ja später immer noch erfolgen. Hier zeigt sich die dunkle Seite des talentierten Wissenschaftlers, der zu allem bereit ist, wenn er nur ein Mal ausprobieren darf, ob seine Theorien in der Praxis funktionieren. Es ist die erdrückende Geschichte eines Abstellgleises, von dem die Lokomotive entkommen will. Koste es, was es wolle. Der Hermann Oberth, der zu oft als Spinner verlacht wurde, will es der Welt zeigen. Sein Gewissen schaltet er aus. Die Zweifel seiner Frau Tilla legt er in das Ablagekörbchen. Das Scheitern scheint vorhersehbar. Dieser Roman greift nie zu kurz, wenn Hintergründe wichtig sind. Er schweift nicht ab, wenn es doch so leicht gewesen wäre, ins Schwadronieren zu kommen. Er bleibt präzise und doch feinfühlig, weil auch diese Geschichte ohne Leidenschaft bis zur Selbstaufgabe nicht funktioniert.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Dies ist ein absolut disziplinloser Roman. Seiner Hauptfigur Hermann Oberth wird es zum Verhängnis, dass die Raketenforschung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts keiner Disziplin der etablierten universitären Wissenschaften zuzuordnen war. Weder der Physik, noch der Aerodynamik oder dem Ingenieurswesen. Ein Pech, dem er ewig nachgetrauert hat. Hier sprengt auch der Autor den Rahmen seiner Erzählung. Es ist wie eine Wanderung auf den Grenzlinien zwischen Science Fiction und Wissenschaft. Es ist eine spannende, lehrreiche und emotionale Wanderung, die dort endet, wo eine solche Geschichte enden muss. Daniel Mellem bringt sie in ihr Ziel und wir zählen den wohl legendärsten Countdown der Geschichte der Weltraumfahrt mit.

Ein Countdown, den man nicht nur in der gebundenen dtv-Print-Ausgabe erlesen kann. Ein Countdown, der auch im Hörbuch von Der Audio Verlag eine wichtige Rolle spielt. In Sebastian Rudolph hat man einen Sprecher gefunden, dessen Stimme nicht nur versiert durch diesen atmosphärischen Roman führt. Er ist absolut stilsicher in den Dialogen, denen er viel Lebendigkeit einhaucht. Er vermag es, Hermann Oberth einen Klang zu verleihen, der einfach zu ihm passt. Und in den entscheidendsten Momenten der Hörbuchfassung wirkt es, als sei seine Stimme aus der Zeit gefallen. Hier klingt ein Countdown, als würden wir ihn in einer Liveübertragung hören. Unterbrochen nur von den Gedankengängen des Mannes, der zeitlebens von jenem Moment geträumt hat. Es sind neun Stunden dieser ungekürzten Lesung, die der Schubkraft der Romanvorlage gerecht werden. Ein Hörbuch, das keinen Nachbrenner benötigt, um diese Geschichte in die Umlaufbahn zu katapultieren.

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Ich stand nicht zum ersten Mal in meinem Lesen vor der Vergeltungswaffe V2 in Peenemünde. Ich sah die aufgemalte Frau im Mond schon in einem anderen Roman. Es sind diese Momente, die ich an der Literatur so liebe. Es sind solche Momente, die im Herzen der Lesenden Bücherketten entstehen lassen, an die auch die Autoren nicht gedacht haben. Und doch stehen ihre Bücher jetzt in meiner Bibliothek nebeneinander. Winterbergs letzte Reise“ von Jaroslav Rudiš endet an dieser Rakete…. 

Der Mond und die Literatur: Von Jules Verne bis zu Daniel Mellem. Meine absolut schwerelose Erdtrabanten-Bibliothek:

Raumpatrouille“ – Der Kosmos der Kindheit von Matthias Brandt
Das Mädchen, das den Mond trank“ von Kelly Barnhill
ARTEMIS“ – Leben auf dem Mond mit Andy Weir
Sonne, Mond und Sterne“ von Mario Alberto Zambrano
Armstrong“ – Torben Kuhlmann revolutioniert die Raumfahrt
Die Ziege auf dem Mond“ – Stefan Beuse & Sophie Greve
Der Sommer meiner Mutter“ von Ulrich Woelk
Space Girls“ von Maiken Nielsen und das große Special
50 Jahre Mondlandung – Ein Literaturereignis“ und jetzt aktuell:
Die Erfindung des Countdowns“ von Daniel Mellem (Buch und Hörbuch)

Und jetzt läuft Euer Countdown: 10 – 9 – 8 – 7 – 6 – 5 – 4 – 3 – 2 – 1 

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Die Erfindung des Countdowns von Daniel Mellem

Frankfurter Buchmesse, digital. Eine neue literarische Welt, die uns in diesem Jahr erwartet, bringt auch ihre guten Seiten mit sich. Die Buchmessespitzen in München lässt Schriftsteller*innen in der bayerischen Metropole mit ihren Werken auftreten, die zu genau diesem Zeitpunkt in Frankfurt die Messehallen dominieren würden. Ich hatte die Ehre im Rahmen dieser Lesungsveranstaltung dieses Interview für Literatur Radio Hörbahn führen zu können, auf das ich mich besonders gefreut habe.

Die Erfindung des Countdowns - Daniel Mellem - Das Interview - Astrolibrium

Die Erfindung des Countdowns – Daniel Mellem – Das Interview

Daniel Mellem – Das Interview

Ein Gespräch über: Ethik und Wissenschaft, schreibende Physiker, fantastische Visionäre, Jules Verne, die Ausweglosigkeit der Herkunft und jenen Countdown, der unsere Welt veränderte. Hier geht´s zum PodCast.

Die Glockenbach Buchhandlung in München - AstroLibrium

Die Glockenbach Buchhandlung in München

Mein besonderer Dank gilt der Glockenbach Buchhandlung München, die spontan die Pforten öffnete und als Location für die Aufzeichnung des Interviews zur Verfügung stand. Ein absolut erlesenes Wohlfühl-Ambiente. (Das machen wir mal wieder…)

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Man kommt an den Werken von Annie Ernaux nicht vorbei. Man kann es drehen und wenden, wie man will, es gibt für mich nur eine Autorin, die in der Rückschau auf ihr eigenes Leben so schonungslos ehrlich mit sich selbst, ihren Träumen und Lieben, ihren Vorurteilen, ihrer Scham, ihrem Selbstmitleid, mit Missbrauch und Enttäuschung umgeht und sich dabei einer literarischen Reflexion unterzieht, die beispiellos ist. Annie Ernaux scheint sich durch ihr Schreiben zu befreien, von den Fesseln ihrer Geschichte zu lösen, um letztlich im endlosen Meer ihrer Kreativität so schwimmen zu können, wie es ihr ohne die Analyse ihrer Vergangenheit nicht möglich wäre. Sie scheut vor nichts zurück. Sie wagt jeden Blick hinter die Kulissen, lässt keinen Stein auf dem Anderen.

Ich folgte Annie Ernaux hörend durch die „Erinnnerung eines Mädchens“ und war an ihrer Seite, als Die Jahre vergingen. Ich beschloss diesmal, nicht die Bücher zu lesen, sondern ausschließlich den Lesungen und Hörspielen von Der Audio Verlag die volle Aufmerksamkeit zu schenken. Ich wurde belohnt mit intensiver Nähe, aufrichtigen Gefühlen und einer unfassbaren Stimmgewalt, die mich auf dieser Reise fesselten. Ich weiß nicht genau, ob die Bücher eine vergleichbare Wirkung in mir erzielt hätten. Hier jedoch hatte ich das unmittelbare Gefühl, Annie Ernaux zuhören zu dürfen, mit ihr im gleichen Raum zu sein und quasi aus erster Hand in ihr Leben entführt zu werden. Es ist zutiefst intim, was sie erzählt. Es ist nur für meine Ohren bestimmt. Ein exklusiveres Hörerlebnis kann man sich kaum vorstellen. Es sind Kindheitserlebnisse, Erinnerungen an das problematische Elternhaus und Emotionsmuster ihres späteren Weges, die sie mir in diesen Stunden anvertraut hat, die ich wie einen ganz persönlichen Schatz hüte. Jede Rezension fühlt sich an, wie eine Indiskretion. So tief hörte ich nie zuvor.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Auch diese Worte kommen mir wie ein Verrat an einer Schriftstellerin vor, die mir in in den letzten Stunden von ihrem Vater erzählte. Von dem Menschen, der sie prägte und zu dem sie ein so ambivalentes Verhältnis hatte, dass sie es nach seinem Tod nur kaum für sich behalten konnte. Doch wie schreibt man über seinen Vater? Wie nähert man sich einem Menschen an, den man bisher nur aus einer sehr emotionalen Distanz mit dem eigenen Leben verbunden sehen wollte? Wie schreibt man über eine Figur im eigenen Leben, von der man sich immer befreien wollte, ohne sie jetzt zu verraten? Ein Roman war ungeeignet. Das stand schnell fest für Annie Ernaux. So entstand eine sehr kritische und doch emotionale Auseinandersetzung mit ihrem Vater, die jetzt unter dem Titel „Der Platz“ als Hörspiel ihren Weg in die kleine literarische Sternwarte fand.

Annie Ernaux war 27 Jahre alt, als ihr Vater 1967 starb, wartete auf ihre erste Stelle als Lehrerin und fühlte sich an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt, an dem sie über ihr Verhältnis zum eigenen Vater und nicht zuletzt auch über sich selbst schreiben wollte. Schnell spürt man die distanzierte Liebe und die zärtliche Distanz, die sie für ihn empfand. Aber da ist viel mehr. Eine schier unüberbrückbare Klassendistanz, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, lässt aufhorchen und mich als Zuhörer, gerade weil ich selbst Vater bin, deutlich zurückschrecken. Will man als Vater nicht unbedingt, dass es der eigenen Tochter später einmal besser geht? Will man nicht alles geben, um seinen Kindern einen Aufstieg zu ermöglichen, den man selbst nicht geschafft hatte? Es packt mich in den tiefsten Gefühlsebenen, bei Annie Ernaux eine intensive Scham zu fühlen, die mit der Existenz des Vaters verbunden ist.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Er, der kleine Krämer, dem es mit dem kleinen Laden gerade mal eben gelang, seine Familie zu ernähren, findet im späteren Leben der eigenen Tochter keinen Platz. Ihre Bildung, die er ihr ermöglicht, entfernt sie immer weiter vom proletarischen Elternhaus. Die gemeinsame Sprache geht verloren. Ihre theoretisch ausgerichtete Welt geht auf Kollision zum Lebensentwurf der Eltern. Sie beginnt, sich für die komplexe Schlichtheit des Vaters zu schämen. Besuche mit Kommilitonen geraten für sie zum Fiasko. Sie ist kaum in der Lage, ihren Freundinnen zu vermitteln, dass dies das Elternhaus ist, aus dem sie stammt und dessen Werte sie eigentlich schätzen sollte. Ihr Vater entspricht seiner Tochter nicht mehr. Ein Riss geht durch das Verhältnis, das schon zuvor nicht gerade durch innige Liebe gekennzeichnet war.

Ist es Verrat am eigenen Vater, so zu schreiben? Ist es das Bildungsbürgertum, das sich hier an seinen Wurzeln vergeht oder ist es eher eine Abrechnung mit den eigenen Gefühlen, die wir hier erleben? Ich war sehr verunsichert, bis ich in den Untertönen des Erzählten deutliche Spuren von schlechtem Gewissen erkannte. Nein, Annie Ernaux ist weit davon entfernt, ihrem Vater dessen Herkunft und die fehlende Bildung zur Last zu legen. Sie zeigt nur beeindruckend auf, wo es hinführen kann, wenn man sich aus der heimischen Schlichtheit erhebt und zum Freiflug ansetzt. Wenn das eigene Elternhaus zur Last wird, ist es kaum möglich, das eigene Leben als Höhenflug zu erleben. Dieses Dilemma tobt in Annie und so verstehe ich diese Aufarbeitung als den Versuch, ihrem Vater wieder einen Platz im Leben einzuräumen. „Der Platz“, den sie ihm genommen hatte.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] – Astrolibrium

Ich musste das Hörspiel oft unterbrechen, weil immer wieder Fragen auftauchten, die mich intensiv beschäftigten. Was, wenn meine eigene Tochter in einigen Jahren so über mich schreiben würde? Was, wenn sie sich später einmal von mir distanziert, weil ich nicht dem Bild entspreche, das sie gerne vom eigenen Vater hätte? Was, wenn ich mir vorstelle, sie würde sich für das hier Erlebte schämen? Und was, wenn ich nur eine Sekunde daran denke, dass all dies schon jetzt unausgesprochen zwischen uns stehen würde? Dieses Hörspiel kann verstören. Es kann aber auch dazu führen, dass man im Hier und Jetzt gemeinsame Worte findet, die diese Schranken einreißen, bevor sie uns um die Ohren fliegen. Nie zuvor empfand ich ein Hörspiel als größere Chance, sich in seiner paradoxen Vatersicht „sie soll es ja mal besser haben“ zu hinterfragen.

Annie Ernaux lebte im Gefühl, ihr Erbe auf dem steinigen Weg in ein bürgerliches Leben zurücklassen zu müssen. Der Bourgeoisie war ihre Herkunft zu schlicht. Vater Ernaux war zu schlicht. Scham begleitete sie in ihr Leben als Lehrerin und Intellektuelle. „Der Platz“ ihres Vaters ging verloren. Damit auch ihr eigener. Mit dieser Aufarbeitung hat sie beides zurückerobert und ihrem Vater auf dem schlichten Grab ein Denkmal in aller Würde und Zerrissenheit errichtet. Das Hörspiel bietet einen emotionalen Zugang zu dieser facettenreichen Denk- und Sichtweise. Es wird jener Intention der Autorin in besonderer Weise gerecht, ihre eigenen Gefühle auf den Prüfstand zu stellen. Es ist atmosphärisch, was uns im Hörspiel erwartet. Es sind rhythmische Klangmuster, die in den Vordergrund treten, wenn das Denken Luft holt. Es sind Echo-Effekte, wenn das Leben von einst sich Raum verschafft und den „Platz“ zurückgewinnt, den es verloren hat.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel]

Und es ist die Stimme von Stephanie Eidt, die so sehr Annie Ernaux ist, wie man nur Ernaux sein kann. Sie liest nicht. Sie lebt. Sie zaudert, zweifelt, hinterfragt, erlebt und durchlebt. Sie wird emotional, wenn die Erinnerung zu schmerzhaft wird und erlöst sich selbst, wenn die Befreiung von alten Fesseln spürbar wird. Nicht sie hat den Kloß im Hals, wenn es schwer wird. Ihre Zuhörer spüren ihn mit zunehmender Dauer. Wenn dann noch gefühlvolles Gitarrenzupfen das hier Erzählte untermalt, treten Tränen in die Augen. Wenn sie im Namen von Annie Ernaux über die Rolle eines Vaters spricht, ist Ende mit Vernunft und Zurückhaltung. Dann verliert man die Distanz. Der Erzählraum weitet sich und „Der Platz“ wird zur Vision dessen, was man selbst vererben möchte.

Dem Platzverweis im Leben folgt der Freispruch am grünen Tisch der Literatur.

„Er fuhr mich auf dem Fahrrad zur Schule. Ein Fährmann zwischen zwei Ufern. Bei Sonne und Regen. Vielleicht sein großer Stolz, sogar sein Lebenszweck, dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn nur herabgeblickt hatte.“

Was, frage ich mich, kann eine Tochter schöneres über ihren Vater sagen? Dank an Annie Ernaux, danke, Stephanie Eidt. (Ein Vater) Jetzt werde ich Ernaux lesen. Es geht weiter mit „Die Scham„. Ich komme nicht los.

Der Platz von Annie Ernaux [Das Hörspiel] - Astrolibrium

Der Platz und Die Scham von Annie Ernaux

Die AENEIS von Vergil [Hörspiel]

Die AENEIS von Vergil - Das Hörspiel -AstroLibrium

Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Meine Affinität zum Trojanischen Krieg wurde mir schon 1986 von Tania Blixen in die Seele geschrieben. Sie verglich ihr Scheitern in Afrika mit dem Verlust Trojas und zitierte in „Jenseits von Afrika“ aus der Aeneis von Vergil

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem,
Troja in Flammen, sieben Jahre Verbannung,
dreizehn der besten Schiffe verloren!
Was wird das Ende sein von alledem?
Unerträumte Schönheit, königliche Ruhe
und süßes Entzücken.“

Seitdem assoziiere ich Verlust und Scheitern mit jenem Bild aus Tanias Lebensroman. Seitdem verbinde ich Melancholie und Trauer mit der gefallenen Stadt Troja. Und doch wollte es mir lange nicht gelingen, mich dieser umkämpften Festung so zu nähern, wie es die alten Geschichtenschreiber so gerne gesehen hätten. Es dauerte lange, bis ich „Die Odyssee“ von Homer in mein Lesen einfließen ließ. Er erzählt von der Heimkehr der Eroberer und den ewig anmutenden Reisen und Abenteuern, bis es ihnen gelingt, die Heimat zu erreichen. Nur, um festzustellen, dass sie ebenso belagert ist, wie jenes Troja, das sie in Brand gesteckt hatten.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Ich näherte mich „Circe“ an, deren Geschichte mit der des Odysseus verwoben und verbunden ist, wie untrennbare Handlungsfäden einer epochalen Erzählung. Ich las die modernisierte Fassung der „Ilias“ aus der Feder von Alessandro Baricco, in der uns vor Augen geführt wurde, wie die Geschichte von Achill verlaufen wäre, hätte es keine Götter gegeben, die hier ihre Ränke schmieden konnten. Ob Homer die Anverwandlung seines Epos gemocht hätte? Man wird es nicht erfahren. So sprach Achill jedenfalls gelang, was den Klassikern der Mythologie kaum noch gelingt. Baricco las die gottlose Fassung auf großer Bühne und fesselte mehr als 10000 Leser. Was mir jetzt noch in meiner Bibliothek fehlte, war der andere Blick auf Troja. Die Perspektive der Verlierer, die ihre Heimat verließen, um in der Fremde eine neue Stadt aufzubauen. Vergil und sein Heldenepos des Aeneas fehlte mir noch. Die „Aeneis“

Als ich jedoch die ersten Seiten der Aeneis zu lesen begann, stellte ich fest, dass ich überfordert war. Ich fand zwar zu Beginn des zweiten Gesangs des Epos das Zitat, an das ich mich aus Tania Blixens Afrika-Abgesang so gut erinnerte. Aeneas berichtet vom Untergang Trojas, von jenem seltsamen hölzernen Pferd und von den griechischen Kämpfern, die in ihm verborgen waren und von den Mahnungen der Götter, er, Aeneas solle mit seinen Getreuen fliehen und die Götterbilder Trojas in Sicherheit bringen. Im Folgenden jedoch verlor ich mehr und mehr den Faden. Nicht mehr zeitgemäß erzählt und für mich nur noch schwer zugänglich. Dem Zitat jedoch wollte ich weiter folgen.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

„Infandum, regina, iubes renovare dolorem.
Königin, ach, du heißt mich unsäglichen
Schmerz zu erneuern“

Ich gab die Suche nicht auf und wurde für mein Warten belohnt. Die „Aeneis“ als Hörspielinszenierung des SWR auf drei CDs mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 21 Minuten von Der Audio Verlag weckte mein Interesse. Das klang nach authentischer und doch moderner Umsetzung auf der Grundlage des Originaltextes von Vergil. Das hörte sich an, wie ein zeitgemäßes und ganz für mich gemachtes Hörspiel mit großer Besetzung und akustischer Untermalung. Klassiker auf diese Weise wieder zugänglich zu machen, scheint eine Mission der Hörbuchschmiede zu sein. „Homers Odyssee“ klang ebenso ambitioniert und katapultierte seine Zuhörer mit voller Wucht in eine Welt der Helden, Mythen und Götter. Ich habe mir viel erhofft, setzte die Kopfhörer auf und floh mit Aeneas und den Seinen aus den brennenden Trümmern von Troja.

Es ist nicht nur das große Stimmorchester, das hier zu brillieren weiß. Es handelt sich bei dieser Produktion um eine wahrlich moderne Adaptierung des Vergil-Originals, jedoch so harmonisch in unser Sprachgefühl transferiert, dass man der Handlung blind folgen kann. Der Wiedererkennungsgrad der Stimmen sorgt für unverwechselbare und Gänsehaut erzeugende Hörerlebnisse. Besonders Joachim Nottke in seiner Rolle als Aeneas weiß zu überzeugen. Emotionalität und Karisma, Götterglaube, Heldenmut und Pathos verleihen seiner Stimme in jeder Nuance der Produktion die Authentizität, ohne die man einem Helden nicht Gefolgschaft schwören würde. Das gesamte Ensemble in dieser Inszenierung hält das von der Titelrolle vorgelebte Niveau und macht uns zu treu ergebenen Gefährten. Eine Odyssee ohne Heimathafen. Eine wahre Flucht beginnt im Sinne der Götter, die alles lenken und manipulieren. Eigener Spielraum? Fehlanzeige.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Dem Hörspiel gelingen viele Dinge gleichzeitig. Es saugt seine Zuhörer tief in einen Sog einer mythologisch basierten Legende ein, ohne diese zu überfrachten. Stimmen, die eigentlich nur Nebenrollen spielen, erhalten eine unglaublich aktuelle Relevanz. Hier wird aus der Göttin des Gerüchts „Fama“ eine eigene Fakenews-Instanz. Was sie den Menschen einflüstert, ändert den Verlauf der Geschichte. Anfangs ist die Stimme klein, doch wenn sie sich rasend schnell fortbewegt, schwillt sie zu einer riesenhaften Größe an und füllt jeden Raum zwischen Himmel und Erde aus.  Die Reise der Getreuen führt nach Karthago und Sizilien, bevor das prophezeite Ziel der Götter erreicht wird. Rom ist die Stadt, die Aeneas gründet. Der Grundstein eines Weltreichs, das alle vernichtet, die ihm zuvor Zuflucht gewährt hatten. Karthago weiß ein Lied davon zu singen.

Die absoluten Höhepunkte dieser Produktion sind so gut geraten, dass man sie so schnell nicht mehr vergisst. Die Trojanischen Spiele, die Aeneas in Sizilien veranstaltet, um die Moral seiner Gefolgsleute zu heben, werden im Hörspiel in Szene gesetzt, wie in einem Livestream der Olympischen Spiele. Hier wird aus einem klassischen Mythos ein Sportevent. Spannender wurde kein Wimbledon-Endspiel übertragen. Ruderwettkämpfe und Reiterspiele, Bogenschießen und Faustkampf erinnern an Sportkommentatoren im Fernsehen. Grandios. Der Selbstmord der Königin von Karthago jedoch gehört zu den wohl emotionalsten Teilen des Epos. Dido, gesprochen von Christine Davis, kann den Geliebten Aeneas nicht halten und opfert sich auf dem Scheiterhaufen. Dass man sich im Reich des Todes erneut begegnen wird, scheint hier von den Göttern schon längst vorbestimmt zu sein. Tragisch schön… Schicksalhaft dramatisch.

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Klassische Mythologie im neuen Gewand. Unverfälscht authentisch, unverkennbar im Stile des großen Vergil und doch so verständlich und modern präsentiert, dass sich die Tore der Erkenntnis schnell öffnen und offen bleiben. Erkenntnisreich war meine Reise an der Seite von Aeneas. Viele Kreise haben sich geschlossen. Ich verstehe jetzt umso mehr, warum sich Tania Blixen dem antiken Helden Aeneas so verbunden fühlte. Auch sie hatte man verraten, betrogen, aus der Wahlheimat Afrika vertrieben und verstoßen. Welche Stadt sie in Dänemark gründen sollte, war ihr ein großes Rätsel. Es gelang ihr mit ihren Büchern. „Jenseits von Afrika“ ist ihr Rom. Von hier aus eroberte Tania die Welt. Das ist kein Mythos… 

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Die AENEIS von Vergil – Das Hörspiel

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Man spricht nicht so oft von literarischen Sensationen. Und wenn, dann stellen sie sich häufig als Marketingmasche heraus, mit der man lediglich die Verkaufszahlen des jeweiligen Sensations-Buches ankurbeln möchte. Bei Ulrich Alexander Boschwitz ist das Prädikat anders zu werten. Die Wiederentdeckung seines Romans „Der Reisende“ stellte wahrlich ein aufsehenerregendes Ereignis in der Literaturwelt dar. Dieser Roman eines jüdischen Emigranten über die Judenverfolgung im Dritten Reich setzt Maßstäbe. Er selbst wurde von den Umständen der Zeit zur Auswanderung gezwungen. Kaum 20-jährig floh er mit seiner Mutter 1935 zuerst nach Skandinavien, von wo ihn die Odyssee durch halb Europa führte, bis er 1939 als sogenannter „Enemy Alien“ (Ausländer aus Feindesländern) in England interniert und nach Australien deportiert wurde.

Bei seiner Rückkehr im Jahr 1942 wurde das Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Ulrich Alexander Boschwitz starb im Alter von 27 Jahren. Warum er bis heute im Gedächtnis blieb, ist leicht zu erklären. Er verarbeitete sein Schicksal in Büchern, die allerdings lange als verschollen galten. Sein Gesamtwerk besteht nur aus zwei Büchern. Seinem DebütMenschen neben dem Leben“, das er in Skandinavien schrieb und dessen Erfolg ihm sein Studium an der Sorbonne ermöglichte, und seinem inzwischen rekonstruierten Flüchtlingsroman „Der Reisende“. Gerade dieses Werk ist so besonders, weil die Hilflosigkeit eines staaten- und rechtlosen jüdischen Flüchtlings mit einer Authentizität beschrieben wird, die damals für Aufsehen gesorgt hätte. Ulrich Alexander Boschwitz konnte es nicht zu Lebzeiten publizieren. Die zuletzt lektorierte Fassung seines Manuskripts versank mit ihm in den Fluten.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Peter Graf ist es als Herausgeber gelungen, dem ursprünglichen Manuskript die literarische Wucht zu verleihen, von der Boschwitz zeitlebens geträumt hatte. Nun ist es nur konsequent und logisch, das neue Interesse an diesem unvollendeten Autor zu nutzen, um auch sein Debüt „Menschen neben dem Leben“ erstmals auf Deutsch zu veröffentlichen. Das Ausnahmetalent mit der besonderen Beobachtungsgabe verfasste den Roman im Alter von 22 Jahren. Hier schreibt er nicht vom Selbsterlebten, sondern skizziert eine Gesellschaft im Wandel gegen Ende der 1920er Jahre. Eine Milieustudie kann man diesen Roman schlecht nennen, da er selbst das von ihm beschriebene und in zumeist tristen Farben gezeichnete Bild nur vom Hörensagen kennen konnte. Wenn Boschwitz also seine typischen Gestalten auftreten lässt, müssen wir realisieren, dass der Autor von einer Zeit erzählt, in der er selbst gerade mal fünfzehn Jahre alt war. 

Dies sollte man berücksichtigen, wenn man über sein Schreiben urteilt. Dies kann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man sich diesem Buch annähert. Hier strahlt das große Talent eines Erzählers, dem es verwehrt blieb, sich zu entwickeln, zu reifen und seinen Charakteren noch mehr Tiefe zu verleihen, als ihm dies ohnehin gelungen ist. In vielen Beschreibungen seiner Figuren könnte man kritisieren, sie seien schablonenhaft und stereotyp. Oft denkt man, er hätte sie noch authentischer in den Rahmen der Zeit einbetten können. Vielleicht ist dies so. Doch trotzdem gelingt ihm ein literarischer Wurf von besonderer Güte, den man nicht von der Vita des jungen Autors trennen darf.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Potenzial war ausreichend vorhanden und für dieses auf der Flucht geschriebene Debüt ist der Roman gewagt, atmosphärisch dicht und zeigt in seiner hoffnungslosen Grundatmosphäre, wo die Grundlagen für den Stimmungsumschwung in der Weimarer Republik gelegt wurde, und wie unzufrieden diejenigen waren, die nur kurze Zeit später die Steigbügel des neuen „Führers“ hielten. Ihnen verleiht Boschwitz eine laute Stimme. Ihnen hört er selbst gut zu, wenn auch aus der auktorialen Ferne. In ihnen sieht er die Charaktere, die gerne die Last eines verlorenen Krieges, die Armut und Arbeitslosigkeit über Bord werfen und in eine strahlende Zukunft durchstarten wollen. Hier sind wir mit Ulrich Alexander Boschwitzneben dem Leben“ angekommen. Keine seiner Figuren kann sich heimisch fühlen, niemand hat eine Perspektive und nur die Flucht nach vorne lässt einen Silberstreif am Horizont erkennen. Auch wenn der ziemlich braun sein sollte. Besser als die Weltwirtschaftskrise und die Verarmung ist er allemal.

Boschwitz lässt sie aufleben und lautstark durch die Szenerie mäandern. Es sind frustrierte Kriegsheimkehrer, Prostituierte, Obdachlose, Bettler, Entmachtete, Verrückte und Gestrandete, denen er in einem Lokal eine Übergangsheimat anbietet. So wird aus dem „Fröhlichen Waidmann“ der Schmelztiegel der Enttäuschten, wo so mancher aus dem Rahmen fällt und zur Strecke gebracht wird. Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird die scheinbar lustigen Gesellen Fundholz, Grissmann und Tönnchen nicht wieder vergessen. Wer sich hier an den Kneipentisch setzt, wird schnell erkennen, dass man sich hier ein Biotop gestaltet hat, das mit Tanz und Alkohol den tristen Alltag vertreibt. Boschwitz zeigt das Geheime im Offensichtlichen. Gesangsvereine sind in Realität die Keimzellen der organisierten Kriminalität. Frauen sind abhängig von Gönnern und den Zuhältern, die ihren Berufszweig gerade neu für sich entdecken.

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Die wilden Zwanziger haben im Fröhlichen Waidmann ihren Ausklang gefunden. Jetzt wird man nur noch zum Zeugen des Abgesangs auf eine verlorene Zeit. Der Tanz ist wild, die Versuchung ist groß, neue Leidenschaften und Lieben bahnen sich Wege. Jeder Neuanfang fordert Opfer. Eine Frau, die sich einen neuen Begleiter sucht, muss den bisherigen Gefährten „neben dem Leben“ zurücklassen. Dass er blind ist, spielt in ihrem Selbsterhaltungstrieb kaum eine Rolle. Mehr scheinen als sein wird zum Motto einer Gesellschaft, die sich vom Albtraum der Vergangenheit lösen will und jedes Opfer bereitwillig bringt, nur um einen Schritt nach vorne zu kommen. Boschwitz verleiht einer tief verwurzelten Perspektivlosigkeit eine ungewohnt scharfe und persönliche Kontur.

Er macht es sich nicht leicht mit seiner Erzählung. Ebenso wenig leicht macht er es den Menschen, von denen er berichtet. Hoffnungsträger Fehlanzeige. Politische Wirren sind vorprogrammiert. Und doch wirkt jener eine Abend im Fröhlichen Waidmann wie der letzte Tanz des letzten Aufgebots, bevor der Sturm losbricht. Man kann es mit den Händen fassen. Wenn die Tür des Lokals sich schließt, kann sich die Zukunft nur trister darstellen, als sie eben noch wirkte. Boschwitz ist ein Atmosphären-Erzähler. Man fühlt die Vibrationen im Tanzsaal, man riecht das abgestandene Bier, man schmeckt diesen einen fast unbezahlbaren Schnaps, für den man wirklich alles tun würde. Er bringt uns Typen näher, die gar nicht so typisch sind, wie wir es zunächst vermuten. Die Situation im Waidmann eskaliert. Es fließt Blut. Das Biotop wird mit einem Messer zerstört. Kein Wunder, dass der Verrückte am Ende wie der einzig Normale wirkt. Tönnchen.

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz - AstroLibrium

Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Ich habe gelesen und gehört. Ungekürzte 7 Stunden und 46 Minuten lang habe ich in der Gaststätte zum Fröhlichen Waidmann einen Tisch reserviert. Ich war gerne dort zu Besuch und hätte mich fast zuhause gefühlt. Der Blick hinter die Kulissen jedoch zeigte mir, was dort wirklich gärte. Schauspieler und Sprecher Hans Löw verleiht dem Roman in der Hörbuchfassung eine ganz eigene Wirkung. Seine Stimme scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Er liest lebendig und so, als wäre er selbst Stammgast einer Lokalität, die hier Geschichte schrieb. Löw interpretiert die Atmosphäre dieser Zeit und liest seine Zuhörer beschwingt in das Chaos einer Wirtshausschlägerei, die jeder kommen sah. In den Charakterzeichnungen liegt die Stärke dieser Produktion.

Ulrich Alexander Boschwitz und Bernard von Brentano sind für mich literarisch intensiv miteinander gebunden. Worüber der junge Boschwitz so gekonnt fabulierte, darüber schrieb Brentano in der Zeit. Sein Abgesang ist ebenso laut, nur eben auf der Grundlage eigener Beobachtungen entstanden. Er schaute den kleinen Leuten auf den Mund, bevor er die gärende und explosive Lage seines Landes beschrieb „Der Beginn der Barbarei in Deutschland“ könnte ein Kapitel im Fröhlichen Waidmann beinhalten. Hier sieht man das große Talent des jungen Boschwitz. Atmosphärisch handelt es sich hier um bahnbrechende Bücher, die wie Warnsirenen hätten wirken können. Hätte man sie in ihrer Zeit aufmerksam gelesen. Das können wir heute tun und anderen aufs Maul schauen. Glaubt mir, die Parallelen sind überraschend…

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Menschen neben dem Leben – Ulrich Alexander Boschwitz

Offene See von Benjamin Myers

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Offene See von Benjamin Myers

„The Offing“ ist der Originaltitel des Romans von Benjamin Myers, der im DuMont Buchverlag unter der Überschrift „Offene See“ erschienen ist. Ein Sehnsuchtsbuch, in dem es mitnichten um eine stürmische Reise auf hohen Wellenbergen geht. Es sind die Gegensätze, die sich anziehen. Es ist der Traum von der Weite des Meeres, der einen jungen Mann aus den gewohnten und vorbestimmten Mustern ausbrechen lässt. Es ist die pure Poesie, die Benjamin Myers in die literarische Waagschale wirft, um seinen emotionalen Roadtrip mit unseren tiefen Sehnsüchten zu verbinden. Es ist ein ruhiger, fast schon kontemplativer Roman, in dem das Meer das Ziel zu sein scheint. Aber nicht immer muss man sein Ziel erreichen, wenn man am Wegesrand die Entdeckung seines Lebens macht.

Wir befinden uns im England des Jahres 1946. Von Siegestaumel keine Spur. Das Land leidet, stöhnt unter den Wunden der Verluste und Entbehrungen, Trümmer weisen den Weg in die Zukunft, ein erstes zaghaftes Aufatmen ist zu spüren und die Menschen versuchen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Und schon wird es dem jungen Robert zu eng. Wo er zuvor in der Angst vor dem Krieg gefangen war, scheint es nun die Familientradition zu sein, die sein Leben in Schranken weist. Unter Tage liegt seine Bestimmung. Wie seine zahllosen Vorfahren ist es der Bergbau, der nach ihm ruft. Ein Leben in Dunkelheit, voller Entbehrungen und Risiken. Robert träumt größer. Er träumt anders. Er will zur offenen See. Zum Meer. Zum Offing, jener Zone, in der man keinen Losten braucht, um sich frei zu bewegen. Robert bricht auf, um in See zu stechen.

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Offene See von Benjamin Myers

„Ein paar Sommer hier, einige lange dunkle Winter da; Glück, Krieg, Krankheit,
ein bisschen Liebe, noch etwas mehr Glück, und plötzlich blickst du ins falsche 
Ende des Fernrohrs.“

Dem will Robert entgehen. Wo ist das Leben geblieben? Diese Frage treibt ihn um und wie so viele junge Menschen auf der Gratwanderung zum Erwachsenwerden strebt er nach mehr. Mit seinen gerade mal sechzehn Jahren bricht er auf. Unbefangen und voller Tatendrang sieht er den Weg zum Meer als einzige Alternative an, aus dem Trott zu fliehen, den andere für ihn geplant hatten.

„Hier war der Ozean ein Tor, eine Einladung, und ich nahm sie bereitwillig an.“

Benjamin Myers zelebriert diesen Neubeginn wie eine Wiedergeburt. Er beschreibt, wie sich die Natur von einer anderen Seite zeigt, wie das Atmen leichter wird und sich die Perspektive erweitert. Ein Aufbruchsroman getragen von der Metapher Meer. Jeder von uns kennt seinen eigenen Sehnsuchtsort. Jeder kennt die Destination, der man am liebsten alles Streben widmen würde. Und wir alle wissen, dass es oftmals schon reicht aufzubrechen, um dieser Sehnsucht zu entsprechen. Robert atmet auf. Wir atmen mit.

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Offene See von Benjamin Myers

„Je weiter ich mich von allem entfernte, das ich je gekannt hatte,
desto leichter fühlte ich mich… Jetzt atmete ich tief…“

Natürlich findet Robert seinen Ozean. Er findet seinen Sehnsuchtsort und doch ist es nicht die „Offene See“, die mit wilden Stränden und hohen Wellen auf ihn wartet. Es ist Dulcie Piper, die ihn unterwegs zur Übernachtung auf ihrem Cottage einlädt. Ja, sie ist augenscheinlich alt und ziemlich altmodisch gekleidet. Der Kontrast kann größer kaum sein. Sie empfängt den Pfadfinder und fesselt ihn mit ihrer unkonventionellen Art. Es ist diese Dulcie Piper, die sein Leben verändert. Es ist diese Frau, die zu Erfüllung seiner Sehnsucht wird und ihm Zugang zu einer verborgenen Welt verschafft, die Robert ohne sie wohl niemals wahrgenommen oder entdeckt hätte. Dulcie ist die „Offene See“.

Diese Begegnung besteht aus purer Inspiration und setzt diese in gleichem Maße frei. Die Gespräche zwischen Dulcie und Robert sind geprägt von Offenheit, Vertrauen und einer guten Portion weltgewandter Melancholie. Es ist die Literatur, die Robert hier auf Schritt und Tritt begegnet. Es ist eine Welt, in der es plötzlich möglich ist, Gefühle zu beschreiben. Die Welt, in der man seine Träume, Schwächen und Leidenschaft nicht mehr für sich behalten muss. Robert und Dulcie. Ein ungleiches Paar. Und doch ist es eine der wundervollsten literarischen Beziehungen, der wir uns hier ganz behutsam und vorsichtig nähern dürfen. Bis wir auf das große Geheimnis der alten Dame stoßen.

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Offene See von Benjamin Myers

Robert entdeckt das Manuskript eines Gedichtbandes. „Offene See“. Hier erkennt er, dass auch Dulcie Piper ihre Geheimnisse hat. Hier wird aus einer Begegnung eine Reise in die Vergangenheit der Frau, die ihn so unvoreingenommen aufgenommen hat. Es ist die bewegende Geschichte von Gedichten, die Dulcie auf den Leib geschrieben wurden. Die Tür in eine längst vergangene Welt. Hier treten auch wir durch die Tür zu einer neuen Geschichte. Voller Poesie, voller Emotion und Leidenschaft und von Seite zu Seite verlieben wir uns mehr in jene Frau, die diese Gedichte nicht lesen wollte, weil sie sie alle gelebt hat. Wer jemals an die Kraft von Poesie geglaubt hat, der sollte sich dieses besondere literarische Erlebnis nicht entgehen lassen.

Es ist die „Offene See“, die metaphorisch nach uns allen greift. Es ist die Magie dieses Manuskripts, das nun zum Leben erwacht. Es sind diese Gedichte, die Robert Dulcie Piper zum ersten Mal vorliest. Die Vergangenheit liegt zwischen den Zeilen und sie lässt eine Schriftstellerin auferstehen, die wie Robert nur als Besucherin bei Dulcie Piper war. Es ist die Macht des geschriebenen Wortes, die Benjamin Myers mit seinen Worten freisetzt. Es ist die doppelte Konsequenz des gelüfteten Geheimnisses, die im Roman zu einem denkwürdigen Erlebnis wird. Es ist die „Offene See„, die uns trunken vor Literatur und Liebe macht. Ein Meisterwerk.

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Offene See von Benjamin Myers

Manfred Zapatka hat „Offene See“ von Benjamin Myers für das Hörbuch aus dem Hause Der Audio Verlag eingelesen. Er brilliert oft mit seiner markanten Stimme und dem feinfühlig-rauchigen Timbre, das zu seinem Markenzeichen wurde. Es ist nicht die Stimme eines Sechszehnjährigen, die uns hier durch diese Geschichte trägt. Es ist die Rückschau eines älteren Ichs von Robert, das in der emotionalen Retrospektive von der längst vergangenen Zeit erzählt. Einer Zeit, in der Dulcie Piper zur Wegbereiterin einer großen Karriere wurde. Man klebt an Manfred Zapatkas unsichtbar bleibenden Lippen, bis er den letzten Satz vollendet hat. Dann träumen wir weiter. Vorwärts, rückwärts und immer im Rhythmus der hohen Wellen, die dieser Roman geschlagen hat.

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