„Signifying Rappers“ von David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Was ich mit David Foster Wallace gemeinsam habe? Augenscheinlich eigentlich nicht viel. Ich bin seinem Schreibweg auf meinen ganz eigenen Lesepfaden gefolgt und habe mich durch seine Bücher gefressen, gefreut und gequält. Habe vieles nicht immer sofort verstanden, vieles deutlich unterschätzt, mir vieles in unendlichen spaßfreien Fußnoten mühevoll erarbeitet und letztlich viele seiner Inspirationen aufgesaugt, wie ein trockener Schwamm.

Die größte Gemeinsamkeit mit ihm ist jedoch, dass ich keinerlei Ahnung von Rap-Musik habe. Nicht den leisesten Hauch. Weder in seiner Dimension als Subkultur, noch in seiner heutigen Relevanz und Brisanz. Es ist nicht gerade meine Musik und die Rapper, die unmelodisch provokant durch die Welt arrhythmisieren, gelten für mich nun auch nicht unbedingt zu den absoluten Vorzeigekünstlern unserer Gesellschaft. Das ist ganz einfach eine Frage meines persönlichen Geschmacks.

Aber ist es immer so einfach mit GESCHMACK? Oder mache ich es mir zu leicht?

David hatte auch keinen blassen Dunst von Rap, als er auf der ständigen Suche nach interessanten Themen und getrieben von der Rastlosigkeit eines Menschen, der von den aufziehenden dunklen Wolken seiner Depressionen immer weiter umhüllt wird, beginnt über den Rap zu schreiben. Im Alter von 27 Jahren hatte er 1989 alle Höhen und Tiefen eines von der Literatur besessenen Menschen bereits hinter sich.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Die Flucht aus einem zu erwartungsvollen Elternhaus, ein erfolgreich absolviertes Literatur- und Philosophie-Studium mit Auszeichnung, eine Examensarbeit, die zum viel beachteten Debüt wurde. „Der Besen im System“ erregte 1987 erhebliches Aufsehen. Die schon früh einsetzende Erkenntnis, immer tiefer an Depressionen zu leiden und dabei unglückliche Lieben in beharrlicher Beziehungsunfähigkeit magisch anzuziehen, machten aus ihm einen verzweifelten Menschen, dem nur seine literarische Begabung blieb, um der realen Welt zu entfliehen.

Die Jahre zwischen 1985 und 1990 waren durch Zusammenbrüche bestimmt. Seine beruflichen Ambitionen wurden von reinem Sicherheitsdenken dominiert. Er brauchte eine Krankenversicherung, die er so nur in Verbindung mit einer festen Lehrtätigkeit an einer Universität abschließen konnte. Druck baute sich auf in diesen Jahren. Ein Druck, den ein kranker Mensch absolut nicht ertragen kann und der sich zu immer größeren Blockaden multiplizierte. Einen Selbstmordversuch verheimlichte er selbst besten Freunden.

Schreibend war er in den kreativen Zwischenzeiten umtriebig. Foster arbeitete mit vielen Unterbrechungen an einer Reportage über die amerikanische Pornoindustrie und verzettelte sich oftmals in Projekte, die der reinen Inübunghaltung des wachen Geistes dienen sollten. Als es ihn dann nach Boston verschlug lebte die alte College-WG mit dem angehenden Schriftsteller Mark Costello wieder auf. Spaß haben, Leben genießen und schreiben, so lautete ihre Philosophie und so begegneten sie erstmals einer ganz eigenen Szene. Einem Sound, der sie auf den Straßen umgarnte. Dem RAP.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace (re) und Mark Costello (li)

Von Tuten und Blasen keine Ahnung tauchen die beiden tatendurstigen Freunde wie „Bleichgesichter“ in eine farbige Welt ein, von der sie bisher nur die Beats jenseits der Straße wahrgenommen hatten. Sie planen schnell, eine gemeinsame Betrachtung der Rap-Kultur zu Papier zu bringen. Für Mark Costello nun wirklich keine leichte Aufgabe, denn als zurechnungsfähig und auf geistiger Höhe kann und darf man seinen Freund David Foster Wallace zu diesem Zeitpunkt nicht bezeichnen.

Alkohol und Drogen spielen eine große Rolle in seinem Leben, aber es geschieht, was immer passierte, wenn er sich ein literarisches Ziel gesetzt hat. Sein Blick schärft sich und angetrieben von Neugier und seinem guten Freund (also zwei Rettungsankern dieser Zeit) läuft der noch junge Autor, der inzwischen als literarisches Wunderkind mit Mega-Minderwertigkeitskomplexen gilt, zu absoluter Höchstform auf.

Die Performance stimmt.

In dieser Zeit entsteht mit „Signifying Rappers eine ungewöhnliche essayistische Betrachtung einer subversiven und hochaktuellen Subkultur und versehen mit dem sehr eingängigen Untertitel: „Warum Rap, den Sie hassen, nicht ihren Vorstellungen entspricht, sondern scheißinteressant ist und wenn anstößig, dann bei dem, was heute so abgeht, von nützlicher Anstößigkeit“ erblickt das kleine Werk schon 1990 das Licht der US-amerikanischen Buchwelt.

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Dieser Untertitel spricht Bände und nimmt alle subjektiven Bewertungen vorweg. Es handelt sich also augenscheinlich um einen Essay, der sich an Leser richtet, die dem behandelten Gegenstand, der Rap-Musik, hassend gegenüber stehen. Darüber hinaus wird die anscheinend spießig desinteressierte Zielgruppe aufgerüttelt und mit einem der Stilmittel des Rap, der Provokation, auf den scheißinteressanten Inhalt der Message gestoßen, obwohl die erzielte Anstößigkeit eben genau das Ziel des Werkes darstellt. Da fühlt man sich doch angesprochen… oder?

Jedenfalls haben die beiden Autoren in mir den perfekten Leser gefunden und es dabei tatsächlich geschafft, mich im Buch zu halten, obwohl ich dieser Musikrichtung wenig abgewinnen konnte. BISHER. Hierbei waren die vielen aufgeführten Songs, die wie eine Playlist anmuten im ersten Moment nicht sehr hilfreich für mich. Sie gehören, wie die meisten der aufgeführten Rapper, der Vergangenheit an und können aus heutiger Sicht vielleicht noch als Pioniere einer Subkultur bezeichnet werden.

Was ich aber umso mehr verstanden habe, ist die ungeheuerliche Brisanz des Rap, der sich in vielen Bereichen von anderen Musikstilen unterscheidet. Rap ist politisch, schnell, provokant und wohl nur aufgrund dieser sehr unkonventionellen Art ein wichtiger Indikator für die Stimmung auf der Straße. Rap ist unterprivilegiert und repräsentiert die Macht der Underdogs in ganz besonderer Art und Weise.

David Foster Wallace - Ein Lebensleseweg

David Foster Wallace – Ein Lebensleseweg

Obwohl „Signifying Rappers“ vor 15 Jahren geschrieben wurde und für seine erste Auflage bei Kiepenheuer & Witsch (genial von Ulrich Blumenbach übersetzt) mit einem neuen Vorwort von Mark Costello versehen wurde, scheint es gerade dieser Hauch des Vergangenen zu sein, der aus einer aktuellen Betrachtung von einst ein essayistisches Standardwerk über den Rap werden lässt. Die Musik des Jahres 1990 wird abstrakt und man schärft den Blick auf die Rapper der heutigen Zeit.

Seismographen für Ungerechtigkeit, Intoleranz und Willkür. Provokante Rufer in der Wüste, die sich auflehnen, wo Missstände um sich greifen. Unbequeme Quergeister, die mehr Menschen unmittelbar erreichen, als die scheißuninteressante gequirlte Kacke des Establishments. Der Rap in seiner ureigenen Form bahnt sich seinen eigenen Weg. Er ist die Stimme der Straße und vermag viel mehr zu bewegen, als man ihm zutraut. Er ist anstößig. Das heißt, er stößt an, was sonst garantiert unwidersprochen bliebe.

Es ist scheißinteressant zu lesen, wie zwei weiße Außenseiter versuchen, die Innenansichten einer schwarzen Musikbewegung zu erklären. Es ist scheißinteressant über den Tellerrand einer Subkultur zu schauen, die heute als HipHop schon zur Elite gehört und dem Establishment beharrlich in die Suppe spuckt. Und letztlich ist für mich ganz persönlich scheißinteressant gewesen, in diesem Essay zweier Freunde, jenen David Foster Wallace zu treffen, der mein ganzes Lesen erst einige Jahre später mit dem Unendlichen Spaß und Der bleiche König veränderte und mir die größte Anstiftung zum Denken mit auf den Weg gab.

Ach David…

Signifying Rappers - David Foster Wallace und Mark Costello

Signifying Rappers – David Foster Wallace und Mark Costello

Editorial: Die David-Foster-Wallace-Biografie von D.T. Max, Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichteeignet sich hervorragend zum besseren Verständnis und zur präzisen Einordnung des Essays in das kurze Lebenswerk meines Herzensautors, der sich am 12. September 2008 das Leben nahm.

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben [D.T. Max]

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

„Ein Leser sollte von Literatur absolut keine Ahnung haben, sonst ist er für den Schriftsteller verloren.“

Besser kann ich das Gefühl nicht beschreiben, das mich beim Lesen der Biografie Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von D.T. Max auf jeder Seite immer fester zu umklammern schien. Besser kann ich nicht erklären, warum mich dieses Buch aus dem Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch so betroffen gemacht hat und auch, warum es mich so getroffen hat.

David Foster Wallace und AstroLibrium - Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace und AstroLibrium – Ein Lebensleseregal

David Foster Wallace ist ein wichtiger Teil meines Leselebens. Seine Romane und Kurzgeschichten begleiten mich durch warme, kalte, sonnige und dunkle Lesetage. Seine Bücher haben in mir Gedanken und Gefühle freigesetzt, die kein anderer Autor zutage gebracht hätte. Und dies alles, weil ich keine Ahnung von Literatur habe.

Wie ein kindlich naiver Erstleser bin ich David durch Unendlicher Spaß gefolgt, kehre mit dem „Besen im System“ immer noch meine verstaubten Gedanken frei und habe mich gelangweilt, als ich Der bleiche König war. Seine legendäre Anstiftung zum Denken – Das hier ist Wasser (Rede vor Absolventen des Kenyon Colleges) ist lebenslang verantwortlich für meine Bereitschaft zum Perspektivwechsel.

Ich habe sehr mit David gelitten, als ich in und zwischen den Zeilen seine tiefen Depressionen erlesen konnte. Habe mit ihm gejubelt, wenn ich im Buch merkte, dass sein Schreiben euphorisch Fahrt aufnahm und reagiere immer noch emotional, wenn man mich fragt, was ich angesichts seines Selbstmordes fühlte und fühle. Ich habe keine Ahnung von Literatur. Ich bin ihm blind gefolgt, weil er meine Seele traf. Ich habe ihn nicht analysiert. Dafür bin ich zu gering.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich bin den Geschichten gefolgt, so wie sie mich ereilt haben. Nicht chronologisch sortiert, nicht am Leben von David Foster Wallace ausgerichtet. Und schon gar nicht vor dem aufgeblasen trockenen Pseudo-Hintergrund rein theoretischer Überlegungen zur Literaturwissenschaft. Darf ich bitte so naiv sein? Darf ich auch einfach nur traurig sein, dass die Geschichten von David endlich sind? Es kommt kein neues Buch, es folgt kein neuer Gedanke, er schweigt seit seinem Suizid im Jahr 2008. Es folgen nur noch letzte Zuckungen in neu entdeckten Kurzgeschichten, die erstmals auch Deutschland erreichen.

Und nun lese ich eine Biografie, die mir den Menschen und Schriftsteller David Foster Wallace noch näher bringen möchte, als dies emotional bereits der Fall ist. Das ist schweres Lesen für mich, da ich meine Bilder habe, meine Illusionen, meine Tränen. Ich hätte David gerne kennengelernt. Ihn einmal nur gesehen, vielleicht. Und doch ahne ich, dass er durch seine Depressionen ein anderer Mensch war, als ich ihn mir als Erzähler vorgestellt habe.

Ich hatte Angst davor, dass D.T. Max David Foster Wallace seziert, ausweidet und gnadenlos interpretiert, weil er sich ja nun nicht mehr wehren kann. Widerspruch ist zwecklos. Sichtlich verständlich. Ich hatte Angst davor, dass ich eine rein literarisch wissenschaftliche Krankengeschichte lesen muss, die mir ein Bild vermittelt, das in der Lage sein könnte, meine Foster Wallace Bücher zu verbrennen. Sie mit den Gedanken eines anderen zu überfrachten und mein Gefühl zu zerstören.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich möchte mein Verhältnis zu David nicht theoretisieren, ich mag es absolut nicht versachlichen und ich mag es um Himmels Willen schon gar nicht verstehen. Ich hatte eine unglaubliche Angst davor, diese Biografie zu lesen. Insofern spiegelt der Titel „Jede Liebesgeschichte ist auch eine Geistergeschichte“ mein Verhältnis zu diesem Buch wider.

Ich habe vorsichtig gelesen. Ich habe auf mich aufgepasst und war ständig bereit, es zu beenden, wenn mein Lesen in Gefahr geraten sollte. Ich ließ es sogar zu, das D.T. Max behutsam begann, mir das Schreiben von David Foster Wallace chronologisch geordnet und an sein Leben angelehnt zu vermitteln. Ich ließ es zu, eine Kette von Erzählungen, Texten, Geschichten, Reportagen vor Augen geführt zu bekommen, die ich so bisher nicht wahrgenommen habe.

Ich habe mich auf diese Biografie eingelassen und bin ihrem Weg gefolgt. Ich habe all meine Bücher von David wiedergefunden. Alle Kurzgeschichten und auch sein erstes Gedicht, das Viking Poem, verfasst im Alter von sechs Jahren. Ich habe mich lesend mit diesen Büchern umgeben, als wollte ich sie der Biografie vorstellen. Ich habe meine Lebensartikel über David gelesen, die schon immer einen großen Teil meines Schreibens ausgemacht haben.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich konnte mich nicht mehr bremsen, weil D.T. Max behutsam mit mir umgegangen ist. Und nicht nur mit mir. Er geht auch mit David Foster Wallace behutsam um. Ich fühlte, dass dieser Biograf ebenso intensiv mit meinem Idol verbunden sein muss, wie ich es für mich in Anspruch nehme. Selbst seinem Schreibstil ist anzumerken, welcher Schriftsteller ihn mehr als beeinflusst haben mag. Und zwischen den Zeilen habe ich die Achtung gegenüber einem Menschen gespürt, die für mich der Türöffner zu dieser Biografie war.

Nun habe ich die letzte Seite beendet und sitze heulend vor einem Lebensweg. D.T. Max hat nichts in mir zerstört. Er hat mich bereichert um Hintergründe, Briefe, Korrespondenzen und Aussagen von Menschen, die David persönlich kannten. Er hat mir Anknüpfpunkte aufgezeigt, die vorher eher lose Enden waren. Er hat mir die lebenslange Unsicherheit, das Zweifeln, Zaudern und Verzweifeln eines Schriftstellers so nah gebracht, dass es schmerzte.

Er hat mir Zitate von David mit auf meinen zukünftigen Weg gegeben, die mir unbekannt waren, weil sie in Briefen versteckt ruhten. Zitate, die mich fortan begleiten werden und meine Beziehung zu David Foster Wallace vertieft haben.

„Es ist fast unmöglich, über das echte Leben zu schreiben, davon gibt es einfach so viel!“

Er hat mir Davids Beweggründe mehr als verdeutlicht. Die Gründe aus denen er sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in eine Richtung bewegt hat. Und darüber hinaus hat er den realen Menschen um David herum eine Identität gegeben, die mein Idol so gerne verschleiert hat, um sie und sich zu schützen.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben von D.T. Max

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Natürlich wird man diese Biografie an Universitäten und Schulen dazu hernehmen, ein Phänomen zu erklären. Natürlich werden Leser mit neutraler Ausgangsposition auf einer sachlichen Ebene in ausgesprochen seriöser und fundierter Art und Weise über einen der außergewöhnlichsten Schriftsteller unserer Zeit umfassend informiert.

Und ja – auch die Verliebten werden mitgenommen. Bis zum bitteren Ende. Bis zu jenem 12. September 2008 in Claremont, Kalifornien. Ein zweiseitiger Abschiedsbrief – eine Garage voller Notizen und Manuskriptseiten – zwei Hunde – eine Ehefrau und eine Literaturwelt, die ins Mark getroffen war. Und Leser, wie mich…

Als im „Unendlichen Spaß“ jemand stirbt, wird er mit Hochgeschwindigkeit über die Glaspalisaden nach Hause katapultiert und schwebt nach Norden, und er stößt „einen glockenhellen und fast mütterlich besorgten Ruf zu den Waffen in allen bekannten Zungen der Welt aus“.

Daniel.T. Max hat diesen Ruf hörbar gemacht.

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben

Ich darf meine Artikel zu David ans Herz legen, womit ich auch seine Bücher ans Herz lege. Eine in Deutschland unbekannte Kurzgeschichte von David wird 2015 bei KiWi erscheinen. Ich werde sie lesen. In all meiner Naivität und Liebe.

Sehr lesenswert auch der Artikel von Jochen Kienbaum auf „Lustauflesen… Lasst euch überraschen. Man kann auch sachlich über David Foster Wallace schreiben. Eine Gabe, die ich verloren habe 😉

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Der bleiche König” (orig. The Pale King) – der totale literarische Gegenentwurf zu Unendlicher Spaß von David Foster Wallace hat mich viele Wochen lang begleitet und tiefe Eindrücke hinterlassen. Es ist ebenjener David Foster Wallace, der am Ende seiner Kraft, gezeichnet vom unerträglichen Leidensdruck seiner Depressionen und nach unzähligen vergeblichen Therapieversuchen seinem Leben am 12. September 2008 ein Ende setzte und sang- und grablos von der großen Bühne der Weltliteratur verschwand.

Es ist jener David Foster Wallace, der unvollendet aus seinem Leben schied. Er ließ neben seiner geliebten Frau und seinen beiden Hunden eine ganze Garage voller Manuskript-Fragmente zurück, die erst nach sehr intensiver und umfassender Sichtung durch Experten einem neuen Werk zugeordnet werden konnten. Es sind seine allerletzten Worte als Schriftsteller. Es sind mehr als große Worte und sie stellen sein literarisches Vermächtnis dar. In den USA avancierte der Roman The Pale King zum viel bejubelten Bestseller, wurde sogar für den Pulitzer-Preis nominiert und selbst schärfste Foster Wallace-Kritiker strecken inzwischen reihenweise ihre Waffen.

David Foster Wallace hat mit seinem großen Lebenswerk meinen Lebensweg verändert, so wie seine legendäre College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken das Leben junger Schulabgänger verändert hat. Seinen letzten Roman lesend, wurde mir jedoch schnell klar, dass ich dieses große Fragment-Puzzle nicht rezensieren kann, wie einen in sich geschlossenes Roman. Ich habe meinen Weg in seinen Etappen für mich festgehalten und veröffentliche meine Gefühle, Assoziationen und Erlebnisse als Leser von „Der bleiche König“ (Kiepenheuer und Witsch). Aber auch dieses Mosaik ergibt ein Bild – Das Bild meines Lesens!

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Vielleicht kann ich auch Euch verführen – und wenn nicht, dann warne ich vor den Büchern von David Foster Wallace… Im Folgenden könnt ihr sehen, was sie mit ihrem Leser anstellen. Lasst uns einfach beginnen:

Emotional wird „Der bleiche König“ für mich bereits im Vorwort des Autors. Er tritt erstmals in einem seiner Bücher persönlich auf und spricht mich an. Nach einem langen gemeinsamen Lesensweg, und um das tragische Ende seines Lebensweges wissend, ist dies ein Moment, der sich tief ins Herz eingräbt:

„Aber das bin ich jetzt als echter Mensch, David Wallace, vierzig Jahre alt… und ich wende mich an sie, um ihnen mitzuteilen: Dies ist alles wahr. Dieses Buch ist wirklich wahr.“

HALLO DAVID, SCHÖN DICH ZU LESEN. Ich lasse mich auf Dein Spiel ein… jetzt.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Was für ein wundervolles Spiel… was für eine einzigartige Verwirrung… was für eine Konfusion, die mich schon zu Beginn des Romans beschleicht:

„Die in diesem Buch beschriebenen Figuren und Ereignisse sind fiktiv!“

Diesen Haftungsausschluss kennt man ja schon. Was aber, wenn der Autor eines Romans eigenhändig auf Seite 73 auftaucht (und damit natürlich auch wieder als fiktiv zu bewerten ist) und behauptet: „Dies ist alles wahr“ (was natürlich demnach ebenfalls fiktiv ist). Umschlossen vom Haftungsausschluss liest man diese fiktiven Zeilen und taucht tief in der Welt eines David Foster Wallace…

Aber er wäre nicht er, wenn er nicht für helle Aufregung sorgen würde, indem er still und leise behauptet, dass das einzige fiktive Element des Romans der vorgebrachte Haftungsausschluss im Impressum des Buches sei.

Damit hebt er den Roman selbst auf die Ebene eines Sachbuches, ja, gar einer Autobiografie und wir dürfen nur zweifeln, ob er das auch wirklich so meint, wie er es schreibt. Denn wenn dem so sein sollte, dann ist der Haftungsausschluss der kürzeste Roman der Literaturgeschichte und ist doch nur Einleitung für ein eigenständiges biografisches Werk.

Herrlich – traue nie einer Verpackung, lasse dich in den Inhalt treiben und dort warten die wahren Überraschungen. Wie im Leben ereilt den Leser auch hier die Erkenntnis an einer Stelle im weit fortgeschrittenen Flickenteppich eines prachtvollen Gobelins aus meisterlicher Feder. Im Vorwort des Autors… auf Seite 73 unmittelbar nach Kapitel (§) 8!!!

Anmerkung [1]: Diese Zeilen von mir sind nicht fiktional… Absolut nicht… Nur ich selbst bin inzwischen fiktiv, womit sich ein Haftungsausschluss völlig erübrigt…

David zu lesen ist für mich immer noch eine Mischung aus purem Vergnügen und harter geistiger Betätigung. Es erschöpft und befreit zugleich. Und dabei ändert jede Zeile die Selbsteinschätzung und den tiefen Glauben an die absolute Perspektive in einer großen Geschichte… Entschuldigung, ich beginne wieder abzuschweifen, aber es geht nicht anders…. Absentiertes Lesen führt zu isolierten Bildwelten…..

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es geht nur langsam… Das Lesen unter intensiven Bedingungen… immer mal ein paar Seiten. Aber wenn ich dann in den ruhigen Minuten in „Der bleiche König“ von David Foster Wallace eintauche, dann komme ich genau in diesen Minuten in einer eigenen Welt an und betrete eine einsame Insel.

Protagonisten fliegen an mir vorbei und hinterlassen dauerhafte Spuren. Die kleine Toni Ware, ein junges Mädchen, dessen Leben von Missbrauch gekennzeichnet ist und unter dem Motto „Im einen Auto gezeugt – im anderen geboren“ steht. Ein junger Mann, der so gut und warmherzig ist, dass er seine Umgebung mit seinem Gutmenschentum in den Wahnsinn treibt und ein junges Pärchen, dem der Mut zur Liebe fehlt, was einem ungeborenen Leben das ungeliebte Leben kosten wird.

Es geht langsam – das Lesen – aber jedes Wort auf dieser einsamen Insel erinnert mich an vieles und weckt Gefühle, die ich kenne, wenn ich mich in David verliere. Es ist ein abstinentes Lesen, da man anderen Büchern für lange Zeit entsagen muss. Es ist ein weitgehend einsames Lesen, da man kaum auf Menschen trifft, die David in der Hand halten.

Es ist ein einzigartiges Lesen, da es einzig ist und bleibt. Während vieles andere verschwimmt und sich entgrenzt… David ist und bleibt David…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nachdem man schier verzweifelt auf der Suche nach dem eigentlichen Protagonisten des Romans ein wenig unschlüssig über der Druckfahne liegt, beginnt sich die Einsicht mit Donnerhall seinen Weg zu bahnen…

In zeitlosen Rückblenden und Zeitsprüngen von Schicksal zu Schicksal zeigt sich die eigentliche Dynamik der Handlung. Wenn eine starre Steuerbehörde als Institution den Kern des Buches bildet, dann sind alle Individuen die eigentlichen Protagonisten und wir erfahren, dank David Foster Wallace, mehr von ihnen, als uns lieb sein kann. Sie purzeln an uns vorbei, aber sie hinterlassen bleibende Eindrücke.

Es handelt sich nicht um Abziehbilder ihrer Selbst… Sie sind greifbar mit all ihren Schwächen und der einzigartigen Vita, die jedem Charakter zugrunde liegt. Erst so können wir uns vorstellen, welche Einzelschicksale sich in der Behörde versammelt haben, um ihrem langweiligen Job nachzugehen…

Nehmen wir David Cusk, dem es in seiner Jugend eigentlich ganz gut geht. Wäre da nicht ein Leiden, das ihn – in sich und in seinem Umfeld – zum Außenseiter werden lässt. Er schwitzt. Er transpiriert nicht, nein, er schwitzt wie ein Schwein und das in den unmöglichsten Situationen. Der Schweiß fließt ihm in endlosen Sturzbächen über das verzweifelte Gesicht und er versucht unzählige Tricks, um sein Leiden zu besiegen.

Er hält sich von Heizungen fern, geht nur im Hemd durch die winterliche Landschaft oder packt sich in Zwiebelschichten aus Bekleidung ein, um mehr ausziehen zu können, wenn das Wasser fließt. Und das Schlimmste überhaupt… je mehr er an seine Schwäche denkt, desto intensiver wird die Gefahr eines Schweißausbruchs. Es ist wie mit jedem Schicksalsschlag… je mehr Gedanken man verschwendet, desto größer wird die Angst…

Und schon fließen auch dem Leser die ersten zarten Rinnsale den Rücken herunter und man erwischt sich, wie man sich die Stirn immer häufiger abwischt… Im Schweiße meines Angesichts lese ich weiter und versuche dabei absolut erfolglos die Gedanken an Schweißperlen zu verdrängen….

Und noch mehr verdränge ich den Gedanken daran, wie dieser Junge später in feinem Anzug in einer Steuerbehörde überleben kann…. Da läuft mir der kalte Schweiß den Rücken runter….

Jetzt transpiriere ich schon wieder vor mich hin. Es fließt halt einfach so…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Ein Roman, in dessen Mittelpunkt die oberste Steuerbehörde eines Landes steht beschäftigt sich fast zwangsläufig auch mit denjenigen „Kunden“ dieser Institution, die ein lockeres Verhältnis zur geltenden Rechtsauffassung haben.

Und hier ist David so zeitlos und präzise, wie man es sich nur wünscht. Denke ich an einen ganz bestimmten „Steuersünder“ in unserem Land, der kaum verstehen kann, warum eine Selbstanzeige nicht automatisch einen (auch moralischen) Freispruch nach sich zieht, dann empfehle ich die folgenden Zeilen genau zu lesen und sie sich auf der geneigten Steuerzahler-Zunge zergehen zu lassen:

„Wenn Sie die Einstellung eines Menschen zu Steuern kennen, dann können Sie sich einen Begriff von (seiner) ganzen Philosophie machen. Wenn man das Steuerrecht erst einmal durchdrungen hat, umfasst es das ganze Wesen des (menschlichen) Lebens: GIER, POLITIK, MACHT, GÜTE, BARMHERZIGKEIT…“

Diese Zeilen im Kopf ändern meine Perspektive deutlich. David Foster Wallace schickt seine Botschaft auch nach Bayern. Man muss sie nur verstehen, dann versteht man die Maßlosigkeit anders… nämlich als selbst gewähltes Maß der Dinge… Ich denke zu viel in diesen Tagen, aber auch das geht vorbei…

Besonders interessant ist dieser Gedanke, wenn man sich vor Augen hält, dass ebenjener mutmaßliche Maßlose vor Jahren einem nicht ganz namenlosen Fußball-Trainer wegen Drogenkonsums Unzuverlässigkeit in allen Lebenslagen unterstellt hat…. pars pro toto… Nun muss er Ähnliches zu seiner Integrität erdulden… moralisch im Abseits… und die Schiedsrichter haben es bereits gepfiffen

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wo liegt die wesentliche Stärke eines Jahrhundertromans?

Einerseits sollte er einzigartig sein und andererseits mit völlig neuen Perspektiven aufwarten. Nehmen wir zum Beispiel den komplexen Apparat der US-amerikanischen Steuerbehörde. Fragt man die Bürger des Landes, dann handeln in ebendieser Behörde absolut gesichtslose Akteure, die im System so sehr aufgegangen sind, dass sie ihre Identität nur noch an der eigenen Steuernummer festmachen.

Und nun kommt ein Autor, der nicht nur den Blick hinter die Kulissen wagt, sondern sich selbst in die Rolle eines dieser kleinen Institutions-Rädchen versetzt. Er erzählt aus seiner Sicht und verleiht den bleichen Schicksalen der Behörde eine ungeahnte Tiefe. Wer sich auch immer verzweifelt auf die Suche begeben mag, wer denn nun der wahre „Held“ des Romans ist, der wird sich schnell mit dem Gedanken anfreunden, dass die Suche nach dem Ganzen den Blick auf das Mosaiksteinchen schärft und es auf diese Weise gelingt, jedes noch so kleine Steinchen zum Hauptdarsteller mutieren zu lassen.

Allein die Vorstellung, dass man am Ende des Buchs nicht nur unfassbar viele Akteure mehr als gut kennt, versteht und nicht beneidet.. Man hat ihren Weg verfolgt und liest sich in ein System hinein, das nicht ansatzweise so komplex ist, wie jeder einzelne seiner Mitarbeiter.

David Foster Wallace gelingt wirklich ein großer literarischer Wurf... Er spiegelt einen Roman in Richtung seiner Leser, denn wer von uns hatte noch nie das Gefühl, nur anonymer Teil einer Masse zu sein… unterzugehen im System und schließlich auch ersetzbar durch das nächste willfährige Rädchen, das sich frisch geschmiert in Rotation versetzen lässt?

Ein gesellschaftspolitisches Meisterstück, weil man gar nicht merkt, dass es eines ist. Indirektes Lesen… das Verständnis kommt ungezügelt genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet… Und so macht er den Protagonisten seines Romans das schönste Geschenk: er verleiht ihnen Identität; Kontur; Ecken und Kanten…. sie leben….Und weil sie leben, beginnen auch die Leser des Romans wieder zu leben… aufzuatmen und sich nicht mit dem System abzufinden… großartig

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace ist kafkaesk….

Was er aber mit Franz Kafka gemeinsam hat? Ein Versuch der Annäherung:

Kafka gehört zu den größten, aber auch umstrittensten deutschen Autoren. Von Schülern gleichermaßen ungern gelesen, zutiefst gehasst und verflucht, da sie sich der Deutungshoheit der allwissenden Lehrkörper zu unterwerfen haben. Doch Kafka trifft keine Schuld.

Kafka hatte testamentarisch die Veröffentlichung seiner fragmentarischen Romane untersagt. Er wollte nicht, dass sie gelesen, gedeutet, zerfleddert oder kritisiert werden. Kafka muss genau gewusst haben, was mit seinen Unvollendeten passiert. David Foster Wallace nahm sich das Leben, bevor „Der bleiche König“ beendet war. In der Garage fand man die Manuskriptseiten, ordnete sie und veröffentlichte sie in der Hoffnung, dem Fragment einen Sinn gegeben zu haben.

Er konnte sich nicht dagegen wehren und falls heute jemandem dieses Buch nicht gefällt… immer daran denken… es ist kafkaesk, weil unvollendet und es lag nicht in der Absicht des Verfassers es so veröffentlicht zu sehen. Dies sollte man bedenken, wenn man leichtfertig schreibt… „unverständlich… unlesbar… was soll das…“

Davids Fragment ist ein fast fertiges Mosaik... ein gewaltiges Bild, auf und in dem man sich bewegen kann. Ein Kunstwerk – ich bin froh, dass man ein Buch daraus gemacht hat! Sehr froh… Franz Kafka und David Foster Wallace – Fragmentaristen auf der Suche nach dem großen Ganzen…

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Nun hatte er endlich seinen schillernden ersten Auftritt. Der bleiche König, derjenige, der im undurchschaubaren System der US-amerikanischen Steuerbehörde alles, aber auch wirklich alles zu durchschauen scheint. Ja, die ultimative graue Eminenz Glendenning lässt im Gespräch mit ahnungslosen Mitarbeitern Weisheiten vom Stapel, die den Kern jeder modernen Demokratie im Kern erschüttern.

„Frag nicht was dein Land für dich tun kann… frag dich, was du für dein Land tun kannst!“ Diesen legendären Ausspruch von John F. Kennedy als roten Faden in der Hand haltend erteilt uns David Foster Wallace aus der klaren Perspektive Glendennings einen staatsbürgerlichen Unterricht allererster Güte.

David knüpft hier an die unfassbare Tiefe seiner legendären College-Abschlussrede Das hier ist Wasser – eine Anstiftung zum Denken an, die in ihrem genialen Perspektivwechsel Generationen junger Studenten beeinflusst und spiegelt dabei seine Haltung gegenüber Regierungen und Regierenden auf den Leser zurück.

David Foster Wallace - Das hier ist Wasser - Eine Anstiftung zum Denken

David Foster Wallace – Das hier ist Wasser – Eine Anstiftung zum Denken

Allein dieses Kapitel macht das gesamte Werk mehr als lesenswert.

Die Individualisierung des Menschen, der ständig wachsende Ich-Bezug und die Kritik am gewählten System sind Ursachen für die Wurzeln des Übels einer Demokratie. Nicht mehr das Gemeinwohl zählt… nein… durch Votum bei einer Wahl überträgt man diese sozialen Aufgaben dem Staat. Nur um dann genau gegen diese gesellschaftlich übertragenen Aufgaben zu rebellieren.

Steuerhinterziehung, Umweltverschmutzung und Kriminalität... Symptome einer kranken Gesellschaft, in der jeder nur noch auf sich schaut, aber doch voll berechtigtes Mitglied einer Gesellschaft sein möchte, wenn es darum geht, Sozialleistungen zu empfangen…Man sollte David zuhören… er spricht nicht nur von den USA… ein unfassbar facettenreiches Buch…!

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Es tut nicht weh!!!!!!!

Kaum kümmert sich das Feuilleton um den letzten Roman von David, kaum werden intellektuelle Leseschleifen angelegt, da entsteht auch schon der bleibende Eindruck, dass man es mit einem Buch für die literarische Elite unseres Landes zu tun hat. Vergleiche und Interpretationsansätze scheinen bezwecken zu wollen, dass der jeweilige Kritiker mit seinen jeweiligen Ergüssen signalisiert, dem Werk gewachsen und damit auch würdig zu sein.

DIESES BUCH IST NICHT ELITÄR!

Ich selbst gehöre definitiv nicht zur geistigen Elite dieses Landes – ich lese gerne ganz normale Romane und vertiefe mich in leicht greifbare Stoffe. Ich lese David Foster Wallace so leidenschaftlich gerne, weil ich ihn verstehe und er mich anspricht. Nicht gefährlich ist dieses Buch – wie man auf dem Bild sieht, man kann es sogar anfassen, ohne dass es dem Leser die Hand verbrennt. Es ist keine obskure Scharlatanerie, die hier betrieben wird und es ist in sich verständlicher als manch leicht zugängliches Werk.

ABER: Es verankert sich tief im Gedächtnis, es haftet sich fest, nistet sich ein und in den alltäglichsten Situationen wird man von Bildern angesprungen, die man eben noch gelesen hat. Das ist nicht elitär. Man ist auch niemand Besonderes, wenn man sich mit der Aura dieses Romans umgibt. Es ist letztlich nur ein Buch. Eines in einer ganz besonderen Art und von unfassbar seltener Struktur. Nicht der Autor gibt den Weg des Verstehens vor. Der Leser darf dies ganz alleine bewerkstelligen. Man legt sein eigenes Mosaik und ist Herr der eigenen Deutungshoheit.

WANN HAT MAN DAS SCHON?

Ich habe es angefasst und lege genau diese Hand für David Foster Wallace ins Feuer.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Wobei ich ja finde, ab einem gewissen Punkt sollte man einfach die Zähne zusammenbeißen und das Blatt, das man vom Leben erhalten hat, nach bestem Wissen und Gewissen ausspielen.“

Chris Fogle im 22. und absolut längsten Kapitel des Romans.

Die Annäherung an diesen jungen und rebellischen Mann fällt nicht leicht. Es ist umständlich, ihm durch Drogenkonsum und hunderte verpasste Lebenschancen, von Schulabbruch zu Schulabbruch zu folgen und sich dabei selbst als Spielball seiner Eltern sehend. Wir hätten ihn der sogenannten 68er Generation zugeordnet. Rebellisch und sich gegen Autoritäten auflehnend und trotzdem wie die Made im Speck im Hause der Eltern lebend. Ein Kampf gegen das System – aus dem System heraus. Bequem eben.

Und dann steuert dieses Kapitel mit Vater und Sohn in einen U-Bahnschacht… man ist in Eile… die Bahn muss erreicht werden, doch der Sohn lässt sich in stillem Protest ein bisschen zuviel Zeit. Vater wartet eine Sekunde zu lange. Eine Tür schließt sich. Ein Arm des Vaters im Wagen, der Rest des Vaters auf dem Bahnsteig. Langsame Abfahrt. Langsames Laufen. Doch bei ganz genau 87 km/h kann man das Laufen nicht mehr als solches bezeichnen.

Der Tod kommt rasend schnell und doch in einer literarischen Genialität verfasst, dass man eigentlich fliegt und doch in Zeitlupe zuschaut. Der Tod kommt unfassbar brutal. Ebenso brutal wie jahrelange Rechtstreite mit Bahnbetreibern und Gutachtern. Verantwortungskultur in Reinform.

Der Schuldige….? Nun, er muss damit leben, einen kleinen Moment zu lange zu still und zu langsam gegen den Vater protestiert zu haben. Eine tragische und tödliche Sekunde, die alles verändert.

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

An manchen Lesetagen verfestigen sich Zitate aus dem großen letzten Buch unseres Lieblingsautors. Sätze wie Donnerhall, die eigentlich dem Schauplatz des Romans gelten: der amerikanischen Steuerbehörde und ihren Eigenarten als Institution nach innen und außen. Die Rolle der Mitarbeiter? Ganz klar auf den Punkt gebracht in einem Schlagwort, und genau diese Zeilen nimmt man mit in den Alltag. Fragend und zweifelnd – lachend wenn es nicht so ist, aber doch wachsam. Denn wehret den Anfängen:

„Wir suchen Zahnräder – keine Zündkerzen!“

Menschen in der aberwitzigen Welt unmenschlicher Großraumbüros:

„Das Auffallendste daran war die Stille. In dem Saal saßen mindestens 150 Männer und/oder Frauen, allesamt hoch konzentriert bei der Arbeit, und doch war der Saal so still, dass man eine Unregelmäßigkeit in der Türangel hören konnte… An die Stille erinnere ich mich am meisten, weil sie gleichzeitig sinnlich und unstimmig war…“

David Foster Wallace - Eine Anstiftung zum Lesen

David Foster Wallace – Eine Anstiftung zum Lesen

Auf der Suche nach meinem Highlight des Lesens werde ich bei „Der bleiche König“ sehr schnell fündig. Zurückgezogen und allein gelesen… intensiv inhaliert und täglich neu verarbeitet… tausende von Eindrücken gespeichert und eine unglaubliche Vielzahl von Inspirationen auslösend. Fühlend, riechend, schmeckend, schwitzend und rasend bin ich dem Roman gefolgt – und er mir.

DER BLEICHE KÖNIG von David Foster Wallace ist ein Buch, das auf den ersten Blick wie eine uneinnehmbare Festung wirkt, die aber beim intensiven Blick in jeden einzelnen Raum des Komplexes ganz neue Perspektiven gestattet und eine Welt voller Emotionen zeigt. Mit David hat für mich vieles begonnen. Seine Bücher haben mir die Augen geöffnet.

Unendlicher Spaß“ war für mich Zeichen meines persönlichen Aufbruchs in eine Zeit an der literarischen Seite eines besonderen Menschen. „Der bleiche König“ stellt, wie ein sich schließender Kreis, den Schlusspunkt dieses Weges dar. Alles begann mit David und alles endet fünf Jahre später mit ihm. Was nicht endet, ist mein Weg an seiner Seite, denn ich hinterließ keine Garage voller Manuskripte. Ich trage sie immer bei mir. Auch wenn der letzte Satz geschrieben und das letzte Wort gesagt ist. Mein Lebenszitat aus seiner Feder wird zeitlos bleiben:

„Sie hat das Gesicht eines weiblichen Engels, weniger sexy als engelhaft, als hätte sich das Licht der ganzen Welt verdichtet und Gesichtsform angenommen. Oder so.“

Danke David – für alles…

David Foster Wallace - Mit einem Klick zu meiner ganzen Artikelwelt und mehr

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Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – Ein Leben von Daniel T. Max – Verlag Kiepenheuer & Witsch

Was ist, wenn man einen Schriftsteller vorbehaltlos verehrt? Was, wenn man fast alle seine Bücher und Essays gelesen hat? Was, wenn er Selbstmord begeht? Was, wenn euch dann jemand in einer Biografie diesen Menschen näherbringen möchte?

Ich hatte große Angst davor, dass diese Biofgrafie meine Bilder zerstört und mit Eindrücken überlagert, die ich niemals gewinnen wollte.

Warum ich die Angst verlor….

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben

Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte – David Foster Wallace – ein Leben