„LENNON“ von David Foenkinos

Lennon von David Foenkinos

Walking on thin ice, I’m paying the price…

Diese Liedzeile vibrierte wohl noch in der New Yorker Luft, als John Lennon am 8. Dezember 1980 das Record-Plant-Studio verließ und gemeinsam mit seiner Frau Yoko Ono nach Hause ging. Vor dem Dakota Building wartete Mark David Chapman auf das Paar. Der Mann, dem John Lennon noch am Vormittag beim Verlassen des Gebäudes ein Autogramm gegeben hatte. Diesmal jedoch wollte er kein Andenken vom Musikidol einer ganzen Generation. Er erschoss John Lennon aus sechs Metern Entfernung. Der Song, den Lennon an diesem Tag im Studio aufgenommen hatte, scheint zur Metapher dieses Anschlages zu mutieren. Ich gehe auf dünnem Eis und zahle den Preis…

Gerade mal 18 Jahre alt war ich an diesem Tag, als Nachrichtenfetzen vom Mord an John Lennon berichteten. Ich fühlte mich so unverletzlich wie der Kopf der Beatles, war davon überzeugt, dass man wie er aus dem Bett heraus die Welt verändern könnte und dass Musik eine Waffe gegen die Gleichgültigkeit und Kälte war. Weltweites Entsetzen und stumme Aufschreie seiner Fans setzten ein. „Imagine“ wurde zum Soundtrack der Stunde. „Give Peace a Chance“ entwickelte sich zum Rhythmus der Trauer. Und nicht zuletzt blickten wir alle auf eine wohl beispiellose Zeit zurück, die heute als die Epoche der Beatles gilt. Der Gedanke an diesen Tag lässt eine Melancholie in mir auferstehen, die mich nie ganz losgelassen hat. Ein einziger Song der Beatles reicht mir schon aus. Manchmal auch ein einziges Wort. „Imagine…“ Dann bin ich wieder dort…

Lennon von David Foenkinos

„Walking on thin ice“. Auf ebensolches dünnes Eis begibt sich auch ein Schriftsteller, wenn er heute über John Lennon schreibt. Besonders dann, wenn er versucht sich ihm in einem biografischen Roman zu nähern, der geeignet scheint, eine Ikone vom Sockel zu stoßen. Besonders dann, wenn er eine Ausgangssituation wählt, die echte Fans von John Lennon erschaudern lässt. Besonders dann, wenn er vorgaukelt, mehr zu wissen, als Lennon selbst jemals preisgeben wollte. David Foenkinos, ein Schwergewicht der französischen Literatur, begibt sich mit seinem neuen Roman „Lennon“ auf das dünne Eis einer fiktionalen Betrachtung eines omnipräsenten Künstlers, dessen Spuren durch die Zeit weichgespült und idealisiert wurden. Die Frage ist: Will ich das lesen?

Will ich einen John Lennon erleben, der über einen Zeitraum von fünf Jahren seinem erfundenen Psycho-Therapeuten das Herz und die Seele ausschüttet? Möchte ich zum Zeugen fiktiver Sitzungen werden, in denen John Lennon auf der Couch liegend auf ein Leben zurückblickt, von dem wir heute nur das Positive in Erinnerung behalten wollen? Möchte ich den zerbrechlichen, zerrissenen, zugekifften, gewalttätigen, egozentrischen und psychotischen Lennon kennenlernen, den ich als genialen Sänger, Weltveränderer und Friedensaktivisten im Herzen trage? Will ich mich unter den Sockel dieses Buches stellen und darauf warten, bis mir die Ikone Lennon zerbrochen in die Arme fällt. Nein. Will ich nicht.

Lennon von David Foenkinos

Und doch lese ich, weil mich David Foenkinos bisher noch nie enttäuscht hat. Ich lese weil er mir mit „Charlotte“ einen der außergewöhnlichsten Romane geschenkt hat, den ich je lesen durfte. Ich lese, weil mir „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ so viele Facetten des Lächelns abgerungen hat, wie selten zuvor in meinem Lesen. Ja, ich lese „Lennon“, weil ich einem Schriftsteller vertraue und doch erwarte ich, ihn auf dem dünnen Eis dieses Projekts einbrechen zu sehen. Einfach nur, weil ich vielleicht Dinge erfahre, die ich gar nicht wissen möchte und die vor dem Hintergrund eines Romans in jeder Beziehung interpretierbar und faktenfrei sind. Ich mag meinen John Lennon so in Erinnerung behalten, wie ich mir einbilde, dass es ihm gerecht wird.

Und ich mag mich ab und an in Yoko Ono hineindenken, deren eigenes Leben am Ende war, als sie die Schüsse vor dem Dakota-Building hörte. Ich möchte mir das nicht kaputtmachen lassen. Auch nicht von Foenkinos. Gerade nicht von ihm. Und dann bin ich lesend auch schon an dem Punkt angelangt, der mir Kopfschmerzen bereitet. Höre John Lennon zu, der auf der Couch liegend einen wahren Seelenstriptease vorführt, in seine Kindheit und Jugend zurückblickt und sich seinem Therapeuten so schonungslos öffnet, wie es wohl in der Realität niemals geschehen ist. Aus der Ich-Perspektive wird nun erzählt, was man vielleicht vermuten, aber nicht wissen konnte. Schwere Kindheit, Vereinsamung, fehlende Nestwärme, Vaterkomplex… alles, was es so braucht, um zu erklären, warum man später auf die schiefe Bahn geraten war.

Lennon von David Foenkinos

Ich breche ab. Zuviel für mich. Das ist nicht Lennon. Das hört und fühlt sich nicht nach ihm an. Ich verabschiede mich ins Internet, suche nach Interviews und Aufnahmen aus der New Yorker Zeit, Statements zu seiner Karriere und werde stutzig. Ich wollte es so vielleicht nie hören, aber ich erkenne die Stimme und den Tonfall aus dem Buch wieder und lese weiter. Vielleicht hat David Foenkinos aus seiner Warte als Schriftsteller mehr gehört, genauer zugehört, neutraler betrachtet und ist deshalb zu einer Sichtweise des Erzählens gelangt, die John Lennon eher gerecht wird, als jeder verklärte Blick von mir. Ich lasse mich auf Foenkinos und seinen „Lennon“ ein. Nun ohne Vorbehalte. Erkenne und realisiere, wie er das Idealbild von Lennon in ein brutal zerrissenes Puzzle zerlegt und es dann Stein für Stein wieder zusammensetzt. 

Das so entstehende Portrait sieht am Ende so aus, wie das Bild, an das ich mich erinnern wollte. Jetzt erst erkenne ich all das, was meine eigene Vorstellung auf dem Bild übertüncht und überschminkt hatte. Aus kleinen Falten im Gesicht werden Narben, aus Grübchen Gruben und aus dem bohrenden Blick wird ein Hilfeschrei. Das ist keine Demontage eines Idols. Es ist das Erden einer Ikone. Was auf diese Weise entsteht ist der ungeschönte Abriss der Geschichte der Beatles, die Beschreibung aller Kollisionen und der Abgesang auf die Musikindustrie jener Tage. Der Soundtrack des Romans ist die Anthologie der Beatles-Songs und die Beatlemania hämmert ihre fatalen Rhythmen in und zwischen die Zeilen. Nein. Foenkinos hat Lennon nicht zerstört, er hat ihn nicht erhöht, er romantisiert ihn ebenso wenig, wie er ihn schlachtet. Ich habe das Gefühl, in der Tiefe der Auseinandersetzung mit John Lennon etwas gewonnen zu haben. Etwas, das ich nie wahrhaben oder erkennen wollte. Einen Blick ins Innere, der plausibel und ehrlich erscheint.

Lennon von David Foenkinos

Lennon ist fiktionale Künstlerbiografie und tatsächliche Kulturstory von Format und wird gerade bei eingefleischten Fans des Sängers sehr polarisieren. Entweder ich liebe, oder ich hasse dieses Buch. Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich bin mit diesem Roman im Reinen. Ich bin mit meiner Erinnerung im Reinen. Und vielleicht bewirkt dieses Buch ganz nebenbei noch etwas, was Biografien bisher nicht gelang. Es wirft ein neues Bild auf jene Yoko Ono, die heute noch als die skrupellose Frau gilt, die den Beatles den Todesstoß versetzte. Sie wird immer noch als die Egomanin gesehen, die John Lennon, wie bei einer feindlichen Übernahme besetzte und ihn seiner eigenen Vergangenheit entfremdete.

David Foenkinos hat das gut gemacht. Ich verdanke diesem Roman, dass ich mich mal wieder in meine Jugend fallen lassen konnte, meine Playlist von damals erneut im Ohr habe und an den 8. Dezember 1980 denken kann, ohne in Schockstarre und pure Resignation zu verfallen. Manchmal braucht man einen guten Freund, der einem dabei hilft. Manchmal kann ein Schriftsteller ein guter Freund sein. David Foenkinos ist nicht im dünnen Eis eingebrochen. Er hat es ein wenig tragfähiger gemacht. Danke dafür. Es klingt wie ein alter Beatles-Song, den ich jetzt ganz leise höre, wenn ich hier an diesen Roman denke. Manchmal braucht man einen Freund, für einen neuen Blick aufs Leben.

No, I get by with a little help from my friends
Mm, I get high with a little help from my friends
Mm, gonna try with a little help from my friends

Lennon von David Foenkinos

David Foenkinos – „Das geheime Leben des Monsieur Pick“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Die Literatur schreibt die größten Geschichten selbst. Sagt man doch so, oder? Es ist wie mit dem Leben. Da braucht es keine Fantasie oder gar kreative Gedanken. Man nennt es landläufig nur Schicksal und schon ist die beste Story der Welt im Kasten. Das muss sich auch David Foenkinos gedacht haben, als er sich Das geheime Leben des Monsieur Pickausgedacht hat. Da setzt sich ein renommierter Schriftsteller hin und konstruiert die Ausgangssituation für einen Roman so plausibel und brillant, dass er im Verlauf seiner Geschichte in der Lage ist, die gesamte Buchbranche auf die Schippe zu nehmen. Und das geht so:

Nehmen wir einmal an, es gäbe in einem kleinen französischen Städtchen eine kleine Bibliothek. Nehmen wir darüber hinaus an, der dortige Bibliothekar wäre der Anhänger einer Idee, die es in Amerika zu bescheidenem Ruhm gebracht hätte. Nehmen wir an, dieser Bibliothekar würde den Leitgedanken der Brautigan Library in der Bretagne mit neuem Leben füllen und eine Bibliothek der unerwünschten Manuskripte aufbauen. Richtig gelesen. Jean-Pierre Gourvec kann sich die Höllenqualen abgelehnter Autoren nur zu gut vorstellen und bietet ihnen die Möglichkeit, ihre von den Verlagen ignorierten literarischen Totgeburten aufzunehmen und für die Nachwelt zu bewahren.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, sich auf diesem Wege vom Druck befreien zu können, einen Herzenstext nicht veröffentlichen zu können? Für Gourvec ist es wie der Jakobsweg der Literatur und es dauert nicht lange, bis die Wallfahrten der erfolglos schreibenden Autoren einsetzt. Er braucht schnell Verstärkung und engagiert eine Frau, die nun wirklich über die besten Voraussetzungen für den Job verfügt. Sie interessiert sich nicht für Literatur, war aber schnell genug mit ihrer Bewerbung. Magali wird in den folgenden Jahren des Aufschwungs der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte fast unverzichtbar für Gourvec. Bis zu seinem Tod.

Und schon ist er fertig, der brillante Erzählraum von David Foenkinos. Jetzt kann er richtig loslegen und sein Szenario in vollen Zügen genießen. Und wie er es genießt. Das spürt man auf jeder Seite, in jeder Zeile und fast bei jedem Wort. Auftritt Delphine Despero. Die erfolgsverwöhnte Lektorin spürt den Druck des Buchmarktes am eigenen Leib. Nach einem überraschenden Bestseller muss sie erneut liefern. Nur kann sie jetzt nicht auf ihren Freund setzen, der ihr zum letzten Erfolg verhalf, jetzt aber nichts mehr zustande bringt. Der Zufall (oder das Schicksal) springt sie an. Sie hat Glück, denn bei einem Besuch in der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte stößt sie auf ein Werk, das alle Voraussetzungen erfüllt, den Buchmarkt zu erobern.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Hier setzt David Foenkinos das Skalpell an, hier vollführt er seine Schnitte mit einer chirurgischen Präzision, die der Buchwelt alle Masken aus dem Gesicht schneidet. Man stürzt sich auf das geheimnisvolle Werk. Der Inhalt ist zwar relevant, eine schöne Story ist es ja schon, aber die Geschichte rund um diesen Roman und den geheimnisvollen und bereits verstorbenen Verfasser macht ihn zum begehrten literarischen Objekt. Wir werden Zeugen von Recherchen im Umfeld des Autors. Grandios, dass er Pizzabäcker war. Grandios, dass er scheinbar unbelesen war. Grandios, dass seine Familie nichts davon ahnte, dass er jemals etwas geschrieben hat. Grandios. Grandios. Grandios.

Wir erleben Vertreterkonferenzen, fühlen die elektrifizierende Wirkung im Verlag und erleben das, was man gemeinhin als Hype bezeichnet. Das Buch des Pizzabäckers aus der Bretagne wird zum Bestseller. 300000 Exemplare gehen in kürzester Zeit über die Ladentische. Der Buchhandel ist entzückt, die Medien drehen durch und in der Familie von Monsieur Pick beginnt man die Tantiemen zu zählen. David Foenkinos zelebriert alle Automatismen der Branche. Er wirft satirisch anmutende und doch so reale Blicke hinter die Kulissen der Verlagswelt und lässt seine Leser auf einer Welle des Genusses durch seinen Roman reiten.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Dabei führt er uns andere Erfolge der französischen Literatur vor Augen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Geschichte, denn Romane wie „HHhH“ von Laurent Binet und Unterwegs zu Swann von Marcel Proust haben ihre so eigenen unverwechselbaren Geschichten und zeigen, wozu unser Buchmarkt immer wieder in der Lage ist. Plötzlich wird das Schicksal, unveröffentlicht zu sein zum Prädikat. Verlage springen auf den Zug auf und der große Reibach beginnt allumfassend. Man könnte brüllen vor Lachen, wenn man nicht gerade Buchliebhaber wäre und langsam den Wahrheitsgehalt dieser Story begreifen würde.

Wir taumeln durch eine Erfolgsgeschichte, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Kein Erfolg ohne Neider. Kein Hype ohne Haar in der Büchersuppe und nichts geht ohne, dass man zwanghaft versucht ist, auch das letzte kleine Mysterium im geheimen Leben des Monsieur Pick zu lösen. Ein abgehalfterter Kritiker macht sich auf die Fährte. Er will seine Sensation. Er will aufdecken, was bisher den Zauber der Geschichte und damit den Erfolg garantierte. Er will beweisen, dass es unmöglich der Pizzabäcker aus der Bretagne gewesen sein kann, der diesen grandiosen Roman verfasst hat. Ich folge ihm. Freue mich auf weitere Wendepunkte in der wundervoll erzählten Geschichte von Foenkinos und begehe den Lesefehler meines Lebens, weil ich lesend verdrängt habe, wessen Buch ich hier lese. Wessen Hörbuch ich mit einem brillanten Axel Milberg hier höre. Es geht um den Autor von Charlotte. Das hatte ich verdrängt.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Oh Mann – Da schreibt dieser David Foenkinos über 280 Seiten einen unglaublich satirischen und unterhaltsamen Roman über die Welt des Buchmarktes. Da fabuliert er, überzeichnet, persifliert und packt mich mit jeder Seite und jedem neu auftretenden Charakter neu. Im Hörbuch bringt mich Axel Milberg mit seinem scheinbar harmlosen Charme, wohl wissend was folgt, immer wieder zum Schmunzeln und ich treibe freudig durch die Wortwogen. Und dann… Dann nähert sich David Foenkinos dem Ende seiner Geschichte und zieht mich an den Füßen in die Tiefe seines Könnens. Da ist er wieder. Jetzt ist er der große tragische Romantiker, dem ich bereits in „Charlotte“ begegnete und ich schäme mich der Tränen und der Rührung nicht, die nun das Lesen begleiten.

David Foenkinos bringt “Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zu einem völlig anderen Ende, als man dies auf den ersten 280 Seiten erwarten konnte. Er hat seine Ausgangssituation nicht gebraucht, um eine Satire zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Er hat die Satire gebraucht, um über den wahren Wert der Literatur zu schreiben. Und hier setzt dieser Roman Maßstäbe, weil Foenkinos die losen Enden seiner Handlungsfäden zu einer Botschaft verwebt, die uns Büchermenschen im Herzen trifft. „Bücher können dein Leben verändern, selbst wenn du schon lange gestorben bist.“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

„Charlotte“ von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Charlotte Salomon und Raily

Dann fing ich an, mir Notizen zu machen.
Notizen über Notizen, jahrelang…
Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz kam ich ins Stocken.

Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte ständig den Drang, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.

Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

David Foenkinos – Charlotte – DVA

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Wie sollte ich rezensieren, was er kaum niederschreiben konnte?
Wo sollte ich nach dem Lesen ansetzen?
Wie einen Roman, der aus bloßen Sätzen besteht, in meinem Stil besprechen?
Aus Sätzen, die durch Atempausen getrennt sind.
Um durchatmen zu können.
Durfte ich seinen Rhythmus zerstören?
Musste ich nicht selbst pausenlos durchatmen, um voran zu kommen?

Ist es nicht gerade dieser Rhythmus gewesen, der mich fesselte?
War es nicht dieser Zyklus aus Lesen und Atmen, der mich zu Charlotte führte?
Habe ich nicht die Beklemmung des Autors gespürt?
Hatte sie nicht in mir selbst Wurzeln geschlagen?
Ihre Atemlosigkeit und Angst in mich gekrallt?
Ich habe es gar nicht erst versucht, anders zu denken.
Ich begriff, dass ich diese Rezension genau so schreiben musste.

Charlotte Salomon.
Eine Heldin ist geboren.
Schreibt David Foenkinos in seinem Buch.
Ab dem 16. April 1917 durchschreit Charlotte jede Nacht.
Nicht einverstanden mit dem Licht der Welt.
Vielleicht weil sie als Neugeborenes schon ahnt…?

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Ihr Leben steht unter keinem guten Stern.
Mutter setzt dem ihren ein freiwilliges Ende.
Was man dem kleinen Mädchen verschweigt.
Grippe sei es gewesen. Lapidar erklärt.
Eine Wunde die nie heilt.
Der Vater in seiner Medizin versunken.
Flucht in den Beruf. Was sonst.
So schleppen sich die Jahre dahin.
In einer eigenen Welt.

Bis auch Charlotte eine findet, die für sie geschaffen scheint.
Charlotte zeichnet. Charlotte malt.
Sie lebt die Kunst. Sie ist begabt, wie keine Zweite.
Und das in einer Zeit, in der es doppelt schwierig wird.
Kunst wird entartet. Künstler verspottet und verboten. Verlacht. Verfolgt.
Seit 1933 bestimmt das Braune, welche Farben dominieren.
Und Charlotte Salomon ist Jüdin. Doppelt schwer.

Ihr Vater, frisch verliebt verkennt die Gefahr.
Und doch zieht sich das Leben enger um den Hals der jungen Frau.
Kultur und Kunst sind keine Fluchtburgen mehr.
Wenn Synagogen und Bücher brennen, dann brennen auch die Bilder.
Und wenn die Bilder brennen, gibt es keine Herzen mehr, die malen.
Charlotte kämpft um alles, was ihr lieb ist.
Sie liebt was in Gefahr ist.
Bis die Gefahr um sie herum sie zu verschlingen droht.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Der Krieg bricht aus. Gewalt bricht los. Es bleibt die Flucht.
Nach Frankreich. 1939. Zu den Großeltern, die vorher gingen.
Doch Sicherheit ist ein trügerisches Gut. Die Grenzen fallen.
Die Nazis sind da. 1940. Und mit ihnen kommt der Tod.
Verfolgung. Internierung.
Großmutter suizidiert sich in die selbstbestimmte Rettung.
Charlotte wird inhaftiert.
Kommt zufällig frei mit ihrem alten Opa und versinkt im Chaos.

Therapie und Kunst.
Zwei mächtige Gesellen begleiten ihre Angst.
Im Verborgenen malt sie wie eine Besessene.
Ihr Leben. In zwei Jahren entstehen über tausend Bilder.
Stationen der Angst.
Bilder als innerer Widerstand gegen das Reich der tausend Jahre.
Ein Arzt an ihrer Seite.
Eine Liebe auf ihrem Schoß.
Freiheit durch Kunst.

Sie malt, um nicht verrückt zu werden in all dem Theater.
Malt gegen sich und die Welt an.
Malt um zu erinnern.
So wie sie damals schrie nach der Geburt, malt sie nun die Gewalt.
Leben? Oder Theater. So heißt der Zyklus ihrer Bilder.
Das Leben weicht dem Rassebild des Feindes. Endlösung.
26 Jahre alt und wissend was kommt, vertraut sie ihrem Arzt die Bilder an.
Mit Worten die mich weinen ließen:

C`est toute ma vie. Das ist mein ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos – Ein Stolperstein

Was folgt war klar. Zumindest ihr.
Verrat. 1943. Ein Zug. Eine ewige Fahrt.
Eingezwängt. Deportation.
Charlotte schwanger, der Mann ihrer Liebe an ihrer Seite.
Bis zum Schild.
Arbeit macht frei.
Bis zur Rampe.
Selektion.
Beruf? Zeichnerin, ihre Antwort.
Das sei kein Beruf, bekommt sie zu hören.
Aber schwanger. Das ist ein Argument für den Nazi.

Sie zur einen Seite. Ihre Liebe auf die andere. Getrennt.
Er zerbricht an Zwangsarbeit und stirbt drei Monate später.
Charlotte stirbt sofort.
Zu zweit.
Im Gas.


Was bleibt, sind ihre Bilder.
Was bleibt ist dieses Buch.
Was bleibt, ist es zu lesen.

Foenkinos gelingt ein Wunder.
In der Verknappung liegt die Magie, in jedem Wort sein Zauber.
In jedem Satz brilliert er durch seine Nähe zu Charlotte.
Er schreibt sie uns ins Herz und in den Verstand.
Nicht anders hätte er schreiben können. Nicht schreiben dürfen.
Ich verneige mich tief vor diesem Buch, vor jedem Wort.

Charlotte Salomon und Peggy Steike

Charlotte Salomon und Peggy Steike

„Charlotte“ zu lesen ist wie in eine Lawine aus Zeit zu geraten.
Mitgerissen zu werden ohne sich selbst retten zu können.
Zu versinken und gleichzeitig emporzustreben.
Die Erinnerung festzuhalten, ihre Bilder zu betrachten.
Es ist ihr ganzes Leben. Es liegt nun in unseren Händen.

Finis

Diese Worte mit Atempausen sind „meiner Charlotte“ gewidmet.
Die atemlos getrieben Gegen das Vergessen malt.
Die nachts in dunkler Zeit versinkt.
Die an Menschen erinnert, die vergessen werden sollten.
Peggy Steike.

Wenn sie mir den Koffer mit ihren Bildern anvertrauen würde.
Mit all den Opfern, die sie malte und deren Würde sie bewahrte.
Ich weiß, was sie zu sagen hätte:

Das ist ihr ganzes Leben.

Charlotte von David Foenkinos

Charlotte von David Foenkinos

Das war noch nicht das Ende, weil es nie ein Ende geben wird.
Nicht zu Charlotte.

Es wird die Dimension jenseits des Lesens und Sehens folgen.
Charlotte wir hörbar. In allen Klangfarben dieser Welt.
Im Hörbuch aus dem Hause „Der Hörverlag“.
Und als Audio-Rezension bei Literatur Radio Bayern.

Wer ihr Herz und Augen geschenkt hat, sollte die Ohren folgen lassen.

T o be continued...

Mit einem Klick zu meiner Radio-Rezension… Charlotte

Ein gewichtiges PS: Julias „Charlotte“-Rezension auf „Ruby`s Cinnamon Dreams“ zu lesen ist für mich, wie nach Hause zu kommen. Sie wird dem Buch so gerecht. Eine weitere interessante Stimme zum Hörbuch findet man auf der Kleinen Bücherinsel von Simone. Lesenswert. Auch Eva hat Chalotte auf Scatty´s Bücherblog verewigt.

Ein Koffer mit dem Vermächtnis seiner Besitzerin… Die tragische Gemeinsamkeit Charlottes mit der jüdischen Schriftstellerin Irène Némirovsky

Irène Némirovsky - Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos

Irène Némirovsky – Die Biografie und Charlotte von David Foenkinos