„Die Mitternachtstür“ von Dave Eggers

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers? Ein Roman für Kinder ab 11 Jahren? Ja – richtig gelesen. Ein Autor, der bisher ausschließlich das gehobene Erwachsenen-Segment der Belletristik bedient hat und mit Büchern wie „Der Circle“ und „Bis an die Grenze“ die Bestseller-Listen zu dominieren wusste, dessen neuer Roman „Der Mönch von Mokka“ gerade erschienen ist, begibt sich in eine kindertaugliche Erzählwelt? Mal ganz unabhängig davon, welche Risiken er hier eingeht, es ist einfach mutig und schon gewagt, den Nachweis antreten zu wollen, auch von jüngeren Lesern verstanden zu werden. Dabei ist Eggers bekannt dafür, seine Stories komplex anzulegen, ihnen in mehreren Handlungssträngen und im Detail ausgearbeiteten Charakteren literarische Schlagkraft zu verleihen. Ich war mehr als gespannt, als ich erfuhr, dass er „Die Mitternachtstür“ aufstoßen und neue Welten betreten würde.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Eine spannende Rahmenhandlung zu gestalten, ja, das traue ich ihm jederzeit zu. Leser zu fesseln und bei der Stange zu halten, Cliffhanger einzustreuen, die für Tempo sorgen und Pausen unterbinden, auch das. Eine Message an junge Menschen in einen Roman zu integrieren, das hielt ich schon eher für problematisch, weil eben jener Dave Eggers schon immer sozialkritisch und niemals ohne staatstragende Botschaft schrieb. Ich stieß „Die Mitternachtstür“ auf, versetzte mich in einen Zustand kindlichen Lesens und folgte ihm in die Kleinstadt „Carousel“. Eine Stadt in den USA, die sich tief in mein Lesen eingebrannt hat, weil sie sich in einer absoluten Schieflage befindet. Und dies im absolut wahrsten Sinn des Wortes.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Dave Eggers macht es seinen Lesern leicht, sich auf „Carousel“ einzulassen. Wir folgen seinen anschaulichen und bildhaften Beschreibungen und entdecken eine Stadt, in der die tiefe wirtschaftliche Depression des heutigen Amerikas greifbar wird. Er lässt sie sichtbar werden. Häuser stürzen plötzlich ein, Straßen sind voller Schlaglöcher und der ganze Ort ist von Rissen durchzogen, die schiefen Häuser drohen umzukippen und alles hat seinen Halt verloren. Dabei war die kleine Stadt einmal sehr berühmt, weil hier die schönsten Kinderkarussells hergestellt wurden. Wertvolle geschnitzte Holzpferde an goldenen Stangen kreisten um das Herz des Karussells und ließen Kinderherzen höher schlagen. Aber das war lange her. Jetzt herrschen Tristesse und Arbeitslosigkeit in der kleinen Stadt.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Überhaupt nicht der richtige Ort für einen Neuanfang. Erst recht nicht, wenn man in wirtschaftlichen Problemen steckt. Die Flowerpetals jedoch zieht es nach Carousel. Der Vater arbeitslos, die Mutter an den Rollstuhl gefesselt, die jüngste Tochter nicht gesund und der zwölfjährige „Gran“ alles andere, als hart wie Granit, was sein Name eigentlich aussagen sollte. In seiner Schule, wird er Zeuge unglaublicher Vorfälle. Er sieht Häuser einstürzen, erlebt ein heftiges Erdbeben, das ein riesiges Loch in der Schule entstehen lässt und begegnet „Catalina“, einem gleichaltrigen Mädchen, das in der Lage ist ganz plötzlich zu verschwinden. In den Untergrund, in die Tiefe unter „Carousel“, wo sich ein Tunnelsystem immer weiter ausbreitet und den ganzen Ort aushöhlt. Hier beginnt eine abenteuerliche Geschichte, in der zwei Kinder zu Rettern einer Stadt werden können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Die Bilder von Dave Eggers sind gewaltig. Eine ins Bodenlose fallende Stadt; Angst, die um sich greift; Menschen, die von der Panik der Mitbürger profitieren und nur ganz wenige Mutige, die das Schicksal selbst in die Hand nehmen. Wirtschaftliche Nöte und Perspektivlosigkeit verpackt Dave Eggers in ein begreifbares Szenario. Wir folgen den beiden ungleichen Freunden Gran und Catalina in die gefährlichen Tunnel. Wir helfen ihnen dabei, sie abzustützen. Wir erfahren von einem gefährlichen Wind, der sich tiefer und tiefer in die Stadt hineinfrisst. Und wir erkennen einen Ausweg aus der Krise. Lass Dir keine Angst einjagen; glaub nur, was du selbst siehst; vertraue Dir selbst und traue Dir etwas zu. Das schreit Dave Eggers seinen jüngsten Lesern zu. Botschaften, die wir heute benötigen. „Die Mitternachtstür“ ist eine Gegenbewegung zur Panikmache. Wir alle können diesem Kinderbuch mehr abgewinnen, als wir uns vorstellen können.

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

Es ist ihm gelungen. Mit Bravour. Kurze, spannende Kapitel mit Vignetten von Aaron Renier, die das Höhlensystem unter „Carousel“ zeigen, lassen keinen Spannungsabfall zu. Die Protagonisten sind, gerade für jugendliche Leser, greifbar und plausibel. Magie liegt in der Luft, und doch wird schnell klar, dass wir selbst Herren eines Zaubers sind, der die Welt retten kann. Eggers zieht Populisten die Maske vom Gesicht und entlarvt jene, die in „Carousel“ abstruse Ängste schüren. Lehrreich und unterhaltend noch dazu. In der Hörbuchfassung entführt uns Jacob Weigert in die Tunnelwinde unter der Stadt. Er hat mich sprachlich schon bei „Mein Freund Pax“ überzeugt und findet auch hier zu jeder Zeit die richtige Betonung und den passenden Rhythmus. Mein Urteil: absolute Lese- und Hörempfehlung.

PS: Solltet Ihr nach dem Lesen oder Hören ein Kinderkarussell mit Holzpferden entdecken, so ich garantiere ich Euch, dass Ihr „Die Mitternachtstür“ im Herzen tragt, wenn Ihr mit Euren Kindern um die Wette reitet! Vertraut diesem Buch.

Und keine Angst vor Elchen… (Ein Insider, der nach dem Lesen verständlich wird!)

Die Mitternachtstür von Dave Eggers

„Bis an die Grenze“ von Dave Eggers – Ein Ausstieg mit Folgen

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nun gut. Dave Eggers zieht erneut seine Kreise, um in dem Bild zu bleiben das er in seinem Roman Der Circle selbst skizzierte. Während sich der Autor in seinem letzten Buch mit den allgegenwärtigen Fragen der Hightech-Gesellschaft, ihrer sozialen Struktur, den Arbeitsbedingungen und der Ausfächerung der globalen Transparenz mit all ihren Risiken widmet, beschreitet er nun minimalistisches Neuland. Ein Roadtrip aus seiner Feder mutet schon eher merkwürdig an, macht jedoch neugierig.  Noch dazu, da es sich hier um den Ausstieg einer Frau handelt, die am Ende des Weges keine andere Chance sieht, als mit ihren beiden Kindern nach Alaska durchzubrennen.

Bis an die Grenze, erschienen bei Kiepenheuer und Witsch, muss hier doppeldeutig verstanden werden. Landesgrenzen meint Eggers sicherlich nicht, eher die Grenzen an die man stößt, wenn man alles hinter sich lässt und in einer wilden Flucht auf der Suche nach sich selbst ein neues Leben beginnt. Der Originaltitel „Heroes oft he Frontier“ ist ein noch deutlicherer Fingerzeig auf die Grenzerfahrungen, die auf die Protagonisten in dieser Geschichte warten. Ich war sehr gespannt, ob es Eggers gelingt, mich mit dieser für ihn ungewohnten Thematik ebenso zu fesseln, wie es ihm zuvor in „Der Circle“ auf grandiose Art und Weise gelang.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Zumindest liest sich die Story flüssig, das war mein erster Eindruck. Mehr aber auch nicht. Musste man bei Dave Eggers bisher sehr aktiv und fast analytisch lesen, sich auf eine Vielzahl von Akteuren einlassen, so treibt man hier ziemlich sanft in den Strudel, in dem es letztlich nur um drei Menschen geht, deren Roadtripbegleiter wir werden. Da ist Josie, Zahnärztin und Mutter zweier Kinder, die vor den Trümmern ihrer Existenz steht. Und da sind Paul (8) und Ana (5), die im Treibsand des am Abgrund stehenden Lebens ihrer Mutter unweigerlich mitgerissen werden.

Und da ist die Welt. Das Leben. Das Nichts, weil alles entgleitet, nichts mehr richtig funktioniert und alles ins Taumeln bringt. Die Schadensersatzklage einer Patientin führt zum Verlust der Zahnarztpraxis. Der Anruf von Carl, dem unzuverlässigen Erzeuger der beiden Kinder, der nun endlich heiraten will – allerdings nicht Josie, sondern seine neue Flamme, führt zum Verlust ihres Selbstwertgefühls und die Herausforderungen an eine alleinerziehende Mutter übersteigen das Maß des Realisierbaren. Hier liest sich Eggers sarkastisch, deprimierend und aberwitzig, wenn man sich in die Lage von Josie versetzt und ihr Scheitern erlebt.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Nur noch raus. Das ist die Devise. Rette sich, wer kann. Josie wagt die Flucht nach vorne, mietet mit dem letzten verbleibenden Geld ein heruntergekommenes Wohnmobil und schnappt sich ihre überraschten Kinder. Ohne jemanden zu informieren begibt sich das Trio auf den Weg zum entlegensten Ort in den USA, den man ohne Pass erreichen kann. Alaska. Die Reise in ein neues Leben entwickelt sich in vielfacher Hinsicht zum Fiasko. Das Wohnmobil hat seine Tücken, Alaska präsentiert sich nicht gerade von der besten Seite und die Menschen, denen die drei Aussteiger begegnen gehören wirklich nicht zu den Menschen, denen man gerne begegnet wäre. Zumindest anfänglich.

Ganz ziellos ist die Fahrt nicht. Zumindest einen Menschen kennt Josie in Alaska und die Vorstellung, ihrer gefühlten Stiefschwester Sam zu begegnen, gibt Josie ein wenig Halt und Zuversicht. Zumindest anfänglich. Aus dem Ausstieg wird eine heillose Flucht und die Verkettung der Absurditäten “on the road“ macht das Lesen dieses Romans zu einer eigenständigen Grenzerfahrung für Leser. Je weiter das Trio vorankommt, desto intensiver vollzieht sich die Veränderung in jedem einzelnen. Josie wird mit jeder Meile zusehends von ihrer Vergangenheit, ihren Schuldgefühlen und der Aussichtslosigkeit in ihrem Leben eingeholt. Die chaotische Ana (ein Mädchen, von dem man sich wünscht, es möge einem nie wirklich begegnen) und ihr fürsorglicher Bruder Paul (ein Junge, von dem man sich wünscht, er würde wirklich existieren) machen die Reise zum reinen Abenteuer für eine Mutter, die an ihrer Verantwortung zu scheitern droht.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Während Alaska in Waldbränden erstickt, die Landschaft immer wilder wird und sich die Beschränkung auf das absolut Lebensnotwendige zu einer radikalen Rosskur für die kleine Fluchtfamilie entwickelt, schärft sich Josies Blick und sie beginnt im Chaos ihres Lebens Muster zu entdecken und Automatismen zu fühlen, die sie ihre Freiheit gekostet haben. Ganz am Boden angekommen konturiert sich in der verbrannten Erde in Alaska ein Phönix, der aus der Asche aufsteigen kann, wenn er die Fesseln des Lebens lösen kann. Das unterscheidet Josie von den Tieren eines Zoos in Alaska.

Sie sahen eine Antilope, staksig und dumm; sie ging ein paar Schritte, blieb dann stehen, um verloren auf die grauen Berge in einiger Entfernung zu starren.

Ihre Augen sagten: Nimm mich, o Herr. Jetzt bin ich gebrochen.

Dave Eggers hat es geschafft, mich „Bis an die Grenze“ zu bringen. Sein Roadtrip beinhaltet nicht nur das Psychogramm einer gescheiterten Frau. Der Autor rechnet hier sprachgewaltig, hoch emotional und sarkastisch mit den sozialen Rahmenbedingungen ab, an denen man letztlich scheitern muss, wenn das Leben aus dem Ruder läuft. „Bis an die Grenze“ ist eine Charakterstudie von Format, ein extrem tief angelegter Roman über die väterliche Flucht aus der Verantwortung, den gesellschaftlichen Druck auf eine alleinerziehende Mutter und die fatalen Altlasten einer nicht bewältigten Vergangenheit. Ein Buch für Männer und Frauen zugleich. Temporeich, unterhaltsam, psychologisch, zum Brüllen komisch und zum Heulen fatalistisch.

Bis an die Grenze von Dave Eggers

Hier hat mich das Lesen so nachhaltig gefesselt wie bei Cheryl Strayed und ihrem Selbstfindungsbuch „Der große Trip“. Sie braucht kein Wohnmobil, sie ist allein und begibt sich auf den Pacific Crest Trail. Hier ist es die tatsächliche weibliche Perspektive an der ich mich ausrichten konnte. Hier ist es unglaublich packend zu sehen, wie man sich neu ausrichten kann, wenn die innere Kompassnadel zum Kreiselkompass wurde. Beide Bücher sollten nebeneinander im Bücherregal des Lebens stehen. Sie sind gutes Rüstzeug, wenn man selbst an die Grenzen kommt.

Aussteiger – Der große Trip und Bis an die Grenze

„Der Circle“ von Dave Eggers – dystopisch, utopisch, real

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Hättet ihr nicht Lust, für das innovativste IT-Unternehmen der Welt zu arbeiten? Ach, ich untertreibe schon wieder maßlos, nur mag ich eben nicht mit allen Fakten um mich schmeißen, da sie einfach so unglaublich sind… Fast zu unglaublich. Aber lest bitte weiter. Die Chance kommt nicht allzu oft wieder. Natürlich hättet ihr euch damals nicht vorstellen können, dass ein einziges weltweit operierendes Unternehmen in der Lage sein würde, alle sozialen Netzwerke zu vereinen. Ihr erinnert euch an Facebook? Genau, das mit den Likes und den vielen Usern mit manchmal wenig glaubwürdigen Identitäten.

Da wusste man eigentlich nie, mit wem man dort interaktiv war und ob der- oder diejenige nicht noch mit weiteren Profilen das Netz unsicher machte. Könnt ihr euch auch noch an die zahllosen Spam-Mails in euren Onlinebriefkästen erinnern? Unseriöse Angebote, Spams, Gewinnspiele und kriminelle Umtriebe auf eure Kosten, die stündlich hereingeflattert sind – ihr habt das noch vor Augen. Ist ja auch erst ein paar Jahre her. Und all die Bilder auf Instagramm von irgendwelchen Leuten, die nicht nur mit ihren YouTube-Videos medial für Chaos gesorgt haben, sondern eben auch mit Fotos von Gott und der Welt.

Seit der „Circle“ diese einzelnen Internetplattformen unter seinem Dach vereinigt hat, ist endlich Ruhe in der großen Welt des Social Media. War es nicht eine grandiose Idee, jedem User für alle Netzwerke nur noch eine einzige klare Identität zuzuweisen? Ist damit nicht die Kriminalität im Internet drastisch reduziert worden? Und nun, da der „Circle“ nun zum weltweiten Standard für alle Arten von Tranfers und Kommunikation im Internet geworden ist, muss es ja wohl auch einleuchten, dass dieser Mega-Konzern immer weiter expandiert. Wäre das nichts für euch?

Ein Traumjob.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Nunja… Ich möchte natürlich auch mit der unvermeidbaren Wahrheit nicht hinter dem Berg halten, denn dieses System erfordert eine große Portion an Selbstdisziplin und Sorgfalt, wenn es darum geht, als Circler einen Beitrag zum medialen Gemeinwohl zu leisten. Logisch, dass man nicht gleich in der Chefetage einsteigen kann. Wo geht das schon? Aber auch das Leben in den Großraumbüros des „Circle“ ist alles andere als stressig und überhaupt nicht mit dem vergleichbar, was ihr früher mal kanntet.

Auf dem riesigen Campus wird für alles gesorgt. Entspannung, Fitness, Ablenkung, Unterhaltung, soziale Events, Einkaufen, Sport, Meditation, medizinische Versorgung, gemütliche Unterkünfte, eine riesige Mensa mit bester Verpflegung und vieles, vieles mehr findet ihr vor. Ihr braucht als Mitarbeiter das Gelände gar nicht mehr zu verlassen. Wozu auch? Unter den abertausenden Kollegen werdet ihr sicher wahre Freunde finden und das interne Netzwerk informiert euch pausenlos über Aktivitäten in und rund um euer neues Leben – also den Job meine ich. Ein Traum, oder?

Das geht natürlich alles nur, wenn man produktiv ist. Und das äußerst zuverlässig. Also zum Beispiel in der Abteilung für „CE“ – Customer Experience… Also sowas, wie der ständige Kundenkontakt zum wirklichen User aller „Circle“-Produkte. Ihr seid das Gesicht des „Circle“ und es ist doch wohl klar, dass der „Circle“ sein Gesicht nicht verlieren möchte… und das auf keinen Fall darf. Dafür ist das hier alles zu wichtig. Und wenn man schon im Inneren des Mega-Kreises arbeitet, dann muss man eben dem Ideal der Firma entsprechen und ein soziales Defizit muss einfach bekämpft werden.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Transparenz, Leidenschaft, Partizipation. Also viel mehr ist es schon nicht, was von euch erwartet wird. Nach ultrakurzer Einarbeitungszeit werdet ihr es locker schaffen, die (bei aller Güte nicht hohen) Erwartungen eurer Teamleiter zu erreichen. Tausende von Kundenanfragen sollten euch jetzt nicht abschrecken, auch das Kundenranking über die Qualität eurer Dienstleistung ist nur ein Anhalt für die Leitung, wie gut ihr auf Draht seid. Naja und parallel dazu müsst ihr natürlich „Teilen und Teilnehmen“. Sonst bräuchte man das vielfältige Angebot für Mitarbeiter doch nicht. Oder? Dafür werden euch auch immer mehr Monitore zur Verfügung gestellt. Spitzenkräfte beherrschen den Umgang mit sechs Screens! Und das ganz locker.

Also rein ins interne und externe Netzwerk und immer schön kommentieren und zeigen, was euch gut gefällt (ein bisschen so wie Facebook damals). Tausende von Interessengruppen informieren euch über alles, was so los ist und ihr müsst nur immer schön lesen und klicken. Mehr ist es doch nicht. Natürlich gibt es ein Rating, das darüber Auskunft gibt, wie „sozial“ ihr so drauf seid, aber das ist echt unproblematisch. Sollte es mal zu Unstimmigkeiten kommen, dann lässt sich dieser „Störfall“ sicherlich leicht klären. Man möchte eben absolut keine Missverständnisse. Ein paar moderierte Korrekturgespräche und schon ist alles im Lot.

Noch nicht überzeugt? Eure Gesundheit steht im Vordergrund der Fürsorge des „Circle“. Ihr werdet erst gar nicht krank, weil ein kleiner Chip ständig über euch Auskunft gibt. Sensationell eigentlich und für Behandlungen müsst ihr das Gelände auch nicht verlassen. Und natürlich ist es auch kein Problem, eure Eltern und Geschwister kostenlos in dieses System der Gesundheitsfürsorge mit einzubeziehen. Ihr könnt echt was für eure Lieben tun. Solange ihr euch an einen kleinen Grundsatz haltet: „Um zu heilen müssen wir wissen. Um zu wissen müssen wir Teilen“ ist das wirklich alles unproblematisch. Verlockend oder? Na – schon angefixt?

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Die 24-jährige Mae Holland jedenfalls hielt dieses tolle Angebot für mehr als unwiderstehlich. Raus aus den angestaubten Büros ihres aktuellen Jobs, raus aus der Langeweile und rein in den „Circle“. Endlich dabeisein, wenn alles auf Zukunft gestellt wird und endlich einen der modernsten Arbeitsplätze der Welt real erleben zu können, und endlich den kranken Vater aus dem maroden Gesundheitssystem zu retten und im Circle versorgen lassen. Ja, all dies waren wichtige Punkte, die sie dazu veranlassten, alles stehen und liegen zu lassen, um „Circler“ zu werden.

Was für eine traumhafte Erfahrung, was für eine unglaubliche Umgebung und was für wahnsinnige Angebote sie auf dem Gelände des Konzerns vorfand. Einfach genial. Und mit den persönlichen Einschränkungen würde sie sich bestimmt arrangieren können. Da war sie sich ziemlich sicher. Das täglich steigende Arbeitspensum empfindet sie als Herausforderung. Die geforderten sozialen Kontakte verinnerlicht sie und mausert sich, belohnt vom Rankingsystem des Konzerns, schnell zur Vorzeigemitarbeiterin. Sie ist auf dem besten Weg, Karriere zu machen.

Warnungen ihres ehemaligen Freundes schlägt sie in den Wind. Zu innovativ und weltverändernd ist all das, was sie nun erlebt. Weltweite Kameras werden vom „Circle“ installiert, um Informationen von jedem Ort des Planeten auch visuell sofort verfügbar zu machen. Politiker machen sich transparent, indem sie sich freiwillig ununterbrochen von tragbaren MiniCams überwachen lassen. Die ganze Welt folgt dem transparenten Takt des „Circle“ und auch die Firma selbst wird transparenter als transparent.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Alles wird geteilt, alles steht jedem zur Verfügung und alles wäre nicht schlimm, wäre Mae Holland nicht auffällig geworden. Ein mehr als seltsamer Mitarbeiter führt sie in Versuchung und sie erliegt dem sexuellen Reiz des Verbotenen. Sie verheimlicht, vertuscht und schämt sich für ihre Verfehlungen. Das kann nicht im Sinne der „Drei Weisen“ sein… Sie halten alles zusammen, sie alle tragen den Geist des „Circle“ in sich und verkörpern jeden Schritt in die Zukunft und sie definieren, was geschieht, wenn ein Circler nicht mehr ins System passt. Ihr möchtet wissen, was aus Mae Holland wurde…? Oh, das darf ich nicht verraten. So transparent ist das alles nun auch nicht. Vielleicht bewerbt ihr euch doch einfach oder lest den Roman von Dave Eggers.Der Circle (Kiepenheuer & Witsch) – eine Dystopie, eine Utopie? Oder doch schon viel realer, als wir es vermuten?

Das visionäre Potenzial von Dave Eggers ist hier absolut beeindruckend. Seine Protagonisten werden zu den Randerscheinungen dieses Systems. Sie sind so platt, wie viele reale Menschen, die sich aktuell in sozialen Netzwerken tummeln und nur noch am Pawlow`schen Reflex zu erkennen sind, wenn es Belohnung gibt. Im Austausch dafür wird der Leser des Romans in die Situation hineingezogen. Ich fühlte mich in die Rolle dessen gedrängt, der in dieser Umgebung agieren und reagieren sollte, der sich zu entwickeln hat und hinterfragen muss. Dystopien verspielen oftmals das größte Potenzial in der wenig plausiblen Ausgangslage. Hier ist Eggers bestechend.

Dave Eggers „Der Circle“ ist ein genialer Denkanstoß und ich lasse mich gerne anstoßen. Besonders, wenn mir einerseits solche Menschen täglich begegnen, die in dieses System passen, und ich persönlich andererseits die Anlagen in mir trage, hierfür empfänglich zu sein. Ein guter Roman ist einer, der mein Denken außerhalb des Buches vorantreibt. Das kann ich dem „Circle“ absolut attestieren. Der Mensch als Teil einer Schafherde innerhalb eines durchdachten Systems mit charismatischen Leadern taucht hier nicht zum ersten Mal in einer Sozial-Utopie auf. Das aktive Denken innerhalb eines verständlichen Erzähraums lässt eine sinnvolle Reflektion des Erlesenen in jeder Beziehung zu. Dies ist kein elitäres Buch. Es ist neben seiner Warnung vor sinnloser Transparenz auch noch allerbeste Unterhaltung.

Der Circle von Dave Eggers

Der Circle von Dave Eggers

Ein wundervoller Anachronismus zum Roman ist es übrigens, dass der Verlag es geschafft hat, selbst die kritischsten Leser dieser Dystopie dazu zu verführen, auf einer eigens gestalteten Web-Page individuelle Leseindrücke zu Der Circle via Instagram mit aller Welt zu teilen… Ich war auch dabei… Soviel zum Thema „Utopie“ 😉

Ihr dürft diesen Artikel gerne teilen – Transparent bis zum Transpirieren 😉 😉

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

Selbst die Veröffentlichung dieses Artikels bleibt Instagram nicht verborgen

Mit Dave Eggers „Bis an die Grenze„… ganz anders, aber ein echter Eggers…

Bis an die Grenze von Dave Eggers