Hinterhaus – Die Annäherung an einen Romanentwurf

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Die Entstehungsgeschichten großer Romane sind oft ganz eigene Geschichten. Sie sind geeignet, eigene Bücher zu füllen, weil sie so spannend sind, wie die erdachte Erzählung selbst. Sie zeugen von der kreativen Energie, dem Wagemut und der Liebe zum geschrieben Wort, die aus einer Idee einen guten Roman entstehen lassen. Es ist oftmals ein steiniger Weg von der Initialzündung bis zur Schlussfassung eines Romans. Am Ende des Schreibens ist der Leidensweg vergessen. Die Isolation, der Verzicht und das Entsagen treten in den Hintergrund und stolze SchriftstellerInnen erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche, um ihr Werk zu präsentieren. Der Applaus der Leser, eine gute Rezeption in der Presse und positive Rezensionen sind der wahre Lohn am Ende eines Schaffensprozesses, der Spuren hinterlassen hat.

Ein Roman ist für mich immer an seine Entstehungsgeschichte gebunden. Er ist niemals losgelöst vom situativen Kontext und der Lebenssituation seines Verfassers zu betrachten. Die Seele von SchriftstellerInnen, die sie umgebenden Universen und eine Umgebung, in der das Schreiben erst möglich wurde, werden hier zu den Ingredienzien einer lesenswerten Geschichte. Ich liebe diesen Blick hinter die Kulissen eines Romans und genieße es in die Welt der WortschöpferInnen einzutauchen, weil ich auf diese Art und Weise besser verstehen kann, was sie mir erzählen wollen. Ihre Berufung wird zu meiner Leidenschaft. Heute beleuchte ich die besondere Entstehungsgeschichte eines Romans. Ich möchte von einer Schriftstellerin erzählen, die vom Wunsch einen Roman zu schreiben angetrieben wurde. Sie ist weltbekannt, aber ihren Namen verrate ich erst später.

Anne Frank - Liebe Kitty - Ihr Romanentwurf in Briefen - AstroLibrium

Ein Romanentwurf

Man kann sie schon als Außenseiterin bezeichnen. Nicht, dass sie sich diese Rolle selbst ausgesucht hätte, aber manchmal wird man einfach an den Rand gedrängt. Das schärft die Perspektive und setzt kreative Kräfte frei, die vielleicht niemals ans Licht der Welt gekommen wären. Sie lebte zurückgezogen, fast sogar isoliert, umgeben von nur wenigen vertrauten Menschen, die ihr nur wenig Privatsphäre ließen. Und doch gelang es ihr, über Jahre hinweg ein Manuskript zu entwickeln, aus dem später ein Bestseller werden sollte. Und doch war das Resultat ihres Schreibens nicht so ausgefallen, wie sie es sich erhofft hatte. Die Schlussfassung ihres Werks unterschied sich deutlich von der Vision, die sie vor Augen hatte, als sie ihr umfassendes Manuskript neu sortierte, einer Straffung unterzog und Streichungen vornahm, weil ihre frühen Aufzeichnungen nicht in das endgültige Werk einfließen sollten.

Auf die Idee, dies zu tun, kam sie durch eine Radiosendung. Ein Minister rief dazu auf, alle privaten Briefe und Tagebücher gut aufzuheben, damit sie in einer hoffentlich friedlichen Zukunft die Geschichte seines Landes und der Menschen erzählen könnten. Der Wunsch des Politikers basierte auf Veränderungen, die sich gerade abzeichneten, sich jedoch noch nicht konkret ausgewirkt hatten. Die Zukunft im Blick. Teil der eigenen Geschichtsschreibung zu werden. Das klang gut. Besonders für das junge Mädchen, in dessen Aufzeichnungen sich seit zwei Jahren so viel Energie freigesetzt hatte. Ja, sie wollte alles aufheben. Teil der Zukunft werden und aus ihrem Manuskript einen Roman herausfiltern, der von der Welt gelesen werden sollte.

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Ein Romanentwurf

Ein Briefroman sollte es werden. In der Unmittelbarkeit der direkten Rede und in der persönlichen Ansprache an fiktive Menschen lag ihre Stärke. Sie, die seit Jahren keine Post mehr bekommen hatte, kompensierte in ihrem Schreiben nicht nur das Fehlen von sozialen Kontakten, sondern öffnete sich für alle Menschen, die in der Lage waren, sich in die Rolle der Adressatin dieser Briefe zu versetzen. Eine brillante Idee. Also blätterte sie in ihrem Manuskript zurück, strich allzu ungelenke und jugendliche Passagen, setzte einen Schlussstrich unter eine gerade aufkommende Liebesbeziehung und beginnt frei im Herzen und motiviert vom Radioaufruf den Roman ihres Lebens zu schreiben.

In knapp zweieinhalb Monaten verknappte sie ihr vorheriges Manuskript auf 215 Seiten, blieb dabei aber eng an den Texten, die sie für ihren Roman auswählte. Heute kann man dies an den Datumsangaben der Briefe ablesen, die sie ohne Änderungen in die Schlussfassung übernahm. Die Briefe an ihre Freundin, die den Kern ihres Romans bildeten, blieben Teil eines groß angelegten Tagebuches, das im Geheimen entstehen musste. Der Krieg spielt eine große Rolle, die Besetzung des Heimatlandes und die um sich greifende Entrechtung von Menschen. Jene äußere Bedrohungssituation wird zum geschlossenen Erzählraum, dem man sich nicht entziehen kann. Die Zeit schien Druck auf die junge Autorin auszuüben. Auch in der endgültigen Fassung des Romans wirken manche Briefe noch ein wenig ungelenk, aber sie verraten bereits jetzt viel vom Talent der aufstrebenden Nachwuchsautorin.

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Ein Romanentwurf

„Das Hinterhaus“. Ihr Arbeitstitel für einen Roman, der uns an die Seite eines jungen Mädchens trägt, die in einem Versteck auf Befreiung hofft. Ein Mädchen, das umgeben von wenigen vertrauten Menschen in einem hermetisch verschlossenen Versteck in der täglichen Angst vor Entdeckung lebt. Ein klaustrophobischer Erzählraum, in dem es gilt Ruhe zu bewahren und unsichtbar zu bleiben. Hier öffnet die junge Autorin ihrer fiktiven Freundin ihr Herz und beginnt ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Wir erfahren auf die unmittelbarste Art und Weise alles, was in dieser lebensbedrohlichen Situation in dieser jungen Frau vor sich geht. Ängste, Zweifel, Hoffnung, Träume und Fantasien schlagen sich aus dem Versteck bis zu unseren Herzen durch und bleiben haften. Am Ende hat man das Gefühl, in einer Zeitschleife wieder am Angang angelangt zu sein. Abrupt und unvermutet endet der Roman an der Stelle des Manuskripts, an der das Mädchen zum ersten Mal von der Idee schreibt, aus dem Tagebuch einen Roman zu extrahieren. 

Mittwoch 29. März 1944
Liebe Kitty,

Stell Dir mal vor, wie interessant es wäre, wenn ich einen Roman über das Hinterhaus herausbringen würde; allein vom Titel her würden die Leute denken, es sei ein Detektivroman. Aber jetzt im Ernst. Es muss ungefähr zehn Jahre nach dem Krieg schon komisch wirken, wenn wir erzählen, wie wir als Juden hier gelebt, gegessen und geredet haben. Auch wenn ich Dir viel von uns erzähle, weißt Du nur ein ganz kleines bisschen von unserer Geschichte.

Deine Anne

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ihr Name: Anne Frank. Ihr Geburtstag der 12. Juni 1929, also heute vor 90 Jahren. Verraten und entdeckt im Hinterhof des Hauses an der Prinsengracht 263, Amsterdam, am 4. August 1944. Mit ihren Eltern ins Lager Westerbork verbracht, nach Auschwitz deportiert, von dort ins KZ Bergen-Belsen verlegt. Verstorben: im Februar oder Anfang März 1945, nur einen Monat vor der Befreiung des Konzentrationslagers durch britische Truppen.

Verzeiht mir, dass ich jetzt ein wenig angegriffen bin. Ihr Tagebuch ist seit Jahren einer der wichtigsten Wegbegleiter im Lesen und Schreiben gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Anne Frank nimmt einen wichtigen Platz in meinem Leben und in meiner Auseinandersetzung mit Ausgrenzung und systematischem Genozid ein. Ja, ich fühle mich ihr verpflichtet. Nun, zu ihrem Geburtstag ein Buch in Händen zu halten, das ihr den größten Wunsch ihres jungen Lebens erfüllt, ist ein ganz besonderes emotional zu nennender Moment.

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Anne Frank Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Secession Verlag und dem Anne Frank Haus in Amsterdam. Übersetzt wurde das Buch aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Mit einem Essay von Waltraud Nussbaum, Literaturwissenschaftlerin und damalige Schulfreundin von Anne Frank. Nie zuvor wurde dieser Roman aus ihrem gesamten Tagebuch editiert und als eigenständiger Text veröffentlicht. Zu ihrem 90. Geburtstag schließt sich jener Kreis, der durch nationalistische Rassisten für immer zum Schweigen gebracht werden sollte.

Liebe Anne. Ein großartiger Roman. Prädikat: Besonders lesenswert. Ein Fixstern am Firmament der nie verlöschenden Literatursterne in der kleinen literarischen Sternwarte. Und jetzt zitiere ich zum Ende dieses Artikels einen meiner Lieblingsschriftsteller David Foster Wallace:

„Weinen Sie ruhig, ich verrat`s schon nicht…“

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Anne Frank – Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen

Ich werde das Anne Frank Haus in diesem Jahr besuchen. Amsterdam stand schon lange auf der Wunschliste der wichtigen Reiseziele. In Gedanken werde ich Euch ganz einfach mitnehmen. Alleine schaffe ich das nicht. Ich werde berichten. Gerne könnt ihr mir Grüße und Geburtstagswünsche für Anne Frank in den Kommentaren hinterlassen. Ich werde sie bei mir haben, wenn ich das Hinterhaus betrete…

Anne Frank Liebe Kitty – Ihr Romanentwurf in Briefen / dt. von Waltraud Hüsmert / 208 Seiten / Secession Verlag / Nachwort von Prof. Dr. Laureen Nussbaum / 18 Euro

Weitere Artikel zu Anne Frank und zum Holocaust in meiner kleinen literarischen Sternwarte. Zum Beispiel „Kinder mit Stern„. Lesen Sie gut.

„Anne Frank und der Baum“ – Samen der Hoffnung

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Es gibt Bücher die unglaublich gefährlich sind. Bücher, die auf erschreckende Art und Weise aufzeigen, dass eine bestimmte politische Ideologie zwar in ihrer jeweiligen Zeit tun und lassen kann was sie will, dass die dabei begangenen Verbrechen und von der großen Masse eines Volkes getragenen Ansichten zwar möglich sind, aber niemals in Vergessenheit geraten. Besonders dann nicht, wenn der gesunde Menschenverstand wieder Einzug ins gesellschaftliche Leben hält und die Mitläufer und Täter von einst der Meinung sind, einfach in der neuen Masse untertauchen und weiter mitschwimmen zu können.

Es gibt Bücher, die für Diktaturen und ewig Gestrige der folgenden Generationen gefährlich werden, die Vergessenes ans Tageslicht bringen und Opportunismus, sowie die Folgen des Mitlaufens ebenso brandmarken, wie diejenigen, die sich aktiv und aus rein egoistischen Motiven an den Schwächeren einer Gesellschaft vergriffen haben. Es sind diese Bücher, die länger leben als die Menschen, von denen sie handeln. Es sind Bücher über Opfer, Ausgegrenzte, Deportierte, Entsorgte, Ermordete, Entrechtete und Entartete, die für Täter von gestern, heute und morgen gefährlich werden. Bücher, die uns nie mehr loslassen und einen zeitlosen Aufschrei gegen das Unrecht darstellen. Es sind Bücher „Gegen das Vergessen“ die uns wachhalten…

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Das Tagebuch der Anne Frank“ ist ein solches Buch. Brandgefährlich, weil es in der Lage ist, Menschen die Augen zu öffnen. Einerseits für den Rassenhass der Nazis von einst, andererseits für die frühen Symptome des Wiederaufflammens der Ideologie, die millionenhaftes Menschenleben ausgelöscht hat. Einzig beruhigend für die braunen Horden von heute mag es sein, dass dieses Zeitzeugnis erst so richtig verstanden wird, wenn Heranwachsende vielleicht schon den Verführungen der Wutgesellschaft erlegen sind und dieses Tagebuch gar nicht mehr ernst nehmen. Was also könnte gefährlicher sein, als die Botschaft der Anne Frank auch an ganz junge Menschen heranzutragen? Aus Sicht der rechten Radikalen von heute wäre das ein Tiefschlag in das Weltbild, das sie so gerne vermitteln würden.

Hier kommt ein erzählendes Bilderbuch ins Spiel. Ein wahrer Spielverderber für die Ansichten derer, die auf ihrer Suche nach den Underdogs unserer Gesellschaft erneut fündig geworden sind. Neid und Missgunst, Zukunftsangst und Hass fächern wieder aus. Grenzen schließen, Ausländer beschimpfen, Angst gegen Andersgläubige schüren und die freie Meinungsäußerung unterbinden. All dies scheint wieder salonfähig zu werden. Aber Vorsicht. Nichts bleibt im Verborgenen, nichts wird je vergessen und keiner kann sich später aus der Verantwortung ziehen oder leugnen. Vorsicht vor Bäumen. Lasst euch das gesagt sein. Bäume vergessen nichts. 

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Anne Frank und der Baum – Der Blick durch Annes Fenster von Jeff Gottesfeld, Peter McCarty und übersetzt von Mirjam Pressler ist dieser Spielverderber, der als einfaches Bilderbuch vom Sauerländer Verlag erscheint. Berührende Illustrationen und nachhaltig wirkende einfach gehaltene Texte ermöglichen einen Perspektivwechsel, der in der gemeinsamen Betrachtung von Jung und Alt eine neue Sichtweise auf einen Hinterhof im besetzten Amsterdam des Jahres 1944 bietet. Die Prinsengracht 263 war der Zufluchtsort der jüdischen Familie Frank. Bis zu dem Tag, an dem sie verraten und deportiert wurden, führte Anne Frank dort ihr Tagebuch. Nur ihr Vater überlebte. Kaum ein anderes Tagebuch hat so viele Menschen bewegt, kaum ein Schicksal hat sich uns so tief erschlossen, kaum ein zweites Mädchen war in der Lage, ihr Leben im Versteck so eindringlich zu beschreiben. Ein Versteck, von dem aus sie nur einen Ausschnitt der Welt sah, vor der sie sich verbergen wollte.

Was sie sah, war ein wenig Sonne, den Hinterhof und einen Kastanienbaum. Drei Zitate aus ihrem Tagebuch sind ihrer Kastanie gewidmet. Zitate die später dazu führten, dass diese Kastanie als „Anne-Frank-Baum“ selbst zum stummen Zeitzeugen erhoben wurde. Das Bilderbuch erzählt seine Geschichte. Aus seiner Perspektive. Die Kastanie schaut mit ihren Blättern in das Fenster, hinter dem sich das Leben der Familie Frank im Verborgenen abspielte. Der Baum erzählt uns vom Krieg, den Bomben und von dem Tag, an dem Anne Frank mit den Menschen aus ihrem Versteck gerissen und in Autos getrieben wurde. Er erzählt bis zu jenem Tag, als Annes Vater Otto alleine zurückkehrte und das Tagebuch seiner Tochter fand.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Was er las, bewegt heute noch die Welt. Was er über die Kastanie las, verdeutlichte ihm, wie wichtig dieser Baum für Anne Frank war.

23. Februar 1944

„Wir betrachteten den blauen Himmel, den kahlen Kastanienbaum, an dessen Zweigen kleine Tropfen glitzerten, die Möwen und die anderen Vögel, die im Tiefflug wie aus Silber aussahen. Das alles rührte und packte uns beide so,
dass wir nicht mehr sprechen konnten.“

18. April 1944.

„Der April ist tatsächlich wunderbar, nicht zu warm und nicht zu kalt und ab und zu ein kleiner Regenschauer. Unsere Kastanie ist schon ziemlich grün, und hier und da sieht man sogar schon kleine Kerzen.“

13. Mai 1944

„Unser Kastanienbaum steht von oben bis unten in voller Blüte
und ist viel schöner als im vergangenen Jahr.“

Annes Vater Otto Frank in einer Rede 1968

„Wie konnte ich wissen, wie viel es für Anne bedeutete, ein Stückchen blauen Himmel zu sehen, die Möwen im Flug zu beobachten und wie wichtig ihr der Kastanienbaum war, wenn ich daran denke, dass sie sich früher nie für die
Natur interessiert hatte. Aber sie sehnte sich danach, als sie sich wie ein
Vogel im Käfig fühlte. Schon der Gedanke an die freie Natur gab ihr Trost.
Doch alle diese Gefühle hatte sie für sich behalten.“

Und dann geht das Buch einen Schritt weiter und erzählt den Teil der Geschichte, den der Baum selbst nicht mehr erlebt hat. Hoffnungssamen, Sprösslinge, Setzlinge gegen das Vergessen kennzeichnen das letzte Kapitel des stummen Zeitzeugen, der bis heute an vielen Orten der Welt für Anne Frank steht. Ein magisches Ende, das niemals ein Ende sein wird.

Folgt mir ins Bilderbuch „Anne Frank und der Baum“. Beurteilt selbst, was dieses Werk auszurichten in der Lage ist und welche Türen es heute noch zur Welt der Anne Frank öffnen kann. Folgt mir zu anderen Büchern, die ich hier vorgestellt habe und die das Erinnern an Anne am Leben halten. Ein Graphic Diary, Das Buch einer besten Freundin und natürlich die Gesamtausgabe des Tagebuches sind Meilensteine des Lesens gegen das Vergessen. Vergissmeinnicht ist die Überschrift dieses Lesens und Schreibens.

Anne Frank und der Baum von Jeff Gottesfeld und Peter McCarty

Und all jene, die dieses Bilderbuch niemals lesen werden, sollten auf ihren Wegen auf Bäume achten. Sie schauen auch heute noch zu. Sie stehen am Straßenrand und sehen die Fackelzüge und Mahnwachen gegen Ausländer, sie sehen Steine fliegen und vergessen die Werfer nicht. Achtet auf die Bäume. Sie künden später von euren Taten. Bäume vergessen nicht. Ich liebe diese stummen Zeitzeugen, die so laut schreien und erinnern können.

Zum 90. Geburtstag von Anne Frank wurde ihr Lebenstraum erfüllt. Ihr Roman hat das Licht der Welt erblickt. „Liebe Kitty“ – Hier geht´s zur Buchvorstellung.

„Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary“

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

„O ja, ich will nicht umsonst gelebt haben wie die meisten Menschen. Ich will den Menschen, die um mich herum leben und mich doch nicht kennen, Freude und Nutzen bringen. Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“ –

Anne Frank – Tagebucheintrag, 5. April 1944

Ach Anne, mehr als 70 Jahre sind vergangen, seit Du diese Zeilen in Dein Tagebuch geschrieben hast. Jahre die davon geprägt waren, Gräben zu überbrücken, Wunden zu heilen und dafür zu sorgen, dass auch Du nicht in Vergessenheit gerätst. Immer wieder hört man in den letzten Jahren, es sei doch aber langsam mal gut. Ob es nicht wichtige Themen unserer Zeit gäbe, anstatt immer wieder über die Vergangenheit zu schreiben, an der wir sowieso nicht schuld sind. Reicht jetzt. Hey, lasst uns einfach unseren Spaß haben. An die Opfer des Holocaust zu denken ist echt von gestern.

Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Tja, das ist Dir wohl gelungen. Leider erlebst Du nicht, wie zeitlos Du geworden bist. Leider bekommst Du nicht mehr mit, wie aktuell Dein Name immer noch ist und wie oft er in den Medien erwähnt wird. Es ist nur gut, dass wir Dein Tagebuch kennen, weil es wichtig ist zu begreifen, was mit Deinem Namen geschieht. Stell Dir vor, in Italien liefen die Spieler eines Fußballteams mit Aufwärmtrikots auf den Platz, die Dein Foto zeigten. Der Schriftzug „Wir sind alle Anne Frank“ war deutlich zu lesen. Da kann man schon Gänsehaut bekommen. Was du sicher nicht wissen möchtest ist, warum sie dies getan haben.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Wenige Tage zuvor fand man Dein Porträt auf Aufklebern, die sogenannte Fans im Stadion verteilt hatten. Fans genau dieses Vereins, der nun Dein Porträt auf dem Shirt trägt. Was sie damit bezwecken wollten? An Dich erinnern? Wachrütteln? Oh nein. Sie verunglimpften ihren Stadtrivalen und hatten Dein Gesicht zu diesem Zweck auf dessen Trikots montiert. Naja, und dann kamen ein paar Texte dazu, die zeigen sollten, was sie von ihrem sportlichen Gegner halten und was sie ihm wünschen.

„Auschwitz ist euer Land. Die Öfen sind eure Heimat!“

Es fällt mir schwer, diese Zeilen hier zu dokumentieren. Es fällt mir schwer, darüber nachzudenken, wie tief der Mensch sinken kann, um Hass zu verbreiten. Es fällt mir so schwer, zu akzeptieren, dass dies erst vor wenigen Tagen geschah. Nicht in der tiefen Provinz. Nein. In der italienischen Serie A. Lazio Rom-Ultras gegen den AS Rom. Vor wenigen Tagen. Seitdem bist Du wieder in aller Munde. Dein Porträt ist immer noch so bekannt, dass es sogar zum Missbrauch taugt. Opferbilder sind so. Täter kommen hier immer wieder in Versuchung. Heute. Und harmlos ist das nicht. Alles, nur das nicht.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

All dies geschah nur wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse. Eine Messe, auf der ich Dir begegnete. Eine Messe, der es so gut getan hätte, wenn Du selbst dort gesprochen hättest. Zu den Menschen, die auch bei uns Ausgrenzung und Hass in die Köpfe anderer hämmern. Oder zu jenen, die am Messestand des Fischer Verlages die Augen verdrehten, als sie ein neues Buch entdeckten, das Deine Geschichte erzählt. In vielen Gesichtern las man die Gedanken deutlich: Ist jetzt aber genug – ist doch alles erzählt. Muss man nicht noch mehr breittreten. Und Du, Anne? Herrlich einfach. Du hast sie aus dem Buch heraus angeschaut, mit großen Augen, den Mund geschlossen, denn Füllfederhalter schreibbereit in der Hand und Dein Tagebuch mit beiden Händen zart beschützt. Als würdest Du uns stumm zurufen „Ich sehe euch! Es ist leider nicht vorbei.

Du würdest staunen über dieses Buch. Es ist kein Sachbuch, keine Biografie, es ist ein Graphic Diary, ein illustriertes Tagebuch und stell Dir vor, es sind Deine Worte, die hier die Illustrationen umrahmen und ihnen Leben einhauchen. Man hat nichts von dem verändert, was Du uns hinterlassen hast. Und doch hat man eine Tür geöffnet, die es gerade jüngeren Menschen möglich macht, Deinen Ängsten, Hoffnungen, Träumen und Leidenschaften zu folgen. Man hat gezeichnet, was Du in Worte gefasst hast. Nicht um es zu verdeutlichen oder neu zu interpretieren, nein, nur um Dir in ganz besonderer Weise gerecht zu werden. Du würdest diesen Weg lieben, weil er Dir nichts nimmt. Weil er Dich so lässt, wie Du Dich selbst gesehen hast. Weil Du einfach Du sein kannst.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Das Tagebuch der Anne Frank von Ari Folman und David Polonsky eroberte eine große eigene Bücherwand auf dieser Messe. Flankiert von den Originaltexten, Büchern über Dein Leben und Gesamtausgaben zu Deinem Tagebuch. Das neue Werk war dort eingebettet und allein das Cover ist so faszinierend gut gelungen, dass man nicht daran vorbeigehen kann, ohne an Dich und Dein Leben zu denken. Wer Deine Zeilen jemals las, der wird ermessen, was den beiden Autoren hier gelungen ist. Sie haben sich Dir in Wort und Bild behutsam angenähert, haben nicht überzeichnet und sich wie Regisseure an ein Projekt gewagt, das jederzeit scheitern kann. Du hast selbst so starke Bilder mit Deinen Worten gemalt, dass man sie eigentlich nicht illustrieren muss. Und doch haben Ari Folman und David Polonsky in ihrer Verdichtung deines Tagebuches Perspektiven gefunden, die nur mit dem Stilmittel eines Comics versinnbildlicht werden können. Das ist für mich tatsächlich das Mantra über diesem Buch. Versinnbildlichung. Deine Sicht auf die Welt war die einer Gefangenen und im Verborgenen Lebenden. Dein Blick nach draußen war durch Dein Versteck getrübt.

Folman und Polonsky erweitern diesen Blick, illustrieren Zusammenhänge, erfinden Dialoge, die authentisch sind, weil sie von Deinen Worten begleitet werden. Sie malen Deine Träume im Stile ganz großer Künstler und visualisieren das, was vielleicht nur Du in Deinen Gedanken gesehen hast. Sie verführen dazu, sich mit Dir zu beschäftigen. In jedem einzelnen Bild finden wir den Mikrokosmos Deines Lebens bis zu seinem bitteren Ende. Auch dieses Tagebuch endet am 1. August 1944, kurz vor Deiner Verhaftung. Es verführt dazu, gemeinsam mit Deinem Tagebuch gelesen zu werden. Es verleitet dazu, gemeinsam mit jungen Menschen gelesen zu werden und es bringt Dich uns wieder ein Stück näher. Und das in einer Zeit, in der Distanz aufgebaut werden soll. Distanz zu Dir und zu weiteren Opfern des Holocaust, die noch heute in der Lage sind, Ideologien die Maske vom Gesicht zu reißen.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary

Man sollte dieses Buch vielleicht auch in Rom lesen. Nicht nur zum Aufwärmen ein Trikot tragen. Man sollte Dich nicht auf ein Bild und ein Schlagwort reduzieren. Du bist zeitlos und wir vermissen Dich mehr, als Du glaubst. In aller Melancholie und in allem Schmerz über das Ende Deines Lebensweges sind es doch Bücher, wie das von David Polonsky und Ari Folman, die Deinen Traum von damals ein stückweit lebendig halten. „Ich will fortleben, auch nach meinem Tod…“

Für Dich und all jene, die heute nicht mehr für sich selbst sprechen können.

Arndt

Ein Nachtrag. Kurz nach diesem Artikel sorgt Anne Frank erneut für Aufsehen. Jetzt ist es eine Welle der Kritik an der Deutschen Bahn, weil einer der neuen ICE-Züge auf den Namen Anne Frank getauft werden soll. Mein Statement dazu: HIER

Zum 90. Geburtstag von Anne Frank wurde ihr Lebenstraum erfüllt. Ihr Roman hat das Licht der Welt erblickt. „Liebe Kitty“ – Hier geht´s zur Buchvorstellung.

Das Tagebuch der Anne Frank – Graphic Diary