Die Globalisierung einer Trilogie oder das zelebrierte Lesen

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Was waren das noch für Zeiten, als das kleine aufstrebende Örtchen Kingsbridge der Nabel der historischen Bücherwelt war. Was waren das noch für Zeiten, als wir an der Seite von Tom Builder erleben durften, wie „Die Säulen der Erde“ zu einem der beeindruckendsten Bauwerke des mittelalterlichen Englands wurden. Eine Kathedrale, die obschon rein fiktiv, doch stellvertretend für die großen Sakralbauten ihrer Zeit, zum Fixpunkt des Lesens vieler Menschen wurde. Was waren das noch für Zeiten, in diese prosperierende Stadt zurückkehren zu dürfen, „Die Tore der Welt“ zu öffnen und nach einigen Jahrhunderten zu sehen, wie sehr die Kathedrale gewachsen war, wie deutlich die Generationen der Erbauer ihre Spuren dort hinterlassen hatten und zu sehen, dass unser altes Kingsbridge immer noch der Nabel der Welt war.

(Ihr könnt der Rezension lesend folgen oder sie einfach weiterhören – hier)

Das Fundament der Erde - Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Das Fundament der Erde – Rezension fürs Ohr bei Literatur Radio Bayern

Jetzt galt es Brücken zu bauen, Marktrechte zu sichern und alle Bürger der Stadt vor der Pest zu bewahren. Abenteuer, die es zu überstehen galt, wollte man doch das jeweilige Buch aus der Feder des großen Ken Follett immer nur in der einen Hoffnung schließen: Möge es bitte weitergehen. Unzählige Bände einer endlosen Reihe sollten in Kingsbridge beheimatet sein. Gerne würden wir auf den Spuren alter Stammbäume bis in unsere heutige Zeit wandeln. Und überschäumend reagierten die Fans, als bekannt wurde, dass ihre literarisch historische Heimatgemeinde zum Klang der Glocken einer prachtvollen und fertiggestellten Kathedrale erneut zum Besuch einladen würde.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Das Fundament der Ewigkeit“. Welch verheißungsvoller Titel für einen Roman, dem wir schon lange nach dem Sieg über die Pest entgegenfieberten. Hier waren sie wieder, die Zeiten des stundenlangen Lesens, der Erinnerungen an die Vergangenheit, an die Menschen, die uns ans Herz gewachsen waren und hier war sie wieder, die große und lange vermisste Hoffnung, in den Straßen von Kingsbridge anzukommen, als wäre man niemals fort gewesen. Nur knapp zwei Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Unsere geliebten Protagonisten von einst sind nur noch in der Erinnerung existent, und doch ist nichts vergessen. Statuen, Brückennamen, folgende Generationen und die Chronik von Kingsbridge zeugen von ihrer Existenz und von ihren Verdiensten. Ja, man kommt auf der Zeitreise an der Seite von Ken Follett immer wieder zuhause an. Heimwehende.

So dachte ich zumindest, bis ich den Klappentext las und schon beschlich mich ein Gefühl, von dem ich mich lange nicht lösen konnte. Ja, es ist dort von Kingsbridge die Rede. Ja, es ist von einer bedeutenden Epoche der Geschichte gegen Ende des 16. Jahrhunderts die Rede. Aber es klingt auch durch, dass die großen Religionskriege ein besonderes Opfer von Kingsbridge fordern sollten. Das Zentrum meines Lesens würde in den Hintergrund gerückt werden, so meine Befürchtung. Spanien, Frankreich, ganz Europa befand sich zu dieser Zeit im Taumel der Allianzen unter dem Siegel des guten Glaubens. Nur, ob dieser protestantisch oder katholisch war, das sollte auf den Feldern der Ehre im Blutgemetzel entschieden werden.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Die Globalisierung einer Trilogie schwebte wie eine unsichtbare Bedrohung über meinen Gedanken und verhinderte das Lesen. Zumindest so lange, bis ich Ken Follett auf der Frankfurter Buchmesse begegnete und ihm von meinen Bedenken erzählte. Er reagierte prompt, nahm eines seiner Bücher, signierte es und sagte zu mir: „First read, then talk about.“ Da lag er nun schwer und vom Autor gezeichnet in meiner Hand und ebenso schwer wog der fast 1200 Seiten dicke historische Wälzer in meinem Rucksack um mich an einem langen Messetag schwergewichtig zu begleiten. Natürlich war ich in jeder Beziehung neugierig auf den Roman, doch es dauerte bis Weihnachten, bevor ich die Ruhe und Muße hatte, in aller Tiefe in den Seiten zu versinken.

Ich zelebriere mein Lesen in diesen Tagen. Ich gestalte mein Ambiente gediegen in der kleinen literarischen Sternwarte, umgebe mich mit Devotionalien, die zum Roman passen und versinke gerne stundenlang in einem Weihnachts-Leseabenteuer. Ich habe es nicht bereut, das Fest der Feste mit dem „Fundament der Ewigkeit“ zu verknüpfen. Gerade in einer von tiefem Glauben geprägten Zeit ist es mehr als interessant zu lesen, dass es nicht immer in der Menschheitsgeschichte leicht war, eine Messe zu feiern, an Gott zu glauben, sich zu seinem Glauben zu bekennen und für seine Religion und die Menschen, die sie teilen, einzustehen.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Nunja und allein war ich eben auch nicht in diesem Lesen. Es murmelte, zappelte und regte sich in meinem Bücherregal der historischen Romane. Einige der Bücher, die in genau jener Epoche angesiedelt sind, schoben sich in den Vordergrund und wollten mir beharrlich über die Schulter schauen. Und so saß ich still lesend, umrahmt von den biografischen Büchern über Elisabeth Tudor und Maria Stuart an einem Sekretär und musste mich gegen die laufenden Einflüsterungen wehren, die von beiden Seiten recht majestätisch hervorgebracht wurden. Rechthaberisch, könnte man fast sagen

Letztlich vertraute ich mich, um die Thron-Konkurrentinnen wissend, doch lieber Ken Follett an. Sollte er mir doch seine Sicht der Dinge erklären, sollte er mich doch in die Länder entführen, die das damalige Europa nicht zur Ruhe kommen lassen wollten. Ja, ich überließ ihm die Führung und war unermesslich froh, dass alles dort begann, wo ich lesend immer wieder mit ihm aufgebrochen war. In Kingsbridge. Und es fühlte sich wie mein Kingsbridge an, das ich 1361 durch „Die Tore der Welt“ verlassen hatte. Heimat, du hast mich wieder, das war mein erster Gedanke. Brücken, Gebäude, Plätze, Namen, die Kathedrale, der Markt. Alles kam mir zwar leicht verändert und doch so bekannt vor, als wäre ich erst gestern abgereist. Staunen ergriff mich, als ich die nun fertige und an ihre Grundfesten kaum noch erinnernde Kathedrale zum ersten Mal wieder betrat. Ein ganz besonderer Lesemoment.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ja, so hatte ich mir die Heimkehr vorgestellt. Doch sollte ich schnell erkennen, dass Kingsbridge wahrlich nicht mehr der Nabel der Lesewelt war. Die realen Machtzentren hatten sich bereits in den Mittelpunkt der Weltgeschichte gerückt und bestimmten das Leben der Menschen in der Grafschaft Shiring. London und Paris sind ebenso wichtige Schauplätze der Handlung, wie die weiteren historischen Hotspots dieser Zeit, die das Schachspiel um Macht, Besitz und Herrschaft dominierten. Die Globalisierung hatte in Kingsbridge Einzug gehalten und kaum eine Entwicklung der Thronfolgekriege und des Wettstreits um die wahre Religion ging spurlos an der Kathedralenstadt vorbei.

Ken Follett entführt uns in die Machtzentren jener Zeit, macht uns zu Zeugen einer Geschichte, die selbst Geschichte schrieb. Dabei geht er sehr komplex vor, verlässt die Froschperspektive des Kleinstädters des 16. Jahrhunderts und erweitert auch unseren Blick auf das große Ganze. Wir schließen uns den Ratgebern der englischen Regentin an, werden Zeugen von diplomatischen Missionen, Verrat und Heimtücke. Wir erleben den Thronfolgestreit zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart als Augenzeugen. Wie sind dabei, wenn Bibeln geschmuggelt, Hugenotten verfolgt und Priester ins Land gebracht werden, um den Religionskrieg in Gang zu halten. Wir erleben Kaperfahrten auf hoher See, begegnen Sir Francis Drake und segeln in der Seeschlacht gegen die spanische Armada um unser Leben.

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

„Make Kingsbridge greater again“ – so könnte man den Roman lesen. Kaum eine Entwicklung im Europa dieser Zeit vollzieht sich ohne Beteiligung der Menschen dieser Stadt. Ned Willard steht im Zentrum. Ihn spült es ins Zentrum der Macht. Er arrangiert das politische Umfeld von Elisabeth I. und dient als treuer Ratgeber. Aus seinen Augen sehen wir, was die Welt bewegt. Und doch erkennen wir auch, was nur ihn betrifft. Die vergebliche Liebe seines Lebens, die sich immer weiter von ihm entfernt, weil auch hier die Religion im Wege steht. Folletts schillernde Protagonisten werden im Verlauf dieser Geschichte für die Weltgeschichte unverzichtbar. Das war mir persönlich für einen rein historischen Roman zu ausgeprägt. Ohne die Willards wäre in dieser Zeit nichts, aber auch gar nichts so verlaufen, wie es sich abgespielt hat. Diese fiktionalen Charaktere prägen das Schicksal Europas eine Spur zu intensiv.

Trotzdem ist „Das Fundament der Ewigkeit“ das Fundament auf dem mein Lesen in ganz besonderen Tagen ruhte. Ich war gerne wieder in Kingsbridge, bin auch sehr gerne in die weite Welt gereist, nur um irgendwann wieder in den Heimathafen meiner kleinen geliebten frei erfundenen Stadt einlaufen zu dürfen. Ich stimme Ken Follett zu! Dieser Roman setzt die Reihe meiner Kingsbridge-Romane fort. Er ist umfassender in seiner historischen Dimension. Er ist weltumfassend und doch ein geschlossener Kreis, der in Kingsbridge beginnt und dort endet. Ob die Saga wirklich endet? Ich wage es zu bezweifeln. Wozu sollte am Ende eines Romans ein Schiff England verlassen, das wir alle kennen? Warum sollte einer der wesentlichsten Protagonisten dieses Romans an Bord sein? Warum sollte er sich auf den Weg in die neue Welt machen, wenn wir ihm nicht irgendwann folgen sollten. Mayflower… Mehr sage ich hier nicht…

Vielleicht sehen wir uns irgendwann in New-Kingsbridge wieder…

Das Fundament der Ewigkeit – Ken Follett

Ihr wundert euch vielleicht, dass dieser Artikel ein ganzes Jahr lang in der Redaktion der kleinen literarischen Sternwarte reifen musste, bevor ich ihn veröffentlicht habe. Ich verfolge damit die Absicht, mir selbst intensiv vor Augen zu halten, wie wertvoll die Zeit zwischen den Jahren für mich ist. Wie lange ich davon zehre, jenes Lesen in aller Form zu zelebrieren. Mich zu entschleunigen, Bücher um mich zu scharen, zu recherchieren und tief in meinen Gedanken in eine andere Welt abzutauchen. Auch in diesem Jahr ist es so. Ich habe einen Plan, dieses Ritual zur Weihnachtszeit fortzusetzen. Ich habe mir ein paar Bücher aufgehoben, die nun ihren Platz auf meinem Sekretär erobern. Ich will fortsetzen, was ich vor vielen Jahren begann. Ich werde den „Seiten der Welt“ von Kay Meyer und hierbei ganz besonders den beiden Spinn-offsDie Spur der Bücher“ und „Der Pakt der Bücher“ meine volle Aufmerksamkeit widmen. Ihr könnt mir gerne dabei folgen. Auf Facebook und bei Instagram wird in den ruhigen Tagen dieser bibliophilen Einkehr viel zu sehen und zu lesen sein… Entschleunigt und zelebriert mit mir.

Die Seiten der Welt - Es geht weiter... AstroLibrium

Die Seiten der Welt – Es ist angerichtet…

Nichts davon sollte zutreffen. Ich lag falsch. Als ich den Titel der Fortsetzung dieser Reihe zum ersten Mal las, dachte ich noch, wir würden weiter in die Zukunft katapultiert. „Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit“ jedoch ist eher das, was wir in unseren Kreisen als „Throwback Thursday“ bezeichnen.

Kingsbridge - Der Morgen einer neuen Zeit - Ken Follett - Astrolibrium

Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit – Ken Follett