27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber...

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Es war kalt und das Schneegestöber hatte das Gelände in einen weißen Mantel gehüllt. Seit Tagen waren Veränderungen deutlich zu spüren, aber letztlich war es das Fehlen der Wachen, das vermuten ließ, dass es jetzt nicht mehr sehr lange dauern konnte. Am frühen Nachmittag dann näherten sich Soldaten in Wintertarnanzügen dem Lager. Erst als die Menschen im Lager erkannten, dass es sich nicht um die SS handelte, flammten erste Rufe auf. „Wir sind frei“

Wir schreiben den 27. Januar 1945 und können heute noch den wenigen Zeitzeugen dieses Tages zuhören, wenn sie von der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz berichten. Und wenn wir sehr aufmerksam zuhören, dann erkennen wir das ungläubige Staunen, das sich damals langsam über diesem schrecklichen Ort ausgebreitet hat. Die verbliebenen Opfer der Nazis konnten es nicht glauben, dass der Schrecken ein Ende haben sollte.

Eva Mozes Kor hatte mit ihrer Zwillingsschwester Miriam die medizinischen Versuche des Lagerarztes Josef Mengele überlebt und nun mussten sie es einfach versuchen. Sie durchquerten das offene Tor des endlich von russischen Truppen befreiten Todeslagers, verharrten, betraten das Lager erneut und verließen es sofort wieder. Sie wollten so die Freiheit fühlen und etwas tun, das in den letzten Jahren absolut unmöglich war. Das KZ lebendig und frei zu verlassen. In ihrem Buch Ich habe den Todesengel überlebt legt sie Zeugnis ab und hinterlässt uns mehr als ihre Geschichte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Wir feiern heute erneut den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Wir feiern diesen Tag als Meilenstein in der Überwindung des Holocaust. Wir gedenken der Opfer und verfolgen zahllose Dokumentationen und Reden im Fernsehen, die sich intensiv mit dem Dritten Reich beschäftigen. Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz stellt für uns in vielfacher Hinsicht das Ende des Schreckens dar. Aber war es das?

Befreiung ist ein positives Wort. Es beschreibt einen Akt des Erlangens von Freiheit. Opfer werden in den Schoß der Gesellschaft zurückgeführt und ihnen widerfährt endlich Gerechtigkeit. Geiselbefreiungen mögen hier als Beispiel dienen. Sie werden nach ihrer Befreiung psychologisch betreut und medizinisch versorgt. Man kümmert sich um sie und ist sich der Ungerechtigkeit der Geiselnahme bewusst.

Ist es das, was die Überlebenden des Holocaust erfahren haben? Ist es das, was ihnen nach der Befreiung widerfahren ist? Gerechtigkeit. Betreuung? Rückführung in ihr altes Leben? Wiedergutmachung? Nein. Bestimmt nicht. Wenn man den Überlebenden aufmerksam zuhört, wird man schnell feststellen, dass am Tag der Befreiung viele Dinge gleichzeitig geschahen, die eine Verarbeitung des Erlittenen fast unmöglich machten.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Nachdem alle verfügbare Energie dem Überleben galt, setzte nun das Begreifen ein. Das Verstehen breitete sich aus. Die Überlebenden begannen zu realisieren, wen sie verloren hatten, dass sie völlig auf sich selbst gestellt einfach ausgesetzt wurden in einer Welt, die sie vor wenigen Tagen noch zum Abschlachten freigegeben hatte. Enteignet, deportiert, heimat- und elternlos, verletzt, tief traumatisiert und ohne Orientierung war die schlichte Befreiung das Maximale, das sie erwarten durften.

Und dabei sollten sie sich glücklich schätzen, denn die Tatsache, dass sie noch im Konzentrationslager waren, als die Befreier anrückten, hatten sie nur dem Umstand zu verdanken, dass sie zu schwach oder zu klein für die Todesmärsche waren, auf die in den Tagen vor der Befreiung weit mehr als 60000 Menschen getrieben wurden. Nach dem Zusammenbruch der Tötungsmaschine musste ein Weg gefunden werden, Zeugen zu beseitigen.

Diese Todesmärsche durchzogen nicht nur das besetzte Polen, sondern auch das Reichsgebiet. 200 000 Menschen kamen auf diesen Märschen in Schnee und Eis ums Leben. Am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz waren nur noch 7000 Überlebende im Lager. Zu schwach für die Strapazen eines Marschs und nur deshalb nicht erschossen, weil die russische Armee zu schnell vorrückte.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Als die Lagertore sich öffneten, zeichnete sich für die Befreiten ein diffuses Bild von Freiheit ab und je näher sie ihrer eigentlichen Heimat kamen, desto mehr realisierten sie, dass niemand, aber auch wirklich niemand, mit der Rückkehr der Opfer rechnete, geschweige denn, sich darauf freute, die Deportierten von einst wiederzusehen. In den Häusern lebten längst die Profiteure des Holocaust und in den Dörfern hatte man das Hab und Gut der abgeschobenen Juden schnell aufgeteilt.

In bewegenden Zeitzeugnissen haben Überlebende diese Zeit unmittelbar nach der Befreiung beschrieben und diese Zeilen zu lesen, macht nachdenklich. Die zum Tode Verurteilten wurden in eine lebensfeindliche Umwelt ausgesetzt. Energie zum Kämpfen war nicht mehr da, und die harte Realität, langsam festzustellen, dass kaum jemand aus der Familie den Holocaust überlebt hatte traf die Geretteten wie ein neuer Faustschlag ins Gesicht. George Brady verfiel in ein fast lebenslanges Schweigen, nachdem er verstehen musste, dass seine Schwester Hana und seine Eltern Auschwitz nicht überlebt hatten. Hanas Koffer ist hier viel mehr als eine Spurensuche. Es ist ein lebendiges Zeitzeugnis der Leere, in die ein Mensch verschwinden kann.

Manche kamen sogar vom Regen in die Traufe und mussten feststellen, dass die neuen russischen Ausweispapiere ihnen keine neue Identität verschafften oder sie zu gleichwertigen Bürgern machten. Nein – der Begriff Bürger war durchgestrichen und durch das Wort JUDE ersetzt. Niemand kann sich heute vorstellen, welche Gefühle durch diese erneute Ausgrenzung ausgelöst wurden. Schoschana Rabinovici schildert dies in ihrem Buch Dank meiner Mutter als die größte Unmenschlichkeit, die sie nach den Nazis erleben musste.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Und wenn die Überlebenden vom Schrecken im KZ berichten wollten, schlug ihnen heftiger Unglaube entgegen. Wenn sie vom Hunger sprachen, hörten sie nur, dass auch die Menschen auf dem Land gehungert haben. Die Dimension des Hungers in einem Nazi-Lager war nicht zu vermitteln. Leon Leyson schrieb dazu in seinem Lebensbericht Der Junge auf der Holzkiste. Wie Schindlers Liste mein Leben rettete“: 

„Ich konnte nicht von meinem Leiden berichten, ohne gleichzeitig das Leid der anderen herabzuwürdigen“.

Und genau dieser Leon Leyson erlebte dann in seiner Heimatstadt Krakau das Aufflammen von neuem Hass. Die Zurückgekehrten stellten wohl eine Bedrohung dar. Man hatte sich in der Stadt breitgemacht. Jüdische Gemeinden existierten nicht mehr und so sammelte sich erneut der Mob auf den Straßen und warf die Scheiben ein. So lange, bis die Vertriebenen erneut vertrieben waren.

Wer selbst den Todesmarsch überlebt hatte und in seiner alten Heimat Freunde traf, die ihm einen Neubeginn ermöglichen wolltenm der litt fortan unter den körperlichen und psychischen Traumatisierungen, die im KZ entstanden waren. Wilhelm Brasse, Der Fotograf von Auschwitz konnte seinem Beruf nicht mehr nachgehen. Jedes Mal, wenn er durch den Sucher einer Kamera blickte, sah er all die Gesichter der Opfer vor sich, die er in Auschwitz fotografieren musste, ohne ihnen helfen zu können. Auch sein Schweigen dauerte lange.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Freiheit sieht ganz anders aus. Freiheit fühlt sich anders an. Überleben wird zu einem ausschließlich physischen Privileg. Mit dem Rest hatte man selbst zurecht zu kommen. Und so begannen viele Opfer zu schweigen. Sie flüchteten erneut und verbargen ihre Geschichten in ihrem Inneren. Alpträume und Horrornächte wurden ihre Wegbegleiter. Nicht einmal ihren neuen Familien erzählten sie von ihren Qualen.

Das neue Leben wollten sie nicht belasten mit einer Vergangenheit, die ihnen sowieso niemand glauben würde. Erst Jahre später, viele Jahre später, lösten sich die Fesseln und das Erzählen begann. Eva Mozes Kor sagt noch heute, dass man über das Erlebte und Erlittene reden muss, um es irgendwann zu verarbeiten. Wir haben Eva erst vor wenigen Tagen kennengelernt. Sie hat überlebt. Sie hat vergeben. Aber sie wird nie vergessen.

Vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. An einem verschneiten eiskalten Tag im frühen Nachmittag. Befreit fühlen konnten sich die Wenigsten, im normalen Leben ist kaum jemand wieder richtig angekommen. Dieser Tag der Befreiung war nicht der letzte Tag des Holocaust. Es war der erste Tag „Gegen das Vergessen“ – ein langer Marsch ins Leben.

27. Januar 1945 - Auschwitz ist frei... Aber was nun...?

27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun…?

Meine Gedanken weilen bei den Menschen, die diesen Tag nicht erleben durften. Stellvertretend für die unzähligen Opfer erzählen wir auch ihre Geschichten, zeigen ihre Portraits und Augen, lassen sie nicht namenlos werden. Um sie weine ich heute ganz besonders. Für sie haben sich die Tore der Konzentrationslager nie wieder geöffnet. Sie starben im Gas, an Hunger und Gewalt. Sie starben in Auschwitz, Leningrad und an vielen anderen Orten. Für sie alle pflanzen wir unser Vergissmeinnicht. Auch für sie vereinen Peggy Steike und ich Bilder und Worte Gegen das Vergessen. Gerade in der heutigen Zeit!

Czeslawa Kwoka, Hana Brady, Charles Apteker, Lena Muchina, Anne Frank….

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

„Ich bin kein Brasse mehr“, war der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf ging, nachdem er seine Nummer bekam. „Ich bin nur noch Häftling Nummer 3444.“

Der Fotograf von Auschwitz - Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Der Fotograf von Auschwitz – Die Rezension anhören? Ein Klick genügt!

Reduziert auf eine Nummer. Aussortiert. Inhaftiert. Deportiert. Konzentriert. Brasses erster Blick fällt auf den Schriftzug über dem Lagertor: „Arbeit macht frei“. Danach durchmisst er die unglaublichen Ausmaße eines Areals, das für zahllose Gefangene errichtet worden sein musste. Am 31. August 1940 wird aus dem erst 23-jährigen Polen Wilhelm Brasse der politische Inhaftierte 3444 im Konzentrationslager Auschwitz. Eine Nummer, ein kahl rasierter Schädel und Häftlingskleidung lassen ihn in der Masse der todgeweihten Lagerinsassen untergehen.

Von Wilhelm Brasse, dem lebenslustigen aufrechten und heiteren jungen Mann ist nach den entwürdigenden Strapazen der Deportation nicht mehr viel übrig. Und das Ziel der Machthaber ist noch klarer definiert. Nichts sollte mehr übrig bleiben von ihm und den anderen. Zumindest Wilhelm Brasse hätte sich anders entscheiden können. Sein Vater Österreicher, seine Mutter Polin. Eine Unterschrift im von den Nazis besetzten Polen hätte ausgereicht, ihn zum Deutschen zu machen. Er verweigerte sich bewusst und trug die Konsequenzen. Nummer 3444. Nun geht der gelernte Fotograf den Weg der Deportation.

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Schnell wird ihm klar, dass sich dieses Lager von allem unterscheidet, was er jemals über Gefängnisse gehört hatte. Die Arbeitskommandos denen er zugeteilt wird dienen in erster Linie ausschließlich der Zermürbung der Inhaftierten. Hygiene, Ernährung und Medizin werden auf ein Maß heruntergeschraubt, das ein qualvolles Dahinsiechen im KZ Auschwitz beschleunigt. Eine Todesmaschine, die erst ihren Betrieb aufgenommen hat und sich zu einer von vielen industriellen Vernichtungsfabriken der Nazis entwickeln sollte.

Wilhelm Brasse kämpft um sein Leben und mit viel Glück gelingt es ihm durch den eigenmächtigen und gewagten Wechsel von Arbeitskommandos durch einen puren Zufall für eine Tätigkeit im KZ ausgewählt zu werden, die zumindest sein Leben sichert. Solange er nur gehorcht und funktioniert. Wilhelm Brasse wird Der Fotograf von Auschwitz“ und ist fortan dafür verantwortlich, dass alle Neuankömmlinge fotografiert werden. Drei Porträt-Aufnahmen von jedem Opfer. Mit Kopfbedeckung im Profil. Ohne Kopfbedeckung im Profil und frontal in die Kamera schauend. Eine Karte im Bild, auf der man Haftgrund, Nummer und den Namen des KZs erkennen kann.

Lückenlose Nazi-Bürokratie erfordert lückenlose Dokumentation und gute Bildqualität unter unsäglichen Lebens- und Arbeitsbedingungen bei täglicher Todesangst. Brasse wird zum Zeugen der Massenvernichtung (nicht nur) jüdischen Lebens. Er wird Zeuge der Erniedrigung von Menschen, die durch das dichte Raster der braunen Machthaber gefallen sind. Behinderte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Andersdenkende. Wilhelm Brasse hat zu funktionieren. Nur drei Minuten pro Bildserie. Drei Minuten pro Opfer, von denen er genau weiß, dass sie unrettbar verloren sind. Drei Einstellungen als letztes Lebenszeugnis.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann - AstroLibrium - Peggy Steike

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Er blickt ihnen in die Augen. Bannt ihren verunsicherten Blick für immer auf die Bilder, die nur zum internen Gebrauch gedacht waren. Helfen konnte er keinem einzigen Opfer. Es hätte sein Leben gekostet. Einzig diese drei Minuten blieben ihm, um die Menschen zu beruhigen. Ihnen ein kurzes Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Seine Arbeit jedoch verändert sich im Laufe der Jahre. Bald werden Juden nicht mehr fotografiert und registriert, da sie sofort nach ihrem Eintreffen im Konzentrationslager vergast werden. Die Menschenversuche Mengeles erfordern ebenfalls eine saubere Dokumentation und Brasse sieht und fotografiert, was kein Mensch anschauen oder fotografieren könnte.

Kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945 erhält er den Befehl, alle Beweise zu vernichten und die Bilder zu verbrennen. Brasse lehnt sich auf. Er wird zum Kämpfer für das Erinnern und rettet einen Großteil der Fotos, die er selbst gemacht hat. Er rettet die Geschichten vieler einzelner Opfer. Er rettet die Identitäten und liefert unbestechliche Beweise für die unmenschlichen Verbrechen in Auschwitz. Zehntausende Gesichter überleben als Fotos mit Wilhelm Brasse den Holocaust und werden zu den wichtigsten Zeitzeugnissen. Augenzeugen im wahrsten Sinne des Wortes.

Wenn man heute über Wilhelm Brasse spricht oder schreibt, dann muss man sich vor Augen halten, was diese Zeit im KZ Auschwitz aus ihm gemacht hat. Er hat die Gesichter der Todgeweihten nicht nur für immer festgehalten, sie haben sich auch in seinem Inneren eingebrannt, weil er nicht helfen konnte. Seine Mission begann später. Er sprach über die Opfer, gab den Gesichtern ihre unverfälschten Geschichten zurück und legte Zeugnis ab, um das Erinnern zu ermöglichen. Wer heute über den Mann schreibt, der die Menschen vor seinem Objektiv in den Fokus rückte und sich selbst dabei im Hintergrund hielt, der muss in besonderer Weise darauf achten, neben dem Fotografen auch den Opfern von einst gerecht zu werden.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann schrieb über Wilhelm Brasse. „Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben des Wilhelm Brasse“ (cbj) schildert diesen einzigartigen Augenzeugen, der uns zu Augenzeugen macht, ohne jegliche Fiktionalisierung oder Ausschmückung, ohne zusätzliche Dramatisierung oder Heroisierung. Engelmann hat sehr präzise recherchiert, Gespräche mit Wilhelm Brasse geführt und sich selbst vor Ort in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz einen Überblick verschafft, was Brasse täglich sehen konnte und versucht, ein Gefühl für diesen besonderen Menschen zu entwickeln, der am 23.10 2012 verstarb. Es blieben seine Bilder, Aufzeichnungen und die veröffentlichten Videos seiner Interviews. Es blieben die Porträts, die ihm wichtiger waren, als seine eigene Geschichte.

Reiner Engelmann gelingt mit seinem Buch, was Brasse mit den Fotos gelang. Der Autor zieht sich weit zurück. Man fühlt ihn kaum. Er wird zum Chronisten eines Lebens und vermittelt die ungeschönten Wahrheiten vor und hinter der Kamera. Im Fokus von Reiner Engelmann verschwimmen weder Opfer noch Täter. Er zeichnet Wilhelm Brasses Leben nach, führt die Nazi-Schergen ins helle Licht und gedenkt der Opfer, deren Bilder so oft für sich selbst sprechen. Diesen Raum lässt er ihnen.

Engelmann schreibt kein Wort zu viel. Er interpretiert und fantasiert nicht, sondern liefert für diejenigen Leser, die sich bereits intensiv mit dem Thema beschäftigt haben zusätzliche Informationen, die auf einer mehr als fundierten Recherche und einer klaren Methodik im Vorgehen basieren. Dabei widmet er sich den kurzen, jedoch intensiven Episoden und Schlaglichtern, die Wilhelm Brasse hinter der Kamera erleben musste, in ebensolcher Knappheit. Drei Minuten blieben Brasse pro Bild. Drei bis vier Seiten benötigt Engelmann für die Beschreibung einzelner Kapitel des Grauens. Er muss nicht mehr schreiben. Diese Struktur wird den Opfern gerecht. Ebenso, wie demjenigen, der sie nur zu fotografieren hatte. Dieses Album ist ein Blick in den realen Abgrund.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann legt ein der Wahrheit verpflichtetes Buch vor, das besonders auch für junge Leser immer nachvollziehbar und nah bleibt. Er ordnet Fakten präzise ein und bringt das Auschwitz-Album in einen klaren zeitlichen Bezug zur Zwangsarbeit von Wilhelm Brasse. Wir werden Zeuge der Begegnung zwischen dem Fotografen und dem Mädchen, von dem nur diese Momente blieben. Czeslawa Kwoka, über die ich einen emotionalen Artikel des Aufschreis geschrieben habe, weil ein anderes aktuelles Buch über den Fotografen von Auschwitz die Fakten so sehr verfälschte, dass die Erinnerung an Czeslawa beschädigt wurde. (Siehe Artikel)

Danke Reiner Engelmann für diese Kapitel in Ihrem Buch. Danke, dass dieses Buch dem wahren Erinnern an die Opfer des Holocaust keinen Filter vor die Linse hält, der alles verzerrt. Der klarsichtige Blick wird der Bedeutung der Fotografie, der Bedeutung eines Menschenlebens und der Hoffnung, dass sich die Geschichte niemals wieder in solcher Dimension wiederholen kann, gerecht. Hier liegt endlich der Beweis in meinen Händen, der die Kritik an der Publikation zweier italienischer Autoren bestätigt.

Wenn man sich für das Leben des Fotografen von Auschwitz interessiert und die Gesichter der zum Tode verurteilten verkraftet, dann sollte man auf dieses Buch zurückgreifen. Es ist die wahre Geschichte in all ihren Facetten und realen Dramen. Eine große Autorenleistung, die einen Menschen in den Vordergrund stellt, der sich dort nie gesehen hat. Der Fotograf von Auschwitz wird uns durch unser gemeinsames Projekt Gegen das Vergessen als konstantes Schwerpunktthema begleiten. Es ist der mehr als gelungene journalistische Versuch, eine unfassbare Geschichte aus der geheimen Dunkelkammer des Nationalsozialismus ans Licht zu bringen und sie den Menschen zu erzählen, die heute nicht mehr glauben können, was damals geschehen ist.

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Reiner Engelmann hat das Negativ von Wilhelm Brasse entwickelt, damit wir uns heute ein Bild von diesem mutigen Mann machen können, ohne den diese Fotos niemals überdauert hätten. Im Lebensalbum dieses Buches hat Reiner Engelmann nicht nur Czeslawa Kwoka, sondern auch uns allen etwas Verlorenes zurückgegeben. Ihr die Würde des Erinnerns und uns den Glauben an aufrechten Journalismus.

Ich danke Peggy Steike für den beharrlichen Rückhalt, die unglaublich intensive Wegbegleitung und den gemeinsamen Schritt in die Zukunft unseres Projekts. Wir werden wohl nie vergessen, wie viele Tränen beim Malen und Schreiben über die Bücher zu Wilhelm Brasse geflossen sind…

Nachtrag: Eine wichtige Stimme zu diesem Buch ist absolut lesenswert. Anja Schmidt rezensiert auf ihrem Literaturblog Zwiebelchens Plauderecke mit Gefühl und Spürsinn. Auch zu Reiner Engelmann hat sie umfassend geschrieben. HIER.

Czesława Kwoka – Ein Aufruf Gegen das Vergessen

Czesława Kwoka - Gegen das Vergessen - Eine wahre Geschichte

Czesława Kwoka – Gegen das Vergessen – Eine wahre Geschichte

Ich möchte heute eine Geschichte erzählen. Eine WAHRE Geschichte „Gegen das Vergessen der Opfer des Holocaust. Es ist eine eigentlich kurze Geschichte über ein 14-jähriges Mädchen, denn viel gibt es nicht, was von ihr blieb. Wir wissen nur, wann sie geboren wurde und wann sie starb. Wir kennen die genauen Umstände ihres Todes nicht und wissen nicht, wie sie gelebt, gelacht und gehofft hat. Wir kennen nur drei Fotos von ihr und, dem Widerstand des Fotografen sei Dank, können wir heute diese drei Minuten miterleben, in denen Czesława Kwoka diesem Mann und seiner Kamera gegenüber saß.

Doch bevor ich ihre Geschichte erzähle, bitte ich euch eindringlich, Czesława in die Augen zu schauen und ihren Blick auf euch wirken zu lassen. Dann solltet ihr euch von den Augen lösen und ihre Lippen genau betrachten. Ganz aufmerksam. Sie sind aufgeplatzt, jedoch noch nicht angeschwollen. Czesława Kwoka wurde erst vor wenigen Augenblicken geschlagen. Und nun schaut ihr in die Augen und versucht ihren Ausdruck zu deuten. Drei Bilder. Drei Minuten blieben dem Fotografen für jeden Neuankömmling.

Czesława Kwoka - Ein Blivk in ihre Augen...und dann...

Czesława Kwoka – Ein Blick in ihre Augen…und dann…

Drei Minuten, die vom Leben der 14-jährigen Czesława Kwoka geblieben sind. Es sind die einzigen Spuren, die von ihr geblieben sind. Das einzige Zeugnis ihres Lebens. Einziger Beweis ihrer Existenz und einziger Beleg für ihre Ankunft im Konzentrations-und Vernichtungslager Auschwitz am 13. Dezember 1942. Gemeinsam mit ihrer Mutter Katarzyna erreichte das katholische polnische Mädchen als politischer Häftling mit der Häftlingsnummer 26947 das Konzentrationslager Auschwitz, nachdem beide aus ihrer polnischen Heimatstadt Zamość deportiert wurden.

Und nur kurz nach ihrer Mutter verstarb Czesława Kwoka am 12. März 1943, nur drei Monate nach diesen Bildern im KZ. Die Todesursache wurde nicht dokumentiert. Es gibt kein Lebenszeugnis vor diesen Bildern, es gibt keine Spuren von ihr danach. Stellt euch vor, dies wären die einzigen Beweise für das ganze Leben eines Menschen, der euch nahe steht. Sie wären heilig. Sie sind heilig. Sie sind uns heilig.

Dem Fotografen dieser Bilder ist es zu verdanken, dass wir die Umstände erfahren, die zur Verletzung von Czesława Kwoka geführt haben. Ihm ist es zu verdanken, dass wir mehr sehen, als nur die Fotos, die er zur Identifizierung der Opfer anfertigen musste. Er ist der einzige unmittelbare Zeuge. Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Auschwitz. Selbst polnischer politischer Häftling und nur seiner Fähigkeit, gute Fotos zu machen hatte er sein Leben zu verdanken, während sein gesamtes Umfeld in den Gaskammern des NS-Regimes ums Leben kam. Und nur seinem aktiven Widerstand ist es zu verdanken, dass diese Bilder nicht vernichtet wurden.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 - 23.10.2012)

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz (3.12.1917 – 23.10.2012)

Wilhelm Brasse hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um seine Fotos zu retten und nach der Befreiung des Konzentrationslagers hat er enorm dazu beigetragen, das Erinnern an die von ihm fotografierten Menschen zu bewahren. Er selbst konnte nach dem Krieg nie wieder durch den Sucher einer Kamera schauen. Er konnte nie wieder fotografieren. Er sah immer nur die Gesichter der Menschen, die oftmals unmittelbar nach Fertigstellung der Fotos ermordet wurden. Aber er hat bis zu seinem Tod von den Opfern erzählt. Ein Zeitzeugnis aus erster Hand, das Bestand hat.

In einem persönlichen Interview könnt ihr von ihm selbst erfahren, was sich damals ereignet hat. Schaut euch bitte diesen Video-Mitschnitt an (Empfehlung: Vorspulen auf genau 7,00 Minuten und Untertitelfunktion aktivieren). Ihr werdet ihm glauben schenken, da er sich noch so gut an das junge polnische Mädchen erinnert. Und ihr werdet den Gesichtsausdruck von Czesława Kwoka verstehen können, der nach ihrer Deportation völlig unerwartet nun auch noch körperliche Gewalt angetan wurde. Aus dem Nichts heraus.

„Ich erinnere mich sehr gut an das Bild von diesem Mädchen, weil es einfach so jung aussah. Das Mädchen. So entwaffnend, als Mädchen, als Gefangene die ein Kopftuch trug. Sie sah noch gut aus, nicht abgemagert. Immer wieder wurden spezielle Nummern aufgerufen. Aber auf Deutsch. Und dieses Mädchen hat einfach nicht verstanden, was da sich vorging. Und dann hat diese SS-Frau… ich sah dies in mehreren Fällen… mit einem Stock zugeschlagen, ins Gesicht geschlagen…“

In seinen Aufzeichnungen und weiteren Interviews wiederholt Wilhelm Brasse diese Darstellung immer wieder. Das junge Mädchen habe dann vor den Aufnahmen versucht, sich das Blut abzuwischen und in einer Mischung aus Entsetzen und Stolz in die Kamera geschaut. Und so schaut uns Czesława Kwoka noch heute an. Ich wage nicht, ihren Blick zu interpretieren. Ich schaue ihr immer wieder in die Augen und fühle die unsägliche Hilflosigkeit. Wie einst Wilhelm Brasse, der nicht helfen konnte:

„To tell you the truth, I felt as if I was being hit myself but I couldn’t interfere. It would have been fatal for me. You could never say anything.”

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike - Ein gemeinsames Schulprojekt

Czesława Kwoka mit den Augen von Peggy Steike – Ein gemeinsames Schulprojekt

Warum ich diese Geschichte heute erzähle? Warum Peggy Steike die Bilder von Czesława Kwoka gemalt hat? Wir wollen ihre wahre Geschichte erzählen. Schülern und Schülerinnen in ihrem Alter vermitteln, wie wenig von einem jungen Leben bleiben kann, wenn man in die mörderischen Fänge einer Diktatur gerät. Wir wollen diese Erinnerung wach halten und dafür Sorge tragen, dass diese wenigen Minuten, die aus dem Leben von Czesława Kwoka überliefert sind, zu einem Moment des Vergissmeinnicht werden.

Und dies ist dringend notwendig, angesichts eines aktuell erschienenen Buches, das als Sachbuch präsentiert wird, mit dem Bild von Czesława Kwoka „aufmacht“ und die Geschichte von Wilhelm Brasse erzählt.Der Fotograf von Auschwitz aus dem Blessing Verlag stellt den Mann hinter der Kamera in den Vordergrund und beleuchtet auf eindringliche Art und Weise das Schicksal eines Opfers, das Opfer fotografieren musste, um selbst am Leben zu bleiben. Das Buch berichtet über den Weg Brasses zum aktiven Widerstand und hält dadurch das Andenken an diesen wohl einzigartigen Zeitzeugen fest.

Er wollte überleben, um zu berichten. Er hat gekämpft, um das Andenken an die Opfer zu bewahren und in die Welt zu tragen. Dies gelang ihm bis zu dem Tag, an dem sich seine Augen für immer schlossen. Wilhelm Brasse verstarb am 23.10.2012. Geblieben sind seine Aufzeichnungen, Vorträge, Interviews und seine verbrieften Erlebnisse.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Crippa / Onnis - Blessing

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Crippa / Onnis – Blessing

Umso größer war unsere Enttäuschung, wenn nicht gar unser Entsetzen, als wir feststellen mussten, dass genau dieses Buch mit dem Titelbild von Czesława Kwoka ihre Geschichte nicht so schildert, wie sie von Wilhelm Brasse selbst erzählt wurde. Ich hatte gehofft, hier in Übereinstimmung mit meinen eigenen Recherchen mehr zu erfahren und Informationen durch die historisch fundierte Arbeit der italienischen Autoren vertiefen zu können. Auch Peggy Steike hat lange recherchiert und wollte nicht glauben, was im Buch abweichend von allen verfügbaren Quellen zu lesen ist:

Dass sich auf dem Gang vor dem Fotolabor Wilhelm Brasses plötzlich ein lautstarker Kampf zweier Kapos (KZ-Wärter) unter den Anfeuerungsrufen ihrer Kollegen ereignet haben soll; dass der Mann und die Frau verbissen auf dem Boden miteinander gerungen haben, während ein 14-jähriges Mädchen mit blutendem Gesicht ebenfalls am Boden lag; dass die Aufseherin ihrem Widersacher vorwarf, dem Mädchen die Hand zwischen die Beine gesteckt und sie geschlagen zu haben, weil sie ihn böse anschaute. Dass Wilhelm Brasse dem Kampf mit den Worten „Lasst sie jetzt vor“ ein Ende bereitet habe und sich das Mädchen ihm dann als Czesława vorstellte, all dies unterscheidet sich erheblich von Darstellungen Brasses in seinen Aufzeichnungen und Interviews, in denen von einem sexuellen Übergriff keine Rede ist.

(Dass die Autoren hier eindeutig von Czesława Kwoka sprechen, ergibt sich daraus, dass die Fotos von ihr die entsprechende Kapitelüberschrift „1941 – 1942: Sich verstecken, um zu überleben“ ergänzen und die dem obigen Vorfall folgende Beschreibung des Mädchens keinen anderen Rückschluss erlaubt. Crippa / Onnis – Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz, S. 70 ff.)

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Seite 71

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Seite 71

Für diese Schilderung finden sich keine Quellen, die der Beschreibung standhalten. Die bloße Betrachtung des Videos beantwortet viele Fragen. Der Vorfall ist grausam genug und erlaubt eigentlich keine weiteren Dramatisierung. Darüber hinaus finden sich weitere eklatante methodische Fehler in Datierung, Chronologie und Freiheiten in der Wiedergabe von Gesprächen, für die keine Quellen zu finden sind. Das im Buch präzise Wort für Wort beschriebene private Fotoalbum der SS-Führung des KZ Auschwitz ist das im Jahr 1944 entstandene Auschwitz-Album von Lili Jacob. Es wurde im Buch in das Jahr 1941 verlegt und mit Bildern hinterlegt, die mit 1944 untertitelt sind. Methodisch völlig inakzeptabel. Und in den Quellenangaben taucht das Auschwitz-Album nicht auf.

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Methodische Fehler

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Methodische Fehler

„Der Fotograf von Auschwitz“ von Crippa / Onnis ist kein reines Sachbuch. Es ist der Versuch, den Lebens- und Leidensweg des Häftlings Wilhelm Brasse mit fiktionalen Anteilen nachvollziehbar zu machen. Eine solche literarische Mischform des erzählenden Sachbuchs entsteht zumeist dann, wenn beschriebene Zeitzeugen nicht mehr persönlich befragt werden können. Mit fiktionalen Freiheiten sollte hier vorsichtig umgegangen werden. Das Buch ist in den von mir aufgeführten Teilen nicht sauber recherchiert und erzielt bezogen auf Czesława Kwoka einen Effekt, der unglaublich ist. Brasse hat ihre Geschichte erzählt und sein Leben dafür riskiert, sie erzählen zu können. Und nun, 70 Jahre später wird ihre Geschichte hinter einer Abwandlung der Realität verschleiert – gar verfälscht. Warum sollte ich vor diesem Hintergrund dem Buch mehr glauben schenken, als der Originalaussage von Wilhelm Brasse?

Ich sehe uns eines Tages mit den Bildern von Peggy Steike in einem Vortrag, sehe wie wir die Geschichte dieses Mädchens erzählen und erinnern wollen, und höre dann in meinem Geiste „Das ist nicht ganz richtig – ich habe das in einem Sachbuch anders gelesen“… Und wer der Meinung ist, es sei doch letztlich egal, warum das Mädchen auf dem Bild so schaut oder warum sie aus mehreren Wunden blutet, der möge sich nur vor Augen halten, wie er sich selbst fühlen würde, wenn die einzige Erinnerung an die eigene Tochter oder den eigenen Sohn so verschoben dargestellt würde. Wohlgemerkt, die einzige Erinnerung.

Ich habe dem Blessing Verlag vor der Herausgabe des Buches meine Bedenken mitgeteilt. Ehrliche Betroffenheit war die Reaktion, besonders weil man das Buch als Lizenznehmer des italienischen Herausgebers PIEMME publiziert und eine inhaltliche Überprüfung nicht üblich ist. Es wurde jedoch zugesagt, die Autoren nach ihren Quellen zu befragen. Das Buch ist letztlich in der vorliegenden Fassung erschienen und wird wohl in weitere Sprachen übersetzt. Den Mängeln konnte nicht widersprochen werden.

Darüber hinaus wurde betont, dass dieses erzählende Sachbuch nicht den Stellenwert eines Sachbuchs haben kann, und die Autoren wohl die Chronologie der Ereignisse in Auschwitz der Dramaturgie des Buchs geopfert haben, um die persönliche Entwicklung Wilhelm Brasses zum Widerstandskämpfer hervorzuheben. Diese Aussagen lasse ich für sich wirken. Unkommentiert.

Aus meiner Sicht und nach meinen Erkenntnissen wurde Czeslawa Kwoka nicht 1942 fast vergewaltigt. Sie wurde es heute und dagegen kämpfen wir mit Wort und Bild an. 

Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz - Zuviele offene Fragen

Wilhelm Brasse – Der Fotograf von Auschwitz – Zu viele offene Fragen

Beim cbj Verlag erscheint ebenfalls ein Buch unter dem Titel „Der Fotograf von Auschwitz“. Reiner Engelmann liefert den Beweis, dass meine Kritik berechtigt war… 

Der Fotograf von Auschwitz - Das Leben von Wilhem Brasse - Reiner Engelmann

Der Fotograf von Auschwitz – Das Leben von Wilhem Brasse – Reiner Engelmann

Siehe dazu auch: Neue Zürcher Zeitung – „Die Würde der Opfer“ zu Crippa/Onnis:

„Das ist Groschenroman-Niveau. Crippa und Onnis schrecken in ihrer Darstellung auch vor Holocaust-Kitsch nicht zurück: «Instinktiv hob er den Blick zum Fenster, als hoffe er, am Himmel eine Spur jenes letzten Weges zu entdecken, den die auf der Liste verzeichneten Menschen in dieser Welt genommen hatten.» Fänden sich solche Ausrutscher in einem belletristischen Werk, liessen sie sich als Ausdruck schlechten Geschmacks bezeichnen. Wenn es aber um die Wirklichkeit von Auschwitz geht, ist derlei unerträglich.“

Dem schließe ich mich inhallich und emotional voll umfänglich an!