„Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Was, wenn ein Buch augenscheinlich für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurde und ich mich ganz sicher nicht zu dieser Gruppe zähle? Finger weg? Links liegen lassen und nicht beachten? Was aber, wenn genau dieses Buch von jemandem verfasst und illustriert wurde, der mein Lesen schon mehrfach bereichert hat? Schwere Entscheidung? Vielleicht! Nicht jedoch, wenn es sich um Reinhard Kleist handelt, weil er mich schon mit „Ein Maler zieht in den Krieg“, „Der Traum von Olympia“ und „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ nachhaltig beeindruckt hat. Wort- und bildgewaltig ist er in mein Leben getreten, hat der verzweifelten jungen Olympiahoffnung Samia Yusuf Omar, meinem Lieblingsmaler Franz Marc und einem Klassiker von Ray Bradbury mit seinen Werken neues Leben eingehaucht und nun bin ich in vielerlei Hinsicht von „Nick Cave“ überwältigt, weil die Graphic Novel aus dem Hause Carlsen Verlag mit mehr als 320 großformatigen Seiten das wohl umfangreichste Buch von Reinhard Kleist ist.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave. Mercy on me.” Ein verheißungsvoller Titel, da ich mich auch ein wenig nach Gnade sehnte. Oder sollte ich besser sagen „Shame on me“, weil mir der Name gar nichts sagte. Ein klassischer Fall von Bildungslücke oder selektiver Wahrnehmung, wie sonst sollte ich mir erklären, dass dieser Musiker bisher nicht auf meiner Playlist in Erscheinung getreten ist. Nick Cave. Ich musste doch tatsächlich Wikipedia bemühen und erst nach einer ersten Recherche erinnerte ich mich dunkel an ein Duett mit Kylie Minogue. „Where The Wild Roses Grow“. Ja, das sagte mir was, aber scheinbar war es so, dass ich 1995 eher auf die Sängerin geachtet habe, als auf den zotteligen Punk an ihrer Seite.

Allerdings konnte ich mich noch gut an das emotionale und traurige Musikvideo über die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens erinnern. Warum jedoch sollte ich mich der Graphic Novel widmen, wenn mir schon der Name des Sängers gar nichts sagte? Konnte ich denn überhaupt verstehen, was Reinhard Kleist hier illustriert und geschrieben hatte? Ich zweifelte zwar, ließ mich aber doch auf das hochwertig und aufwendig gestaltete Buch ein. Nein. Ich kann nicht nein zu Reinhard Kleist sagen. Und so begegnete ich Nick Cave zum ersten Mal in meinem Leben in einem Buch. Nicht auf der Bühne oder in einem Musikalbum, nicht auf meiner Playlist und schon gar nicht rein akustisch. Der erste Zugang zu einem Menschen, der so durch seine Musik geprägt ist, war ein optischer. Konnte das gutgehen?

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Es hat dann ein wenig gedauert, bis mir klar war, was Reinhard Kleist mit meinen Sinnen veranstaltete. Allerdings wirklich nur ein wenig, denn dann surfte ich auf einer Welle, die ich musikalisch noch nie zuvor bewältigt hatte. Ich sah die Musik von einem Musiker, ich las sie und ich wurde in sein Leben entführt, das nun in allen Facetten vor mir ausgebreitet wurde. Diese Graphic Novel ist die Playlist einer Karriere, der es nicht an tiefgründigen Lyrics fehlt. Dieses Buch rockt sich in die Seele der Leser, weil es auf jeder Seite einen anderen Rhythmus vorgibt. Mal sanft, dann wieder rebellisch und am Ende fast schon versöhnlich sentimental. Ein Buch, das man hören kann, wenn man es zulässt. Ich habe es zugelassen und bin dankbar dafür.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Reinhard Kleist schreibt und illustriert eine Hommage an seine Rock-Ikone, ohne sich dabei auf das Leben von Nick Cave zu stürzen. Biografisch ist das Buch sicherlich, aber die Perspektive ist außergewöhnlich. Wir nähern uns dem Sänger durch die Texte und Songs, die er schrieb. Wir lernen ihn durch die fiktionalen Figuren kennen, die von ihm besungen, ermordet, geliebt und vergöttert wurden. Und diese Protagonisten sind es, die Nick Cave mit ihrem Schicksal in der Musik konfrontieren. Beeindruckend, den Sänger mit jenem besungenen Killer zu erleben, den er auf den „Mercy Seat“, also auf den elektrischen Stuhl, komponierte. Emotional, das Schöne sterben zu sehen, weil es eben sterben muss. Eine Rose zwischen den geschlossenen Lippen, den Blick gerade erst gebrochen und im Wasser treibend. Kylie Minogue mit einem glanzvollen Auftritt.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Am Beispiel Nick Cave beginnen wir uns in Künstler hineinzuversetzen, die nach neuen Wegen suchen, die einzigartig und anders sein wollen, die sich vom Mainstream und seinen Grenzen lösen wollen. Wir erleben Schaffenskrisen, Blockaden und Krisen. Die Bewusstseinserweiterung durch Drogen erscheint wie das Doping bei Sportlern. Im Wettstreit mit den Kreativen dieser Welt ist die neue Idee, der zündende Funke jeweils auch die Lebensversicherung ohne die auch ein Künstler nicht existieren kann. Extrem ist hier die Individualität. Und ohne Ego geht man unter. Nur so entstehen Ikonen. Und nur diese können die Welt verändern. Hier ist Nick Cave die Metapher für Kultur in ihrer reinsten Ausprägung. Trendsetter, Weltveränderer und Lifestyle-Prototypen leben ihre Genialität nicht in mathematischen Formeln und bürokratischen Schranken. Sie leben.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me“ steht nicht allein für sich. Ein aufwendiges Artbook im Schallplattenformat begleitet die Graphic Novel. „Nick Cave & The Bad Seeds“ ist im Gesamtkontext der biografischen Annäherung an diesen Musiker nicht nur eine reine Werkstudie von Reinhard Kleist. Der Bildband zeigt vielmehr weitere Details und auch Portraits, Lebensmomente und illustrierte Hintergründe zum Leben von Nick Cave. Es sind Bücher, die sich komplementär ergänzen und meiner kleinen Bibliothek der Werke von Reinhard Kleist sehr gut zu Gesicht stehen. Aus diesen Spiegelscherben eines Sängers wird ein Spiegelkabinett mit eigenem Sound. Das Songbook eines Lebens.

Nick Cave – Artbook von Reinhard Kleist

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„Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Wie starten wir am besten in ein neues literarisches Jahr? Vielleicht mit Inspiration, Energie und einem scharfen Blick auf das Wesentliche. Vielleicht sollten wir mit einem Ende beginnen. Das mag ja ein wenig paradox klingen, aber in jedem Abschluss liegt auch immer ein Neubeginn verborgen, der uns in die Zukunft begleiten wird. Beginnen wir doch einfach das neue Jahr in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium mit etwas wahrhaft Wichtigem und widmen uns der Frage:

Was wichtig ist. (Die Rezension kann man auch hier hören: Literatur Radio Bayern)

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Meine Radio-Rezension

Barack und Michelle Obama, John F. Kennedy, Mark Zuckerberg, Matt Damon, Bill Gates, Tommy Lee Jones, Ralph Waldo Emerson… Eine illustre Reihe bedeutender Menschen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Ruhm gelangt sind. Eine Gemeinsamkeit fällt auf den ersten Blick nicht auf. Sie sind Absolventen der Elite- Universität Harvard, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika 21000 junge Menschen pro Jahr auf ihr akademisch geprägtes Leben vorbereitet. Wenn man sich also die Reihe der prominenten Menschen anschaut, die oben aufgeführt sind und sich dann überlegt, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich die heutigen Studenten anschaut, die Harvard Jahr für Jahr verlassen, dann weiß man, mit wem man es künftig zu tun haben könnte. Präsidenten, Schriftsteller, Weltveränderer…

Traditionell werden die Abschlussjahrgänge in einem großen Zeremoniell von der Universität verabschiedet und ebenso traditionell werden ganz besondere Menschen gebeten, im Rahmen dieser Abschlussfeier eine Rede zu halten. Am Ende einer langen Studienzeit soll eine Initialzündung erfolgen, die den künstlichen Horizont dieser jungen Theoretiker um den Blick auf das wahre Leben erweitern soll. Im Jahr 2008 trat man an eine britische Schriftstellerin heran, die als Erfindern einer der magischsten Schulen im Universum zu Weltruhm gelangt ist. Von ihr versprach man sich wohl inspirierende als auch magische Impulse aus berufenem Munde. Gemeint ist J.K. Rowing

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Ihre Vita ist beachtlich. Ihre Karriere klingt wie ein Wunder. „Harry Potter“ hat sie weltweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen unserer Zeit gemacht. Ein Erfolg, der sich nicht vorhersehen ließ. Eine Erfolgsgeschichte, die sie niemals so geschrieben hätte, weil Glück, Bestimmung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich waren, um überhaupt einen Verlag zu finden, der diese Geschichte veröffentlichen und nachhaltig vermarkten wollte. Ja, sie hat etwas zu erzählen. Was aber hatte sie im Jahr 2008 als Rüstzeug für Harvard-Absolventen im Gepäck? Wie lautete ihre Botschaft und was macht diese Rede auch heute noch so lesenswert?

„Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie.“

Diese beiden Kernthemen wollte sie in den Vordergrund stellen. Ambitioniert finde ich angesichts der zwanzigminütigen Redezeit, die ihr zugestanden wurde. Ambitioniert auch angesichts der Tatsache, dass J.K. Rowling eher dafür bekannt ist, ihre Botschaft in Enzyklopädien nicht unter sieben Bänden zu verpacken. Ambitioniert angesichts der Tatsache, dass sie sich im Vorfeld darüber im Klaren war, wer hier zu wem spricht. Der auf ihr lastende Druck war so groß, dass nur ihre selbstironische Souveränität und das klare Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit in der Lage war, das Eis zu brechen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Die Rede „Was wichtig ist“ liegt nun in gebundener Fassung beim Carlsen Verlag vor. Es ist das zarte Pflänzchen eines Buches, das J.K. Rowlings Worte auf 70 Seiten an Menschen weiterreicht, die nicht unbedingt über einen Harvard-Abschluss verfügen. Verziert, ausgeschmückt und untermalt ist die Rede mit Illustrationen von Joel Holland, die der Symbolkraft der Worte die metaphorische Macht der Bilder und Zeichnungen an die Seite stellt, um sie noch tiefer in unserem Bewusstsein zu verankern. Ein Zweiklang, der zeigt, dass J.K. Rowling ihre Worte nicht an die akademische Elite adressierte. Sie sprach zu Menschen, mit Menschen über Menschen. Übermenschliches erwartete sie nicht von ihren Zuhörern. Das macht den Text für uns alle zugänglich.

Im eigentlichen Sinn beinhaltet ihr Text auch keine richtungsweisende Botschaft, weil sie weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft deutet. Sie zeigt auf das Herz. Sie packt die Menschen beim Verstand und appelliert an alle Sinne. Sie lebt ihre Worte vor, weil ihr Aufruf, sich in andere Menschen hineinzuversetzen nur gelingen kann, weil es ihr an diesem Tag der Rede gelang sich in ihre Zuhörer hineinzuversetzen. In all die Unsicherheiten, den Selbstzweifel und die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie ermutigt, ermuntert und bestärkt jene, für die das Scheitern zur Lebensgefahr mutiert.

Sie zeigt mit der Kraft der Fantasie einen Weg auf, den jeder beschreiten kann, dem die Angst vor dem Scheitern monströse Steine in den Weg legt. Und dabei theoretisiert sie nicht. Nein. Sie nimmt sich selbst als Beispiel. Ihr persönliches Scheitern. Ihre Kraft, die sie aus ihren Niederlagen zog und ihre Fantasie, die sich als Rettungsanker erwies. Aus ihrer Rede zu zitieren halte ich für nicht angebracht, da sie ein geschlossener Kreis einer sich langsam erschließenden Argumentationskette ist. Eine Kette, die wir alle gut tragen können. Eine Kette, die jedem Menschen wirklich gut zu Gesicht steht und nicht zuletzt eine Kette, die zu jedem Anlass im Leben Sinn macht und Freude schenkt. Eine Rede nicht nur für Liebhaber und Kenner von Harry Potter. Worte eines Menschen, die sich ihren Weg aus berufenstem Munde in unsere Ohren und Herzen bahnen.

Ein guter Beginn für ein neues Jahr. Zu verstehen, dass Scheitern zu unserem Weg gehört, dass wir mit der Macht unserer Fantasie gegen Ängste ankämpfen können und dass wir unser Leben nie in den Griff bekommen, weil es sonst nicht unser Leben wäre. Planbar, vorherbestimmt und alternativlos. Lasst uns auch das neue Jahr gestalten. Es steht unter einem guten Stern in der kleinen literarischen Sternwarte. Was mir für 2018 wichtig ist liegt auf der Hand. Ich möchte heute nicht wissen, wie es endet. Ich möchte gestalten und aktiv sein, mich engagieren und der Kreativität freien Lauf lassen. Nicht zuletzt verschreibe ich mich den Menschen in meiner Herzensnähe und allen Büchern, die meinen Weg kreuzen. Mein Herzensjahr 2018. Herzlichst willkommen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling und Dasist Wasser von David Foster Wallace

J.K. Rowling erreicht mit „Was wichtig ist“ die Qualität einer Abschlussrede, die zu den legendärsten überhaupt gezählt wird.Das hier ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denkenvon David Foster Wallace gilt als der Mutter aller Abschlussansprachen. Ich habe ihr viel Raum gegeben. Sie hat mich inspiriert und begeistert. Sie lenkt den Blick auf und in das Gegenüber, dem wir so kritisch und bissig begegnen. Empathie ist das Bindeglied zwischen beiden Reden. Mögen sie die Welt verändern.

Der Bogen und das Wichtige. Ein guter Start ins neue Jahr…

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Ein guter Start ins Jahr

Phantastische Tierwesen und wo sie zu HÖREN sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Was waren das noch für Zeiten. Jugendbücher wurden zu ihrem Erscheinungstermin mit Geldtransportern ausgeliefert. Schwer bewacht von allzu grimmigen Buchhändlern. Ein Hype, der heutzutage eher der Vergangenheit angehört. Details der Fortsetzungen wurden nicht verraten und die ganze Welt wartete ungeduldig darauf, dass wieder eine neue Geschichte von Harry Potter das Licht der Bücherwelt erblickte. Und von wegen Jugendbuch! Nicht nur die jüngsten Leser fieberten in langen Harry-Potter-Nächten den neuen Büchern von einer britischen Autorin entgegen, die ihren weltweiten Erfolg vielen Zufällen und einer brillanten Idee zu verdanken hatte. Joanne K. Rowling.

Zu Beginn der Zauberwelle war die Welt nur von ihren Büchern geprägt. Es galt zu lesen, was das Zeug hielt, um am „Goldenen Schnatz“ zu bleiben. Bilder spielten sich nur in unseren Köpfen ab und jeder stellte sich Harry, Hermine und Ron so vor, wie es seine eigene Fantasie erlaubte. Als die Verfilmungen der Romane das Universum von Hogwarts um eine weitere Dimension erweiterten, gab es gar kein Halten mehr. Leser, die von der ersten Seite an Weggefährten von Harry waren, galten als alte Hasen und Joanne K. Rowling badete in dieser Woge des Erfolges. Ein Erfolg, den man ihr so sehr gönnte.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und was wir in der Hoch-Zeit dieser Woge so alles freudig zu uns nahmen. Harry Potter war allgegenwärtig und die Wartezeit sorgte nicht nur in Deutschland für wildeste Spekulationen. Stirbt Harry am Ende, sind es wirklich nur sieben Teile und was machen wir am Ende von alledem? Fragen, mit denen sich jeder HP-Fan mindestens ein Mal in seinem Leben auseinandergesetzt hat. Gut, dass Joanne K. Rowling selbst immer ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt hatte, ihre Leserschar mit neuen Inhalten zu füttern. So kam es 2001 auch zu den legendären kleinen Bändchen, die ganz frisch aus der Schulbibliothek von Hogwarts entschlüpft zu sein schienen.

Wollten wir nicht immer schon ein echtes Schulbuch aus der Zauberschule in den eigenen Händen halten? Bestenfalls auch noch eines, in dem gelangweilte Schüler in und zwischen den Zeilen handschriftliche Kommentare und kleine Späße hinterlassen haben? Vielleicht sogar eines mit den Spuren unserer jungen Helden? Lebensbeweise und Nahrung für unsere Phantasie. Beide Wünsche wurden uns erfüllt und seitdem war es wichtig, die kleinen aber feinen Schulbücher „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ und „Quidditch im Wandel der Zeit“ in die eigene Potter-Bibliothek zu integrieren.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und sind wir doch mal ehrlich! Was wären die Generationen von Zauberlehrlingen in Hogwarts ohne diese Schulbücher gewesen? Aufgeschmissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Quidditchspiel hätte je regelkonform stattfinden können und die Herkunft der unglaublichen Tierwesen, die ein gewisser Newt Scamander auf der ganzen Welt zusammengetragen, kategorisiert und beschrieben hatte, wäre bis heute ungeklärt. Im Vergleich zu unseren Schulbüchern (also aus reiner Muggelsicht natürlich) ein wahrer Schatz der Schulbuchliteratur, den man verinnerlicht haben muss.

Der Hintergrund für diese beiden Werke war durchaus ernster. Joanne K. Rowling wollte teilen. Nicht nur ihr Wissen um die Welt, die sie geschaffen hatte. Nein. Sie war bestrebt, ihren Erfolg zu teilen und wohltätige Organisationen zu unterstützen, die wohl bis heute unentdeckt geblieben wären, hätte sie sich nicht in die Bresche geworfen. Ein großer Teil der Erlöse aus dem Verkauf dieser Bücher ging an Comic Relief, eine der angesehensten karitativen Einrichtungen in Großbritannien. Albus Dumbledore sagte mal dazu:

„Die Markscheine und Galleonen, die Sie hinblättern, verrichten magische Werke, welche sogar die Kräfte von Zauberern übersteigen.“

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Nun sind einige Jährchen ins Land gegangen, seit die Saga um Harry Potter zum Abschluss gelangt ist. Die Bücher sind geschrieben, die Filme wurden abgespult und weltweit atmet die inzwischen erwachsene Fangemeinde der großen Autorin nach wie vor die gute Luft der Magie aus ihrer Feder. Dass jetzt aber ausgerechnet eines dieser Schulbücher für Furore sorgt, sich verselbständigt und eine Geschichte erzählt, die uns zurück zu den Wurzeln von Harry Potter bringt, das hätte wohl niemand erwartet.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wird gerade weltweit gefeiert, weil nicht nur das kleine Schulbüchlein im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Joanne K. Rowling selbst ihr Debüt als Drehbuchautorin für die Verfilmung des Stoffes gab. Alle Fans empfinden dieses Sequel inzwischen als legitime Fortsetzung der Saga, die beendet schien. Die Welle war erneut erstaunlich. Die Bücher wurden dem Carlsen Verlag aus der Druckpresse entrissen, das originale Schulbuch erlebte ein Revival und die Verfilmung mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle als Newt Scamander sprengte in aller Welt die Kinokassen.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Mich erreichte der neue Hype auf Umwegen. Ein Geschenk meiner Mutter an meine Tochter; alle Harry-Potter-Verfilmungen in einem Schuber; gemeinsame Staunstunden und die Entdeckung der Verfilmung der phantastischen Tierwesen; mein Griff ins Regal der Harry-Potter-Werke; ein kleines feines rotes Tierwesen-Schulbuch im Original aus dem Jahr 2001 und eine Hörbuchfassung von Der Hörverlag mit der Synchronstimme von Eddie Redmayne. Man kann sich vorstellen, welcher Welle ich mich erneut hingab und welche Woge der Begeisterung ich damit auslösen konnte. Alles war greifbar, alle Ausgaben in allen möglichen Varianten verfügbar und der Genuss war grenzenlos.

Timmo Niesner spricht den Newt Scamander, wie man ihn aus dem Film kennt. Er verkörpert den ruhigen und introvertierten Gelehrten, dem es um die Belange der Tiere geht, die er entdeckt und kategorisiert hat. Das Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sindkommt in seiner Hörbuchadaption in Echsenhautoptik und mit einem grandiosen Sounddesign daher. Beides sorgt für Gänsehaut. Die Echse rein haptisch, die Soundeffekte mit phantastischen Tiergeräuschen akustisch. Hier vergeht die Zeit wie im Flug des Phoenix. Zwei Stunden auf zwei goldenen CDs mit Hippogreif und Basislisk werden zur Tour de Raison durch die phantastische Tierwelt, die Joanne K. Rowling auf die Welt der Zauberer losgelassen hat.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Ein perfektes Geschenk für Muggel, denen der Glaube fehlt. Perfekt für Fans von Harry Potter, die denken, schon alles zu haben. Ein tolles Geschenk für Freunde guter Audiobücher mit tollem Sounddesign und natürlich der mehr als perfekte Start für eine eigene Recherche, sollte man sich am Loch Ness mal fragen, woher denn das Monster stammt. Newt Scamander weiß Rat….

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Salz für die See“ von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Eigentlich befinden wir uns schon fast am Ende und doch geht es jetzt erst richtig los. Wir sind in Ostpreußen und die Vorboten des Kriegsendes sind deutlich zu spüren. Während Stalingrad schon lange aufgegeben, Leningrad befreit wurde und der Winter 1944 zum treuesten Verbündeten Russlands wird, ist die Niederlage der Nazi-Armeen besiegelt. Heillos und unkoordiniert vollzieht sich der Rückzug, Kilometer um Kilometer wird der Roten Armee überlassen und es beginnt die bittere Rache für einen Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte. Und es beginnt die Rache für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Misshandlungen, Morde, Massaker und Deportationen in den besetzten Gebieten.

Heillos vollzieht sich auch die Flucht der Menschen, die auf der Flutwelle besiegter Soldaten mitgetragen werden und es setzt die Flucht aus Ostpreußen ein. Das Ziel: Die Ostsee, die kleinen und großen Häfen, in denen man sich Rettung verspricht. Alles Hab und Gut mit sich tragend, auf Karren, Schlitten oder am Körper taumeln die Menschen im letzten Kriegswinter des Jahres 1944 verzweifelt den letzten Strohhalmen entgegen, die noch greifbar sind. Gotenhafen. Schiffe. Schlepper. Jollen. Mittendrin der Stolz des überheblichen Dritten Reichs. Der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff. Evakuierung steht über allem. Rette sich wer kann und koste es was es wolle. Nur nicht in die Hände derer fallen, die sich nun als Sieger fühlen dürfen.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ruta Sepetys widmet dieser dramatischen Fluchtwelle ihren Roman Salz für die See, erschienen im Königskinder Verlag. Dabei legt die in Michigan lebende Autorin mit litauischen Vorfahren sehr viel Wert darauf, menschliche Schicksale im historischen Kontext nicht nur greifbar, sondern fühlbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, hier einerseits zu vermitteln, was es bedeutet auf der Flucht zu sein, andererseits aber auch ganz genau zu umreißen, was es heißt Schuld zu tragen, verfolgt zu werden oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie stellt sich der Herausforderung, in empathischer Art und Weise von Menschen zu erzählen, die so authentisch wirken, als seien sie direkt aus der Zeit vor unsere Augen gefallen und dabei geschichtlich Position zu beziehen. Ihr gelingt mit „Salz für die See“ ein zutiefst humanistischer Roman, der in der Lage ist Werte zu vermitteln und Hintergründe zu verstehen, die sich auf der reinen Gefühlsebene besser verstehen lassen.

Drei Menschen wirft Ruta Sepetys in diesen Flüchtlingsstrom. Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die sie uns ans Herz legt und denen wir durch die unwirtliche verschneite Landschaft Ostpreußens folgen. Jeder Schritt kann der letzte sein und der Einzelne verliert an Bedeutung. Gemeinsam kämpft man um das nackte Leben. Es gleicht einer Massenpanik, in der Freund und Feind kaum zu trennen sind. Gefahr droht überall. Verfolgt von der Roten Armee läuft man sehenden Auges in die Arme der Wehrmacht, die genau dort wartet, wo die Flucht ihr Ende nehmen soll. In Gotenhafen, wo Willkür und Nazi-Ideologie darüber entscheiden, wer an Bord eines der Schiffe gehen darf.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Joana, Florian und Emilia bilden das Dreieck dieser gesamten Geschichte. Ihnen schließen sich Flüchtlinge an, sie stehen im Zentrum des Sturms und stehen in vielerlei Hinsicht stellvertretend für abertausende Menschen auf dem Weg in den Untergang. Da ist Joana, die litauische Krankenschwester, die nur noch nach Hause will. Unsicher, ob sie in ihrer Heimat noch überlebende Familienangehörige findet, oder ob sie ganz allein auf der Welt ist. Schuldgefühl begleitet sie. Schuld ist ihr Jäger. Da ist Florian der mehr verbirgt, als er verrät. Ein Deserteur könnte er sein, verletzt ist er. Ein Geheimnis wiegt schwer in seinem Rucksack. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und traf die einzig richtige Entscheidung. Schicksal ist sein Jäger. Und da ist Emilia das Bauernmädchen. Schwanger. Doch von wem? Stimmt ihre Geschichte vom liebenden Freund oder ist es möglich, dass… ? Schande ist ihr Jäger.

Die Gejagten sind aufeinander angewiesen. Sie retten einander, geben sich Halt und doch verdrängen sie im Chaos der Flucht das Wichtigste. Die Wahrheit. Mit ihnen sind Menschen unterwegs, die den Mikrokosmos der Opfer der Nazi-Diktatur darstellen. Hier liegt eine der wesentlichen Stärken des Romans, da es Ruta Sepetys gelingt, mit ihren Charakteren Geschichte zu schreiben, die lebendiger ist, als Geschichte eigentlich mit einem Roman zu vermitteln wäre. Vom Holocaust über Euthanasie bis hin zu Kunstraub reichen die Spektren dieses Romans, der sich von Seite zu Seite in den Herzen seiner Leser festbrennt.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Wer sich diesem Roman nähert, der wird ein blindes Mädchen nicht mehr vergessen und beim Anblick von Schuhen immer an den Schuh-Poeten und den kleinen Jungen denken, für den er zum Ersatz-Opa wurde. Wer diesen Roman liest, wird immer wieder verstehen können warum das Zitat „Wer Hass sät, wird Sturm ernten“ so richtig ist. Und wer sich einmal auf den Weg durch das Frische ostpreußische Haff macht, wird sich so sehr in das Schicksal von Flüchtlingen unserer Zeit hineinversetzen können. Die Autorin macht es sich selbst, ihren Protagonisten und Lesern nicht sehr leicht. Die Geschichte kostet Menschenleben auf allen Seiten. Ein Schicksal, dass auch an ihren Charakteren nicht vorbeigehen kann. Der Tod ist allgegenwärtig. Und jede Geschichte ist nur so gut, wie das personifizierte Böse, das am Ende wartet. Alfred wartet an Bord der rettenden Wilhelm Gustloff darauf, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er hat nicht lange zu warten, bis zehntausende Flüchtlinge in die Hafenstadt stürmen und sein kleines Nazi-Licht machtvoll erstrahlen kann.

Ruta Sepetys gelingt mit „Salz für die See“ ein All-Age-Drama mit sehr fundiertem historischem Background. Menschlich vermag sie Augen zu öffnen, geschichtlich ist es beeindruckend, wie klar sie Zusammenhänge erklärt, ohne schulbuchhaft zu wirken und ihre Botschaft lässt es an Klarheit nicht missen. Im Taumel des Lesens konnte ich mich der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich las ohne Pause, ich las zornig, ich las in Tränen und ich las fassungslos. Je näher ich der Gustloff kam, umso mehr wollte ich in die Handlung eingreifen und warnen. Diese Hilflosigkeit beim Lesen bleibt. Aus ihr kann man Kraft schöpfen, im Leben nicht hilflos sondern voller Tatendrang zu sein. Im Finale des Romans versank ich mit der Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee und durfte doch erleben, dass Hoffnung unsinkbar ist.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ich lege euch das Buch ans Herz. Es lässt niemanden kalt, auch wenn das Klima nur frostig ist. Begegnet Romanfiguren, die es so oder so ähnlich ganz bestimmt gegeben hat. Achtet auf sie und auf euch. Haltet die Augen offen und tragt vielleicht einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass die Gustloffs unserer Zeit unsinkbar werden. Für sehr viele Menschen ist heute unser Deutschland ein solches Rettungsschiff. Unglaublich, wenn man sich überlegt, wie viele unserer Vorfahren selbst auf der Flucht waren oder dafür gesorgt haben, dass Menschen fliehen mussten. Also – Rettungsringe raus. Werft sie zu den Menschen, die Hilfe suchen und fragt nicht schon vor dem Wurf, ob sie es wert sind. Diese Frage ist unmenschlich. Das sollte man nie vergessen...

Ich trug einen Siegelring beim Lesen. Nicht irgendeinen. Er hat den weiten Weg aus Ostpreußen bis in meine Geburtsstadt Trier hinter sich. Er kam allein zurück. Er lag am 21. Oktober 1944 auf dem Boden des weltberühmten Trakehner-Gestüts. An diesem Tag begann auch die Flucht von dort ins vermeintlich rettende Gotenhafen. Einen Ring beim Lesen zu tragen, der zur besagten Zeit vor Ort seine eigene Geschichte schrieb, fühlt sich seltsam an. Er gehörte dem Bruder meines Vaters. Er starb an diesem Tag in Ostpreußen, als seine Einheit die Evakuierung der Flüchtlinge sichern sollte. Nur dieser Ring kam nach Hause. Weihnachten 1944. Er hat vibriert, als ich „Salz für die See“ las. Als wollte er mir seine Geschichte erzählen.

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Vielleicht oder sicher sogar waren russische Menschen vor meinem Onkel auf der Flucht. Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, was dieser Ring erlebt hat. Ich weiß nur, dass es mir viel bedeutet, ihn bei mir zu haben. Er erinnert mich täglich daran, was es bedeutet, im Räderwerk einer Diktatur zermalmt zu werden. Oder sich gar freiwillig zermalmen zu lassen, weil man zu blind oder zu gutgläubig oder einfach schlecht ist. Vielleicht mögt ihr mehr zu diesem Ring erfahren… Ich schrieb darüber

Am Ende waren wir gemeinsam an Bord der Gustloff. Literatwo auf der Flucht.

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