Phantastische Tierwesen und wo sie zu HÖREN sind

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Was waren das noch für Zeiten. Jugendbücher wurden zu ihrem Erscheinungstermin mit Geldtransportern ausgeliefert. Schwer bewacht von allzu grimmigen Buchhändlern. Ein Hype, der heutzutage eher der Vergangenheit angehört. Details der Fortsetzungen wurden nicht verraten und die ganze Welt wartete ungeduldig darauf, dass wieder eine neue Geschichte von Harry Potter das Licht der Bücherwelt erblickte. Und von wegen Jugendbuch! Nicht nur die jüngsten Leser fieberten in langen Harry-Potter-Nächten den neuen Büchern von einer britischen Autorin entgegen, die ihren weltweiten Erfolg vielen Zufällen und einer brillanten Idee zu verdanken hatte. Joanne K. Rowling.

Zu Beginn der Zauberwelle war die Welt nur von ihren Büchern geprägt. Es galt zu lesen, was das Zeug hielt, um am „Goldenen Schnatz“ zu bleiben. Bilder spielten sich nur in unseren Köpfen ab und jeder stellte sich Harry, Hermine und Ron so vor, wie es seine eigene Fantasie erlaubte. Als die Verfilmungen der Romane das Universum von Hogwarts um eine weitere Dimension erweiterten, gab es gar kein Halten mehr. Leser, die von der ersten Seite an Weggefährten von Harry waren, galten als alte Hasen und Joanne K. Rowling badete in dieser Woge des Erfolges. Ein Erfolg, den man ihr so sehr gönnte.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und was wir in der Hoch-Zeit dieser Woge so alles freudig zu uns nahmen. Harry Potter war allgegenwärtig und die Wartezeit sorgte nicht nur in Deutschland für wildeste Spekulationen. Stirbt Harry am Ende, sind es wirklich nur sieben Teile und was machen wir am Ende von alledem? Fragen, mit denen sich jeder HP-Fan mindestens ein Mal in seinem Leben auseinandergesetzt hat. Gut, dass Joanne K. Rowling selbst immer ein gutes Näschen für den richtigen Zeitpunkt hatte, ihre Leserschar mit neuen Inhalten zu füttern. So kam es 2001 auch zu den legendären kleinen Bändchen, die ganz frisch aus der Schulbibliothek von Hogwarts entschlüpft zu sein schienen.

Wollten wir nicht immer schon ein echtes Schulbuch aus der Zauberschule in den eigenen Händen halten? Bestenfalls auch noch eines, in dem gelangweilte Schüler in und zwischen den Zeilen handschriftliche Kommentare und kleine Späße hinterlassen haben? Vielleicht sogar eines mit den Spuren unserer jungen Helden? Lebensbeweise und Nahrung für unsere Phantasie. Beide Wünsche wurden uns erfüllt und seitdem war es wichtig, die kleinen aber feinen Schulbücher „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ und „Quidditch im Wandel der Zeit“ in die eigene Potter-Bibliothek zu integrieren.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Und sind wir doch mal ehrlich! Was wären die Generationen von Zauberlehrlingen in Hogwarts ohne diese Schulbücher gewesen? Aufgeschmissen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Kein Quidditchspiel hätte je regelkonform stattfinden können und die Herkunft der unglaublichen Tierwesen, die ein gewisser Newt Scamander auf der ganzen Welt zusammengetragen, kategorisiert und beschrieben hatte, wäre bis heute ungeklärt. Im Vergleich zu unseren Schulbüchern (also aus reiner Muggelsicht natürlich) ein wahrer Schatz der Schulbuchliteratur, den man verinnerlicht haben muss.

Der Hintergrund für diese beiden Werke war durchaus ernster. Joanne K. Rowling wollte teilen. Nicht nur ihr Wissen um die Welt, die sie geschaffen hatte. Nein. Sie war bestrebt, ihren Erfolg zu teilen und wohltätige Organisationen zu unterstützen, die wohl bis heute unentdeckt geblieben wären, hätte sie sich nicht in die Bresche geworfen. Ein großer Teil der Erlöse aus dem Verkauf dieser Bücher ging an Comic Relief, eine der angesehensten karitativen Einrichtungen in Großbritannien. Albus Dumbledore sagte mal dazu:

„Die Markscheine und Galleonen, die Sie hinblättern, verrichten magische Werke, welche sogar die Kräfte von Zauberern übersteigen.“

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Nun sind einige Jährchen ins Land gegangen, seit die Saga um Harry Potter zum Abschluss gelangt ist. Die Bücher sind geschrieben, die Filme wurden abgespult und weltweit atmet die inzwischen erwachsene Fangemeinde der großen Autorin nach wie vor die gute Luft der Magie aus ihrer Feder. Dass jetzt aber ausgerechnet eines dieser Schulbücher für Furore sorgt, sich verselbständigt und eine Geschichte erzählt, die uns zurück zu den Wurzeln von Harry Potter bringt, das hätte wohl niemand erwartet.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ wird gerade weltweit gefeiert, weil nicht nur das kleine Schulbüchlein im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, sondern Joanne K. Rowling selbst ihr Debüt als Drehbuchautorin für die Verfilmung des Stoffes gab. Alle Fans empfinden dieses Sequel inzwischen als legitime Fortsetzung der Saga, die beendet schien. Die Welle war erneut erstaunlich. Die Bücher wurden dem Carlsen Verlag aus der Druckpresse entrissen, das originale Schulbuch erlebte ein Revival und die Verfilmung mit Eddie Redmayne in der Hauptrolle als Newt Scamander sprengte in aller Welt die Kinokassen.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Mich erreichte der neue Hype auf Umwegen. Ein Geschenk meiner Mutter an meine Tochter; alle Harry-Potter-Verfilmungen in einem Schuber; gemeinsame Staunstunden und die Entdeckung der Verfilmung der phantastischen Tierwesen; mein Griff ins Regal der Harry-Potter-Werke; ein kleines feines rotes Tierwesen-Schulbuch im Original aus dem Jahr 2001 und eine Hörbuchfassung von Der Hörverlag mit der Synchronstimme von Eddie Redmayne. Man kann sich vorstellen, welcher Welle ich mich erneut hingab und welche Woge der Begeisterung ich damit auslösen konnte. Alles war greifbar, alle Ausgaben in allen möglichen Varianten verfügbar und der Genuss war grenzenlos.

Timmo Niesner spricht den Newt Scamander, wie man ihn aus dem Film kennt. Er verkörpert den ruhigen und introvertierten Gelehrten, dem es um die Belange der Tiere geht, die er entdeckt und kategorisiert hat. Das Schulbuch „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sindkommt in seiner Hörbuchadaption in Echsenhautoptik und mit einem grandiosen Sounddesign daher. Beides sorgt für Gänsehaut. Die Echse rein haptisch, die Soundeffekte mit phantastischen Tiergeräuschen akustisch. Hier vergeht die Zeit wie im Flug des Phoenix. Zwei Stunden auf zwei goldenen CDs mit Hippogreif und Basislisk werden zur Tour de Raison durch die phantastische Tierwelt, die Joanne K. Rowling auf die Welt der Zauberer losgelassen hat.

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

Ein perfektes Geschenk für Muggel, denen der Glaube fehlt. Perfekt für Fans von Harry Potter, die denken, schon alles zu haben. Ein tolles Geschenk für Freunde guter Audiobücher mit tollem Sounddesign und natürlich der mehr als perfekte Start für eine eigene Recherche, sollte man sich am Loch Ness mal fragen, woher denn das Monster stammt. Newt Scamander weiß Rat….

Advertisements

„Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Warum sollten Jugendliche Romane lesen, die sich mit der Sklaverei zur Zeit des Amerikanischen Bürgerkrieges auseinandersetzen? Erstens ist das doch nun schon längst überholte Geschichte und zweitens haben die Vereinigten Staaten von Amerika mit dem ehemaligen Präsidenten Barack Obama bewiesen, dass man Geschichte sehr nachhaltig korrigieren kann. Und es gibt weitere Beispiele, die deutlich zeigen, dass ein solch antiquiertes Thema nun wirklich nicht mehr en vogue ist. Selbst in Südafrika, dem Hotspot der Apartheit schrieb mit Nelson Mandela ein Präsident Geschichte, der selbst 27 Jahre lang politischer Gefangener des Landes war, das er später regierte.

[Ab hier können sie gerne weiterlesen oder bei Literatur Radio Bayern zuhören.]

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter – Mein RadioPodCast…

Warum also sollte man jungen Lesern einen Roman empfehlen, der maximal in der Tradition von Margaret Mitchell`s „Vom Winde verweht“ daherkommen kann und nicht viel mehr als stereotype und romantisierte Kulissenschieberei betreiben kann, in der die Sklaverei letztlich nur als das Setting herhalten muss, um eine Geschichte zu erzählen, die durch Zwang, Unterdrückung und Ungerechtigkeit von außen ihre bedrohlichen und spannungsgeladenen Rahmenbedingungen sucht? Muss das sein? Gibt es kein Thema mehr, das heute ein wenig relevanter erscheint? Sklaverei ist doch längst überwunden!

Echt jetzt?

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Was haltet Ihr von dieser Schlagzeile?

Die „Washington Post“ wird bei der Pulitzer-Preisverleihung 2016 in der Kategorie nationale Berichterstattung für ihre Entwicklung und Nutzung einer Datenbank geehrt, die zeigt, wie oft. warum und auf wen Polizisten in den USA tödliche Schüsse abgeben. Die „Post“ ermittelte dabei, dass Polizeibeamte im Dienst im Jahr 2015 990 Personen erschossen. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Polizisten zu Tode zu kommen, ist bei unbewaffneten Schwarzen ca. sieben Mal höher als bei unbewaffneten Weißen. Und die Tendenz ist steigend

Ihr denkt, das hat nichts mit Sklaverei zu tun? Ihr denkt, im modernen Amerika hat einseitige Polizeigewalt ganz andere Ursachen als Rassismus? Falsch! Es geht hier um all die Automatismen, die historisch verankert wurden und geblieben sind. Es geht hier um das vererbte Gift in den Gedanken der weißen Bevölkerung. Folgt man Ta-Nehesi Coates in sein Buch „Zwischen mir und der Welt“, dann erkennt man schnell, dass es auch heute noch genügend Gründe für einen schwarzen Vater gibt, seinem Sohn einen Brief zu schreiben, um ihm zu erklären, dass die Sklaverei von einst für den Rassismus von heute verantwortlich ist.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Nichts ist hier bewältigt. Nichts ist überwunden. Und genau hier liegt die Relevanz von Jugendbüchern, die sich in aller Tiefe mit Sklaverei beschäftigen. Nur wer heute die Ausmaße und die Selbstverständlichkeit der Versklavung von Menschen versteht, sieht die noch immer greifbaren Folgen und kann sich in die Lage von Menschen versetzen, die mehr als nur ihre Freiheit verloren haben, um den Reichtum ihrer Sklavenhalter zu mehren. Sie verloren alles: Ihre Identität, den freien Willen und die Menschenwürde. Es gehört zu den Privilegien unseres Lesens, diese Zeit in unser Gedächtnis zu rufen und aktiv dazu beizutragen, dass Sklaverei in jeder Form der Vergangenheit angehört.

Mein Name ist nicht Freitag“ von Jon Walter, erschienen im Königskinder Verlag ist über jeden Verdacht erhaben, sich des Themas Sklaverei als pure Kulisse zu bedienen, in der eine spannende Story erzählt werden kann. Nein. Hier geht der Autor einen sehr geraden Weg in seiner Betrachtung und Bewertung der in den Südstaaten modernsten Form der Massentierhaltung zur Ertragssteigerung in der Baumwollproduktion. Treffend führt er seinen Lesern vor Augen, wie Sklaven von ihren Besitzern betrachtet, gehalten und verkauft wurden. Die Prämissen sind eindeutig und entmenschlichend zugleich.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Parameter der Sklaverei:

* Schwarze könnten sich niemals selbst versorgen
* Sie sind auf die Weißen angewiesen, sonst würden sie verhungern
* Ungehorsam ist mit der Peitsche in den Griff zu bekommen
* Lesen und Schreiben bleibt ihnen vorenthalten, Bildung ist gefährlich
* Familien existieren nicht. Sklaven können von der Herde getrennt werden
* Eigener Verstand und eigener Wille werden Sklaven nicht zugestanden
* Arbeit unter unwürdigen Bedingungen gehört zum Alltag
* Die Religion legitimiert die Sklavenhaltung, weil es schon immer Knechte gab
* Sklaven haben nicht das Recht auf Freizügigkeit
* Sklaven haben kein Recht auf Individualität und Identität.

Reicht das? Ich denke schon. Diese Liste ist auch anhand des vorliegenden Romans endlos zu erweitern und all ihre Bestandteile charakterisieren die Ausnahmesituation in der sich Sklaven auf den Plantagen im ganzen Süden befunden haben müssen. Das ist keine Kulisse, die von Jon Walter im Sinne seines Buches zurechtgerückt wird, wie es ihm beliebt. Nein. Es ist die historische Wahrheit, die sich hier in aller Brutalität auf das Leben der Menschen auswirkt, die in seinem Roman eine Hautfarbe haben, die sie von Geburt an zu Opfern macht. Jon Walter bricht aus diesem Bild nicht aus, er romantisiert nicht und zeigt dabei zeitlos auf, was Entrechtung in aller Konsequenz bedeutet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

„Mein Name ist nicht Freitag.“ Ein Titel, der diesem Buch einen Namen gibt. Jedoch auch ein Titel der schon zeigt, dass der Verlust der Identität hier eine große Rolle spielt. Der 12-jährige Samuel verliert bei einer Sklavenversteigerung im Handumdrehen alles, was einen Menschen auszeichnet. Die Freiheit, den eigenen Namen und jede Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben. Seine Hautfarbe allein ist schuld. Dabei hätte er nicht verkauft werden dürfen, kam er doch als freier Schwarzer zur Welt und lebte behütet in einem Kinderheim. Das Schicksal jedoch machte einen Sklaven aus ihm und der neue Besitzer, ein ebenfalls erst 12-jähriger Sohn der Plantageneigner, gibt ihm einen neuen Namen. Freitag.

An Samuels Seite lernen wir das Leben der Sklaven auf der Plantage kennen. Hier regieren zwar nicht die stereotypen brutalen Sklavenhalter, aber die Grenzen sind ganz klar gezogen. Was niemand ahnt, entwickelt sich zum Problem. Samuel kann lesen und schreiben. Und nicht nur das. Er bringt seinen Leidensgenossen etwas bei, was aus der Sicht der Besitzer undenkbar ist. Schwarze können nicht lesen. Das ist verbrieft. Als der Krieg und die Befreiung näher rücken, beginnt das Pulverfass zu explodieren. Aus den hilflosen und untertänigen Sklaven werden selbstbewusste Menschen, die sich nun mit aller Macht auf ein Leben nach der Sklaverei vorbereiten. Ein Kampf, der Opfer kostet.

Mein Name ist nicht Freitag von Jon Walter

Die Freiheit am Ende dieser Geschichte ist nicht die Freiheit, die man sich erhofft hatte. Es ist nicht die Freiheit, wie man sie eigentlich empfinden sollte. Dieser Prozess dauert bis heute an und weist eine traurige Geschichte auf. „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee ist ein Lehrstück für die fatale Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg. „12 Years a Slave“, „Roots“ und „Der Butler“ zeigen mit filmischen Mitteln, wie lang es dauerte, bis Freiheit so schmeckte, wie sie schmecken muss. Nicht mehr nach Blut.

Hätte Samuel in dieser Geschichte einen Vater gehabt, und hätte dieser ihm einen Brief geschrieben, er würde sich genauso lesen, wie der Brief von Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Und dies genau 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nein. Sein Name ist nicht Freitag. Sein Name ist und bleibt Samuel. So sollte uns dieses Jugendbuch in Erinnerung bleiben. Samuel ist es, dessen Geschichte wir lesen und die für unzählige wahre Geschichten steht.

„Salz für die See“ von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Eigentlich befinden wir uns schon fast am Ende und doch geht es jetzt erst richtig los. Wir sind in Ostpreußen und die Vorboten des Kriegsendes sind deutlich zu spüren. Während Stalingrad schon lange aufgegeben, Leningrad befreit wurde und der Winter 1944 zum treuesten Verbündeten Russlands wird, ist die Niederlage der Nazi-Armeen besiegelt. Heillos und unkoordiniert vollzieht sich der Rückzug, Kilometer um Kilometer wird der Roten Armee überlassen und es beginnt die bittere Rache für einen Krieg, den Deutschland vom Zaun gebrochen hatte. Und es beginnt die Rache für die Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Misshandlungen, Morde, Massaker und Deportationen in den besetzten Gebieten.

Heillos vollzieht sich auch die Flucht der Menschen, die auf der Flutwelle besiegter Soldaten mitgetragen werden und es setzt die Flucht aus Ostpreußen ein. Das Ziel: Die Ostsee, die kleinen und großen Häfen, in denen man sich Rettung verspricht. Alles Hab und Gut mit sich tragend, auf Karren, Schlitten oder am Körper taumeln die Menschen im letzten Kriegswinter des Jahres 1944 verzweifelt den letzten Strohhalmen entgegen, die noch greifbar sind. Gotenhafen. Schiffe. Schlepper. Jollen. Mittendrin der Stolz des überheblichen Dritten Reichs. Der Passagierdampfer Wilhelm Gustloff. Evakuierung steht über allem. Rette sich wer kann und koste es was es wolle. Nur nicht in die Hände derer fallen, die sich nun als Sieger fühlen dürfen.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ruta Sepetys widmet dieser dramatischen Fluchtwelle ihren Roman Salz für die See, erschienen im Königskinder Verlag. Dabei legt die in Michigan lebende Autorin mit litauischen Vorfahren sehr viel Wert darauf, menschliche Schicksale im historischen Kontext nicht nur greifbar, sondern fühlbar zu machen. Ein gewagtes Unterfangen, hier einerseits zu vermitteln, was es bedeutet auf der Flucht zu sein, andererseits aber auch ganz genau zu umreißen, was es heißt Schuld zu tragen, verfolgt zu werden oder auch einfach zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Sie stellt sich der Herausforderung, in empathischer Art und Weise von Menschen zu erzählen, die so authentisch wirken, als seien sie direkt aus der Zeit vor unsere Augen gefallen und dabei geschichtlich Position zu beziehen. Ihr gelingt mit „Salz für die See“ ein zutiefst humanistischer Roman, der in der Lage ist Werte zu vermitteln und Hintergründe zu verstehen, die sich auf der reinen Gefühlsebene besser verstehen lassen.

Drei Menschen wirft Ruta Sepetys in diesen Flüchtlingsstrom. Protagonisten, mit denen wir uns identifizieren können. Menschen, die sie uns ans Herz legt und denen wir durch die unwirtliche verschneite Landschaft Ostpreußens folgen. Jeder Schritt kann der letzte sein und der Einzelne verliert an Bedeutung. Gemeinsam kämpft man um das nackte Leben. Es gleicht einer Massenpanik, in der Freund und Feind kaum zu trennen sind. Gefahr droht überall. Verfolgt von der Roten Armee läuft man sehenden Auges in die Arme der Wehrmacht, die genau dort wartet, wo die Flucht ihr Ende nehmen soll. In Gotenhafen, wo Willkür und Nazi-Ideologie darüber entscheiden, wer an Bord eines der Schiffe gehen darf.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Joana, Florian und Emilia bilden das Dreieck dieser gesamten Geschichte. Ihnen schließen sich Flüchtlinge an, sie stehen im Zentrum des Sturms und stehen in vielerlei Hinsicht stellvertretend für abertausende Menschen auf dem Weg in den Untergang. Da ist Joana, die litauische Krankenschwester, die nur noch nach Hause will. Unsicher, ob sie in ihrer Heimat noch überlebende Familienangehörige findet, oder ob sie ganz allein auf der Welt ist. Schuldgefühl begleitet sie. Schuld ist ihr Jäger. Da ist Florian der mehr verbirgt, als er verrät. Ein Deserteur könnte er sein, verletzt ist er. Ein Geheimnis wiegt schwer in seinem Rucksack. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und traf die einzig richtige Entscheidung. Schicksal ist sein Jäger. Und da ist Emilia das Bauernmädchen. Schwanger. Doch von wem? Stimmt ihre Geschichte vom liebenden Freund oder ist es möglich, dass… ? Schande ist ihr Jäger.

Die Gejagten sind aufeinander angewiesen. Sie retten einander, geben sich Halt und doch verdrängen sie im Chaos der Flucht das Wichtigste. Die Wahrheit. Mit ihnen sind Menschen unterwegs, die den Mikrokosmos der Opfer der Nazi-Diktatur darstellen. Hier liegt eine der wesentlichen Stärken des Romans, da es Ruta Sepetys gelingt, mit ihren Charakteren Geschichte zu schreiben, die lebendiger ist, als Geschichte eigentlich mit einem Roman zu vermitteln wäre. Vom Holocaust über Euthanasie bis hin zu Kunstraub reichen die Spektren dieses Romans, der sich von Seite zu Seite in den Herzen seiner Leser festbrennt.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Wer sich diesem Roman nähert, der wird ein blindes Mädchen nicht mehr vergessen und beim Anblick von Schuhen immer an den Schuh-Poeten und den kleinen Jungen denken, für den er zum Ersatz-Opa wurde. Wer diesen Roman liest, wird immer wieder verstehen können warum das Zitat „Wer Hass sät, wird Sturm ernten“ so richtig ist. Und wer sich einmal auf den Weg durch das Frische ostpreußische Haff macht, wird sich so sehr in das Schicksal von Flüchtlingen unserer Zeit hineinversetzen können. Die Autorin macht es sich selbst, ihren Protagonisten und Lesern nicht sehr leicht. Die Geschichte kostet Menschenleben auf allen Seiten. Ein Schicksal, dass auch an ihren Charakteren nicht vorbeigehen kann. Der Tod ist allgegenwärtig. Und jede Geschichte ist nur so gut, wie das personifizierte Böse, das am Ende wartet. Alfred wartet an Bord der rettenden Wilhelm Gustloff darauf, endlich seine Macht zu demonstrieren. Er hat nicht lange zu warten, bis zehntausende Flüchtlinge in die Hafenstadt stürmen und sein kleines Nazi-Licht machtvoll erstrahlen kann.

Ruta Sepetys gelingt mit „Salz für die See“ ein All-Age-Drama mit sehr fundiertem historischem Background. Menschlich vermag sie Augen zu öffnen, geschichtlich ist es beeindruckend, wie klar sie Zusammenhänge erklärt, ohne schulbuchhaft zu wirken und ihre Botschaft lässt es an Klarheit nicht missen. Im Taumel des Lesens konnte ich mich der Geschichte nicht mehr entziehen. Ich las ohne Pause, ich las zornig, ich las in Tränen und ich las fassungslos. Je näher ich der Gustloff kam, umso mehr wollte ich in die Handlung eingreifen und warnen. Diese Hilflosigkeit beim Lesen bleibt. Aus ihr kann man Kraft schöpfen, im Leben nicht hilflos sondern voller Tatendrang zu sein. Im Finale des Romans versank ich mit der Wilhelm Gustloff in der eisigen Ostsee und durfte doch erleben, dass Hoffnung unsinkbar ist.

Salz für die See von Ruta Sepetys

Salz für die See von Ruta Sepetys

Ich lege euch das Buch ans Herz. Es lässt niemanden kalt, auch wenn das Klima nur frostig ist. Begegnet Romanfiguren, die es so oder so ähnlich ganz bestimmt gegeben hat. Achtet auf sie und auf euch. Haltet die Augen offen und tragt vielleicht einen ganz kleinen Teil dazu bei, dass die Gustloffs unserer Zeit unsinkbar werden. Für sehr viele Menschen ist heute unser Deutschland ein solches Rettungsschiff. Unglaublich, wenn man sich überlegt, wie viele unserer Vorfahren selbst auf der Flucht waren oder dafür gesorgt haben, dass Menschen fliehen mussten. Also – Rettungsringe raus. Werft sie zu den Menschen, die Hilfe suchen und fragt nicht schon vor dem Wurf, ob sie es wert sind. Diese Frage ist unmenschlich. Das sollte man nie vergessen...

Ich trug einen Siegelring beim Lesen. Nicht irgendeinen. Er hat den weiten Weg aus Ostpreußen bis in meine Geburtsstadt Trier hinter sich. Er kam allein zurück. Er lag am 21. Oktober 1944 auf dem Boden des weltberühmten Trakehner-Gestüts. An diesem Tag begann auch die Flucht von dort ins vermeintlich rettende Gotenhafen. Einen Ring beim Lesen zu tragen, der zur besagten Zeit vor Ort seine eigene Geschichte schrieb, fühlt sich seltsam an. Er gehörte dem Bruder meines Vaters. Er starb an diesem Tag in Ostpreußen, als seine Einheit die Evakuierung der Flüchtlinge sichern sollte. Nur dieser Ring kam nach Hause. Weihnachten 1944. Er hat vibriert, als ich „Salz für die See“ las. Als wollte er mir seine Geschichte erzählen.

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Salz für die See von Ruta Sepetys und Im Krebsgang von Günter Grass

Vielleicht oder sicher sogar waren russische Menschen vor meinem Onkel auf der Flucht. Vielleicht ist es besser, dass ich nicht weiß, was dieser Ring erlebt hat. Ich weiß nur, dass es mir viel bedeutet, ihn bei mir zu haben. Er erinnert mich täglich daran, was es bedeutet, im Räderwerk einer Diktatur zermalmt zu werden. Oder sich gar freiwillig zermalmen zu lassen, weil man zu blind oder zu gutgläubig oder einfach schlecht ist. Vielleicht mögt ihr mehr zu diesem Ring erfahren… Ich schrieb darüber

Am Ende waren wir gemeinsam an Bord der Gustloff. Literatwo auf der Flucht.

buchhandlung-calliebe

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse (Graphic Novel)

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Sie können diese Rezension auch als Radio-PoCast hören - Hier klicken...

Sie können diese Rezension auch als Radio-PodCast hören – Hier klicken…

Du kommst ein paar Minuten zu spät zur Arbeit, eigentlich keine große Sache. Kann ja mal passieren und es gibt sicher Schlimmeres. Du hast einfach eine schlaflose Nacht hinter dir und jetzt geht’s ein wenig gerädert in den Tag. Das ganze Grübeln zermürbt ja schon. Partnerschaft und Zukunft. Man dreht sich tausendmal um im Bett und an Schlaf ist kaum zu denken. Aber egal. Jetzt ist ein neuer Tag und alles wird gut.

Catherine Meurisse hatte am 7. Januar 2015 eine solche Nacht hinter sich. Es war ein ganz normaler Mittwoch in Paris, an dem sie eigentlich um 10 Uhr in der Redaktion sein sollte. Wie an jedem Mittwoch zur allwöchentlichen Redaktionssitzung. Doch heute schaffte sie es nicht pünktlich. Als sie eineinhalb Stunden zu spät ankam, hatte sich ihr Leben dramatisch verändert. Allein dadurch, dass sie noch am Leben war. Das war der große Unterschied zu ihren Kollegen, die in genau diesen Minuten starben.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse arbeitet als Karikaturistin beim Satire-Magazin Charlie Hebdo. Das sagt genug. An diesem 7. Januar 2015 hatten zwei maskierte Al-Qaida-Terroristen das Gebäude gestürmt und töteten elf Menschen, verletzten elf weitere zum Teil schwer und flohen. Es war ein gezielter islamistisch motivierter Anschlag auf eine Zeitschrift, in deren früheren Ausgaben mit allen denkbaren Stilmitteln der Satire auch über den Islam gelacht wurde.

Die Titelseite am 7. Januar thematisierte den polarisierenden Roman „Unterwerfung“ von Michel Houellebecq, der rein fiktional den ersten muslimischen Staatspräsidenten Frankreichs ins Zentrum der Handlung rückt. Die letzte Seite zierte eine Karikatur unter dem Titel „Noch keine Attentate in Frankreich“ und der provokanten Antwort „Warten Sie ab. Man hat bis Ende Januar Zeit, seine Festtagsgrüße auszurichten.

In der Rückschau unfassbare Zeilen…

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Es klingt fast wie eine Vorahnung oder die Provokation des Unausweichlichen, es ist aus heutiger Sicht kaum mit journalistischem Mut oder einer satirischen Weltsicht zu erklären. Jedenfalls wurde es zur schrecklichen Realität, als zwei Terroristen einen Teil des Redaktionsteams von Charlie Hebdo hinrichteten. Den Augenzeugen bot sich nach dem Anschlag ein Bild des Grauens und gerade Catherine Meurisse durchlebte diese Minuten danach wie in Trance. Wie nur begreifen? Wie verstehen und wie damit leben, noch am Leben zu sein? Fragen über Fragen.

Die Leichtigkeit der Karikaturistin war das erste Opfer. Die unbeschwerte kreative Kraft der Pressezeichnerin war verloren gegangen. Farbe spielte keine Rolle mehr und ihre Flucht in eine Ausgabe der Überlebenden, die am 14. Januar 2015 erschien, war nicht der erhoffte Befreiungsschlag. Was folgte, erzählt uns Catherine Meurisse in ihrer beim Carlsen Verlag erschienenen Graphic Novel. Sie hat „Die Leichtigkeit“ in einem quälend langsamen Prozess der Selbstfindung verzweifelt gesucht und verarbeitet, was kaum zu verarbeiten schien.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Catherine Meurisse kämpft in ihrer Graphic Novel gegen die tiefen Wunden an, die dieser 7. Januar 2015 hinterlassen hat. Dabei ist es bewegend und verstörend zugleich, ihrer Auseinandersetzung mit den Verlusten dieses Tages, den Gedankenstürmen der Künstlerin in ihr und ihrer Rezeption der öffentlichen Anteilnahme an dem Anschlag zu folgen. Es ist ein harter und schonungsloser Weg, auf den uns die Karikaturistin mit den Stilmitteln ihres Genres entführt. Wir finden Sarkasmus, Hoffnungslosigkeit, Widerstand und Selbstzweifel, erleben aber auch in ihrer hoffnungsvollen Hinwendung zur Literatur und zur bildenden Kunst, was das Schöne im Menschen bewegen kann.

Stendhal, Proust, die großen alten Bildhauer und Maler lösen Gefühle aus, die es ihr ermöglichen Schritt für Schritt nach vorne zu gehen. Womit sie nicht rechnen konnte war die dramatische Überhöhung des Anschlags auf Charlie Hebdo bei den Attentaten am 13. November 2015. Die Schnelllebigkeit des Erinnerns riss erneut tiefe Wunden in ihre Seele. Der Ausweg aus diesem Teufelskreis ist ein höchst individueller und doch in vielerlei Hinsicht auch ein bedeutender Wegweiser für Menschen, die ihr persönliches „Charlie Hebdo“ erleben mussten. Hier stehen viele Verluste für einen Verlust. Hier ist eine Graphic Novel plötzlich der geeignetste Zugang, um einen Notausgang zu finden.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin verleiht diesem Buch eine weitere Aktualität, auf die es gerne verzichtet hätte. Die Welt hat sich verändert. Unsere kleine heile Welt ist angreifbar geworden und dadurch auch ein wenig zusammengerückt. Im Rückblick auf die eigene Traumatisierung wird deutlich, welche Reaktionen von außen hilfreich waren und welche als vermessen gesehen wurden. Wer „Die Leichtigkeit“ in seiner vollen Tragweite verinnerlicht, wird es sich vielleicht mehrfach überlegen, was es für diese Betroffene bedeutet hat, die Parole „Je suis Charlie“ zu kultivieren, während sie selbst nicht mehr wusste, wer sie war und wer sie jemals wieder werden wird.

Zum Ende des vergangenen Jahres erreichte mich dieses Buch und hat doch dem ganzen Lesejahr 2016 seinen Stempel aufgedrückt. Ich werde mit einer aus dem Buch gewonnenen Leichtigkeit diese bewegende Graphic Novel auf eine besondere Reise zu den richtigen Menschen schicken. Möge es auf seinem Weg viele Herzen erobern und uns ein wenig von der Kraft geben, die Catherine Meurisse wiedergefunden hat. Möge es für sich stehen. Möge es nicht von neuen Anschlägen begleitet werden. Möge unser neues Jahr unter einem Stern der Leichtigkeit stehen.

Und sollte dieser Wunsch von Extremisten pulverisiert werden, dann greifen wir mit dem Mut der Verzweiflung nach diesem Buch und kämpfen darum, dass man uns „Die Leichtigkeit“ niemals nehmen kann. So schwer dies auch scheint.

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Die Leichtigkeit von Catherine Meurisse

Siehe dazu auch: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ von Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht - Antoine Leiris

Meinen Hass bekommt ihr nicht – Antoine Leiris und die Anschlage im November

Besuchen Sie uns...

Besuchen Sie uns…

[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AtrolibriumIch hatte einen Blog in Afrika - Eine Artikelserie

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie