Harry Potter wird 20 – Muggel, wie die Zeit vergeht!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Zwanzig Jahre. Ein stolzes Alter, ein stolzes Jubiläum und ein Moment, der meine literarischen Erinnerungen mit dem Jahr 1998 verknüpft, als wäre es gestern gewesen. Ein Hype kündigte sich ganz langsam an. Ein Name machte die Runde. Ein Buch in der englischen Originalfassung sorgte dafür, dass Freunde und Bekannte plötzlich spurlos verschwanden. Verschämt schauten sie unter sich, wenn man sie nach dem Grund des Abtauchens fragte. Aus ersten Satzfragmenten und völlig neuen Begriffen setzten sich erste Bilder zusammen, die es zu sortieren galt.

Hogwarts, Muggel, Eulenpost, Dumbledore, Dudley, Hagrid, Hermine. Was für eine Welle schwappte da aus England nach Deutschland? Warum sprachen auf einmal sehr viele Herzensleser von einer Zauberschule, geheimnisvollen Mächten, einem goldenen Schnatz und mehr als geheimnisvoll von „Du-weißt-schon-wer“? Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern. Ich weiß noch genau, wie ich mir in London die Erstausgabe der Geschichte kaufte, die plötzlich in aller Munde war. Ich weiß noch, dass man sich fühlte wie in einem geheimen magischen Zirkel. Man musste nur „Harry Potter“ sagen. Nicht mehr. Und schon teilte sich die Welt im Jahr 1998 in zwei Gruppen auf. Wissende und Unwissende. Und wer nicht eingeweiht war, der sollte es in den folgenden Jahren bitter bereuen. Heute heißt es nur noch #20yearsofmagicde

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

War die Zahl der Geburtstagsgratulanten im ersten Harry-Potter-Band Der Stein der Weisen“ noch überschaubar, so finden sich jetzt wohl zahllose Schulterklopfer ein, die ihm zum Jubiläum gratulieren. Ich feierte mit ihm bereits seinen elften Geburtstag:

„Noch eine Minute und er war elf. Dreißig Sekunden… zwanzig… zehn… neun – vielleicht sollte er Dudley aufwecken, einfach um ihn zu ärgern – drei – zwei – eine – BUMM.“

Genau zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung des Auftaktbandes in deutscher Übersetzung ist die Fangemeinde so sehr angewachsen, dass es weltweit wohl kaum jemanden gibt, der noch nichts von Harry Potter gehört hat. Wenn es in unserer Zeit ein Buch gibt, das ich mir in genau 100 Jahren im Klassikerregal einer Buchhandlung (wer weiß jedoch, ob es da noch solch magische Büchertempel geben wird) vorstelle, dann wird es „Harry Potter“ sein. Vielleicht in einer wertvollen Gesamtausgabe, vielleicht aber auch in allen sieben Bänden der magischen Reihe. Hier halten wir den Nachlass an die Erben des heutigen Lesens in Händen. Joanne K. Rowling hat eigentlich den Literatur Nobelpreis für diese Buchreihe verdient. Aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Und jetzt wird gefeiert. Von allen Lesern, Filmfans, Rollenspielern und Lego-Meistern. Die Welt ist ohne Harry Potter nicht vorstellbar. Elbenwald wäre ohne Merchandising in den letzten Jahren nicht das geworden, was es heute ist und auch Der Hörverlag kann ein erfolgreiches Lied davon singen, wie die Romanvorlage und ein genialer Sprecher zu einer Einheit verschmelzen. Rufus Beck hat nicht nur Harry Potter Leben eingeflößt. Er hat allen Charakteren der Reihe seine Stimme geliehen und sie zum Ohrwurm einer ganzen Generation gemacht.

Nun sind wir alle versammelt. Feiern Jubiläum, teilen exquisite Erinnerungen und reihen uns in die Schar der Gratulanten ein. Jubiläumsausgaben mit neuen Covern sind beim Carlsen Verlag erschienen. Die grandiose Gesamtausgabe der Hörbücher wurde aufgelegt und die Krönung für die Fans des gesprochenen Wortes ist die Tatsache, ihn wieder live hören zu können. Rufus Beck las Hamburg, Berlin und München. Ich hatte das Vergnügen, seiner Münchner Lesung folgen zu dürfen. Ich saß in der Reithalle vor ausverkauftem Haus und staunte über den heterogenen Altersquerschnitt der Zuhörer. Harry Potter ist und bleibt alterslos, was seine Anhänger angeht. Und Rufus Beck fängt uns genau da ein, wo er uns am Ende des letzten Bandes in die Freiheit entlassen hat.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Der Sprecher, der selbst Internatsschüler war, weiß, was er hier vorträgt, vorlebt und vorspricht. Er weiß, dass viele unserer Erinnerungen mit seiner Stimme, oder soll ich besser sagen „mit seinen Stimmen“ verbunden sind. Er weiß wohl, was er in seinen Zuhörern bewegt, wenn er seine Stimmbänder in Gang setzt. Er weiß genau, dass wir verleitet sind, bei seinem Vortrag unsere Augen zu schließen und uns nur hörend in die Welt der Joanne K. Rowling treiben zu lassen. Und doch thront er wie der Godfather im Sprecherolymp auf seinem Lesethron und beherrscht die Bühne mit seiner Präsenz. Es ist ein Erlebnis, die Aufnahmen mit seiner Stimme zu hören. Es ist ein eigener Kosmos, ihn live erleben zu dürfen.

Erstmals nach vielen Jahren erlebte man diesen Potter-Orkan live on stage. Jedes Wort, jeder Satz, jeder Atemzug ein Volltreffer in unsere Muggelherzen. Jeder Blick des Sprachkünstlers in die Zuschauermenge, ein zufriedener, erkennender Blick, der zeigte, wie goldrichtig der Sprecher an dieser Stelle lag. Endlich wieder Zuhause. Heimatgefühl stellte sich ein, und atemlos gespannt folgte das Auditorium den doch längst bekannten Dia- und Monologen. Was Rufus Beck auf die Bühne zauberte, überraschte dann doch selbst die größten Insider. Eine Live-Übertragung eines Quidditch-Spiels, bei dem das Auditorium für eine sportlich fulminante Geräuschkulisse sorgen musste (besser als ein Champions-League-Finale), die legendäre erste Postzustellung bei den Dursleys, eine Geburtstagsparty mit Hagrid als Überraschungsgast und schließlich die Weasleys, die im zugenagelten Kamin der Dursleys eine Bruchlandung fabrizieren. Das war mehr als stimmungsvoll, das war absolut atmosphärisch und selbst Rufus Beck verlor angesichts der Reaktionen seines Publikums ab und an die Beherrschung und musste eine kleine Kunstpause einlegen, in der er selbst herzhaft lachte.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Die Münchener Reithalle verwandelte sich zur großen Halle von Hogwarts. Es war das perfekte Ambiente für diese grandiose Lesung, die zu keinem Zeitunkt eine Lesung war. Rufus Beck ist Herr über ein eigenes Stimmorchester und wenn man seine Augen schließt, kommt man nie auf die Idee, dass hier nur ein einziger Künstler auf der Bühne steht. Zum krönenden Abschluss des Abends überraschte uns der sprechende Hut mit einer Gesangseinlage, mit der niemand gerechnet hatte. Grandios. Höhepunkte, an die man sich noch lange erinnern wird. Für alle Potterheads ging dann noch ein Traum in Erfüllung. Die zu Beginn des Events von den Hauselfen verteilten goldenen Umschläge enthielten die so lang ersehnte Post aus Hogwarts. Endlich. Das jahrelange Warten hat sich so sehr gelohnt.

Feiert das Jubiläum mit. Ihr könnt Harry Potter gratulieren, ihr könnt neu lesen und neu entdecken. Phantastische Tierwesen finden im Kino ihre Fortsetzung und wer denkt, Harry Potter hätte seinen Zauber verloren, der sieht sich eines Besseren belehrt. Gut, dass Rufus Beck gegen Zaubersprüche immun ist. Silencio (lat. Silentium = Stille, lässt die Stimme des Getroffenen völlig lautlos werden) hat ihn nicht sprachlos gemacht und mit Quietus (lat. quietus – stellt die Stimme auf normale Lautstärke) kann er immer noch sehr gut umgehen und einen ganzen Saal in voller Lautstärke unterhalten. Ich bin sicher, dass er jedoch den Zauberspruch Sonorus (lat. sonorus = tönend, verstärkt die Stimme) selbst erfunden haben muss. Seine Lesung war der lebende Beweis für diese These.

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Einen solchen Abend sollte man nicht allein erleben. Stephanie Sack hatte sich in ihre schmucke Hogwarts-Schuluniform geschmissen und sicher wird man schon sehr bald auf ihrem Blog Nur Lesen ist schönerweitere Eindrücke dieser bezaubernd emotionalen Zeitreise lesen können. Ich bleibe da am Schnatz… Sie hat es getan!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck

Natürlich könnt ihr jederzeit hier nachlesen, was J.K. Rowling wirklich wichtig ist.

J.K. Rowling bei AstroLibrium

„Das tiefe Blau der Worte“ von Cath Crowley

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“

David Foster Wallace – „Der bleiche König

Wenn sich eine Schriftstellerin dazu entscheidet, einen Roman mit diesem Zitat aus der Feder von David Foster Wallace zu beginnen, dann bin ich schon ihre Geisel. Hier ist Zufall in der Auswahl ausgeschlossen. Allzu bewusst hebt man das eigene Buch auf ein literarisches Niveau, das dem Leser schon vor den ersten Zeilen aus eigener Feder sagen soll: „Vorsicht, jetzt kommt eine Geschichte, die alles ist, nur keine Alltagskost.“ Würde man sich sonst für einen Autor entscheiden, dessen Bücher ebenso beliebt wie umstritten sind? Nein. Hier vollzieht sich Richtungsweisendes für einen ganzen Roman. Hier werden die Weichen des guten Lesens gestellt und ich glaube fest daran, dass es in meinem bibliophilen Leben keine Zufälle gibt.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Cath Crowley ist kein Zufall. Sie ist Bestimmung und ihr Roman „Das tiefe Blau der Worte„, erschienen im Carlsen Verlag, ist ein Volltreffer im Herzen meiner bibliophilen Leidenschaft. Ich liebe gute Romane, die von Büchern handeln. Ich liebe Geschichten, die in den Tankstellen des Geistes, den Buchhandlungen dieser Welt, angesiedelt sind und ich bin begeistert, wenn die in diesen Romanen erwähnten Bücher sich in meinem Besitz befinden. Was bleibt mir also übrig, als zu konstatieren, dass ich diesen Roman verehre, weil er all diese Facetten beinhaltet. „Das tiefe Blau der Worte“ ist ein Buch über Bücher, es ist eine Liebeserklärung an die Menschen, die sich dem Verkauf der Bücher verschrieben haben und es ist eine Hommage an die ewig währende Botschaft vieler Autoren aus längst vergangener Zeit, die uns bewiesen haben, dass uns Literatur verbindet, wie kaum ein zweites Medium.

„… Ich liebe es, dass du liest. Ich liebe es, dass du gebrauchte Bücher liebst. Ich liebe so ziemlich alles an dir und kenne dich jetzt schon zehn Jahre, das will also schon was heißen. Morgen fahre ich. Bitte ruf mich an, wenn du das hier liest…“

Rachel

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Mit diesen emotionalen Zeilen von Rachel geht es eigentlich los. Sie sind gewagt und verzweifelt, sie sind Liebeserklärung und Abschied zugleich und sie befinden sich an einem sicheren Ort. Zwischen den Zeilen eines Buches in einem ganz besonderen Bücherregal der Buchhandlung „Howling Books“. Sie befinden sich am besten Platz für Liebesbriefe, den man sich nur vorstellen kann. In der Briefbibliothek der kleinen Buchhandlung, die sich auf den Verkauf gebrauchter Bücher spezialisiert hat. Nur die Bücher der Briefbibliothek sind unverkäuflich. Kunden dürfen sie mit Notizen versehen, Markierungen vornehmen oder eben Briefe an Gleichgesinnte zwischen den Zeilen der Unverkäuflichen hinterlassen. Eigentlich ist es der beste Platz für diesen Brief, denn die „Gesammelten Gedichte von T.S. Elliot“ werden immer wieder von Henry, dem Sohn des Buchhändlerpaares, gelesen. Es ist der allerbeste Platz, dachte Rachel.

„Sanfte Gedanken treiben zwischen uns hin und her. Wir sind die Bücher, die wir lesen und die Dinge, die wir lieben.“

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Ich liege zusammen mit Amy in der Ratgeberecke von Howling Books. Wir sind allein… Normalerweise ist das die Zeit und der Ort, wo Amy und ich uns küssen.“

Tja, wenn Ratgeber gute Ratgeber wären, hätten sie Henry wohl geraten das Küssen sein zu lassen und in der Briefbibliothek nachzuschauen, was dort auf ihn wartet. Sind sie aber leider nicht. Und so reist Rachel nach ihrem ersten Liebesbrief an Henry und dem Versuch aus einer fast lebenslangen Freundschaft eine Liebe entstehen zu lassen ab, ohne sich von Henry zu verabschieden. Erst Jahre später kehrt sie an den Ort des Verlustes zurück, einen noch größeren Verlust im Gepäck und gezeichnet vom Trauma des Schicksals. Schulabschluss vertan, perspektivlos und auf fremde Hilfe angewiesen beginnt sie unfreiwillig dort zu arbeiten, wo alles begann. Bei „Howling Books„, an der Seite von Henry, der immer noch nichts von ihren wahren Gefühlen zu ahnen scheint.

Dass ihr Verlust weitreichende Folgen für die Menschen von Howling Books hat, ahnt sie nicht. Dass in der Briefbibliothek weitere Bücher stehen, die mit ihrem Leben verbunden sind, weiß sie nicht. Während das Leben bei Howling Books Saltos schlägt, erneuert sich ihre Freundschaft zu Henry. Eine gelebte tiefe Seelenverwandtschaft ist die Basis dieses kleinen Glücks. Doch Rachel will mehr. Immer noch. Wären da nicht die unheilbaren Wunden der Vergangenheit und jene Amy, die sich immer noch in ihr Leben schleicht.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Dieser Roman ist vorhersehbar. Ein Vorwurf, der einem Todesurteil gleichkommt. In diesem Fall ist die Vorhersehbarkeit ein bewusstes Stilmittel von Cath Crowley. Schon in der Mitte ihres Buches wissen ihre Leser ganz genau, worauf alles hinausläuft, wenn Rachel sich mit den Büchern der Briefbibliothek beschäftigt. Es ist unausweichlich. Es ist grandios, was Cath Crowley mit unseren Herzen veranstaltet, da wir genau wissen in welchen Büchern Briefe versteckt sind, die alle Fragen beantworten. Dieses Wissen ist schmerzhaft und schön zugleich. Schon in der Mitte eines Romans unter Tränen lesen zu dürfen ist ein Privileg des wahrhaft guten Lesens. Niemand hat eine Chance, dem zu entrinnen. Nicht Rachel, nicht Henry und auch nicht seine Schwester George, die so lange und verzweifelt auf eine Antwort auf ihre Briefe wartet.

„Das tiefe Blau der Worte“ beschenkte mich mit großen Lesemomenten. Bücher sind diesem Roman heilig. Die Bücher, die in ihm Erwähnung finden, sind Teil meiner Lebensbibliothek. Sie scharten sich um mich, während ich im tiefen Blau seiner Worte versunken war. Sie alle werden mich an die Briefbibliothek erinnern. Sie alle singen ihr ganz eigenes Lied von Freundschaft, Hoffnung und Liebe. Gemeinsam mit dem Roman von Cath Crowley ergeben diese einzelnen Lieder eine große literarische Komposition, die uns immer fühlen lässt, dass man in Büchern weiterleben kann. Inspirierend.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Wer lieber heute als morgen in Howling Books einziehen möchte, wird sich sofort in Bücher verlieben, die von Büchern handeln und in magischen Büchertempeln in der Literatur angesiedelt sind… Eine kleine große Auswahl von mir für euch

Howling Books und weiter magische Buchhandlungen in der Literatur

„Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„…Stell dir das Leben vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern… Einige dieser Zimmer sind leer, andere voller Gerümpel. Manche sind groß und voller Licht, und wieder andere sind dunkel, sie verbergen Schrecken und Kummer. Und ab und zu öffnet sich die Tür zu einem dieser schrecklichen Zimmer…“

Stellt euch den Jugendroman Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel vor wie ein großes Haus mit vielen Zimmern. Stellt euch vor, der Autor würde euch Schlüssel für jeden einzelnen Raum überreichen und euch ganz persönlich einladen, dieses Haus zu besichtigen. Stellt euch nun vor, dieses Haus trüge den Namen „Visible„, weil es die die Menschen dazu zwingt, durch die großen Fenster einen weiten Blick auf die Welt zu werfen. Stellt euch jetzt vor, ihr würdet für die Dauer eures Lesens hier wohnen um mit den Menschen, für die „Visible“ mehr als nur Heimat bedeutet, auch die schrecklichen Zimmer zu betreten. Wenn ihr euch das vorstellen könnt, dann habt ihr einen Schlüssel zu diesem Buch gefunden. Es ist der Generalschlüssel zum guten Lesen. Herein…

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„… eines Tages spürst du vielleicht, dass nur durch dieses schreckliche Zimmer der Weg in einen größeren, schöneren Teil des Haues führt. Und dann brauchst du den Schlüssel.“

Was in der Sprachkunst von Andreas so poetisch klingt, durchzieht seinen Roman wie ein roter Faden. Nicht nur die außergewöhnliche Location Visible in einem niemals näher genannten Ort, auch die Menschen, denen wir hier begegnen verändern unsere Wahrnehmung für große Geschichten schlagartig. Sie prägen den Roman nicht nur von der ersten bis zur letzten Seite, sie hinterlassen tiefe Spuren der Empathie in unserem Lesen. Schon unsere ersten Schritte in den heiligen Hallen von Visible zeigen, dass es hier anders zugeht als in den normalen Familien, denen wir sonst in typischen Coming-of-Age-Romanen über den Weg laufen.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Da ist die chaotisch liebenswerte Glass, die zwar ohne Ehemann und Vater für ihre beiden Kinder auskommt, nicht jedoch ohne Männer. Nach recht praktischen Aspekten scheint sie ihre kurzfristigen Wegbegleiter auszuwählen. Fällt auf Visible mal der Strom aus, ist es ein Elektriker, werden andere Reparaturen benötigt, dann greift sie halt zum Schreiner. Eine Lebenskünstlerin mit einem ganz eigenen Lebensentwurf, könnte man sagen. Wären da nicht ihre 17-jährigen Zwillinge Phil und Dianne, die sich dieser Welt ohne Fixpunkte und Orientierung seit Jahren ausgesetzt sehen. Wo sie sich manchmal nach Normalität und Halt sehnen, begegnet ihnen Improvisation und die „Alleswirdgut-Mentalität“ ihrer Mutter. Selbst die ständig bohrende Frage nach ihrem leiblichen Vater endet meist mit einem fragenden Blick auf die Liste der Affären ihrer Mutter.

… eine Liste, die ihre Männer aufführte, mit Namen und den Daten versehen, an denen, wie ich annahm, Glass mit ihnen geschlafen hatte. An einer Stelle stand lediglich eine Zahl. Es war ein Leichtes gewesen, vom Tag meiner und Diannes Geburt bis zu dem Datum zurückzurechnen, das neben der Nummer Drei stand.

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

All dies bietet sich noch nicht an, für Phil und Dianne Die Mitte der Welt zu sein und so ist es unser Privileg als Leser, den beiden ungleichen Zwillingen bei ihrer Suche nach ihrer persönlichen Mitte zu folgen und an ihrer Seite die schrecklichen Zimmer zu betreten, hinter denen die großen Geheimnisse des Lebens verborgen sind. Als Phil von einem Ausflug zurückkommt, erlebt er seine Schwester noch verschlossener, als sonst. Irgendwas muss in seiner Abwesenheit vorgefallen sein. Ein schwelender Konflikt muss sich Bahn gebrochen haben. Aber gerade jetzt kann sich Phil nicht um alles kümmern. Er ist knallverliebt in Nicholas. Und das Schönste an seinen tiefen Gefühlen: sie werden erwidert. Die erste große Liebe könnte seine Mitte der Welt sein. Sie müsste nur von Dauer sein. Ihm liegt eine Frage auf der Zunge, die er doch niemals stellen sollte:

„Frag ihn niemals, ob er dich liebt! Wenn er mit Nein antwortet, wünschst du dir, du hättest ihn nie gefragt. Sagt er Ja, kannst du nicht sicher sein, ob er es nur deshalb tut, weil er keine Lust auf hässliche Szenen hat.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Jetzt ist es der Kompass des Lebens, der seinen Nordpol finden muss. Jetzt ist es Kat, die beste Freundin von Phil, die ihn mit ihrem unvergleichlichen Lebensmut ziehen lassen muss. In ihrem Verzicht liegt der Zauber seiner Zukunft. Sie kennt ihn, wie keine Zweite und ist der große Halt seines Lebens. Seine Homosexualität steht nicht zwischen ihnen. Sie ist das tiefe Fundament des gegenseitigen blinden Vertrauens. Ausgerechnet Kat ist es, die den schrecklichsten Raum auf Visible betritt. Sie zieht ihrem Freund den Boden unter den Füßen weg, während seine Schwester ein Geheimnis preisgibt, hinter dem sie ihre unerfüllten Hoffnungen so gut versteckt hatte. Der Sturm fegt über Visible hinweg. Ein Sturm, der die Bruchbude endlich dorthin bringen kann, wo die Menschen des Ortes sie schon immer hinwünschten. Über den Abgrund hinaus in die Tiefe.

„Kinder sind Wachs in den Händen der Welt. Offene Bücher mit leeren Seiten, die von Erwachsenen beschrieben werden. Was in den ersten Kapiteln steht, kriegst du den Rest deines Lebens nicht mehr aus der Wäsche.“

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

Die Mitte der Welt entzieht sich jeglicher Einordnung in die Schubladen unseres Geistes. Der Roman ist ebenso wenig ein reines Jugendbuch, wie ein Liebesroman. Es geht nicht um alternative Lebenswege, Lebenskünstler, Aussteiger oder das Coming-of-Age seiner Protagonisten. Hier wird nicht verkitscht oder romantisiert. Dieser Roman ist so außergewöhnlich, weil er eine schwule Liebe ohne vorheriges Outing möglich macht. Homosexualität ist hier so erfrischend, erhellend und erhebend normal, dass man sich nur denken kann, welches Erdbeben Andreas Steinhöfel bei der Erstveröffentlichung des Buches 1998 ausgelöst haben muss. Ein Roman ohne Rechtfertigung. Eine Story, die tief in sich ruht, für sich lebt und auch heute noch so frich verliebt daherkommt wie einst. Dieses Buch ist „Die Mitte der Welt“.

„Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest. Liebe treibt dich dazu, die seltsamsten Dinge zu tun. Sie lässt dich in roten Schuhen durch die Straßen tanzen. Liebe schlägt tiefe Wunden, aber auf eine ihr eigene Art heilt sie auch deine Narben.“

Ein Wort noch zur Literaturverfilmung Die Mitte der Welt aus dem Jahr 2016. Ich stehe einer cineastischen Adaption von Büchern immer ein wenig skeptisch gegenüber. Allzu oft wurde ich enttäuscht und gerade hier war meine eigene Idee vom Kopfkino so präsent, dass ich nicht viel erwartet habe. Was ich aber dann sehen durfte war in jeder Beziehung überraschend. Ein Film, der durch die emotionale Präsenz seiner Darsteller zu faszinieren weiß. Ein Film, der zwar einige parallele Handlungsstränge des Romans ausblendet, dafür aber eine überzeugende Geschichte erzählt, die ich mir erhofft hatte. Und manchmal bekommt man ja von einem Film bei aller Verkürzung sogar noch etwas geschenkt, das man im Roman ein wenig vermisst hatte. Hier ist es eine Begegnung, die Andreas Steinhöfel nicht beschrieb. Es sind Worte, die mir fehlten. Kat und Phil mit ihrem Ende der Geschichte. Allein dieses Szene macht den Film so sehenswert.

Versucht es, wenn ihr bereits gelesen habt und lest, wenn ihr nur gesehen habt. 

Die Mitte der Welt von Andreas Steinhöfel

„Nick Cave – Mercy on me“ von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Was, wenn ein Buch augenscheinlich für eine bestimmte Zielgruppe geschrieben wurde und ich mich ganz sicher nicht zu dieser Gruppe zähle? Finger weg? Links liegen lassen und nicht beachten? Was aber, wenn genau dieses Buch von jemandem verfasst und illustriert wurde, der mein Lesen schon mehrfach bereichert hat? Schwere Entscheidung? Vielleicht! Nicht jedoch, wenn es sich um Reinhard Kleist handelt, weil er mich schon mit „Ein Maler zieht in den Krieg“, „Der Traum von Olympia“ und „Das Böse kommt auf leisen Sohlen“ nachhaltig beeindruckt hat. Wort- und bildgewaltig ist er in mein Leben getreten, hat der verzweifelten jungen Olympiahoffnung Samia Yusuf Omar, meinem Lieblingsmaler Franz Marc und einem Klassiker von Ray Bradbury mit seinen Werken neues Leben eingehaucht und nun bin ich in vielerlei Hinsicht von „Nick Cave“ überwältigt, weil die Graphic Novel aus dem Hause Carlsen Verlag mit mehr als 320 großformatigen Seiten das wohl umfangreichste Buch von Reinhard Kleist ist.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave. Mercy on me.” Ein verheißungsvoller Titel, da ich mich auch ein wenig nach Gnade sehnte. Oder sollte ich besser sagen „Shame on me“, weil mir der Name gar nichts sagte. Ein klassischer Fall von Bildungslücke oder selektiver Wahrnehmung, wie sonst sollte ich mir erklären, dass dieser Musiker bisher nicht auf meiner Playlist in Erscheinung getreten ist. Nick Cave. Ich musste doch tatsächlich Wikipedia bemühen und erst nach einer ersten Recherche erinnerte ich mich dunkel an ein Duett mit Kylie Minogue. „Where The Wild Roses Grow“. Ja, das sagte mir was, aber scheinbar war es so, dass ich 1995 eher auf die Sängerin geachtet habe, als auf den zotteligen Punk an ihrer Seite.

Allerdings konnte ich mich noch gut an das emotionale und traurige Musikvideo über die Vergänglichkeit der Schönheit und des Lebens erinnern. Warum jedoch sollte ich mich der Graphic Novel widmen, wenn mir schon der Name des Sängers gar nichts sagte? Konnte ich denn überhaupt verstehen, was Reinhard Kleist hier illustriert und geschrieben hatte? Ich zweifelte zwar, ließ mich aber doch auf das hochwertig und aufwendig gestaltete Buch ein. Nein. Ich kann nicht nein zu Reinhard Kleist sagen. Und so begegnete ich Nick Cave zum ersten Mal in meinem Leben in einem Buch. Nicht auf der Bühne oder in einem Musikalbum, nicht auf meiner Playlist und schon gar nicht rein akustisch. Der erste Zugang zu einem Menschen, der so durch seine Musik geprägt ist, war ein optischer. Konnte das gutgehen?

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Es hat dann ein wenig gedauert, bis mir klar war, was Reinhard Kleist mit meinen Sinnen veranstaltete. Allerdings wirklich nur ein wenig, denn dann surfte ich auf einer Welle, die ich musikalisch noch nie zuvor bewältigt hatte. Ich sah die Musik von einem Musiker, ich las sie und ich wurde in sein Leben entführt, das nun in allen Facetten vor mir ausgebreitet wurde. Diese Graphic Novel ist die Playlist einer Karriere, der es nicht an tiefgründigen Lyrics fehlt. Dieses Buch rockt sich in die Seele der Leser, weil es auf jeder Seite einen anderen Rhythmus vorgibt. Mal sanft, dann wieder rebellisch und am Ende fast schon versöhnlich sentimental. Ein Buch, das man hören kann, wenn man es zulässt. Ich habe es zugelassen und bin dankbar dafür.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Reinhard Kleist schreibt und illustriert eine Hommage an seine Rock-Ikone, ohne sich dabei auf das Leben von Nick Cave zu stürzen. Biografisch ist das Buch sicherlich, aber die Perspektive ist außergewöhnlich. Wir nähern uns dem Sänger durch die Texte und Songs, die er schrieb. Wir lernen ihn durch die fiktionalen Figuren kennen, die von ihm besungen, ermordet, geliebt und vergöttert wurden. Und diese Protagonisten sind es, die Nick Cave mit ihrem Schicksal in der Musik konfrontieren. Beeindruckend, den Sänger mit jenem besungenen Killer zu erleben, den er auf den „Mercy Seat“, also auf den elektrischen Stuhl, komponierte. Emotional, das Schöne sterben zu sehen, weil es eben sterben muss. Eine Rose zwischen den geschlossenen Lippen, den Blick gerade erst gebrochen und im Wasser treibend. Kylie Minogue mit einem glanzvollen Auftritt.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Am Beispiel Nick Cave beginnen wir uns in Künstler hineinzuversetzen, die nach neuen Wegen suchen, die einzigartig und anders sein wollen, die sich vom Mainstream und seinen Grenzen lösen wollen. Wir erleben Schaffenskrisen, Blockaden und Krisen. Die Bewusstseinserweiterung durch Drogen erscheint wie das Doping bei Sportlern. Im Wettstreit mit den Kreativen dieser Welt ist die neue Idee, der zündende Funke jeweils auch die Lebensversicherung ohne die auch ein Künstler nicht existieren kann. Extrem ist hier die Individualität. Und ohne Ego geht man unter. Nur so entstehen Ikonen. Und nur diese können die Welt verändern. Hier ist Nick Cave die Metapher für Kultur in ihrer reinsten Ausprägung. Trendsetter, Weltveränderer und Lifestyle-Prototypen leben ihre Genialität nicht in mathematischen Formeln und bürokratischen Schranken. Sie leben.

Nick Cave – Mercy me von Reinhard Kleist

Nick Cave – Mercy on me“ steht nicht allein für sich. Ein aufwendiges Artbook im Schallplattenformat begleitet die Graphic Novel. „Nick Cave & The Bad Seeds“ ist im Gesamtkontext der biografischen Annäherung an diesen Musiker nicht nur eine reine Werkstudie von Reinhard Kleist. Der Bildband zeigt vielmehr weitere Details und auch Portraits, Lebensmomente und illustrierte Hintergründe zum Leben von Nick Cave. Es sind Bücher, die sich komplementär ergänzen und meiner kleinen Bibliothek der Werke von Reinhard Kleist sehr gut zu Gesicht stehen. Aus diesen Spiegelscherben eines Sängers wird ein Spiegelkabinett mit eigenem Sound. Das Songbook eines Lebens.

Nick Cave – Artbook von Reinhard Kleist

„Was wichtig ist“ – Eine Rede von J.K. Rowling

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Wie starten wir am besten in ein neues literarisches Jahr? Vielleicht mit Inspiration, Energie und einem scharfen Blick auf das Wesentliche. Vielleicht sollten wir mit einem Ende beginnen. Das mag ja ein wenig paradox klingen, aber in jedem Abschluss liegt auch immer ein Neubeginn verborgen, der uns in die Zukunft begleiten wird. Beginnen wir doch einfach das neue Jahr in der kleinen literarischen Sternwarte AstroLibrium mit etwas wahrhaft Wichtigem und widmen uns der Frage:

Was wichtig ist. (Die Rezension kann man auch hier hören: Literatur Radio Bayern)

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Meine Radio-Rezension

Barack und Michelle Obama, John F. Kennedy, Mark Zuckerberg, Matt Damon, Bill Gates, Tommy Lee Jones, Ralph Waldo Emerson… Eine illustre Reihe bedeutender Menschen, die in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen zu Ruhm gelangt sind. Eine Gemeinsamkeit fällt auf den ersten Blick nicht auf. Sie sind Absolventen der Elite- Universität Harvard, die an der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika 21000 junge Menschen pro Jahr auf ihr akademisch geprägtes Leben vorbereitet. Wenn man sich also die Reihe der prominenten Menschen anschaut, die oben aufgeführt sind und sich dann überlegt, mit wem man es zu tun hat, wenn man sich die heutigen Studenten anschaut, die Harvard Jahr für Jahr verlassen, dann weiß man, mit wem man es künftig zu tun haben könnte. Präsidenten, Schriftsteller, Weltveränderer…

Traditionell werden die Abschlussjahrgänge in einem großen Zeremoniell von der Universität verabschiedet und ebenso traditionell werden ganz besondere Menschen gebeten, im Rahmen dieser Abschlussfeier eine Rede zu halten. Am Ende einer langen Studienzeit soll eine Initialzündung erfolgen, die den künstlichen Horizont dieser jungen Theoretiker um den Blick auf das wahre Leben erweitern soll. Im Jahr 2008 trat man an eine britische Schriftstellerin heran, die als Erfindern einer der magischsten Schulen im Universum zu Weltruhm gelangt ist. Von ihr versprach man sich wohl inspirierende als auch magische Impulse aus berufenem Munde. Gemeint ist J.K. Rowing

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Ihre Vita ist beachtlich. Ihre Karriere klingt wie ein Wunder. „Harry Potter“ hat sie weltweit zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen unserer Zeit gemacht. Ein Erfolg, der sich nicht vorhersehen ließ. Eine Erfolgsgeschichte, die sie niemals so geschrieben hätte, weil Glück, Bestimmung und ein unglaubliches Durchhaltevermögen erforderlich waren, um überhaupt einen Verlag zu finden, der diese Geschichte veröffentlichen und nachhaltig vermarkten wollte. Ja, sie hat etwas zu erzählen. Was aber hatte sie im Jahr 2008 als Rüstzeug für Harvard-Absolventen im Gepäck? Wie lautete ihre Botschaft und was macht diese Rede auch heute noch so lesenswert?

„Vom Nutzen des Scheiterns und der Kraft der Fantasie.“

Diese beiden Kernthemen wollte sie in den Vordergrund stellen. Ambitioniert finde ich angesichts der zwanzigminütigen Redezeit, die ihr zugestanden wurde. Ambitioniert auch angesichts der Tatsache, dass J.K. Rowling eher dafür bekannt ist, ihre Botschaft in Enzyklopädien nicht unter sieben Bänden zu verpacken. Ambitioniert angesichts der Tatsache, dass sie sich im Vorfeld darüber im Klaren war, wer hier zu wem spricht. Der auf ihr lastende Druck war so groß, dass nur ihre selbstironische Souveränität und das klare Bekenntnis zur eigenen Unzulänglichkeit in der Lage war, das Eis zu brechen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling

Die Rede „Was wichtig ist“ liegt nun in gebundener Fassung beim Carlsen Verlag vor. Es ist das zarte Pflänzchen eines Buches, das J.K. Rowlings Worte auf 70 Seiten an Menschen weiterreicht, die nicht unbedingt über einen Harvard-Abschluss verfügen. Verziert, ausgeschmückt und untermalt ist die Rede mit Illustrationen von Joel Holland, die der Symbolkraft der Worte die metaphorische Macht der Bilder und Zeichnungen an die Seite stellt, um sie noch tiefer in unserem Bewusstsein zu verankern. Ein Zweiklang, der zeigt, dass J.K. Rowling ihre Worte nicht an die akademische Elite adressierte. Sie sprach zu Menschen, mit Menschen über Menschen. Übermenschliches erwartete sie nicht von ihren Zuhörern. Das macht den Text für uns alle zugänglich.

Im eigentlichen Sinn beinhaltet ihr Text auch keine richtungsweisende Botschaft, weil sie weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft deutet. Sie zeigt auf das Herz. Sie packt die Menschen beim Verstand und appelliert an alle Sinne. Sie lebt ihre Worte vor, weil ihr Aufruf, sich in andere Menschen hineinzuversetzen nur gelingen kann, weil es ihr an diesem Tag der Rede gelang sich in ihre Zuhörer hineinzuversetzen. In all die Unsicherheiten, den Selbstzweifel und die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt. Sie ermutigt, ermuntert und bestärkt jene, für die das Scheitern zur Lebensgefahr mutiert.

Sie zeigt mit der Kraft der Fantasie einen Weg auf, den jeder beschreiten kann, dem die Angst vor dem Scheitern monströse Steine in den Weg legt. Und dabei theoretisiert sie nicht. Nein. Sie nimmt sich selbst als Beispiel. Ihr persönliches Scheitern. Ihre Kraft, die sie aus ihren Niederlagen zog und ihre Fantasie, die sich als Rettungsanker erwies. Aus ihrer Rede zu zitieren halte ich für nicht angebracht, da sie ein geschlossener Kreis einer sich langsam erschließenden Argumentationskette ist. Eine Kette, die wir alle gut tragen können. Eine Kette, die jedem Menschen wirklich gut zu Gesicht steht und nicht zuletzt eine Kette, die zu jedem Anlass im Leben Sinn macht und Freude schenkt. Eine Rede nicht nur für Liebhaber und Kenner von Harry Potter. Worte eines Menschen, die sich ihren Weg aus berufenstem Munde in unsere Ohren und Herzen bahnen.

Ein guter Beginn für ein neues Jahr. Zu verstehen, dass Scheitern zu unserem Weg gehört, dass wir mit der Macht unserer Fantasie gegen Ängste ankämpfen können und dass wir unser Leben nie in den Griff bekommen, weil es sonst nicht unser Leben wäre. Planbar, vorherbestimmt und alternativlos. Lasst uns auch das neue Jahr gestalten. Es steht unter einem guten Stern in der kleinen literarischen Sternwarte. Was mir für 2018 wichtig ist liegt auf der Hand. Ich möchte heute nicht wissen, wie es endet. Ich möchte gestalten und aktiv sein, mich engagieren und der Kreativität freien Lauf lassen. Nicht zuletzt verschreibe ich mich den Menschen in meiner Herzensnähe und allen Büchern, die meinen Weg kreuzen. Mein Herzensjahr 2018. Herzlichst willkommen.

Was wichtig ist von J.K. Rowling und Dasist Wasser von David Foster Wallace

J.K. Rowling erreicht mit „Was wichtig ist“ die Qualität einer Abschlussrede, die zu den legendärsten überhaupt gezählt wird.Das hier ist Wasser. Eine Anstiftung zum Denkenvon David Foster Wallace gilt als der Mutter aller Abschlussansprachen. Ich habe ihr viel Raum gegeben. Sie hat mich inspiriert und begeistert. Sie lenkt den Blick auf und in das Gegenüber, dem wir so kritisch und bissig begegnen. Empathie ist das Bindeglied zwischen beiden Reden. Mögen sie die Welt verändern.

Der Bogen und das Wichtige. Ein guter Start ins neue Jahr…

Was wichtig ist von J.K. Rowling – Ein guter Start ins Jahr

Hier geht es zum 20. Geburtstag von Harry Potter mit Stargast Rufus Beck!

Die Harry-Potter-Jubiläumslesung mit Rufus Beck