Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Vor einem Jahr schrieb ich in Erwartung einer „digitalen“ Frankfurter Buchmesse und dem damit verbundenen Online-Auftritt des Ehrengastlandes Kanada:

Es wäre ein wohl Aufsehen erregender physischer Auftritt in Frankfurt gewesen. Kanada, das Ehrengastland der diesjährigen Buchmesse hätte nicht nur Autoren und Bücher im Gastland-Pavillon präsentiert. Lebensgefühl, Vielfalt, Einzigartigkeit und viele weitere Überraschungen standen auf dem Programm. Und unsere Verlage hatten sich auf diesen besonderen Ehrengast perfekt eingestellt. Die kanadische Literatur hätte in diesem Jahr einen besonderen Stellenwert bei ihren Messeauftritten gehabt. Nun bleibt nur noch ein digitaler Auftritt. Und es bleiben die bereits gelesenen Bücher von Autoren und Autorinnen, die Frankfurt mit ihrer Anwesenheit beehrt hätten. Kanada. Es wäre so schön gewesen. 

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Heute, ein Corona-Jahr später, sieht die Welt ein wenig anders aus. Hybrid lautet das Modewort dieser Tage und unter dem Motto „Reconnect“ versucht man nun, eine Buchmesse zu realisieren, die sowohl analog als auch digital stattfindet. Und damit ist auch ein gemischter Auftritt des Ehrengastlandes Kanada möglich. Autoren werden in Liveschaltungen zu sehen sein, aber auch vor Ort lesen, signieren und repräsentieren. Die Vorfreude ist groß, auch, wenn das Format durch ein striktes Hygienekonzept auf sichere Füße gestellt werden musste. Reconnect. So darf auch mein Motto lauten und zu den im letzten Jahr gelesenen Büchern zum Kanada-Schwerpunkt ist nun ein Werk hinzugekommen, das den Weg nach Frankfurt antreten wird….

Die kleine Schule der großen Hoffnung“ von Naomi Fontaine

Hier betritt eine Autorin die internationale Literaturbühne, die mit ihrem erst zweiten Roman für Aufsehen gesorgt hat. Nationale Shortlist-Platzierungen und Finalteilnahmen bei renommierten Literaturwettbewerben sprechen eine absolut deutliche Sprache. Das haben sie mit der Schriftstellerin gemeinsam. Es ist die Sprache, die sie in Kanada von ihren Kollegen und Kolleginnen unterscheidet. Und doch sucht sie genau hier literarisch das Medium, sprachlich anzudocken und Grenzen zu überwinden. Naomi Fontaine gilt als die bekannteste autochtone (indigene) frankokanadische Schriftstellerin und einzige First-Nation-Autorin, die auf Französisch schreibt. Sie baut Brücken, die vor langer Zeit abgerissen wurden. Sie, die 1987 in Uashat, einem Innu-Reservat geborene Frau, ist nicht nur literarisch ein Vorbild für die Selbstbefreiung aus einer Situation, in der es für die meisten Menschen ihres Volkes eigentlich nur jenes Reservat gibt. Sie schreibt nicht nur darüber. Sie hat es gelebt, lebt es weiter und schreibt es nieder, damit auch wir ihr folgen können…

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine – Astrolibrium

Naomi Fontaine verließ das Reservat, studierte in Québec-Stadt Pädagogik und erzählt in ihrem Roman sicher keine frei erfundene Geschichte, sondern nähert sich ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Wurzeln auf besondere Weise erneut an. Sie erzählt von einer jungen Lehrerin namens Yammie, der es in ihrem Leben in der Großstadt zu eng wird, die ihre Beziehung zu ihrem Freund löst, und in das Reservat ihrer Kindheit zurückkehrt. Und genau dort will sie als Lehrerin an der einzigen Schule arbeiten. Hier möchte sie, die Exilantin, sich kümmern. Helfen. Lehren und auch ihre Heimat neu für sich selbst entdecken.

„Man sagt, die Rückkehr sei der Weg der Exilanten. Wegzugehen war nicht meine Entscheidung gewesen. Fünfzehn Jahre später komme ich zurück und stelle fest, dass sich die Dinge verändert haben.“

Aber als was wird sie zurückkehren? Als Innu? Auf Augenhöhe mit ihren Schülern? Oder ist sie schon die Kanadierin, die ihre eigene Sprache nicht mehr spricht, Bräuche und Traditionen nicht mehr kennt und wie so viele Fremde vor ihr vergeblich versucht, den Kindern des Reservates mit Bildung einen Notausgang zu öffnen? Nein, das ist in keiner Weise eine frei erfundene Geschichte. Sie ist autobiografisch, weil Naomi diesen Weg für sich ging. Für drei Jahre kehrte sie selbst in ihre Heimat zurück. Was wir hier in diesem bewegenden Roman lesen, ist vielleicht der literarische Extrakt der Rückkehr. Mit Sicherheit ist es jedoch die Essenz jeder Rückkehr, die wir selbst erleben, wenn es uns in die eigene Heimat treibt. Wir sind verändert. Nicht das Reservat, das Biotop, aus dem wir stammen.

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Die kleine Schule der großen Hoffnung – Naomi Fontaine

Nun klingt der Buchtitel Die kleine Schule der großen Hoffnung sehr pathetisch. Ist er auch! Im Original erschien das Buch unter dem klangvollen Titel „Manikanetish, Petite Marguerite“ auf dem kanadischen Buchmarkt. Hier sollte ein Kreis zu einer Frau geschlossen werden, die diese Schule nie selbst betreten, aber zahllose elternlose und schwierige Kinder großgezogen und ihnen das Leben gerettet hatte. Ein Titel, der sich im Inneren des Romans erschließt. allerdings auch einer, der durch sein Pendant nicht verdrängt wird. Insofern darf die kleine Schule große Hoffnung verbreiten. Wer sich an der Seite von Naomi Fontaine einschulen lässt und Yammie in den Unterricht folgt, ist gut beraten, seine Vorstellungen von traditionellem Unterricht für einen Moment in den Hintergrund zu verbannen. Diese Lehrerin muss sich nähern, selbst finden, heilen und therapieren. Sie kämpft gegen das Schicksal, das in vielen Reservaten zum System in der Ausgrenzung indigener Bevölkerungsgruppen dient. Alkohol, Perspektivlosigkeit in jedem Lebensbereich und das Gefühl, nicht zum Rest der Gesellschaft zu gehören.

Es sind die großen und kleinen Geschichten ihrer Schüler:innen, die sie erzählt. Es sind Geschichten von Rebellion, Aufgabe und Untergang, denen wir folgen. Es ist oftmals nichts so, wie es scheint. Hintergründe habe tiefere Wurzeln, als man es sich vorstellen kann. Die Welt der Innu wird hier nicht transparent. Sie wird nicht verraten. Eher im Gegenteil. Naomi Fontaine geht mit den geheiligten Rätseln ihres Volkes sehr behutsam um. Dadurch ermöglicht sie es uns, unseren eigenen Frieden mit den Fluchten unseres Lebens zu machen. Im Exil das Gegenteil von Heimat zu erkennen und in die Rückkehr kein Bereuen zu legen. Ich habe das Lesen dieser kleinen Bilder aus der Tiefe des Reservats sehr genossen, weil es mich bereichert hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch für Lehrende und Lernende zugleich den Horizont erweitern kann, wenn es darum geht, über die Brücken zu gehen, die wir kaum noch erkennen können. Ein wichtiges und relevantes Buch.

Die kleine Schule der großen Hoffnung - Naomi Fontaine - Astrolibrium

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Naomi Fontaine wird am 20. Oktober im Rahmen von Open Books zur Frankfurter Buchmesse zugeschaltet werden. Ihr Roman ist beim C. Bertelsmann-Verlag präsent.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Bücher- und Hörbuchketten sind unverzichtbar in meinem Leben. Die Perlenkette, an der kausale und emotionale Zusammenhänge sichtbar werden, gehört zu den echten Schmuckstücken in meiner kleinen Bibliothek. In diesem Fall sind es Eisperlen, die sich zu einer komplexen Expeditionsgeschichte aufgefädelt haben, um uns zu zeigen, wie in der Vergangenheit und heute Menschen versucht haben, die weißen Flecken der Erde zu erobern und zu erforschen. Die Motive könnten unterschiedlicher nicht sein. War es einst der Wunsch, als erster Mensch am Nordpol zu stehen, sind es heute ökologische und rein wissenschaftliche Ziele, die uns in die Arktis entführen. Für mich begann alles eigentlich wie immer. Mit Zufällen:

Polarliebe – Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis“ von Sigri Sandberg und Anders Bache (Mare) war gerade gelesen und rezensiert, da erreichte mich ein schweres Buchpaket aus dem Prestel Verlag. „Expedition Arktis. Die größte Forschungsreise aller Zeiten“ von Esther Horvath schloss einen Kreis, der fortan Polarliebe und Polarstern miteinander verbinden sollte. Und so konnte ich die Forschungsreise dieses Hightech-Forschungs-Eisbrechers mit den letzten Worten einleiten, die aus der Polarliebe-Rezension in diese Buchvorstellung überleiten sollten:

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Esther Horvath erzählt uns die Geschichte der Expedition mit ihren Fotografien. Sie sind nicht in Szene gesetzt, nicht inszeniert, es sind keine Schnappschüsse oder nebenbei entstandene Impressionen. Esther Horvath war die Bilderzählerin an Bord der Polarstern. Wie die Eisbärenwächter hat sie mit ihrer Kamera über die Menschen gewacht, die auf dem Eis arbeiteten und an Bord lebten. Sie wartete immer auf genau den einen Moment, in dem aus der Aufnahme eine Geschichte wurde. Mit gefrorenen Fingern den Auslöser zu betätigen und dann zu wissen, was man festgehalten hat, ist ihre Passion. Man spürt den Fotos an, wie sehr ihr die Menschen vertraut haben. Sie legt Zeugnis für sie ab. Und das spürt man. Manche Bilder wirken, als seien sie heilig. Das Interview mit Esther Horvath, deren Eisbären-Foto Weltruhm erlangt hat, muss man gelesen haben, um das Wunder dieser Bilder gänzlich fassen zu können.

Nachhaltig war die ARD-Dokumentation „Expedition Arktis, in der diese Bilder zu bewegten Impressionen wurden, die mich dazu bewegten, in Sachen Polarstern weiter in Bewegung zu bleiben. Bietet der Bildband zwar den atmosphärischen Überblick über die gesamte Expedition, setzt Akzente in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und dem Leben auf der Eisscholle, so ist es doch kein chronologischer Expeditionsbericht. Zu komplex war das gesamte Vorhaben, um auch noch in aller Breite die Hintergründe der Organisation zu beleuchten, die man erkennen sollte, um das wahre Ausmaß einer wissenschaftlichen Leistung zu beurteilen, auf die sich die gesamte Aufmerksamkeit in der Welt konzentriert. Markus Rex, der Leiter der gesamten MOSAIC-Expedition hat diese Lücke mit seinem Logbuch Eingefroren am Nordpol geschlossen. Ich wollte mehr erfahren. Jetzt endlich konnte ich mich auf die Brücke der Polarstern begeben und hinter die Kulissen schauen… Oder sollte ich besser „hören“ sagen?

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Ich genoss es, Markus Rex in der Hörbuchfassung des Expeditionsberichtes auf die Brücke zu folgen und ganz entspannt zuzuhören, während sich das Eis immer enger um die Polarstern schloss. Der Schauspieler und Sprecher Steffen Groth leiht dem Expeditionsleiter Rex seine Stimme und entführt uns meisterlich inszeniert in eine Welt, die von Verantwortung geprägt ist. Hier ist es nicht mehr die Fotografin, die sich als Beobachterin dieser Expedition angeschlossen hatte. Hier ist es nun derjenige, der hier die Gesamtverantwortung für Mensch, Technik, Logistik, Ablauf und die Stimmung an Bord und auf der Eisscholle trug, die zur Heimat hunderter Wissenschaftler in den Turns der Expedition wurde. Das spürt man genau. Das hört man deutlich. Hier spricht weniger der Wissenschaftler Markus Rex. Hier lässt er uns an seinen tiefen Gedanken teilhaben, die ein Großvorhaben umreißen, das eigentlich unkalkulierbar war und doch kalkuliert werden musste. Alle Augen der Expedition waren auf ihn gerichtet, wenn mal wieder etwas organisiert werden musste. In diesem Bericht „menschelt“ es sehr.

Was in der Realität ein ganzes Jahr dauerte, lässt uns in dieser Hörbuchfassung für genau 10 Stunden die eisige Kälte der Nordpolar-Region am eigenen Ohr spüren. Hier ist es die beeindruckende Perspektive eines Mannes, der nichts auf die leichte Schulter nimmt und sich seiner Verantwortung jederzeit bewusst ist, die uns fesselt. Es sind viele Aspekte dieser Drift-Fahrt, die neu sind. Er erzählt von der Bedeutungslosigkeit der Zeit in einer Region, in der alle Längengrade zusammenlaufen und alle Zeitzonen nur einige Meter voneinander entfernt sind. Er berichtet vom Notfall-Management an Bord, von der Klinik, die auf alle Zwischenfälle vorbereitet war. Bei ihm wird die Eisbärgefahr greifbar, weil bei den 60 Begegnungen mit dem majestätischen Tier auch die Wachsamkeit der Wächter die Lebensversicherung für die Besatzungsmitglieder garantierte. Er berichtet von der Lose-Lose-Situation der Eisbärwächter, wenn sie Auge in Auge mit den weißen Riesen entscheiden mussten, wohin sie mit ihrer Leucht-Knall-Munition zielten. Und er macht aus dem Unternehmen eine wirkliche internationale Kraftanstrengung, wenn hier die Beteiligung aller russischen Eisbrecher intensiv betrachtet wird, die an der Mission beteiligt waren.

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Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Markus Rex nimmt sich ausreichend Zeit für seine gezielten Appelle hinsichtlich einer nahenden Umweltkatastrophe, aus ihm spricht jahrelange Erfahrung, wenn er darüber berichtet, wie sich das Eis im Polarmeer verändert hat. Ihn versteht man, weil seine Ansichten kaum zu widerlegen sind. Ob seine Aufrufe dazu beitragen können, in unserer Gesellschaft mehrheitsfähige Entscheidungen herbeizuführen, bleibt fraglich. Ob seine Botschaften auch andere Gesellschaften erreichen, ist ebenso offen, weil sie oftmals nicht demokratisch strukturiert sind und einem weltweiten Konsens in Sachen Klimapolitik eher im Weg stehen. Aber Markus Rex ist ein Kämpfer. Mit den Daten von der Polarstern wird der MOSAIC-Expedition eine internationale Aufmerksamkeit zuteil, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert und kaum wegzudiskutieren ist. Wir alle können uns an diesem Kampf für unsere Umwelt beteiligen. Er fängt ganz einfach an. Mit dem Zuhören. Hier zum Beispiel. Dieses Hörbuch stattet uns mit Argumenten aus, die wir so schnell nicht vergessen. Es fühlt sich an, als wären wir selbst ein paar Monate im ewigen Eis gewesen, nur um festzustellen, dass hier schon lange gar nichts mehr ewig ist.

Unvergessen bleiben Begriffe dieses Berichts in Erinnerung, die meine Fantasie in jeder Hinsicht beflügelt haben. Man sollte sich dieses Logbuch auf keinen Fall entgehen lassen, weil man um ein Abenteuer ärmer wäre, das unsere ganze Welt retten kann. Es geht um ein Schollen-Casting, Pfannkucheneis, Seerauch, Eisblink, eine quadratische Sonne, eine Festung im Eis, Nansenschlitten, einen Eisdrachen, Rammfahrten, einen Heimweg auf einem Klappfahrrad, eine Bordbar namens Zillertal, Weihnachten auf der Polarstern, Starwars-Charaktere sowie Halloween im Eis und die eine spezielle Scholle, die zur instabilen Heimat einer Expedition wurde…: „The special Snowflake„. Man ist auf der Polarstern gefangen und doch fühlt man sich, als wäre man am sichersten Ort der ganzen Erde… Besonders, als die ersten Nachrichten einer Pandemie die Runde machen. CORONA.

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Hier wird „Eingefroren am Nordpol“ auch zur Geschichte einer Pandemie, die in der Lage ist, eine internationale Expedition zum Scheitern zu bringen. Der Austausch der wissenschaftlichen Teams, die Logistik, Heimflüge und frische Nahrungsmittel. Es hängt am seidenen Faden, obwohl die Menschen im Eis sich gerade am virenfreisten Ort der Welt befinden. Unfassbar beeindruckend erzählt, diese bedrohliche Phase der Expedition. Ich empfehle das Hören dieser Produktion von Der Hörverlag. Das Buch ist im Bertelsmann Verlag erschienen und bietet zahlreiche farbige Abbildungen. Wie auch immer man sich entscheidet, jeder Weg wird der richtige sein. Er endet nicht am Nordpol, er endet nicht mit der Heimkehr der Polarstern in Bremerhaven. Er setzt sich in unseren Köpfen fort und lässt uns bewusster in die Zukunft gehen.

Was bei Fritdjof Nansen begann, in der Polarliebe gipfelte und auf der Polarstern seine Fortsetzung findet, sollten wir nicht willkürlich beenden. 

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex - AstroLibrium

Eingefroren am Nordpol von Markus Rex

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Eigentlich hatte ich vor, eine Rezension zum Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, erschienen bei C. Bertelsmann, zu verfassen. Eigentlich sollten 542 Seiten EINES Buches im Mittelpunkt dieses Artikels stehen und letztlich sollten diese Zeilen dazu verführen, mir nach Paris zu folgen. Das war der Plan. Eine bildgewaltige, spannungsgeladene und emotional geprägte Entführung in ein Paris, das sich dem Leser im Jahr 1924 voller Leidenschaft öffnet und ihn erst in unseren Tagen wieder am Stadtrand absetzt und ins normale Leben entlässt.

Soweit der Plan. Francine Prose hat mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht und so sitze ich nun hier vor ihrem Werk und habe nicht weniger als sieben Bücher zu besprechen. Ja. Sehr richtig gelesen. Genau sieben Bücher, die untrennbar miteinander verbunden sind, einen literarischen Dialog miteinander führen und in ihrer Essenz das eigentliche Kaleidoskop unter dem Titel „Die Liebenden im Chamäleon Club“ ergeben. Ein guter Einkauf. Wohl wahr. Denn mit nur einem einzigen Buch erhält man eine gebundene Matrjoschka Buch-Puppe, die in ihrem Inneren viele kleine Buch-Püppchen verbirgt.

Ich liste hier nur kurz auf, welche Bücher ich nun eigentlich rezensiere (und damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie sind alle Bestandteil des Erstgenannten)

„Die Liebenden im Chamäleon Club“ von Francine Prose

  • „Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois
  • „Erschaffen Sie sich neu“ von Lionel Maine
  • „Paris im Rückspiegel“ von Lionel Maine
  • „Die Memoiren der Suzanna Dunois Tsenyi“ von S. Dunois Tsenyi
  • „Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol
  • „Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor-Tsenyi-Archiv
Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Und ganz nebenbei, aber nicht nur am Rande, stelle ich einen Bildband vor, der nicht in den 542 Seiten dieses Romans beinhaltet ist, aber aus, in und zwischen den Zeilen herausstrahlt, als wäre er das eigentliche Lesezeichen dieses unvergleichlichen Buches. Brassaï – Flaneur durch Paris von Sylvie Aubenas. Ein Bildband, den ich mir unbedingt kaufen musste, um… Aber das verrate ich später… Jedenfalls stellt dieser Bildband für mich den Missing Link auf der gelungenen Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität dar, die Francine Prose mit ihren Lesern unternimmt.

Was sich nun anhört, wie eine halbe Lebensbibliothek ist das Grundgerüst eines Romans, der auf wahren Begebenheiten und realen Personen beruht, sich in seiner Fiktionalität jedoch verselbständigt hat. Das entspricht ganz der Intention der Autorin und deshalb erreicht sie gerade durch diese gezielte Einbindung der oben aufgeführten frei erfundenen Bücher eine Meta-Ebene der Authentizität, die ihren „historischen“ Roman Die Liebenden im Chamäleon Club erst so richtig lesenswert macht. Diese Bücher sind das Grundgerüst der Fassade, an der wir mit Francine Prose klettern dürfen. Von einem Pariser Fenster zum nächsten.

Lou Villars ist dieses Paris. Lou Villars ist dieser Roman. Sie ist alles. Lou Villars ist die Verbindungslinie zwischen den Menschen und ihren Geschichten. Sie ist das Opfer das zum Täter wird und so das Leben jedes Menschen, der mit ihr in Verbindung steht, nachhaltig verändert. Lou Villars. Sportlerin. Keine Schönheit. Burschikos ist definitiv untertrieben. Sexuell orientierungslos. Auf der steten Suche nach sich selbst. Erst das aufgeschlossene Paris der 20er Jahre bietet ihr den Raum, in dem sie sich wohlfühlt.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Hier kann Lou sie selbst sein. In Männerkleidung Nachtclubs besuchen. Ein anderes Leben führen. Der Faszination der Clubs im nächtlichen Paris erliegen. Ihrer sexuellen Zuneigung zum gleichen Geschlecht erliegen. Hier lernt sie die Menschen kennen, die sie verstehen, ihr den Weg ebnen. Hier findet sie sich. Und hier wird sie gefunden. Der ungarische Fotograf Gabor Tsenyi macht sie auf einem seiner Nachtclub-Bilder an der Seite ihrer großen liebe Arlette unsterblich. Die Familie Rossignol engagiert sie als die erste Auto-Rennfahrerin Frankreichs und vertraut ihr einen der schnellsten Boliden der damaligen Zeit an. Und der Schriftsteller Lionel Maine bringt sie mit dem schillernden Nachtleben der Stadt in Kontakt.

Lou Villars wächst in ihr neues Leben. Sie verändert sich und sucht Wege, sich nicht nur wie ein Mann zu kleiden, sondern auch genauso zu leben. Sie unterzieht sich einer Brustamputation, um noch besser hinters Lenkrad zu passen und schneller Rennen zu fahren. Sie verliebt sich völlig verzweifelt, unglücklich und folgenschwer in eine kleine Tänzerin im Chamäleon Club. Sie erlebt den Ritt auf der Rasierklinge zwischen Gesetz und Freizügigkeit, dem man sich im Nachtleben pausenlos zu stellen hat. Paris hat seine Schattenseiten.

Alles hätte so weitergehen können, doch mit dem Aufzug der Nazis im Nachbarland verändert sich Frankreich. Lou Villars wird zur Leidtragenden. Sie verliert die Lizenz als Rennfahrerin, sie wird in den Nachtlokalen zum Fremdkörper. Mit ihr gemeinsam auf Fotos zu sein wird gefährlich für die Menschen, die ihr viel bedeuten. Paris wendet sich von ihr ab. Am Ende scheint sie zu sein. Bis ihr Ruf nach Deutschland dringt, sie vom Führer zu den Olympischen Spielen in Berlin eingeladen wird und allen Versuchungen erliegt, denen man nur erliegen kann. Liebe zu einer deutschen Rennfahrerin und der Hass auf all das, was Paris ihr genommen hat, machen aus Lou Villars eine gefährliche Waffe in braunen Händen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Sie kehrt zurück. Nicht mehr in ihr Paris, sondern in die Idealvorstellung von einer anderen Stadt, nachdem sie gesäubert und gereinigt ist. Neu erfunden. Aus Asche neu konstruiert. Lou Villars spioniert nicht nur für die Nazis, sie wird nach der Besetzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu einer monströsen Waffe der Gestapo und begegnet den Menschen wieder, die ihren Weg bestimmt, beeinflusst und gelenkt haben. Niemand ahnt, in welcher Funktion ihnen Lou Villars erneut begegnet. Ein altes Feuerzeug aus dem Chamäleon Club wird nun zum Folterinstrument – Lou Villars nimmt Rache.

So stellt Francine Prose eigentlich nur eine Lebensgeschichte in den Mittelpunkt ihres Romans und lässt dann in den eingewobenen Büchern all jene Menschen zu Wort kommen, die den Weg von Lou Villars gekreuzt haben. Jedes Steinchen passt zum sich entwickelnden Mosaik. Der Leser darf sich hier auf eine große Liebeserklärung an Paris freuen. Die 20er Jahre werden lebendig, Künstler und Laster skizzieren das wilde Bild einer brodelnden Metropole, die sich selbst zelebriert, bevor der Untergang droht. Und natürlich werden wir Zeugen der Vorboten des Zweiten Weltkrieges, erleben politische Veränderungen und zuletzt auch die französische Beteiligung am Holocaust.

Francine Prose gibt die Perspektiven frei. Sie lässt andere sprechen und erlaubt sich auf diese Art und Weise einen distanzierten Umgang mit den Realitäten im Roman. Aus den schwarz-weiß Fotografien von Gabor Tsenyi wächst das farbenprächtige Leben in allen Schattierungen. Und dabei basiert die reine Folge fiktionaler Erlebnisberichte auf dem Leben von Violette Morris. Sie ist die reale Vorlage für diesen Roman und im Fotografen erkennen wir den großen ungarischen Meister Brassaï. Hier holt uns die Realität ein. Hier leistet der Roman mehr, als ein Roman zu leisten vermag.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Man beginnt mit der eigenen Recherche, findet Fotos von Violette Morris, erkennt die Parallelität und stößt dann auf das Lebenswerk von Brassaï. Seine Paris-Bilder werden im Roman lebendig. Mit jedem Wort erkennt man die Szenen wieder, die er unsterblich gemacht hat. Genauso wie das legendäre Foto Lesbisches Paar im Le Monocle, 1932, das als Vorlage auch für den Romantitel diente. Niemand anderes als Violette Morris und ihre Freundin sind hier abgebildet.

Und für Leser des Romans wird es immer Lou Villars sein, die hier im Herrenanzug sitzt und den Hauch eines ganz normalen Lebens vermittelt. Eines Lebens, das sie nie führen durfte. Dieses Bild ist zugleich der melancholische Abgesang auf ihre Träume. In den wohl letzten Momenten eines Lebens, das für sie noch lebenswert erschien, bevor Frankreich auf die rasende Schussfahrt in den Untergang zusteuerte. Man findet diese Fotos auf Google. Man staunt, atmet intensiv und bewundert die grandiose Idee der Autorin, diese Impressionen so tief im Roman zu verankern.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Ich musste den Bildband „Brassaï – Flaneur durch Paris“ von Sylvie Aubenas einfach besitzen. Ihr kennt sicher dieses Gefühl eines ganz gezielten Lustkaufs. Wenn ich die Bilder betrachte, bin ich im Chamäleon Club, wenn ich das Buch lese, bin ich in den Bildern und wenn ich beides übereinander lege und meine Recherchen betrachte, bin ich wieder in der Realität angekommen, die Francine Prose zu einem Meisterwerk verdichtet hat. Ihr Spiel mit der Authentizität ihres Romans wird ganz am Ende auf die Spitze getrieben.

In einem Moment, in dem man denkt, vor weiteren Überraschungen sicher zu sein präsentiert die Autorin einen literarischen Kunstgriff, der mich sprachlos machte. Ich habe herzhaft gelacht, war bewegt und berührt, betroffen und nachdenklich, wie sie auf den letzten Seiten mit den Büchern ihres Buches spielt. Welches Spiel sie spielt? Ein meisterliches. Das kann ich versprechen. Es gelingt ihr die Brücke in die Realität zu schlagen, ohne auf ihre eigene Fantasie zu verzichten. Aber das macht sie nicht selbst. Hier erteilt sie jemandem das Wort, mit dem man sicher nicht mehr gerechnet hat. GRANDIOS….

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Geneigte Leser werden im Chamäleon Club oft an Lili Elbe denken. Hier hätte sie sich wohl gefühlt. Hier wäre das sie glücklich geworden. Das Dänische Mädchen und die Geschichte von Lou Villars sollten nebeneinander im Regal des Lebens stehen.

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit “Die Liebenden im Chamäleon Club” von Francine Prose in Verbindung stehen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose - Die Bücherkette

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose – Die Bücherkette

„Footlights – Rampenlicht“ von Charlie Chaplin [David Robinson]

Footlights - Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht von Charlie Chaplin

Der Begriff „Literarische Sensation“ ist selten geworden in unseren Tagen. Allzu oft hat man dieses kaum greifbare Prädikat in früheren Zeiten strapaziert und damit eine Erwartungshaltung bei den Lesern geschürt, die nur selten erfüllt werden konnte. Nähern wir uns doch einfach einer „Sensation“ in ihrem wahren Wortsinn an, dann haben wir es, rein literarisch betrachtet, mit einem aufsehenerregenden Buch-Ereignis zu tun, das von erheblichem medialen Interesse ist und länderübergreifend diskutiert wird.

Eine literarische Sensation, die ein Verlag als solche bezeichnet verpufft recht schnell im eigenen Katalog. Mehr als erfreulich ist es jedoch, im Laufe des Lesens tatsächlich auf ein solch außergewöhnliches Literaturereignis zu stoßen, das seinem Ruf alle Ehre macht. Ich habe in diesem Jahr mit Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee eine solche Sensation gelesen. Dieser Roman, der im Giftschrank der Pulitzer-Autorin schlummerte und mehr als fünfzig Jahre nach Wer die Nachtigall stört erschien, hat weltweit für Aufsehen gesorgt, polarisiert und begeistert.

Sensationell. Ein Begriff, der mit Bedacht gewählt werden sollte und nur mit Vorsicht zu genießen ist. Und doch sollte man diesen Siegelring niemals ganz aus der Hand legen, denn es kommt doch noch vor, dass ein Buch diese Prägung verdient. Dabei fällt es auf, dass es unveröffentlichte Manuskripte aus längst vergangener Zeit sind, die sich in diese seltene Kategorie der epochalen Neuerscheinungen einreihen.

Footlights - Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht“ wird als Sensation gepriesen. Den Prachtband aus dem C. Bertelsmann Verlag ziert das auffällige Siegel mit der verheißungsvollen Aufschrift „Der Sensationsfund – Chaplins einziger Roman“. Schon stellt der geneigte Leser fest, dass hier nur eine journalistische Tatsache, nicht jedoch ein Qualitätsmerkmal als Aufmacher dient. Nicht jeder Sensationsfund erweist sich als literarisches Meisterwerk. Und mit einem Sensationsfund haben wir es tatsächlich zu tun.

Zwar ist allseits bekannt, dass Charlie Chaplins gesamtes Lebenswerk archiviert und katalogisiert ist, womit eigentlich die großen Überraschungen ausgeschlossen sein sollten. Wer nur eine vage Vorstellung davon hat, wie das Lebensmemorandum dieses genialen Filmpioniers aussieht, der kann verstehen, dass der recherchierende Blick ins Chaplin-Archiv den geneigten Fachmann von den Socken hauen kann und dem Fan des großen Mimen und Regisseurs die freudige Erregung ins Gesicht zeichnet.

100 Jahre nachdem Charlie Chaplin mit seinem Stummfilm „Tramp“ zu Weltruhm gelangte, präsentierte man 2014 im British Film Institute voller Stolz eine Entdeckung, die nur durch die akribische Sammlung und Digitalisierung bereits archivierter Chaplin-Aufzeichnungen ermöglicht wurde. Chaplins einzigen Roman. Das literarische Werk eines Künstlers, der als Schauspieler zur Legende wurde und als Regisseur Maßstäbe setzte, von dem bisher aber lediglich bekannt war, dass er Drehbücher schrieb.

Footlights - Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht von Charlie Chaplin

Nun lag der staunenden Fachwelt mit „Footlights“ tatsächlich eine Erzählung aus Chaplins Feder vor, die auf den zweiten Blick viel mehr war, als ein loses Manuskript im lebenslangen kreativen Schaffen eines begnadeten und akribischen Künstlers. Es handelte sich bei „Footlights“ tatsächlich um die Romanvorlage zu Chaplins großem Film „Limelight“ – Rampenlicht. Sein letzter in den USA gedrehter Film und mehr als ein Meilenstein seines Lebens. Mit diesem Film wurde Chaplin aus dem Rampenlicht des Landes verdrängt, in dem er zu Weltruhm gelangte.

Aus dem Schauspieler, der sich mit Der große Diktator als Hitler-Satire gegen alle Diktaturen der Welt gerichtet hatte, war in seiner Wahlheimat ein politischer Staatsfeind geworden. Man unterstellte ihm, Kommunist zu sein und bürgerte ihn einfach aus. Auf der Reise zur Filmpremiere nach London im Jahr 1952 erfuhr er, dass seine Rückreise in die USA nicht mehr gestattet würde. Man entfernte seine Hand- und Fußabdrücke vor dem legendären TCL Chinese Theatre und ein eigener Stern auf dem Hollywood Walk of Fame wurde ihm bis in die siebziger Jahre verwehrt.

Sein Rampenlicht war erloschen. Charles Chaplin zog in die Schweiz und kehrte nur ein einziges Mal mit einem Eintages-Visum in seine Vereinigten Staaten zurück. 1972 wurde er mit dem Ehren-Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet, nicht jedoch mit der Rehabilitation seitens der Justizbehörden. Dem Publikum war dies egal. Chaplin erhielt mit 12 Minuten den wohl längsten Applaus in der Geschichte der Oscar-Verleihungen. Sein Werk von seinem facettenreichen und nicht unpolitischen Leben zu trennen, ihn allein als kreativen Künstler zu betrachten, würde ihm nicht gerecht. Hier hat der Begriff Lebenswerk mehr Bedeutung.

Footlights - Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht von Charlie Chaplin

Diesem Buch gelingt es, Chaplin in ein neues Rampenlicht zu stellen und damit wird es ihm und seinem Schaffen gerecht. „Footlight“ beinhaltet nämlich nicht nur den bisher unveröffentlichten Roman von Charlie Chaplin, sondern darüber hinaus dessen mehr als ungewöhnliche Entstehungsgeschichte, eine Einordnung in das Lebenswerk des großen Künstlers und viele biografische Informationen, die einen tiefen Einblick in die Arbeits- und Denkweise von Chaplin ermöglichen.

Dabei ist die kleine Erzählung, die den Kern dieses Buches darstellt, mehr als lesenswert. Wer den Film „Rampenlicht“ bereits kennt, wird viele seiner Bilder sofort wiedererkennen, die im Manuskript zu „Footlights“ sprachlich erschaffen werden. Das malerische London der Varietés und Theater, in dem Chaplin einst groß wurde ist mehr als nur Kulisse für eine Geschichte. Nur hier konnte atmosphärisch entstehen, was der Autor Chaplin verarbeiten wollte. Eine Geschichte, die sein Leben reflektierte.

Die klassisch traurig emotionale Story vom alternden Clown, der am Scheideweg seiner Karriere steht, sein Publikum nicht mehr findet und bei aller Verzweiflung den Lebensmut niemals verloren hat. Als er eine junge Balletttänzerin vor dem Selbstmord bewahrt, ändert das auch sein tristes Leben. Calveros selbstlose Herzlichkeit beginnt Thereza zu heilen. Er nimmt sie bei sich auf und verhilft ihr zu einer Traumkarriere. Was ihm selbst nicht mehr gelingt, bringt die junge Tänzerin zum Fliegen.

Footlights - Rampenlicht von Charlie Chaplin

Footlights – Rampenlicht von Charlie Chaplin

Diese hochemotionale Begegnung des abgehalfterten und mittellosen Clowns mit der jungen Tänzerin birgt unglaubliches Potenzial für eine große Geschichte im Stile großer Erzähler. Blüte und Verfall auf dem gemeinsamen Weg in ein Glück, das zuvor nicht zu erhoffen war. Autobiografisch betrachtet ist es der Abgesang Chaplins auf sein eigenes Leben. Eine Hommage an sich selbst. Eine Reminiszenz an die eigenen großen Tage in der Rückschau des ewigen „Tramps“.

Dem „Footlights“-Herausgeber und Chaplin-Experten David Robinson gelingt es in diesem Gesamtkunstwerk aus den unterschiedlichen Fassungen und Fragmenten des Manuskripts ein schlüssiges Ganzes zu entwerfen, in dem wir die Handschrift Charlie Chaplins wiedererkennen, obwohl wir noch nie etwas von ihm gelesen haben. Das Herz blüht auf und als Leser kann man die Bilderflut nicht unterdrücken, die sich beim Lesen einstellt. Chaplin lebt.

Für wahre Cineasten und Chaplin-Fans ein unverzichtbares Buch. Für bibliophile Menschen ein wundervolles Kunstwerk, in dem es sich stöbern, lesen und fühlen lässt. Soviel mehr als nur der unveröffentlichte Roman. Es ist eine aufrichtige Liebeserklärung an einen Menschen, der uns unvergessen ist. Dieses großformatige Buch mit brillanten und oft ungesehenen Fotos aus dem Leben von Charlie Chaplin ist keine literarische Sensation. Diesen Anspruch hegt es nicht. Aber es ist die bestmögliche Art und Weise, einem Sensationsfund ins gleißende Rampenlicht zu rücken. Erstklassig gelungen.

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Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Bis ans Ende der Geschichtewollen wir uns immer gerne lesen. Bis ans Ende der Geschichte treibt uns die Neugier an, und doch stellen wir so oft in unserem Leben fest, dass genau dieses Unterfangen von trauriger Aussichtslosigkeit geprägt ist. Denn, wo fängt etwas an und wo endet es? Kaum glauben wir, eine kleine Spur zu jenem Tag gefunden zu haben, der den Beginn von allem darstellt, da entgleitet er uns auch schon wieder und wir reisen weiter.

Jodi Picoult möchte ihre Leser auf eine solche Lesereise entführen. „Bis ans Ende der Geschichte“ möchte sie uns tragen und dabei hat sie sich einen Rahmen für ihren neuen Roman, gerade erschienen im C. Bertelsmann Verlag, gewählt, der schon beim Lesen der ersten Kapitel verdeutlicht, dass die Aussichtslosigkeit des Unterfangens auch hier extrem spürbar wird. Wo fängt es denn eigentlich an, wenn wir uns bis zum Ende vortasten? Wie ein Damoklesschwert hängt eine Frage über dem gesamten Roman:

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Was bei Picoult einfach beginnt, ist lesend nicht zu unterschätzen. Eine greifbare und alltägliche Situation lädt zum Einsteigen in diesen Roman ein, doch wer denkt, an Bord eines Unterhaltungs-Passagier-Leseschiffs zu sein, wird schnell realisieren, dass sich über ihm die Luke eines U-Bootes schließt, das von der ersten Seite an sowohl an Fahrt als auch Tiefe gewinnt.

„Bis zum Ende der Geschichte“ tauchen wir tief in eine Handlung ein, die in ihrer Dynamik und Vielschichtigkeit alle Gefühle einer emotionalen Tauchfahrt der Erkenntnis aber auch des Schreckens erzeugt. Wir müssen in die Vergangenheit reisen, um das Hier und Jetzt in den Kontext einer ganz persönlichen Geschichte setzen zu können, die schon in der Gegenwart von Verletzungen und Verlust geprägt ist.

Unsere Lese-Reise beginnt im New Hampshire unserer Tage. Unser Ziel ist der Holocaust. Auschwitz. Ein Ziel von dem Sage Singer nicht den Hauch einer Ahnung hat, als sie einem Mann begegnet, der ihr Leben verändert. Sage ist gezeichnet von Verlust, vernarbt an Körper und Seele, traumatisiert und ihr ganzes Leben ist geprägt von ihren Verletzungen.

Den Vater früh verloren, die Mutter bei einem Autounfall ums Leben gekommen, den Sage überlebte. Eine Narbe im Gesicht – die ewige Erinnerung. Ein Leben in der Dunkelheit, weil sie überlebte. Selbstvorwürfe.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Sage flieht in ihre selbst gewählten geschützten Räume. Sie wird Bäckerin, arbeitet, wenn andere schlafen und schottet sich privat völlig ab. Liebe findet sie nur gebraucht, aber nicht neu und exklusiv und drei Jahre lang versucht sie, die Schatten des Unfalls abzustreifen. Eine Gruppentherapie soll für sie zur Fluchttür ins normale Leben werden. Erfolglos. Zu tief ist der Schmerz verankert. Zu groß sind die Vorwürfe, die sie sich als Überlebende des Unfalls macht. Und doch lernt sie Menschen kennen, deren Verluste ebenso schwer wiegen. Nie zu verarbeiten sind und wie ewige Kriege in ihnen toben.

Über 90 Jahre alt ist der Mann, dem sie in diesen Sitzungen zufällig begegnet. Josef Weber spricht kaum, beteiligt sich nicht an den Gesprächen und doch kommt es zur ersten tiefen Begegnung zwischen der jungen Frau, deren Leben in jeder Beziehung aus dem Gleichgewicht geraten scheint und dem alten Mann, der Hilfe sucht. Und das genau bei ihr!

Sage Singer soll ihm beim Sterben helfen – AKTIV. Denn genau dazu scheint Josef Weber nicht in der Lage zu sein. Als sei das Leben seine Strafe. Als er Sage den wahren Grund für seine Bitte erklärt, wird sie in eine andere Zeit und in einen tiefen Gewissenskonflikt geschleudert, der ihr Leben noch mehr durcheinanderbringt. Sie sieht sich einem der leibhaftigen Monster des Holocausts gegenüber, das nun allen Ernstes von ihr erwartet, Vergebung und Erlösung in Form von aktiver Sterbehilfe zu erfahren. Ausgerechnet von ihr.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Jodi Picoult konfrontiert ihre Leser mit einem für die Autorin eher ungewöhnlichen Thema. Aus einer sehr persönlichen Geschichte über Trauer und den Umgang mit Verlust wird urplötzlich und ohne Vorwarnung ein tief angelegter Roman über die Schrecken des Holocausts. Und wer Picoult kennt, der weiß, dass sie Klartext schreibt, wenn sie schreibt. Die Grenzen des Unerträglichen werden greifbar und am Beispiel von Josef Weber schreibt sie sich in die Perspektive eines Nazis, der in Auschwitz alles auf sich geladen hat, was wir uns unter Verbrechen im Genozid vorstellen.

Picoult konfrontiert zwei Menschen miteinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide gezeichnet, beide von Narben lebenslang gezeichnet, nur, dass es bei Josef Weber die eintätowierte Blutgruppe der SS ist. Ihre Geschichten verbinden sich zu einer großen Geschichte. Sie mündet in eine Vergangenheit, die dieser Begegnung alles Zufällige raubt. Jodi Picoult wirft Fragen von Schuld, Verantwortung, Sühne und Vergebung auf und lässt uns tief in die gesellschaftliche Problematik eintauchen, wie man heute mit Nazi-Verbrechen moralisch und juristisch umgeht.

Und letztlich präsentiert sie einen Nazi-Täter, der sich in dieser abolut präzisen Schilderung auch im Roman von Jonathan Littell Die Wohlgesinnten wiederfindet. Den ganz normalen Menschen, der weder Monster noch brutaler Schlächter ist, sondern sich in einem System zu einem blutigen Zahnrad verwandelt, das funktioniert, ohne Empathie zu fühlen. Ein Zahnrad, das ewige Spuren hinterlässt und unheilbare Furchen im Leben der Opfer, ihrer Familien und Nachfahren schlägt.

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

Picoult überrascht mit ihren Wendungen innerhalb der Geschichte. Sie bringt lose Handlungsfäden zusammen und webt aus ihnen einen Wandteppich der Geschichte. Dabei darf es auch nicht überraschen, dass ihre Beschreibungen der Verbrechen in Auschwitz mehr als drastisch sind. Dabei darf es nicht überraschen, dass sie tief in die Psychologie ihrer Protagonisten eintaucht, da nur diese erzählerische Empathie die Plausibilität der Geschichte trägt.

Es ist ein Risiko, einen Roman zu verfassen, der sich im Kern seiner Handlung mit dem Holocaust auseinandersetzt. Viele Schriftsteller, die dies wagen, passen den Schrecken des industriell organisierten Massenmordes an die Belange ihrer Handlung an und lassen ein KZ zur puren Kulisse verkommen. Picoult hat diese Gefahr gemeistert und legt einen Roman vor, der sich intensiv mit der Bewältigung dieses Ur-Schreckens auseinandersetzt und einzelne Schicksale beleuchtet. Sie schlägt eine Brücke bis in unsere Zeit. Und diese Brücke trägt.

„Dann erzähle mir“, sagte er, „was als Nächstes geschieht…“

Dieser Schlüsselsatz aus dem Roman sollte uns eigentlich „Bis ans Ende der Geschichte“ tragen. Man wird ihn so schnell nicht vergessen, weil er für alles steht, was wir in Picoults Geschichte erlesen und erleben. Wo ist ein Anfang und wo ist ein Ende? Kann man mit Schuld leben, kann man mit Verlust leben? Wo sind Grenzen und Gemeinsamkeiten und wie kann man jemals verarbeiten, was nicht zu verarbeiten ist? Picoult beantwortet diese Fragen und schreibt ganz nebenbei und doch nicht nebenbei ein Buch im Buch, das ein Leben gerettet hat, weil es diese Frage aufwarf:

„Was geschieht als Nächstes?“

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Ein Kritikpunkt richtet sich gegen den Klappentext und die Buchbeschreibung auf den offiziellen Verlagsseiten. Im Unterschied zur englischen Originalfassung wird hier etwas vorweggenommen, das der Leser erst kurz vor Ende des Romans erfährt.

Lest bitte das Buch. Lest auf keinen Fall den Klappentext. Er ist in der Lage, einen der wichtigsten psychologischen Wendepunkte des Romans zu spoilern!

(Siehe dazu auch meinen Beitrag und die Diskussion auf AstroLibrium-Facebook)

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