„Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Es ist schwer für mich, über „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Olivier Guez zu schreiben. Es ist schwer, weil ich mich schon sehr lange mit Nazi-Ärzten des Dritten Reichs beschäftige. Mit ihren aberwitzigen Menschenversuchen, der führenden Rolle in der Frage der Euthanasie und den Morden an Menschen, zu deren Heilung sie sich eigentlich verpflichtet hatten. Zu lange schon stelle ich mir die Frage, wie man das mit sich selbst vereinbaren kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken. Schwer, es in Worte zu fassen und doch unerlässlich, sich diesem Thema zu stellen. Aber das ist es nicht allein, was es so schwer macht für mich. Ich kenne eine Überlebende des aus der heutigen Sicht wohl größten „Monsters“ in der Geschichte der Humanmedizin.

Das Verschwinden des Josef Mengele – Die Rezension fürs Radio

Diese Rezension können Sie auch bei Literatur Radio Bayern hören

Eva Mozes Kor – Eine Mengele-Überlebende erzählt

Ich kenne Eva Mozes Kor. Ich hätte gerne auch ihre Schwester Miriam kennengelernt. Ihre Zwillingsschwester, um es deutlich zu sagen. Doch nur Eva hat den Holocaust und die Menschenversuche des Arztes Josef Mengele im Konzentrationslager Auschwitz überlebt. Mir wäre es lieber, wir würden uns fortan mit den Opfern beschäftigen, anstatt unsere Aufmerksamkeit den Tätern zu schenken. Es wäre mir lieb, Sie würden meinen Verlinkungen zu den Artikeln folgen, die ich über die Opfer der Shoa schrieb. Und dann wäre es mir lieb, Sie würden hierher zurückkehren, um mit Olivier Guez zusammen die Perspektive zu wechseln, und sich mit den Innenansichten eines Täters auf der Flucht auseinandersetzen. Machen wir es so? Dann bis gleich. Hier geht es zuerst um Opfer:

Eva Mozes Kor – Eine Begegnung in München

„Ich habe den Todesengel überlebt“ von Eva Mozes Kor
Eva Mozes Kor – Vergebung ist kein Freispruch – Eine Begegnung in München
Wir haben das KZ überlebt“ von Reiner Engelmann – Radioreportage
27. Januar 1945 – Auschwitz ist frei… Aber was nun?

Wieder da? Danke. Nachdem wir nun also wissen, was der Todesengel in Auschwitz seinen Opfern antun durfte, werfen wir einen Blick auf die weitere Geschichte, die sich nach der Befreiung der Konzentrationslager abspielte. Und hier kommt der Ärger hoch, dass man genau diesen Todesarzt des Todeslagers niemals dingfest machen konnte. Josef Mengele entging allen Strafen, allen Täter-Prozessen, jeder Gegenüberstellung, und damit gab es auch niemals die Chance zu erfahren, was er Zwillingen, wie Miriam Kor injiziert hatte. Seine Flucht brachte auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen ums Leben, weil die Ursachen für ihre Erkrankungen unbekannt waren. Hier mordete ein Arzt durch sein Schweigen weiter.

Genau hier setzt Olivier Guez in seinem Tatsachenroman Das Verschwinden des Josef Mengele“, erschienen beim Aufbau Verlag und Der Audio Verlag, an. Und hier ist bereits der erste Punkt dieses brillant erzählten „Flüchtlingsromans“, an dem es mir erstmals schlecht wird.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Der Zöllner kontrolliert sein Gepäck, die akkurat gefaltete Kleidung, verzieht das Gesicht, als er den Inhalt des kleineren Koffers entdeckt: Injektionsspritzen, Hefte mit Notizen und anatomische Zeichnungen, Blutproben und Zellplättchen. Er ist unsinnige Risiken eingegangen, um diesen kompromittierenden Aktenkoffer zu behalten, den kostbaren Ertrag jahrelanger Forschungen, sein ganzes Leben, das er mitgenommen hatte, als er damals überstürzt seine polnische Stelle verlassen musste.“

ER, das ist Josef Mengele, der mit falschem Pass in Argentinien ankommt. Er hat es geschafft. Vom Erdboden verschwunden und im Besitz von Substanzen, die Miriam Kor vielleicht das Leben gerettet hätten. Doch jüdisches Leben zählte nicht für ihn. Hier galt es der Rassentheorie des Dritten Reichs als medizinischer Vollstrecker zur vollsten Entfaltung zu verhelfen. Aus dem ambitionierten Mediziner war schon lange vor seiner Zeit in Auschwitz ein glühender Anhänger Hitlers und dessen Visionen geworden. Was Olivier Guez in seinem Buch beschreibt, ist so unglaublich, als würde man unter einem gut gehüteten Deckmäntelchen einer untergegangenen Diktatur ein braunes Netzwerk enttarnen, das einer Vielzahl von Tätern die Flucht nach Südamerika ermöglichte.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

1949 beginnt die verzweifelte Flucht Josef Mengeles nach Argentinien. Bis dahin war es ihm gelungen, in der Gegend seiner Heimatstadt Günzburg unterzutauchen. Als die Luft für die Täter des NS-Regimes immer dünner wird, verlassen die Ratten auf den Rattenrouten das sinkende Schiff. Guez ist tief in die Netzwerke eingetaucht, legt eine umfassende Recherche der Fluchtwege von Josef Mengele vor und wird dann fiktional, wenn er sich in die Gefühls- und Denkwelten seines Verfolgten hineinversetzt. Wir sind Zeugen und Fluchthelfer zugleich, erkennen die Schlepperorganisation der NSDAP und finden Unterschlupf in südamerikanischen Diktaturen. Man muss sich kaum verbergen dort. Man kann sogar seinen Namen behalten. Ratten verstehen sich blind. Noch dazu, wenn prominente Angehörige des NS-Apparats das Nest bereitet haben.

Es ist der Mix aus südamerikanischer Polititk, NS-Netzwerk, Mitläufern, bezahlten Helfern und einer intakten Täterfamilie, die alles Finanzielle regelt. Geld spielt keine Rolle. Dem Untertauchen folgt nach der Akklimatisierung das Arrangieren mit der neuen Umgebung. Guez verharrt nicht in den frühen Fluchtjahren. Er zieht die Schlinge enger zu und fängt an, mit der internationalen Suche nach den Nazi-Verbrechern, auch Josef Mengele immer mehr in die Enge zu treiben. Simon Wiesenthal, der israelische Mossad und Staatsanwälte der nicht mehr ganz jungen Bundesrepublik wollen Mengele fassen. Nach Eichmann ist er der wohl letzte lebende Massenmörder, der noch auf freiem Fuß ist. Einsicht zeigt er nie. Unrecht scheint ihm zu widerfahren. Mitleid will er. Er, der nicht gewillt war, Menschlichkeit zu zeigen.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Und doch gelingt Olivier Guez in seinem, mit dem Prix Renaudot ausgezeichneten Roman etwas Außerordentliches. Er begibt sich in seiner Täterprofilierung nicht auf ein Niveau der Schadenfreude oder des puren Voyeurismus, wenn er den panischen Josef Mengele schweißgebadet aufwachen lässt. Er vermittelt in seinem Buch keinen Hauch von Genugtuung, dass der Flüchtende der gerechten Strafe nie ganz entgehen konnte. Das Verschwinden des Josef Mengele“ zeigt in der Charakteristik des Täters, wie es passieren kann, dass aus einem Mitläufer ein Massenmörder wird. Das Buch zeigt, wie groß die Verantwortung einer zuschauenden Gesellschaft voller Opportunisten ist, die alles wollten, aber vorgaben, von nichts gewusst zu haben. Guez erweckt beileibe kein Mitleid mit Josef Mengele. Aber er hält uns den Spiegel vor, wie weit ein Mensch gehen kann, wenn man ihm die ideologische Möglichkeit gibt. Im Namen des Volkes. Hier trifft dieses Buch mitten in den Nerv der heutigen Zeit. Alle wollen. Viele hetzten und einige werden es tun.

Ich habe atemlos gelesen, sprachlos gehört und ungläubig nachgedacht. Olivier Guez ist Verfasser eines ausgezeichneten Buchs und eines Meilensteins Gegen das Vergessen. Burghart Klaussner ist der perfekte Sprecher für das beeindruckend und perfekt inszenierte Hörbuch. Ein Tatsachenroman, der gelesen werden sollte, weil er in jeder Beziehung verdeutlicht, wo die Grenze der Menschlichkeit gezogen werden kann, wenn man es nur zulässt. Eva Mozes Kor hat Josef Mengele vergeben. Sie wollte ihm nicht noch mehr Macht über ihr Leben einräumen. Für sie ist Vergebung mit Befreiung gleichzusetzen. Eva ist seit 1945 befreit. Josef Mengele konnte sich niemals befreien. Eine Strafe, die für mich schwerer wiegt, als der schnelle Tod durch einen Henker.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Ärzte im Dritten Reich. Nicht das erste und auch nicht das letzte Buch zu diesem Thema in der kleinen literarischen Sternwarte. Lesen Sie gut und passen Sie auf sich auf.

Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm
Dr. Tod – Die lange Jagd nach SS-Arzt Aribert Heim

Wer verstehen will, wie dieses pervertierte Denken sich Bahn brechen konnte, dem sei Die Tagesodnung“ von Éric Vuillard ans Herz gelegt. Ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt und wie das Buch von Olivier Guez herausragend übersetzt von Nicola Denis. Wenn man das bei einer Übersetzung sagen darf, man spürt ihre Handschrift in beiden Büchern. Kompliment.

Das Verschwinden des Josef Mengele von Olivier Guez

Alle Bücher sind Teil meines Lesens und Schreibens „Gegen das Vergessen“.

„Stoner“ von John Williams – Das Hörbuch

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Ein Held kann nur strahlen, wenn er mächtige Feinde hat. Ebenso verhält es sich in Romanen mit dem Verhältnis zwischen Pro- und Antagonisten. Die Dimensionen, in die ein Hauptcharakter eintritt hängen im Wesentlichen davon ab, auf welchem Level seine Gegenspieler zu agieren wissen. Eigentlich eine literarische Binsenweisheit. Oftmals ist es jedoch so, dass diese Balance zwischen Gut und Böse vernachlässigt wird und man sich dann wundert, warum eine eigentlich gute Geschichte in ihren Ansätzen verpufft.

John Williams kann wohl als Godfather dieses Balanceaktes bezeichnet werden. Zwar hat seine Schaffensphase die Literatur nicht um zahllose Meisterwerke bereichert oder bereits zu Lebzeiten dafür gesorgt, dass er mit Literaturpreisen ausgezeichnet und überschüttet wurde. Und doch gelang es ihm in seinem aus drei Büchern bestehenden Hauptwerk dem Begriff des Antagonisten eine Strahlkraft zu verleihen, die von anderen Autoren nur selten erreicht wird. In „Augustus“ führte er den ganzen römischen Senat und die Feinde Roms ins Feld, um dem ersten Kaiser das Leben so schwer wie irgend möglich zu machen. In „Butcher`s Crossing“ mutieren die Gefährten einer Büffeljagd und die ungezähmte Natur zu den großen Gegenspielern des wahrheitssuchenden Will Andrews.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Zwei Werke, die in meinem Lesen tiefe Spuren hinterlassen haben. Romane, die in mir lange nachwirken und deren Hauptfiguren bahnbrechend waren. Nur ein Buch aus der Feder von John Williams fehlte mir noch. Ein Roman, den ich einfach verpasst oder übersehen hatte. Der Zufall wollte es nun, dass ich „Stoner“ in einer ganz besonderen Dimension erleben durfte. Hörend. Zehn Stunden. Acht CDs. Eine Stimme. Burghart Klaußner, der mehrfach ausgezeichnete Schauspieler, Sänger und Hörbuchsprecher, sollte mich in der ungekürzten Lesung aus dem Hause Der Audio Verlag – DAV in die Welt des Literaturprofessors William Stoner entführen.

Was aber sollte ich von einem Roman erwarten, der erstmals 1965 veröffentlicht, kaum beachtet wurde und anschließend in Vergessenheit geriet, bis er 2006 erneut das Licht der Bücherwelt erblickte. Was sollte ich erwarten von einem Universitätsroman, in dessen Mittelpunkt ein Dozent für englische Literatur steht? Versprach das Spannung? Konnte John Williams hier die Spuren gelegt haben, die er in seinen Folgeromanen so fulminant zur Wirkung entfaltete? Was sollte William Stoner schon großes zustoßen an einer typischen US-Universität? Was sollte mich fesseln, faszinieren, inspirieren? Nicht viel eigentlich, dachte ich mir und doch ließ ich mich von Brughart Klaußners Stimme in eine Geschichte tragen, die ich nie wieder vergessen werde.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Das liegt einfach daran, dass es manchmal keiner römischen Feinde oder wilder Büffelherden bedarf, um Spannung zu erzeugen, Emotionen zu wecken, Abneigung gegen Romanfiguren aus dem Umfeld des Protagonisten zu kultivieren und diese auch noch in blinden Lesehass umschlagen zu lassen. Ja, es sind manchmal die alltäglichen Geschichten, die uns mit voller Wucht treffen. Es sind ganz normale Menschen, die wir in unser Herz schließen und es reicht dabei völlig aus, das einfache Leben von William Stoner durch eine gefühlskalte Ehefrau und einen rachsüchtigen Vorgesetzten aus den Fugen geraten zu lassen. Glaubt mir. Das reicht wirklich völlig aus. Mehr als das.

Wenn dies auch noch von einem Hörbuchsprecher zelebriert wird, der in der Lage ist Sympathie durch Stimmfarbe, Antipathie durch hörbare Kälte und Ignoranz in einer Art und Weise zu transportieren, dass man schon am Tonfall erkennt, welcher Akteur in welcher Situation Öl ins Feuer der Handlung gießt, dann wird das Hören zum Erlebnis. Hier geht die Produktion des Hörbuchs mit der Intensität der Geschichte Hand in Hand. Hier kann man kaum Pausen einlegen, obwohl die Handlung sanft und gemächlich vor sich hin fließt, sich durch die Hirnwindungen des Hörers mäandert und Kontur annimmt. In diesen stillen Fluss des Erzählens bricht dann plötzlich der eigene verzweifelte Ruf in Richtung William Stoner. „Lass das nicht mit dir machen!“ Ein Ruf aus voller Not und aus tiefstem Herzen. Ungehört…

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Leiden Sie doch einfach mit. Folgen Sie William Stoner in ein Leben, in dem es nicht an Überraschungen mangelt. Ein Leben, in dessen Verlauf er zwei Weltkriege aus der geschützten Warte eines Studenten und später des Professors beobachtet. Ein Leben, das er der Literatur verschrieb, obwohl er eigentlich Agrarwirtschaft studieren sollte. Ein Leben voller Bescheidenheit und ohne jegliche Profilneurose. Lernen Sie einen Mann kennen, der liebevoller Ehemann, guter Vater und talentierter Lehrer ist. Und lernen Sie den Mann kennen, der am Ende seines Lebens realisieren muss, dass er gescheitert ist und eigentlich niemals eine Chance hatte, sich selbst zu finden.

Woran das liegt? An den Menschen, die ihn umgaben. An einer Ehefrau, die sich in die größte emotionale Mogelpackung verwandelt, kaum dass sie auch nur den Namen Stoner trägt. Edith Stoner, Quell der Lustlosigkeit und Frigidität, Hort der Launen und egozentrische Zicke sondergleichen, Realitätsignorantin und Made im Speck, eine Frau die ihren Mann im Bett nur erträgt, die gemeinsame Tochter instrumentalisiert und dem eigenen Vater entfremdet. Und wenn gerade keine Schlacht gegen Stoner zu schlagen ist, na dann ist Madame einfach nur unpässlich. (Ich war oft verleitet, sie aus dem Auto zu werfen, wenn Burghart Klaußner ihrem skurrilen Charakter zur Sprache verhalf.)

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Tja, und wenn es unserem gutmütigen Professor gelang, diesem lieblichen Wesen zu entkommen, dann landete er in seiner Universität im desaströsen Orbit von Hollis N. Lomax, seinem Fachbereichsleiter. Missgestaltet und ewig nachtragend muss man ihn beschreiben. Unvergessen, dass Stoner einen der Lieblingsschüler seines Chefs durch die Prüfungen fallen ließ, weil er ein ahnungsloser Blender war, der nur Unruhe stiftete. Dieser Zwischenfall sorgte für ein zwanzigjähriges Martyrium in Stoners Zeit als Dozent und Professor. Rache stand auf dem Lehrplan. Beförderungen ausgeschlossen und zu Stoners Schülern zählten fortan nur noch Erstsemester. Unterforderung ist ein harmlos klingender Begriff für die Existenz Stoners am Rande des Universums der Universität.

Lass das nicht mit dir machen!“ Ich kam aus dem Rufen nicht mehr heraus. Wollte in aller gebotenen Lautstärke warnen und verhindern, dass es so weitergeht. Einzig eine junge Doktorandin kam mir und Stoner zur Hilfe. Katherine Driscoll verliebt sich in ihn. Liebe. Was für ein Wort. Nie gefühlt, nie erwidert von einer Frau. Eine neue Welt, die in aller Wucht Besitz von ihm ergreift, verändert alles. Stoner findet zu sich selbst und im einzig möglichen Moment, sein Leben in neue Bahnen zu lenken stößt er auf Edith und Lomax. Eine geschlossene Schlachtformation, der Stoner nicht viel entgegenzusetzen hat. Ich glaube, ich schreie mir noch jetzt die Lunge aus dem Leib, weil ich nicht hören wollte, was dann geschah.

Stoner von John Williams – Das Hörbuch

Oh John Williams, wie sehr ich William Stoner verehre. Ich habe mich ein wenig in ihm wiedergefunden. In einem Menschen, der so tief gezeichnet ist und sich selbst bis zum Ende treu bleibt. Und wie sehr habe ich die Menschen gehasst, die seinen Weg zu einem Kreuzweg machten. Überbordende Emotionen habe ich hörend ganz selten auf meinem Weg durch die Literatur erlebt. Wer erfahren möchte, warum ich das Ende der Geschichte immer noch nicht ganz verkraftet habe, der mag selbst hören, warum. Und wer nicht hören will, der kann lesen. „Stoner“ von John Williams ist es wert, seine Zeit mit ihm zu verbringen.

Wer noch mehr über John Williams wissen möchte, wer erfahren möchte, was ihn aus Sicht der Frau ausmacht, die ihn für den deutschen Buchmarkt entdeckt hat, und wen es interessiert, welche gemeinsamen Spuren sich durch seine Bücher ziehen, der kann sich ganz ruhig zurücklehnen und ebenfalls zuhören. Mein Interview mit Patricia Reimann, der Cheflektorin der dtv Verlagsgesellschaft, beantwortet all Ihre Fragen zu einem Schriftsteller, der niemals erfahren sollte, welche außerordentlichen Wege seine Romane nach seinem Tod im Jahre 1994 genommen haben. Hören Sie gut….

Und last but not least sein Debüt „Nichts als die Nacht– Der Kreis ist geschlossen.

Aus dem Nähkästchen der dtv-Cheflektorin: Patricia Reimann über John Williams

Die Höredition der Weltliteratur – Der Hörverlag

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Habt Ihr mal ganz schnell 54 Stunden Zeit für mich? Oder um ganz genau zu sein, 54 Stunden und 21 Minuten. Wir haben in diesem Jahr schon so viel Zeit miteinander verbracht, dass es nun auf diese etwas mehr als zwei Tage mehr oder weniger doch sicher nicht ankommt. Bringt einfach euer ganzes literarisches Gefühl mit und folgt mir in die Hörbuchlounge der kleinen literarischen Sternwarte.

Ich habe viele Kuschelkissen und Decken besorgt, der Kamin knistert ganz leise vor sich hin, es duftet nach Tee und Orangen und ich habe ein paar ganz besondere Gäste eingeladen. Jane Austen hat eben erst zugesagt, und dies auch nur, weil sie sich sehr darauf freut, ein paar gemütliche Stunden mit Leo Tolstoi, Oskar Wilde, Edgar Allan Poe, Hans Christian Andersen und Gustave Flaubert zu verbringen. Naja, und um die literarische Katze endgültig aus dem Sack zu lassen, werden auch Mark Twain und Charles Dickens da sein. Aber das versteht sich von selbst.

An der Garderobe wird euch auffallen, dass ihr dort Jacken und Mäntel seht, die aus der Mode gekommen sind. Fast so, als wären sie aus der Zeit gefallen. So wie der ein oder andere Gehstock mit Silberknauf, oder Regenschirme, die ein wenig altertümlich wirken. Stört Euch bitte nicht daran. Ihre Besitzer hängen sehr daran und Franz Kafka würde sich sehr freuen, seine Melone für den langen Heimweg genau dort wieder zu finden, wo er sie abgelegt hat. Also bitte… Achtet ein wenig auf die Sachen. Goethe ist da auch ein wenig eigen. Verständlich, oder? Die Lodenjacke ist schon sehr betagt.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Was die Herrschaften bei mir suchen? Nun, eigentlich ganz einfach. Sie gehören zu den Unsterblichen in der langen Geschichte der Weltliteratur und wenn sie auch schon vor langer Zeit die Schreibfeder aus der Hand gelegt haben, so leben ihre Erzählungen, Romane und Essays doch ewig weiter. Sie haben die Lücke zwischen der mündlichen Überlieferung und dem gedruckten Buch geschlossen. Ihre Geschichten sind zum Teil unserer eigenen Geschichte geworden und heute schließen wir gemeinsam eine Lücke und setzen die Erzähltradition einfach fort.

Der Hörverlag hat die ganz großen Autoren im wundervollen Geschenkschuber Die Höredition der Weltliteratur versammelt, ihnen auf 10 CDs einen ganz eigenen und unverfälschten Erzählraum gestaltet und wieder eine Stimme von zeitloser Dynamik verliehen. Mehr als 54 Stunden lang können wir ihnen mehr als andächtig  lauschen, dem Zauber ihrer Geschichten folgen und dabei in aller Gemütlichkeit davon träumen, sie säßen mitten unter uns und wir könnten mit ihnen gemeinsam über Gott und die Welt der Literatur plaudern.

Klassiker sind auf dem Vormarsch. Die Wegbereiter der Moderne, die Fährtensucher in und zwischen den Zeilen, an deren Größe man sich heute noch messen darf, haben niemals an Aktualität und Relevanz eingebüßt. Sie tauchen in Büchern über Bücher auf, beflügeln unser Lesen und gehören gerade in der heutigen Zeit zu den oftmals neu entdeckten und unverzichtbaren Schätzen unseres Lesens.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Wenn sie dann, so wie in dieser Edition, ihre ganze Strahlkraft entfalten können, dann liegt dies zum einen natürlich an der Qualität des Inhalts, an der Tragfähigkeit und zeitlosen Relevanz der Botschaften sowie der Brillanz der Inspiration, aber auch an der sprachlichen Wucht der Stimmen, die uns hier als Erzähler durch die wundervollen Titel begleiten. Das „Who is Who“ der großen Charakterstimmen gibt sich in dieser Edition ein Stelldichein und ein Hans Korte übergibt seinen Staffelstab, den er von Brigitte Horney empfangen hat an den großen Burghart Klaußner.

Der unvergessene Kabarettist Dieter Hildebrandt bringt uns Fjodor Dostojewskis „Das Krokodil“ ins Kaminzimmer, während Bernhard Minetti mit Franz Kafkas „Die Verwandlung“ zu verzaubern weiß. Wenn Laura Maire und Susanne Schroeder in unnachahmlicher Weise zweistimmig Jane Austens „Drei Schwestern“ interpretieren, dann versteht man mehr als gut, welche Kriterien für die Wahl des besten Ehemannes ins Feld geführt werden müssen, um bloß keinen Fehler zu machen. Und natürlich, um auf keinen Fall zu riskieren, dass die eigene Schwester die bessere Partie macht.

Und während einige der selbst zur Legende gewordenen Sprecher noch sehr fidel unter uns weilen, sind einige Stimmen leider bereits verstummt. Unsterblich macht eine solche Hörbuch-Edition und unsterblich sind die Erinnerungen an alle Stimmen, die uns durch unsere Kindheit begleitet haben. Dem grandiosen Hans Paetsch zu lauschen, wenn er die „Kreutzersonate“ von Leo Tolstoi liest ist ein auditives Erlebnis für sich. Daran zu denken, wie sehr er meine eigene Jugend als der unverwechselbare Erzähler der grandiosen Hörspielreihe „Hui Buh, Das Schlossgespenst“ bereichert hat, gleicht einer emotionalen Zeitreise. Eine dichte Atmosphäre vielschichtiger Emotionen geht mit dem atemlosen Hören einher.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Wenn uns dann auch noch der mehrfach ausgezeichnete Sprecher und Darsteller Burghardt Klaußner mit seiner Stimme fesselt, uns in längst vergangene Zeit entführt und Charles Dickens auferstehen lässt, der uns dann fast schon von Ohr zu Ohr eine seiner schönsten Geschichten erzählt, dann sind wir sehr andächtig und fast schon ein wenig sentimental. „Der Weihnachtsabend“ gehört in diese Zeit. Ebenezer Scrooge ist Teil unseres kollektiven Empfindens, wenn wir an Geiz und Läuterung denken. Einen Heiligen Abend ohne das Bilderbuch „A Christmas Carol“ kann ich mir kaum denken.

So wird jeder Literaturliebhaber seinen Schatz finden. Unglaublich vielschichtig und gediegen ist diese Kollektion, die über alle Genres und Stilrichtungen hinweg den Kreis vom Märchen bis zur zeitlos wertvollen Erzählung schließt. Nichts zum alleine Hören. Nichts zum ganz alleine unter Kopfhörern Lauschen. Ein Hörgenuss der ganz familiären Art. Er verleitet dazu, die Klassiker von einst neu zu entdecken, Biografien zu lesen und sich intensiv mit den Epochen zu beschäftigen, in denen diese Geschichten entstanden. Das umfangreiche Begleit-Booklet eignet sich hierbei perfekt für den Einstieg.

Die Höredition der Weltliteratur“ verleitet aber auch zum reinen Entspannen. Als sei die Entschleunigung das Ziel der Sammlung, versinkt man im Hörersessel, folgt der Handlung und den Stimmen der jeweiligen Erzähler und stellt dann überrascht fest, wie schnell zwei Stunden vergehen, wie gediegen doch Genuss sein kann und wie intensiv man einer komplexen Handlung zu folgen vermag, wenn sie derart atmosphärisch und brillant vorgetragen wird.

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur

Jetzt habe ich aber lange genug geschrieben, worum es hier geht. Die Herrschaften haben im Hörbuchzimmer Platz genommen und freuen sich darauf, endlich loslegen zu dürfen. Und ich finde, dass sie lange genug auf uns gewartet haben. Es erwartet euch die gesamte Bandbreite der Weltliteratur, das ist auf der Schmuckschatulle nicht nur so daher gesagt. Lust, Leidenschaft, Liebe, Hass, Neid, Gier, Obsession, Gewalt, Leid und Verführung. Nichts wird ausgelassen. Kein Thema wird ausgeklammert. Euch erwarten ein paar Tage gediegener Atmosphäre und Gefühlschaos ohne Ende.

Bei dieser Höredition der Weltliteratur ist es die brillante Mischung, die den Reiz ausmacht. Geschichten, die nie miteinander in Verbindung standen treten hier in einem Ensemble auf, das zu unterhalten weiß und dem man oftmals nicht zutrauen würde, aus der Schatzkiste der großen Klassiker zu stammen. Und spätestens wenn Euch Arthur Schnitzlers „Casanovas Rückkehr“ zu Ohren kommt, werdet ihr zu schätzen wissen, was Euch hier geboten wird. Das ist großes Kino für die Ohren.

Das ist mehr als nur eine schöne Verpackung im edlen Schuber. Hier hat man auf die richtigen Inhalte gesetzt und sie perfekt in Szene gesetzt. Nehmt Platz, gönnt Euch diese Auszeit und genießt eine zeitlos relevante Zeitreise in vergangene Epochen. Ihr werdet lachen, weinen, grübeln, hassen und verstehen. Und „Daisy Miller“ von Henry James, gelesen von Gert Westphal (den man noch heute noch als König der Vorleser bezeichnet) läutet schon jetzt einen meiner literarischen Schwerpunkte des nächsten Jahres ein: Henry James, dessen Todestag sich 2016 zum einhundertsten Male jährt.

Ich bin jetzt wieder ganz Ohr. Seid Ihr dabei? Pst… Es geht los…

Die Höredition der Weltliteratur

Die Höredition der Weltliteratur