„Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Es wäre lustig, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Timur Vermes hat ein feines Händchen, wenn es gilt den Finger tief in die Wunden der breiten öffentlichen Meinung zu legen. Er hat mit „Er ist wieder da“ bewiesen, dass seine Utopie eines untoten und wieder auferstandenen Führers Adolf Hitler (so skurril die Ausgangssituation auch ist) geeignet war, dem Publikum einen literarischen Brocken zum Fraß vorzuwerfen an dem es schwer zu knabbern hatte. Sein Roman war Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft. Er polarisierte und regte zu lautstarken Diskussionen an. Und spätestens mit dem Film zum Buch explodierte das Pulverfass unter dem Schriftsteller, weil man es gewagt hat, die Filmadaption um spontane Realbilder zu erweitern, die beim Dreh entstanden sind.

Ein umjubelter (verkleideter) Führer, dem man gerne vor laufender Kamera sagte, es sei mal wieder an der Zeit, dass jemand richtig aufräumt in diesem unserem Land. Sehr schwer verdauliche Kost, die er uns da vorsetzte. Gut nur, dass man sich immer wieder einreden konnte, dass es sich hier um eine satirisch überhöhte Gesellschaftsutopie mit Format handelte. Gedankenspiele, sonst nichts. Die Aufregung legte sich schnell. Aber vergessen haben wir diesen Spiegel nicht, den er vielen Menschen vor Augen gehalten hat. Dafür war das Zerrbild, das wir dort erkannten zu brutal und beängstigend. Als mir nun sein neuer Roman den Weg versperrte, war mir klar, dass ich keine Schonkost zu erwarten hatte. Dass mich dieses Buch noch mehr aufwühlen sollte, als die Parodie auf das braune Schreckgespenst, das konnte ich mir nicht vorstellen. Irrtum…

Timur Vermes bei AstroLibrium

Die Hungrigen und die Satten“ – Timur Vermes – Eichborn Verlag

Unschuldig kommt es daher, das harmlos scheinende Buch mit weißer Weste. In Wahrheit jedoch ist es ein ebensolcher Wolf im Schafspelz, wie sein Vorgänger. Schon der Klappentext lässt mich nervös aufhorchen. Ein Flüchtlings-Roman aus seiner Feder und nicht nur das. Auf dem Siedepunkt der Ankerzentren- und Abschiebediskussion, zu einem Zeitpunkt der Definition von Obergrenzen und dem mehrmaligen Fast-Scheitern der Regierung an dieser Thematik, im Augenblick des Grenzschließungshypes und der steigenden Hysterie angesichts der drohenden Überfremdung, genau jetzt, dieses Buch von Timur Vermes. Das kann nicht gut gehen. Gar nicht gut.

Besonders dann nicht, wenn Timur Vermes sich erneut an einer Utopie versucht, die gar nicht so utopisch ist, wenn man sich die Grundidee seines neuen Romans ganz langsam durch den Kopf gehen lässt. Wir befinden uns im „Nach-Merkel-Deutschland“, und noch immer mittendrin in der lebhaften Diskussion, wie man der Flüchtlingskrise zu begegnen hat. Nun gut, die Grenzen sind inzwischen fast geschlossen, Europa hat sich hermetisch abgeriegelt und die ehemals so beliebten Flüchtlingsrouten sind weitgehend verwaist. Es ist kein Reinkommen mehr und so entstehen zwangsläufig riesige Lager in Afrika, in denen hunderttausende von Flüchtlingen nun schon seit Jahren leben. Dieses Szenario beschreibt Timur Vermes so plausibel, dass selbst der gewiefteste Soziologe nichts an der Logik auszusetzen hätte, der er nun in seinem Buch Raum verschafft.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Wenn also die Flüchtlinge jenseits der Sahara festsitzen, wenn die Schlepper nicht mehr an ihnen verdienen können, wenn sich Europa in Sicherheit wähnt und die Politik mit wichtigeren Themen beschäftigt wird, dann ist der Zeitpunkt gekommen, diesen ach so beschaulichen Frieden mit einer Zündschnur zu versehen und einer wahren Heldin des Alltags das Feuerzeug in die Hand zu geben, um die Lunte anzuzünden. Hier greift Timur Vermes auf die Realität zurück und führt uns vor Augen, welche Macht Bilder auf uns ausüben können. Und wo es was zu verdienen gibt, da ist das Privatfernsehen mit seinen intellektuellen Zuschauern nicht weit. Was also, wenn die Moderatorin einer TV-Sendung nach dem Muster „Helfer mit Herz“ ein solches Lager besuchen würde? Nicht nur so, sondern für eine Reportage, eine kleine Doku-Soap vor Ort, um die Schicksale der Flüchtlinge zuhause auf den Bildschirm zu bringen? Auftritt Nadeche Hackenbusch.

Eine charismatische Moderatorin, die Timur Vermes als Hybrid aus Vera Int-Feen, Margarete Schreinemakers und Désirée Nosbusch in unser Lesen schreibt. Was also, wenn der dunkle Kontinent mit einer solchen TV-Rampensau mit missionarischem Eifer konfrontiert wird? Was, wenn die Einschaltquoten ins absolut Utopische steigen? Was, wenn die Moderatorin dort auf einen attraktiven afrikanischen Flüchtling trifft, der die Chance beim Schopf (und Nadeche gleich mit dazu) packt, um endlich abhauen zu können? Was, wenn diese Liaison zwischen dem „Engel in Elend“ und dem Flüchtling das mediale Interesse ins Unermessliche steigen lässt? Und was, wenn genau dieser Flüchtling nur noch eine Chance für sich sieht, Europa zu erreichen? Der gemeinsame Marsch der Hunderttausende setzt sich in Bewegung. Real und live im Fernsehen.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes spielt brillant mit allen sozial-politischen Automatismen, die uns in diesem Moment einfallen. Er wechselt seine Perspektiven und beleuchtet alle Seiten mit unbestechlicher Scharfsichtigkeit. Die Politik, die verleugnet, ignoriert, aussitzt und viel zu spät bemerkt, was da auf sie zurollt. Die Fernsehmacher, die zuerst nur Quoten und Euros sehen, und dann nicht mehr in der Lage sind, die Reißleine zu ziehen. Das Volk, das einerseits süchtig am Fernseher klebt und echtes Mitleid empfindet, um dann im nächsten Moment mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ auf die Straße zu ziehen. Presse und Kolumnisten flankieren das Geschehen. Und dies alles, während der Marsch sehr gut organisiert auf dem Landweg Richtung Europa zieht.

Mittendrin die Moderatorin und ihr Geliebter. Mittendrin und nicht unreflektiert. Eine Entwicklungsgeschichte, die in Entwicklungsländern beginnt und ein Szenario skizziert, das nicht weit hergeholt scheint, weil man niemanden mehr von weit herholt. Man liest, lacht, schaudert, liest wieder, schüttelt ungläubig den Kopf und gelangt wieder an eine Stelle, die so unglaublich plausibel scheint, dass es fernab jeder Utopie zu sein scheint, was sich hier abspielt. Timur Vermes spielt mit unseren Vorurteilen, mit Ressentiments und Vorbehalten. Er hält uns erneut den Spiegel vor, den wir gerne beschlagen lassen würden, um das Bild nicht zu deutlich zu sehen. Er legt uns Daumenschrauben an und zieht sie von Seite zu Seite enger. Wir wollen schreien. Wir wollen lachen. Und doch ist da im Herzen der Geschichte so viel Wahres, dass wir am liebsten kotzen würden, weil wir schon so nah an der Realität der Verdrängung sind.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

„Die Hungrigen und die Satten“ ist für die Satten geschrieben. Unter dem schönen Schein unserer Wohlfahrtsgesellschaft sind es die reinen Egoismen, die dieser Roman auf dem Korn hat. Ob wir schon zu satt sind, um die Message zu verstehen? Ob wir in vielen Situationen selbst erkennen, zu was die Abschottung eines Kontinents führt? Ob wir uns selbst dabei ertappen, dass wir uns Angst vor Überfremdung und Islamisierung einreden lassen, während wir gleichzeitig vor dem Fernseher sitzen und Mitleid mit den Menschen empfinden, die schön weit weg von uns ihr Schicksal ertragen? Sind wir zu bequem geworden? Ist unser Ruf #wirsindmehr noch zeitgemäß? All diese Fragen wirft Timur Vermes auf, als würde er uns mit dem Müll unserer Ausflüchte ersticken wollen.

Eine bitterböse Satire, bei der jeder Lacher im Hals des Lesers krepiert. Utopisch vielleicht, aber längst nicht so utopisch, wie ein lebendiger Reichsführer. Ein Bild einer Zukunft, an der wir heute gestalten und die wir heute mitbestimmen können. Dabei ist Timur Vermes unglaublich scharfsichtig und voller Fantasie. Wenn er in Anbetracht des Romans allerdings gerade die Politik beobachtet, dann muss er sich eingestehen, dass der Staatsekretär, den er im Innenministerium erfunden hat, von der Realität gerade in Sachen Kreativität überholt wird. Heute schreibt gerade die Politik die beste Realsatire. Aber Timur Vermes ist ihr dicht auf den Fersen.

Lesen… unbedingt…

Auch Heike von Irve liest schließt sich dieser Bewertung an. Da dampft es

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Nicht immer Utopie, keinesfalls Satire, immer lesenswert. Bücher statt Mauern!

Bücher statt Mauern bei AstroLibrium

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AtrolibriumIch hatte einen Blog in Afrika - Eine Artikelserie

Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie

Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Was macht aus einem Text ein absolut zeitlos relevantes Werk? Wodurch werden die Worte eines Schriftstellers zu einem Meilenstein der Literatur? Einerseits ist es die Relevanz eines Themas, andererseits ist es die Universalität der erzählten Geschichte, die aus einem Buch viel mehr als nur ein Buch machen.

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Sie möchten diese Rezension hören? Hier geht`s lang – Die Rezension fürs Ohr

Und nicht zuletzt ist es das Gefühl des Lesers, etwas Einzigartiges vor Augen zu haben, etwas so Besonderes, dass man sich noch Jahre später an die Protagonisten, den situativen Kontext und die Handlungsfäden erinnern kann. Dies verleiht einem Text den Status eines Lebensbuches. All dies stellt sich in meinem Lesen oder Hören nicht sonderlich oft ein. Wenn es jedoch passiert, dann ist es als hätte man eine Goldader im Bergwerk der Literatur entdeckt.

Ich mag genau deshalb aus gutem Grunde schon jetzt betonen, dass ich „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ des österreichischen Autors Michael Köhlmeier für einen der wichtigsten deutschsprachigen Texte der letzten Jahre halte und ich werde auch erklären, warum dies für mich so ist. Ich möchte euch gerne mitnehmen in eine Geschichte, die märchen- und meisterhaft erzählt, zeitlos konstruiert und in einem polyglotten Erzählraum beheimatet ist. Und das, obwohl genau das Mädchen, von dem die Geschichte handelt alles hat, nur keine Heimat.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Hanser Literaturverlag

Ohne jegliche zeitliche Einordnung, ohne örtliche Präzisierung treffen wir ohne große Einleitung oder erklärende prologisierende Umwege auf ein Mädchen, das von einem „Onkel“ in einer Stadt, vor einem Laden, ausgesetzt wird. Hungrig, ausgezehrt, allein, aber gut instruiert, was sie tun soll, um von einem gewissen Bogdan etwas zu essen zu bekommen.

„Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe. Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand.“

Sechs Jahre ist sie alt, augenscheinlich fremd im Land und ganz sicher heimatlos. Erst später erfahren wir ihren Namen. Yiza, sagt sie, weil man sie so genannt hat. Sie versteht weder die Sprache der Menschen in der Stadt, noch kennt sie sich dort aus. Und als der „Onkel“ sie abends nicht mehr am Treffpunkt abholt ist Yiza auf sich selbst gestellt.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier beginnt die Odyssee eines kleinen hilflosen Mädchens, dem wir auf seinen Wegen und bei seiner Suche nach etwas zu essen folgen. Wir klettern mit Yiza in einen Container, ernähren uns von Abfall, landen mit ihr in einem Heim für heimatlose Kinder und treffen an ihrer Seite auf zwei Jungen, die das gleiche Schicksal teilen. Heimatlos und auf der Flucht. Hier verbinden sich ihre Wege. Gemeinsam fliehen sie aus dem Heim. Vor den unangenehmen unverständlichen Fragen der Beamten und letztlich auch aus Angst noch mehr zu verlieren. Abschiebung. Diese Drohung schwebt über ihnen.

Yiza, Schamhan und Arian sprechen unterschiedliche Sprachen, aber sie folgen einem einfachen Plan. Raus in die Welt. Ihren Instinkten folgen und vielleicht ein Haus finden, dessen Bewohner es gerade erst verlassen haben. Ein warmes Haus mit vollem Kühlschrank, mit Fernsehen und richtigen Betten. Einen sicheren und verborgenen Ort, an dem sie für sich selbst sorgen. Nur einen Fingerhut nimmt Yiza mit aus dem Heim. Sie trägt ihn auf dem verletzten Daumen, wie ein Schutzschild gegen alles Unheil der Welt.

Sie ist „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. Sie ist das kleine Mädchen, das fortan mit seinen beiden Freunden durch die unwirtliche Natur flüchtet, um endlich einen Ort zu finden, an dem sie sicherer sind. Eine Illusion. Denn überall, wo Essen zu vermuten ist, wo Heizungen das Innere von Wohnungen mit Wärme erfüllen, überall da stoßen sie an Zäune – Grenzen – Mauern. Sie bleiben Flüchtende am Rande der Gesellschaft.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier muss man sich auf die Sprache von Michael Köhlmeier einlassen. Hier muss man sich ihm anvertrauen, so wie sich Yiza den größeren Jungs anvertraut. Hier muss man sich treiben lassen, denn Köhlmeier erklärt nicht, beschreibt nicht in stilvollendeter Prosa. Er begibt sich sprachlich auf die Ebene des reduzierten Erzählens. Er blendet Gefühle aus. Er wird zum Kriegsberichterstatter einer gemeinsamen Flucht.

Das Wunder, das er hierdurch beim Leser bewirkt, ist in seiner Tragweite enorm. Die Auslassung aller Emotionen und die neutral observierende, passive Begleitung der Kinder lösen im Leser aus, was den Kindern nicht widerfährt. Wir öffnen unsere Türen, lassen die Zäune und Mauern fallen und beobachten unseren Wohlstand aus der Sicht hungriger und ängstlicher Kinder auf der Flucht.

Hier graben sich die Worte und Sätze von Michael Köhlmeier in unser Bewusstes und Unterbewusstes ein. Hier setzt er Anker und die Widerhaken seiner Geschichte sind von erstaunlichem Ausmaß. Alles, was er nicht unmittelbar beschreibt, ruft er in uns wach. Beschützerinstinkt, Scham, Angst, Hass und Mitgefühl. Die Sprachlosigkeit und die hermetische Abschottung der Umwelt werden zu unseren Trutzburgen. Genau hier verstecken wir uns und wehe, wenn wir unser Türen wirklich öffnen. Wehe, denn so wird Rettung zum Selbstzweck und Integration führt zur Selbstaufgabe der Geretteten.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Der Hörverlag

Michael Köhlmeier hat mit „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ nicht nur einen Text zur aktuellen Flüchtlingssituation geschrieben. Er schrieb mehr. Wenn man dieses Buch vor bereits 10, 20 oder 30 Jahren hätte lesen können, es hätte tausend Bezüge für Ausgrenzung oder Heimatlosigkeit gegeben, die sich hier widerspiegeln. Würde man dieses Buch heute 20 Menschen aus 20 Ländern dieser Welt zu lesen geben, sie alle würden aktuelle Ereignisse mit diesem Text verknüpfen.

Und wenn man diese Geschichte in 20 Jahren liest, wird sie ebenso zeitlos sein. Sie wird nicht von der Balkanroute erzählen, sie wird nicht vergangen sein, sie beschreibt keine syrischen Flüchtlinge, sie wird erneut davon erzählen, was den Menschen in der Zukunft vor Augen liegt. Diese Zeitlosigkeit, dieses Polyglotte im Setting machen diesen Roman, der eigentlich keiner ist, zu einem weltbewegenden Text.

Yiza ist überall. Jedes Kind hat seine Verletzung und überall auf der Welt ist es nur ein Fingerhut, der das ganze Leben beschützt. Ein Minimum. Die Sprache von Köhlmeier wird seiner Idee gerecht. Es ist keine intellektuelle Parabel, die schwer zu greifen ist. Hier packt er selbst beherzt zu und zwischen jeder Zeile strahlt der Ruf „die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Buch heraus.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Wer gelesen hat, der möge dazu noch hören. Wer nicht gelesen hat, der kann dem Autor selbst lauschen, denn er vermag, was in diesem Falle keinem Hörbuchsprecher gelingen würde. Er nimmt in der ungekürzten Hörbuchfassung  von „Das Mädchen mit dem Fingerhutseinen selbst verfassten Rhythmus auf und führt uns unverfälscht und mit sonorer Stimme durch die Welt Yizas. Ich versank in seiner Stimme. Sie trägt seine Geschichte. Sie ist das I-Tüpfelchen auf einem Werk, das einfach gelesen und gehört werden muss.

Als ich dann das Buch erneut las, lag mir Köhlmeiers Stimme im Ohr. Das war mir wichtig. Er überträgt seine individuelle Geschwindigkeit auf mich. Er lässt mich spüren, wie er schrieb und er hinterlässt dabei ein bleibendes Zeugnis seiner Interpretation des eigenen Textes. Hier ist das Hörbuch eine Erfahrung mit ganz eigener Dimension. Es verleiht Yiza aus einer gefühllosen Perspektive alle Persönlichkeit dieser Welt.

Ich kann nur Buch und Hörbuch empfehlen. Ich kann beides ans Herz legen und dazu raten, sich dieses literarische Ereignis nicht entgehen zu lassen. Köhlmeier verändert seine Leser und Zuhörer. Und das in aller  Nachhaltigkeit. Ich wette darauf, dass dieses Buch noch in vielen Jahren vor unterschiedlichen aktuellen Hintergründen gelesen, gehört, geliebt, diskutiert und gehasst wird. Weil es uns der Mauern beraubt, uns Ausreden nimmt und Gefühle sät, wo nur Neid und Hass gedeihen sollten. Yiza….

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Ein besonderer Fund macht mich nachdenklich… Es ist, als würde das Gemälde den Kreis der Geschichte schließen… Meine Gedanken dazu… siehe hier

Das Mädchen mit dem Fingerhut.... Das Originalgemälde

Das Mädchen mit dem Fingerhut…. Das Originalgemälde

Neu bei AstroLibrium: Die Bücher, die mich beim Lesen von „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erneut berührt haben, und die auf die unterschiedlichste Art und Weise mit diesem Werk verbunden sind.

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"Das Mädchen mit dem Fingerhut" - Die Bücherkette auf AstroLibrium

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ – Die Bücherkette auf AstroLibrium

Die Insel von Armin Greder – Ein Buch, das Leben retten kann

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

„Am Morgen fanden die Inselbewohner einen Mann am Strand,
da wo Meeresströmung und Schicksal
sein Floß hingeführt hatten.
Er stand auf,
als er sie kommen sah.

Er war nicht wie sie.“

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Diesen gestrandeten Mann, der vom Schicksal an den Strand „unserer Insel“ gespült wurde, sehen wir gerade tausendfach in allen Medien. Er ist alles: Kind, Bruder, Frau, Mann, Schwester, Greis und Baby. Aber vor allem ist er eines: Mensch. Unbewaffnet, nackt, abgemagert und fern seiner Heimat. Und sofort fühlt er sich wie ein Fremder, wie eine Gefahr auf der rettenden Insel. Diese Erkenntnis reift schnell.

Er war nicht wie sie.

Als ich das Bilderbuch „Die Insel“ von Armin Greder aufschlug, durchzuckten mich viele Gedanken. Ich fühlte sofort, dass mir die Geschichte dieses Mannes einen Spiegel vor Augen halten würde, der tagesaktueller und brisanter nicht sein kann. Ich spürte, wie sich das Schicksal aller Flüchtlinge dieser Welt zu einer abstrahierten Geschichte eines Einzelnen verdichtete, die das Geschehen der letzten Wochen derart eindringlich und emotionslos beleuchtet, dass ich mir immer wieder vorstellte, wenn es dieses Buch nicht gäbe, es müsste erfunden werden.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder - AstroLibrium

Die Insel von Armin Greder – AstroLibrium

Wenn nur ein einziges Buch über Flüchtlinge jemals punktgenau im Bewusstsein des Lesers landete, dann dieses. Wenn ein Buch über das Schicksal eines Menschen in Not je den Kern der Realität abzubilden vermag, dann dieses. Wenn ein Buch über die glückliche Ankunft auf einer rettenden Insel jemals den Anspruch erheben darf, allen Flüchtlingen dieser Welt gerecht zu werden, dann dieses. Wenn es einem Buch gelingt, die soziologischen Automatismen von Vorurteilen und Fremdenfeindlichkeit so greifbar zu veranschaulichen, dass man sie beim Lesen aktueller Schlagzeilen immer vor Augen hat, dann diesem.

Er war nicht wie sie.

Dieses Anderssein reicht den Bewohnern der Insel aus. Es ist völlig ausreichend, sich hinter einer pauschalen Aussage und den gewachsenen Vorurteilen zu verstecken, um kollektive Ablehnungshaltungen zu erzeugen. Und doch gibt es in einer solchen verschworenen und geschlossenen Gemeinschaft immer wieder diese Gutmenschen, die an die Menschlichkeit ihrer Mitbewohner appellieren. Die versuchen, die Meinung zu ändern, Vorurteile abzubauen und dabei selbst riskieren, Kopf und Kragen zu verlieren.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Diese Gutmenschen sehen wir auch heute in allen Nachrichten. Sie sind es, die ebenso heftig beschimpft werden, wie die Flüchtlinge selbst. Sie sind es, die ebenso mit Vorurteilen konfrontiert werden, wie die hilflosen Menschen, die einfach nur Schutz und Essen suchen. Diesen Gutmenschen mag es gelingen, die Geschichte für einen kurzen Moment anzuhalten, ihr ein anderes Gesicht zu verleihen, eine Gemeinschaft davon zu überzeugen, einem notleidenden Menschen eine reale Chance zu geben. Doch letztlich haben sie immer das Gefühl, ebenso allein zu stehen, wie der Flüchtling für den sie sich einsetzen. Denn während der Gutmensch fast alles in die Waagschale wirft, um seine Menschlichkeit zu beweisen, werden im Hintergrund die Messer gewetzt.

Er war nicht wie sie.

Daran ändert der Gutmensch gar nichts. Integration und gemeinsame Wege müssen gewollt sein. Sie lassen sich nicht von humanistisch geprägten Minderheiten erzwingen. Im Hintergrund rasseln die Säbel, kursieren die üblen Gerüchte und werden die Bilder verbreitet, für die es zwar keinen Beleg gibt, aber Mobbing gegen Fremde ist so leicht. Und man steht so gut da in der tumben Masse.

Er war nicht wie sie.

Denn letztlich reichen die Vorurteile und der Querschnitt aller Ablehnungen, um zu zeigen, wie die ach so sozial geprägte Gemeinschaft denkt, wie sie sich Fremdkörpern gegenüber positioniert und warum sie sich hinter der Angst versteckt, selbst etwas zu verlieren, wenn man einem anderen hilft. Der Gutmensch und der Flüchtling haben fast keine Chance gegen das dauerhafte Geschrei der Masse. „Ich habe nichts gegen ihn, aber…“ und „Da wo der herkommt sind doch alle kriminell…“ – Sätze, die nichts aussagen. Sätze, die unschuldig klingen, wie „Man wird doch noch sagen dürfen…“

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Aber es sind Sätze, die jene Gewaltbereiten aufmuntern, tätig zu werden, weil sie sich schließlich im Konsens mit der Masse wähnen. Bilder, die uns heute nur zu bekannt vorkommen. Dieses Buch über eine Insel ist so zeitlos, wie man es sich nur wünschen darf. Es zeigt uns deutlich, auf welcher Seite wir nicht stehen wollen, aber auch, wie schwer es ist, sich zu erheben und zu den Anständigen zu gehören. „Die Insel“ ist ein episches Mahnmal für alle Flüchtlinge in der Geschichte der Menschheit, weil Flüchtlingsschicksale niemals anders aussahen. Nie waren sie willkommen, immer bestand die Gefahr, dass es ihnen besser gehen könnte als den Menschen, die ihnen Schutz gewähren.

Und wenn kein Gerücht mehr half, wenn alle Vorurteile versiegten, dann blieb immer noch das ewig währende “Er war anders als sie“.

Die Insel“ von Armin Greder wurde bereits im Jahre 2002 erstmals veröffentlicht. Der Sauerländer Verlag kommt mit dieser Publikation zum einzig richtigen Zeitpunkt auf den Markt, denn dieses Buch kann dabei helfen, dass die Mauern auf der Insel nicht zu hoch in den Himmel wachsen. Es kann dabei helfen, dass sie überwindbar bleiben und die wenigen Aufrechten Mittel finden, gegen die Automatismen der blinden Ablehnung eigene Automatismen der Menschlichkeit zu entwickeln.

Er war nicht wie sie.

Die Insel von Armin Greder

Die Insel von Armin Greder

Das sollte der beste Grund sein, jemandem zu helfen. Selbstlos, ohne Vorbehalte und in aller Aufrichtigkeit. Lest „Die Insel“ und schaut euch die unglaublichen Illustrationen an. Sie spulen ihren eigenen Film vor eurem geistigen Auge ab. Einen Film, den ihr gerade täglich seht. Und allein das Erkennen dieses einzelnen Schicksals lässt uns verstehen, was wir Menschen zu tun haben.

HELFEN….

Blogger für Flüchtlinge - Zur Homepage

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Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Initiative „Blogger für Flüchtlinge„. Hier werden Hilfsangebote und -möglichkeiten aufgezeigt, koordiniert und veröffentlicht. Es ist so leicht, die Augen nicht zu verschließen und aus einer Insel voller Mauern eine wahre Rettungsinsel zu machen.

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PS: Menschen, die sich in den letzten Tagen für Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, werden in der medialen Öffentlichkeit als „Gutmenschen“ beschimpft. Hierbei bedient sich der dumpfe Mob eines Begriffes, der genau das Gegenteil dessen aussagen soll, was der Wortsinn hergibt. Ich lasse mich jedoch gerne als Gutmensch beschimpfen. Ich trage den Begriff in seinem wörtlichen Sinn vor mir her und weiß, wer mich beschimpft. Es sind die Gleichen, die auf der Insel die Mauern errichten und Flüchtlinge vertreiben.