Die Mauer von John Lanchester – Die Festung England

Die Mauer von John Lanchester - AstroLibrium

Die Mauer von John Lanchester

Ein mitteleuropäisches Land umgibt sich mit einer 1000 Kilometer langen Mauer, um sich vom Rest der Welt abzuschotten. Und das schon in naher Zukunft. Stoff für einen guten Roman. Sicherlich. Doch ist er als Utopie, Dystopie oder gar schon als real zu betrachten? Womit haben wir es zu tun? War George Orwells Überwachungsstaat zum Zeitpunkt des Schreibens noch weit entfernt – er schrieb „1984“ im Jahr 1946 – so wirkt ein Roman über ein Land als Festung in der heutigen Zeit nicht mehr weit entfernt. Denkt man an eine Mauer zwischen den USA und Mexico, an israelische Sperranlagen zum Westjordanland, die vor dreißig Jahren gefallene Mauer zwischen zwei deutschen Staaten, dann hat man das ungute Gefühl, diese Betongrenzen würden in der Tradition der Chinesischen Mauer ein neues Eigenleben entwickeln.

Da kommt John Lanchester gerade zur rechten Zeit. Beschreibt in seinem aktuellen Roman „Die Mauer“ ein Großbritannien, wie wir es uns noch vor ein paar Jahren nicht hätten vorstellen können. Im Herzen Europas, tief verankert in der Gedankenwelt einer Europäischen Gemeinschaft. Doch jetzt? BREXIT. Loslösung, Abkopplung, Alleingang und Separatismus. Was kommt danach? Hoffentlich nicht das, was Lanchester uns ins Stammbuch des guten Lesens schreibt. Doch wohl hoffentlich nicht das Szenario, dem er sich in seinem Roman dystopisch hingibt. Eine Gesellschaftsordnung mit negativem Ausgang. Nicht positiv utopisch geprägt, nicht losgelöst von der Realität, sondern eben auf ihr basierend und die Schraube bis zum Anschlag weitergedreht. England wird zur Festung.

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Die Mauer von John Lanchester

Wie das aussieht? Erschreckend einfach und ebenso plausibel. Eine Mauer zieht sich rund um die gesamte Insel. 1000 Kilometer lang. Unüberwindbar hoch. Die Grenze zu Großbritannien wird an Land gezogen. Keine Strände mehr. Keine Touristen, keine lustigen Bootsausflüge oder Angeltouren auf See. England hat sich eingeigelt. Und für alle jungen Briten gilt es, diesen Schutzwall unter Einsatz des eigenen Lebens bis aufs Blut zu verteidigen. Das ist der Rahmen, den John Lanchaster anschaulich beschreibt, als wäre er real. Die Regeln, Normen und Gesetze des abgeschotteten Landes gelten nur noch in seinem Inneren. Sie sind hart. Unmenschlich, aber wohl alternativlos, wenn man England schützen will.

Vor den Anderen. Die Deutungshoheit überlässt der Autor seinen Lesern. Es sind die Heerscharen der Anderen, die sich Zutritt verschaffen wollen, die die Insel belagern und illegal ins Land kommen wollen, um es von innen auszuhöhlen. Gesichtslos bleibt die Bedrohung. Ganz anders, als die jungen Menschen, die auf der Mauer ihren Dienst versehen. Und dies unter Androhung drakonischer Bestrafung, sollte es den Feinden in irgendeiner Art und Weise gelingen, die Mauer zu überqueren. Ein Versagen hat für die Verteidiger zur Folge, dass sie sich künftig dort wiederfinden, wo der Feind herkam. Auf dem Meer. Draußen. Ausgesperrt. Ein tödlicher Rollentausch. Hoffnungslos, denn auch andere Länder haben sich abgeschottet. Das Meer als modernes Fegefeuer. Hier treibt man, den Elementen ausgeliefert im Niemandsland umher.

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Die Mauer von John Lanchester

Unvorstellbar? Oh nein. Nur konsequent weitergedacht und brillant erzählt. Man möge sich nur auf den Erzählstrom des Autors einlassen, dann sieht man sich selbst in der Rolle des Verteidigers auf dem Bollwerk gegen das Fremde, gegen Flüchtlinge und Kriminelle. Gegen alle, die man nicht auf der Insel der Glückseligkeit haben will. Keine Frage zum Rahmen bleibt unbeantwortet. Das Szenario wird anschaulich beschrieben. Der Wachdienst auf der Mauer, die Ruhephasen, der Druck und das Gefühl, nun zu der letzten Welle derer zu gehören, die ihr Land beschützen. All dies findet Raum in einem Roman, der von Seite zu Seite eindringlicher nach unserem Gewissen greift. Haben wir die Mauer nicht schon im Herzen? Ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sie sich wieder in die Höhe schrauben kann? 

Nichts ist weit weg. Wir folgen dem jungen Joseph Kavanagh auf die Mauer. Er ist neu. Ein Frischling. Und so, wie man ihm seinen Alltag und seine Pflichten erklärt, fühlt sich auch der Leser zwangsrekrutiert. Zeit wird zu Kaugummi. Kälte und Wind mutieren zu lebensunwirklichen Feinden. Die Gemeinschaft wird eng. Aus jungen Menschen hat das System in kurzer Zeit kampfbereite Verteidiger und Verteidigerinnen gemacht. Wie es dazu kam? Wie diese Mauer entstand? Wie es im Inland aussieht? Wie im Ausland? Woher die Anderen kommen? Dies alles zu denken überlässt uns der Autor. Er erzählt von einer Zeit vor dem Wandel (in dem wir jetzt wohl leben) und der Zeit danach (die er uns vor Augen führt). Das „Dazwischen“ formt sich lesend in unserer Fantasie. Ein sehr faszinierender Leseprozess, in den er uns verwickelt. Diese Unmittelbarkeit trifft uns im Herzen. Die Unvermeidbarkeit zu erkennen, lässt uns innerlich kollabieren.

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Die Mauer von John Lanchester

Die Schauplätze Der Mauer sind an zwei Fingern abzuzählen. Die hier agierenden Personen bleiben überschaubar. Das Menschliche tritt nur dann zutage, wenn aus dem Alltag Routine wird. Nichts ist weit weg. Für alle Bilder finden wir Entsprechungen. Kein Bild, dass es noch nie gegeben hat. Mauerschützen in Ostberlin, Hochsicherheitszonen zwischen Nord- und Südkorea. Wir sind im Bilde. Nur die Größe und die Konsequenzen machen uns sprachlos. Ein Vorgesetzter, der einst ein „Anderer“ war, Politiker, die sich nicht scheuen, die jungen Kämpfer als Kanonenfutter zu sehen und ein System, das im Verteidigen der Mauer einen ähnlichen Schwerpunkt sieht, wie in der Fortpflanzung der Bürger, machen diesen Roman zu einem dystopischen Ereignis. Als Kavanagh beginnt, sich zu arrangieren und gleichzeitig die Nähe zu einer jungen Verteidigerin sucht, dreht sich die Geschichte in eine unausweichliche Richtung. Ein Angriff, Verrat und „Andere“, denen das Unglaubliche gelingt.

John Lanchester vermittelt uns das Gefühl, immer im selben Boot zu sitzen, wie sein Antiheld. Ihm gelingt es, uns aufzurütteln und Nachrichten anders zu schauen. Er schärft unseren Blick und versetzt uns den Schock, uns schon jetzt in der Vorstufe des Mauerbaus zu befinden. Flüchtlinge in Seenot. Die gefühlte Festung Europa. Populisten und ihre Hassaufrufe. Alles macht sich während des Lesens breit. Wir würden so gerne rufen „Mr. Lanchester, tear down this wall!“ Ich habe an Pink Floyd und „The Wall“ gedacht. Ich habe den Widerstand in mir gefühlt. Nur relevante Bücher bringen mich an diese Grenze, an der noch keine Mauer steht. Johannes Klaußner hat mir Die Mauer vorgelesen. Eindringlich und unmittelbar, wie ich es gehofft hatte. Sieben Stunden und vier Minuten dauerte meine Dienstzeit auf der Mauer und die Leidenszeit danach. Eine Produktion, die dem Roman in jeder Beziehung gerecht wird. Klaußner macht Zuhörer zu Kameraden, Weggefährten, Komplizen, Versagern, Liebenden und Verzweifelten.

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Die Mauer von John Lanchester

Der renommierte Booker Prize hat Die Mauer bereits auf der Longlist für einen möglichen Preisträger 2019. Ich bin der Meinung, dass es John Lanchester verdient hätte, für seine außergewöhnliche Story ausgezeichnet zu werden. Die aktive Rolle, die man als Leser oder Hörer einnimmt, lässt nicht nur die spürbare Nähe zum Geschehen entstehen. Sie macht uns zu Beteiligten in der Entstehungsphase des Mauerbaus. Wir sollten diese Rolle annehmen und uns gegen innere und echte Mauern erheben. Sonst gehören unsere Kinder bald wieder zu den Verteidigern gegen das „Andere“. Ich finde, dass es diese Aspekte sind, die ein paar unnötige Längen im Roman kompensieren. Ich hätte mir weniger, rein äußerliche Beschreibungen von Regeln und Abläufen gewünscht und dem Innenleben der Protagonisten gerne mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Wer „Die Mauer“ liest oder hört, der kann einen Schritt weitergehen. Nicht nur ein britisches Thema, ein solch menschenunwürdiger Schutzwall in der Literatur. Endland von Martin Schäuble gestaltet einen vergleichbaren Schutzwall zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern. Sein Roman begegnet der ideologischen Haltung, mit der man diese Mauer gegen Flüchtlinge verteidigt auf einem Niveau, das ihn in den Kanon der Schulbücher erhoben hat. Auch „Die Insel“ von Armin Greder widmet sich einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Ein Bilderbuch, das mit voller Wucht gegen die Angst kämpft, sich gegenüber „Anderen“ zu öffnen! Wie man andererseits eine solche Mauer zu überwinden versucht, beschreibt Timur Vermes in seiner Satire „Die Hungrigen und die Satten“ bis zur letzten tödlichen Konsequenz. Wäre ich Buchhändler / in, ich würde diese Bücher gemeinsam präsentieren. Ein Büchertisch unter der Überschrift „Bücher statt Mauern“ wäre substanzieller als so manche Parole aus der Vergangenheit.

„Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“ (Innerdeutsche / politische Lüge am 15.06.1961, Walter Ulbricht)

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Die Mauer von John Lanchester

Dieser Roman ist kein Mauerblümchen. Er wuchert sich wie literarisches Unkraut in die Gedankenwelten der Leser und Hörer. Nicht auszurotten, weil die täglichen Stilblüten der Populisten wie Baupläne für künftige Bollwerke wirken.

„Die Mauer“ von John Lanchester
Buch: Klett – Cotta Verlag / dt. von Dorothee Merkel / 348 Seiten / 24 Euro
Hörbuch: Random House Audio / gekürzt / 6 CDs / 7 Std. 4 Min. / Sprecher: Johannes Klaußner / 25 Euro

„Die Hungrigen und die Satten“ von Timur Vermes

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Es wäre lustig, wenn es nicht so maßlos traurig wäre. Timur Vermes hat ein feines Händchen, wenn es gilt den Finger tief in die Wunden der breiten öffentlichen Meinung zu legen. Er hat mit „Er ist wieder da“ bewiesen, dass seine Utopie eines untoten und wieder auferstandenen Führers Adolf Hitler (so skurril die Ausgangssituation auch ist) geeignet war, dem Publikum einen literarischen Brocken zum Fraß vorzuwerfen an dem es schwer zu knabbern hatte. Sein Roman war Zerr- und Spiegelbild der Gesellschaft. Er polarisierte und regte zu lautstarken Diskussionen an. Und spätestens mit dem Film zum Buch explodierte das Pulverfass unter dem Schriftsteller, weil man es gewagt hat, die Filmadaption um spontane Realbilder zu erweitern, die beim Dreh entstanden sind.

Ein umjubelter (verkleideter) Führer, dem man gerne vor laufender Kamera sagte, es sei mal wieder an der Zeit, dass jemand richtig aufräumt in diesem unserem Land. Sehr schwer verdauliche Kost, die er uns da vorsetzte. Gut nur, dass man sich immer wieder einreden konnte, dass es sich hier um eine satirisch überhöhte Gesellschaftsutopie mit Format handelte. Gedankenspiele, sonst nichts. Die Aufregung legte sich schnell. Aber vergessen haben wir diesen Spiegel nicht, den er vielen Menschen vor Augen gehalten hat. Dafür war das Zerrbild, das wir dort erkannten zu brutal und beängstigend. Als mir nun sein neuer Roman den Weg versperrte, war mir klar, dass ich keine Schonkost zu erwarten hatte. Dass mich dieses Buch noch mehr aufwühlen sollte, als die Parodie auf das braune Schreckgespenst, das konnte ich mir nicht vorstellen. Irrtum…

Timur Vermes bei AstroLibrium

Die Hungrigen und die Satten“ – Timur Vermes – Eichborn Verlag

Unschuldig kommt es daher, das harmlos scheinende Buch mit weißer Weste. In Wahrheit jedoch ist es ein ebensolcher Wolf im Schafspelz, wie sein Vorgänger. Schon der Klappentext lässt mich nervös aufhorchen. Ein Flüchtlings-Roman aus seiner Feder und nicht nur das. Auf dem Siedepunkt der Ankerzentren- und Abschiebediskussion, zu einem Zeitpunkt der Definition von Obergrenzen und dem mehrmaligen Fast-Scheitern der Regierung an dieser Thematik, im Augenblick des Grenzschließungshypes und der steigenden Hysterie angesichts der drohenden Überfremdung, genau jetzt, dieses Buch von Timur Vermes. Das kann nicht gut gehen. Gar nicht gut.

Besonders dann nicht, wenn Timur Vermes sich erneut an einer Utopie versucht, die gar nicht so utopisch ist, wenn man sich die Grundidee seines neuen Romans ganz langsam durch den Kopf gehen lässt. Wir befinden uns im „Nach-Merkel-Deutschland“, und noch immer mittendrin in der lebhaften Diskussion, wie man der Flüchtlingskrise zu begegnen hat. Nun gut, die Grenzen sind inzwischen fast geschlossen, Europa hat sich hermetisch abgeriegelt und die ehemals so beliebten Flüchtlingsrouten sind weitgehend verwaist. Es ist kein Reinkommen mehr und so entstehen zwangsläufig riesige Lager in Afrika, in denen hunderttausende von Flüchtlingen nun schon seit Jahren leben. Dieses Szenario beschreibt Timur Vermes so plausibel, dass selbst der gewiefteste Soziologe nichts an der Logik auszusetzen hätte, der er nun in seinem Buch Raum verschafft.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Wenn also die Flüchtlinge jenseits der Sahara festsitzen, wenn die Schlepper nicht mehr an ihnen verdienen können, wenn sich Europa in Sicherheit wähnt und die Politik mit wichtigeren Themen beschäftigt wird, dann ist der Zeitpunkt gekommen, diesen ach so beschaulichen Frieden mit einer Zündschnur zu versehen und einer wahren Heldin des Alltags das Feuerzeug in die Hand zu geben, um die Lunte anzuzünden. Hier greift Timur Vermes auf die Realität zurück und führt uns vor Augen, welche Macht Bilder auf uns ausüben können. Und wo es was zu verdienen gibt, da ist das Privatfernsehen mit seinen intellektuellen Zuschauern nicht weit. Was also, wenn die Moderatorin einer TV-Sendung nach dem Muster „Helfer mit Herz“ ein solches Lager besuchen würde? Nicht nur so, sondern für eine Reportage, eine kleine Doku-Soap vor Ort, um die Schicksale der Flüchtlinge zuhause auf den Bildschirm zu bringen? Auftritt Nadeche Hackenbusch.

Eine charismatische Moderatorin, die Timur Vermes als Hybrid aus Vera Int-Feen, Margarete Schreinemakers und Désirée Nosbusch in unser Lesen schreibt. Was also, wenn der dunkle Kontinent mit einer solchen TV-Rampensau mit missionarischem Eifer konfrontiert wird? Was, wenn die Einschaltquoten ins absolut Utopische steigen? Was, wenn die Moderatorin dort auf einen attraktiven afrikanischen Flüchtling trifft, der die Chance beim Schopf (und Nadeche gleich mit dazu) packt, um endlich abhauen zu können? Was, wenn diese Liaison zwischen dem „Engel in Elend“ und dem Flüchtling das mediale Interesse ins Unermessliche steigen lässt? Und was, wenn genau dieser Flüchtling nur noch eine Chance für sich sieht, Europa zu erreichen? Der gemeinsame Marsch der Hunderttausende setzt sich in Bewegung. Real und live im Fernsehen.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes spielt brillant mit allen sozial-politischen Automatismen, die uns in diesem Moment einfallen. Er wechselt seine Perspektiven und beleuchtet alle Seiten mit unbestechlicher Scharfsichtigkeit. Die Politik, die verleugnet, ignoriert, aussitzt und viel zu spät bemerkt, was da auf sie zurollt. Die Fernsehmacher, die zuerst nur Quoten und Euros sehen, und dann nicht mehr in der Lage sind, die Reißleine zu ziehen. Das Volk, das einerseits süchtig am Fernseher klebt und echtes Mitleid empfindet, um dann im nächsten Moment mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ auf die Straße zu ziehen. Presse und Kolumnisten flankieren das Geschehen. Und dies alles, während der Marsch sehr gut organisiert auf dem Landweg Richtung Europa zieht.

Mittendrin die Moderatorin und ihr Geliebter. Mittendrin und nicht unreflektiert. Eine Entwicklungsgeschichte, die in Entwicklungsländern beginnt und ein Szenario skizziert, das nicht weit hergeholt scheint, weil man niemanden mehr von weit herholt. Man liest, lacht, schaudert, liest wieder, schüttelt ungläubig den Kopf und gelangt wieder an eine Stelle, die so unglaublich plausibel scheint, dass es fernab jeder Utopie zu sein scheint, was sich hier abspielt. Timur Vermes spielt mit unseren Vorurteilen, mit Ressentiments und Vorbehalten. Er hält uns erneut den Spiegel vor, den wir gerne beschlagen lassen würden, um das Bild nicht zu deutlich zu sehen. Er legt uns Daumenschrauben an und zieht sie von Seite zu Seite enger. Wir wollen schreien. Wir wollen lachen. Und doch ist da im Herzen der Geschichte so viel Wahres, dass wir am liebsten kotzen würden, weil wir schon so nah an der Realität der Verdrängung sind.

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

„Die Hungrigen und die Satten“ ist für die Satten geschrieben. Unter dem schönen Schein unserer Wohlfahrtsgesellschaft sind es die reinen Egoismen, die dieser Roman auf dem Korn hat. Ob wir schon zu satt sind, um die Message zu verstehen? Ob wir in vielen Situationen selbst erkennen, zu was die Abschottung eines Kontinents führt? Ob wir uns selbst dabei ertappen, dass wir uns Angst vor Überfremdung und Islamisierung einreden lassen, während wir gleichzeitig vor dem Fernseher sitzen und Mitleid mit den Menschen empfinden, die schön weit weg von uns ihr Schicksal ertragen? Sind wir zu bequem geworden? Ist unser Ruf #wirsindmehr noch zeitgemäß? All diese Fragen wirft Timur Vermes auf, als würde er uns mit dem Müll unserer Ausflüchte ersticken wollen.

Eine bitterböse Satire, bei der jeder Lacher im Hals des Lesers krepiert. Utopisch vielleicht, aber längst nicht so utopisch, wie ein lebendiger Reichsführer. Ein Bild einer Zukunft, an der wir heute gestalten und die wir heute mitbestimmen können. Dabei ist Timur Vermes unglaublich scharfsichtig und voller Fantasie. Wenn er in Anbetracht des Romans allerdings gerade die Politik beobachtet, dann muss er sich eingestehen, dass der Staatsekretär, den er im Innenministerium erfunden hat, von der Realität gerade in Sachen Kreativität überholt wird. Heute schreibt gerade die Politik die beste Realsatire. Aber Timur Vermes ist ihr dicht auf den Fersen.

Lesen… unbedingt…

Auch Heike von Irve liest schließt sich dieser Bewertung an. Da dampft es

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Nicht immer Utopie, keinesfalls Satire, immer lesenswert. Bücher statt Mauern!

Bücher statt Mauern bei AstroLibrium

„Endland“ von Martin Schäuble

Endland von Martin Schäuble

Nun wollen wir mal versuchen, uns dem Thema versachlicht zu nähern, Ironie und Polemik auszuschalten und zu beleuchten, was Martin Schäuble mit seinem aktuellen Roman „ENDLAND“ bezweckt. Denn er muss etwas bezwecken, da diese dystopische Utopie oder auch utopische Dystopie, so nah an den gefühlten Ängsten seiner Leser in Deutschland angesiedelt ist, dass ihm eine klare Intention unterstellt werden darf. Wenn ich nur von Ängsten spreche, dann klammere ich diejenigen Leser aus, für die Endland schon mehr dem Hoffen auf eine bessere Zukunft entspricht, weil es eben eine Zukunft literarisch wahr werden lässt, die sich Wähler einer bestimmten Partei herbeisehnen.

Nur, dass genau diese Wähler das Buch wohl niemals lesen werden, es unter dem Sammelbegriff Lügenpresse und -literatur abhaken und belustigt beiseitelegen. Mag es daran liegen, dass Martin Schäuble in seinem Buch rechtspopulistischen Politikern die Maske vom Gesicht reißt? Mag es daran liegen, dass er denjenigen, die den Gedanken dieser Meinungsmacher bedenkenlos folgen die Konsequenzen aufzeigt oder ist es so, wie im ganz normalen Leben, dass andere Meinungen mit der Trillerpfeife weggepfiffen werden? Wie dem auch sei, für mich ist „ENDLAND“ alternativlos, weil die Geschichte in einem Deutschland spielt, in dem die „Nationale Alternative“ (Ähnlichkeiten zu einer bereits real existierenden Partei sind nicht zufällig) regiert.

Endland von Martin Schäuble

Und das schon so lange, dass wichtige Ziele dieser Nationalen Alternative bereits realisiert wurden. Wie sieht das Deutschland Martin Schäubles aus? Ganz einfach. Es ist ein sicheres Deutschland. Die Wehrpflicht ist wieder eingeführt und Deutschland ist an seinen Außengrenzen von einer acht Meter hohen, mit Stacheldraht gekrönten, und bestens bewachten Mauer umschlossen. Wozu? Na, auch ganz einfach. Sie dient dem Schutz gegen „Invasoren“, so der alternative Sammelbegriff für alle Flüchtlinge, die auf dem Weg sind, den Deutschen Land, Identität, Arbeitsplätze und Wohlstand zu rauben. Schluss mit grenzenloser Freiheit. Schluss mit Flüchtlingsrouten und Schluss mit dem unsäglichen Gutmenschentum im Lande.

Spätestens hier zuckt der gar nicht alternative Leser zusammen, lässt aktuelle und bedrohlich wirkende Wahlergebnisse an seinem geistigen Auge vorüberziehen und hat beim Lesen der folgenden 215 Seiten die Populisten unserer Tage im Sinn. Und das in jedem Land, das ihm gerade so einfällt. Ist es möglich ein Land so zu verändern? Ist es denkbar, die Globalisierung einzudämmen, sich aus der EU zu verabschieden und das Grundgesetz so zu ändern, dass auch der Einsatz der Bundeswehr im Inneren möglich ist, um die Mauer zu bewachen? Ist das möglich? Es ist so! Punkt. Hier wird nicht nach dem WIE gefragt. Hier werden wir mit dem Ergebnis des Rechtsrucks konfrontiert. Hier werden Alpträume wahr. Und das Schlimmste..: Martin Schäuble lässt sie uns plausibel träumen.

Endland von Martin Schäuble

Hier stehen wir nun mit den besten Freunden Anton und Noah an der Mauer. Wir laufen Streife mit ihnen, bewachen das eigene Land vor Terroristen, Flüchtlingen und Schleusern. Und was Anton betrifft, sind wir auch noch vollkommen davon überzeugt, genau das Richtige zu tun. Darüber hinaus ist die nationale Gesinnung schon so tief in der Gesellschaft verankert, dass man nur noch die Wahl hat, mitzulaufen oder eben in letzter Konsequenz zu verschwinden. Martin Schäuble skizziert diese vollzogenen und authentischen Veränderungen. Er nagelt seinen Lesern die Rahmenbedingungen in die Hirnwindungen und schreibt nicht übertrieben oder überzogen. Er bleibt (und das ist im wahrsten Wortsinn erschreckend) auf dem Boden der aktuellen Forderungen der Partei, die ihm als Vorbild für diese gesellschaftliche Utopie diente.

Wenn wir dieses runderneuerte Deutschland endlich verstanden haben, wechselt Schäuble die Perspektive. Ein harter Schnitt ist es, den er flüssig vollzieht. Ein Schnitt in der zwingend erforderlichen Konsequenz, um verstehen zu können, was Menschen dazu veranlasst, sich trotz des Schutzwalles nach Deutschland zu retten. Fana wird zu unserer Wegbegleiterin einer gar nicht beispiellosen Flucht. Addis Abeba, Äthiopien, ist der Startpunkt der Schleuserfahrt. Das einzige noch bestehende Aufnahmelager für die „Invasoren“ an der ummauerten Deutsch-Polnischen Grenze ist die Endstation. Hier ist es der linientreue Anton der auf sie wartet. Und nicht nur auf sie.

Endland von Martin Schäuble

Martin Schäuble ist kein Populist. Er ist ein eigentlich versachlichter Weltenbummler, Journalist und Schriftsteller, der die dunklen Seiten der Armut in Afrika nicht nur aus der Presse kennt. Er, der Politikwissenschaftler mit Herz, hat sich mit Büchern und Artikeln zu diesem Thema einen Namen gemacht. Differenziert und analytisch geht er Ursache und Wirkung auf den Grund. Doch jetzt scheint ihm die literarische Hutschnur gerissen zu sein und so hält er uns mit seiner Utopie „Endland“ den aktuellen Zerrspiegel einer Gesellschaft vor Augen, die auf dem Weg ist, in weiten Teilen rechts abzubiegen. Hier schreibt er im Klartext, bettet seine Handlung in einen internationalen Kontext ein und verdeutlicht die Konsequenzen, die man in Kauf nehmen muss, wenn man einer Politik folgt, die alternativlos nur auf Angst setzt.

Hier sind es die immer wiederkehrenden Automatismen, die sich in seinem Roman auf das Leben aller Menschen auswirken. Wer durch Angst an die Macht kommt, muss Angst am Leben halten, um die Macht zu erhalten. Opposition und Lügenpresse muss schon im Keim erstickt werden und die Staatsorgane der Exekutive, wie die Polizei und die Bundeswehr entwickeln sich zu den tragenden Säulen einer klaren Sicherheit nach außen und dann auch nach innen. Und doch darf man nie vergessen, dass es sich bei „Endland“ lediglich um einen Roman handelt. Er bietet Denkanstöße, tritt Diskussionen los und polarisiert in seiner direkten Anspielung auf real existierende „Alternativen“. Im tiefsten Kern haben wir es nicht mit einem politischen Lehrbuch zu tun. Die Zielgruppe für diese Utopie liegt mit 14 Jahren auch deutlich im Jugendbuchbereich. Hier darf man keine weitschweifigen sozial-philosophischen Abschweifungen erwarten.

Endland von Martin Schäuble

Hier darf „Endland“ auch einfach nur spannend erzählt sein. Hier geht der Autor in die Vollen, wenn er den Grenzsoldaten Anton mit  einem Auftrag konfrontiert, der ihn an den Scheideweg seiner Existenz führt. Martin Schäuble schreibt seinen Anton in ein Szenario hinein, aus dem es eigentliche kaum einen Ausweg gibt. Er schreibt ihn in das Flüchtlingslager hinein. Mit einer tödlichen Mission im Gepäck. Hier spielt der Autor mit seiner brillant gestalteten Ausgangssituation, um ein explosives Finale zu erzählen. In jeder Hinsicht ein empfehlenswertes Buch, ein denkbares Buch, ein bedenkenswertes Buch. An einigen Stellen ist die deutliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zwischen Gut und Böse zu drastisch. Aber dies ist als Stilmittel für die Kernaussage des Buches vielleicht ebenso legitim, wie dies auf der Seite alternativer Alternativen betrieben wird.

Zuletzt sei ein Hinweis gestattet: Wer „Endland“ gelesen hat, sollte sich auch „Krieg. Stell dir vor er wäre hier“ von Janne Teller ins Haus holen. Beide Bücher gehen von einem bestimmten Punkt an Hand in Hand und sollten sich auch in der eigenen kleinen Bibliothek komplementär ergänzen. Hier bekommt der Begriff Flucht eine Dimension, in der wir denken sollten, wenn wir über Flucht nachdenken. Wo andere versuchen, neue Mauern zu errichten, stelle ich Bücher dagegen. Wo andere nur mit Verallgemeinerung Stimmung machen, halte ich Fakten dagegen. Wo andere trennen wollen, mag ich auf der Basis aufrichtiger Gefühle vereinen und wo andere auf Abstumpfung setzen, gieße ich das zarte Pflänzchen der Empathie.

Endland von Martin Schäuble

27 Jahre Deutsche Einheit verdienen es, weitergelebt und täglich mit neuem Leben gefüllt zu werden. Bücher statt Mauern. Ein Projekt bei AstroLibrium, das nicht erst heute begonnen hat.

Endland von Martin Schäuble – Bücher statt Mauern

[Graphic Novel] Der Traum von Olympia – Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Wie anfangen? Wie aufhören? Nicht einfach gerade. Auf der Leipziger Buchmesse war ich mehr als erstaunt darüber, wie viele Romane das Licht der Bücherwelt erblickt hatten, in denen es in fiktionalisierter Form um das Schicksal von Flüchtlingen geht. Ich habe für mich entschieden, dass dies viel zu früh ist, um sich dem sensiblen Thema mit frei erfundenen Protagonisten zu nähern. Allzu gegenwärtig ist das Schicksal der realen Menschen. Allzu weit würde ich in meiner persönlichen Auseinandersetzung mit diesen Romanen den Stimmen die Tür öffnen, die sagen könnten „Alles erfunden!“

Ich habe in der kleinen literarischen Sternwarte unter dem Titel Ich hatte einen Blog in Afrika eine Artikelreihe ins Leben gerufen, die mich aus der Kolonialzeit einer Tania Blixen ganz bewusst bis hin zum Schicksal von Flüchtlingen führen sollte. Ich habe verdeutlicht, mit welchen alltagsrassistisch geprägten Bildern wir diesen Kontinent noch heute sehen. Ich habe versucht klar zu verdeutlichen, dass Europa tiefe Mitschuld daran trägt, dass die von uns erschaffene Dritte Welt sich auf den Weg in ein sicheres Leben macht.

Am Ende der Serie bin ich bei Samia Yusuf Omar angelangt. Die Reportage Sag nicht, dass du Angst hast von Giuseppe Catozzella berichtet in eindringlicher Form vom Schicksal einer jungen somalischen Frau, die nur ein Ziel hat. Die Olympischen Spiele. Als Frau möchte sie für alle Frauen von Somalia laufen. Als Frau möchte sie voller Stolz die Fahne ihres Landes tragen. Aber die radikalislamistische Miliz Miliz Al Shabaab macht alle Hoffnungen zunichte. Muslimische Frauen haben nicht zu laufen. Sportkleidung ist nicht angemessen und wer sich dem widersetzt, wird bedroht. Samia bleibt nur die Flucht, um dieser Bedrohung zu entgehen und ihre Träume zu realisieren.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Der Fluchtweg von Samia verläuft dramatisch. Schlepperbanden, Erpressung und die entwürdigende Behandlung durch diejenigen, die mit Flüchtlingen Geld verdienen sind die wesentlichen Eckpunkte ihres Leidensweges. Offene Jeeps in der Sahara, die grausame Hilflosigkeit angesichts der absolut ausweglosen Situation und die Hoffnung, am Ende doch im Ziel anzukommen sind nur einige Facetten dieser Erlebniswelt von Samia, die uns sprachlos machen. Giuseppe Catozella hat hervorragend recherchiert und alle Quellen zurate gezogen, die das Schicksal von Samia belegen.

Sie blieb mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Kontakt. Facebook, Skype und wenige Telefonate machten das möglich. Sie war auf das Internet angewiesen, da die Schlepper immer neue Forderungen stellten, um die jeweils nächste Etappe der Flucht bezahlen zu können. Erpressung und Todesangst gingen ständig Hand in Hand. Zuletzt bleibt Samias Bahn bei den Olympischen Spielen in London 2012 leer. Sie hat es nicht geschafft. Ihre Spur endet vor der Küste von Lampedusa. Samia Yusuf Omar ertrank bei dem Versuch, ein Schiff der Küstenwache Italiens zu erreichen.

Kein Wirtschaftsflüchtling. Keine leichtfertige Flucht. Verfolgt, bedroht und in ihrer Rolle als Frau gedemütigt blieb ihr keine andere Wahl. Repressalien gegen ihre Familie wollte sie nicht riskieren. Nur ihren Weg wollte sie gehen. Mit gerade einmal 21 Jahren bezahlte sie mit ihrem jungen Leben. Eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat. Eine Geschichte, die wahr ist. Eine Geschichte, die keiner Fiktionalisierung oder Erhöhung bedarf.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Eine Geschichte, die uns nur ein Schicksal von Tausenden vor Augen führt und dabei helfen kann, unseren Blickwinkel zu verändern. In diesen Schlauchbooten sitzen zahllose Samias, die an unsere Küsten gelangen wollen. Tausende von Gründen treiben sie an. Jeder so schwerwiegend wie die Lebensgefahr, in die sie sich begeben. Samia. Mein Artikel zur Reportage „Sag nicht, dass du Angst hast“ zeigt viele Hintergründe und Fotos zu dieser Geschichte und auch ein Video von Samia habe ich eingefügt. Ich wollte so gerne, dass dieses Buch möglichst viele Menschen erreicht. Erinnern und das Vergessen verhindern. Das wollte ich.

Als ich dann auf der Leipziger Buchmesse in einem Pressegespräch bei Carlsen erneut mit Samias Geschichte konfrontiert wurde, war ich zunächst mehr als skeptisch. Eine Graphic Novel unter dem Titel Der Traum von Olympia. Die Geschichte von Samia Yusuf Omar“. Ich wurde neugierig, ob es Reinhard Kleist gelungen ist, sich diesem sensiblen Thema in dieser literarischen Form zu nähern und gleichzeitig stellten sich mir die ersten Fragen, ob man das darf, ob man es kann, und letztlich auch, ob es Samia gerecht würde, in einem landläufig als „Comic“ bezeichneten Buch einem eher jugendlichen Publikum präsentiert zu werden. 

Skepsis ist eine sehr gesunde Ausgangshaltung, sich einem Buch zu nähern. Sie schärft die Sinne, macht vorsichtig und verleitet zu sehr aktivem Lesen und Betrachten. Allein das Cover hat diese erste Skepsis schon beseitigt. Nicht reißerisch und mehr als authentisch zeigt es die Läuferin Samia Yusuf Omar, so wie ich sie aus ihren Videos kenne. Die Tartanbahn ist ihr Weg, das Stirnband das letzte Geschenk ihres Vaters, ihr Sportdress sitzt zu labberig und ihr Blick erzählt ihre ganze Geschichte. Und erst der zweite Blick, hier der entscheidende, zeigt die schemenhaft waffenstarrenden Gestalten der Milizionäre, vor denen sie flieht. Gelungen. Mein erster Gedanke.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Tja, und was soll ich sagen? Erst auf Seite 59 dieser Graphic Novel gelingt es mir eine erste Pause einzulegen. Bildgewaltig und extrem überzeugend, authentisch und nah gelingt es dem zeichnenden Autor oder dem schreibenden Zeichner, Bilder in mir zu erzeugen, die ich gut zu kennen glaube. Bilder einer jungen Frau, die in Somalia versucht, ihren Weg zu gehen. Ihren Weg zu laufen – wegzulaufen. Farblos sind die Illustrationen. Voller Respekt und Einfühlungsvermögen zeigen sie, was Worte oft nicht ausdrücken können. Reinhard Kleist erzeugt ein geschlossenes Bild von Samia, indem er tausend Bilder von ihr zeichnet.

Nicht nur Jugendliche fühlen sich hier angesprochen, auch mich selbst packt diese Version des Herangehens an diesen schweren Stoff. Dabei beschränkt sich Reinhard Kleist auf das Wesentliche. Seine Illustrationen ufern nicht aus, sie verlieren Samia nie aus dem Blick und ihre Mimik greift nach der Seele ihres Betrachters. Ehrgeiz, Angst, Hoffnung und pure Verzweiflung angesichts des Unrechts in Somalia werden in Samias Augen greifbar. Die Geschichte ist komplett erzählt, nichts wirkt verkürzt. Die Schlinge der Ereignisse zieht sich spürbar um jedes einzelne Bild.

Und dann greift Reinhard Kleist zu einem literarisch gezeichneten Kunstgriff, den ich persönlich in dieser Form noch nicht erlesen habe. Er integriert das Internet in seine Illustrationen. Jenes Internet, auf das Samia so sehr angewiesen war. Wir sehen ihre Facebook-Timeline mit Einträgen, die es in dieser Form tatsächlich gab, die aber heute gelöscht sind. Kleist rekonstruiert plausibel und lebendig. Es ist als wären wir mit Samia befreundet und würden ihren Posts folgen. Und beim Lesen merken wir, wie sich das junge Mädchen verändert. Sie schreibt über ihr Training, vertraut uns ihre Gefühle an und beginnt von ihrer Flucht zu erzählen. YouTube-Videos sind gezeichneter Teil der Geschichte. Die sozialen Netzwerke hinterlassen einzigartige Bildspuren in der einzigartigen Graphic Novel.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Meine Fragen zur Graphic Novel als literarisches Format sind jetzt beantwortet. Zumindest was Reinhard Kleist betrifft. Ja, er darf das. Ja, er kann das und ja, er muss das tun. Mit seinen kombinierten Stilmitteln erreicht er junge Menschen, denen diese Geschichte ansonsten wohl verborgen bliebe. Er animiert zur eigenen Recherche, lädt ein, seinen gezeichneten Youtube-Videos auf die Spur zu gehen und Samia zu finden. Er gibt vielen Schicksalen ein Gesicht, da es ihm in besonderer Weise gelingt, hier eine Geschichte stellvertretend für die gesichtslosen Opfer zu erzählen.

Der Traum von Olympia – Die Geschichte von Samia Yusuf Omar hat als Graphic Novel eine Wucht, die ich dieser Stilrichtung der Literatur so nicht zugetraut hätte. Ich habe die Geschichte von Samia gekannt und trotzdem war ich völlig emotionalisiert von der Art und Weise, in der Reinhard Kleist sie beendet. Das muss man gesehen, muss man selbst gelesen haben. Dieses Ende wird Samia gerecht. So, wie auch die gesamte Graphic Novel ihr gerecht wird.

Reinhard Kleist lässt einen der größten Sportler Somalias zu Wort kommen und entführt uns zum letzten Mal in ein YouTube-Video. Es zeigt Abdi Bile, der eine Rede über sein Land, seinen Sport und eine junge Frau hält, die für diesen Sport und ihre Überzeugung gestorben ist. Wir verstehen kein Wort von dem, was er sagt. Reinhard Kleist ist es zu verdanken, dass wir trotzdem alles verstehen. Jede Träne. Lest dieses Buch mit euren Kindern und werft dann einen Blick in die Schlauchboote dieser Welt. Ihr werdet einzelne Menschen darin sehen. Keine Masse. Keine Flüchtlinge.

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist - AstroLibrium

Der Traum von Olympia von Reinhard Kleist

Miriams Geschichtenwolke hat nicht nur eine Rezension zum Buch für euch.Es ist viel mehr als das… Hier geht´s lang Und auch Anja hat in Zwiebelchens Plauderecke besondere Worte gefunden. Das Buch zieht wie auf Bestellung seine Kreise duch den Campus Libris.

Mit einem Klick zur Artikelserie „Ich hatte einen Blog in Afrika“

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Ich hatte einen Blog in Afrika – Eine Artikelserie

Das Mädchen mit dem Fingerhut – Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Was macht aus einem Text ein absolut zeitlos relevantes Werk? Wodurch werden die Worte eines Schriftstellers zu einem Meilenstein der Literatur? Einerseits ist es die Relevanz eines Themas, andererseits ist es die Universalität der erzählten Geschichte, die aus einem Buch viel mehr als nur ein Buch machen.

das mädchen mit dem fingerhut_michael radiorezension

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Und nicht zuletzt ist es das Gefühl des Lesers, etwas Einzigartiges vor Augen zu haben, etwas so Besonderes, dass man sich noch Jahre später an die Protagonisten, den situativen Kontext und die Handlungsfäden erinnern kann. Dies verleiht einem Text den Status eines Lebensbuches. All dies stellt sich in meinem Lesen oder Hören nicht sonderlich oft ein. Wenn es jedoch passiert, dann ist es als hätte man eine Goldader im Bergwerk der Literatur entdeckt.

Ich mag genau deshalb aus gutem Grunde schon jetzt betonen, dass ich „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ des österreichischen Autors Michael Köhlmeier für einen der wichtigsten deutschsprachigen Texte der letzten Jahre halte und ich werde auch erklären, warum dies für mich so ist. Ich möchte euch gerne mitnehmen in eine Geschichte, die märchen- und meisterhaft erzählt, zeitlos konstruiert und in einem polyglotten Erzählraum beheimatet ist. Und das, obwohl genau das Mädchen, von dem die Geschichte handelt alles hat, nur keine Heimat.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Hanser Literaturverlag

Ohne jegliche zeitliche Einordnung, ohne örtliche Präzisierung treffen wir ohne große Einleitung oder erklärende prologisierende Umwege auf ein Mädchen, das von einem „Onkel“ in einer Stadt, vor einem Laden, ausgesetzt wird. Hungrig, ausgezehrt, allein, aber gut instruiert, was sie tun soll, um von einem gewissen Bogdan etwas zu essen zu bekommen.

„Sie solle nicht sagen, dass sie Hunger habe. Sie solle gar nichts sagen. Er werde ihr zu essen geben, und es werde besser sein als alles, was sie in ihrem Leben gegessen habe. Im Laden stellte sie sich vor die Theke und verschränkte die Hände auf dem Rücken und sagte nichts. Sie schaute den Mann an, der hinter der Theke stand.“

Sechs Jahre ist sie alt, augenscheinlich fremd im Land und ganz sicher heimatlos. Erst später erfahren wir ihren Namen. Yiza, sagt sie, weil man sie so genannt hat. Sie versteht weder die Sprache der Menschen in der Stadt, noch kennt sie sich dort aus. Und als der „Onkel“ sie abends nicht mehr am Treffpunkt abholt ist Yiza auf sich selbst gestellt.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier beginnt die Odyssee eines kleinen hilflosen Mädchens, dem wir auf seinen Wegen und bei seiner Suche nach etwas zu essen folgen. Wir klettern mit Yiza in einen Container, ernähren uns von Abfall, landen mit ihr in einem Heim für heimatlose Kinder und treffen an ihrer Seite auf zwei Jungen, die das gleiche Schicksal teilen. Heimatlos und auf der Flucht. Hier verbinden sich ihre Wege. Gemeinsam fliehen sie aus dem Heim. Vor den unangenehmen unverständlichen Fragen der Beamten und letztlich auch aus Angst noch mehr zu verlieren. Abschiebung. Diese Drohung schwebt über ihnen.

Yiza, Schamhan und Arian sprechen unterschiedliche Sprachen, aber sie folgen einem einfachen Plan. Raus in die Welt. Ihren Instinkten folgen und vielleicht ein Haus finden, dessen Bewohner es gerade erst verlassen haben. Ein warmes Haus mit vollem Kühlschrank, mit Fernsehen und richtigen Betten. Einen sicheren und verborgenen Ort, an dem sie für sich selbst sorgen. Nur einen Fingerhut nimmt Yiza mit aus dem Heim. Sie trägt ihn auf dem verletzten Daumen, wie ein Schutzschild gegen alles Unheil der Welt.

Sie ist „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. Sie ist das kleine Mädchen, das fortan mit seinen beiden Freunden durch die unwirtliche Natur flüchtet, um endlich einen Ort zu finden, an dem sie sicherer sind. Eine Illusion. Denn überall, wo Essen zu vermuten ist, wo Heizungen das Innere von Wohnungen mit Wärme erfüllen, überall da stoßen sie an Zäune – Grenzen – Mauern. Sie bleiben Flüchtende am Rande der Gesellschaft.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Hier muss man sich auf die Sprache von Michael Köhlmeier einlassen. Hier muss man sich ihm anvertrauen, so wie sich Yiza den größeren Jungs anvertraut. Hier muss man sich treiben lassen, denn Köhlmeier erklärt nicht, beschreibt nicht in stilvollendeter Prosa. Er begibt sich sprachlich auf die Ebene des reduzierten Erzählens. Er blendet Gefühle aus. Er wird zum Kriegsberichterstatter einer gemeinsamen Flucht.

Das Wunder, das er hierdurch beim Leser bewirkt, ist in seiner Tragweite enorm. Die Auslassung aller Emotionen und die neutral observierende, passive Begleitung der Kinder lösen im Leser aus, was den Kindern nicht widerfährt. Wir öffnen unsere Türen, lassen die Zäune und Mauern fallen und beobachten unseren Wohlstand aus der Sicht hungriger und ängstlicher Kinder auf der Flucht.

Hier graben sich die Worte und Sätze von Michael Köhlmeier in unser Bewusstes und Unterbewusstes ein. Hier setzt er Anker und die Widerhaken seiner Geschichte sind von erstaunlichem Ausmaß. Alles, was er nicht unmittelbar beschreibt, ruft er in uns wach. Beschützerinstinkt, Scham, Angst, Hass und Mitgefühl. Die Sprachlosigkeit und die hermetische Abschottung der Umwelt werden zu unseren Trutzburgen. Genau hier verstecken wir uns und wehe, wenn wir unser Türen wirklich öffnen. Wehe, denn so wird Rettung zum Selbstzweck und Integration führt zur Selbstaufgabe der Geretteten.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier – Der Hörverlag

Michael Köhlmeier hat mit „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ nicht nur einen Text zur aktuellen Flüchtlingssituation geschrieben. Er schrieb mehr. Wenn man dieses Buch vor bereits 10, 20 oder 30 Jahren hätte lesen können, es hätte tausend Bezüge für Ausgrenzung oder Heimatlosigkeit gegeben, die sich hier widerspiegeln. Würde man dieses Buch heute 20 Menschen aus 20 Ländern dieser Welt zu lesen geben, sie alle würden aktuelle Ereignisse mit diesem Text verknüpfen.

Und wenn man diese Geschichte in 20 Jahren liest, wird sie ebenso zeitlos sein. Sie wird nicht von der Balkanroute erzählen, sie wird nicht vergangen sein, sie beschreibt keine syrischen Flüchtlinge, sie wird erneut davon erzählen, was den Menschen in der Zukunft vor Augen liegt. Diese Zeitlosigkeit, dieses Polyglotte im Setting machen diesen Roman, der eigentlich keiner ist, zu einem weltbewegenden Text.

Yiza ist überall. Jedes Kind hat seine Verletzung und überall auf der Welt ist es nur ein Fingerhut, der das ganze Leben beschützt. Ein Minimum. Die Sprache von Köhlmeier wird seiner Idee gerecht. Es ist keine intellektuelle Parabel, die schwer zu greifen ist. Hier packt er selbst beherzt zu und zwischen jeder Zeile strahlt der Ruf „die Würde des Menschen ist unantastbar“ aus dem Buch heraus.

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Wer gelesen hat, der möge dazu noch hören. Wer nicht gelesen hat, der kann dem Autor selbst lauschen, denn er vermag, was in diesem Falle keinem Hörbuchsprecher gelingen würde. Er nimmt in der ungekürzten Hörbuchfassung  von „Das Mädchen mit dem Fingerhutseinen selbst verfassten Rhythmus auf und führt uns unverfälscht und mit sonorer Stimme durch die Welt Yizas. Ich versank in seiner Stimme. Sie trägt seine Geschichte. Sie ist das I-Tüpfelchen auf einem Werk, das einfach gelesen und gehört werden muss.

Als ich dann das Buch erneut las, lag mir Köhlmeiers Stimme im Ohr. Das war mir wichtig. Er überträgt seine individuelle Geschwindigkeit auf mich. Er lässt mich spüren, wie er schrieb und er hinterlässt dabei ein bleibendes Zeugnis seiner Interpretation des eigenen Textes. Hier ist das Hörbuch eine Erfahrung mit ganz eigener Dimension. Es verleiht Yiza aus einer gefühllosen Perspektive alle Persönlichkeit dieser Welt.

Ich kann nur Buch und Hörbuch empfehlen. Ich kann beides ans Herz legen und dazu raten, sich dieses literarische Ereignis nicht entgehen zu lassen. Köhlmeier verändert seine Leser und Zuhörer. Und das in aller  Nachhaltigkeit. Ich wette darauf, dass dieses Buch noch in vielen Jahren vor unterschiedlichen aktuellen Hintergründen gelesen, gehört, geliebt, diskutiert und gehasst wird. Weil es uns der Mauern beraubt, uns Ausreden nimmt und Gefühle sät, wo nur Neid und Hass gedeihen sollten. Yiza….

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut von Michael Köhlmeier

Ein besonderer Fund macht mich nachdenklich… Es ist, als würde das Gemälde den Kreis der Geschichte schließen… Meine Gedanken dazu… siehe hier

Das Mädchen mit dem Fingerhut.... Das Originalgemälde

Das Mädchen mit dem Fingerhut…. Das Originalgemälde

Neu bei AstroLibrium: Die Bücher, die mich beim Lesen von „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erneut berührt haben, und die auf die unterschiedlichste Art und Weise mit diesem Werk verbunden sind.

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"Das Mädchen mit dem Fingerhut" - Die Bücherkette auf AstroLibrium

„Das Mädchen mit dem Fingerhut“ – Die Bücherkette auf AstroLibrium