„Das tiefe Blau der Worte“ von Cath Crowley

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“

David Foster Wallace – „Der bleiche König

Wenn sich eine Schriftstellerin dazu entscheidet, einen Roman mit diesem Zitat aus der Feder von David Foster Wallace zu beginnen, dann bin ich schon ihre Geisel. Hier ist Zufall in der Auswahl ausgeschlossen. Allzu bewusst hebt man das eigene Buch auf ein literarisches Niveau, das dem Leser schon vor den ersten Zeilen aus eigener Feder sagen soll: „Vorsicht, jetzt kommt eine Geschichte, die alles ist, nur keine Alltagskost.“ Würde man sich sonst für einen Autor entscheiden, dessen Bücher ebenso beliebt wie umstritten sind? Nein. Hier vollzieht sich Richtungsweisendes für einen ganzen Roman. Hier werden die Weichen des guten Lesens gestellt und ich glaube fest daran, dass es in meinem bibliophilen Leben keine Zufälle gibt.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Cath Crowley ist kein Zufall. Sie ist Bestimmung und ihr Roman „Das tiefe Blau der Worte„, erschienen im Carlsen Verlag, ist ein Volltreffer im Herzen meiner bibliophilen Leidenschaft. Ich liebe gute Romane, die von Büchern handeln. Ich liebe Geschichten, die in den Tankstellen des Geistes, den Buchhandlungen dieser Welt, angesiedelt sind und ich bin begeistert, wenn die in diesen Romanen erwähnten Bücher sich in meinem Besitz befinden. Was bleibt mir also übrig, als zu konstatieren, dass ich diesen Roman verehre, weil er all diese Facetten beinhaltet. „Das tiefe Blau der Worte“ ist ein Buch über Bücher, es ist eine Liebeserklärung an die Menschen, die sich dem Verkauf der Bücher verschrieben haben und es ist eine Hommage an die ewig währende Botschaft vieler Autoren aus längst vergangener Zeit, die uns bewiesen haben, dass uns Literatur verbindet, wie kaum ein zweites Medium.

„… Ich liebe es, dass du liest. Ich liebe es, dass du gebrauchte Bücher liebst. Ich liebe so ziemlich alles an dir und kenne dich jetzt schon zehn Jahre, das will also schon was heißen. Morgen fahre ich. Bitte ruf mich an, wenn du das hier liest…“

Rachel

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Mit diesen emotionalen Zeilen von Rachel geht es eigentlich los. Sie sind gewagt und verzweifelt, sie sind Liebeserklärung und Abschied zugleich und sie befinden sich an einem sicheren Ort. Zwischen den Zeilen eines Buches in einem ganz besonderen Bücherregal der Buchhandlung „Howling Books“. Sie befinden sich am besten Platz für Liebesbriefe, den man sich nur vorstellen kann. In der Briefbibliothek der kleinen Buchhandlung, die sich auf den Verkauf gebrauchter Bücher spezialisiert hat. Nur die Bücher der Briefbibliothek sind unverkäuflich. Kunden dürfen sie mit Notizen versehen, Markierungen vornehmen oder eben Briefe an Gleichgesinnte zwischen den Zeilen der Unverkäuflichen hinterlassen. Eigentlich ist es der beste Platz für diesen Brief, denn die „Gesammelten Gedichte von T.S. Elliot“ werden immer wieder von Henry, dem Sohn des Buchhändlerpaares, gelesen. Es ist der allerbeste Platz, dachte Rachel.

„Sanfte Gedanken treiben zwischen uns hin und her. Wir sind die Bücher, die wir lesen und die Dinge, die wir lieben.“

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

„Ich liege zusammen mit Amy in der Ratgeberecke von Howling Books. Wir sind allein… Normalerweise ist das die Zeit und der Ort, wo Amy und ich uns küssen.“

Tja, wenn Ratgeber gute Ratgeber wären, hätten sie Henry wohl geraten das Küssen sein zu lassen und in der Briefbibliothek nachzuschauen, was dort auf ihn wartet. Sind sie aber leider nicht. Und so reist Rachel nach ihrem ersten Liebesbrief an Henry und dem Versuch aus einer fast lebenslangen Freundschaft eine Liebe entstehen zu lassen ab, ohne sich von Henry zu verabschieden. Erst Jahre später kehrt sie an den Ort des Verlustes zurück, einen noch größeren Verlust im Gepäck und gezeichnet vom Trauma des Schicksals. Schulabschluss vertan, perspektivlos und auf fremde Hilfe angewiesen beginnt sie unfreiwillig dort zu arbeiten, wo alles begann. Bei „Howling Books„, an der Seite von Henry, der immer noch nichts von ihren wahren Gefühlen zu ahnen scheint.

Dass ihr Verlust weitreichende Folgen für die Menschen von Howling Books hat, ahnt sie nicht. Dass in der Briefbibliothek weitere Bücher stehen, die mit ihrem Leben verbunden sind, weiß sie nicht. Während das Leben bei Howling Books Saltos schlägt, erneuert sich ihre Freundschaft zu Henry. Eine gelebte tiefe Seelenverwandtschaft ist die Basis dieses kleinen Glücks. Doch Rachel will mehr. Immer noch. Wären da nicht die unheilbaren Wunden der Vergangenheit und jene Amy, die sich immer noch in ihr Leben schleicht.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Dieser Roman ist vorhersehbar. Ein Vorwurf, der einem Todesurteil gleichkommt. In diesem Fall ist die Vorhersehbarkeit ein bewusstes Stilmittel von Cath Crowley. Schon in der Mitte ihres Buches wissen ihre Leser ganz genau, worauf alles hinausläuft, wenn Rachel sich mit den Büchern der Briefbibliothek beschäftigt. Es ist unausweichlich. Es ist grandios, was Cath Crowley mit unseren Herzen veranstaltet, da wir genau wissen in welchen Büchern Briefe versteckt sind, die alle Fragen beantworten. Dieses Wissen ist schmerzhaft und schön zugleich. Schon in der Mitte eines Romans unter Tränen lesen zu dürfen ist ein Privileg des wahrhaft guten Lesens. Niemand hat eine Chance, dem zu entrinnen. Nicht Rachel, nicht Henry und auch nicht seine Schwester George, die so lange und verzweifelt auf eine Antwort auf ihre Briefe wartet.

„Das tiefe Blau der Worte“ beschenkte mich mit großen Lesemomenten. Bücher sind diesem Roman heilig. Die Bücher, die in ihm Erwähnung finden, sind Teil meiner Lebensbibliothek. Sie scharten sich um mich, während ich im tiefen Blau seiner Worte versunken war. Sie alle werden mich an die Briefbibliothek erinnern. Sie alle singen ihr ganz eigenes Lied von Freundschaft, Hoffnung und Liebe. Gemeinsam mit dem Roman von Cath Crowley ergeben diese einzelnen Lieder eine große literarische Komposition, die uns immer fühlen lässt, dass man in Büchern weiterleben kann. Inspirierend.

Das tiefe Blau der Worte von Cath Crowley

Wer lieber heute als morgen in Howling Books einziehen möchte, wird sich sofort in Bücher verlieben, die von Büchern handeln und in magischen Büchertempeln in der Literatur angesiedelt sind… Eine kleine große Auswahl von mir für euch

Howling Books und weiter magische Buchhandlungen in der Literatur

David Foenkinos – „Das geheime Leben des Monsieur Pick“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Die Literatur schreibt die größten Geschichten selbst. Sagt man doch so, oder? Es ist wie mit dem Leben. Da braucht es keine Fantasie oder gar kreative Gedanken. Man nennt es landläufig nur Schicksal und schon ist die beste Story der Welt im Kasten. Das muss sich auch David Foenkinos gedacht haben, als er sich Das geheime Leben des Monsieur Pickausgedacht hat. Da setzt sich ein renommierter Schriftsteller hin und konstruiert die Ausgangssituation für einen Roman so plausibel und brillant, dass er im Verlauf seiner Geschichte in der Lage ist, die gesamte Buchbranche auf die Schippe zu nehmen. Und das geht so:

Nehmen wir einmal an, es gäbe in einem kleinen französischen Städtchen eine kleine Bibliothek. Nehmen wir darüber hinaus an, der dortige Bibliothekar wäre der Anhänger einer Idee, die es in Amerika zu bescheidenem Ruhm gebracht hätte. Nehmen wir an, dieser Bibliothekar würde den Leitgedanken der Brautigan Library in der Bretagne mit neuem Leben füllen und eine Bibliothek der unerwünschten Manuskripte aufbauen. Richtig gelesen. Jean-Pierre Gourvec kann sich die Höllenqualen abgelehnter Autoren nur zu gut vorstellen und bietet ihnen die Möglichkeit, ihre von den Verlagen ignorierten literarischen Totgeburten aufzunehmen und für die Nachwelt zu bewahren.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke, sich auf diesem Wege vom Druck befreien zu können, einen Herzenstext nicht veröffentlichen zu können? Für Gourvec ist es wie der Jakobsweg der Literatur und es dauert nicht lange, bis die Wallfahrten der erfolglos schreibenden Autoren einsetzt. Er braucht schnell Verstärkung und engagiert eine Frau, die nun wirklich über die besten Voraussetzungen für den Job verfügt. Sie interessiert sich nicht für Literatur, war aber schnell genug mit ihrer Bewerbung. Magali wird in den folgenden Jahren des Aufschwungs der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte fast unverzichtbar für Gourvec. Bis zu seinem Tod.

Und schon ist er fertig, der brillante Erzählraum von David Foenkinos. Jetzt kann er richtig loslegen und sein Szenario in vollen Zügen genießen. Und wie er es genießt. Das spürt man auf jeder Seite, in jeder Zeile und fast bei jedem Wort. Auftritt Delphine Despero. Die erfolgsverwöhnte Lektorin spürt den Druck des Buchmarktes am eigenen Leib. Nach einem überraschenden Bestseller muss sie erneut liefern. Nur kann sie jetzt nicht auf ihren Freund setzen, der ihr zum letzten Erfolg verhalf, jetzt aber nichts mehr zustande bringt. Der Zufall (oder das Schicksal) springt sie an. Sie hat Glück, denn bei einem Besuch in der Bibliothek der unerwünschten Manuskripte stößt sie auf ein Werk, das alle Voraussetzungen erfüllt, den Buchmarkt zu erobern.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Hier setzt David Foenkinos das Skalpell an, hier vollführt er seine Schnitte mit einer chirurgischen Präzision, die der Buchwelt alle Masken aus dem Gesicht schneidet. Man stürzt sich auf das geheimnisvolle Werk. Der Inhalt ist zwar relevant, eine schöne Story ist es ja schon, aber die Geschichte rund um diesen Roman und den geheimnisvollen und bereits verstorbenen Verfasser macht ihn zum begehrten literarischen Objekt. Wir werden Zeugen von Recherchen im Umfeld des Autors. Grandios, dass er Pizzabäcker war. Grandios, dass er scheinbar unbelesen war. Grandios, dass seine Familie nichts davon ahnte, dass er jemals etwas geschrieben hat. Grandios. Grandios. Grandios.

Wir erleben Vertreterkonferenzen, fühlen die elektrifizierende Wirkung im Verlag und erleben das, was man gemeinhin als Hype bezeichnet. Das Buch des Pizzabäckers aus der Bretagne wird zum Bestseller. 300000 Exemplare gehen in kürzester Zeit über die Ladentische. Der Buchhandel ist entzückt, die Medien drehen durch und in der Familie von Monsieur Pick beginnt man die Tantiemen zu zählen. David Foenkinos zelebriert alle Automatismen der Branche. Er wirft satirisch anmutende und doch so reale Blicke hinter die Kulissen der Verlagswelt und lässt seine Leser auf einer Welle des Genusses durch seinen Roman reiten.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Dabei führt er uns andere Erfolge der französischen Literatur vor Augen. Sie sind die Wegbegleiter dieser Geschichte, denn Romane wie „HHhH“ von Laurent Binet und Unterwegs zu Swann von Marcel Proust haben ihre so eigenen unverwechselbaren Geschichten und zeigen, wozu unser Buchmarkt immer wieder in der Lage ist. Plötzlich wird das Schicksal, unveröffentlicht zu sein zum Prädikat. Verlage springen auf den Zug auf und der große Reibach beginnt allumfassend. Man könnte brüllen vor Lachen, wenn man nicht gerade Buchliebhaber wäre und langsam den Wahrheitsgehalt dieser Story begreifen würde.

Wir taumeln durch eine Erfolgsgeschichte, die nur einen kleinen Schönheitsfehler hat. Kein Erfolg ohne Neider. Kein Hype ohne Haar in der Büchersuppe und nichts geht ohne, dass man zwanghaft versucht ist, auch das letzte kleine Mysterium im geheimen Leben des Monsieur Pick zu lösen. Ein abgehalfterter Kritiker macht sich auf die Fährte. Er will seine Sensation. Er will aufdecken, was bisher den Zauber der Geschichte und damit den Erfolg garantierte. Er will beweisen, dass es unmöglich der Pizzabäcker aus der Bretagne gewesen sein kann, der diesen grandiosen Roman verfasst hat. Ich folge ihm. Freue mich auf weitere Wendepunkte in der wundervoll erzählten Geschichte von Foenkinos und begehe den Lesefehler meines Lebens, weil ich lesend verdrängt habe, wessen Buch ich hier lese. Wessen Hörbuch ich mit einem brillanten Axel Milberg hier höre. Es geht um den Autor von Charlotte. Das hatte ich verdrängt.

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

Oh Mann – Da schreibt dieser David Foenkinos über 280 Seiten einen unglaublich satirischen und unterhaltsamen Roman über die Welt des Buchmarktes. Da fabuliert er, überzeichnet, persifliert und packt mich mit jeder Seite und jedem neu auftretenden Charakter neu. Im Hörbuch bringt mich Axel Milberg mit seinem scheinbar harmlosen Charme, wohl wissend was folgt, immer wieder zum Schmunzeln und ich treibe freudig durch die Wortwogen. Und dann… Dann nähert sich David Foenkinos dem Ende seiner Geschichte und zieht mich an den Füßen in die Tiefe seines Könnens. Da ist er wieder. Jetzt ist er der große tragische Romantiker, dem ich bereits in „Charlotte“ begegnete und ich schäme mich der Tränen und der Rührung nicht, die nun das Lesen begleiten.

David Foenkinos bringt “Das geheime Leben des Monsieur Pick“ zu einem völlig anderen Ende, als man dies auf den ersten 280 Seiten erwarten konnte. Er hat seine Ausgangssituation nicht gebraucht, um eine Satire zu schreiben. Ganz im Gegenteil. Er hat die Satire gebraucht, um über den wahren Wert der Literatur zu schreiben. Und hier setzt dieser Roman Maßstäbe, weil Foenkinos die losen Enden seiner Handlungsfäden zu einer Botschaft verwebt, die uns Büchermenschen im Herzen trifft. „Bücher können dein Leben verändern, selbst wenn du schon lange gestorben bist.“

Das geheime Leben des Monsieur Pick von David Foenkinos

„Das verschwundene Buch“ von Edward Berry

Das verschwundene Buch - Edward Berry

Das verschwundene Buch – Edward Berry

Es ist DIE literarische Sensation des Jahres. Es ist DAS Buch des Jahrhunderts. Es ist DIE Neuerscheinung der Bücherwelt, auf die weltweit sehnsuchtsvoll gewartet wird. Die wenigen Menschen, die ein Vorabexemplar lesen durften sind so begeistert, wie es seit Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Die Medien sind voller Lobeshymnen, Lehrer haben ihren Schülern empfohlen, das Buch der Bücher vorzubestellen und der Hype ist an den Buchhandlungen nicht spurlos vorübergegangen. Am Erscheinungstag stapeln sich die heiß ersehnten Exemplare in den Schaufenstern und warten auf Abholung.

Wie das Buch heißt? Wartet…Ich hab`s gleich. Es war irgendwas mit Drachen, oder mit Abenteuern, oder magischen Schwertern. Sorry. Ich hab´s vergessen. Ich weiß nur, dass es „Die schönste Geschichte aller Zeiten“ ist, die in diesem wertvoll gestalteten und illustrierten granatroten Prachtband mit dicker gelber Bauchbinde zu lesen ist. Der Name der Autorin lautet Lucy Ferrier. An mehr kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern, und nachschauen kann ich auch nicht, denn.. Es ist irgendwie verschwunden.

Das verschwundene Buch - Edward Berry

Das verschwundene Buch – Edward Berry

Es ist ein Jammer, ein Skandal, eine Tragödie. Keines der Bücher konnte verkauft werden. Kein einziges. Kurz vor Öffnung der Buchhandlungen stellte man fest, dass sie alle inhaltslos waren. Als seien die Worte und Bilder über Nacht verschwunden ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen. Tja, ebenso wie der Titel des Buches. Weg. Einfach weg und niemand, der es vorab lesen durfte kann sich mehr daran erinnern. Ihr könnt euch vorstellen, was dieses Drama für die Menschen bedeutete, die sehnsüchtig auf sein Erscheinen gewartet haben. Vom entsetzten Buchhandel ganz zu schweigen.

Und als sei dies nicht schon Katastrophe genug, stellen Leser auf der ganzen Welt fest, dass eine Literaturrevolution in Gang gesetzt wurde, die in ihren Ausmaßen einem Todesstoß für die klassische Jugendliteratur gleichkommt. Lehrern fällt dies zuerst auf. Weltweit sind Textänderungen in den großen Kinderbuchklassikern aufgetaucht, die es unverantwortlich erscheinen lassen, Jugendliche mit diesen unkalkulierbaren und dazu auch noch plötzlich grottenschlechten Büchern zu konfrontieren. Schulbüchereien und Bibliotheken werden geschlossen, der Verkauf der Bücher wird eingestellt und von der zeitgleich laufenden Frankfurter Buchmessen werden erschreckende Reportagen in alle Welt übertragen.

Das verschwundene Buch - Edward Berry - Auch Flocke hat vergeblich gesucht...

Das verschwundene Buch – Edward Berry – Auch Flocke hat vergeblich gesucht…

Die Schatzinsel, Pinocchio, Der Zauberer von Oz und Peter Pan sind nicht mehr die vorbildlichen und unfehlbaren Klassiker der Weltliteratur. Man stelle sich nur einmal vor, ein singender Pinguin-Chor sei in Mordor eingefallen und bevölkert den Hobbit und der legendäre Käpt`n Hook jagt Peter Pan mit einer Laserpistole durchs Nimmerland. Kann sich die Buchwelt von diesem Desaster jemals wieder erholen? Hängen alle Ereignisse zusammen? Ist das verschwundene Buch der Auslöser für alle Veränderungen? Gibt es einen Weg, die Jugendliteratur zu retten? Es gibt nur einen Weg, dies herauszufinden:

Lest „Das verschwundene Buch – Die schönste Geschichte aller Zeiten„!

Wenn man dem Autorenduo „Edward Berry“ glauben kann, dann ist die literarische Kavallerie bereits unterwegs. Pierdomenico Baccalario und Eduardo Jauregui haben sich genau diese brisante Ausgangssituation erdacht, um ihre Protagonisten in unsere Herzen zu schreiben. Der Sanssouci Verlag geht mit dem verschwundenen Buch in die Offensive, denn nichts lässt die Herzen bibliophiler Menschen  höher schlagen, als eine Geschichte, die das innere Gefüge der Literatur ins Wanken bringen kann. Ein Buch, in dem die Bücher unserer Kindheit eine wichtige Rolle spielen, wird dadurch gleichzeitig zum absoluten All Age-Roman, um den man sich mit dem eigenen Nachwuchs zanken kann.

Das verschwundene Buch - Edward Berry

Das verschwundene Buch – Edward Berry

Was die beiden Kreativköpfe sich ausgedacht haben, ist schon brillant. Es gibt nur eine einzige Chance, die Irrwege der Literatur wieder in die richtigen Bahnen zu lenken und damit alle Jugendbücher zu retten, die uns so sehr am Herzen liegen. Die Rettung naht in Person der Geschwister Alba und Diego Castells. Sie erleben die Katastrophe am eigenen Leib, da ihnen auf der einen Seite „Die schönste Geschichte aller Zeiten“ durch die Lappen geht, sie in der Schule die Veränderungen in „Peter Pan“ quasi live miterleben und ihre Tante, die Buchhändlerin Bea, auf die Idee kommt, die beiden nach Nimmerland zu schreiben.

Hört sich komisch an, ist aber so. Peter Pan kann nur von innen gerettet werden und es braucht schon einen wagemutigen Jungen und ein starkes Mädchen, um im Herzen der Handlung mit der Geschichte zu verschmelzen und Käpt`n Hook die Laserpistole zu stehlen. Hier taucht man im wahrsten Sinne des Wortes aus dem einen Buch auf und in das nächste hinein. Aber Vorsicht. Alba und Diego könnten mit ihrer Rettungsaktion den Plan mächtiger Strippenzieher durchkreuzen, die nur eins im Sinn haben. Die Literatur zu vernichten. „Das verschwundene Buch“ ist spannend, fantasievoll und intelligent in seiner Konstruktion. Mehr Lesespaß geht nicht.

Das verschwundene Buch - Edward Berry

Das verschwundene Buch – Edward Berry

Wenn ihr euch jetzt fragt, ob es mit Alba und Diego weitergeht, ich kann euch sehr beruhigen. „Das verschwundene Buch“ ist der in sich geschlossene Auftakt einer tollen Jugendbuchreihe mit unendlichem Potenzial. Es gibt noch viele Bücher, die es zu retten gilt und die mächtigen Gegenspieler haben ihr wahres Gesicht nicht gezeigt. Ich werde jedenfalls definitiv an der Seite der Geschwister bleiben und bin mehr als gespannt auf ihre weiteren Abenteuer. Für Erwachsene ist es wie ein Déjà-Vu, den eignen Klassikern zu begegnen und dabei mitzuhelfen, die Fehler zu beseitigen. Bei jüngeren Lesern wird die Neugier auf die literarischen Wurzeln geweckt und so liegen sie bald gemeinsam im Bücherregal. Dem verschwundenen Buch werden sich viele neuentdeckte Bücher zum immerwährenden Bücherdialog anschließen.

Das ist zugleich auch der Auftakt des astrolibrisch-literatwoischen PANoptikums. Es wird nicht der einzige Abstecher in die Welt der Jugendbücher sein, den Bianca und ich gemeinsam gehen werden. Peter Pan ist unsere Passion, das Nimmerland ist die Destination. Ein verlorener Junge, der niemals erwachsen werden möchte und ein ganz besonderes Mädchen, das  in die Welt seiner Träume entführt wird, werden sich auf die einzigartige Reise zu Peter Pan begeben und Träume wahr werden lassen.

Das verschwundene Buch - Edward Berry - Das Pan-Jahr beginnt...

Das verschwundene Buch – Edward Berry – Das Pan-Jahr beginnt…

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[Dechiffriert] “S – Das Schiff des Theseus”

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension

Bilder pflastern unseren Weg. Bilder eines Buches, wie es die Welt bisher noch nicht gesehen hat. Bilder eines mysteriösen schwarzen Schubers mit wertvollem Inhalt. „S – Das Schiff des Theseus“ des Autoren-Duos J.J. Abrams und Doug Dorst besticht in seiner gesamten Konzeption. Der vermeintliche Autor V.M. Straka ist ebenso fiktiv, wie die Tatsache, dass es sich bei diesem Roman um eine entwendete Bibliotheksausgabe handelt. Einzigartig scheint, was die beiden Autoren hier gewagt haben. Ehrgeizig und vielschichtig.

Die Beilagen zum Buch entfalten ein reichhaltiges Kaleidoskop aus Fotos, Briefen, einem Campus-Lageplan auf einer Serviette, Zeitungsschnipseln, Postkarten und einer Dechiffrierscheibe. Und damit nicht genug. Als hätten ein paar schreibwütige Teenager das Buch als Poesie-Album verwendet, finden sich auf fast allen Seiten handschriftliche Randbemerkungen in unterschiedlichen Farben, manchmal mit kleinen Zeichnungen verziert und mit krakeligen Verbindungslinien garniert.

Dies ist mein dritter Artikel über dieses epochale Gesamtkunstwerk. Ich habe mich der Originalausgabe genähert, bevor die deutsche Fassung vorlag, zog mich dann in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren mit der Übersetzung aus dem KiWi-Verlag zurück und versuchte das Lesen in vollen Zügen zu genießen. Bisher habe ich viel über die reinen Äußerlichkeiten geschrieben, über das haptische Gefühl, ein solches Buch besitzen zu dürfen, über mein ritualisiertes Lesen, um ihm gerecht zu werden.

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension - Die Shakespeare Frage

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – Die Shakespeare Frage

Heute geht es ans Eingemachte der Theseus. Und zwar schrittweise in den kleinen Häppchen, die den Roman zu einem unvergesslichen Leseereignis machen.

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Vorbemerkungen des Übersetzers

Noch bevor man die Tür zum eigentlichen Roman öffnet, betritt man im Vorwort des Übersetzers F.X. Caldeira die Vorhölle zum Roman „Das Schiff des Theseus“. Hier werden die Grundlagen zum Gesamtverständnis des gesamten Werkes gelegt und hier finden sich die ersten klaren Hinweise, womit wir es eigentlich zu tun haben. Caldeira bezeichnet sich als einzigen Weggefährten eines Schriftstellers, dessen wahre Identität das größte Geheimnis der Weltliteratur darstellt. Nur zu vergleichen mit der alten Frage nach der Identität Shakespeares, durchziehen auch hier Legenden und Spekulationen die Welt der Literatur. Wer ist V.M. Straka?

Auch F.X. Caldeira kann diese Frage wohl nicht beantworten, weist aber in allen Fußnoten zum Roman (und das sind echt unglaublich viele) auf mögliche Optionen hin. F.X. Caldeira selbst ist wohl der größte Anhänger Strakas, kennt dessen Denken und Schreiben wie das Eigene und hat außer ein paar Nachrichten und handschriftlichen Manuskriptseiten keine Ahnung, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Übersetzer und Autor sind sich nie persönlich begegnet und nun folgt mit „Das Schiff des Theseus“ der anscheinend letzte Roman aus der Feder von V.M. Straka.

Und der ist unvollendet. Wohlgemerkt. Denn das zehnte und letzte Kapitel liegt nur in Teilen vor und Caldeira selbst hat es im besten Sinne V.M. Strakas vollendet. Quasi als Liebeserklärung an jenen Autor, dem das ganze Übersetzer-Lebenswerk diente. Und genau hier setzt der doppelte Zerrspiegel des gesamten Buches an. Wem es letztlich gelingt, hinter die Fassade von F.X. Caldeira zu blicken, der erkennt schnell, was dieser Liebesdienst in Wahrheit bedeutet. Bewegend.

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Der Roman

Die eigentliche Story ist brillant erzählt. Der namenlose Protagonist, nur -S genannt, ist auf der Fahndung nach sich selbst. Verwirrt und völlig desorientiert macht ihm sein Gedächtnisverlust die Suche nicht leichter. Er zermartert sich das marode Hirn, woher er kommt, wer er eigentlich ist und welcher Mission er zu folgen scheint. Denn, dass er ein Ziel hat ist absolut unbestreitbar. Hier schwingt die Suche nach der Identität des Autors unmittelbar in die Handlung und schon ergeben Vorbemerkungen und Roman eine Handlungseinheit unter der Überschrift „Identität“.

Einzig verbindendes Element ist das Schiff, auf dem sich unser Suchender immer wieder findet. Eine geheimnisvolle Schebecke, die ihn zu seinen Einsätzen bringt. Zum Schweigen verurteilt ist die Mannschaft, zum Handeln verdammt ist unser Protagonist ohne Erinnerung: -S. Die Zeitebenen wechseln, einige Begegnungen scheinen nicht linear zu verlaufen und die Weggefährten auf dem gefährlichen Weg begleiten ihn mehr zufällig als geplant. Nur eine Frau namens Sola lässt -S nicht mehr los. Ihr gilt seine Leidenschaft, so unerreichbar fern sie auch immer sein mag. Und doch ergibt dieses wahllose Muster einen Sinn.

Es gilt, den Blick vom Kleinen auf das große Ganze zu lenken. Es gilt das Schiff als Konstante zu akzeptieren und die Besatzung als Ansammlung wechselnder Ruderer im Lauf der Geschichte. Der Roman ist ein gelungener und sehr tiefgründiger Aufruf zum immerwährenden Kampf weniger Aufrechter gegen Waffenhändler und Kriegstreiber. Ein Fanal der Verzweiflung und eine Chronik des Widerstandes unter dem Zeichen von „S“. Ein Manifest der Auflehnung gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Diktatur.

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S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Das Schiff des Theseus“ als philosophisches Theorem ist hier von grundlegender Bedeutung. Wechselt man alle Planken eines Schiffes aus, ist es dann immer noch das gleiche Schiff oder hat es seine Identität verloren? Geheimgesellschaften basieren auf dem gleichen Leitmotiv. Die einzelnen Beteiligten sind auswechselbar. Die Idee bleibt. Der Gegner bleibt gleich. Das Schiff fährt immer weiter. Als die Schebecke zum ersten Mal greifbar in der Weltgeschichte vor Anker geht, fallen dem Leser angesichts eines Attentats in Sarajewo die Schuppen von den Augen.

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Die Randbemerkungen

Auch hier begegnen wir zwei Suchenden, für die der Inhalt des Romans eine andere Bedeutung hat. Der Straka-Forscher und gescheiterte Doktorand Eric begegnet der Studentin Jen am Rande der Geschichte. Zufällig. Handschriftlich und im Verborgenen. Das Buch ist die Konstante in ihrer noch sehr jungen Geschichte. Eine Geschichte des gemeinsamen Lesens und der intensiven Suche nach Hinweisen im Buch, die auf die wahre Identität des Autors schließen lassen. Dieses große Rätsel wollen viele lüften. Ein Wettkampf mit den Literaturwissenschaftlern der eigenen Universität entbrennt.

Der Buchtausch zwischen den beiden wird mehrmals täglich vollzogen, ohne sich zu begegnen. Zahllose Randnotizen finden hier zusammen. Fragen führen zu weiteren Fragen. Antworten lösen Spekulationen aus. Auch hier verläuft der Kontakt nicht linear, denn die unterschiedlichen Farben der Notizen zeigen die verschiedenen Zeitebenen, in denen sie ihren Weg in den Roman fanden.

Die Suche nach V.M. Straka ist gefährlich, befindet man sich doch auf der Spur des kryptischen Geheimnisses, das der gesamte Roman verbirgt. Erst die Annäherung an den Übersetzer F.X. Caldeira bringt mehr Licht ins Dunkel. Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis der Botschaft dieses Buches. Ein vielfacher Kampf um die Erkenntnis, was wahre Identität heute bedeutet.

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S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Dass Eric und Jen von Seite zu Seite immer mehr zueinander finden, die Distanz zu bröckeln scheint und erste zarte Begegnungen ihre Spuren hinterlassen, verleiht der theoretischen Ebene nun zusätzliche emotionale Dynamik. Das Sich-Finden mit Worten ist verzweifelt romantisch. Die Momente des Alleinseins im Buch werden zu den großen Sehnsuchtsmomenten des Lesens. Und von Seite zu Seite reift die Erkenntnis, auf der richtigen Spur zu sein. Randnotizen, die viel mehr sind als das. Hand in Hand verwoben mit der Handlung des Romans und mit der Suche nach Wegmarken im Stil des Autors, dessen Geheimnis man lüften möchte. Und ganz nebenbei eine zarte Liebesgeschichte der besonderen Art.

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Die Fußnoten

Fußnoten pflastern den Weg von F.X. Caldeira. Versteckte Hinweise, Codes und Geheimnisse ranken sich um diese kleinen Texte. Pro Kapitel sind Rätsel zu lösen, die nur ein einziges Ziel verfolgen. Es ist die verzweifelte Suche eines Übersetzers nach seinem Schriftsteller. Es ist der letzte und verzweifelte Versuch der Kontaktaufnahme mit dem Verfasser des Romans. Es ist der geheime Schrei nach einem Lebenszeichen. Diese Fußnoten zu lesen ist nicht leicht. Sie sind auch nicht für unsere Augen bestimmt. Das erschließt sich, wenn wir am Ende des Romans am Rad gedreht haben.

Die Fußnoten stellten die größte Herausforderung in der Übersetzung des Originals dar. In ihnen verbergen sich Codes, die oft über Buchstabenfolgen oder Jahreszahlen, bezogen auf eine Kapitelüberschrift, einen Lösungssatz ergeben. Wenn man also diese Überschrift eines Kapitels ins Deutsche übersetzt, funktioniert der englische Code nicht mehr. Es mussten also auch viele Jahreszahlen in den Fußnoten geändert werden, um die Rätsel lösbar zu machen. Aber keine Sorge. Im Buch übernehmen das Jen und Eric für euch. Sie haben es drauf. Unterschiede US / DE… Ein Beispiel zu Seite 255.

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Die Beilagen

Alle Karten, Zeitungsschnipsel und Fotos machen dieses Kunstwerk authentisch. Da, wo wir fast die Haftung verlieren, reißen sie uns zurück in die Handlung und da, wo Randbemerkungen nicht mehr ausreichen, finden wir Briefe, die uns die Augen öffnen. Aus dem Grenzgang der theoretischen Betrachtung wird ein greifbarer Weg, dessen Zeugen wir geworden sind. Die Kommunikation zwischen Jen und Eric setzt sich auf dieser Ebene fort und spätestens wenn wir die persönlichen Zeilen von F.X. Caldeira finden, wird auch das Ende greifbar.

Als ich letztlich an der Dechiffrierscheibe drehte, in Google-Mapps versank und zum Navigator an Bord der Theseus wurde, traf mich die letzte Erkenntnis wie ein Schlag. Drei Ebenen finden zusammen. Drei Schreie nach Liebe, drei individuelle Suchen, drei Wege münden in die eine ewige Botschaft, ohne die Leben nicht möglich ist. Nur einer dieser Wege scheint sich jedoch vollenden zu können. Jen und Eric sind dem Buch weit voraus. Ich habe es ihnen so sehr gewünscht.

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Mein Fazit.

Lesen. Alles lesen. Jedes Wort. Auf jeder Seite. Alles ergibt einen Sinn. Alles wird zum Muster. Zeitebenen werden verständlich und greifbar. Sehnsucht und Widerstand finden sich. Die ewige Suche nach der Identität ist facettenreich und oft nicht ganz zu beantworten. Die tiefgründigen Randbemerkungen mutieren zum Buch im Buch und die Suchenden werden zeitlos suchen. Mit uns an ihrer Seite. Mit den magischen Worten, die nur eine Scheibe preisgibt. Sie bleiben haften.

Ein absolutes Lebensbuch. Es verdient die ungeteilte Aufmerksamkeit, einen ruhigen Leseplatz und tiefe innere Bereitschaft, sich in alle Ebenen fallenzulassen. Es verdient aufmerksames und aktives Lesen. Es verdient Stunden zu zweit in diesem Buch. Es befreit von Zwängen linearen Lesens und zeigt, wie brillant Bücher sein können. Eine Liebeserklärung an das Buch an sich und an die ewige Frage nach der Suche nach sich selbst.

Gebt dem „Schiff des Theseus“ eine Chance. Gebt ihm die Zeit, die es einfordert und bleibt ihm bis zum Ende treu. Dann setzt sich auch euer Geist aus den neuen Planken dieses Schiffes zusammen und ihr bleibt doch die Alten. Nur wird sich euer Horizont erweitern. Ich habe mich an Bord gefühlt, wie der intime Kenner eines Autors, der unter verschiedenen Pseudonymen schreibt. Ich habe mich lesend gefühlt, als würde ich in unterschiedlichen Büchern nach seiner Existenz fahnden. Als würde ich Lebenszeichen fernab der klaren Identität suchen. Ich habe mich gefühlt, als könne nur ich das Rätsel um V.M. Straka lüften. Ein großes Gefühl.

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Folgt mir an Bord und kapert mein Schiff! Lasst uns reden oder Randbemerkungen austauschen, die sicherlich gar keine sind. Es sind Liebeserklärungen im besten Sinne des guten Lesens. Ahoi.

Ab jetzt auch bei Literatur Radio Bayern hörbar:

S - Das Schiff des Theseus - Mit einem Klick zum Bordradio

S – Das Schiff des Theseus – Mit einem Klick zum Bordradio

PS: Wer die beiden folgenden Links anklickt ist selbst schuld. Aber ich stelle gerne die letzte Erkenntnis meines Lesens zur Verfügung. a) Ich habe am Rad gedreht und b) Der fehlende Code und das letzte Geheimnis. Ich habe euch gewarnt.

S - Das Schiff des Theseus - Die Rezension - AstroLibrium

S – Das Schiff des Theseus – Die Rezension – AstroLibrium

Westentaschenliteratur – Bücher von Format

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag

Stell Dir vor, Du sitzt mit sehr guten Freunden am Lagerfeuer Deines Lebens und möchtest ihnen eine wirklich gute Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die Du selbst gelesen hast. Vielleicht als Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten und schönsten Buch Deines Lebens. Sicher eine schwere Wahl, die Du zu treffen hast und doch fallen Dir ganz bestimmt spontan einige Romane ein, die Du jetzt in dieser ganz besonderen Atmosphäre gerne mit Deinen Freunden teilen würdest.

Würdest Du auf die Idee kommen, mal eben kurz und knapp Anna Karenina von Leo Tolstoi zu erzählen, oder wäre das schlicht und ergreifend zu umfangreich? Sind es wirklich die richtigen literarischen Schinken, die hier geeignet sind oder heißt es nicht in dieser Situation erst recht In der Kürze liegt die Würze? Nicht auf die Länge kommt es an. Es ist immer wieder beeindruckend, dass die wirkliche Größe allzu oft im Kleinen verborgen liegt. Romane, die in ihrer gebundenen Form nur wenig Raum einnehmen, erobern das Denken und die Fantasie, weil es ihnen gelingt, Gefühle und Handlung präzise auf den Punkt zu bringen.

Diesen Buchschätzen widmet der Atlantik Verlag ein ganz eigenes Buchformat, das ich gerne als Westentaschenliteratur bezeichne. Große und etablierte Werke der modernen Literatur in kleinen handlichen und sehr robusten Ausgaben, die kaum Platz wegnehmen, in jede Tasche passen und eine schöne Sammlung ergeben, wenn man sie im Bücherregal des Lebens zusammenführt. Sie schließen die Lücke zwischen der mündlichen Erzähltradition und dem gebundenen Buch, weil sie genau die Geschichten enthalten, die sich für das literarische Lagerfeuer eignen. Sie sind wahre Kleinode der Buchgeschichte. Großode… Auch wenn sie in die Westentasche passen.

Darf ich Euch drei dieser Kleinen vorstellen, die ich in meinem Lesen nicht mehr missen möchte? Ja… ich denke schon…

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag - Novecento

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag – Novecento

Alessandro Baricco – Novecento

Nicht nur in Buchform hat Baricco bisher für Furore gesorgt. Zwei seiner Romane wurden verfilmt, sind zu Legenden geworden und haben dem Meister des kreativen Schreibens einen ganz eigenen Platz im Literaturolymp reserviert. Ich bin bekennender Baricco-Liebhaber, mein Nickname Mr. Rail stammt aus seinen Büchern und Seide ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens. Auch Novecento wurde bereits verfilmt. Ein Roman, der für mich untrennbar mit der Suche nach mir selbst verbunden ist. Eine zeitlos gültige Parabel über die Enge des Lebens und die vergeblichen Fluchten in die große weite Welt.

Ein Entwicklungsroman, wie er im Buche steht. Novecento wird als Baby an Bord des Luxusdampfers „Virginan“ ausgesetzt. Mehr als dieses Schiff lernt er nicht kennen. Die Grenzen seines Lebens reichen genau vom Bug bis zum Heck des Luxusliners. Novecento bewegt sich spielerisch leicht im Rhythmus des Ozeans. Er bewundert das Bordorchester und wird im Lauf seines Lebens zum wohl größten Pianisten, den die Welt je gesehen hat.

Wenn ihn die weite Welt nur sehen könnte. Novecento weigert sich, die Virginian zu verlassen. Seine Karriere bleibt mit ihm selbst an Bord. Große Pianisten kreuzen seinen Weg, um sich mit ihm zu duellieren. Produzenten wollen seine Magie auf Schallplatte bannen. Den Weg an Land findet Novecento jedoch nie. Bis eines Tages ein Mädchen die Schiffsplanken seines Lebens betritt. Er komponiert seine Liebe, spielt all seine Gefühle und improvisiert seine pure Leidenschaft. Ob es der Liebe gelingt, ihn auf die Gangway zu führen? Jetzt, wo es mit der Virginian bergab geht und die Verschrottung droht? Geht an Bord und versucht Euer Glück…

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag - Adressat unbekannt

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag – Adressat unbekannt

Kressmann Taylor – Adressat unbekannt

Für mich unbestritten eine der wichtigsten fiktiven Auseinandersetzungen mit der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus. Ein Roman von zeitloser Relevanz und Strahlkraft, der auf sehr viele Diktaturen dieser Welt großen Einfluss haben könnte. Ein Wegweiser in Zeiten von ohnmächtiger Wut und Hilflosigkeit. Ein deutlicher Aufruf zum Widerstand in unmöglichen Rahmenbedingungen. Wer einen kleinen Tipp braucht, wie man den glühenden Anhänger eines totalitären Systems mit seinen eigenen Waffen schlagen kann, der muss ganz einfach zu diesem Buch greifen.

Eine gemeinsam geführte Kunstgalerie zweier guter Freunde. Die Machtübernahme der Nazis. Die Emigration des jüdischen Freundes nach San Francisco. Der Versuch, den Lebenstraum an zwei Orten weiterleben zu können. Beide Freunde in Sicherheit. Briefe dienen der Kommunikation. In San Francisco wird bemerkt, wie sich Deutschland verändert. Und nicht nur das. Auch der Mensch, an den man schreibt, verändert sich. Die braune Sprache wird spürbar. Verachtung. Vorurteile. Die Ideologie beißt sich fest.

Die Tochter des Juden ist noch in Österreich. Sie wird verfolgt. Sie wendet sich an den Freund des Vaters, der in größter Sorge hilflos auf die alte Freundschaft vertraut. Er schreibt verzweifelt. Er schreibt flehend. Die Antwort jedoch ist erschütternd. Heil Hitler. Ich bedauere sehr… Vergebens. Alles vorbei. Nur noch Rache im Herzen, doch was kann man tun auf diese Distanz? Wie kann man die eigene Tochter rächen? Durch Briefe. Es wird weitergeschrieben. Subtil. Bis zum Ende…

Eine der größten literarischen Überraschungen, die ich erlesen durfte. Ein MUSS!

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag - Aus Liebe zum Buch

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag – Aus Liebe zum Buch

Ann Patchett – Aus Liebe zum Buch

Wir alle lieben Bücher über Bücher und tauchen als bibliophile Menschen sehr gerne in die Welt besonderer Buchhandlungen ein, die als leuchtende Symbole für das gute Lesen magische Anziehungskraft haben. Wer erinnert sich nicht an die Buchhandlung Parnassus im Haus der vergessenen Bücher von Christopher Morley? Wer würde sich nicht am liebsten dort einschließen und die buchige Seele baumeln lassen?

Ich sprach über Christopher Morley mit Daniel Kampa, dem Verleger von Hoffmann und Campe und dem Atlantik Verlag. Einfach reinhören und dann nicht mehr wundern, warum sich diese Westentaschenliteratur einen besonderen Platz erobert hat. Literatur Radio Bayern am Puls der Zeit.

Ach ja.. Parnassus... So heißt auch die Buchhandlung in der kleinen Geschichte der amerikanischen Autorin Ann Patchett, die im Original unter dem Titel The bookstore strikes back erschienen ist. Am 18. Januar ist dieses Kleinod im Buchhandel erhältlich und Ihr solltet schon jetzt die Buchstiefel schnüren, um Euch ein Exemplar zu sichern. Ich bin mir mehr als sicher, dass man sich diese bewegende Geschichte noch lange an den Lagerfeuern der Bibliophilie erzählen wird. Und unter vorgehaltener Hand unserer Buchhändler wird man sie sich wohl mit großer Schadenfreude zuflüstern. Kauft dieses Buch beim Buchhändler eures Vertrauens. Dafür lebt es. Danach schreit es.

Lachenweinen für das gute Lesen. All dies vereint Aus Liebe zum Buch.

Westentaschenbücher - Atlantik Verlag

Westentaschenbücher – Atlantik Verlag

Ein Ausblick zum Schluss: Es geht weiter mit diesen Westentaschenbüchern. Es geht weiter mit der großen Literatur im kleinen Format. Dabei beweisen diese Kleinen wahre Größe. Sie fühlen sich an, wie die pure Essenz des guten Lesens. Sie sind das perfekte Geschenk für bibliophile Menschen (natürlich nur, falls man sich selbst überhaupt davon trennen kann). Ich werde natürlich über diese ständig wachsende Sammlung berichten. Diese gebundenen Kleinode stellen dabei ein ganz eigenes literarisches Sternsystem in der Himmelskarte meines guten Lesens dar. Gemeinsam ergeben sie einen buchigen Fixstern am Firmament. Man kann sich an ihm orientieren.

Und es geht weiter mit Alessandro Baricco.

Mr. Gwyn erscheint am 27. Februar bei Hoffmann und Campe. Eine Neuerscheinung, die mich schon jetzt völlig überzeugt hat. Ich habe das Vorabexemplar gelesen und unter der Überschrift Mr. Rail trifft Mr. Gwyn erwartet Euch schon bald eine sehr emotionale Buchvorstellung in der kleinen literarischen Sternwarte – und vielleicht sogar mehr…

Alessandro Baricco - Mr. Gwyn - Die Reise geht weiter

Alessandro Baricco – Mr. Gwyn – Die Reise geht weiter