Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch] - AstroLibrium

Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Adressat unbekannt. Die Geschichte ist nicht neu. Der Briefroman von Kressmann Taylor wurde bereits 1938 in der New Yorker Zeitung Story und dann im Folgejahr als Buch im US-Verlag Simon & Schuster publiziert. Katherine Taylor musste dabei ihr wahres Geschlecht hinter dem maskulinen Pseudonym „Kressmann“ verschleiern, da ihr Verleger der Meinung war, dass ein höchst politischer Text von einer Frau in dieser Zeit nicht ernst genommen würde und keine Beachtung fände. So kam es, dass dieser epochale und aufrüttelnde Briefroman über das Zerbrechen einer Freundschaft bis in unsere Zeit einem „intelligenten und vorausschauenden Schriftsteller“ zugeschrieben wird. Was für ein Irrtum, welch literarische Fehleinschätzung.

Ihr Briefroman war so politisch, wie ein Roman nur sein konnte. Er traf die Nation mitten ins Herz, weil die Autorin das Schicksal jüdischer Immigranten ins Zentrum der Erzählung stellte, die sie ihren Mitbürgern um die Ohren schlug. Man verhielt sich noch zurückhaltend gegenüber dem Nationalsozialismus in Deutschland. Man ignorierte alle Aufrufe der jüdischen Gemeinden angesichts aufkommender Gerüchte über Pogrome, Verfolgung und die geplante Massenvernichtung jüdischen Lebens. Man setzte auf gute wirtschaftliche Beziehungen zum Dritten Reich und wollte vermeiden, dass in Berlin als Störfeuer empfunden wurde, was eigentlich Humanität hieß. Und dann kam sie. Dann kam „Adressat unbekannt“ und demaskierte die Nazi-Diktatur mit einem Schlag und auf ganz wenigen Seiten.

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Kressmann Taylor lässt in diesem legendären Briefwechsel zwei deutsche Freunde zu Wort kommen. In San Francisco betrieben sie eine gut gehende Kunstgalerie, bevor Martin Schulse 1932 nach Deutschland zurückkehrte. Vierzehn Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zieht es ihn nach Hause. München ist sein Ziel. Sein jüdischer Geschäftspartner bleibt in San Francisco und führt von dort das gemeinsame Geschäft. Max Eisenstein schreibt nach Bayern. Er schreibt vom Fehlen seines Freundes, vom Erfolg der Galerie und ist interessiert an der politischen Entwicklung der gemeinsamen Heimat. Es sind emotionale Briefe, die München und San Francisco verbinden. Bis der Ton beginnt, zunehmend politisch zu werden.

Während sich Max Eisenstein zunehmend besorgt über die Machtergreifung der Nazis äußert, muss er den Worten seines Freundes aus München entnehmen, wie es den neuen Machthabern immer mehr gelingt, das Land, die Gefühle und den Hass im Sinne dieser Ideologie zu kultivieren. Es ist ein schleichender Prozess, der von Martin Schulse Besitz ergreift. Er gerät ins Schwärmen, wenn er über die neue Stärke seines Heimatlandes schreibt. Man spürt, wie sehr er Partei ergreift und wie sich die Diktatur langsam um ihn schließt und ihn in einem braunen Kokon verschwinden lässt. Als Max Eisenstein beginnt, besorgte Fragen über das Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu stellen, zeigt ihm sein Freund die kalte Schulter. Indoktriniert bis in die Haarspitzen ist Martin auf dem besten Wege, Teil des Systems zu werden. Koste es, was es wolle.

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Die Informationen über die Entrechtung der Juden in Nazi-Deutschland, die sich in diesen Briefen verbergen, sorgten in Amerika für Betroffenheit. Mehr jedoch nicht. Man war nicht bereit, dem Glauben zu schenken. Man ließ sich von Adolf Hitler einlullen und setzte auf Deeskalation. Kressmann Taylor besaß den Mut, über Judenverfolgung und die völlige Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung aus der deutschen Gesellschaft zu schreiben, als ihre eigenen Mitbürger die Wahrheit noch ignorieren wollten. Es war die Zeit, in der es auch dem großen Charlie Chaplin nicht gelingen wollte, sein Filmprojekt Der große Diktator zu finanzieren. Eine Zeit der Blindheit und Taubheit aller Sinne.

Kressmann Taylor lässt die Briefe eskalieren. Max Eisensteins Sorge um Griselle bestimmt seine Texte. Die eigene Schwester befindet sich in Deutschland, sie fühlt den Atem der Nazis in ihrem Nacken, ihre Zeit als Schauspielerin endet mit Beschimpfung und Berufsverbot. Sie fühlt sich verfolgt. Max bittet seinen Freund um Hilfe. Er fleht ihn an. Er empfiehlt seiner Schwester bei Martin Schulse in München Zuflucht zu suchen. Brief um Brief bittet er seinen „guten Freund“, Griselle zu helfen. Die Antworten sind erschütternd. Sie beginnen mit der Begrüßungsformel eines echten Nazis. „Heil“ steht fortan für Distanz und Ablehnung. Als Eisenstein seiner Schwester verzweifelt schreibt, erhält er keine Antwort mehr. Sein Brief wird retourniert. „Adressat unbekannt„. Die Sorge steigt ins Unermessliche.

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Diese Briefe zu lesen, ist sehr hart. Sich vorzustellen, wie viel Zeit der Ungewissheit zwischen ihnen liegt, zermartert die Leserseele. Und doch schützt das Lesen vor allzu großer Gefühlswallung. Man kann sich distanzieren, die Zeilen analysieren. Aus dieser Distanz wird das schier Unerträgliche zumindest ein wenig gemildert. Den immer mehr aufkommenden Hass in mir jedoch konnte ich auch lesend nicht unterdrücken. Das zu hören, es von zwei brillanten Stimmen gelesen zu hören, die sich in diese Geschichte fallen lassen, versetzte mich in atemloses Erschrecken. Die brutale Dynamik der Briefe erhält in der Hörbuchproduktion „Adressat unbekannt“ aus dem Hause ZYX Music in genau einer Stunde eine neue Dimension des literarischen Nachempfindens.

Es ist Matthias Brandt, Grimme Preisträger, Bambi-Besitzer, Deutscher Hörbuchpreis ausgezeichneter Willy-Brandt-Sohn, Schauspieler und Schriftsteller, der seine Stimme für Max Eisenstein ins Gefecht wirft. Versachlicht und verbindlich beginnt sein Lesen in der Zeit, in der sich die Freunde nur Gutes schreiben. Aufgewühlt, zerrissen, flehentlich und verzweifelt appelliert er in den Briefen an den Freund in Bayern, der Schwester zu helfen. Matthias Brandt legt alle Emotionalität in seinen Vortrag, der es bedarf, um sich in den Juden Eisenstein hineinversetzen zu können. Das gelingt ihm bravourös. Seinen Appellen sitzt im Studio Stephan Schad gegenüber, der sich in seinem Tonfall zu dem glühenden Verehrer des Führers entwickelt, den man sich lesend nicht besser denken kann. Er wird härter, distanziert und egoistisch. Brutal wird die Sprache, brutal wird die Stimme. Der Egoismus eines ideologisch Verblendeten kann besser nicht interpretiert werden.

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Adressat unbekannt von Kressmann Taylor [Hörbuch]

Als Kressmann Taylor das Blatt wendet, wenden sich auch die Stimmen. Aus der besorgten Eisenstein-Stimme wird der brutale, sein Gegenüber sezierende Rächer, in dessen Tonlage sich ein tödlicher Plan widerspiegelt, der das Nazi-System und seinen Freund mit den eigenen Waffen schlägt. Währenddessen kultiviert Stephan Schad sein Atmen zum Stilmittel des Erkennenden, des sehenden Auges in den Untergang und in den Tod Getriebenen. Die Rollen wechseln. Die Sprecher agieren, als wären sie selbst involviert. Es ist bedrückend und faszinierend zugleich, miterleben zu dürfen, wie sich die zeitlose Botschaft von Kressmann Taylor nun auch sprachlich Bahn bricht.

Am Ende hört man atemlos die letzten Umdrehungen der CD. Man wagt es kaum, die Stopp-Taste zu drücken. Es ist ein magischer Moment. Sei dir nicht sicher in dem System, das auf der Basis der Entrechtung von Menschen funktioniert. Eine Diktatur frisst alles auf, was ihr im Weg steht. Dieses Wissen muss man nutzen, um gegen sie zu kämpfen. Kressmann Taylors Botschaft ist tragfähig, auch wenn sie die Rache im Herzen trägt. Diese Rache jedoch ist ein Signal für all jene, die denken, sie wären im Herzen des Nazi-Gedankenguts sicher. Eine Botschaft, die auch heute noch trägt.

Raumpatrouille von Matthias Brandt - Astrolibrium

Raumpatrouille von Matthias Brandt

Nehmt euch eine Stunde Zeit. Ihr werdet sie nie vergessen. Mehr zu diesem Thema findet ihr in meiner Blog-Kategorie „Vergissmeinnicht. Gegen das Vergessen„. Mehr zum Autor Matthias Brandt findet ihr in meiner Rezension zur „Raumpatrouille„. Hier schreibt es, wie ihm der autobiografische Schnabel gewachsen ist. Ein Brandt-Buch…

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(Off-Topic) Was man aus Briefromanen lernen kann

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Wohin nur mit meinen Gefühlen? Wohin nur mit Tiefgang und Inspiration? Wohin mit all den Worten, die man einem geliebten Menschen sagen möchte? Antworten auf diese Fragen tragen in unserer schnelllebigen Zeit recht skurrile Namen, die in ihrer eigenen Verkürzung auch das Wesen unserer Kommunikation charakterisieren. E-Mail, SMS, WhatsApp oder Chat. Zauberworte ständiger Erreichbarkeit und gleichzeitig auch Zeichen brennender Erwartungshaltung, weil man an der Lesebestätigung sieht, wann der Adressat die Nachricht gelesen hat. Und von diesem Moment an beginnt man, die Sekunden bis zur ersehnten Antwort zu zählen. Und wehe, sie kommt nicht verzugslos.

Darüber hinaus passt man sich mit seinem Inhalt diesen neuen Medien an. Vieles wird auf Weniges heruntergebrochen, abgekürzt, mit Auslassungen versehen oder ganz weggelassen, weil einfach der Platz nicht reicht. Die Kreativität erleidet Schiffbruch und die Zeit für eine langsame Annäherung fällt dem virtuellen Tempo des Schreibens zum Opfer. HdL ist da manchmal schon das Höchste der Gefühle. Elektronische Zeichen im automatischen Korrekturmodus befreien uns vom Anspruch der gestochenen Präzision in Formulierungen, die Brücken schlagen und Herzen erobern sollen.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann – Eine Liebe über dem Meer

Es ist hier wie in der digitalen Fotografie. Das Foto ist sofort abrufbar. Warum sollte man sich also bemühen. „Der Film ist bald voll“ – eine Warnung aus der Vergangenheit. Neugier und Staunen gehen verloren, weil sich Bilder nicht mehr entwickeln müssen. In einem Augenblick wird der Schnappschuss zum Abbild unseres Seins. Schnappworte sind es dann auch nur, die wir uns in Kurzform um die Ohren hauen. Es vergeht keine Zeit mehr, bis eine Nachricht ihren Empfänger erreicht. Es vollziehen sich keine Rituale mehr, weil man es nicht mit den guten alten handschriftlichen Briefen zu tun hat, denen früher sogar der Duft der Angebeteten anhaftete. Von liebevollen Verzierungen einmal ganz abgesehen.

„Ihre Briefe ließen sie zu den Menschen werden, die sie sein wollten.“

Das ist die Magie. Das ist der Zauber unseres Schreibens. Vielleicht ein Zauber, der immer mehr verlorengeht und in der „Verfloskelung“ eilig aneinandergereihter Worte ein Stadium erreicht hat, das unsere Gefühle unbeschreiblich macht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sitze noch gerne stundenlang über meinen handschriftlichen Zeilen. Ich bin bemüht, ihnen durch mein Schriftbild einen Charakter zu verleihen, der für sich spricht ohne etwas gesagt zu haben. Mein Gegenüber soll fühlen, dass ich nicht in Eile war, ich es ernst meine und nicht zwischen Tür und Angel nach schnellen Worten gesucht habe, die nur Platzhalter für das Unausgesprochene sind. Wer diesen Zauber des Moments in seinem eigenen Leben vermisst, wer ihn spüren möchte oder wer sich sehnsüchtig auf die Suche nach dem großen Geheimnis bedächtig ausgetauschter Worte macht, der ist bei Jessica Brockmole an der richtigen Adresse. In ihrem Briefkasten schlummert der Zauber einer Faszination, die nur Handschriftliches erzeugen kann.

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Letters from Skye ist der Titel des wohl meistunterschätzten Romans der letzten Jahre, woran zumindest hierzulande der Titel Eine Liebe über dem Meereinen Teil der Schuld trägt. Was schnulzig daherkommt und in der Covergestaltung mehr als klar macht, dass Männer besser einen weiten Bogen um diesen Roman machen sollten, ist eine unfassbar tief angelegte Charakterstudie zweier Menschen, die in ihren Briefen zu den Menschen wurden, die sie sein wollten. Briefe von Kontinent zu Kontinent. Worte in einer Tiefe, die den Ozean verspottet. Sätze von zeitloser Schönheit in einer Zeit, die im weltumspannenden Schrecken des Ersten Weltkrieges eine Gefühlsstarre auslöste, die der Unmenschlichkeit späterer Kriege den Weg ebnete.

Und doch gab es diese eine Insel in der schottischen See. Ein Biotop der Emotion. Skye. Hier lebt Elspeth Dunn, eine Dichterin, die sich als ungelesen empfindet. Für sie gleicht es einem Wunder, einen Brief aus Urbana, Illinios zu erhalten, in dem ein junger Mann namens David Graham seine tief empfundene und aufrichtige Bewunderung für ihre Gedichte zum Ausdruck bringt. Sein erster Brief ist der Beginn einer Freundschaft, aus der sich von Wort zu Wort, von Satz zu Satz in einer spielerischen Leichtigkeit und geprägt von emotionaler Offenheit eine Liebe entwickelt, die sprachlos macht. Elspeth schreibt zart, humorvoll, spontan und jedes Wort bringt eine Saite auf der anderen Seite des Ozans zum Schwingen.

Da draußen gibt es irgendetwas für Sie.
Geben Sie die Hoffnung nicht auf. Sie werden es finden.

 Schon bei diesen Worten ahnt sie, dass sie sich selbst damit meint…

Eine Liebe über dem Meer – Jessica Brockmole – Was man aus Briefromanen lernen kann

Die Entfernung lässt klein erscheinen, was doch wahrhaft gewaltig ist. Worte sind in der Lage, zu vereinen, was unvereinbar scheint. Und doch türmen sich Probleme auf, die alles zerstören können. Der Erste Weltkrieg tobt sich aus, Elspeth ist alles, nur nicht ledig und David stellt sich in den Dienst seines Landes und überquert den Ozean. Wird die erste wahrhafte Begegnung die gewechselten Briefe bestätigen? Was macht dieser Moment aus zwei Menschen, die sich noch nie gesehen haben? Und wie geht der Rest der Welt mit dieser Liebe um? Jessica Brockmole umschifft jede verkitschte Klippe und entfaltet eine Geschichte auf zwei Zeitebenen, die uns zu Zeitzeugen einer wundervoll beginnenden Liebe werden lassen. Aber auch zu Zeugen ihres plötzlichen Endes…

Als die Tochter der Dichterin im Zweiten Weltkrieg auf die Briefe ihrer Mutter stößt, begibt sie sich auf die Suche nach dem geheimnisvollen Absender aus Amerika. Seine Worte lassen immer noch erahnen, welcher Emotionstaumel zwanzig Jahre zuvor das Leben ihrer Mutter aus der Bahn geworfen hatte. Gut nur, dass sie ihre Mutter mit dem Briefwechsel von einst konfrontieren kann und mehr als nur einem großen Geheimnis auf die Spur kommt. Dieser Briefroman ist mehr als nur ein Liebesbeweis an die Macht des geschriebenen Wortes. Es ist ein grandios recherchierter Kriegsroman, der zeigt in welchen Situationen sich Lebenswege entscheiden. Es ist eine psychologisch brillante Erzählung, aus der man viel für sein eigenes Schreiben lernen kann.

Off-Topic – Was man aus Briefromanen lernen kann

Briefe sind nicht unbedacht zu schreiben. Sie überdauern die Zeit und doch bleiben sie zumeist auf ewig voneinander getrennt. Den wahren Briefwechsel kennen nur zwei Menschen. Und das sollte so bleiben. Wenn Briefe jedoch so geschrieben werden, wie es das Gegenüber verdient hat, dann lässt sich auch im Lesen der Briefe auf der einen Seite des Gefühlsozeans die Dimension der Liebe ermessen, die auf der anderen Seite so lebenswichtig war. Ich hoffe, dass dies mit meinen Briefen gelingt. Ich wünsche mir, dass sie auch später noch Zeugnis ablegen können von Gefühl, Hoffnung, Zweifel und der puren Lust am Leben. Aus einem rekonstruierten Chatverlauf oder mit einer Reihe von E-Mails oder SMS würde dies nicht gelingen. Nur auf dem Papier bleiben die beim Schreiben vergossenen Tränen lebenslänglich sichtbar… Und weit darüber hinaus.

Daraus können wir lernen, wem wir wie und was schreiben. Wir sollten uns dabei vielleicht in die Vergangenheit zurückversetzen, uns vom hohen Erwartungsdruck der sofortigen Antwort befreien, sondern dem Gegenüber ebenso viel Zeit einräumen, um seine Worte zu finden. Ich stelle mir vor, ich schriebe meine Briefe auf der Insel Skye. Ich stelle mir den langen Postweg vor und denke mich an einen ruhigen Ort im Hafen, um auf das Postschiff zu warten. Und dann stelle ich mir meine unendliche Freude vor, die ich empfinde, wenn ich an der Handschrift und dem Inhalt des Briefes erkenne, wie sehr ich erkannt wurde.

Off-Topic – Briefe, die das Leben verändern können…

Schreiben Sie mir, oder ich sterbeist in seiner gebundenen Form und als Hörbuch ein bewegendes Beispiel, wie Liebesbriefe die Zeit überdauern können. Briefe, die nie für unsere Augen bestimmt waren, aber eben auch Briefe, für die sich die prominenten Absender niemals schämen mussten, weil sie mit ihren Worten Menschen zum Fliegen brachten. Und jetzt schreibe ich einem Herzensmenschen ein paar Zeilen. Mögen auch sie die Zeit überdauern.

Sicher fallen euch jetzt viele Briefromane ein, die euren Lebensweg gekreuzt haben und viele davon werde ich gar nicht kennen. Ich bin für jeden Tipp dankbar, da ich mich oft danach sehne, in den Briefen anderer Menschen einzutauchen und ihnen durch die Zeit zu folgen. „24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau“ von Constanze de Salm handelt von einem handschriftlichen Monolog. Hier schreibt die Protagonistin an sich selbst. Eifersucht findet ihr Ventil in unbeantworteten Briefen. Lesenswert.

Leuchtturm-Bücher bei AstroLibrium – Eine Leseinsel

Leuchtturm-Bücher – Eine besondere Leseinsel bei AstroLibrium.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eifersucht ist ein mächtiges Gefühl. Nagende Selbstzweifel, bohrende Fragen, Angst vor Enttäuschung und das drohende Damoklesschwert, sich nach außen zu blamieren, setzen Gefühlswallungen und emotionale Irritationen frei, die ihresgleichen suchen. Es ist sicher nicht gewagt zu behaupten, dass gerade Frauen empfänglich sind für diesen emotionalen Wirbelsturm. Ich könnte ja ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern, aber das ist eine andere Geschichte. Eine gute allerdings… (weiterhören?)

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension - Hören Sie gut

Mit nur einem Klick zur Radio-Rezension – Hören Sie gut

Eifersucht bedient sich in der heutigen Zeit einiger Hilfsmittel, die wie ein Ventil in der Lage sind, das Gefühlschaos in die weite Welt zu tragen. Von Überwachung bis hin zur üblen Nachrede hinter vorgehaltener Hand reicht das Spektrum, wenn es gilt, seine Eifersucht so richtig auszuleben. Man nehme ein Beispiel. Der Geliebte steigt zu einer völlig fremden Frau ins Auto und verschwindet ohne Abschiedsworte mit ihr ins Nichts. Was passiert?

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Die Technik schlägt zu. WhattsApp beginnt seinen Dienst zu verrichten. Eine Flut von Nachrichten, Vorwürfen und Fragen erreicht den auf der Flucht befindlichen Mann. Die blauen „Ich habe gelesen-Häkchen“ zeigen der Verschmähten sofort an, ob die Texte gelesen wurden. Und sollten diese Häkchen stumm bleiben, geht es eben mit anderen Medien weiter. SMS, Telefonate dienen der inneren Klammerbewegung. Facebook und Instagram machen den Zweifel erstmals öffentlich und hintergründige Gruppenchats mit gemeinsamen Freunden werfen die Klatsch- und Tratsch-Maschine an. Und wenn alles nichts hilft, dann erfolgt die Rache mit allen verfügbaren High-Tech-Mitteln.

Die Dame von heute zelebriert ihre Eifersucht im Format 2 Punkt Null.

Wie war dies früher? Wie konnte sich Eifersucht ihren Weg bahnen, als es diese Kommunikationswege noch nicht gab? Eifersucht im Wandel der Zeit kann ein mehr als interessantes Thema sein, besonders wenn man ein literarisches Werk zurate zieht, das hier als echter Meilenstein betrachtet werden kann. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frauvon Constanze de Salm beschreibt das Dilemma des plötzlich verschwindenden Geliebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und aus dem bereits oben genannten Beispiel müssen wir nur einige Parameter dezent verändern, um den Verlust im richtigen situativen Kontext verstehen zu können.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Wir streichen das Auto und ersetzen es durch eine Kutsche, in der sich die Flucht des Geliebten mit einer fremden Frau vollzieht. Wir ersetzen die HightTechWelt unserer sozialen Medien durch einen Bogen Briefpapier und einen Stift und billigen der soeben Verlassenen das komplette Gefühlspaket der Eifersucht zu, wie wir sie auch heute noch kennen. Und dann beobachten wir die Dame dabei, wie sie in vierundzwanzig Stunden unzählige Briefe an die verloren geglaubte Liebe ihres Lebens schreibt. Briefe, auf die sie niemals eine Antwort erhält.

Statt auf WhattsApp muss sie sich auf den treuen Diener Charles verlassen, der ihre Briefe zu übergeben hat. Und wie das nervöse Warten auf die Lesebestätigung auf unserem Smartphone frisst sich die Wartezeit auf Charles ins Gemüt der Dame, die so dringend auf ein Lebenszeichen ihres Geliebten wartet. Die Botengänge jedoch bleiben erfolglos. Wo heute Handys besetzt sind, SMS zwar gesendet, jedoch nicht empfangen werden und sich der WhattsApp-Haken nicht blau verfärbt, findet der Diener niemanden vor, dem er die Briefe übergeben kann. Die Eifersucht bekommt krankhafte Schübe.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Heute wie früher ist die gefühlte Isolation die wahre Triebfeder der Eifersucht. Es sind die bedrohlichen Gedanken, Spekulationen und das eigene Ego, die unkalkulierbar und selbstzerstörerisch wirken. Gefühlstaumel entstehen dann, wenn Nachrichten nicht ankommen, ignoriert werden und die eigene Fantasie Bilder erzeugt, die bestimmt jeder Grundlage entbehren. Der Verstand setzt aus. Und die eruptiven Wellen der Eifersucht verursachen emotionale Automatismen, gegen die man nur schwer angekämpfen kann. Constance de Salm gelingt in ihrem Briefroman ein literarisches Meisterwerk in kleinem Maßstab, da sie die Perspektive ihrer Protagonistin zum absoluten Erzählraum erhebt.

Enge, Abschottung und das Fehlen von Informationen sind Brandbeschleuniger für die verzweifelte Frau. Ihre Eifersucht bahnt sich wortreich einen Weg in ihre Briefe, die ihren Adressaten nicht erreichen. Verzweiflung löst unterschiedliche Szenarien aus, die typische Verlaufsmuster der Eifersucht sind. Selbstzweifel, Drohung, Hass, Vergebung, grenzenlose Unterwerfung, Auflehnung, Rache, Selbstzerstörung, Vertrauensbruch und der Weg an die Öffentlichkeit. All dies lässt sich auch heute noch beobachten. Als dann auch noch ein Mann auftaucht und der leidenden empfindsamen Frau seine tiefen und verborgenen Gefühle gesteht, geht das Gefühlskarussell erst richtig los.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

Eine Lektion in Sachen Eifersucht erteilt die Autorin nicht nur ihren Lesern. Auch sich selbst scheint sie zeigen zu wollen, wie Frau tickt, wenn alle Dämme brechen. Die einzelnen so entstehenden Briefe gleichen dem Psychogramm einer verletzten Seele, die in ihrer Hilflosigkeit alle Wechselbäder der Eifersucht durchlebt. 24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau, erschienen bei Hoffmann und Campe, ist zeitlos und überzeugt in der Selbstbetrachtung der Protagonistin zutiefst.

Die Eifersucht hat sich nicht geändert. Ihre Ventile sind in der heutigen Zeit sicher facettenreicher und vielfältiger. Letztlich jedoch helfen sie nichts. Der innere Schmerz wird nicht gelindert. Einsamkeit und enttäuschte Gefühle müssen sich ihren Weg nach draußen bahnen, bevor das selbstzerstörerische Element dominant wird. Das versteht man von Brief zu Brief mehr. Die Spirale der Verunsicherung dreht sich weiter und es ist nur der Autorin zu verdanken, dass am Ende aller Briefe nicht das Ende einer Liebe steht. Ein überraschendes Ende, das vom Leben geschrieben sein könnte.

24 Stunden dauert der Tag der Ungewissheit. Ein Tag, den auch wir zum Lesen des Romans benötigen. Ein Tag, der in Erinnerung bleibt. Literatur pur.

24 Stunden im Leben einer empfindsamen Frau

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