Die „Pariser Symphonie“ von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Sich selbst treu zu bleiben ist eine meiner größten Maxime. Auch als Blogger und Leser. So kennt man mich. Kurzum, ich lese niemals Kurzgeschichten, vermeide das Eintauchen in Erzählbänden oder Anthologien und bevorzuge komplexe und inhaltlich in sich geschlossene Bücher. Das war schon immer so, denn Kurzgeschichten kommen mir unvollendet vor, sie wirken eher wie Fingerübungen und immer dann, wenn ich Blut geleckt habe mehr zu erfahren, sind sie auch schon am Ende angelangt.

(Diese Rezenion können Sie auch hören: HIER)

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Ein Ohrenschmaus

Die Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Ein Ohrenschmaus

Darüber hinaus wirken die Protagonisten meist schablonenhaft, eher skizziert, als gezeichnet und im Rohentwurf bleiben sie blass und schemenhaft. Also: ich lese keine Kurzgeschichten. Das war auch noch so, als ich der Einladung zum DVA – Manesse – Bloggertreffen auf der Leipziger Buchmesse folgte. Unverrückbar. Ich doch nicht. Als dann jedoch eine Leseprobe mit einem unglaublich schönen schwarz-weißen Cover die Runde machte, war meine Neugier geweckt. Allerdings nicht für mich selbst.

Die „Pariser Symphonie“ von Irène Némirovsky passte nur allzu gut zu Julia Groß und ihrem Lebensschwerpunkt „Paris“ auf Ruby´s Cinnamon Dreams. Ich steckte die Leseprobe erwartungsvoll ein, schickte Julia ein erstes Bild und erntete ein vorfreudiges „Wuuuuzaaaaa!“ Was ungefähr soviel heißt, wie „Ja, das könnte mich interessieren.“ Ein paar Tage nach der Leipziger Buchmesse ereilte mich dann ein trauriges Schicksal. Meinem Buchbegleiter gingen überraschend die Seiten aus und ich erinnerte mich an jene Leseprobe aus Leipzig, die eigentlich nur darauf wartete, nach Plauen geschickt zu werden.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Was soll ich sagen? Die „Pariser Symphonie“ griff nach mir. Und es handelte sich um Kurzgeschichten. Schade, dachte ich, aber in Ermangelung von Lesestoff las ich die drei Geschichten aus der Feder von Irène Némirovsky. Ich legte die Leseprobe beiseite. Ich begann intensiv zu grübeln und zu fühlen. Nahm sie dann wieder zur Hand und las sie erneut. Kurzgeschichten. Es sind doch nur Kurzgeschichten, sagte ich mir. Nichts für mich. Fingerübungen. Und doch…

Und doch pflanzte mir die Autorin bereits mit der ersten Geschichte „Geister“ ein ganz besonderes Gefühl von Sehnsucht ins Leserherz. Hier brauchte es keine großen Worte, hier war es eben das Minimalistische, das mich in seinen Bann zog. Dabei wirkt die Geschichte auf den ersten Blick unausgegoren, als sei sie nie über den Status eines Manuskriptes hinausgewachsen. Genau hier jedoch liegt ihre Stärke, denn ich war es plötzlich, der hier weiterdenken durfte, musste und sollte.

Sprachlich erinnerte mich der Abgesang auf den verlorenen Familiensitz „Monjeu“ an die unvergleichliche Tania Blixen. Ebenso wie sie um ihre Farm am Fuß der Ngong Berge trauert, erlebe ich hier eine Frau, die im Rückblick auf ihr Leben um ihr „Monjeu“ trauert. Ein längst vergangenes Leben mit einer vergangenen und nicht gelebten Liebe. Und beides kommt unvermutet und geisterhaft zurück. Kein Spuk, keine Illusion. Es ist eher Übersinnliches, was hier die Sinne des Lesers einhüllt und dem Begriff Sehnsucht das Bild von „Monjeu“ (Meine Freude) an die Seite stellt.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Mondieu Monjeu, kann ich nur sagen. Das Buch fand seinen Weg zu Julia. Das Buch fand seinen Weg zu mir. Keine Kurzgeschichten? Das war gestern. Und das sollte lesend auch nicht die letzte Überraschung bleiben, die ich in der „Pariser Symphonie“ erlebte. Eine Geschichte nach der anderen ergriff Besitz von mir. Eine schleichende Melancholie umnebelt mich, ich kämpfe gegen tiefe Verluste, Betrug, Herzensbrüche und vergebene Chancen an. Und dies alles verbunden durch das unsichtbare Band, das den Namen Paris trägt.

Ein Paris in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Ein Paris in Aufruhr, in Erwartung und letztlich ein Land, das seine wechselhafte Stimmung auf die Menschen überträgt. Und doch spielen sich die Geschichten in Iréne Némirovskys Figuren ab. Ganz tief in ihnen, was meinen Vorbehalt des Schablonenhaften schnell auflöste. Irène Némirovski gelingt es im Daumenkino-Stakkato Bilder zu erzeugen, die das Gefühl vermitteln, nicht viel mehr erfahren zu wollen. Spielerisch leicht und doch tragisch zugleich wirken die Szenen.

Ob es alte Jungfern sind, die sich scheinbar glücklich schätzen, ein Leben ohne die ach so komplizierte Liebe gelebt zu haben, oder ob wir hier zwei gute Freunde erleben, die angesichts des drohenden Krieges den größten Fehler ihres Lebens begehen, alle Geschichten wirken greifbar und irgendwie vertraut. Der zweite Blick, der Nachhall, die tiefe Melancholie und Traurigkeit, die fast alles überstrahlt, setzt sich fest und macht nachdenklich. Viele dieser Geschichten sind für mich Lieben auf den zweiten Blick.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Es sind Geschichten einer längst verlorenen Zeit. Es sind aufrichtige Versuche, die davon erzählen, was geschieht, wenn man seine Chancen verpasst. Wenn Lieben nicht geliebt werden, wenn Schicksalhaftes unerfüllt bleibt und wenn Wege nicht zueinander führen. Alle Geschichten sind von drohendem oder erlittenem Verlust charakterisiert. Sie stimmen nachdenklich und rütteln auf. Die Autorin scheint sehr darum zu kämpfen, ihre Figuren nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Sie leben auch nach der jeweils kurzen Erzählung weiter.

Ich recherchierte, was sie dazu bewogen haben könnte und stieß auf den absoluten Wendepunkt meines Lesens. Irène Némirovsky wurde 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und starb dort völlig entkräftet. Ihr Mann folgte ihr schon drei Monate später. Sie konnte dem Schicksal nicht entgehen, dem sie in ihren Geschichten Beine machte. Sie hat ihre Figuren gerettet. Ihr selbst gelang dies nicht.

Und nun bleibt mir ein Werk, das von diesen Gedanken an eine Autorin geprägt ist. Ich lese die Geschichten nun anders, nähere mich mehr als behutsam an und sehe die aufkommende Angst einer Autorin, die zu ahnen scheint, dass ihre Welt versinkt. Der Abgesang auf Paris in der Geschichte, die diesem Buch seinen Namen gab, steht hier sinnbildlich für das, was bald vergangen sein wird. Das Herz zerreißt beim Lesen. Und doch gelingt ihr mit diesen kurzen Episoden etwas Unglaubliches. Sie lebt durch ihre Geschichten weiter.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky

Das schönste Cover des Jahres ummantelt eines der ganz besonderen Bücher meines Lesens. Intensive Diskussionen mit Julia haben uns beiden neue Sichtweisen vermittelt, andere Interpretationen erschlossen und die Liebe zu diesem Buch verfestigt. Lasst Euch verzaubern. Lasst Euch von der Magie einer Autorin fesseln, die in und mit ihren Texten dem Schicksal begegnet. Ich werde die Biografie über Irène Némirovsky lesen. Ich muss mehr erfahren und werde darüber berichten.

So lange schwelge ich in den Erinnerungen an die elf Geschichten. An elf Leben, elf Lieben, elf Chancen und elf Kapitel eines Buches, das mein Lebensbuch bereichert  hat. Erneut begleiten mich die Bilder des ungarischen Fotografen Brassai. Nicht zum ersten Mal ermöglichen sie mir einen Blick auf das malerische Paris der Worte, das die Autorin erzeugt. Bücher gehen ihren Weg nie allein. Niemals.

Nein. Ich lese keine Kurzgeschichten. Ich mag meine Geschichten gerne bis zum Ende durchdacht und ausformuliert. Ich mag keine bloßen Fragmente oder Teile von Manuskripten lesen. Wie sehr habe ich mich diesmal geirrt. Denn hier darf ich mich ausleben. Hier denke ich selbst weiter, hier forme ich die Charaktere und hier habe ich den Raum, den ich dringend benötige, um meine Melancholie in die Welt zu schreien. Ich bin noch nicht am Ende angelangt. Mein Weg an der Seite von Iréne Némirovsky wird weitergehen. Und ich bin nicht allein.

Was aus der „Pariser Symphonie“ und Julia wurde? Schaut doch selbst

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Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Hier geht es weiter… Die Biografie

Die Bücherkette auf AstroLibrium bringt Sie mit nur einem Klick zu den Büchern, die mit der Pariser Symphonie von Irène Némirovsky in Verbindung stehen. Hier steht natürlich der große Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, in dem das Leben von Brassaï in Wortbildern gefeiert wird, an erster Stelle..

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky und die Bolder von Brassaï

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky und die Bilder von Brassaï

Und hier geht es zur Verkettung meiner Bücher mit der „Pariser Symphonie“ und zu einem neuen Artikelüber ihr Schreiben: „Der Ball„.

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky - Die Bücherkette

Pariser Symphonie von Irène Némirovsky – Die Bücherkette

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Eigentlich hatte ich vor, eine Rezension zum Roman Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose, erschienen bei C. Bertelsmann, zu verfassen. Eigentlich sollten 542 Seiten EINES Buches im Mittelpunkt dieses Artikels stehen und letztlich sollten diese Zeilen dazu verführen, mir nach Paris zu folgen. Das war der Plan. Eine bildgewaltige, spannungsgeladene und emotional geprägte Entführung in ein Paris, das sich dem Leser im Jahr 1924 voller Leidenschaft öffnet und ihn erst in unseren Tagen wieder am Stadtrand absetzt und ins normale Leben entlässt.

Soweit der Plan. Francine Prose hat mir jedoch einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht und so sitze ich nun hier vor ihrem Werk und habe nicht weniger als sieben Bücher zu besprechen. Ja. Sehr richtig gelesen. Genau sieben Bücher, die untrennbar miteinander verbunden sind, einen literarischen Dialog miteinander führen und in ihrer Essenz das eigentliche Kaleidoskop unter dem Titel „Die Liebenden im Chamäleon Club“ ergeben. Ein guter Einkauf. Wohl wahr. Denn mit nur einem einzigen Buch erhält man eine gebundene Matrjoschka Buch-Puppe, die in ihrem Inneren viele kleine Buch-Püppchen verbirgt.

Ich liste hier nur kurz auf, welche Bücher ich nun eigentlich rezensiere (und damit keine Missverständnisse aufkommen: Sie sind alle Bestandteil des Erstgenannten)

„Die Liebenden im Chamäleon Club“ von Francine Prose

  • „Der Teufel am Steuer – Das Leben der Lou Villars“ von Nathalie Dunois
  • „Erschaffen Sie sich neu“ von Lionel Maine
  • „Paris im Rückspiegel“ von Lionel Maine
  • „Die Memoiren der Suzanna Dunois Tsenyi“ von S. Dunois Tsenyi
  • „Die Baronin bei Nacht“ von Lily de Rossignol
  • „Der Briefwechsel des Fotografen Gabor Tsenyi“ – Gabor-Tsenyi-Archiv
Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Und ganz nebenbei, aber nicht nur am Rande, stelle ich einen Bildband vor, der nicht in den 542 Seiten dieses Romans beinhaltet ist, aber aus, in und zwischen den Zeilen herausstrahlt, als wäre er das eigentliche Lesezeichen dieses unvergleichlichen Buches. Brassaï – Flaneur durch Paris von Sylvie Aubenas. Ein Bildband, den ich mir unbedingt kaufen musste, um… Aber das verrate ich später… Jedenfalls stellt dieser Bildband für mich den Missing Link auf der gelungenen Gratwanderung zwischen Fiktion und Realität dar, die Francine Prose mit ihren Lesern unternimmt.

Was sich nun anhört, wie eine halbe Lebensbibliothek ist das Grundgerüst eines Romans, der auf wahren Begebenheiten und realen Personen beruht, sich in seiner Fiktionalität jedoch verselbständigt hat. Das entspricht ganz der Intention der Autorin und deshalb erreicht sie gerade durch diese gezielte Einbindung der oben aufgeführten frei erfundenen Bücher eine Meta-Ebene der Authentizität, die ihren „historischen“ Roman Die Liebenden im Chamäleon Club erst so richtig lesenswert macht. Diese Bücher sind das Grundgerüst der Fassade, an der wir mit Francine Prose klettern dürfen. Von einem Pariser Fenster zum nächsten.

Lou Villars ist dieses Paris. Lou Villars ist dieser Roman. Sie ist alles. Lou Villars ist die Verbindungslinie zwischen den Menschen und ihren Geschichten. Sie ist das Opfer das zum Täter wird und so das Leben jedes Menschen, der mit ihr in Verbindung steht, nachhaltig verändert. Lou Villars. Sportlerin. Keine Schönheit. Burschikos ist definitiv untertrieben. Sexuell orientierungslos. Auf der steten Suche nach sich selbst. Erst das aufgeschlossene Paris der 20er Jahre bietet ihr den Raum, in dem sie sich wohlfühlt.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Hier kann Lou sie selbst sein. In Männerkleidung Nachtclubs besuchen. Ein anderes Leben führen. Der Faszination der Clubs im nächtlichen Paris erliegen. Ihrer sexuellen Zuneigung zum gleichen Geschlecht erliegen. Hier lernt sie die Menschen kennen, die sie verstehen, ihr den Weg ebnen. Hier findet sie sich. Und hier wird sie gefunden. Der ungarische Fotograf Gabor Tsenyi macht sie auf einem seiner Nachtclub-Bilder an der Seite ihrer großen liebe Arlette unsterblich. Die Familie Rossignol engagiert sie als die erste Auto-Rennfahrerin Frankreichs und vertraut ihr einen der schnellsten Boliden der damaligen Zeit an. Und der Schriftsteller Lionel Maine bringt sie mit dem schillernden Nachtleben der Stadt in Kontakt.

Lou Villars wächst in ihr neues Leben. Sie verändert sich und sucht Wege, sich nicht nur wie ein Mann zu kleiden, sondern auch genauso zu leben. Sie unterzieht sich einer Brustamputation, um noch besser hinters Lenkrad zu passen und schneller Rennen zu fahren. Sie verliebt sich völlig verzweifelt, unglücklich und folgenschwer in eine kleine Tänzerin im Chamäleon Club. Sie erlebt den Ritt auf der Rasierklinge zwischen Gesetz und Freizügigkeit, dem man sich im Nachtleben pausenlos zu stellen hat. Paris hat seine Schattenseiten.

Alles hätte so weitergehen können, doch mit dem Aufzug der Nazis im Nachbarland verändert sich Frankreich. Lou Villars wird zur Leidtragenden. Sie verliert die Lizenz als Rennfahrerin, sie wird in den Nachtlokalen zum Fremdkörper. Mit ihr gemeinsam auf Fotos zu sein wird gefährlich für die Menschen, die ihr viel bedeuten. Paris wendet sich von ihr ab. Am Ende scheint sie zu sein. Bis ihr Ruf nach Deutschland dringt, sie vom Führer zu den Olympischen Spielen in Berlin eingeladen wird und allen Versuchungen erliegt, denen man nur erliegen kann. Liebe zu einer deutschen Rennfahrerin und der Hass auf all das, was Paris ihr genommen hat, machen aus Lou Villars eine gefährliche Waffe in braunen Händen.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Sie kehrt zurück. Nicht mehr in ihr Paris, sondern in die Idealvorstellung von einer anderen Stadt, nachdem sie gesäubert und gereinigt ist. Neu erfunden. Aus Asche neu konstruiert. Lou Villars spioniert nicht nur für die Nazis, sie wird nach der Besetzung der Stadt im Zweiten Weltkrieg zu einer monströsen Waffe der Gestapo und begegnet den Menschen wieder, die ihren Weg bestimmt, beeinflusst und gelenkt haben. Niemand ahnt, in welcher Funktion ihnen Lou Villars erneut begegnet. Ein altes Feuerzeug aus dem Chamäleon Club wird nun zum Folterinstrument – Lou Villars nimmt Rache.

So stellt Francine Prose eigentlich nur eine Lebensgeschichte in den Mittelpunkt ihres Romans und lässt dann in den eingewobenen Büchern all jene Menschen zu Wort kommen, die den Weg von Lou Villars gekreuzt haben. Jedes Steinchen passt zum sich entwickelnden Mosaik. Der Leser darf sich hier auf eine große Liebeserklärung an Paris freuen. Die 20er Jahre werden lebendig, Künstler und Laster skizzieren das wilde Bild einer brodelnden Metropole, die sich selbst zelebriert, bevor der Untergang droht. Und natürlich werden wir Zeugen der Vorboten des Zweiten Weltkrieges, erleben politische Veränderungen und zuletzt auch die französische Beteiligung am Holocaust.

Francine Prose gibt die Perspektiven frei. Sie lässt andere sprechen und erlaubt sich auf diese Art und Weise einen distanzierten Umgang mit den Realitäten im Roman. Aus den schwarz-weiß Fotografien von Gabor Tsenyi wächst das farbenprächtige Leben in allen Schattierungen. Und dabei basiert die reine Folge fiktionaler Erlebnisberichte auf dem Leben von Violette Morris. Sie ist die reale Vorlage für diesen Roman und im Fotografen erkennen wir den großen ungarischen Meister Brassaï. Hier holt uns die Realität ein. Hier leistet der Roman mehr, als ein Roman zu leisten vermag.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Man beginnt mit der eigenen Recherche, findet Fotos von Violette Morris, erkennt die Parallelität und stößt dann auf das Lebenswerk von Brassaï. Seine Paris-Bilder werden im Roman lebendig. Mit jedem Wort erkennt man die Szenen wieder, die er unsterblich gemacht hat. Genauso wie das legendäre Foto Lesbisches Paar im Le Monocle, 1932, das als Vorlage auch für den Romantitel diente. Niemand anderes als Violette Morris und ihre Freundin sind hier abgebildet.

Und für Leser des Romans wird es immer Lou Villars sein, die hier im Herrenanzug sitzt und den Hauch eines ganz normalen Lebens vermittelt. Eines Lebens, das sie nie führen durfte. Dieses Bild ist zugleich der melancholische Abgesang auf ihre Träume. In den wohl letzten Momenten eines Lebens, das für sie noch lebenswert erschien, bevor Frankreich auf die rasende Schussfahrt in den Untergang zusteuerte. Man findet diese Fotos auf Google. Man staunt, atmet intensiv und bewundert die grandiose Idee der Autorin, diese Impressionen so tief im Roman zu verankern.

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Ich musste den Bildband „Brassaï – Flaneur durch Paris“ von Sylvie Aubenas einfach besitzen. Ihr kennt sicher dieses Gefühl eines ganz gezielten Lustkaufs. Wenn ich die Bilder betrachte, bin ich im Chamäleon Club, wenn ich das Buch lese, bin ich in den Bildern und wenn ich beides übereinander lege und meine Recherchen betrachte, bin ich wieder in der Realität angekommen, die Francine Prose zu einem Meisterwerk verdichtet hat. Ihr Spiel mit der Authentizität ihres Romans wird ganz am Ende auf die Spitze getrieben.

In einem Moment, in dem man denkt, vor weiteren Überraschungen sicher zu sein präsentiert die Autorin einen literarischen Kunstgriff, der mich sprachlos machte. Ich habe herzhaft gelacht, war bewegt und berührt, betroffen und nachdenklich, wie sie auf den letzten Seiten mit den Büchern ihres Buches spielt. Welches Spiel sie spielt? Ein meisterliches. Das kann ich versprechen. Es gelingt ihr die Brücke in die Realität zu schlagen, ohne auf ihre eigene Fantasie zu verzichten. Aber das macht sie nicht selbst. Hier erteilt sie jemandem das Wort, mit dem man sicher nicht mehr gerechnet hat. GRANDIOS….

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose

Geneigte Leser werden im Chamäleon Club oft an Lili Elbe denken. Hier hätte sie sich wohl gefühlt. Hier wäre das sie glücklich geworden. Das Dänische Mädchen und die Geschichte von Lou Villars sollten nebeneinander im Regal des Lebens stehen.

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Die Liebenden im Chamäleon Club von Francine Prose - Die Bücherkette

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