„Der Mann im Leuchtturm“ von Erik Valeur

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Stets unverrückt, derselbe Jahr um Jahr,
Manch’ bösen Sturm, manch’ finst’re Nacht hindurch.
Unlöschbar prangt er in der Flammenburg,
Dem ew’gen Lichte gleich vor dem Altar.

Longfellow

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Schönere Worte lassen sich kaum finden, wenn es darum geht, Leuchttürme zu beschreiben. Kontinuität, lebenswichtige Wegweiser und Orientierungshilfen. Einfach Fixpunkte, die in stürmischen Zeiten dafür sorgen, dass man das tosende Meer wieder hinter sich lassen kann um in den sicheren Hafen einzulaufen. Mein Leuchtturmlesen steht als kontinuierliches Projekt genau für diese Stabilität in unruhigen Zeiten. Ich lebe gerne für eine bestimmte Zeit auf einem Leuchtturm und lasse die Stürme an den Ufern meiner kleinen Leseinsel anbranden. Und da ich stets auf der Suche nach Büchern bin, die sich diesen ewigen Lichtzeichen verschreiben, darf es auch nicht überraschen, den aktuellen Roman von Erik ValeurDer Mann im Leuchtturm“ hier zu finden. 

Ich habe Leuchttürme in der Literatur in ihrer metaphorischen Ebene immer auch als Rückzugsgebiete für diejenigen empfunden, die hier leben, das Leuchtfeuer am Leben halten und anderen auf hoher See durch die Signale Halt geben. Ein einsames und zurückgezogenes Leben im engen Rund eines Außenpostens der Menschheit. Ich liebe die Vorstellung, während des Lesens selbst zum Leuchtturmwärter zu werden, in jeder Beziehung der Hektik des Alltags zu entfliehen und doch eine sinnvolle Aufgabe erfüllen zu dürfen. Und ich liebe gute Geschichten, die sich um diese Fixpunkte ranken.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Nicht umsonst hat Erik Valeur den Schauplatz seines aktuellen Krimis auf einem Leuchtturm angesiedelt. Er vereint die Abgeschiedenheit des Protagonisten mit allen szenischen Aspekten, die man von einem Skandinavien-Roman erwarten darf. Er lässt seine Leser in der Einsamkeit der Küste Dänemarks auf einen seltsamen Kauz stoßen, der sich für sein Eremiten-Leben einen Leuchtturm ausgesucht hat. Viggo Larssen ist nicht leicht zu fassen, seine Tage verlaufen geruhsam und geregelt. Er ist der einsame Leser auf einer Bank vor dem Leuchtturm auf der Insel Røsnæs. Was sich nur langsam entwickelt, ist ein vielschichtiges Mosaik, das zu keinem Zeitpunkt ahnen lässt, welches Bild die einzelnen Steine am Ende ergeben werden.

Ebenso, wie man sukzessive Details aus Viggos Vergangenheit erfährt, erlebt man im entfernten Kopenhagen das Verschwinden einer alten Dame aus einem Pflegeheim. Nichts verbindet den Leuchtturm mit der Hauptstadt und doch spürt man, dass hier alle Fäden zusammenlaufen werden. Die Frau bleibt verschwunden. Spurlos. Lösegeld wird nicht gefordert, was bei einer Entführung zu erwarten wäre. Denn, dass ein Verbrechen hinter ihrem Verschwinden steckt, muss man ja vermuten. Schließlich ist sie die Mutter der beiden mächtigsten dänischen Politiker. Palle und Poul Blegman. Während man im Trüben fischt bei der Polizei, die Presse immer lauter die Unfähigkeit der Ermittler in die Welt schreit, dreht Erik Valeur sein Kaleidoskop aus Perspektivwechseln, Zeitsprüngen und Erinnerungsfetzen so lange, bis wir Zusammenhänge erkennen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Die Mosaiksteinchen, die wir nun berühren tragen die Aufschrift Schuld, Verlust, Vergangenheit und Scham. Sie deuten auf eine Vielzahl von Katastrophen hin, die im Leben von Viggo Larssen um sich gegriffen haben. Katastrophen, die ihn zu dem Mann gemacht hatten, der hier versucht, dem Unfassbaren auf die Spur zukommen. Dass der Leuchtturm nicht zum Refugium seiner letzten Lebensphase wird, erkennt er sofort, als er vom Verschwinden der alten Frau Blegmann erfährt. Wer an dieser Stelle denkt, es mit einem normalen sachlich/faktisch aufgebauten Krimi zu tun zu haben, der sieht sich schnell getäuscht. Valeur platziert mit Malin eine mysteriöse Frau ins Herz des Buches und macht sie zu den Augen und Ohren seiner Leser. Sie folgt scheinbar einer Mission. Sie taucht plötzlich an der Küste auf. Sie beobachtet Viggo Larssen, bricht bei ihm ein und liest für uns in den Zeugnissen seiner Vergangenheit und den Briefen, mit denen er versucht, in dieser schweren Situation seine Dämonen zu beherrschen.

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur - Astrolibrium

Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Selten habe ich so lange drüber gerätselt, in welche Richtung sich die Handlung des Romans entwickeln würde. Zu viele falsche Fährten sind gelegt. Zu viele Andeutungen verleiten dazu, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Dabei ist es so klar. Es ist so augenscheinlich und doch so gut verborgen. Ein gelbes Stück Plastik, ein Vogelkäfig und ein altes Exemplar von Antoine de Saint-Exupérys „Der kleine Prinz“, ein Friedhof und Verbrechen, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. All diese Mosaiksteine in meiner Hand sah ich deutlich vor mir. Nur ganz am Ende war es möglich, sie zu einem schlüssigen Bild zu formen, das keine Fragen offenließ. Es lohnt sich, an die dänische Küste zu reisen. Es lohnt sich, im Leuchtturm einzuziehen und die dichte Atmosphäre eines spannenden Romans aufzusaugen.

Ein Roman, der sich aus meiner Sicht nicht als Thriller oder Krimi greifen lässt, weil Erik Valeur der Rezeptur dieses Spannungsmenüs ein paar Zutaten beigibt, die ich nicht erwartet hätte. Nennen wir es mystische Vorahnung, Verheißung oder Traum. Die Offenbarungen aller Geheimnisse aus der Vergangenheit mögen mysteriös wirken, in Wirklichkeit jedoch gehen sie Hand in Hand mit Malin, die diesen Roman auf eine ganz besondere Ebene hebt. Hier mündet alte Schuld nicht in ziellose Rache. Es gibt keinen Gewinner in „Der Mann im Leuchtturm“. Nur uns. Die Leser.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

Vielleicht legt ihr die „Wächter der See“ neben diesen Roman. Hier könnt ihr euch den passenden Leuchtturm aussuchen, einziehen und die Gedanken schweifen lassen. Kein Leuchtturmlesen ohne dieses Standardwerk.

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Der Mann im Leuchtturm von Erik Valeur

„Ismaels Orangen“ – Eine zarte Buchpflanze von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ich bin seit einigen Wochen im Besitz eines kleinen Holzquaders. Er wirkt mehr als unscheinbar, Und doch verbirgt sich in seinem Inneren viel mehr als ein ganzes Leben. Ecken und Kanten nimmt man wahr und ebenso unveränderlich wie starr fühlt sich das Stück Holz an. Erst bei näherer Betrachtung entdeckt man eine kleine Ausfräsung an seiner Oberfläche, in der ein unscheinbares Tütchen mit Pflanzensamen und ein Pad mit Nährmitteln verborgen sind. Eine Banderole verziert das kleine Gebilde und ein Satz sticht sofort ins Auge:

„Kann Liebe wachsen, wo Hass gesät wird?“

Ich beginne sofort, die Samen einzupflanzen, sie vorsichtig zu bewässern und warte gespannt auf die ersten Zeichen von Leben. Ein ungewöhnlicher Begleiter für eine neue Lesereise steht nun neben mir und doch ist es ein mehr als reizvoller Gedanke, einem kleines Orangenbäumchen beim Wachsen zuschauen zu können, während der Roman mich mit seiner tiefen Botschaft wie einen trockenen Schwamm mit neuen Gedanken benetzt.

Ismaels Orangen“ von Claire Hajaj (Blanvalet) gleicht dem hölzernen Würfel, der meine Pflanzensamen aufgenommen hat. Ecken und Kanten weist das Buch auf und doch verspricht das atmosphärische Cover im Dialog mit der Banderole in aller Wärme eine sehnsuchtsvolle und tiefe Geschichte, in deren Mittelpunkt ein Orangenbaum zu stehen scheint. Für einen bibliophilen Menschen verspricht das Lesen dieses Romans in Verbindung mit dem Wachstum einer kleinen Pflanze ein besonderes Lesen zu werden.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Man hat das Gefühl, dass etwas aus dem Roman herauswächst, das man bei guter Pflege noch sehr lange als sichtbare Metapher für eine Geschichte bewahren darf. Ein kleiner grüner Lesezeichen-Sprössling rundet dieses Gefühl ab. Mir gefällt diese Idee. Sie inspiriert und ich beginne mich schon von Beginn an sehr wohl in meinem kleinen Gewächshaus des guten Lesens zu fühlen.

Und doch beginnt manches Wachstum ganz langsam und oftmals ein wenig holprig. Auch in „Ismaels Orangen“ dauert es eine Weile, bis die ersten Zeichen von Leben ihre zarten Fühler nach der Sonne ausstrecken. Es will noch kein richtiger Lesefluss aufkommen, weil gerade in der Einleitung sehr viele Begriffe aus dem Arabischen im Text verankert sind, deren Bedeutung sich im Anhang zwar erschließt. Der ansonsten flüssige und melodische Rhythmus der Erzählung gerät ins Stocken. Als sich dann auch noch hebräische Begriffe durch den Text schlängeln beginnt etwas ganz Besonderes

Als die ersten Pflänzchen ganz grün und zart neben mir zu erkennen sind, habe ich mich auch daran gewöhnt, da genau dieses ständige Hin- und Herblättern etwas in mir bewirkt hat. Ich lese aufmerksam, hinterfrage und lasse mich nicht treiben, denn sehr schnell gewinnt der Roman in jeglicher Hinsicht eine Tiefe, die angesichts des Themas zu erwarten war. In diese unglaubliche Tiefe einzudringen hat nichts mit leichtem und oberflächlichem Lesen zu tun. Gar nichts.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Wir befinden uns im Jaffa des Jahres 1948. Die Welt von Salim besteht aus dem wohlbehüteten Elternhaus mit einer kleinen Orangenplantage, in der er nun im Alter von sieben Jahren die ersten Früchte des Baumes ernten darf, der extra zu seiner Geburt gepflanzt wurde. Ihn interessiert absolut nicht, was es heißt Palästinenser zu sein. Ihn interessiert auch nicht, dass genau in diesem Jahr der Staat Israel gegründet wird. Ihn interessiert nur sein kleines Leben, das jedoch durch die Weltpolitik immer wieder aus den Angeln gehoben wird.

Er ahnt nicht, dass die ersten Panzer auf dem Weg nach Jaffa sind. Er ahnt noch nicht, dass seine Kindheit genau zu Beginn des größten Konflikts in der Geschichte des Nahen Ostens endet. Er spürt jedoch am eigenen Leib, was es bedeutet, in dieser Zeit als Palästinenser seine Heimat zu verlieren. Er erlebt, was es heißt, plötzlich auf der Flucht zu sein und er muss begreifen, dass sein Orangenbäumchen in immer weitere Ferne rückt. Während die ewige Gewaltspirale zwischen Israelis und Palästinensern in immer neue Dimensionen getrieben wird, schwört sich Ismael, eines Tages zu seinem Orangenbaum, und damit zu den Wurzeln seiner Familie, zurückzukehren. Ein Schwur, der nicht nur sein Leben verändern sollte.

Während die Nahost-Krise immer neue Eskalationsstufen erreicht, lernt Ismael im London der 1960er Jahre Judith kennen. Unterschiedlicher könnten zwei Lebenslinien nicht sein – unterschiedlicher können die Geschichten zweier Familien nicht verlaufen, denn während Israel für den Palästinenser Ismael zum Synonym für Vertreibung und Heimatlosigkeit wurde, hat dieses Land nur eine abstrakte Bedeutung für das jüdische Mädchen. Es ist ein Ort, an dem alle Welt verrückt geworden zu sein scheint.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit und Holocaust gehören zu Judiths komplexer Familiengeschichte. Und doch fühlt sie sich in England nicht frei. Weder im Schulalltag, noch in ihrer Beziehung zu Freunden spürt sie Akzeptanz und Rückhalt. Sie fühlt sich anders, unverstanden und letztlich auch ungeliebt. All dies ändert sich, als sie Ismael begegnet und während meine kleine Pflanze neben dem Buch ausufernd zu wachsen beginnt, verlieben die beiden jungen Menschen sich unsterblich ineinander.

„Ich muss überhaupt nichts. Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch. Warum sollte ich dich hassen, ohne dich zu kennen?“

„Ich bin es nicht wert, gehasst zu werden“, erwiderte sie. „Ich bin nur ein Mädchen aus Sunderland, das gezwungen wurde, zum Hebräischkurs zu gehen.“

Der Kampf um ihre gemeinsame Liebe wird zur Bestimmungsgröße ihrer tiefen Leidenschaft füreinander. Und genau dieser Kampf beginnt auszuufern, erreicht das Hoheitsgebiet der beiden Familiengeschichten und führt zum einem Stellvertreterkrieg auf englischem Boden. Die Liebe siegt. Sie ist stärker als der gesäte Hass und allen Widerständen zum Trotz ist es plötzlich denkbar, dass ein Palästinenser und eine Jüdin in Liebe vereint sein können, während in ihrer Heimat die Welt in Trümmern liegt.

Alles könnte so verklärt romantisch sein. Alles könnte so leicht sein, aber da wo die reine Verantwortung füreinander endet und die gemeinsamen Kinder in ein tragfähiges Umfeld eingebettet werden müssen, brechen in der harmonischen Beziehung Fronten auf, die es zuvor nicht gab. Die eigene Geschichte beginnt übermächtig zu werden und der Schwur Ismaels lastet immer schwerer auf seinen Schultern. Israel wird für beide zum gefährlichen Trugbild und zur Gratwanderung ihrer Liebe, die Judith zu verlieren scheint:

„Wenn du für etwas kämpfen willst, dann für uns. Das ist ein Kampf, den du gewinnen kannst!“

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Claire Hajaj weiß wovon sie schreibt, wenn sie als Tochter eines Palästinensers und einer Jüdin eine Geschichte erzählt, die von Liebe unter fast unmöglichen Vorzeichen handelt. Sie weiß wovon sie schreibt, wenn sie den täglichen Schrecken des Konflikts zwischen zwei zutiefst verfeindeten Volksgruppen beschreibt. Und ihrer Herkunft ist es zu verdanken, dass sie hier unparteiisch und unvoreingenommen schreibt. Sie ist dazu berufen, die Wahrheit eines dauerhaften Krieges aus jeder Perspektive zu beleuchten.

Ihr Grenzgang zwischen zwei Religionen, Weltbildern, Kulturen und individuellen Geschichten gleicht den weitverzweigten Ästen des kleinen Bäumchens. Sie entfernen sich immer weiter vom Stamm und vergessen die größte Gemeinsamkeit, die sie noch miteinander verbindet. Den eigentlichen Stamm und die gemeinsamen Wurzeln. Die Liebe von Ismael und Judith wird zum Höllenritt einer Vergangenheit, die beide nicht zu verantworten haben. Ihre Sehnsüchte und Verletzungen sind die Folge von Einflüssen von außen, die ein unglaubliches Gewicht haben. Der gemeinsame Baum droht unter dieser Last zu zerbrechen. Kann man seiner eigenen Geschichte entfliehen oder wann holt sie einen wieder ein? Auf diese Frage gibt Claire Hajaj beeindruckende Antworten.

Claire Hajaj gelingt mit „Ismaels Orangen“ ein melancholischer, sehnsuchtsvoller und chirurgisch präzise erzählter Roman über eine große Liebe am Rande eines Konfliktes, den niemand wirklich ernsthaft beilegen möchte. Opferbereitschaft hat seine Grenzen, Selbstaufgabe ist selten Grundlage für einen Lebensweg und die Liebe nicht immer eine Lebensversicherung. Ob die Liebe dort siegt, wo der Hass gesät wurde – dies lohnt sich zu erlesen. Mein kleines Orangenbäumchen wächst und gedeiht. Ein Bäumchen der Hoffnung. Ein wundervoller Gedanke in Grün, der hoffentlich bald Früchte trägt.

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Ismaels Orangen von Claire Hajaj

Auch Heike Dewald hat „Ismaels Orangen“ gepflückt und ich kann ihre Rezension nur mit dem guten Füller unterschreiben. Irve liest„. Dieser Roman geht für mich Hand in Hand mit dem großen Werk Judasvon Amos Oz, der uns ebenfalls einen tiefen Einblick in diesen immerwährenden Konflikt und seine Ursachen gewährt.

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