LEVI von Carmen Buttjer

Levi von Carmen Buttjer - AstroLibrium

Levi von Carmen Buttjer

Die Superlative überschlagen sich derzeit gewaltig, wenn von Carmen Buttjer die Rede ist. Es wäre deutlich untertrieben ihren Roman „LEVI“ lediglich als vielbeachtetes Debüt zu sehen. Das bei Galiani Berlin erschienene Buch ist wie eine Blendgranate im undurchschaubaren Dickicht der Neuerscheinungen eingeschlagen und hat sowohl im Feuilleton als auch bei Literaturbloggern Spuren hinterlassen. Den Rezensionen folgten Nominierungen für renommierte Literaturpreise. Beim Harbour Front Literaturfestival ging „LEVI“ in der Kategorie Debütpreis ins Rennen. Erfolglos. Ebenso beim begehrten Aspekte-Literaturpreis. Hier schaffte es Carmen Buttjer auf die Shortlist, wurde aber schon aus dem Rennen genommen, bevor es eigentlich begann. Der Roman habe den Debüt-Statuten des Literaturpreises nicht entsprochen. So die Pressemeldung.

Wo liegt das Problem? Geht die Schere zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Preisverleihung so weit auseinander? Es ist viel mehr die Frage der Kategorisierung dieses Buches. Ein Debüt wird in seinen illustren Kreisen gefeiert. Punkt. Gibt es dann Zweifel, ob es sich wirklich um ein Erstlingswerk handelt, dann feiern die Debüts alleine. Doppelpunkt. Wie hier geschehen. Sie veröffentlichte 2017 unter offenem Pseudonym den autobiografischen Text „Fuchsteufelsstill“ beim Ullstein Verlag. Die Autorin selbst sieht dieses Werk nicht als Roman an. Die Debütanten-Bälle der Buchbranche wollten in geschlossener Gesellschaft gefeiert werden. Ausrufezeichen! Und nun? Sollte man „LEVI“ weiterhin begeistert feiern ohne das Buch formell zu würdigen? Wohl kaum.

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Levi von Carmen Buttjer

Hier kommt der Bayerische Buchpreis 2019 gerade recht. Keine Auszeichnung für Debütanten. Ein erwachsener und in sich gewachsener Literaturpreis, der sich deutlich von anderen Formaten unterscheidet. Als diesjähriger Buchpreisblogger darf ich das sagen und ich schrieb ausführlich darüber. Die Modalitäten dieser Auszeichnung lassen wenig Spielraum für Ausgrenzung und Statutenverstoß. Hier kann man das lesen. So saß ich also plötzlich vor einem Roman, der gefeiert und verstoßen wurde. So saß ich vor einem Buch, bei dem mir wirklich egal war, ob es ein Erst-, Zweit- oder Drittling war. Ein Roman, der aktuell für den Bayerischen Buchpreis nominiert ist. Die Shortlist steht. Ich war neugierig auf den Inhalt, wollte die Sprache fühlen und war bereit einzutauchen. Unbefangen und neutral. Einfach voller Hoffnung, auf eine neue literarische Stimme zu stoßen, die etwas zu erzählen und nicht nur zu schreiben hat.

Und das hat Carmen Buttjer. Zweifellos. Wir lernen den erst elfjährigen Levi kennen. Nicht da, wo man für gewöhnlich auf seine Protagonisten stößt. Nein. Ohne Einleitung, ohne Umschweife werden wir Zeugen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Wir sind Zaungäste bei der Beerdigung von Levis Mutter. Werden eingeblendet in die Denkwelt eines Kindes, das plötzlich erwachsen werden muss. Wir erleben, wie diffus ihm diese Zeremonie vorkommt. Seinem Vater scheint nur der Dress-Code wichtig zu sein. Levi jedoch hat anderes im Sinn. Gegen jede von seinem Vater für diesen Tag aufgestellte Regel stürmt er nach vorne, greift sich die Urne mit der Asche seiner Mutter und macht sich aus dem Staub. Er taucht unter, die Warnungen und Drohungen seines Vaters im Ohr.

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Levi von Carmen Buttjer

Eine ungewöhnliche Ausgangssituation für einen Roman über Verlust, Trauer und das Zusammenbrechen einer heilen Welt aus der Sicht eines Kindes. Verstörend auch, was wir danach erfahren. Eine gar nicht heile Familie, Streit war an der Tagesordnung, die Beziehung zum Vater eher gestört, die zur Mutter vom Alltag und ihrem Beruf mehr als überlagert. Zeitungsmeldungen berichten von einem Mord an einer Pathologin und einer vermissten Leiche. Levis kindliche Schutzmechanismen greifen und brennen sich beim Leser ein. Fantasien von Tigern und Panthern bewahren ihn vor der Realität. Das Versteck – gewagt. Auf dem Dach des Hauses, in dem auch sein Vater wohnt. Freunde sind Mangelware. Ein geheimnisvoller Nachbar und der Besitzer eines Kiosks nehmen sich des Jungen an. Der Großstadtdschungel Berlin verschluckt ihn mit seiner Urne.

Wer sich auf Levi einlässt, begibt sich auf Augenhöhe mit einem Kind. Man möge nicht erwarten, dass er in der Lage ist, den Gründen für den Mord an seiner Mutter auf die Spur zu kommen. Man möge nicht erwarten, dass hier die Aufklärung eines Mordes im Mittelpunkt steht. Das ist der Auslöser für die nächtliche Flucht in Tagträume und die Verdrängung der Realität. Seine Weggefährten tragen ähnliche Narben, wie der Junge. Sie scheinen ihn besser zu verstehen, als der eigene Vater. Verstörend real. Betörend erzählt. Carmen Buttjer lässt Levi den Entfaltungsspielraum, den er benötigt. Sie gönnt ihm den Spielraum für eigene Erklärungen und Theorien. Und vor allem gönnt sie ihm Zeit mit der Asche seiner Mutter. Ein exklusives Abschiednehmen im Gefühlschaos.

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Levi von Carmen Buttjer

Was den Roman so besonders macht, ist seine bildhafte und poetische Sprache, die sich anfühlt, als würde man die traumatisierte Welt eines Kindes neu entdecken. Es sind Sätze, die sich tief verankern; Worte, die sich festsetzen und es ist eine Stimmung tiefer Melancholie, die uns begleitet. Wir lesen von Menschen auf den Straßen, die sich in der Luft anlehnen und sich bewegen, als wären sie miteinander verbunden. Wir sind mit Levi auf dem Dach des Hauses, liegen im Zelt und vermissen doch nur ein Katapult und die Seilbahn zu anderen Dächern. Wir verzweifeln mit ihm daran, dass Batman viel schneller ist, als Levis Vater, der doch so dringend von ihm benötigt wird. Gotham City ist nicht Berlin und Superhelden sind Mangelware. Wir sehen Levis Finger Wörter in die Nacht schreiben. Wir folgen seinen Bewegungen…

Ich streckte meinen Arm aus dem Fenster und schrieb mit dem Finger Wörter in die Häuser, auf die Blätter und in die Gesichter, strich sie wieder weg und neue darüber…“

Die Flüchtigkeit des Augenblicks wird zum Bild für diesen Roman. Carmen Buttjer ist nicht auf der Suche nach einfachen Lösungen oder Auswegen aus der ausweglosen Situation. Man muss sich in ihrem Erzählfluss treiben lassen. Man muss den Puls Levis fühlen, seine Gefühle nachempfinden und mit ihm auf der Flucht vor menschfressenden Tigern in die Nacht eintauchen. Sie schafft es, uns Levi in die Seele zu schreiben. Wir halten Ausschau nach dem Jungen mit der Urne. Ein dichter Roman in unverbrauchten Bildern. Eine Atmosphäre, die sich über uns senkt, als würde man eine Urne schließen. Und doch lässt die Autorin immer einen kleinen Schlitz frei, durch den man sehen kann. Ein einschneidendes Ereignis wird zum Auslöser für ein einschneidendes Leseerlebnis. Hier zieht etwas Neues durch die Straßen unseres Lesens. Staying in Age ist für mich eine logische Gegenbewegung zum Coming of Age. Lasst die Zeit stehen. Gebt Levi die Chance zu trauern und an Tiger zu glauben. Die Wahrheit würde ihn zerstören. Ich halte die Zeit für ihn an. Gerne.

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Levi von Carmen Buttjer

Am 7. November wird der diesjährige Bayerische Buchpreis in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz verliehen. Kein Debütanten-Ball. Was für große Literaten. Ein echtes Finale. Eine öffentliche Jury-Debatte mit anschließender Krönung des Gewinners / der Gewinnerin. Steffen Kopetzky steht mit „Propaganda“ im Feuer und David Wagner hofft, dass „Der vergessliche Riese“ unvergesslich bleibt. Einzige Frau in ihrer Mitte: Carmen Buttjer, die mit ihrem erst elfjährigen Protagonisten „LEVI“ platznehmen wird. Und nein. Sicher nicht verschämt und zu bescheiden. LEVI braucht kein Debütanten-Kostüm, oder einen Erstlings-Smoking. Er muss nicht aufschauen zu den Großen seiner Zunft. Mit breitem Kreuz und festem Blick kann der junge Urnendieb darauf hoffen, nun auch in den Besitz eines Porzellan-Löwen zu gelangen. Zumindest wäre das nicht verboten. Also, nicht so, wie im Roman.

Sollte man hoch über den Dächern von Berlin nicht nur ein mit roter Plastiktüte beflaggtes Zelt, sondern auch noch einen Weißen Löwen sehen. Hey. Das wäre nicht so ungewöhnlich. Carmen Buttjer hätte lediglich LEVI`s Traum-Wegbegleitern Tiger und Panther den entsprechenden Artgenossen mitgebracht. Ich würde es ihr gönnen…

LEVI-Autorin Carmen Buttjer - Die Begegnung - AstroLibrium

LEVI-Autorin Carmen Buttjer – Die Begegnung

Mein Gespräch mit Carmen Buttjer auf der Frankfurter Buchmesse gehört zu den absoluten Highlights dieses Literaturfestes. Ich wollte der Schriftstellerin begegnen, die mein Lesen mit so vielen unverbrauchten Wortbildern bereichert hat. Wen ich traf? Eine junge Frau, die in sich ruhend, völlig authentisch und offen über ihr Schreiben und ihren Roman sprach. Ein Messespaziergang und eine entspannte Unterhaltung auf der Terrasse vor Halle 3.1, zahllose Menschen am Messesamstag und die mir gut vertraute literarische Käseglocke, die sich über uns senkte, um auszublenden, was störend wäre. Und dann die Erkenntnis, dass Carmen Buttjer so spricht, wie sie schreibt. Voller Tiefe und Emotion, mal zaghaft, mal bestimmt. Überlegt und doch spontan. Alles geprägt von einer unterschwelligen Fröhlichkeit, die ansteckend wirkt.

Ja, es gab mehrere Fassungen von Levi. Die Entscheidung, ihren Roman bei Galiani zu veröffentlichen ist dem guten Gefühl der Autorin im ersten Kontakt mit dem Lektor zu verdanken, der genau den Nerv traf, den es zu treffen galt: Jene Passagen im Text, die verfeinert werden sollten. Nein, beim Schreiben muss sie alleine sein, weil Dialoge und ganze Passagen von der Autorin laut gesprochen und aufgezeichnet werden. Dass sie dabei den richtigen Ton trifft, spürt man im Roman. Und ja, man fühlt das sympathische Understatement, mit dem sie über David Wagner und Steffen Kopetzky spricht. Beide mit so viel Erfahrung ausgestattet und für große Romane nominiert. Und doch blitzt der Stolz über LEVI aus ihren Augen. Ein Wiedersehen in München bei der Preisverleihung des Bayerischen Buchpreises am 07. November steht fest. Ende offen. Wir sind sehr gespannt.

Ich berichte natürlich von der Verleihung. Bald geht´s hier weiter.

Bayerischer Buchpreis 2019 - Die nominierten Bücher - AstroLibrium

Bayerischer Buchpreis 2019 – Die nominierten Bücher

„Stella“ von Takis Würger

Stella von Takis Würger - AstroLibrium

Stella von Takis Würger

Man lese einen Roman. Man gehe davon aus, dass die Protagonisten fiktional sind. In jeder Beziehung frei erfunden, frei im Handeln, Denken, Fühlen und Sprechen. Dabei in manchen Fällen jedoch plausibel in einen realen historischen Kontext eingebettet, was für Leser besonders reizvoll ist, weil sie ihre Kenntnisse der Epoche mit den agierenden Charakteren des Romans in Einklang bringen können. Man denke dabei an literarische Beispiele, die diesem Genre ihren Stempel aufgedrückt haben. Ich denke da besonders an „Jeder stirbt für sich allein“ von Hans Fallada.

Fallada löst sich von biografischen Zwängen, erfindet das Ehepaar Anna und Otto Quangel und platziert diese beiden einfachen Arbeiter im Nazi-Deutschland des Jahres 1940 in der Reichshauptstadt Berlin. Er lässt sie am „Heldentod“ ihres einzigen Sohnes verzweifeln, hilflos dem Untergang ins Auge schauen und einen Weg des Widerstands finden, um andere vor ihrem Schicksal zu warnen. Postkarten werden geschrieben und beginnen in Berlin für Aufsehen zu sorgen. Hans Fallada begleitet das Widerstandsnest der trauernden Eltern bis zu ihrer Entdeckung und Hinrichtung. Ein historischer Roman, der mich lange beschäftigt hat.

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Stella von Takis Würger

Besonders, weil es die Quangels wirklich gegeben hat. Elise und Otto Hampel hat Fallada mit seinem Roman ein indirektes, doch umso zeitloseres Denkmal gesetzt. Und doch hat er sich entschieden, seinen fiktiven Charakteren andere Namen zu geben. Im technischen Vorgehen des Schreibens eine perfekte Entscheidung. Fallada konnte sich in seine Protagonisten hineinversetzten, ihnen Worte in den Mund legen, die historisch nicht belegt waren und sie miteinander interagieren lassen. Er überschritt niemals eine Grenze, die jenen realen Vorbildern für seinen Roman Schaden zugefügt hätte. Fallada erzielte einen unfassbaren Effekt. Immer dann, wenn man im Roman zweifelte, ob eine solche Widerstandsaktion denkbar gewesen wäre, dachte man an die Hampels. Hier ist Fallada für mich der Maßstab dessen, was Literatur kann und darf. Hier definiert sich in der gesamten Tragweite die Grenze zwischen Fiktion und Biografie.

Ich muss das erklären, damit ich beschreiben kann, welch ambivalente Gefühle mich beschlichen, als ich den Roman Stella“ von Takis Würger las. Auch er schreibt mich zurück ins Berlin der 1940er Jahre. Genau gesagt in das Jahr 1942. Auch er bettet die Handlung seines Romans in einen verbrieften und detaillierten historischen Kontext ein und beginnt jedes Kapitel mit den tatsächlichen Ereignissen des jeweiligen Monats. Er beschreibt dies so faszinierend, dass ich lesend immer wieder an „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“ denken musste, weil Takis Würger ebenso wie Florian Illies kleine und große Ereignisse vor unseren Augen ablaufen lässt, um den Wahnsinn der Zeit für uns verständlich zu machen. Brillant in der Formulierung, faszinierend in der Technik.

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Stella von Takis Würger

Darüber hinaus zitiert Takis Würger mehrfach reale Prozessdokumente, was dem Geschehen seines Romans Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Es handelt sich dabei um Zeugenaussagen, die nach dem Kriegsende von einem unglaublichen Verrat berichteten. Hatte es sein können, dass eine Jüdin die in Berlin untergetauchten Juden an die Gestapo verraten hatte? War es möglich, dass eine junge Frau als Greifarm der Nazis unterwegs war, um ihre eigentlichen Leidensgenossen zu enttarnen? Ja. Das ist real. Das ist Geschichte. Es gab diese Frau, die mehr als 300 Juden verraten hatte und damit für ihre Deportation verantwortlich war. Takis Würger bewegt sich in seinem Buch auf sicherem Terrain. Fallada lässt grüßen.

Und doch gibt es einen Unterschied, der mich zusammenzucken ließ. Dies ist ein Roman. Die Protagonistin ist erfunden. Sie hatte ein wahres Vorbild. Doch hier erleben wir sie in den nicht verbrieften Momenten, blicken tief in ihre Seele, ihre Gefühle und in den Gewissenskonflikt, der in ihr tobt. Stella Goldschlag wird als Jüdin mit ihren Eltern selbst inhaftiert. Sie wird misshandelt und kommt nur unter der Bedingung frei, dass sie sich auf die Suche nach jüdischen U-Booten begibt. Untergetauchte Juden musste sie denunzieren, um sich und ihre Eltern zu retten, die als Faustpfand inhaftiert blieben. Es ist verstörend, sich in die Situation der jungen Frau hineinzuversetzen. Es ist fatal, sich auch nur für einen Moment vorzustellen, was sie gefühlt und gedacht haben mag. Und immer, wenn man zweifelt, ob ein solcher Verrat überhaupt denkbar sei, denkt man an Hans Fallada, die Hampels und vergewissert sich, dass Stella Goldschlag ein Vorbild in der Geschichte hat.

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Stella Goldschlag im Film Die Unsichtbaren – Auch im Kino eine wichtige Rolle

Doch hier bricht Takis Würger mit dem Regelwerk, das ich gerade beschrieb. Das Vorbild für Stella Goldschlag ist Stella Goldschlag. Ihr Leben und ihr Verrat vor der realen Bedrohungssituation für das eigene und das Leben ihrer Eltern sind historisch in jeder Beziehung gesichert. Dazu auch die Zitate aus den Gerichtsdokumenten des real durchgeführten Prozesses gegen Stella Goldschlag nach dem Krieg. Hier überschreitet der Autor nicht nur die Grenze, den Namen seiner erfundenen Figur nicht zu verändern. Nein. Er verlegt auch die Handlung seines Romans in ein Jahr, in dem Stella noch gar nicht festgenommen war. „Stella“ spielt 1942. Das reale Geschehen, auf das sich die Gerichtsprotokolle beziehen, vollzog sich 1943. Nun mag man denken, dies spielt keine Rolle. Man mag denken, das sei ja völlig egal, weil es eben nur ein Roman ist. Für mich jedoch ist das ein technischer Bruch, den man hätte vermeiden können, wenn man den Weg Falladas gegangen wäre und Stella nicht Stella genannt hätte. Hier wird aus einer realen Person eine fiktionale Frau, die sich von ihrem realen Vorbild nicht mehr trennen lässt.

Hier setzt sich der Schriftsteller bewusst einer Diskussion aus, was die Literatur darf und kann. Hier beginnt beim historisch versierten Leser ein Konflikt, der geeignet ist, die Botschaft des Romans deutlich zu überlagern. Hier fragt man sich, hier frage ich mich, wie frei ein Autor ist, eine reale Person zu klonen und sie zeitversetzt agieren zu lassen. Takis Würger hätte es einfacher haben können. Er hätte sich befreien können. Er hätte sich ausschließlich der inhaltlichen Diskussion aussetzen müssen. Diese wäre es wert gewesen, sich nur auf sie zu konzentrieren. Denn im rein literarischen Ergebnis hat der Autor einen faszinierend konstruierten, zutiefst menschlich motivierten Roman über eine Zwangslage geschrieben, die den totalen Zusammenbruch eines Menschen verursachen kann. Er wirft brutale Fragen auf, die von zeitloser Relevanz sind. Wie weit darf ich gehen, um mich und meine Familie zu retten? Was bin ich bereit zu verraten, in welcher Dimension verliere ich alle Werte aus den Augen, wenn ich kollaboriere? Was kann mein gerettetes Leben danach noch wert sein?

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Stella von Takis Würger

Trennen wir diesen Roman von all meinen Bedenken. Abstrahieren wir „Stella“ auf den reinen Inhalt und betrachten meine historisch motivierte Kritik als nicht relevant, so bleibt die Charakterstudie zweier Menschen, die im Berlin des Jahres 1942 miteinander lieben, leiden, leben, hoffen und verzweifeln. Ein junger Schweizer, der sich von Stella verzaubern lässt, eine Liaison mit ihr beginnt und dann erkennt, dass sie nicht die Frau ist, die sie zu sein vorgibt. Sie öffnet sich ihm. Sie zeigt ihm die Folterspuren und lässt ihn an ihren Seelenqualen teilhaben. Der unbedarfte junge Mann wird Mitwisser einer Frau, die selbst dann noch untergetauchte Juden verrät, nachdem ihre Eltern längst in ein KZ deportiert wurden. Drogen, Angst und Leidenschaft. Die Trauer um die eigenen Chancen, die es nicht mehr gibt. All das sind Bestimmungsgrößen der brillant erzählten Geschichte.

Takis Würger zwingt seine Leser in eine Auseinandersetzung mit eigenen Werten und Maßstäben. Er zwingt uns dazu, an die Verratenen zu denken. Er warnt vor jeder Form von Kollaboration bei gleichzeitiger Selbstaufgabe. Er formuliert keine Schuld, er macht sie spürbar. Er bringt uns dazu, Bücher über verfolgte Juden im Berlin der Nazis zu lesen. Ich habe „Untergetaucht“ von Marie Jalowicz Simon immer wieder im Sinn, wenn ich an jene denke, die in der Gefahr lebten, vom „Blonden Gift der Nazis“ Stella verraten zu werden. Ich habe „Stella“ von Peter Wyden im Sinn, ein Buch in dem sich der Autor bis hin zu einer persönlichen Begegnung mit der uneinsichtigen realen Stella Goldschlag vorwagte und zu Beginn der 1990er Jahre einen Tatsachenbericht vorlegte, der mit dem Tabu des jüdischen Verrates an jüdischen Opfern brach. Ich denke an alle Opfer des Holocaust, über die ich in meiner Rubrik „Gegen das Vergessen“ schrieb.

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Stella von Takis Würger

Ich habe noch viele Fragen an Takis Würger. Wir sind so verblieben, dass wir uns in Leipzig treffen. Gedanken und Meinungen austauschen. Diskutieren. Ein Interview für Literatur Radio Hörbahn wäre das geeignete Mittel, dieses Gespräch festzuhalten. Ich bin dankbar für seine spontane Bereitschaft, sich den offenen Fragen und der Kritik zu stellen. Ich muss einfach herausfinden, wie weit Literatur gehen darf und wo ich meine gedanklichen Grenzen niederreißen muss, um im Niemandsland eines Romans Fuß zu fassen. Ich bleibe neugierig.

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Stella von Takis Würger

Der Steidl Verlag schließt die Lücke: Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichtevon Peter Wyden ab dem 25. Februar im Handel und auch hier zu finden. Der Titel wurde geändert, die Ausgabe ist aktualisiert und doch ist es das absolute Referenzwerk zu dieser Diskussion. Ohne Peter Wyden keine wahre Geschichte…

Stella Goldschlag - Eine wahre Geschichte von Peter Wyden - Steidl - Astrolibrium

Stella Goldschlag – Eine wahre Geschichte von Peter Wyden – Steidl