Hard Land von Benedict Wells

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – Astrolibrium

Da schreibt ein literarischer Jungspund über meine Achtziger Jahre. Da schreibt ein Autor, der in dieser für mich wegweisenden Zeit zur Welt kam über die Gefühle von Heranwachsenden und legt einen Coming-of-Age-Roman vor, der mich im Kern meiner eigenen Erinnerungen berühren und treffen sollte. Er, der 1984 geborene Schriftsteller Benedict Wells, wagt sich in eine Welt vor, die er nicht erlebt hat und die er eigentlich nur aus Filmen und vom Hörensagen kennt. Er möchte mir etwas erzählen, das sich in meiner Seele bis heute festgebrannt hat. Eine Zeit, in der man seine wenigen Freunde noch tatsächlich treffen musste, um etwas Gemeinsames zu erleben. Eine Zeitscheibe mit fest montierten Wandtelefonen und den eigenen Eltern als ständige Mithörer. Eine Zeit der atemlosen Musikaufnahmen mit einem Radiorecorder, Musikkassetten, die ich mit meinem Bleistift zu entwirren hatte und eine Zeit, in der das Internet noch Science Fiction war. Die Zeit von Bruce Springsteen, die Zeit der großen Festivals und die Zeit, in der ich mich in der Eifel so oft am falschen Platz gefühlt habe. Am Arsch der Welt.

Von dieser Zeit möchte er mir erzählen? In seinem neuen Roman Hard Land, der gerade das Licht der Bücherwelt erblickt hat. Er, der Jungspund. Mir, dem alten Hasen. Klingt jetzt so, als würde ich ihm das nicht zutrauen. Weit gefehlt, denn hier wagt sich ein literarisches Schwergewicht an ein Thema, dessen Exklusivrechte ich eigentlich für mich reserviert hatte. Zumindest in meinen Erinnerungen. Ich hatte die Befürchtung, in seinem Roman an eine Stimmung erinnert zu werden, die ich vielleicht zum Schutz vor den Geistern von einst ein wenig verdrängt hatte. Die eigene Unsicherheit, das eigene schüchterne Ich auf der Suche nach der großen Liebe und die Fehler, die ich damals schon fast zwangsläufig begehen musste, um erwachsen zu werden. Ich wusste schon vor dem Lesen, dass es eher ein Wagnis für mich war, sein „Hard Land“ zu betreten. In Sachen Wells bin ich nämlich ein emotional gebranntes Kind. Seine Romane „Vom Ende der Einsamkeit“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich verändert und mein Lesen beeinflusst. Nachhaltig. Und es sollte erneut so kommen…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Willkommen in Grady, Missouri. Herzlich willkommen im Jahr 1984 und willkommen in einer Stimmungslage, die für einen kleinen Ort in dieser Zeit schon fast typisch ist. Ein Diner, ein altes Kino und ein paar Jugendliche, die sich auf ihrem Weg in eine Zukunft nach der Schule auf den Abschied aus der Heimat vorbereiten. Wirtschaftlich befindet sich das Land im Stillstand und die Hymnen von Bruce Springsteen, U2 und Billy Idol klingen mehr nach Abgesang, als nach Aufbruch. Willkommen auch im Gefühl und im Denken von Sam Turner, der uns mit auf die emotionale Reise in den Sommer seines Lebens nimmt. Für ihn stehen die Zeichen nicht auf Abschied. Mit seinen 15 Jahren ist es sicher, dass Grady auch weiterhin sein Lebensmittelpunkt bleiben wird. Und doch ist es genau jener Sommer, der alles verändert. Seine Mutter stirbt, seine Schwester Jean hat schon lange den Absprung in die Welt jenseits von Grady geschafft und das Leben mit dem Vater gleicht dem Leben auf einer trostlosen Insel. Und mittendrin ein unsicher vor sich hin lebender Junge, der nach dem Sinn seines Lebens sucht.

Nur in Sam Turner schreit alles nach Aufbruch. Nur in ihm regt sich der Widerstand gegen die Trostlosigkeit von Grady. Er verändert sich und damit alles. Es ist der Job im Kino, der ihn aus der Tristesse katapultiert, es sind die ersten richtigen Freunde, die er dort findet, und last but not least ist es ein Mädchen namens Kirstie Andretti, das sich zur ersten großen Liebe seines Lebens mausert. Benedict Wells findet schon auf den ersten Seiten seines Romans den richtigen Sound für eine Zeit, die sich in Melancholie aufzulösen schien. Weltschmerz, Perspektivlosigkeit und Abschied hängen in der Luft. Er findet auch den richtigen Sound in der Stimme von Sam Turner, der uns mit seiner Schüchternheit und Unsicherheit für sich einnimmt. Es ist die unverfälschte und extrem authentische Perspektive eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, die in ihm zu einer großen Geschichte wächst. Es sind seine Worte, die sich festsaugen und sich in der Folge nicht mehr von unserem Leseerlebnis lösen wollen.

„Wenn die First Base Küssen war und der Home Run Sex,
dann saß ich noch in der Umkleidekabine und band meine Schuhe.“  

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Benedict Wells erzählt, wie sehr Sam um die Freundschaft zu den Menschen kämpft, die Grady bald verlassen werden. Er nimmt uns mit ins alte Kino und lässt und erleben, wie aus dem wenig akzeptierten Jungen das Herzstück dieser kleinen Clique wird. Wir trauern mit ihm um seine Mutter, um viele Chancen und Träume. Darum, dass auch die Freundschaften, die er jetzt gerade schließt, endlich sind. Nach diesem Sommer bleibt nur er zurück. Universitäten rufen nach Kirstie, Cameron und Hightower. Und ich habe keine Chance, mich nicht mit Sam in dieses magische Mädchen zu verlieben. Sie allein steht für jede Verheißung des Sommers. Sie ist der Lichtblick im Dunkel. Sie ist es, die Sam Turner erweckt. Kirstie verkörpert alle Hoffnung, tiefe Zweifel und jedes denkbare Gefühl. Sich in sie zu verlieben ist wie im Treibsand zu versinken. Unnahbar, vergeben und dann wieder im strahlenden Schein ihrer Persönlichkeit steht sie für die verzweifelt und unglücklich scheinende Liebe. Ihre Worte elektrisieren Sam.

„Ich zähle jetzt langsam von zehn runter, und bei null bist du in mich verliebt.
Du hast keine Chance, es ist ein Zauber, und es dauert nur zehn Sekunden.“ 

Es ist die Magie dieser Menschen, die uns Benedict Wells in die Herzen schreibt. Es ist der Zauber von Grady, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist eine Emotion, die er nicht beschreibt, nicht erzählt und nicht formuliert. Er lässt sie einfach entstehen und in uns wachsen. Das ist Literatur. Nicht zu schreiben, dass jemand traurig ist. Die Leser fühlen lassen, was mit den Menschen passiert, wie sie verändert werden. Wenn es Empathie erzeugendes Schreiben gibt, dann hier. Es sind die vielen Facetten eines Romans über den längsten Sommer im Leben eines jungen Menschen, die mich schon früh im Buch gefesselt haben. Es sind 49 Geheimnisse, die der Überlieferung zufolge in Grady zu entdecken sind. Es sind nicht zufällig 49 Kapitel, die sich Benedict Wells gönnt, um uns mit „Hard Land“ zu vereinen. Es ist die tiefe Poesie seiner Geschichte, die man einatmet und miterlebt.

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells

Ich erlebte eine Art von bipolarem Lesen in diesem Roman. Ich wollte der Handlung folgen, wurde jedoch immer wieder in meine Erinnerungen getrieben, um mich an einer Geschichte zu reiben, die Reibungsverluste erzeugt. Der erste Kuss. Die erste trunkene Schwerelosigkeit. Die Verzweiflung angesichts bevorstehender Trennungen. All dies war Teil meines Aufenthalts in Grady, untermalt vom Soundtrack eines Romans, der sich im Herzen verankert, wie die eigene Jugend. Benedict Wells erzählt nicht nur. Er spiegelt eigene Hoffnungen, Träume und Wünsche in seinen Lesern. Sein längster Sommer ist unser längster Sommer. Seine Unsicherheit wird zu der von Sam Turner. Er nimmt uns mit auf eine Reise ins „Hard Land„, die uns nicht unverändert entkommen lässt. Wenn er von der Heimat Grady schreibt, dann zupft er an den Saiten meiner Vergangenheit. Seine Worte erhalten durch unser eigenes Erinnern eine literarische Sprengkraft, der man schutzlos ausgeliefert ist.

„Es war nie wieder so toll, nicht mal, als es danach richtig toll war. Ich meine, es ist in den letzten Jahren fast alles wahr geworden, was ich mir damals erträumt habe. Aber es war trotzdem nie so schön, wie davon zu träumen.“

Vertraut euch Benedict Wells an. Folgt ihm nach Missouri und lasst euch in einen Roman entführen, der seine Leser wie ein furioser Roadtrip durch die eigene Jugend fesselt. Man muss die 1980er nicht erlebt haben, um dieser Magie zu erliegen. Ja, man muss sie nicht selbst erlebt haben, um so darüber zu schreiben. Vielleicht ist es gerade die Distanz zu dieser realen Zeit, die es Benedict Wells ermöglicht hat, über Emotionen und die großen Fragezeichen im Leben zu schreiben. Mich hat er begeistert. Ich habe keine zehn Sekunden benötigt, mich in Kirstie Andretti zu verlieben. Ich habe mich vor dem 49. Kapitel in diesem Buch gefürchtet. Ich wollte das letzte Geheimnis von Grady nicht lüften. Vielleicht war sie genau hier wieder da. Meine Unsicherheit aus einer Zeit, in der sich das Erwachsenwerden noch so abstrakt anfühlte. Am Ende von allem danke ich gerade für dieses Schlusskapitel. Für jedes Wort… 

Und wer mir allein nicht glauben mag, so sieht´s aus, wenn eine Jungspundin den Jungspund liest. Der weibliche Blick aufs Buch in der Kategorie KateView:

Hard Land von Benedict Wells - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. JETZT.

„In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

Selten hat mich bereits ein erster Satz so festgehalten – immer ein Zeichen, dass ich ein außergewöhnliches Buch in den Händen halte.

Vertrauensvoll ließ ich mich an die Hand nehmen, bereit, um mit Sam den Sommer seines Lebens zu erleben. Wir reisten gemeinsam in eine Zeit, die weder Benedict Wells noch ich erlebt haben. Und trotzdem SIND wir dort. Der Autor schafft es, dass wir Sam sind. Die Welt mit seinen Augen sehen, seine Gefühle fühlen, seine Gedanken denken, seine Ängste erleben. Jeden Augenblick des Lesens SIND wir in dieser euphancholischen Welt der wunderschönen Worte, der bemerkenswert treffenden Sätze und der ausdrucksstarken Bilder. Jeden Augenblick des Lesens WAREN wir in diesem Sommer – frei, jung, fast schon ein wenig kitschig – genau so muss es sich anfühlen. Sehnsüchtig auf die coolen Kids schauend, im Augenblick lebend.

All die Eindrücke, die warmen Steine des Bahndammes unter den nackten Füßen, der Nachhall des leise in der Ferne verschwindenden Güterzuges, das leise Sirren der Fahrradspeichen, der Geruch des Staubes in der Luft, das Gefühl des kalten Wassers des Badesees. All das war da, während ich mit Sam, Kirstie, Cameron und Hightower unterwegs war. All das, was ich selber nie erlebt habe, erlebte ich jetzt beim Lesen. In meiner eigenen Zeit war ich dafür nicht cool genug, jetzt durfte ich dabei sein.

Der Zauber des Erwachsenwerdens wird einem nicht bewusst, während man ihn selbst erlebt. Erst zurückblickend erkennt man die Dimensionen des eigenen Erlebens, des eigenen Erwachens und das, was einen zu einem selbst macht.

Und dann blicke ich zurück auf mein rappelvolles Leben und sage nur drei Worte:
„Gut gemacht, Benedict!“

Hard Land - KateView - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells – KateView

Die Artikelbilder zeigen die Taschenbuchvorabausgabe des Rezensionsexemplars. In der Buchhandlung eures Vertrauens findet ihr das Buch in der gewohnten gebundenen Diogenes-Qualität. Mehr Informationen zuHard Land„, zu Benedict Wells, zu seinen Tourdaten und Hintergründen zum Roman findet ihr auf derHard-Land-Homepage„. Alleine schon der Trailer zum Buch ist sehenswert. Und jetzt, auf nach Grady mit euch.

In meinem Artikel zu Vom Ende der Einsamkeit findet ihr den Weg zum Interview mit Benedict Wells während der Leipziger Buchmesse 2016. Und im Artikel zu allen Radio-Talks in Leipzig ist eine Dia-Show dieses Gesprächs eingebaut. Er prägt meine Sehnsucht nach guten Geschichten bis heute. Die vorgestellten Neuerscheinungen des Frühjahrs stellen sich seiner literarischen Konkurrenz… Seht selbst…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

Hard Land von Benedict Wells und mehr…

Update aus gutem Grund:

Gibt es eine Blaupause für Coming-of-Age-Romane? Gibt es ein Strickmuster, an dem man sich als Autor entlanghangeln kann, um im eigenen Werk keine Elemente zu vergessen, die von ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten vorgegeben sind? Mir scheint es fast so zu sein. Wer über das Erwachsenwerden schreibt, muss ein paar Zutaten in den großen literarischen Suppentopf werfen, auf die man absolut nicht verzichten kann. Sonst schmeckt das Ergebnis nicht nach kraftvoller Adoleszenz. Sonst bleibt ein fader Beigeschmack eines unfertigen Gerichts, das eher aufstößt, als genussvoll zu sein. Ich bin jenem Muster gefolgt und habe zwei Bücher aneinander gerieben…

Hier kommt ihr zu einem Vergleich: Grady meets Klein Krebslow… 

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau - Björn Stephan - Astrolibrium

Nur vom Weltraum aus ist die Erde blau – Björn Stephan

Und gleich noch ein Vergleich: „Der große Sommer“ von Ewald Arenz

Also – Frisch ans Werk. Blogger (Jahrgang 62) lässt zwei Autoren (Wells / Jahrgang 84 und Björn Stephan / Jahrgang 87) zurück und wendet sich einem Autor zu, der sich als Zeitzeuge der 1980er absolut auf Augenhöhe befindet. Ewald Arenz (Jahrgang 65).

Hier geht´s zur Rezension

Der große Sommer von Ewald Arenz - AstroLibrium

Der große Sommer von Ewald Arenz

Die Leipzig-Interviews 2016

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Vor wenigen Stunden hat die Leipziger Buchmesse 2016 ihre Pforten geschlossen und schon sind die Interviews der kleinen literarischen Sternwarte bei Literatur Radio Bayern zu hören. Es handelt sich hierbei um besondere Gespräche, die in der Liebe zur Literatur begründet sind und gemeinsame Lesenswege beschreiben. Sie schließen Kreise, die in zwei Fällen bereits vor einigen Jahren vorgezeichnet wurden. Drei Messe-Interviews, die es in sich haben. Gespräche, die literarischer nicht sein könnten und die persönliche Ebene spielt hier eine mehr als große Rolle.

Zu jedem Interview findet ihr den Link zur Buchvorstellung bei AstroLibrium und eine kleine atmosphärische Diashow, die euch miterleben lässt, was wir dort erleben durften. Wir. Ja, ihr habt ganz richtig gelesen, denn ich wurde aus gutem Grund von Bianca begleitet, weil… Aber hört doch einfach selbst…

AstroLibrium und Literatwo – Zwei Blogs, ein Mikrofon, drei Autoren. Genießt es, so wie wir es genossen haben…

Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Perikles Monioudis – Frederick – dtv – Das Interview

Frederick von Perikles Monioudis - Das Interview - Bald

Frederick von Perikles Monioudis – Mit einem Klick zum Interview

Große Momente des Lesens durfte ich in meinem Herzen einschließen. Unvergesslich bleibt für mich jener eine Tag, an dem Frederick seine Schwester Adele zum ersten Mal zum Tanz bittet. Das erste Mal ohne Bühne. Der erste Tanz der einstigen Wunderkinder nur zum Spaß. Nur ein Tanz. Einfach so. Monioudis braucht keine großen Worte, um seine Leser hier zu Zeugen eines großen Moments jenseits des Tanzes als Profession werden zu lassen. Literatur ist es hier, was wir lesen dürfen.

Perikles Monioudis spricht über die pure Lust am Schreiben, seine eigene Suche nach Perfektion, die Faszination Fred Astaire und gewährt tiefe Einblicke in sein Leben als Schriftsteller. Hört einfach zu. Es lohnt sich.

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Radioaktiv auf der Leipziger Buchmesse 2016

Catalin Dorian Florescu – „Der Mann, der das Glück bringt“ – Das Interview

Catalin Dorian Florescu - Der Mann, der das Glück bringt - Das Interview - Bald

Catalin Dorian Florescu – Der Mann, der das Glück bringt – Mit einem Klick zum Interview

Das Interview für Literatur Radio Bayern auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse stellte den wichtigen Abschluss dieser Lesereise dar. Vor fünf Jahren begegneten wir uns zuletzt. Seitdem hofften wir auf eine Fortsetzung. Für Bianca und mich ein ganz besonderer Moment, Catalin erneut zu einem Roman aus seiner Feder in ein Gespräch verwickeln zu dürfen. Wir gaben ihm den Raum, den er als Erzähler ausfüllt. Persönlich, kompetent und unglaublich tiefgründig…

Es war nicht die erste Begegnung mit dem Schriftsteller Catalin Dorian Florescu. Ein Rückblick, der sehr lohnenswert ist. Hier schließen sich literarische Kreise.

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Benedict Wells – „Vom Ende der Einsamkeit“ – Literatwo – Das Interview

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells - Das Interview - Bald

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells – Mit einem Klick zum Interview

Er gibt keine Radio-Interviews. Er geht nicht in Talk-Shows. Er will nicht bekannter werden, als seine Bücher. Einen Hype um seine Person lässt er nicht zu. Er ist sprerrig. Er zieht sich weit hinter seine Bücher zurück. Die persönliche Begegnung mit Lesern ist ihm unglaublich wichtig.

Das sagt er selbst. Benedict Wells in einem Radio-Interview. Eine kleine Sensation, aber auch hier die logische Konsequenz einer ersten Begegnung vor vier Jahren. Wer sich von uns am wenigsten verändert hat, was unsere Fragen bei ihm auslösten und wie er auf das Notizbuch reagiert hat, das ihn nun begleitet… Ihr könnt es mit eigenen Ohren hören. Hier endete die Einsamkeit… es wurde sehr dreisam…

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Ich danke Perikles Monioudis, Catalin Dorian Florescu und Benedict Wells für die literarische und persönliche Offenheit in diesen Interviews, die eigentlich gar keine sind. Es sind Buchgespräche und Momentaufnahmen innerhalb der Literatur. Und doch sind sie viel mehr, wie man ganz leicht hören kann. Sie sind Stationen auf Lesewegen, die ewig währen mögen. Schreibt! Wir werden da sein.

Und ein besonderer Herzensdank an Bianca und Literatwo. Das ging nur zweisam und wird fortgesetzt. Mein Wort drauf.

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Man nehme:

Drei junge Menschen, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Drei junge Menschen, deren Weg aus dem behüteten Elternhaus schnurstracks ins Internat führt. Drei völlig unterschiedliche Wege der Verarbeitung dieses Verlusts: Workaholic, Drogenszene und das Vergraben im eigenen Ich. Dazu gebe man eine ausreichende Prise geheimnisvoller Weiblichkeit im unmittelbaren Internatsumfeld und die Verlockung der magischen Anziehungskraft einer ersten vergeblichen Liebe. Danach stelle man die explosive Gefühlsmischung auf die Zeitachse eines Romans.

Man wähle den immer verschlossener werdenden jüngsten Bruder des Trios als Ich-Erzähler und lasse ihn in ferner Zukunft bei einem Motorradunfall an den Baum krachen. Dann lasse man mal die Spiele beginnen. Ausgehend vom post-komatösen Rückblick des Unfallopfers Jules auf sein bisheriges Leben beleuchte man im Nebel der Erinnerung auch gleichzeitig die Wege seiner Geschwister.

Gespickt mit eine paar Prisen junge Frau liebt alten Mann, vergebene Liebe, Zweifel, Krise und Verlust, Kinderwunsch trotz Beziehungsunfähigkeit, tiefe Freundschaft und ein paar weiteren emotionalen Mosaiksteinchen mische man alles zusammen zu einer Geschichte mit dem wild-romantischen Titel Vom Ende der Einsamkeit, dekoriere das Ganze mit einem Klischee-Cover zum Thema Harmonie und lege den fertigen Roman auf den Stapel der Beziehungs- und Verlustliteratur, die nach Schema F geschrieben, flott gelesen und mit einem letzten Schluchzer getrost vergessen werden können.

Doch… STOPP…!

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Einzig seltsam an dieser ganzen Angelegenheit ist die Tatsache, dass dieses Werk nicht aus der Feder einer Frau stammt. Noch seltsamer fühlt es sich an, den Namen Benedict Wells in großen Lettern über dem Titel des Buchs zu lesen. Jenes German-Literature-Wunderkindes, das mit Becks letzter Sommer, Der Spinner und Fast genial ganz andere Themenfelder für sich erobert hat und nicht nur die Bestsellerlisten, sondern inzwischen auch die Kinoleinwand literarisch prägt.

Ein Benedict Wells, der für alles steht. Jedoch nicht für seichte Gefühlsduselei. Sollte gerade ihm mit diesen gar nicht ungewöhnlichen Zutaten etwas gelungen sein, das man auf den ersten Blick bezweifeln durfte? Ein großer und ungewöhnlicher literarischer Wurf? Was hat er an der Mixtur und am Rezept dieses Romans verändert, um ihn vom Einheitsbrei der üblichen Frust- und Tränengeschichten abzuheben? Ich wollte mir das sehr genau anschauen.

Ich wollte eintauchen in die Schreibwelt eines Benedict Wells, der mir mit „Becks letzter Sommer“ einen meiner absoluten Lieblingsromane ohne Pathos auf den Leib geschrieben hatte. Und darüber hinaus wollte ich beobachten, wie die hartgesottenen Leser in meinem Umfeld darauf reagieren, dass ich eigens für den Weg durch diesen Roman ein Notizbuch anlegte, um meinen Leseweg zu dokumentieren. Nicht nur für mich selbst. Aber dazu später mehr.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Mein Plan war klar. Bleibt das Notizbuch leer und frisst der Roman keine PostIts, dann war es das für mich. Tritt der umgekehrte Fall ein, würde ich ausführlich begründen, warum ich diesen sehr ungewöhnlichen Rezensionsansatz gewählt habe. Und nun ist es soweit. Ich sitze vor einem Buch, das durch die kleinen Klebezettel gefühlte 700 Gramm schwerer wurde und betrachte ein fast bis an den Rand vollgeschriebenes Notizbuch mit der Überschrift „Vom Ende der Einsamkeit“. Und ich veröffentliche es am Ende des Artikels.

Bereits im ersten Kapitel nimmt Benedict Wells Fahrt auf. Ganz im Gegensatz zu Jules, dessen letzte Fahrt mit dem Motorrad ihn genau hierhin brachte. Intensivstation. Koma überstanden. Jules ist sein Name, daran kann er sich erinnern. Etwas über 40 Jahr alt und am vorläufigen Ende eines verkorksten Lebensweges angekommen, der von Verlusten geprägt war. Und als er seine Erinnerungen auf dem Weg zurück ins Leben zu fassen versucht, werden wir als Leser zu Wegbegleitern auf einer Reise zurück in seine Kindheit. Wo alles begann. Eine Reise, auf die ich nicht vorbereitet war.

Waisenkind mit knapp 11 Jahren. Gemeinsam mit Bruder und Schwester ins Internat. Drei unterschiedliche Wege, den Tod der Eltern zu verkraften. Drei unterschiedliche Wege, die nur eines gemeinsam haben: die wachsende Distanz zwischen den beiden Brüdern und ihrer Schwester. Drei Leben, die geprägt werden vom größten Verlust, den Jugendliche erleiden können. Drei Leben, die nur augenscheinlich ins Lot kommen, obwohl im tiefen Inneren drei Vulkane völlig individuell verkochen.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Jules zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Verschließt sich und wird mehr und mehr zum Traumwandler in seiner eigenen Welt. Wäre da nicht ein Mädchen im Internat, das ihn so wahrnimmt, wie er ist. Ein Mädchen, dessen eigenes Leben von Verlusten geprägt ist und das an dem Verschwinden der eigenen Schwester lebenslang leidet. Ein Mädchen namens Alva. Eine Begegnung fürs Leben. Doch das bemerkt Jules erst Jahre später.

Ich möchte nicht mehr zum Inhalt beschreiben. Ich möchte den Lesern von Benedict Wells nicht die gefühlt einhundert Momente rauben, die auf der Achterbahnfahrt dieses Romans das Herz zum Stocken bringen. Ich möchte einfach nur davon berichten, was mit mir geschah und wie Benedict Wells mich durch seinen Roman peitschte. Ich stellte mir nicht die Frage, ob der Jungstar von „Becks letzter Sommer“ erwachsener schrieb als damals. Schon 2004 hatte der damals 21-jährige Schriftsteller eine Schreibe, die so gereift war, dass man sich verwundert die Augen rieb.

Ich notierte mir auf meinem Weg die Treibladungen seines Romans. Cliffhanger, die er in einer Vielzahl einsetzt, als hätte er eine ganze Tüte davon im Lotto gewonnen. Cliffhanger, die in der Rückschau von Jules genau dann, wenn wir Leser schon ahnen, dass es nur noch schlimmer werden kann, noch ein wenig mehr Feuer an diese Lunte legen. Diese Perspektive macht diese Spannungsbögen möglich. Und genau auf dieser Gefühlsrakete raste ich zurück in die behütete Kindheit der Geschwister, um sogleich wieder in die Zukunft geschossen zu werden.

„Ich liebte meine Schwester wie nur irgendwas, und das änderte sich auch nicht, als sie mich Jahre später im Stich ließ.“

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Ich finde alles im Roman, nur keine Gefühlsduselei. Ich finde Gefühle, Bilder und Metaphern für Angst, Liebe und Verlust, die mich wohl ewig begleiten werden. Ich finde kein Pathos, keine Klischees, sondern bin tief versunken in einem Destinationsroman allererster Güte. Die Charaktere sind von der ersten Seite an Charakterstudien mit dem Seziermesser. Gestochen scharf und präzise. Jeder Hauch eines Lebenszweifels, jede noch so kleine Gefühlsregung überträgt sich direkt auf mich. Und wenn ich alle Zitate aufzählen müsste, die tiefe Spuren in mir hinterlassen haben, diese Rezension würde nicht enden wollen.

Benedict Wells romantisiert nicht, er literarisiert. Große Stimmen werden greifbar und Gefühle verkommen nicht zu bloßen Abziehbildern. Er verlangt seinen Lesern alles ab. Alles. Wer sich auf diesen Roman einlässt, muss wissen, dass am Ende des Lesens das Wort Verlust einen neuen Namen trägt.

„Es gibt Dinge, die ich nicht sagen sondern nur schreiben konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.“

Dieses Zitat steht so sehr für diesen Roman. „Vom Ende der Einsamkeit“ hat viel in mir losgetreten und mich von eigenen Bildern befreit. Dieser Roman hat mich oft überfordert in seiner gnadenlosen Brillanz. Die Begegnung mit der Krankheit Alzheimer kam unerwartet, wurde zum biografischen Lesen und ist in den Worten, die Benedict Wells dafür findet literarisch an einem neuen Maßstab angelangt, obwohl sie nur eine kleine Nebenrolle spielt.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells

Wenn ich allerdings dachte, dies sei der größte Schlag, den ich lesend zu erleiden habe, dann hatte ich mich sehr gründlich getäuscht. Ich schrieb viel über Alva in dieses Notizbuch. Aus gutem Grund. Denn Alva wird durch Benedict Wells zum Synonym für Leidenschaft, Verlustangst, grenzenlose Emotion, Sehnsucht und zu DEM Leitbild für erfüllte Träume. Und doch zeigt Benedict Wells, dass sein Roman so angelegt ist wie das wahre Leben. Nicht berechenbar. Da capo.

Ich halte mein Versprechen aus der Einleitung und ermögliche nicht nur euch einen Einblick in mein Notizbuch des Lesens, sondern werde es mit nach Leipzig nehmen und es dem Autor persönlich überreichen. Der Anlass könnte nicht besser sein, denn…

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Ich werde auf der Leipziger Buchmesse ein Interview mit Benedict Wells führen. Literatur Radio Bayern ist exklusiv mit der mobilen Aufnahmestation unterwegs, und ihr könnt, wie schon in Frankfurt, fast live dabei sein. Und dabei werdet ihr auch Zeugen einer ganz besonderen Überraschung, denn ich werde dieses Interview ganz sicher nicht alleine führen. Na, schaltet ihr euch zu? Dann endet auch eure Einsamkeit.

Vom Ende der Einsamkeit - Benedict Wells - Das Interview - Bald

Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells – Das Interview

Wer kommt mit nach Grady – Missouri? „Hard Land“ – Der neue Wells…

Hard Land von Benedict Wells - Astrolibrium

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